Eingesperrt!? - Waltraud Seidel - E-Book

Eingesperrt!? E-Book

Waltraud Seidel

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Beschreibung

Ja, wart ihr denn nicht eingesperrt?Ansichtssache!Wer unbedingt in den Alpen klettern, Paris, oder gar New York sehen wollte, der fühlte sich wohl eingesperrt. Wer stattdessen die Berge der Hohen Tatra besteigen, im Moskauer Bolschoi-Theater Schwanensee erleben oder am Balaton und am Schwarzen Meer seinen Badeurlaub verbringen wollte, für den gab es auch als DDR-Bürger wunderschöne Urlaubserlebnisse.Eingesperrt oder eingeschränkt? Der Leser mag selbst entscheiden.

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Waltraud Seidel

Eingesperrt!?

Reiselust und Reisefrust in der DDR

Bibliografische Information der Nationalbibliotheken: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Die Österreichische Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Österreichischen Nationalbibliothek.

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags, Herausgebers und der Autoren unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Personen und Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Impressum:

1. Auflage 2019

© Karina-Verlag, Vienna

http://www.karinaverlag.at/

[email protected]

Text: Waltraud Seidel

Bilder: Private Sammlung Waltraud Seidl

Fotos: Waltraud und Heinz Seidel

Bildmontage Erde-Buch auf Seite 7: Thomas Walter Schmidt

Lektorat, Layout, Cover, Design: Karin Pfolz, Karina Moebius, Martin Urbanek

Herausgeber: Karina-Verlag, Wien

ISBN: 9783966610735

„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“

(Augustinus Aurelius)

Mit der Lektüre nur einer Seite aber sind richtige Leseratten nicht zufrieden. Und die DDR hatte viele Leseratten, die das WELT-Buch erkunden wollten und auch einen Teil dessen erkundet haben.

Doch kann so eine Leseratte die obersten Regalteile nicht erreichen, dann wählt sie ihren Lesestoff eben aus erreichbarer Höhe. Aber sie liest und liest und liest.

Und genau so hatten es die Reiselustigen der DDR gemacht. Sie bereisten die Weltteile, die sie erreichen konnten. Sie fuhren nach Prag statt nach Paris, nach Krakau statt nach London und zum Baden ging es an den Balaton statt nach Mallorca.

Und genau darüber, über Reiselust und Reisefrust vieler DDR-Bürger erzählt dieses Buch.

Im Gefängnis

„Es geht ein Schritt so leise, als wär’s ein letzter Schritt. Der Wind dreht sich im Kreise, das welke Laub zieht mit.“

Was habe ich es geliebt, Bechers Gedicht „Herbstweisen“. In unseren Lesebüchern war es schon Schülern der 6. Klasse zugänglich. Noch immer läutet es für mich den Herbst ein. Ein Herbst, der leise, behutsam die letzten Sommertage verdrängt. Dachte Becher dabei auch an den Herbst des Lebens? Welches „Sommerglück“ ist es, das von Ferne in uns nachsummt? Das Glück sommerlicher Erlebnisse und sonnenverwöhnter Tage? Das Glück einer gemeinsamen Zeit?

Wie weit musste es von Becher entfernt sein, dieses nachsummende Sommerglück, als er im Juli 1957 nicht aufstand gegen Ulbrichts gänzlich unberechtigte Anschuldigungen gegenüber Walter Janka, bis dahin Leiter des renommierten Aufbau-Verlages und als solcher J.R.Becher freundschaftlich verbunden.

Ursache war der Ungarn-Aufstand im Jahre 1956. Anna Seghers, J.R. Becher und Brechts Witwe, Helene Weigel, sorgten sich um den befreundeten Ungarn Georg Lucacs, Literaturwissenschaftler und als solcher einer der Autoren des Aufbau-Verlages. Es schien wichtig, ihn aus dem ungarischen Politik-Wirrwarr nach Deutschland in zumindest relative Sicherheit zu bringen. Von jenen überredet, hatte sich Walter Janka zu diesem gefahrenträchtigen Vorhaben bereit erklärt. Wohl organisiert vom Kulturminister Becher selbst, sollte es diesen Versuch wert sein.

