Einmal im Jahr für immer - Sarah Ricchizzi - E-Book

Einmal im Jahr für immer E-Book

Sarah Ricchizzi

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Beschreibung

Was bedeutet eigentlich Leben? Math ist tot. Und Amelie Red fragt sich, weshalb sie noch weiterleben soll. Wozu den Schein wahren, wenn der Tod so schwer auf ihr lastet? In ihrer Trauer um ihren verstorbenen Ehemann, vergisst Amelie Red, wer sie einst gewesen ist und verliert sich in ihrer eigenen Gedankenwelt. Dann klopft ein Clown unerwartet an ihre Badezimmertür und sprengt ihr Leben mit Abenteuern, die sie nicht erleben will. Ein Clown lässt sich allerdings nicht so einfach ignorieren, schon gar nicht, wenn im eigenen Treppenhaus ein Regenbogen erscheint, eine Hüpfburg im Wohnzimmer thront und sie das Haus nicht mehr durch die Haustür, sondern durch ein Fenster betreten muss.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Sarah Ricchizzi

Einmal im Jahr für immer

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Einmal im Jahr für immer

Copyright © 2017 by

Ich will einmal noch schlafen,

Für all die, die keine Hoffnung mehr sehen.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Ein Nachtrag

Danke

Die Autorin

Weitere Werke der Autorin

P.S.

Impressum neobooks

Einmal im Jahr für immer

Sarah Ricchizzi

Copyright © 2017 by

Sarah Ricchizzi

Sarah Ricchizzi

Weststraße 50

59065 Hamm

E-Mail: [email protected]

Weitere Informationen:

www.sarahricchizzi.com

Lektorat: Julia LöwCovergestaltung: Sarah RicchizziBildmaterial: Fondbundles.com und Pixabay.comSchriftarten: Fondbundles.com

Innenillustrationen: Pixabay.com

Alle Rechte vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Zitat

Widmung

Kapitel 1 — Es tut mir leid

Kapitel 2 — Scherbenland und Weltuntergang

Kapitel 3 — Das unendliche Schweigen

Kapitel 4 — Der Clown

Kapitel 5 — Regenbogen unter dem Treppenhaus

Kapitel 6 — Einmal Swimmingpool-Waschgang für Anfänger, bitte

Kapitel 7 — Ein Brief an einen Toten

Kapitel 8 — Kriminell für Anfänger

Kapitel 9 — Fragen ohne Antworten

Kapitel 10 — Überraschungspartys funktionieren tendenziell so gut wie immer

Kapitel 11 — Wer ist Bluebird?

Kapitel 12 — Mutproben holen jeden einmal ein

Kapitel 13 — Einmal im Jahr für einen Tag frei

Kapitel 14 — Die wirklich wahre Wahrheit

Kapitel 15 — Die zweite Wirklich wahre Wahrheit

Kapitel 16 — Briefe an Erinnerungen

Kapitel 17 — Eine Geschichte, die niemand so schnell vergessen wird

Kapitel 18 — Der Polterabend danach

Kapitel 19 — Beste Freunde bleiben über den Tod hinaus

Kapitel 20 — Als Geschenk, den Himmel

P.S. Ein Nachtrag — Einmal im Jahr für immer

Danksagung

Die Autorin

Ich will einmal noch schlafen,

schlafen bei dir.

Dir einmal noch nah sein

bevor ich dich

für immer verlier’.

- Eiserner Steg - Philipp Poisel

Für all die, die keine Hoffnung mehr sehen.

Kapitel 1

Es tut mir leid

Ich liebe dich

London, 02. September 2010, es ist fünf Uhr morgens

Bluebird,

ich hoffe, dass du diese Worte niemals lesen musst.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich nun diesen Brief begonnen habe, um die Zeilen gleich darauf wieder durchzustreichen.

Gut, durchgestrichen habe ich sie nicht, das würde auch ziemlich blöd aussehen: Neben mir liegt ein großer Berg angefangener, zerknüllter Briefe und ich überlege gerade fieberhaft, wie ich sie bis morgen beseitigen kann, ohne, dass du sie findest.

Immer noch bin ich mir nicht sicher, ob ich im Entferntesten ausdrücken kann, was ich dir mit diesen Worten versuche zu sagen, dennoch muss ich irgendwann anfangen, also tue ich es jetzt.

Ich wünschte es wäre nicht notwendig, andererseits weiß ich nur zu genau, dass ich dir wenigstens das schulde. Denn eines ist mir sehr wohl bewusst: Dieser Tag wird kommen und ich werde dann nicht in der Verfassung sein dir diese Worte so eindringlich, wie nur irgendwie möglich mitzuteilen.

Die Momente werden eintreten, sie sind unausweichlich. Es ist eine Krankheit, die mich niemals loslassen wird, wie ein Parasit zerfrisst sie meine Gedanken, mein ganzes Ich, mein Leben. Und an einem dieser Tage werde ich dann nicht mehr sein. Deshalb ist es wichtig, mich zu verabschieden, in wirklich wahren Worten, in einem Zustand des Glücks, damit du verstehst, was du mir bedeutest.

Aus dem Grund wähle ich den heutigen Tag aus, denn gestern haben wir geheiratet. Ja, ganz recht. Gestern war unser Hochzeitstag. Es ist schon komisch dieses Wort wirklich auszuschreiben, immerhin haben wir erst vor wenigen Stunden unsere Unterschriften gesetzt. Ich habe mich übrigens bereits jetzt an meinen neuen Nachnamen gewöhnt. Und wenn ich verdammt ehrlich bin, habe ich schon vor Wochen begonnen so zu unterschreiben:

Mathiew Red

Das weißt du nicht und ich bezweifle, ob ich dir gegenüber jemals zugeben würde, mich wie ein Teenager aufgeführt zu haben, seitdem wir beschlossen hatten, deinen Namen anzunehmen. Du sollst schließlich in dem Glauben bleiben, ich wäre ein echter Kerl, zwischendurch vielleicht etwas zu eingebildet, doch wir wissen beide, dass dir das gefällt. Gerade grinse ich etwas unverschämt, was nicht wirklich angebracht ist, bedenke man den Umstand, dass ich dir gerade meinen Abschiedsbrief schreibe. Trotzdem kann ich nicht widerstehen, dich zum Lachen zu bringen, auch wenn du wohl beim ersten Lesen nicht lachen wirst. Wahrscheinlich wird es etwas Zeit brauchen, doch irgendwann wirst du ein paar dieser Zeilen hier witzig finden. Das hoffe ich zumindest, sonst wären mir die Worte peinlich. Aber nur ein bisschen.

Denn solltest du diesen Brief jemals bekommen, bin ich bereits tot.

Jetzt ist es raus.

Ich brauche einen Moment, um wirklich zu begreifen, was dieses Wort für dich bedeuten wird. Was es für mich heißt, weiß ich bereits viel zu lange.

