Einfach.Nur.Tom. - Darius Tech - E-Book

Einfach.Nur.Tom. E-Book

Darius Tech

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Beschreibung

Eigentlich hat Detective Mickey Simmons sein Leben im Griff. Er macht einen Job, den er liebt, und die Hochzeit mit seiner Verlobten steht kurz bevor. Aber nicht nur der Tod seines Partners Nat Cunningham stürzt sein Leben ins Chaos. Da ist ein dunkelhäutiger Engel, der lang verdrängte Gefühle in ihm weckt, ein Serienmörder, der sich Opfer sucht, mit denen Mickey eine unangenehme Seelenverwandtschaft teilt und eine neue Partnerin, die auf dem Revier niemand ernstnehmen will. Als er nach einem Streit von seiner Verlobten auf die Straße gesetzt wird, findet er sich erst sturzbetrunken in einer Travestie Bar und dann ohne Erinnerung in den Armen von Tom Thomas Tommy Parker wieder. Was zum Teufel ist eigentlich passiert? Und wohin soll das nur führen? Am Ende steht die Hoffnung, trotz allem das große Glück im Leben zu finden. Aber manchmal bedarf es dafür einiger Umwege.

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Einfach. Nur. Tom.

Impressum:

© dead soft verlag, Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© KIRAYONAK YULIYA – shutterstock.com

© CarlosDavid – shutterstock.com

© Jon Bilous – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-470-4

ISBN 978-3-96089-471-1 (epub)

Inhalt:

Eigentlich hat Detective Mickey Simmons sein Leben im Griff. Er macht einen Job, den er liebt, und die Hochzeit mit seiner Verlobten steht kurz bevor.

Aber nicht nur der Tod seines Partners Nat Cunningham stürzt sein Leben ins Chaos. Da ist ein dunkelhäutiger Engel, der lang verdrängte Gefühle in ihm weckt, ein Serienmörder, der sich Opfer sucht, mit denen Mickey eine unangenehme Seelenverwandtschaft teilt und eine neue Partnerin, die auf dem Revier niemand ernstnehmen will.

Am Ende steht die Hoffnung, trotz allem das große Glück im Leben zu finden. Aber manchmal bedarf es dafür einiger Umwege.

Liebe*r Leser*in,

Mickey und Tom begleiten mich schon sehr lange, genauer gesagt seit dem Jahr 1996. Warum ich das so genau sagen kann? In diesem Jahr erschien der Film „Echte Kerle“. Ich war 15, ich wusste, dass ich ein Transmann/-junge war und wohl bereits auch irgendwo tief in mir drin, dass ich schwul bin. Letzteres war mir in meiner Identitätsfindung aber noch nicht möglich zuzulassen. Wie auch immer, jeder hat seine eigene Geschichte, nicht wahr? Aber der Film hat trotzdem seinen Eindruck hinterlassen.

Geboren wurden die zwei aus der Frage: was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Geschichte anders ausgeht? Was wäre, wenn sich der Polizist doch in den Mechaniker verliebt? Damals schrieb ich ein zweiseitiges alternatives Ende, mit anderen Namen und einem neuen Beruf für den Mechaniker, jetzt war er ein Werbegraphiker. Die handschriftliche Kurzgeschichte hieß „Seitenwechsel“. Immer wenn sie mir in die Hände fiel, wurde sie erneuert und überarbeitet; ich weiß nicht mehr, wie viele Male. Trotzdem ist das meine älteste M/M Liebesgeschichte.

Viel ist nicht von der ursprünglichen Geschichte übrig geblieben. Noch immer erwacht Mickey eines Morgens ohne klare Erinnerung an den Vorabend in den Armen eines Mannes, nachdem ihn seine Verlobte rausgeworfen hat. Noch immer verdient Tom sein Geld mit Werbung, während Mickey ein Cop ist.

Mickey soll sichtbar sein, damit man vielleicht auch die Kinderseele sieht, die um Hilfe schreit. Und er soll Hoffnung machen, Hoffnung, einen Weg aus dem Trauma zu finden. Er hat einen harten Hintergrund und ich gehe hier das Risiko ein, zu spoilern, weil nicht jeder mit dem Thema umgehen kann und will. Das ist auch völlig in Ordnung.

Nur, um Missverständnissen vorzubeugen, ich hatte eine schöne und ziemlich untraumatische Kindheit, meine Eltern haben mich sowohl mit Flügeln, Wurzeln als auch mit Fallschirmen beschenkt.

Aber ich habe die Folgen von Kindesmissbrauch bei jemandem beobachtet, als ich selbst noch ein Kind und machtlos zu helfen war … Deswegen hat es mich auch niemals völlig losgelassen, dieses schwere und schwerwiegende Thema. Mein jugendlicher Kopf vermischte beide Eindrücke miteinander und Mickey war geboren. Mickey wurde als Kind von seinem Onkel missbraucht. Sein Fall ist natürlich fiktiv, aber er besitzt Parallelen zu dem, was ich damals beobachtet habe und mir im Nachhinein zusammenreimen konnte.

Überhaupt taucht dieses Thema immer wieder angedeutet in dieser Geschichte auf. Nicht nur er hat seine Vergangenheit nicht wirklich verarbeitet, aber das wäre jetzt wirklich ein Spoiler.

Die ganze Zeit in Mickeys Kopf zu sein, war eine intensive Erfahrung. Es ist nicht immer schön und fröhlich an diesem Ort, ganz und gar nicht. Mickey ist auch nicht perfekt, er täuscht sich, er hat manchmal Vorurteile und ab und zu könnte ich ihn schütteln. Immer sind seine Gedanken Momentaufnahmen. Aber er lernt, und um es mit den Worten von Selma Cunningham zu sagen, er hat ein Herz aus Gold. Zumindest sitzt es am rechten Fleck.

Das gesagt, ich denke, es gibt auch eine Menge Licht und Lachen in der Geschichte von Mickey und Tom. Eine Partnerin, die ihn herausfordert, Freunde, die ein überraschender Halt sind, Sprüche klopfende Kollegen und nicht zuletzt ein ganz besonderer Engel lassen es nicht langweilig oder finster werden. Und weil die beiden einen Haufen Mist durchmachen mussten, Detective Bastien Cadeaux würde wohl eher von einem Haufen gequirlter Scheiße reden, bekommen sie auch eine gute Portion Zuckerguss ab. Versprochen!

Prolog

Ich habe mich schon immer für einen ganz harten Kerl gehalten. Klar klingt das erst einmal dämlich, wenn man es so sagt. Aber ich denke, diese Behauptung ist durchaus berechtigt. Ich bin mit knapp elf Jahren durch die Hölle gegangen und am anderen Ende in einem Stück wieder herausgekommen. Nicht ohne den Teufel dabei in seine eigene Zelle zu stecken und den Schlüssel wegzuwerfen.

Heute jage ich Monster wie jenes, das mir das damals angetan hat. Um dazu in der Lage zu sein, bin ich ein Cop geworden und habe den verschlafenen kleinen Ort, in dem ich aufgewachsen bin, weit zurückgelassen. Natürlich verfolge ich auch andere Verbrecher, ich kann mir meine Fälle nun einmal nicht aussuchen.

Davon allerdings abgesehen, glaube ich, jeder andere Kerl wäre ebenso wenig wie ich begeistert davon, dass die Frau, die er in knapp zwei Monaten heiraten soll, ihn nur noch mit Mitleid betrachtet. Vor knappen zwei Wochen hätte ich dazu noch aus voller Überzeugung gesagt, dass ich sie heiraten will. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Denn ich hasse Mitleid, es ist mein Hassgegner seit High School Tagen. Es ist mir schlicht und ergreifend schon zu oft in meinen 27 Jahren entgegengebracht worden. Mickey Simmons braucht kein Mitleid, das hat ohnehin noch nie jemandem geholfen.