Doch dann plötzlich das Veto von höchster Stelle. Walter Ulbricht, persönlich kein Lukacs- Freund, hatte es untersagt. Für Janka schien das damit erledigt, hatte er doch Sorgen genug wegen der Verhaftung seines Cheflektors Wolfgang Harich. Konterrevolutionäre Umtriebe waren dem zur Last gelegt worden, bestraft mit zehn Jahren Zuchthaus. Doch Harich allein genügte der Staatssicherheit nicht. Nach monatelanger Kleinarbeit unterstellten deren Untergrund-Mühlen auch Walter Janka staatsfeindliche Konzeptionen und konspirativ - umstürzlerische Pläne nach ungarischem Vorbild. Seine von Ministerhand vorbereite Ungarn-Reise war der gesuchte Anlass. Im Juli 1957 wurde Walter Janka in einem Schauprozess vom Obersten Gericht der DDR zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

In welch schlimmen inneren Konflikt muss dieses Urteil Menschen wie J.R. Becher und Anna Seghers gestürzt haben? Wie groß muss die Furcht vor Repressalien durch Ulbricht und seine Sicherheitsschergen gewesen sein, dass sie sich ruhig verhielten zu diesem Urteil? Beide waren als Zeugen zum Prozess nicht zugelassen. Was hätte denen wirklich passieren können, weltbekannt und hochgeachtet wie sie waren?

Verzweifelt über seine Machtlosigkeit soll Becher sogar an eine erneute Emigration in die Sowjetunion gedacht haben. Sinnlos ein solcher Gedanke bei den damaligen Machtpositionen! Was ihm schließlich blieb, war die Flucht ins Krankenbett am Scharmützelsee.

Und Wolfgang Harich? Womit konnte einem bereits verurteilten Zuchthausinsassen derart gedroht werden, dass er seinen einstigen Chef und langjährigen Freund durch seine Zeugenaussage zwar wenigstens nicht be-, aber auch nicht im Mindesten entlasten konnte? Tatsache ist, es gab damals in der DDR noch die Todesstrafe!

Fünf Jahre Zuchthaus für Walter Janka, seit Februar 1958 sogar in strenger Einzelhaft in einer unbeheizten, weit abliegenden Zelle. Im Februar! Und das in eben jenem Bautzen, wo Janka bereits im Juni 1933 für eineinhalb Jahre von der GESTAPO inhaftiert gewesen war.

Erschreckend dieses Schicksal, erschreckend und bewegend! Nachzulesen in Jankas autobiografischem Bericht „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“, erschienen 1990, wo sonst als im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. Bewegend auch die Schicksale von Wolfgang Harich, von Heinz Zöger und Gustav Just, den beiden Journalisten der Wochenzeitschrift „Sonntag“. Und nicht weniger bewegend die Lektüre „Durch die Erde ein Riss“, geschrieben vom Bautzen-Insassen Nr. 23/59, Erich Loest. Keineswegs geringer war die Haftgefahr für dessen damaligen Schriftsteller-Kollegen Gerhard Zwerenz. Bereits 1956 aus der SED ausgeschlossen wegen seines revolutionierenden Gedichts „Die Mutter der Freiheit heißt Revolution“, gelang diesem rechtzeitig nach einem internen Hinweis die Flucht nach Westberlin.

Es sei auch an den Schauspieler Peter Sodann erinnert, 1961 festgenommen wegen „staatsgefährdender Hetze und Vorbereitung der Konterrevolution“. Grund war lediglich sein Kabarett-Programm im „Rat der Spötter“.