Amelie, es tut mir unsagbar leid, dass ich so selbstsüchtig bin, dich zu heiraten. Dein Leben um meins belaste. Ich weiß, dass ich dich glücklich mache, gleichzeitig hasse ich mich dafür zu wissen, dass es auch die Zeit geben wird, in der ich der Grund für deine Tränen sein werde, unausweichlich, unwiderruflich.

Es tut mir leid, Bluebird. So furchtbar leid. Die Worte klingen dämlich, phrasenhaft und irgendwie nicht aufrichtig genug. Es reicht nicht aus, es zu sagen, allerdings käme ich mir unverschämt vor, würde ich sie nicht wenigstens ausgeschrieben haben.

Bluebird, ich weiß nicht, wie ich dir erklären kann, wie sehr es mich schmerzt zu wissen, was ich dir antun werde. Du kannst dir nicht annähernd vorstellen, wie sehr ich mich für diesen Brief und alles, was ich bereit bin dir anzutun, verachte.

Ich kann meine Gefühle für dich nicht ändern, ich liebe dich so sehr, dass es mich wahnsinnig macht. Ich konnte einfach nicht anders, als dich zu heiraten. Es ging nicht. Ich kann dich nicht loslassen, dich nicht vergessen. Ich liebe dich und vermutlich habe ich das bislang nicht oft genug geschrieben. Vielleicht schreibe ich es nachträglich noch überall an den Rand hin, dort oben ist über dem Datum noch Platz. Es würde vielleicht etwas blöd aussehen, aber wenigstens steht dann bereits zu Beginn das Richtige.

Amelie, siehst du wie ruhig die Schrift von mir ist? Es liegt daran, dass diese Worte so wahr sind, dass ich nicht darüber nachdenken muss, bevor ich den Stift ansetze. Es ist so leicht dir zu sagen, was ich für dich empfinde. Schwierig ist es hingegen die Gedanken dahinter richtig zu fassen. Ich bin mir nicht sicher, ob dir klar ist, was diese Worte für mich wirklich bedeuten. Amelie du bist der erste Mensch, den ich wahrhaftig liebe und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass du auch der letzte sein wirst, dem ich mich jemals derart anvertrauen könnte.

Ich möchte ewig weiterschreiben, bis die Sonne aufgeht und darüber hinaus. Dabei traue ich mich nicht wirklich den Punkt zu setzen, der diesen Brief beendet. Verstehst du das? Ich will kein Ende, ich will nicht gehen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mich dieser Gedanke zerfrisst. Ich wünschte du würdest mich ohne diese Krankheit kennen. Du glaubst gar nicht wie tief dieses Verlangen sitzt, wie oft ich mir unser Leben ausmale, ohne dieses zweite Gesicht von mir.

Es gibt keine Frau, die mich derart verrückt macht. Für niemanden sonst hätte ich so lange in der Bibliothek ausgeharrt und gewartet, bis sie mir einen genervten Blick zuwirft. Ich liebe es übrigens, wie du die Augen verdrehst, wenn du mich ansiehst und ich wieder irgendeinen Blödsinn von mir gegeben habe. Wenn ich ganz ehrlich bin, rede ich gerne etwas mehr Unsinn in deiner Nähe, nur, um dich zu ärgern.

Ich schweife wieder ab, du merkst, ich will nicht zum Schluss kommen, will nicht gehen, will dir nicht meine letzten Worte schreiben, doch es muss sein. Also zwinge ich mich endlich zu dem wichtigen Part zu gelangen, obwohl wir das beide gerade nicht wollen.

Ganz gleich, was in der Zwischenzeit geschehen sollte, eines weiß ich unumstritten: Ich dich liebe, Amelie. Du wirst es leugnen, du wirst denken, es hätte etwas mit dir zu tun, dass du schuld bist.

Doch lasse mich dir eines mit Sicherheit sagen:

Du bist der Grund, weshalb ich überhaupt solange durchgehalten habe.

Vergiss nicht, dass ich dich liebe, für immer.

Es tut mir leid, Amelie. Meine Bluebird. Mein Alles.

Math

P.S.

Ich habe noch etwas vergessen.

Nein, hier kommt nichts Romantisches. Ich bin jetzt schließlich dein Ehemann, also sollte in so einem Brief etwas Unanständiges nicht fehlen: Du liegst gerade nackt in unserem Bett in unserer Hotelsuite, die wir uns absolut nicht leisten können. Dabei sabberst du etwas und schnarchst unfassbar laut. Aber lass mich dir eines sehr genau sagen: Ich würde dich trotzdem hier, jetzt sofort und überall in diesem Zimmer nehmen.

P.P.S.

Das habe ich auch.

Kapitel 2

Scherbenland & Weltuntergang

London, erste Märzwoche 2017

Die Welt starb langsam dahin. Der Himmel zerbarst in gewaltigen Bruchstücken entlang des Horizonts und schlug pulsierende Wolkengebirge in die Luft. Bäume wirbelten in der Atmosphäre, Donner schlug auf die Erde nieder. Wirbelwinde durchsiedelten die Wäldereien, entrissen alles ihrem Anker, fegten über die Felder, als handle es sich lediglich um Kerzen eines Geburtstagskuchens, die gerade ausgepustet wurden.

Alles fand sein Ende.

Derlei Vorstellungen umspielten Amelies Gedanken den gesamten Tag über. Ihre grasgrünen müden Augen beobachteten über die letzten Wochen hinweg bereits diese Welt, wie sie fortschritt, sich der Sonnenaufgang mit dem Sonnenuntergang die Hand reichte, die Mittagssonne fröhlich auf die blühenden Wiesen hinab schien und nichts stehen geblieben war. Alles lebte noch, alles war wie gewohnt, alles war so normal. Sie genoss es für einige Momente des Tages in diese Albtraum-Weltuntergangs-Szenarien zu verfallen und sich einzubilden, alles würde den Bach runtergehen. Alles wäre verloren.

Fort.

Kaputt.

Für immer.

Warum lebte die Welt noch, während sie selbst das Gefühl hatte, dass alles in Fetzen gerissen wurde?

Das Kissen neben ihrem eigenen würde für immer leer bleiben. Der Tisch deckte sich nur für sie selbst.

Einsamkeit lebte in diesem Zuhause, der Tod löste das Leben selbstverständlich ab. Gespräche über das Wetter wurden weitergeführt. Niemand interessierte sich für das Schwinden eines Menschenlebens. Immerhin starben überall zu jeder Zeit, gerade jetzt in diesem Augenblick, Menschen auf der ganzen Welt. Es war schlichtweg normal.

Sterben war normal.

Wieso war das nicht eigenartig?