Die Albträume von Nagsville gehören genau dort hin, nicht nach Los Angeles. Nein, meine Gegenwart ist schon schrecklich genug. Meine Verlobte Kelly ahnt nichts von meiner Vergangenheit, dabei möchte ich es auch belassen. Nicht umsonst hat sie meine Eltern niemals kennengelernt, ich habe einfach behauptet, sie seien tot. Und meinetwegen dürften sie das auch sein, aber alle paar Monate besteht meine Mutter darauf, mich anzurufen und mir Vorwürfe zu machen. Nicht das Übliche, eher ein toxisches Gemisch aus Selbstmitleid und „Was sollen die Anderen denken, wenn unser Sohn nicht einmal an Thanksgiving heimkommt?“ Gefolgt von der Frage, ob ich noch immer in diesem schrecklichen Hotel wohne, welches sie niemals gesehen hat. Ich höre es mir an, versuche so wenig wie möglich zu sagen und bin froh, wenn sie endlich wieder auflegt.

Ich weiß schon, warum sie weder meine Adresse noch unsere Festnetznummer besitzt.

Meine Verlobte reißt mich aus meinen Gedanken. „Schatz, du erinnerst dich doch bestimmt an meinen Onkel Mel, oder?“

Die fette, haarlose Qualle, die bei der gefühlt hundertsten Hochzeit ihrer Mutter nicht vom Buffet zu trennen war? Ja, der war nicht zu übersehen. Darüber hinaus, in den anderthalb Jahren unserer Beziehung war es bereits die zweite Hochzeit ihrer Mutter. Man könnte sich fragen, ob das noch normal ist. Aber jeder Mensch braucht schließlich ein Hobby.

„Vage, ist das relevant?“

Kelly rollt mit den Augen. „Ja!“ Ihr genervter Tonfall versetzt mich in Alarmbereitschaft, irgendwie ahne ich, dass sie wieder etwas ausheckt.

„Seine Frau Mary-Ann ist letztes Jahr gestorben.“ Sie setzt ihre besonders ernste Miene auf, während ich mich noch immer frage, was dieser Mist mit mir zu tun hat. Vielleicht ist er ihr ja endlich nachgefolgt, wegen Herzverfettung.

Ich bin kein Arschloch, zumindest versuche ich keines zu sein, aber wenn sich jemand so offensichtlich selbst zugrunde richtet, fällt es mir schwer, Mitleid zu haben.

„Weißt du, er hat jetzt ein Magengeschwür. Bestimmt, weil er nicht über seine Trauer gesprochen hat.“ Sie klingt so, als stünde sie vor einer Klasse aufsässiger Kinder.

Kelly studiert Pädagogik, leider glaubt sie seit Neuestem, das mache sie auch zu einer guten Psychologin. Obwohl, vielleicht glaubte sie das schon immer. Ich merke es einfach erst, seitdem ich das erwählte Ziel ihrer Therapie geworden bin.

Während mein Gehirn damit beschäftigt ist, eine adäquate Reaktion zu formulieren, starre ich sie wortlos an. Variante A schlägt vor, zu stöhnen und den Kopf auf die Tischplatte zu schlagen, leider steht da meine halbvolle Müslischale. Variante B schlägt vor, einen Lachanfall zu bekommen, weil ich mir ziemlich sicher bin, was Onkel Mels Magengeschwür tatsächlich verursacht hat. Dazu bedarf es weder eines Psychologie- noch eines Medizinstudiums.

Während ich ernsthaft mit Variante B ringe, täusche ich vor, dass ich mich verschluckt hätte. „Warum erzählst du mir das?“

„Schatz, die Sache mit Nat …“ Ihre Pause ist dramatisch. Ernsthaft, ich sollte sie meine Verhöre für mich führen lassen, das würde zwar vermutlich zu nicht besonders vielen Ergebnissen führen, aber es wäre zumindest unterhaltsam. „Man darf so etwas nicht in sich hineinfressen.“

Nat Cunningham, das ist mein Partner … Mein Ex-Partner, um genauer zu sein. Ein guter, engagierter und ehrlicher Cop, dem jeder Fall und jedes Opfer gleichermaßen wichtig waren. Davon abgesehen, er war der mit Abstand beste Freund, den ich in L.A. jemals hatte.

„Welche Sache? Er ist tot, jemand hat ihn erschossen. Seinen langjährigen Partner zu verlieren, ist Scheiße, Kelly. Aber darüber zu reden, macht ihn in keiner Weise lebendig.“ Es ist mehr als Scheiße … Es ist so, als würde einem ein Arm und ein Bein abgeschnitten und man könne den Übeltäter nicht einmal vollbluten … Aber wie soll ich das dieser Frau begreiflich machen, ohne dass ihre Augen mit noch mehr Mitleid gefüllt würden?

Sie wird eine gute Lehrerin werden, das sehe ich. Die Grundschulkinder, die sie ziemlich bald unterrichten wird, werden sie lieben. Unsere Hochzeit soll kurz vor dem Antritt ihrer ersten Stelle stattfinden, wenn alles nach Plan läuft. Sie möchte unbedingt als verheiratete Frau in den Beruf einsteigen. ‚Weil sich das so gehört‘, sagt sie.

Ich allerdings bin kein Grundschüler. Trotzdem war ich mir bis vor Kurzem sicher, dass ich sie liebe. Jetzt frage ich mich allmählich, ob ich nicht auf einem Auge blind war. Aber ich verstehe, dass sie sauer ist, als ich aufstehe und sie ohne weitere Erklärung in der Küche zurücklasse.

Was das Psychologische betrifft, mir haben die vorgeschriebenen Sitzungen beim Polizeipsychologen bereits mehr als gereicht. Ich mag es überhaupt nicht, wenn jemand in meinem Kopf herumstochert. Der Dreck, der dabei zutage gefördert werden könnte, nutzt mir noch viel weniger als ihr Mitleid.

***

Seit drei Tagen bin ich jetzt wieder im Dienst, das heißt, ich darf an meinem Schreibtisch sitzen, mich zu TODE langweilen und über meine nicht mehr funktionierende Beziehung grübeln. Zumindest, wenn ich nicht darüber nachdenke, was ich hätte anders machen können, um Nat zu retten und wie ich ihm den Rücken hätte freihalten können. So, wie viele Male zuvor. So, wie er mich viele Male zuvor gerettet hat. Meine Zeit als Neuling liegt lange zurück und ich weiß gut genug, dass es darauf keine Antwort gibt. Die gibt es selten. Aber das bedeutet nicht, dass man sie nicht sucht.

Wenn ich Glück habe, darf ich meinen Kollegen bei der Computerrecherche helfen. Sehr spannend!

Mein Blick fällt über den Schreibtisch, zu dem leeren Stuhl mir gegenüber, Nats Arbeitsplatz. Ich kann ihn fast vor mir sehen, wie er mir vom letzten Wochenende erzählt. Davon berichtet, dass ich mal wieder gefehlt habe. Eine häufige Beschwerde, seit ich mit Kelly zusammen bin. Herrgott, ich werde halt sesshaft, nicht wahr? Wird man das nicht mit 27? Ist das nicht normal?