Geboren im Grundübel des Stalinismus wurden in der DDR derartige Exempel statuiert, Exempel, die einen besonders düsteren Aspekt der DDR-Vergangenheit aufzeigen. Sie gehören zu den unwürdigsten Seiten der DDR-Realität, Geschehnisse, die nie vergessen werden dürfen. Was wusste der Normalverbraucher in relativ gesicherter Lebensposition eigentlich davon? Mitunter hatte er schon mal etwas läuten hören. Von der Tagespresse dagegen wurde all das stets als ein gelungener Sieg über gefährliche Feinde des Staates offeriert. Könnte sonst tatsächlich wie erst neulich das Sprachbild vom „DDR-Gefängnis“ so unbedarft, so geschwätzig in heutige Diskussionen geworfen werden?

„Riverboat“, - eine Freitagabendsendung des MDR, mitunter gern gesehen. Promis in Erzähllaune. Mal interessant, mal weniger. Das Plus: Ein Klick der Fernbedienung beendet Ungewolltes.

Und da erzählt eine einstige DDR-Schauspielerin, dass sie seit dem Mauerfall gern reise. Es wurde nachgefragt: Warum so spät? Und dann diese aufwühlende, nicht nachvollziehbare Antwort jener Dame, die ich bis dahin zumindest für keineswegs unterbemittelt gehalten hatte: „Ich war ja im Gefängnis.“

Erschütternd! Warum das? Diese doch relativ junge Frau! Was hatte man ihr vorgeworfen? Wie lange? Und wo?

Ich habe Freunde, erwischt in Ungarn beim Versuch, illegal in die Bundesrepublik auszureisen. Das war im Jahre 1971. Fast zwei Jahre dafür eingesperrt, er in Bautzen, sie in Hohneck. Sofort waren mir deren Erzählungen präsent. Präsent auch die Schicksale von Harich, Janka, Loest...

Aufklärung brachte das weitere Gespräch: „Gefängnis“ war lediglich eine bildhafte Umschreibung. Eingesperrt hatte sie sich gefühlt. Eingesperrt bei bestmöglicher und kostenfreier Ausbildung an der Schauspielschule „Ernst-Busch“ mit anschließender Möglichkeit zu erfolgreicher Arbeit in ihrem Beruf. Eingesperrt trotz vielseitiger Reisemöglichkeiten, die wir in der DDR doch hatten, wenn auch lediglich in Richtung Osten. Wie gern erinnern wir uns im Freundeskreis an unsere gemeinsamen Reisen mit Zelt, später mit unserem kleinen Camping-Anhänger. In der Tat nicht sonderlich komfortabel, aber dafür mit ganz viel Spaß.

Und dann diese „Gefangene“! Nie musste sie den gefahrenstrotzenden Keller in Hohenschönhausen erblicken! Sie würden sich im Grabe umdrehen, die vielen aus politischen Gründen in der DDR tatsächlich und meist zu Unrecht Eingesperrten.

„Ich war ja im Gefängnis.“ - War das reine Provokation? War es bloße Unverschämtheit oder gar nur dummes Geschwätz? Was auch immer! Nicht nur für die Betroffenen wirkt diese metaphorische Wortwahl wie Hohn. Mich ließ sie seither nicht mehr los. Dem will ich nachgehen. Wie sah es wirklich aus, dieses Reisegefängnis DDR?

Definitiv gab es sie, die Reisedefizite. Und richtig, unsere Reisemöglichkeiten waren eingeschränkt. Wie gern wären wir an der Straßengabelung Bratislava – Wien auf unseren Ungarn-Touren wenigstens einmal westwärts abgebogen! Es blieb uns nur ein sehnsuchtsvoller Blick Richtung Wien. Die Ursachen dafür waren vielfältig und diffizil. Nicht zuletzt auch die finanzielle Situation durch die nicht konvertierbare DDR-Währung. Reisen ohne finanzielle Reisemittel? - Nicht machbar!

Und wie sieht das eigentlich heute aus mit derartigen Reisedefiziten? Kein Problem bei wohlgefülltem Kontostand! Doch fragen wir die alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, fragen wir das Rentnerehepaar, das heute viel Zeit zum Reisen hätte. Zeit schon, die magere Rente aber weist viele Reiseträume in oft sehr enge Grenzen.