Der Tod kündigte sich manchmal an, doch häufig schlich er sich, ungeachtet von Zeugen und Zeichen, an seine Opfer heran und nahm sie erbarmungslos mit sich. Der Tod scherte sich nicht um die Hinterbliebenen. Der Tod fragte nicht, ob man mehr Zeit benötigte, um noch zu klären, zu reden und letzte Worte zu tauschen.

Noch schlimmer jedoch als der Tod war es die Gesellschaft, die erwartete, dass das Leben voranging. Trauern war erlaubt, doch nicht zu lange. Wer zu lange trauerte, der wurde als Spinner abgestempelt, jemand, der übertreibe oder nach Aufmerksamkeit lechzte. Wieso maßte sich die Welt an zu wissen, wann es richtig wäre jemanden vergessen zu müssen? Weshalb musste man dies überhaupt? Weiterleben?

Wozu?

Amelie Red zählte derweilen zu der Kategorie von Menschen, die all das nicht akzeptierte. Nicht weiterlebte. Nicht aufhörte sich zu erinnern. Immer und immer wieder.

Allerdings musste sie an dem heutigen Tag normal sein. Für einen winzigen Augenblick. Dies schien auch die Frau zu

erwarten, die vor Amelie saß und auf eine Antwort wartete.

»Wie bitte?«, fragte Amelie und wunderte sich wie seltsam fremd ihre Stimme klang. Dabei konnte sie nicht genau sagen, wann sie zuletzt mit jemanden gesprochen hatte. Sie fühlte sich nicht wie sie selbst, wunderte sich, wer sie einst gewesen war. Amelie konnte sich nicht erinnern.

»Mrs—«

»Miss«, unterbrach Amelie ihr Gegenüber und erschrak selbst für einen Moment. Was hatte sie gerade gesagt? Hatte sie das tatsächlich laut gesagt? Sie wusste nicht einmal, dass sie es gedacht hatte.

»Verzeihung, in den Unterlagen steht Sie seien verheiratet?« Die Frau runzelte verwirrt die Stirn und warf Amelie einen fragenden Blick zu. Amelie hatte das Gefühl an ihrem Atem zu ersticken, wenn sie ihre Augen nicht von der Dame lösen würde.

Damals. Damals, es war so lange her. Als sie den Brief hatte ausfüllen müssen, da waren die Angaben schließlich noch korrekt gewesen. Sie hätte ja nicht ahnen können… oder etwa doch?

Jetzt nicht mehr, nie wieder, niemals.

Ja, woher sollte diese Fremde, die gegenüber von ihr hinter einem viel zu klein geratenen Schreibtisch geklemmt saß, ihre Unterlagen durchblätterte und nur ihren Job tat, das auch wissen.

Viel mehr stellte sich die Frage, wieso Amelie sich überhaupt so geäußert hatte. Warum hatte sie die Frau korrigiert? Wieso überhaupt etwas gesagt, hatte sie sich schließlich eigentlich vorgenommen so wenig wie möglich zu sprechen, um eben nicht in eine ungewollte Situation zu geraten. Und dann das.

In dem Moment bereute es Amelie Red, dass sie diesen Weg allein gegangen war. Andererseits hätte sie niemandem erklären wollen, weshalb sie das Amtsgericht aufsuchen musste.

Amelie schluckte den bitteren Geschmack hinunter und hoffte darauf keine Antwort geben zu müssen. Schweigen war schließlich Antwort genug, abgesehen davon schien die Frau ohnehin nicht gesprächig oder interessiert zu sein, um überhaupt eine Form von Small Talk auf die Beine zu stellen. Wofür Amelie dankbar war, hätte sie noch früher mit scharfer Zunge und gerissenen Worten geantwortet, zog sie nun den Kopf ein. Ging in Deckung. Versteckte sich vor dieser Frau, der Welt.

Jetzt war es anders. Jetzt war sie anders. Jetzt war Amelie Red nicht mehr ihrer selbst.

Zu früh war dieses Gespräch aufgetaucht, harmlos erscheinend, gleichzeitig erdrückend finster und schmerzhaft. Woher war dieser Gedanke aufgeplatzt, diese Frau um ihr Alleinsein aufzuklären? Wieso hatte Amelie sie korrigiert? Wieso? Hatte sie sich etwa derart schnell an ihr Alleinsein gewöhnt? Ja, war es denn überhaupt schnell? Sie konnte niemanden fragen, denn mit jemandem gesprochen hatte sie seit sieben Wochen nicht mehr, schon gar nicht mit Menschen, die ihr nahestanden. Ihr liebster Gesprächspartner war bislang treu und zuverlässig der Pizzalieferant gewesen. Wie würde ein Psychologe Amelie Red wohl einschätzen, wenn er erführe, dass ihre einzigen Unterhaltungen innerhalb der letzten sieben Wochen nur mit Essenslieferanten und dem Postboten stattgefunden hatten? Wobei — mit dem Postboten hatte sie nicht wirklich gesprochen, wie etwa in einem Dialog. Es war vielmehr eine bildhafte Art sich zu unterhalten. Etwa so, dass er den mahnenden gelben Brief mit ihrer Vorladung an diesem Morgen an ihr Küchenfenster im Untergeschoss mit Panzertape geklebt hatte, um auf sich aufmerksam zu machen.

»Ich bezahle die Mahnung, in Ordnung? Ich begleiche sie«, sagte Amelie mit hastig überstolpernder Stimme, wandte den Blick schließlich als Erste ab und starrte auf den Boden, während sie mit ihr sprach. Früher hätte sie niemals zuerst nachgegeben. Amelies Stolz war stets ihre größte Schwäche und Stärke zugleich gewesen. Der Stolz, der sie so weit geführt hatte, lag nun zerschmettert zu ihren Füßen.

Sie wandte den Blick ab. Nicht nur dieser Frau gegenüber, sondern von der ganzen Welt. Ihrem Leben. Amelie hielt nicht mehr stand. Ihr Widerstand hatte nie begonnen. Es war ein Kampf, dem sie nie gegenübertreten wollte. Diesen Termin im Amtsgericht, den konnte sie allerdings nicht ignorieren. Denn es war eine Geschichte, die noch offenstand. Etwas, dass sie noch mit ihm verband. Für diesen Augenblick lebte er einen Moment weiter in ihrer Gedankenwelt, während sie dort saß, vor dieser Frau, den Blick abgewandt.

Dass sie ihr nicht direkt in die Augen blicken konnte, hatte allerdings noch einen weiteren Grund. Zum einen wollte Amelie der Frage ihres Alleinseins aus dem Wege gehen, zum anderen wusste diese Frau ganz genau, weshalb sie überhaupt an diesem Tag an ihren Schreibtisch geladen worden war. Weshalb dieser Mahnbrief an ihrem Fenster geklebt hatte. Was sie getan hatte. Wobei die Frau gewiss schon vorher in Kenntnis darüber gewesen war. Schließlich hatte Amelie über Wochen hinweg die Schlagzeilen in Anspruch genommen. Kaum einer wusste es nicht. Ihr Auftreten war schlichtweg zu skandalös gewesen. Entgegen allem, wofür Amelie eigentlich stand.