Ich weiß, was Nat auf diese Fragen sagen würde. Du hast nur ein Leben, Partner! Hör endlich auf zu tun, was man halt so tut! Hör auf, die Erwartungen anderer zu erfüllen und fang an, richtig zu leben, Mickey!

Nat war Ende 30. Ungeachtet dessen habe ich mich oft gefühlt, als wäre ich der Ältere von uns.

„Hey, Simmons?!“ Die Stimme des Captains klingt aus seinem Glaskasten am Ende des Großraumbüros des Morddezernats.

„Ja Sir?“

„Jemand hat vorhin die First National ausgeraubt, zwei Straßen weiter, und anscheinend gibt es da sehr viele Zeugenaussagen aufzunehmen. Die vom Raub fragen, ob wir ihnen ein paar Ohren leihen können. Hast du Lust, dir die Füße zu vertreten?“

Das wäre eigentlich eher eine Aufgabe für einen Streifenpolizisten, keinen Detective. Ich könnte daher beleidigt sein, aber Captain Henry Myers gehört zu den wenigen Menschen, die ich wirklich zutiefst respektiere. Ich denke, ich könnte diese Menschen an meinen Fingern abzählen. Er ist ein Cop, der noch immer am liebsten auf der Straße wäre. Jemand, der nur hinter dem Schreibtisch sitzt, weil man ihm keine wirkliche Wahl gelassen hat. Nat hat ihn noch als Detective kennengelernt und bis ihm eine Dienstverletzung eine Gehbehinderung bescherte, blieb er im Außendienst. Dann ließ man ihm zwei Optionen, Beförderung in den Innendienst oder Zivilist. Und er weiß mit Sicherheit ganz genau, dass ich gerade jede Gelegenheit wahrnehme, um aus diesem Revier herauszukommen. Es würde mich daher nicht wundern, wenn es umgekehrt gewesen wäre und er den Kollegen ein paar zusätzliche Ohren angeboten hat, nur um mir Ausgang zu verschaffen.

„Ja Sir! Ich bin unterwegs!“ Jetzt gerade bin ich meinem Captain vor allem sehr dankbar. Mein Schreibtisch ist der letzte Ort in Los Angeles, an dem ich sein will. Auf dem Weg nach draußen versuche ich die Geister abzuschütteln, die mich an diesem Ort seit meiner Dienstrückkehr immer wieder heimsuchen.

***

Meine Dankbarkeit verfliegt jedoch schnell, als ich in der Bank eintreffe. Catlin und Deeks bearbeiten den Fall, sie sind alte Kollegen aus meiner Anfangszeit nach der Akademie. Die beiden waren, knapp gesagt, nicht gerade meine Lieblingskollegen. Sie waren mir immer zu albern, stets auf der Lauer, um einem Neuling einen „gutgemeinten“ Spruch mit auf den Weg zu geben. Die zwei stellten sozusagen die Klassenclowns des Raubdezernats dar, während ich noch an meiner Schlagfertigkeit zu feilen hatte.

In einem Anflug von Hilfsbereitschaft hat jemand eine Ansammlung hässlicher, weißer aber zweifelsohne hochmoderner Plastikstühle aus den Büros der Bankangestellten in die Lobby geschafft. Auf diesen wartet tatsächlich eine überraschend große Anzahl Menschen. Manche wirken genervt, andere ängstlich oder schockiert. Wer überfällt denn eine Bank, wenn gerade Hochbetrieb herrscht? Die Bankräuber scheinen ja richtige Experten zu sein.

Auf einem der Stühle sitzt ein sehr jugendlich wirkender dunkelhäutiger Mann. Sein hellbraunes Gesicht wird von halbgebändigten Locken umrahmt und deutet eine vermutlich gemischte Abstammung an. Er trägt eine schlichte Jeans und eine Jacke aus dem gleichen Material. Unsere Augen treffen sich in demselben Moment, in dem ich die Bank betrete. Er grinst mich an, irgendwie schelmisch, so als würden wir beide ein Geheimnis miteinander teilen. Mein Blick bleibt an seinem Lächeln kleben. Für eine Sekunde erstarre ich in meiner Bewegung, bis mich Catlin und Deeks ansprechen, natürlich wegen Nat.

Das bekomme ich ständig zu hören. Allen tut die Sache mit Nat leid. Die Sache mit Nat … Zum Teufel! Wieso wissen die beiden überhaupt darüber Bescheid, sie sind nicht mal in meiner Abteilung. Dass ich beim Raub war, ist jetzt fünf lange Jahre her, da war ich gerade erst vom Streifenpolizisten befördert worden und somit kaum mehr als ein Rookie. Ja, klar spricht sich ein toter Kollege wie ein Lauffeuer herum, aber ihre Neugier ärgert mich einfach. Es geht die beiden schließlich nichts an, oder? Sollen sie ihre Floskeln doch für sich behalten. Ich halte mich an meiner Wut fest, sie ist eine alte Freundin, die mich noch nie im Stich gelassen hat. Vor allem ist es einfacher sich mit ihr auseinanderzusetzen, als mit meinen anderen Emotionen, die aufwallen wollen. Wenn ich mich auf sie konzentriere, kann ich meistens alle anderen Gefühle unter Kontrolle bekommen. Auch jetzt fühle ich mich nach ein paar tiefen Atemzügen bereit, meinen Job zu tun.

Während ich beginne, die zahlreichen Zeugen zu befragen, spüre ich beständig ein paar Augen auf mir ruhen. Der Lockenkopf in Denim beobachtet mich unentwegt. Was auch immer er an mir so interessant finden mag, es bleibt mir ein Rätsel. Er scheint dabei beständig irgendetwas in sein Notizbuch zu kritzeln, während er seinen rechten Fuß auf das linke Knie gelagert hat, vermutlich um eine Unterlage für das, was er dort zu Papier bringt, zu schaffen. Seltsam, dass er dort mit Stift und Papier sitzt. Die meisten der Wartenden scheinen in ihr Smartphone vertieft zu sein. Seine Blicke wandern allerdings immer wieder zu mir. Ebenso oft wandern meine Blicke zu ihm, ohne mein bewusstes Zutun. Einige Male treffen sie sich und ich muss unwillentlich schlucken, während ich demonstrativ wegschaue. Er hingegen schenkt mir jedes Mal ein Lächeln.

Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass er mich aus dem Konzept bringt. Und doch befrage ich alle, außer ihn. Ich lasse ihn warten, bis ich ihm nicht mehr ausweichen kann. Warum ich mich überhaupt von ihm beeindrucken lasse, ist mir ein Rätsel. Eigentlich bin ich gegen diese Dinge schon lange immun. Wenn man als Kind bereits immer im Fokus der Öffentlichkeit steht, dann lernt man es, Blicke auszublenden. Und in Nagsville, PA, war ich immer DER Fokus der Öffentlichkeit, die traurig-tragische Berühmtheit der Stadt. Seine Blicke aber fühlen sich anders an und irgendwann ertappe ich mich dabei, dass ich seinen Blick suche, was mich endgültig verwirrt.