Auch die jungen Eltern, die ihren Kindern gern den Ski-Kurs in den österreichischen Bergen ermöglichen würden, so wie es Klassenkameraden nach den Winterferien begeistert erzählen. Allein die dafür unumgängliche Wintersportausrüstung kostet ein kleines Vermögen.

Wie müssen die sich fühlen, die reisen könnten, wenn sie könnten? Reisedefizite?!

DDR - ein Reiseland?

Die Sommerferien kündigen sich an. Nein, noch gar nicht so sehr in den Schulen etwa mit Zeugnisfreuden und –sorgen, von den Prüfungsjahrgängen mal abgesehen. Die waren immer etwas früher dran. Aufgeregtes Prüfungsgewusel, - geschafft! Oder: „Na. grad mal so! Egal!“ Die Ausbildungsplätze sind sicher. Nicht in jedem Fall der Sehnsuchtsberuf, aber immerhin, kein Jugendlicher wird auf der Straße stehen.

Dort aber stehen andere, wie aufgereiht auf den Stufen eines attraktiven, riesig wirkenden Gebäudes im Stil der Neorenaissance. Hier ist in unserem Städtchen das Domizil der Staatsbank der DDR. Die Menschenschlange auf deren Treppe verrät, es geht auf die Urlaubszeit zu. Reisewütige, inzwischen im Besitz der notwendigen Visa, warten darauf, dass sich die große Mitteltür am oberen Treppenrand öffnet, - Zugang zu den Bankschaltern und damit Zugriff auf die arg begrenzten ausländischen Zahlungsmittel, die Kronen, die Forint, die Lewa. So begrenzt sie auch waren, die Umtauschmöglichkeiten pro Person, sie konnten das Reisefieber der Anstehenden nicht eindämmen. Und jeder versuchte mit so manchem Trick doch ein paar Mark mehr umzutauschen, zu attraktiv waren verschiedene Einkaufsmöglichkeiten in den befreundeten Ländern.

Alljährlich stehen sie hier zu zweit, die dem Ungarn-Urlaub entgegenfiebernden Schwestern. Ausgerüstet mit den vorliegenden Visa für die dreiköpfigen Familien. Zusätzlich jedoch zwei weitere Visa für ihre Eltern. Die allerdings hatten das Land an der Donau nie gesehen und mit Sicherheit gehört es auch nicht zu den Reisewünschen der beiden bereits recht hoch Betagten. Doch die elterlichen Visa verhelfen den Familien ihrer beiden Kinder zu einem dreiwöchigen Balaton-Urlaub auf einem offiziellen Campingplatz. Nun reicht es nicht nur für die Platzgebühren, sondern vor allem auch für einige neue Kleidungsstücke vom Siofoker Pullovermarkt.

Und wie sah’s aus mit dem Geld für die Urlaubsverpflegung? So wenig wie möglich! Naja, für Brot und Brötchen, - für viel mehr nicht. Okay, mal ne Melone, etwas Obst ! Die Verpflegung reiste mit, haltbar gemacht in Einweckgläsern. Seit Wochen wurde eingekocht: Gulasch, Rouladen und Krautrouladen, Königsberger Klopse und alles, was konservierbar war.

Auch Kartoffeln reisten mit, Spaghetti, Reis, Gemüse, vieles aus dem heimischen Garten! Wenn man mit dem kleinen Wohnanhänger jemals hätte auf die Waage fahren müssen, dann wäre die Reise zu Ende gewesen, bevor sie richtig losgegangen war.

Warum einwecken, nicht einfrosten? Ja warum wohl in den siebziger und achtziger Jahren? Den Tiefkühlschrank gab es bestenfalls in wohlsituierten Haushalten. Im kleinen DDR-Wohnwagen oder gar im Zelt definitiv noch nicht.