Diese Frau warf ihr einen ebenso befremdeten Blick zu, wie es bereits etliche zuvorgetan hatten. Nun, bis auf einen. Ein einziger hatte anders reagiert: Mathiew Red, ihr Ehemann.

Math war von einem so intensiven Lachanfall überwältigt worden, dass Amelie daraufhin satte drei Tage nicht mehr mit ihm gesprochen hatte. Sein Gesichtsausdruck, als er sie von der Polizeiwache abgeholt hatte. Ihr beschämter Blick zu Boden, als sie ihm erzählte, weshalb eine Kaution auf sie ausgestellt war. Mitten in der Nacht. Amelie hatte in dieser Nacht nicht einmal rausgehen wollen, als hätte sie geahnt, dass es nicht hätte gut enden können.

Bei dieser Erinnerung schossen ihr unangekündigt Tränen in die Augen und sie musste plötzlich nach Luft schnappen, um vor dieser Büroangestellten nicht loszuheulen.

Alles, nur das nicht.

Eine öffentliche Demütigung brauchte sie nicht. Es genügte bereits das, was sie ohnehin verbrochen hatte und dass sie tatsächlich angeklagt worden war.

Angeklagt.

Amelie Red.

In ihren Ohren schallte weiterhin das Lachen von Math wieder, während die Fremde die Papiere sortierte. Amelie schaute nicht einmal mehr auf, um nachzusehen, wie die Frau eigentlich hieß. Es war einfach eine Fremde, gänzlich unbedeutende Person. Früher hatte Amelie alles zur Kenntnis genommen, ihr gesamtes Umfeld in sich aufgesogen, das Leben geatmet.

Jetzt nicht mehr.

Amelie presste die Lippen aufeinander, um gegen die Tränen anzukämpfen. Damals hatte Math es nicht unterlassen sich in einer Tirade von Witzen und bildhaften Erzählungen über ihre Verhaftung lustig zu machen, um sie noch weiter in den Wahnsinn zu treiben. Nebenbei hatte er sich noch über ihre Ignoranz ausgelassen und sie pantomimisch nachgeahmt.

Sie verfluchte sich für die Zeit, die sie verloren hatte, verschwendet, vergeudet. Wie oft hatte sie ihn angeschwiegen, wenn sie anstelle dessen hätte etwas sagen sollen?

Wie oft?

»Es bleibt nicht dabei. Das ist nur der Betrag für die Mahnung, weil Sie die Vorladung nicht wahrgenommen haben. Die Gerichtsverhandlung folgt noch... — Miss Red. Wir haben Ihnen zwei Mahnungen zugesandt. Bei der nächsten wären Ihre Konten gesperrt worden.« Amelie spürte den scharfen Blick, den sie ihr zuwarf. Nicht einmal den Anschein von Mitleid, selbst wenn ihr die Tränen in Amelies Augen aufgefallen wären.

»Verzeihung«, murmelte Amelie unbeholfen und sog erneut einen tiefen Atemzug ein, blinzelte gegen die Tränen an, die noch an ihrer Erinnerung klebten, setzte ihre Unterschrift auf die Unterlagen und ging, ohne Abschied, ohne einen letzten Blick oder der Frage, wann denn dieser Gerichtstermin sein würde.

Bei dem Schriftzug ihres Nachnamens stahlen sich weitere Erinnerungen in ihre Gedanken und Amelie wunderte sich, ob sie es aushalten würde, bis sie Zuhause ankam. Oder ob sie eher zusammenbrach. Dort vor allen Menschen. So vielen Menschen, die das mitansehen würden. Sie fragte sich, wie diese wohl reagieren würden, wenn sie einfach so zusammenklappte, einem Heulkrampf verfallen, am Boden liegend. Was würden all diese Menschen tun? Würde einer aufsehen, ihr helfen? Vermutlich würden sie einen Arzt rufen und sie würde eingeliefert werden. Probleme abwälzen, beseitigen, ignorieren.

Doch ein Funken ihres Stolzes war irgendwo in ihrem Inneren zurückgeblieben. Denn für den Fall, dass sie weinen musste, es nicht umgehen konnte, hatte sie vorgesorgt. Amelie war nicht mit dem naiven Gedanken hinausgegangen, sie wäre stark genug für diesen einsamen Tagesausflug, in die große weite rücksichtslose Welt dort draußen. Sie hatte sich selbst versprochen, dass sie einen Rest Würde zusammenkratzen würde. Warum, das konnte sie sich selbst kaum beantworten. Vermutlich knabberte ihr Unterbewusstsein noch an der Hoffnung, dass es irgendwann weitergehen würde. Irgendwie und irgendwann.

Amelies Bewusstsein konnte sich das ganz und gar nicht vorstellen. Trotzdem hielt sie stand. Sah zu Boden, lief schnell durch die spärlich beleuchteten Flure des Amtes und stieg hastig in den Fahrstuhl. Etwas Glück sollte wohl mit ihr sein, als sie erkannte, dass dieser leer war. Sofort drückte sie Not Aus. Ohne groß nachzudenken. Ja, das war vielleicht nicht die klügste Idee, es war jedoch immer noch besser, als gar nichts zu tun. Und kaum, dass der Fahrstuhl abrupt stehen blieb, bebten simultan ihre Lippen, ihre Kehle zog sich bitterlich zusammen und sie spürte, wie ein Zittern durch ihren ganzen Körper fuhr, als das erste Schluchzen aus ihrem Herzen entkam.

Sie weinte bitterlich, gönnte sich diesen einen Augenblick. Ließ die Angst raus, die Einsamkeit raushängen und den Schnodder laufen, als wäre dies der erste Tag und nicht der neunundvierzigste. Ganz recht. So lange war er bereits fort. Neunundvierzig Tage.

Ihr Herz schlotterte, als wolle es aus ihrer Brust raus, jetzt sofort und am besten für immer. Sie hatte das Gefühl die Schwere ihres Leids nicht länger tragen zu können, wollte es fortschaffen, beiseitelegen, vergraben. Doch das würde bedeuten auch Erinnerungen zu vergessen. Und das konnte sie nicht. Nein, niemals.