Schließlich lässt es sich jedoch nicht mehr vermeiden, mit ihm zu reden. Als ich mich ihm nähere, wird mir sofort klar, dass er kein Jugendlicher mehr ist, aber er hat dieses zeitlose Gesicht, das manche Menschen haben. Wahrscheinlich wird man ihn noch mit vierzig nach seinem Ausweis fragen, wenn er eine Bar betritt. Etwas Unbekanntes sitzt auf meiner Zunge und lässt mich schlucken, bevor ich den Fremden mit der schwarzen Lockenpracht anspreche. „Hi! Mein Name ist Detective Simmons! Sind Sie bereits befragt worden?“

Natürlich ist er das nicht. Volldepp! Sonst säße er hier wohl nicht mehr so blöd herum. Er sieht unverwandt auf meine Hand, dann schaut er zu mir auf. Vermutlich hält er mich für einen komplett hirnlosen Vollidioten. Unter dem intensiven Blick seiner grauen Augen fühle ich mich nackt, ganz so, als sähe er bis auf den Grund meiner Seele. Ich bleibe an diesen Augen hängen, die in dem milchkaffeefarbenen Gesicht so ungewöhnlich und exotisch wirken. Ein paar braune Punkte tanzen darin wie Funken. Es sieht aus, als habe jemand versucht, ihm eine andere Augenfarbe zu verleihen, doch dann ist ihm die Farbe ausgegangen. Der Effekt ist hypnotisierend. Sekunden verstreichen, ohne dass einer von uns den Blick abwendet, sich bewegt oder spricht.

„Tom … Thomas … Tommy Parker“, sagt er schließlich, etwas abgehackt, als er meine Hand ergreift. Seine Stimme ist sanft und tief, trotz der holprigen Sprache. Und seine Züge werden noch ein wenig dunkler. Sein, jetzt gerötetes Gesicht wird dabei von seinen Locken umrahmt, das Gesicht eines Engels. Ich schlucke verwirrt, was ist nur an diesem Typen, das mich so aus dem Gleichgewicht bringt, dass ich ernsthaft das Gesicht eines Mannes mit einem Engel vergleiche. Und seit wann haben Engel eigentlich schwarze Bartstoppeln?

Er sieht mich weiterhin mit seiner wirklich niedlichen Schamesröte an. War das sein Ernst? Haben ihn seine Eltern so sehr gehasst, oder ist er einfach nur genauso verwirrt, wie ich es gerade bin?

„Tom Thomas Tommy Parker?“ Was soll ich dazu sagen?

„Verzeihung, Detective!“ Sein Gesicht legt noch ein wenig an Farbe zu. „Der … Überfall hat mich wohl doch ein wenig mehr durcheinandergebracht, als ich angenommen habe“, erklärt er schließlich. „Nur Tom. Und nein, mich hat bislang noch niemand befragt.“ Seine Aussprache ist melodiös und gewählt, man kann ihm eine gehobene Bildung anhören. Seine einfache Straßenkleidung täuscht wahrscheinlich und er bewegt sich bestimmt in völlig anderen Kreisen als ich. Das interessiert mich natürlich nur rein beruflich, glaube ich zumindest. Ehrlich gesagt geht es mich auch überhaupt nichts an.

„Geht es Ihnen gut? Nur Tom?“ Ich kann nicht anders, während ich versuche zu begreifen, was mit mir gerade passiert, steige ich grinsend auf seine Vorlage ein. Mein Dank ist ein Lächeln seinerseits, etwas verlegen, aber nicht weniger wirkungsvoll als die schelmische Variante vorhin. Wenn ich auf Männer stehen würde, dann würde Tom Thomas Tommy Parker gerade einfach zum Anbeißen aussehen. Ich schüttele den seltsamen Gedanken ab. Was zum Geier geht heute bloß in meinem Kopf vor?

Ich heirate in zwei Monaten. Kelly ist das größte Ausmaß an Normalität, welches jemand wie ich in seinem Leben erwarten kann. Das sollte ich nicht vergessen. Kelly ist meine Zukunft, in der meine hässliche Vergangenheit unsichtbar hinter unserer Beziehung in Vergessenheit geraten kann.

Ich setze mich trotz dieser Erinnerung an die Tatsachen auf den leeren Stuhl neben ihm. Ich versuche so, mich auf seine Ebene zu begeben, was ich ja zumindest bei den nervöseren Zeugen ebenfalls gemacht habe. Es gibt schließlich keinen sinnvollen Grund dieses Gespräch wie ein Verhör zu führen. „Mickey, Mickey Simmons.“

Niemandem sonst habe ich hier jedoch meinen Vornamen verraten. Was mich dazu bewegt hat, es bei ihm zu tun, versuche ich erst gar nicht zu verstehen.

Der Blick aus diesen grauen Augen bleibt mir ein Rätsel. Denkt er etwa, ich flirte mit ihm? Flirte ich etwa tatsächlich mit ihm? Seine Augen weichen meinem Blick schließlich aus, bleiben dann an meinen Händen hängen. Es scheint ein deutlicher Ruck durch seinen Körper zu gehen. Noch während ich mich frage, was das soll, räuspert er sich.

„Sehr witzig! Ja, es geht mir gut, aber könnten wir bitte anfangen, ich habe heute noch andere Termine!“ Seine Stimme ist plötzlich distanziert und gereizt. Ich frage mich, was diesen unerwarteten Stimmungswandel verursacht hat. Was ich weiß ist, dass ich die mentale Distanz fast körperlich wahrnehme. Das irrationale Gefühl verwirrt mich zutiefst.

Einige Momente lang starre ich ihn irritiert an, etwas zu lange, um noch professionell zu wirken. Sein Blick ist jetzt herausfordernd. OK, verstanden, etwas passt ihm nicht. Auch wenn ich absolut nicht begreife, was ich gerade falsch gemacht haben könnte. Die Frage, was auch immer das sein mag, stört mich dabei mehr, als sie es sollte.

„Also gut, haben Sie etwas gesehen, Mr. Parker?“ Mein Tonfall ist jetzt völlig sachlich geworden. Besser, wir bringen diese Angelegenheit schnell hinter uns. Wahrscheinlich weiß er genauso viel wie die anderen Leute in der Bank, nämlich nichts.

„Nicht, als die Täter in der Bank waren. Ich wollte nur an den Automaten.“ Er weist jetzt auf den Bereich rechts des Haupteingangs. „Dahinten habe ich auch während des Überfalls gelegen. Dann sind sie hinausgelaufen und das Fluchtfahrzeug kam die Straße entlang, von dort!“ Wieder setzt er seine feingliedrigen Hände ein, um das, was er sagt, zu beschreiben.

Die Hände eines Künstlers… Anscheinend bringt Tom Thomas Tommy Parker mein Gehirn auf allerlei unpassende Gedanken. Großartig!

„Draußen haben sie sich die Masken vom Gesicht gezogen. Ich konnte denjenigen sehen, der auf der Fahrerseite hinten eingestiegen ist. In diesem, ähm … was auch immer es sein soll, hat sich sein Gesicht gespiegelt, als er sich die Maske abgestreift hat.“ Er zeigt dabei auf die ziemlich sinnlose und hässliche Spiegelstatue, die im Eingangsbereich der Bank förmlich zu lauern scheint. Wahrscheinlich hat dafür irgendein untertalentierter und überbewerteter Künstler ein größeres Vermögen bekommen, als die Räuber heute erbeutet haben.

„Kunstkritiker, hmm?“ Warum ich mich ausgerechnet an dem unwichtigsten Element seiner Aussage aufhänge, ist mir selbst ein Rätsel. Aber ich kann nicht anders, als ihn erneut anzugrinsen. Es ist so, als ob er mir einen kleinen Teil seiner Persönlichkeit präsentiert hat, die er vor nicht einmal einer Minute hinter einer Maske hat verschwinden lassen.