Getrickst wurde auch beim zusätzlichen einmaligen Umtausch im Urlaubsland. Jedem Reisenden stand eine Zollerklärung zu, gleichsam ein zusätzlicher Umtauschzettel, der vom Bankbeamten im Ausland abgestempelt wurde. Nach einer Woche in glühender Sonne hinter einem Eckchen der Autoscheibe deponiert, war der Stempel oft bis zur Unkenntlichkeit verblasst,- hurra, dann versuchen wir es erneut! Manchmal hat’s geklappt.

Mit dem ersten Ferientag ging es los. Alle Jahre wieder Treffen der drei Wohnwagenbesatzungen am Parkplatz Stadtausgang. Drei befreundete Familien mit ihren Kindern. Stundenlanges Warten an den tschechischen Grenzübergängen war eingeplant, - Null-Problem! Balaton, wir kommen!

Zunächst mit zwei Ladas und einem Wartburg.

Tschechoslowakei - Jugendreise nach Prag und in die Hohe Tatra (1960)

Wie hatte es eigentlich angefangen, das Reiseinteresse? Die Ferienzeit in der Kindheit verbrachten wir doch auf der Straße: Haschen und Verstecken, Räuber und Gendarm, Himmelhix, Springseil springen, Radschlagen und im Handstand laufen. Luxus schon das Rollschuhfahren, noch luxuriöser dann - ein eigenes Fahrrad! Stolze Besitzer ließen die anderen mal probieren, ein, zwei oder gar drei Runden um die Häuser.

Ansonsten für drei Wochen auch örtliches Ferienlager mit Mittagstisch und sportlichen Aktivitäten wie Wettrennen, Weitsprung, auf Bäume klettern und Geländespiel, aber auch mit Lesen und Vorlesen und schließlich sogar mit dem Laienspiel für das Abschlussfest. Das war mein Metier.

Viele Kinder fuhren auch ins Betriebsferienlager im Erzgebirge, im Vogtland, im Thüringer Wald, mitunter sogar an der Ostsee. Einzige Bedingung: Ihre Eltern arbeiteten in einem der Großbetriebe, die sich eigene Ferienlager leisten konnten.

Seit der neunten Klasse machte auch ich frühe Reiseerfahrungen. Wir hatten in unserer Penne einen großartigen Klassenlehrer, jung, aktiv, reiselustig, - ein Organisationstalent. In jedem Schuljahr ging es auf Klassenfahrt, zunächst in den Winterferien nach Rittersgrün im Erzgebirge, dann nach Klingenthal im Vogtland. In den großen Ferien nach dem elften Schuljahr das erste Highlight, - Sommer am Ostseestrand! Der Clou aber war unsere Abi-Fahrt, unsere erste Auslandsreise.

Dies war unserem Klassenlehrer gelungen über das Komitee für Touristik und Wandern (KTW), übrigens das spätere Jugendtourist, das von 1956 bis 1974, für „die Förderung der Körperkultur, des Schul- und Volkssports und der Touristik“ verantwortlich und daher viel gefragt war.

Zwei Wochen Tschechoslowakei! Prag und Hohe Tatra als Lohn für das bestandene Abitur.

Mit dem Zug zunächst über Leipzig und Dresden nach Prag.

Aufgeregtes Gewusel, lautes Geschnatter, nur nichts verpassen! Den Rucksack auf dem Rücken, sonst fest im Blick. Wenn auch sparsam das Gepäck, für zwei Wochen musste es reichen!

Endlich Prag Hauptbahnhof! Dort vorn der Lange mit dem Suchschild in der Hand, das war Karel, unser Dolmetscher. Ab ging’s für zwei Nächte in eine Prager Jugendherberge. Mit Moni teilte ich das Doppelstockbett, - Vorübung für unsere gemeinsame Studentenbude in Leipzig. Sie war für den gleichen Studiengang an der Uni immatrikuliert, ihre Leipziger Tante hatte uns ein Zimmer in deren Nähe versorgt. Klar, dass wir nun auch in der Tatra im Internationalen Studentenlager gemeinsam in einem Zelt schliefen.