Auch wenn sich schlechte Erinnerungen mit guten paarten. An richtig miesen Tagen dachte sie an die Streitigkeiten zurück, was sie ihm für Worte an den Kopf geworfen hatte, welch Vorwürfe sie sich ausgedacht hatte, nur um die Oberhand zu gewinnen, um Recht zu behalten, bei was auch immer für einem Unsinn. Wie dumm Streitereien doch waren. Wozu taten Menschen das eigentlich? Es war doch viel schöner, wenn man sich liebte, oder etwa nicht? Reue und ein Gewissen, das sie nicht begleichen konnte, überwältigte sie in solchen Momenten und ließ sie denken, sie sei der grausamste Mensch, der diese Welt betreten hatte. Wie konnte sie überhaupt jemals daran gedacht haben zu streiten? Wenn doch sonnenklar war, dass einer von ihnen irgendwann sterben konnte? Allerdings hatte ihre Vorstellung vom Tod stets etwas anders ausgesehen: Gemeinsam mit schrumpeligen hundert Jahren im Schaukelstuhl aufgrund von Langeweile für immer einschlafen und nie wieder aufwachen.

Weshalb wurde nicht jedem Menschen dieses Schicksal vergönnt? Warum durften die einen hundert Jahre gemeinsam verbringen und andere wiederum nur zehn? Oder nur ein paar Tage?

Math war vor ihr gegangen. Viel zu früh.

Dann schellte ihr Smartphone.

Der Alarm.

Tief einatmen. Noch tiefer ausatmen. Wiederholen. Das Beben ihrer Lippen ließ nach. Taschentuch raus. Nase putzen. Luft zu fächern. Gesicht von den verbliebenen Tränen lösen.

Dann zog sie den Not Aus wieder raus und der Fahrstuhl nahm den Betrieb erneut auf.

Zwei Minuten Panik. Das war die Zeit, die sie sich verschaffte, um alles rauszulassen. Mehr durfte es nicht sein, damit sie nicht in einer Endlosschleife landete. In der Unendlichkeit ihrer eigenen Trauer. Doch das wollte sie nicht. Nicht an diesem Ort. Amelie verschloss sich vor der Welt, sie würde sich ihr nicht in einem Aufzug offenbaren.

Gleichzeitig möchte ein kleiner Teil von ihr diese Aufmerksamkeit bekommen. Wie schön es wäre, wenn sie jemand einfach für eine sehr lange Zeit in die Arme schloss und sie bedingungslos gernhatte. Sie liebte. Ihr zuhörte und all ihre Trauer und ihren Schmerz ertrug, ganz gleich, wie lange dieser anhalten würde.

Der einzige, der dazu bereit gewesen wäre, war jedoch der Grund, weshalb sie sich derart zerstört fühlte.

Mathiew Red war tot.

Die Fahrstuhltür öffnete sich und sie stieg aus, preschte Richtung Ausgang. Die frische Luft berauschte ihren Kreislauf und drehte ihren Puls wieder auf eine einigermaßen angenehme Spur.

Immerhin blieb ihr die Erinnerung an Maths Lachen den gesamten übrigen Vormittag im Ohr hängen, wie ein Ohrwurm ihres Lieblingslieds.

»Das hast du nicht wirklich getan!«, hatte er gesagt, in dem Moment sah sie seine betörend himmelblauen Augen so deutlich vor sich, als sehe sie ihn tatsächlich wirklich an. »Bluebird, wer hätte gedacht, dass du mich nach all den Jahren noch so überraschen kannst.« Bluebird.

Sie ging weiter. Zum Auto, mit ruhigen Schritten und ausdrucksloser Miene. So als wäre sie eben nicht innerlich ein kleines Stück weiter an dem Gedanken zerbrochen, dass sie Math nicht von diesem Amtstermin erzählen konnte. Sie konnte ihm nicht sagen, wie gemein diese Dame am Schalter gewesen war, die sie aufgenommen hatte. Ja, sie hätte ihm selbst von ihrer Zwei-Minuten-Nummer im Aufzug erzählen wollen, wie sie auf die Sekunde genau geheult und sich dann wieder aufgefrischt hatte. Er hätte sie ausgelacht, wie er es immer tat, wenn sie ihr Leben akribisch und nach einem Muster plante, das er nur zu genüsslich durcheinanderbrachte. Denn so war sie: Eine Planerin. Eine, die das Unvorbereitete verabscheute. Eine Perfektionistin. Eine, die nicht das Haus verlassen würde, bevor sie nicht mehrfach ihre Checklisten durchgegangen war. Eine mit drei Terminkalendern. Eine, die Überraschungspartys hasste und dennoch so tat, als hätte sie die größte Freude daran. Eine, die Pickel bekam, wenn Termine durcheinandergerieten. Eine, die nicht allein leben wollte und nicht einmal wusste, ob sie es konnte.

Die Autofahrt verlief ruhig. Schweigend, wie alles andere in ihrem Leben auch. Sie hörte keine Musik. Schloss alles an Geräuschen aus, schreckte dadurch allzu schnell vor jedem Laut zurück. Doch das war ihr egal. Sie konnte es nicht. Hören, wie das Leben fortschritt, weiterging.

Das Haus kam in Sichtweite. Ihr Haus. Ihr Zuhause. Einst gemeinsam, nun einsam, ganz für sie allein.

Die Haustür ließ sie vorsichtig hinter sich zufallen und trat in das finstre menschenleere Heim hinein. Sie zog ihre Schuhe im Laufen aus, ließ sie einfach irgendwo im Wege liegen und blieb stehen. Und in dem Moment wurde Amelie bewusst, dass sie es nie vergessen würde. Den Moment, als sie damals vor neunundvierzig Tagen nach Hause kam und von einer erschreckenden Stille begrüßt wurde. Wie sie nach seinem Namen rief und keine Antwort erhielt. Ihre Augen füllten sich wieder mit großen Brocken von Tränen, so schwer, wie die Welt es nicht sein konnte. Sie sah zu der Stelle hinüber. Dort, wo der Brief gelegen hatte. Die Angst hatte sie stets beschlichen. Immerzu und überall hin, doch sie war der festen Überzeugung gewesen jedes Problem richten zu können. Auf dem Kaminsims hatten sie gelegen. Die letzten Worte. Mittlerweile lagen sie auf ihrem Nachttisch, überströmt mit ihren Tränen.

Es tut mir leid, waren die ersten Buchstaben gewesen, die er zu Papier gebracht hatte.

Darunter: Ich liebe dich.

Sie spürte noch genau, wie ihr eiskalt geworden war, ihre Knie zu schlottern begonnen hatten, ihre Beine derart heftig zitterten, dass sie beinahe nicht imstande gewesen wäre weiterzugehen.

Doch sie schrie.

Sie schrie seinen Namen immer und immer wieder, bis sie ihn fand. Ihre Kehle krächzte und ätzte nach ihrem Wimmern und Schreien, ihrer puren ausweglosen Verzweiflung, als sie Math schließlich in ihrem Bett entdeckte.

Ja, das war es gewesen.

Math hatte sich das Leben genommen und sie mit einem Abschiedsbrief zurückgelassen.

Kapitel 3

Das unendliche Schweigen

In einer Idylle, Nahe London, Ende April 2017

Stille.