Er grinst zurück. Ich merke, dass mein Puls beschleunigt, als sich sein Gesicht wieder in das eines Engels verwandelt. Meine Augen bleiben erneut an seiner Mundpartie und dem Bartschatten, der sie umgibt, kleben. Was zum Teufel ist heute bloß in mich gefahren? Tom, nur Tom, Parker bringt mich völlig durcheinander und ich rudere verzweifelt rückwärts.

„Sie haben also einen der Täter erkennen können?“ Ich bemühe mich wieder um professionelle Distanz.

„Nicht nur das“, er klappt jetzt seine Mappe auf, die er zuvor auf dem Schoß verschlossen gehalten hat. „Ich habe ein fotografisches Gedächtnis.“ Ein Hauch von Stolz zeigt sich in seinem Gesicht. „Da ist Ihr Phantombild!“

1.

Montag

Zwei Monate später…

Dieser Tag hat ziemlich bescheiden angefangen, seitdem hat er dafür umso stärker nachgelassen.

„Hast du mal etwas davon gehört, dass man miteinander spricht, wenn man in einer Beziehung ist?“ Kelly steht wie eine Furie vor mir, ihre Arme hat sie vor der Brust verschränkt und ihre Körpersprache sagt gerade gar nichts von Reden, am allerwenigsten auf einer vernünftigen Ebene.

Ja, das habe ich. Aber immer, wenn ich mit ihr spreche, versucht sie mich zu therapieren. Was mir mächtig auf den Geist geht, aus diesem Grund habe ich es mir abgewöhnt. Warum will diese Frau nur ständig in meinen Kopf? Es ist kein guter Ort und die Gesellschaft besteht aus bösen Geistern.

„Ich habe das Gefühl, überhaupt nicht mehr Teil Deines Lebens zu sein, Mickey. Wie stellst du dir unsere Ehe eigentlich vor? Unsere Hochzeit ist in zwei Wochen, und ich kenne dich jetzt schon nicht mehr.“

Ich kenne mich selbst nicht mehr… Aber das kann ich ihr so nicht mitteilen.

„Bloß wegen heute Morgen …“ Ich versuche zumindest etwas zu diesem Gespräch beizutragen, aber sie lässt mich nicht weit kommen. War es nicht ihre Idee, dass ich rede?

„Nicht wegen HEUTE Morgen, wegen allen Morgen, seit … keine Ahnung, wann.“ Sie atmet schnaufend aus und gestikuliert mit den Armen. „Wegen den Nächten, in denen du anscheinend Albträume hast, über die du ebenso wenig redest, wie über sonst irgendetwas. Wegen deinem Rückzug aus unserer Beziehung! Möchtest du das, was wir JETZT haben, ein ganzes Leben lang?“

Nein? Nein… Aber was will ich dann? Sie loswerden? Etwas reparieren, von dem ich immer mehr das Gefühl habe, dass es noch nie funktioniert hat? Gerade weiß ich keine Antworten auf diese Fragen.

„Meine Träume bleiben in meinem Kopf, wo sie hingehören“, ist daher alles, was ich sage. Ich hatte schon immer Albträume, seit der Geschichte in Nagsville. Sie sind mir seit meiner Kindheit vertraut und ich werde sie nicht teilen, am wenigsten mit ihr. „Ich muss los, Kelly.“ Wieder einmal lasse ich sie in der Küche stehen. Ich frage mich, wie lange sie sich das noch gefallen lässt. Und ich frage mich, ob es mich stört, wenn sie es nicht mehr tut. Ich frage mich auch, ob ich nicht am besten selbst meine Sachen packen sollte. Um zu gehen, bevor es zu spät dafür ist. Aber ich habe keine blasse Idee, wohin. Ja, ich bin ein richtiger Held. Schon klar!

Seit zwei Monaten befindet sich unsere Beziehung im freien Fall. Und je länger dieser Fall dauert, desto häufiger stolpere ich über Dinge, die schon vorher nicht rund liefen. Dass es grundsätzlich sie ist, die über unsere Freizeit bestimmt, zum Beispiel. Nicht, dass sie es direkt entscheidet, aber am Ende machen wir immer das, was sie will. Nicht einmal ins Louie‘s möchte sie in der letzten Zeit, sie zieht coolere Läden vor, in denen ich das Gefühl habe, mich verkleiden zu müssen. Dabei haben wir uns in der Stammkneipe meines halben Reviers kennengelernt.

Ist es Nats Tod, der unsere Beziehung bedroht? Oder ihr Verhalten? Vielleicht sollte ich sie von ihrem nervigen Therapeutentrip abbringen. Und ihr klar machen, dass ich ein gestandener Cop bin, kein Grundschüler. Ich müsste ihr einfach klarmachen, dass sie mich wie einen Partner behandeln soll, wenn sie will, dass ich mich wie einer benehme. Wie auch immer ich diese Dinge bewerkstelligen soll, weiß ich selbst nicht. Viel entscheidender ist jedoch, ich finde nicht die Motivation dazu. Wenn dieser Zustand Normalität ist, komme ich allmählich an den Punkt, an dem ich auf Normalität pfeife. Es will mir nicht einmal wirklich gelingen, wütend auf sie zu sein. Das würde alles so viel leichter machen.

Andere Probleme sind neu. Sie und ich, wir hatten immer unterschiedliche Tagesrhythmen. Während sie abends aufdreht, bin ich früh munter. Das betraf alle Lebensbereiche, auch unsere Sexualität. Aber bislang war die Chemie zwischen uns trotzdem gut genug gewesen, dass stets der eine den anderen zu überzeugen vermochte. Nicht, dass wir das Haus dabei zum Beben gebracht hätten, aber es war in Ordnung zwischen uns. Zumindest habe ich das immer gedacht. Vielleicht wäre ein kleines Erdbeben bisweilen ganz nett. Ein neuer Gedanke, meine Vergangenheit hat mich diesbezüglich nie viel erwarten lassen, bislang. Aber neuerdings frage ich mich viele Dinge.

Jede Nacht besuchen mich meine Träume und sie werden zunehmend verstörender. Es sind, genau genommen, nicht wirklich Albträume, meistens zumindest, wenn mein Onkel sich nicht in sie einmischt. Es geht darin manchmal um Nat. Oft geht es um einen Engel mit schwarzen lockigen Haaren und grauen Augen, die zu viel sehen. Manchmal erscheint jedoch auch mein Onkel in meinen Träumen, nicht immer als das Monster, als das er sich herausgestellt hat, dann ist es nur der Bruder meiner Mutter, der in meinen Träumen erscheint. Der Engel hat ihn manchmal auch gezeichnet, er sagte dann immer das gleiche wie in der Bank. Hier ist Ihr Phantombild!

Manchmal zeichnet Tom sich selbst oder mich oder Kelly. Heute Nacht hat er mich gezeichnet, so wie ich aussah, als ich nach L.A. kam, danach hat er mich geküsst, nicht zum ersten Mal …

Dann bin ich neben Kelly aufgewacht, hart wie ein verdammter Stein, aber ihre Haare waren zu hell, ihre Augen zu blau und ihre Formen zu weich, als dass ich das Interesse gefunden hätte, etwas deswegen zu unternehmen. Dummerweise ist ihr jedoch beides nicht entgangen. Sie hat es offensichtlich nicht allzu gut aufgenommen. Ich stecke wirklich in der Scheiße, bis zum Hals!