Jetzt aber erst mal die Prager Neustadt, morgen dann der Hradschin. Prag war nicht nur eine Reise wert. Und in zwei Tagen erwartet uns die hohe Bergwelt, was sind wir aufgeregt! Berge, wie sie noch keiner von uns gesehen hat. Wo auch?

Zuerst mit der Straßenbahn zum Wenzelsplatz. Was für eine Prachtstraße! Eher eine Allee als ein Platz, von Linden umsäumt! Und lecker Eis gibt es hier, Zmrzlina! Nie habe ich dieses Wort vergessen. Mein erstes Softeis! Zu Hause bislang unbekannt.

Karel erzählt, hier sei früher der Rossmarkt gewesen, seit dem 14. Jahrhundert bereits, das war die Zeit von Karl IV. Nach dem Heiligen Wenzel von Böhmen wurde er erst Mitte des 19. Jahrhunderts benannt. Wir stehen am Wenzelsdenkmal, betrachten den heiligen Wenzel auf seinem Pferd, wohlbeschützt in Rüstung mit Harnisch und Lanze. Von hier hat man einen herrlichen Blick den Wenzelsplatz hinunter. Wie hätten wir damals ahnen können, dass Jahre später genau hier die Heimstatt des PRAGER FRÜHLINGs sein wird?

Vom Wenzelsplatz zur Prager Kleinseite, wie gut waren wir einst zu Fuß! Die berühmte Karlsbrücke über die Moldau, einmal runterspucken, - heute unvorstellbar, das aber musste sein!

Jetzt sputen, zum Altstadt-Rathaus mit seiner berühmten astrologischen Uhr. Wir wollten ja vor dem Glockenschlag ankommen. Der Platz schon voller Schaulustiger, das muss man gesehen, nein, das muss man erlebt haben! Wie gebannt starren wir hinauf, wartend auf die volle Stunde. Denn genau dann erscheinen bis heute in den beiden Fenstern die Figuren der zwölf Apostel. Zum Schluss des Apostelzuges kräht der Hahn und die Glocke oben am Turm beginnt die entsprechende Stundenzahl zu schlagen, - ein Meisterwerk!

Nun teilen wir uns, Besuch des rein äußerlich sehr attraktiv wirkenden Nationalmuseums oder Stadtbummel. Vorher erklärt Karel, mit welcher Straßenbahnlinie wir unsere Unterkunft erreichen werden, wir waren achtzehn,

natürlich erwachsen!

Mich interessierte damals doch eher das Großstadtleben. Museum? Später mal! Am Abend aber die richtige Bahn erwischen und vor allem die passende Haltestelle! Nach einigen Umwegen endlich geschafft! Hundemüde musste kaum einer von uns lange auf den erquickenden Schlaf warten.

Heutiges Ziel: die Prager Burg auf dem Hradschin, ein Muss für alle Prag-Besucher. Wir aber mussten nicht, wir wollten da hinauf, hatten wir sie doch gestern von der Karlsbrücke aus schon im Visier gehabt.

Unsere Füße waren jung und fit genug für den Aufstieg über die alte Schlossstiege. Unser gegenseitiges Frotzeln, weil gestern nicht alle die passende Straßenbahn erwischt hatten, wurde öfter unterbrochen durch ein: „Eh, guckt mal!“

Wunderschön der Ausblick, je höher wir kamen. Wir blickten auf die Kleinseite und eigentlich sogar auf ganz Prag. Von hier oben wird regiert, und wenn wir Karel glauben dürfen, das schon seit über 1000 Jahren. Der Burgkomplex ist seither größer geworden. Der gotische Veitsdom, kostbar ausgestattet, prunkvoll gestaltet auch die Fassade, herrliche Bleiglas-Fenster. Ganz klein wirken wir in dieser Kathedrale des Erzbistums Prag. Das ändert sich nach dem Besteigen des schier unendlich erscheinenden 99m hohen Turmes. Jetzt hatten wir gleichsam Prags Gipfel erstürmt. Danach übernahm Karel die Führung durchs Innere der Burg. Aufregend das Fenster im Ludwigsflügel, aus dem 1618 der Statthalter des Kaisers vom Heiligen Römischen Reich, Ferdinand II., aus dem Fenster geworfen wurde, - Kriege brauchen offensichtlich solche Auslöser, damals war es der Dreißigjährige.