Es war merkwürdig, geradezu befremdlich. Sie fühlte sich, als sei dies nicht ihr Leben, sondern das einer gänzlich Anderen. Nicht sie starrte einsam ihre Schlafzimmerwand an. Sondern eine Fremde. Eine Andere eben. Doch ganz bestimmt nicht sie.

Eine Andere, Fremde. Nicht sie.

Schweigsamkeit drückte sich beengend in die Wände, presste die Luft aus ihrem Heim raus und hinterließ Leere. Absolute, unwiderrufliche Leere.

Besuch empfing sie nicht. Mehrfach schon hatten es Freunde und Familie versucht, doch sie öffnete die Tür nicht. Als sie zu Beginn noch beharrlich waren, schrie sie ihnen aus vollem Leib entgegen, dass sie in Ruhe gelassen werden wolle. Dann, als ihr schließlich die Kraft aus dem Körper glitt, wie die Luft eines noch frisch belebten Luftballons, da hängte sie ein Schild an die Tür: Bitte, nie wieder stören. Als sie es dennoch taten, malte sie ein gewaltiges Plakat:

VERSCHWINDET! LASST MICH ALLEIN!

Amelie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sie über sie redeten. Dass sie durchgedreht sei. Eine Verrückte. Vollkommen wahnsinnig geworden. Gerade sie, würden sie sagen. Sie, die alles plant. Alles durchdenkt. Zerdenkt.

Ja, und Amelie wusste, was die meisten hinter vorgehaltener Hand lästerten, es nicht wagten laut auszusprechen, die Worte nur flüsterten:

Wieso hatte sie es nicht verhindern können?

Gewiss, diese Frage würden sie aussprechen, oh ja. Und sie würden über Amelie Red reden. Sie würden sich wundern, weshalb ihr Mann, Mathiew Red, sich umgebracht hatte, in ihrem Ehebett und sie, die Ehefrau, es nicht hatte verhindern können. Ja, das redeten sie, da musste sich Amelie nichts vormachen.

Immerhin wurde sie mittlerweile alleine gelassen. Jeder hatte den Versuch aufgegeben, sich abschrecken und fortjagen lassen von ihr, der Verrückten. Die, die nicht hatte verhindern können, dass sich ihr Mann das Leben nahm.

Amelie Red stellte sich diese Frage immer und immer wieder: War es ihre Schuld?

Die Frage nach der Schuld schien eine ganz und gar normale zu sein. So war es zwar makaber und zermürbend gewesen, doch nicht wirklich überraschend, als an dem Tag, als er fortging, auch die Polizei das Schlafzimmer aufsuchte. Ihn untersuchte. Eine Fallakte erstellte. Und sie schließlich nach eingehender Untersuchung, Begutachtung des Abschiedsbriefs und Gesprächen mit seinem Psychologen, die Akte mit der Lösung Selbstmord schließen konnten.

Welch ein Begriff. So furchtbar brutal und zerreißend.

Selbstmord.

Amelie empfand es komisch dieses Wort auszusprechen. Sie konnte nicht sagen, wie sie dabei fühlte, denn es war schlichtweg zu merkwürdig. Eigenartig. Befremdlich. Alles schien irgendwie befremdlich zu sein. Doch, wie könnte es auch vertraut sein, schließlich hatte sie dies noch nie durchleben müssen.

Selbstmord.

Sich selbst zu ermorden. Umzubringen. War es das? Konnte es wirklich so bezeichnet werden? Mit Gewalt aus dem Leben geschieden. Mit eigener Gewalt?

Amelie hatte es nachgeschlagen. Definitionen durchwälzt. Weshalb sie derlei tat? Weil sie Antworten suchte. Antworten auf die Frage Warum. Die Frage nach der Schuld. Der erstickende Gedanke, dass sie es hätte kommen sehen müssen. Dass er noch da wäre, hätte sie mehr Acht gegeben.

Doch in der Stille des Hauses, ihres Zuhauses, ihres einst gemeinsamen Heimes, da hallte keine Antwort zurück. Es würde für immer still sein.

Als sie ihn fand, war es das Erste, was ihr bitterkalt ins Herz stach: Sie würde es ihm nicht erzählen können, denn es kämen keine Worte zurück. Er würde sie nicht mit tröstenden Witzen erheitern können, denn nie wieder könnte sie seine Stimme hören.

Für immer verschollen, nie wieder abrufbar. Unendlich tot.

Sie wünschte sie könnte ihm davon erzählen. Von diesem Moment. Oh, nein. Von allen Momenten. Von allen Momenten ihrer Trauer. Wie er sie auch jetzt noch in den Wahnsinn trieb und sie sich nichts sehnlicher wünschte, als ihn dafür anschreien zu können und sein schelmisches Grinsen zu erleben, wie er sie auslachte, weil sie sich über Nichtigkeiten aufregte. Was gäbe sie dafür, seine Stimme zu hören, hell und klar, so vergangen.

Die einsame Stille zermarterte ihre Gedanken. Sie konnte kaum einen rechten Satz bilden, fühlte sich nutzlos und vergessen.

Am ersten Morgen, als der Wecker zum ersten Mal schellte, musste Amelie sich in Erinnerung rufen, dass es nur sie selbst sein würde, die sie wecken musste. Math war es gewesen, der der alleinige Morgenmuffel in ihrem Leben gewesen war. Ein Morgenmuffel erster Klasse, wie er es formulieren würde. Von alleine würde er niemals aufstehen. Er hatte ihr oft gesagt, dass er sich nicht daran erinnern konnte, wie er eigentlich wach geworden war, bevor sie in sein Leben getreten war. Hauptsächlich, so hatte er ihr mit ausladenden Geschichten erzählt, war er zu jeder Zeit überall hin zu spät gekommen. Vor allem in den Morgenstunden.

Jetzt weckte sie lediglich sich alleine. Der Wecker klingelte und neben ihr maulte niemand. Kein Stöhnen zu hören, dass die Welt noch schlief und sie die einzigen sein würden, die es um diese Stunde wagten aufzustehen, um sich auf dem Weg zur Arbeit zu machen. Math musste zudem immer eine Stunde vor ihr aufstehen, doch Amelie war stets gemeinsam mit ihm wachgeworden, denn ihr machten die Morgenstunden nichts aus. Im Gegenteil. Sie genoss die Ruhe, die es mit sich brachte, wenn sie die Zeit hatte, sich um den Morgen zu kümmern. Math dabei zu beobachten, wie er sein Frühstück mit geschlossenen Augen zu sich nahm und gegen so ziemlich jede Kante mit dem Fuß stieß, um gleich darauf jedes mal halb schlaftrunken zu fluchen.

Doch jetzt war die Seite im Bett neben ihr kalt.

Sie würde nicht eine Stunde eher aufstehen.