***

Brütend an meinem Schreibtisch zu sitzen, ist ja eine inzwischen vertraute Beschäftigung geworden. Früher hat mich die alltägliche Geräuschkulisse des Reviers beruhigt und mir ein Gefühl von Zuhause gegeben, auch jetzt lausche ich meiner Umgebung. Zwei Kollegen hinter mir reden über die politischen Ambitionen des Chiefs, zu denen wir alle gemischte Gefühle haben. Er möchte Bürgermeister werden, sonderlich beliebt in der Mannschaft ist er aber nicht. Den Stimmen nach handelt es sich um Detective Peter Hodge und seinen Partner Bastien Cadeaux, genannt Frenchie.

„Simmons, was ist dir heute für eine Laus über die Leber gelaufen? Du bist noch ungenießbarer als gewöhnlich.“ Meine Partnerin lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich und funkelt mich herausfordernd über den Schreibtisch, den wir seit zwei Wochen teilen, hinweg an.

Es ist nicht leicht, sich an einen neuen Partner zu gewöhnen. Im Grunde genommen erwarte ich immer noch Nat zu sehen, wenn mein Blick über diesen Tisch fällt.

Wenn man dazu noch einen Rookie zugeteilt bekommt, macht es das nicht leichter. Nein, das ist nicht fair. Und ja, ich war auch, zumindest beinahe, ein Rookie, als ich an diesem Schreibtisch Platz genommen habe. Das war vor fünf Jahren. Dass dieser Rookie aber auch noch so aussehen muss, wie es Samantha Caihill nun einmal tut, macht mein Leben nur gerade vollständig zur Hölle.

„Privatsache!“

Sam stöhnt. „Ernsthaft? Ich verstehe jeden Tag besser, warum die Leute nicht gerade Schlange gestanden haben, um mit dir zu arbeiten.“

Das war noch lange kein Grund mich mit Barbie persönlich zu bestrafen. Sie sieht aus wie Polizeibarbie in Zivil, die gab es doch ganz bestimmt auch schon. Gab es Barbie nicht als alles Mögliche?

„Wir arbeiten zusammen, wir müssen uns nicht anfreunden.“ Mir reichen die amüsierten Blicke der Kollegen auch so schon. Ein Polizeirevier ist immer noch eine Männerwelt, egal, ob das im 21. Jahrhundert so sein sollte oder nicht. Niemand nimmt meine Partnerin ernst, die als kurvenreiche Blondine eben nicht wie der typische knallharte Cop wirkt. Da ich mit ihr zusammenarbeite, habe ich in etwa das gleiche Ausmaß an Respekt zu erwarten. Als ich letzte Woche Catlin im Louie‘s getroffen habe, hat er mich Ken genannt. ‚Ihr zwei seid das Vorzeigepaar des LAPD, Barbie und Ken, hübsch anzusehen bei jedem Fall.‘ Catlin hält sich selbst für sehr komisch. Und anscheinend sind Sam und ich gerade die Lachnummer unter L.A.s Gesetzeshütern. Das einzig Gute daran ist, dass nicht mehr jeder mit mir über Nat sprechen will.

Und ja, ich bin pathetisch, hey, das sehe ich selbst, aber der Grund ist, dass ich tatsächlich nicht mehr weiß, wer oder was ich eigentlich bin. Geschweige denn, was ich will. Diesen Mist kann ich da oben drauf wirklich nicht auch noch gebrauchen.

„Simmons, Caihill! Ihr habt einen Fall!“ Die Stimme des Captains reißt mich aus meinen Gedanken. Das ist zumindest ein Lichtblick in diesem Chaos.

***

Die Gerichtsmedizin ist bereits vor Ort und in voller Aktion, als wir an dem Apartmentkomplex eintreffen, in dem die Leiche einer jungen Frau gefunden wurde. Überall außerhalb des Fundorts im Schlafzimmer wimmeln zudem die Forensiker in ihrer Wohnung herum. Es tut ja auch durchaus gut, wieder im Sattel zu sitzen. Funde wie dieser sind jedoch eher weniger eine Wohltat. Bei solchen Tatorten bin ich für die Schutzkleidung und den Mund/Nasenschutz dankbar, die eigentlich uns davor bewahren sollen, den Tatort zu verunreinigen. Er hält jedoch auch ein wenig von dem Verwesungsgeruch ab. Einen Hauch Tigerbalsam unter der Maske zu verteilen, hilft zusätzlich.

Die junge Frau, die wir vorfinden, muss schon ein paar Tage tot sein. Das können wir sehen und riechen, ohne dass uns der Gerichtsmediziner darüber informiert. Im frühsommerlichen Los Angeles bei nicht klimatisierter Zimmertemperatur hat sie sich bereits in ein vollständiges Ökosystem verwandelt.

„Das ist die Mieterin der Wohnung. Lilly Ann Parsons, 25 Jahre alt, sie ist vom Rettungsdienst gefunden worden, nachdem die Nachbarn den Geruch gemeldet haben.“ Der Gerichtsmediziner könnte keinen neutraleren Tonfall haben, vielleicht gehört diese Kunst der Nichtbetonung sogar ausdrücklich zur Jobbeschreibung.

Im nächsten Augenblick wächst mein Respekt vor Barbie, als sie sich mit dem Gerichtsmediziner über die Leiche beugt, die nackt und in seltsam fötaler Stellung auf ihrem Bett liegt. Ein langer, ordentlich geflochtener Zopf liegt hinter ihr auf dem Kopfkissen und ihr dunkelbraunes Haar wird dabei von einem leuchtend roten Haargummi fixiert. Abgesehen von der Delle, die ihr Körper im Bett verursacht, wirkt dieses vollkommen glatt. Natürlich hat der Tod seine Spuren auf dem Laken hinterlassen, aber sie muss hier ursprünglich wie ein Ausstellungsstück platziert worden sein.

„Sie ist post mortem so drapiert worden, oder?“ Sams Gesichtsausdruck ist konzentriert, aber beeindruckend unbeeindruckt.

Ich habe bei meiner ersten halbverwesten Leiche gekotzt, sie hingegen stellt sachliche Fragen. Mein Gehirn beginnt anscheinend aber auch, plötzlich wieder zu arbeiten und ich bin endlich bereit meinen neuen Partner mit anderen Augen zu sehen. Verwesungsgeruch ist anscheinend so etwas wie eine Aufweckdroge für mich.

Der Gerichtsmediziner nickt. „Davon ist auszugehen, ja. Vermutlich ist sie im Nachbarzimmer gestorben.“

„Im Wohnzimmer? Sie ist erdrosselt worden, nicht wahr?“ Sam zeigt auf die Verfärbungen am Hals, die noch deutlich zu erkennen sind.

„Ja, danach sieht es zumindest aus. Näheres kann ich natürlich erst nach der Autopsie sagen.“

Im Wohnzimmer stehen zwei Cocktailgläser, sie sind mit Obstscheiben dekoriert, die vermutlich einmal zu einer Kiwi gehörten. Jetzt sind sie eher von einer weißlich bis blaugrünen Farbe. Sehr appetitlich! Meine Partnerin läuft beim Anblick der Gläser zielgerichtet ins Bad. Wie jetzt? Bei den Gläsern wird ihr schlecht, aber nicht bei der Leiche? Ein wenig irritiert laufe ich ihr nach. Dort allerdings hält sie eine Flasche Schaumbad in die Luft, zwischen ihren behandschuhten Fingerspitzen. Ihr Gesichtsausdruck ist triumphierend. „Bingo!“, sagt sie leise.

„Hä?“ Also jetzt komme ich definitiv nicht mehr mit.

„Pfirsichduft! Später!“ Dann stellt sie die Flasche zurück an ihren Platz. Nun, dann bin ich ja mal auf später gespannt. Warum es so relevant ist, welches Schaumbad unser Opfer benutzt hat, leuchtet mir zumindest bislang nicht ein.

