Einmal Malle und zurück - Uwe Beckmann - E-Book

Einmal Malle und zurück E-Book

Uwe Beckmann

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Beschreibung

Bei dem Buch handelt es sich um einen humorvollen Roman, dessen beide Hauptakteure zu einer gemeinsamen Mallorca-Reise aufbrechen. Während der Frauenheld Carsten in der Insel das Paradies auf Erden sieht, was Kontaktanbahnungen anbelangt, tut sich Heiko hierbei etwas schwer. Nach einem Crashkurs in Sachen "Flirtkunde", durch seinen Freund, sieht er sich jedoch in der Lage, es ihm gleichzutun. Die praktische Umsetzung läuft jedoch nicht ganz so reibungslos. So ergeben sich sehr viele witzige Situationen, die den Leser zum Lachen bringen. Zudem erfährt man einige wissenswerte Fakten über die Baleareninsel. Darüber hinaus kommen auch typische Klischees nicht zu kurz.

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Uwe Beckmann

Einmal Malle und zurück

Eine Mallorca-Reise

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Vorbereitungen

Der Flug

Die Ankunft

Flirtkunde

Erster Tag am Strand

Mein Tisch, dein Tisch

Flirten in der Praxis

Wo bin ich?

Nemos Welt

Mein Tisch, dein Tisch / zweiter Akt

Das Geheimnis der ewigen Jugend

Katerstimmung

Das Handtuchgate

Yoga ist doch nur was für Frauen

Am Ballermann

Auf den Hund gekommen

Strandimpressionen

Inselimpressionen

Nackte Tatsachen

Ein romantischer Abend mit Musik

Nachtisch ohne Kalorien

Platonisch oder was?

Romantik mit Judoeinlage

Schadensbegrenzung

Weinverkostung

Sie Schmach von Cordoba

Mit dem Fahrrad hoch hinaus

Nachmittag am Pool

Rache ist süß

Hatschi oder Haschisch

Jürgen Drews und die Nacht mit Blondi

Schadensbegrenzung Teil zwei

Ablenkung am Strand

Da ist doch was im Busch

Ablenkung in Palma

Die kulinarische Versöhnung

Die körperliche Versöhnung

Ein Tretbooooot in Seenooooot

Wiedersehen mit Willi

Carstens Wahrnehmung des Abends

Happy End?

Impressum neobooks

Die Vorbereitungen

Ich verließ das Büro in Richtung meiner Wohnung und pünktlich zu meinem Urlaubsbeginn setzte ein heftiger Regenschauer ein. Umso glücklicher war ich, in weiser Voraussicht einen zehntätigen Urlaub auf Mallorca gebucht zu haben, um den unkalkulierbaren bayerischen Wetterverhältnissen zu trotzen.

Eigentlich durfte man annehmen, dass es Ende August im Süden Deutschlands schön sein sollte, aber dieses Jahr wollte ich auf Nummer sicher gehen, da ich mir im letzten Sommer statt eines Sonnenbrandes eine heftige Erkältung einfing. Im Wesentlichen war diese dadurch zu erklären, dass ich auch bei Temperaturen um die zwölf Grad mit einem Muskelshirt herum lief, schließlich war ja Sommer. Zumindest suggerierte mir das der Bauernkalender meiner Oma, auf den eigentlich immer Verlass war.

Somit verbrachte ich also letztes Jahr eine Woche meines Urlaubs im Bett und kurierte die bereits erwähnte Erkältung aus. Wenn es dieses Jahr einen Anlass geben sollte das Bett zu hüten, dann mochte dafür schon ein konsumierter Eimer Sangria oder zumindest ein kurzzeitiger Durchfall vom schlechten Hotelessen der Grund sein.

Zu Hause angekommen, fing ich an das Nötigste einzupacken. Hierzu muss man sagen, dass ich ein Mensch bin, der diesen Begriff etwas weiter auszudehnen pflegt. Während für andere drei Unterhosen, zwei Shirts, eine Hose, Badeklamotten, ein paar Schuhe und vielleicht noch eine Dose Rei in der Tube im Wesentlichen zum Nötigsten gehörte, was zumindest die Bekleidung anbelangte, durfte es für mich schon ein bisschen mehr sein. Schließlich galt es auch für eventuell auftretende Ausnahmesituationen gerüstet zu sein. Immerhin war ich weit weg von zu Hause und es sollte ja auch im Urlaub an nichts fehlen.

So türmte ich die Sachen, die ich gerne mitnehmen wollte auf das Bett neben den aufgeklappten leeren Koffer. So weit so gut. Nun galt es den volumenmäßig etwa dreimal so großen Berg an Klamotten und anderen wichtigen Utensilien, in den an sich eh schon großzügig bemessenen Koffer zu bringen.

Im Laden versicherte man mir seinerzeit glaubhaft, dass es keinen größeren Koffer gäbe. Die genervt wirkende Verkäuferin wollte mir zwischenzeitlich schon die Kontaktdaten eines Spezialhandels für Speditionsbedarf geben. Dort gab es wohl eine große Auswahl an Alutransportboxen, die aber in der Regel dann als Sperrgepäck aufgegeben werden mussten. Schlussendlich entschloss ich mich jedoch, den größten verfügbaren Koffer in dem Laden zu nehmen. Abschließend ging es noch um die Farbauswahl. Hier bestand die Möglichkeit zwischen einer schwarzen Ausführung und einem lilafarbenen Modell zu wählen, das zusätzlich noch mit rosafarbenen Kleksen verziert war. Meine Lieblingsfarbe grün war überhaupt nicht lieferbar, schließlich entschied ich mich für die zweifarbige Variante, da ich mir durch die ausgefallene Farbwahl einen entscheidenden Vorteil am Transportlaufband des Flughafens versprach. Erfahrungsgemäß waren die Koffer ja meist schwarz und da konnte es dann schon mal zu Verwechslungen und damit verbundenen tumultartigen Szenen kommen.