Den Wecker hatte sie entsorgt, nach dem ersten Klingeln, der Erkenntnis, dass sie alleine aus dem Bett aufstehen müsste. Daraufhin hatte sie ihn im hohen Bogen aus dem Fenster geworfen. Dort lag er immer noch, irgendwo im Wald vor dem Haus.

Denn Amelie Red wusste, dass sie sich nie wieder einen Wecker stellen konnte. Sie konnte sich nicht vorstellen das Geräusch zu hören, das sie ausschließlich mit ihm in Verbindung brachte. Denn wozu sollte sie aufstehen, aufwachen aus ihrem tiefen Schlaf? Welchen Grund sollte es geben, der sie dazu bewegen könnte, ihren Tag anzutreten? Wofür arbeiten, all die Stunden, all die Tage, ihr ganzes Leben, wenn sie es mit niemandem teilen konnte?

Es durfte nicht irgendjemand sein, ausschließlich Math. Kein anderer. Nur er. Er war die Antwort auf alles. Doch dort draußen war es still. Ein unendliches Schweigen aus Nichts.

POM.

POOOM.

POOOOOOMMMMM.

Mit diesem Moment endete es. Denn jemand klopfte an Amelies Tür, der sich so schnell nicht abwimmeln lassen würde. Und dieser jemand hatte alles andere als Ruhe und Schweigsamkeit im Sinn.

Kapitel 4

Der Clown

Wenn für gewöhnlich von der Tür in irgendeiner Weise Geräusche herkamen, ignorierte sie Amelie stets gekonnt. Ganz gleich, ob freundlich geklopft oder zögerlich geklingelt wurde. Oder aber ein energisches Klingeln. Oder etwa ein länger anhaltendes Klopfen. Ihre Antwort war stets gleich ausgefallen: Schweigend. (Ausgenommen der Pizzalieferant).

Für gewöhnlich endete die Aufmerksamkeit auch nach einer kurzen Weile, so dass sie nie wirklich länger gestört wurde, obwohl es da nicht viel zu unterbrechen gegeben hätte.

Mit der Zeit lernte der Postbote zum Beispiel, dass er es sich sparen konnte, überhaupt den Versuch zu wagen und sie wohl nie wieder an die Tür locken konnte. Für die ersten Wochen hatte er sich erstaunliche Mühe dabei gegeben ihre gesamten Briefe und Rechnungen, sowie mit der Zeit natürlich auch Mahnungen, zuzustellen. Allerdings hatte auch der Briefkasten so seine Grenzen. In dem Moment wäre es wahrscheinlich ratsamer gewesen, eine Haustür mit Briefschlitz zu besitzen. Dann hätte man ein ganzes Haus, um Post anzusammeln.

Allerdings war ihr Postbote sehr ambitioniert, denn er hinterließ ihr einen Brief. Ja, tatsächlich. Und auf diesem teilte er ihr mit, dass die Nachbarn ihren überquellenden Briefkasten nicht mehr ertragen konnten und für eine große hässliche Tonne zusammengelegt hatten, damit ihre Post nun darin solange ihren Platz fand, bis sie sich dazu herablassen konnte und ihren Briefkasten endlich wieder leeren würde. Amelie war etwas stutzig gewesen, hatte aber auch nicht den Nerv gehabt, das zu hinterfragen. Denn eigentlich wohnten in ihrer Nähe keine angrenzenden Nachbarn.

Am Ende hatte selbst ihre Mutter nachgegeben und Amelie holte bei tiefer Nacht nicht selten das schlechte Gewissen ein. Doch sie konnte es nicht. Sie konnte all den Menschen, die es vollbrachten weiterzuleben, nicht entgegentreten. Sie wollte keine normalen Gespräche führen, über das Wetter plaudern oder sich Ratschläge erteilen lassen, die sie nicht hören wollte.

Geh mal wieder raus.

Du musst nach vorne blicken.

Oder ihr persönlicher Favorit: Willst du dir vielleicht professionelle Hilfe holen?

Dabei wusste sie, dass sie die Menschen um sich herum verscheuchte, vielleicht irgendwann einsam endete und schlussendlich der Postbote sie irgendwo tot auffinden könnte, doch das war ihr für den Moment nicht weiter wichtig.

Bis allerdings zu diesem Tag. Es war mittlerweile über drei Monate her. Genau genommen siebenundneunzig Tage.

Nach all dieser Zeit erklang schließlich ein terroristisches Klopfen an ihrer Tür und schien jeden Moment diese zu durchbrechen, wenn derjenige nicht alsbald aufhören würde. Dabei wunderte Amelie sich, wie dieser jemand, der da so aggressiv ihre Haustür misshandelte, sich nur annähernd vorstellen konnte, dass irgendein vernünftiger Mensch auf diesem Planten überhaupt öffnen würde.

POOOOOOOMMMM!

POOOOOOOOMMMM!

POOOOOOOOOMMMMM!

Begonnen hatte das Klopfen, was vielmehr so klang, als würde jemand mit dem Fuß gegen die Haustür stampfen, als Amelie gerade auf der Waage stand. So manch einer verlor sein Hungergefühl, während der anhaltenden Trauer, aß nicht ein bisschen und magerte derart ab, dass selbst das Erscheinungsbild das Elend, welches man durchlitt, nur allzu deutlich hervortat. Bei Amelie war es etwas anders zugegangen.

Ihr Leben lang hatte sie stets auf ihre Figur geachtet und war mehr als gertenschlank gewesen. Sie aß ausschließlich gesund und genehmigte sich nicht einmal Kaffee oder eine Diät-Cola. Disziplin gehörte zu einer ihrer Tugenden, weshalb sie es auch beruflich hoch hinausgeschafft hatte. Niemals verließ sie ihren Pfad der Vernunft und erlaubte sich zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens Fehltritte.

Als Math allerdings verschwand, wusste sie sich nicht mehr zu erklären, weshalb sie eigentlich noch versuchen sollte, diesen oberflächlichen Schein zu wahren. Wozu all die Bemühungen, die harte Arbeit, die Strenge und Kraft, die sie aufgebracht hatte, um sich dieses Leben zu errichten, wenn es am Ende alles nicht getaugt oder nicht ausgereicht hatte, um ihn hier bei ihr zu halten?

Amelie war es leid zu kämpfen. Einen Kampf, den sie gegen ihren Willen und all ihren Bemühungen, nie im Stande gewesen war zu gewinnen. Er ist von ihr gegangen und es wäre ganz gleich gewesen, was sie getan hätte, um es zu verhindern. Kein Wort dieser Welt hätte ihn retten können. Denn wie es schien, war er schon viel länger verloren, als es ihr jemals bewusst gewesen war.

Von dieser Erkenntnis getroffen, ließ sie ihre Schilder fallen und hörte einfach auf sie selbst zu sein. Wozu höflich und freundlich sein, Anrufe beantworten und der Welt dort draußen gerecht werden? Warum sollte sie einer Gesellschaft, die sie nicht verstand, eine Antwort schulden und sich selbst so aufopfern, dass es sie von innen heraus zerfraß?