Unendlich viel Sehenswertes und Interessantes! Ich aber erinnere mich nach all den dazwischenliegenden Jahrzehnten vor allem an einen goldverzierten, von Spiegeln umrahmten, riesig erscheinenden Ballsaal, - hier einmal einen Walzer tanzen! Walzer? Es war doch die Zeit des Rock’n Roll, und den liebte ich wie verrückt, mit Überschlag! Doch irgendwie schien mir das wohl nicht in dieses Ambiente zu passen. Sehnsüchtig träumte ich mich walzernd über dieses Parkett. Waren es vielleicht die damaligen Sissi-Filme mit Romy Schneider, die mich zu solcher Schwärmerei verführten?

Durch das Goldene Gässchen mit seinen unvorstellbar kleinen Häusern verließen wir den Burgkomplex. Hier sollen einst Alchimisten Gold hergestellt haben. Am Kafka-Wohnhaus - literarischer Stopp. Unser Klassenlehrer, zugleich Deutschlehrer und Kafka-Verehrer, legte hier einen Grundstein für mein Interesse an Franz Kafkas Art zu schreiben.

Wieder in der Altstadt angekommen, zuerst ein Zmrzlina. Sahnig zerging es auf der Zunge. Dann wollten einige nochmals die Apostel der Rathausuhr bewundern, andere gingen mit Karel zum alten jüdischen Friedhof. Wie durcheinander gewürfelt wirkten die eng an- oder aufeinander stehenden, auch liegenden Grabsteine. Erstmals hörte ich hier etwas über Rabbi Löws Golem-Figur. Dieser Friedhof ist seit Jahrzehnten lediglich der Erinnerung geweiht.

Wie eine halbe Ewigkeit erschien uns die Bahnfahrt von Prag nach Poprad am Fuße der Hohen Tatra. Von dort aus ging’s zielstrebig mit der schmalspurigen elektrischen Tatrabahn nach Starý Smokovec. Genau dort befand sich das Internationale Studentenlager, eine richtige Zelt-Stadt.

Die Fahrtzeit verkürzten wir uns durch das Wiederauflebenlassen unvergessener Pennäler- Storys. Unsere Abi-Tour per Pferdewagen lag ja noch gar nicht lange zurück. Eine Mitschülerin konnte ihren Bauernhof-Vater durch gutes Prüfungsabschneiden zum Kutscherdienst bewegen.

War das ein Gaudi, als wir bei unseren nichts ahnenden Lehrern auf derart ungewöhnliche Weise in ihrer häuslichen Umgebung auftauchten und jeden mit einem auf ihn zugeschnitten Lied bedachten.

Fast überall hieß es: „Absteigen!“ Und ein Prosit auf künftiges Studentenleben. Kein Lehrerhaushalt ohne den passenden Wein, zumeist aus der FRUTTA (Fruchtverarbeitung) unserer Stadt. Apfelwein, hergestellt aus den vom Kunden dort abgegebenen Äpfeln, entweder aus dem eigenen Garten oder aufgesammelt an dörflichen Straßenrändern, auf dass nur nichts vergammelt! Jetzt höre ich schon den heutigen Leser: „Vom Straßenrand? Abgasverseucht!“ Hahaha, etwa von den drei Trabis, die da am Tag vorbeizogen? Geschmeckt hat’s allemal, eigentlich von Halt zu Halt ein wenig besser. Als letzter war unser Mathelehrer dran. Aber der hatte zu tun! Mit seiner vielgepriesenen Logik kam er da kaum weiter. Lehrerstorys belebten lautstark das Zuginnere.