Wir beenden die Tatortbegehung nach Protokoll. Ich halte mich selbst mit Fragen zurück, und beobachte Barbie … Sam. Ihre Fragen sind mehr als auf dem Punkt, so als wäre ihr die Antwort bereits bekannt. Deswegen lasse ich sie mehr oder weniger ihr Ding machen und halte Augen und Ohren offen. Ja, ich habe mich ihr gegenüber bislang wie ein ziemliches Arschloch benommen. Aber was ich sehe, bringt zum einen meine Cop-Instinkte zum Klingeln und zum anderen sehe ich, dass sie in Ihrem Element ist, dass ich sie gewaltig unterschätzt habe. EineschöneLektion!

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass unser Opfer hier schon längere Zeit gewohnt hat oder dies ernsthaft vorhatte. Ihrer Wohnung fehlt jegliche persönliche Note, dafür scheint sie aus dem Katalog einer Möbelfirma zu stammen. Vermutlich wird sie vollständig möbliert vermietet.

Als wir aus dem Wohnblock herauskommen, übergebe ich meiner Partnerin wortlos die Wagenschlüssel, weil mir gerade bewusst wird, dass ich dies bis zu diesem Zeitpunkt tunlichst vermieden habe. Macho-Modus aus, willkommen zurück im 21. Jahrhundert. Ja, ich habe mich wirklich wie ein ziemlich großer Arsch aufgeführt. Ich gebe es ja zu.

Sie schaut mich mit großen Augen skeptisch und überrascht an und nickt dann, bevor sie, ebenfalls wortlos, einsteigt. Sie fährt jedoch nur um die Ecke und biegt dann auf einen Supermarkt-Parkplatz ab.

„OK?!“ Ich sehe sie fragend an. „Ich weiß, ich schulde dir mehr als eine einfache Entschuldigung, Sam. Du hast mich gerade wirklich beeindruckt, aber das können wir genauso gut während der Fahrt besprechen, oder?“

Sie schüttelt den Kopf. „Angenommen! Ich habe schließlich bewusst nach einem Partner wie dir gefragt, einer Herausforderung. Ich wollte niemanden als Partner, der es mir zu leicht macht. Ich wusste vorher schon, dass ich dich von mir überzeugen muss. Jetzt bin ich ehrlich gesagt überrascht, dass das so einfach war. Aber das hier können wir nicht während der Fahrt besprechen.“ Sie atmet tief aus und macht eine Pause, bevor sie weiterspricht. „Was hat deine Meinung so plötzlich geändert? Nicht mehr Barbie oder Caihill?“

„Cop-Instinkt? Ich schätze, ich habe so tief in meiner Scheiße gesteckt, dass ich ihn fast vergessen habe. Es tut mir leid, dass ich sinnlos um mich gebissen habe!“ Ich sehe zu ihr hinüber, in der Hoffnung, dass sie jetzt nicht nachfragt, von welcher Scheiße ich rede. „Eigentlich bin ich kein so großes Arschloch. Du kannst schließlich nichts für meine Probleme oder die Meinung der Kollegen.“ Ich schaue sie schließlich kopfschüttelnd an. „Du willst jetzt aber nicht behaupten, dass das deine erste Leiche war, oder?“

Ihre Antwort ist ein Kichern. „Kennst du die Serie Quincy?“

„Schon was älter, aber ich glaube, das habe ich mal irgendwann gesehen, wieso?“

„Erinnerst du dich noch an den Vorspann?“

Ich überlege einen Moment. „Da war irgendwas mit einer Autopsie und umfallenden Leuten.“

„Wir hatten in Portland einen Ausbilder mit Sinn für das Makabre“, fährt sie daraufhin fort. „Der hat das echt mit uns durchgezogen.“

„Auf der Akademie? Wow …“ Als sie nickt, frage ich weiter. „Und du warst die Letzte, die stand?“

„Natürlich! Ich wollte Frank schließlich beeindrucken.“

„Deinen Ausbilder?“ Klingt sinnvoll.

„Nein, der war ein echter Scheißkerl. Den Gerichtsmediziner!“

Ich starre sie etwas ungläubig an. Warum wollte sie ausgerechnet den Gerichtsmediziner beeindrucken? Der hat doch keinen Einfluss auf ihre Ausbildung.

„Auch bekannt als mein Ehemann!“ Sie lacht wieder. „Ich fand ihn sofort heiß.“

„Jesus Christus! Du hast bei Deiner ersten Leiche mit dem Gerichtsmediziner geflirtet?“ Ich glaube nicht, dass ich über die Geschichte heute noch hinwegkomme.

Sam lacht jetzt erst richtig los. „Beim richtigen Menschen sind die Umstände egal“, stellt sie dann, wieder ernst, fest. „Außerdem, wirklich geflirtet haben wir dann später. Ohne Gesellschaft!“

Irgendwie wird mir das Thema plötzlich unangenehm. „Ok“, ich räuspere mich. „Sagst du mir jetzt, was du über diesen Fall weißt, was ich nicht weiß?“ Besonders die Frage, was es mit dem Pfirsichschaumbad auf sich hat, interessiert mich brennend.

„Deswegen habe ich hier gehalten. Wenn wir schnell arbeiten, bevor das FBI Lunte riecht, können wir einen Serientäter fangen. Dann werden wir auch die blöden Sprüche auf dem Revier ganz schnell los. Aber wir müssen uns vorher hundertprozentig einig sein, worauf wir uns hier einlassen. Wenn ich nämlich nur halbwegs richtig liege, steckt da gewaltig Zündstoff in diesem Fall.“

Ich ahne jetzt grob, wohin das Ganze geht. Sie stammt aus Portland und hat sich wegen der beruflichen Situation ihres Ehemannes kurz nach der Polizeiakademie hier auf eine Stelle beworben. Es muss ein Fall aus ihrer alten Heimat sein, der sich hier wieder aufrollt. „Dann schieß mal los! Ich bin ganz Ohr.“

„Der Täter mordet anscheinend alle acht Jahre, drei Frauen nacheinander, im Abstand von jeweils drei Wochen. Die erste Frau stirbt am elften Juni, die zweite am zweiten Juli und die dritte am dreiundzwanzigsten Juli. Er hat bislang bereits zwei Mal in Portland agiert, zuletzt eben vor acht Jahren, davor vor sechzehn. Ich habe den Fall studiert, aber natürlich nur im Unterricht an der Akademie. Das heißt, ich habe offiziell nichts damit zu tun und muss seine Vorgehensweise nicht erkennen. Das gibt uns die Gelegenheit den Feds zuvorzukommen.“

„Tut mir leid, Deinen Enthusiasmus zu bremsen, Sam. Aber das heißt auch, wir haben in zwei Wochen die nächste Leiche, wenn wir ihn bis dahin nicht finden. Und spätestens danach das FBI an der Backe.“ Wir haben den Siebzehnten Juni, zwei Wochen können verdammt schnell vorbei sein.

„Ja.“

Ich atme ein paarmal tief ein und aus, um meine Gedanken zu klären, bevor ich zögerlich nicke. „Ok, mein Vorschlag wäre, wir nehmen uns fünf Tage. Wenn wir bis Freitag keine sinnvolle Spur haben, melden wir den Zusammenhang. Ich möchte nicht den Tod seiner weiteren Opfer zu verantworten haben.“ Unsere Kollegen vom Hals zu bekommen klingt gut, aber es ist kein Menschenleben wert.