Amelie wollte schlichtweg nicht mehr. Sie konnte nicht mehr diese Marionette sein, die sich zum Willen anderer lenken ließ, damit das Gewissen Fremder beruhigt war und sie den Schmerz und das Leid nicht mitansehen mussten. Also ließ sie alles raus. Zeigte, dass sie litt, ein Teil von ihr fort war und dies für immer.

Amelie Red war gebrochen. Doch leider zerbrach ihr Körper nicht in einem glatten Schnitt. Es war unschön, würde Narben hinterlassen und vielleicht nicht einmal mehr zu retten sein. Selbst wenn die Wunden irgendwann geheilt sein werden, würden die richtigen Stücke fehlen, um sie wieder Ganz werden zu lassen.

Amelie würde nie wieder so leben können wie zuvor. Diese neue Seite von ihr hatte einen großen Teil verloren und sie war sich nicht einmal sicher, ob das, was fehlte, jemals auch nur annähernd wieder gefüllt werden konnte.

Einen Ersatz für die Liebe, gab es nämlich nicht.

Abgesehen davon, dass ihre Pflege zu wünschen übrigließ, ihre Haare so fettig waren, dass sie daraus gewiss hätte irgendetwas frittieren können, Mitesser ihre Haut übersäten, als hätte sie zu einer riesigen Feier geladen und sie begonnen hatte Kleidung zu tragen, die bereits im Wäschekorb vor sich hin muffelte, hatte sie angefangen sich täglich mit Pizza beliefern zu lassen.

Es war nicht so, dass sie zuvor kein Fan von Fastfood gewesen war. Amelie und Mathiew hatten unwahrscheinlich viel Zeit in der Küche verbracht, um die verrücktesten Dinge zu kochen. Dabei konnte sich so eine Kochpartie mal gerne um Stunden in die Länge ziehen. Diese Zeit hatte sie genossen. Stets etwas Anderes zu probieren. Nie den gleichen Trott in sich reinzuschlingen. Kochen konnte so hingebungsvoll sein, wenn die nötige Zeit und Leidenschaft genutzt wurde, um aus den Gerichten etwas ganz und gar Besonders zu machen. Dabei kam es nicht selten vor, dass sie während der Zubereitung so viel genascht und getrödelt hatten, dass es zum eigentlichen Hauptgang gar nicht mehr gekommen war. Sie hatten gerne experimentiert, unbekannte Früchte und Gewürze probiert, waren über den orientalischen Markt gelaufen, mit Speisen zurückgekehrt, die sie erst im Internet hatten nachschlagen müssen. Ja, mit Math war das möglich gewesen. Er hatte gerne Dinge probiert, nicht nur, was das Kochen betraf. Nichts schreckte ihn jemals zurück. Darum war es umso erstaunlicher für Amelie gewesen, dass dieser scheinbar lebensfrohe Mensch, eigentlich depressiv war, getarnt hinter Abenteuern und diesem Lachen.

Sein Geheimnis hatte sie erst entdeckt, als sie zusammengezogen waren. Vor vielen Jahren. Und sie war überzeugt gewesen, dass sie es schaffen würden. Gemeinsam. Mit seinem Lachen und ihrer Kraft.

Die Küche konnte sie kaum betreten. Zu niederschmetternd war der Gedanke, dass sie dort gemeinsam so viele Stunden verbracht hatten und es nie wieder tun würden. Dass sie ihn nicht umarmen konnte, während er irgendeine Kreation auf dem Herd verbrennen ließ. Oder mit Feuer spielte. Dass sie gegenseitig blind irgendwelche Dinge in die Töpfe schütteten und das Kochen genossen. Es war wie ein Spiel gewesen. Doch ohne ihn, würde sie den Spaß darin nicht erkennen können. Sie verspürte nicht die geringste Lust sich alleine so lange vor den Herd zu stellen, um für sich ganz allein irgendeinen Brei zu kochen, nur damit sie satt wurde.

Also war für Amelie Red die Küche geschlossen.

Und das für immer.

Stattdessen begutachtete sie die Prospekte, die ihr Postbote hin und wieder in ihre Posttonne fallen ließ. Unter anderem fiel ihr der Pizzalieferservice auf, der innerhalb von dreißig Minuten lieferte und eine Geldzurückgarantie versprach. Bislang waren sie mehr als pünktlich gewesen, doch das machte nichts. Dafür musste sie nicht hungernd auf der Couch verelenden, was allerdings auch ihre größte Jeans mittlerweile zur Kenntnis nahm.

Aus Neugier, ob es an der Jeans, die vielleicht bedingt durch eine irrationale Luftfeuchtigkeit, oder Heinzelmännchen bei Nacht (man wusste ja nie, wie es um einen geschieht) oder aber an dem zu schnellen Pizzalieferservice lag, wagte Amelie einen Gang auf die Waage. Sie wunderte sich, warum sie sich darum eigentlich scherte. Doch irgendwie trieb sie wohl die Neugier dorthin, als wollte sie erfahren, wie weit sie ihren Körper bereits zerstört hatte.

In dem Moment, da die Nadel ausschlug, polterte es an der Tür und für einen winzigen Augenblick, war sich Amelie nicht sicher, ob das Klopfen oder die Zahl sie derart zusammenschrecken ließ.

Um ein möglichst vortreffliches Ergebnis zu erlangen, hatte sich Amelie natürlich nackt auf die Waage gestellt. Nicht der beste Moment, um einen ungewollten Besucher zu empfangen. Schon gar nicht solch einen penetranten. Besonders lange hielt das Klopfen nicht an. Es verlief eher testweise: Zuerst ein störrisches Hämmern. Dann Pause. Wahrscheinlich um zu lauschen, ob jemand dadurch vom Stuhl gefallen war. Dann ein erneutes Poltern, nur noch lauter. So laut, dass man meinen könnte, die Tür würde diese ungenierte Art nicht mehr allzu lange überleben.

Amelie hielt die Luft an und wartete.

Ihr war klar, dass sie die Tür niemals öffnen würde. Das einzige, was es noch zu entscheiden galt, war, ob sie die Polizei rufen müsste. Ob da jemand mit ihr Scherze trieb? Nun, darauf ließ sich Amelie nicht ein. Sie stieg ganz unbeeindruckt wieder auf die Waage. Nur, um ganz sicher zu gehen, ob die Nadel nicht vielleicht durch das Beben der Tür derart weit ausgeschlagen war. Es war still. Verdammt. Das Ergebnis war korrekt gewesen: Zwölf Kilo in zwölf Wochen. Nur, dass es leider kein Titel eines Diät-Bestsellers war, sondern die saftigen Pizzen, die sich als schleichendes Hüftgold an sie geheftet hatten.