Riesenfreude auch, wenn tatsächlich mal zwei Stunden Unterricht ausgefallen waren. Äußerst selten übrigens, unsere Lehrer hatten damals eine wohl nicht zu erschütternde Gesundheit. Sollte es doch mal einen erwischt haben, wünschten wir stets, er solle sich nur richtig auskurieren. Diese menschliche Regung aber brachte uns keine weiteren Freistunden ein, spätestens am nächsten Tag erschien ein Vertretungslehrer. Lehrermangel wie heutzutage? Fehlanzeige, Planwirtschaft! Da bestimmte die Geburtenzahl von 1960 die Anzahl der notwendigen Grundschullehrer im Jahre 1966. Und genau die wurden ausgebildet, nicht mehr, nicht weniger. Richtig, im Falle Mode mussten wir bei derartiger Planung dem Westen ständig hinterherhinken. Schon deshalb hatten viele von uns die eigene Nähmaschine im Haus, meist noch mit zusätzlicher Beingymnastik.

Apropos Mathelehrer! Während mir vor jeder Mathestunde grauste, bekam meine Banknachbarin bei seinem Eintreten stets unerklärlich glänzende Augen. In der Tat unerklärlich, denn ihre Matheleistungen waren eher noch magerer als die meinen, und die waren mies genug. Natürlich grub einer von uns so zwischen Brno und Bratislava die Story aus: „Frl. X, wollen Sie in die Mündliche oder soll ich ihnen gleich eine Vier geben?“ Was war denn mit dem passiert? Keine Ahnung, woher so viel Freundlichkeit. Zwei Jahre später waren die beiden verheiratet.

In den letzten Bahnstunden wurde es zunehmend ruhiger im Abteil, Müdigkeit machte sich breit. Dann lautstark Karels: „Fertigmachen zum Umsteigen in die Elektrische!“ Du lieber Himmel! Dem Gefährt sah man es aber an, dass es aus dem Jahre 1908 stammte, eine regionale Attraktion. Seither hatte sich Starý Smokovec zum bedeutendsten Touristenort im Süden der Hohen Tatra entwickelt.

Seither also suchten hier bereits viele Menschen Erholung und Gesundung an der Quelle des berühmten Sauerwassers. Seither waren ungezählte Kureinrichtungen entstanden. Und genau dorthin brachte uns jetzt diese Elektrische, - kein Vergleich zur heute hoch modernisierten. Entscheidend aber, sie fuhr.

Da die Berge! Ein unglaubliches Panorama, wie auf West-Onkels Urlaubskarte aus den Alpen!

Karel informiert: Die Hohe Tatra, Teil der Karpaten, ist ein Grenzgebiet zwischen der Slowakei und Polen. Der berühmteste Kurort auf polnischer Seite ist Zakopane, bekannt von ungezählten Wintersport-Veranstaltungen. Unsere Visa aber sind für keinen Kurztrip über die Grenze ausgestellt, no Problem! Auch diesseits gibt es genug zu entdecken. Vysoke Tatry, der größere Teil, gehört zur Slowakei und Tatry Wysokoe heißt der polnische Teil. Bereits beim ersten Hören verstehen wir vieles, unsere Russisch-Kenntnisse zahlen sich aus.

Unser Tatra-Programm hatte Karel fast minutiös vorbereitet: Eine über 20km lange Kammwanderung mit gepflegtem Auf und Ab steht uns bevor. Auf jeden Fall geht es auf zwei der mehr als Zweieinhalbtausender, die Lomnitzer Spitze und den Rysy, den Grenzberg. Da braucht’s festes Schuhwerk. Und das wurde hier gleich die erste Anschaffung für viele von uns, blau-rot-weiße neue Volleyballschuhe. Wie einheitsbekleidet sahen unsere Füße aus, aber bei dieser Traum-Qualität hielten die Schuhe auch noch die fast zehn Jahre späteren Riesengebirgstouren aus. Und 1967 brachten sie mich sogar erneut auf den Rysy, dann aber von der polnischen Seite her.