„Einverstanden! Ich auch nicht.“

„Ok, alles, was dir einfällt, kommt jetzt auf den Tisch. Wir müssen jeden kleinen Vorteil nutzen.“

Sie listet eine erstaunliche Fülle von Daten auf, anscheinend hat sie den Fall gründlich studiert.

„Der Täter betäubt seine Opfer zunächst, bevor er sie stranguliert, als wäre er nicht sehr stark oder wolle ihnen einen gnädigen Tod erweisen. Es gibt grundsätzlich keine Abwehrspuren. Die Toxikologie wird mit Sicherheit ein starkes Schlafmittel, KO-Tropfen oder Ähnliches in den Cocktailgläsern im Wohnzimmer finden. Cocktails gehören zu seiner Vorgehensweise.

Auch wenn die Opfer nackt sind, es gibt keine Anzeichen von sexueller Gewalt oder Geschlechtsverkehr vor ihrem Tod. Alle Frauen hatten langes braunes Haar, das er ihnen, vermutlich ebenfalls post mortem, zu einem Zopf geflochten hat. Außerdem wäscht und pflegt er sie nach dem Tod. Sie werden wie ein Kind in der Wanne gebadet, immer mit Pfirsichduft, auch wenn die Marke wechselt. Alle Opfer sind zwischen zwanzig und Anfang dreißig. Die roten Haargummis, die verwendet werden, sind an sich nichts Besonderes, aber er scheint sie mitzubringen. Oder sie … Es gab zuletzt in Portland den Verdacht, es könne sich um eine Täterin handeln.“

Ich stutze. „Weibliche Serienmörder sind selten, erst recht, wenn es um einen so stark ritualisierten Mord geht.“

„Richtig, aber zwei der Opfer waren definitiv lesbisch, eines bisexuell, bei den anderen Dreien war es allerdings zumindest nicht bekannt. Warum sollte sich eine lesbische Frau mit einem Mann zum privaten Cocktailtrinken treffen?“ Sie zuckt mit ihren Schultern. „Ausgeschlossen ist natürlich nichts. Es handelt sich auch vielleicht um einen Zufall, da nur die Hälfte der Frauen geoutet war, vielleicht waren die anderen heterosexuell. Er oder sie drapiert seine Opfer jedenfalls, nachdem sie stranguliert worden sind, in Embryonalstellung, immer auf ihrem eigenen Bett und nachdem sie gewaschen und sorgfältig gepflegt worden sind. Weil es eine Schutzhaltung ist? Oder weil der Tod eine Wiedergeburt darstellen soll? In letzterem Fall steht die Nacktheit möglicherweise für Unschuld.“

Einen Moment lang blickt sie durch die Windschutzscheibe, scheinbar in die Leere. „Alle Opfer wurden in ihrer eigenen Wohnung getötet. Sie haben ihrem Mörder vertraut, ihn oder sie eingelassen und gemütlich Cocktails mit der Person getrunken, die sie anschließend getötet hat.“

„Na Klasse, wenn uns dieser Fall um die Ohren fliegt, dann richtig! Das ist dir hoffentlich klar.“ Ich zweifle bereits daran, dass es eine gute Idee ist, den Fall auf eigene Faust lösen zu wollen. Dieser Fall wird Schlagzeilen machen, so oder so, und wir können nur darauf hoffen, dass sie zu unseren Gunsten ausfallen werden, wenn es so weit ist. „Was hat ihn dann von Portland nach L.A. verschlagen? Vorausgesetzt natürlich, wir haben es nicht mit einem Trittbrettfahrer zu tun.“

„Job, Langeweile … was weiß ich, vielleicht die netten Polizisten?“

„Sehr witzig!“

***

Die Recherche im Umfeld von Lilly Ann Parsons gestaltet sich als überraschend schwierig. Ihre Wohnung haben wir ja bereits gesehen, es gibt dort fast keine Dinge, die etwas über unser Opfer aussagen. Sie war darüber hinaus wohl auch im Beruf sehr zurückgezogen. Ihre Kollegen in der Anwaltskanzlei, in der sie als Sekretärin gearbeitet hat, können uns jedenfalls nur sehr wenig über Lilly Ann Parsons erzählen. Sie war höflich, sie hatte mit niemandem viel zu tun, sie machte ihre Arbeit gut. „Nachdem sie Mittwoch nicht zur Arbeit erschienen ist, haben wir uns Sorgen gemacht, sie war ja eigentlich sehr zuverlässig“, ist die einzige Aussage ihres Chefs. Nichts besonders Hilfreiches, außer, dass es Sams Vermutungen bezüglich des Todestags bestätigt. Ein paar weiterführende Infos währen aber schon wünschenswert.

„Sie hatte diesen lustigen Spleen, hat sich immer die Nägel machen lassen“, sagt eine Kollegin von Lilly, ihr Namensschild weist sie als Nadja Feldman aus. Sie strahlt mich an, und ihr Blick verrät mir, dass sie Interesse hat. Ich lächle zurück, aber ich bleibe unverbindlich. Meinerseits besteht, Kelly hin oder her, überhaupt kein Interesse. Doch vielleicht kommt etwas Nützliches dabei heraus, dass ich die Option im Raum stehen lasse. Es kann manchmal von Vorteil sein, wenn man Barbie und Ken ist.

„Was ist daran Besonderes?“

„Sie hatte immer an der rechten Hand die Nägel an zwei der Finger ganz kurz. Die anderen waren lang und spitz. Das habe ich nie verstanden.“ Während sie spricht, hält sie die rechte Hand hoch und wackelt mit den besagten Fingern. Sie lächelt verschwörerisch, als habe sie mir etwas Wichtiges verraten. Dummerweise scheint sie nicht zu wissen, dass sie das tatsächlich hat. „Ganz schön schräg, was?“

„Ganz und gar nicht Nadja, vielen Dank!“

Ich werfe Sam einen Blick zu. Wir haben die Information, die wir wollten, aber sie scheint die Information nicht verstanden zu haben. Sie folgt mir dennoch schweigend bis zum Parkplatz.

Sam schaut mich schließlich stirnrunzelnd an. „Was habe ich da drin verpasst?“

„Du kennst wohl nicht viele Lesben, oder?“

„Nein, glaube ich zumindest …“ Ihr Blick ist skeptisch.

„Hast du schon mal lange Fingernägel gehabt?“

„Eher selten, sind echt unpraktisch beim Schrauben …“, stellt sie schulterzuckend fest. „Ich habe eine alte Harley von meinem Dad sozusagen geerbt“, fügt sie hinzu. „Meine Mom besteht darauf, dass er zu alt geworden ist, um mit dem alten Seelenverkäufer, wie sie mein Baby nennt, herumzufahren.“ OK, das ist so ganz und gar nicht barbiehaft. Ich muss grinsen, aber ich frage mich, wie ich meine Information diplomatisch transportiere.

„… unpraktisch und schmerzhaft, bei gewissen intimen Tätigkeiten“, stelle ich schließlich unverblümt fest.

Ihre Augen werden groß, nachdem sie nur eine kurze Sekunde überlegt hat. „Oh fuck!“ Sie ist so überrascht, dass sie mich nicht fragt, woher ausgerechnet ich so etwas weiß. Ich spare mir die Information schmunzelnd auf.

„Ich denke, wir können also davon ausgehen, dass es sich nicht um einen Zufall handelt.“ Ich zeige die Straße hinunter. „Fahr da vorne links. Ich weiß jemanden, der uns vielleicht mehr über Lilly verraten kann.“

***