Ich fing also an den aufgetürmten Berg Kleidung in den Koffer zu schlichten. Dabei stieß ich relativ rasch an dessen Grenzen, was dazu führte, dass ich mich notgedrungen von dem einen oder anderen Utensil trennen musste. Diese Auswahlprozedur zog sich über etwa eine Stunde hin. Wohl oder übel ließ ich einige Sachen zurück, darunter eine lange Unterhose, meinen Bauchwegtrainer und eine Campingtaschenlampe, die man aufgrund ihrer Größe durchaus auch als Schlagstock hätte nutzen können. Folglich wäre ich in der Lage gewesen einen nächtlichen Einbrecher erst zu blenden, um ihm dann mit dem circa ein Kilo schwerem Leuchtstab eins überzubraten.

Die finale Entscheidung, die Lampe nicht mitzunehmen, fällte ich, nachdem ich mich auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes über die landesspezifischen Sicherheitsrisiken informierte, die auf der Baleareninsel auf mich lauerten. Hier wurde in erster Linie vor Taschendiebstahl gewarnt. Da ich allerdings nicht vorhatte, dieses unhandliche Monstrum auf all meinen Wegen bei mir zu führen, blieb es zuhause. Hätte mich die Reise in die Favelas von Rio de Janeiro geführt, wäre diese Entscheidung sicherlich anders ausgefallen.

Der Koffer ließ sich nur mit großer Kraftanstrengung schließen, da sich die darin befindlichen Utensilien vehement dagegen wehrten, auf ein Mindestmaß zusammengepresst zu werden. Als geborene Kämpfernatur gab ich so schnell natürlich nicht auf und ein leises Klicken signalisierte mir, dass die zwei Hartschalenkofferhälften zueinander gefunden hatten. Der Verschlussmechanismus sorgte auch dafür, dass dies so blieb.

Triumphierend verließ ich das Schlafzimmer, um mir nach all der Anstrengung ein Bierchen zu gönnen, mit dem festen Vorsatz im Anschluss noch ein paar Übungseinheiten mit dem Bauchwegtrainer einzulegen.

Schließlich musste ich ja auf diesen die nächsten zwei Wochen verzichten. Dennoch hielt ich es für sinnvoll noch etwas für meine Bauchmuskulatur zu tun, denn auf Mallorca präsentierte ich mich ja zumindest am Strand mit freiem Oberkörper.

Ich öffnete die Bierflasche und vernahm ein verheißungsvolles Plopp. Die Vorfreude auf den ersten Schluck war groß, als ein weiteres metallisches Geräusch aus dem Schlafzimmer die Stille durchbrach. Ich hatte eine wage Vermutung, stellte die Bierflasche schweren Herzens auf die Arbeitsplatte und begab mich ins Schlafzimmer.

Was ich dort sah, gefiel mir ganz und gar nicht. Der Verschlussmechanismus hielt dem Druck nicht stand und so blickte ich nun auf einen Koffer, der einer geöffneten Muschel glich, aus der der Inhalt hinaus quoll.

Hektisch rannte ich zweimal um das Korpus Delicti, um mich mit der Situation vertraut zu machen. Dabei sah ich an den beiden Außenseiten noch zwei Schieberegler, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Diese waren wohl als weitere Fixierung und Entlastung für das Hauptschloss gedacht.

Nachdem es mir, unter Zuhilfenahme eines Schraubenziehers, gelang, das verbogene Innenleben des Schlosses wieder fachmännisch zu reparieren, schloss ich den Koffer erneut. Auf ihm sitzend verlagerte ich mein Gewicht erst nach links, um den dortigen Schieberegler zu schließen und wiederholte das Gleiche noch einmal zur rechten Seite. Anschließend rutschte ich auf dem Koffer nach vorne, drückte das Hauptschloss in das Gegenstück und stand auf.

Ich beobachtete den Koffer noch einen Moment argwöhnisch, um sicher zu gehen, dass er nun keine Gegenwehr mehr leisten würde und widmete mich wieder meinem wohl verdienten Bier. Ich blickte auf die Uhr. Es war kurz nach halb fünf und ich hatte noch Zeit bis achtzehn Uhr. Dann würde Carsten mich abholen.

Bereits vor zwei Jahren waren wir zusammen im Urlaub, damals teilten wir uns ein Doppelzimmer. Dieses Jahr waren wir jedoch beide der Ansicht, dass es besser wäre, getrennte Zimmer zu nehmen. So konnten wir jederzeit etwas zusammen unternehmen, dennoch war es möglich sich auch mal zurückzuziehen. Carsten tat dies im letzten Urlaub sehr gerne und sehr oft, allerdings nicht alleine, sondern mit diversen Urlaubsflirts. Woraufhin ich mich dann auch oft zurückzog, hauptsächlich an die Hotelbar oder den Strand.

Carsten liebte die Frauen und die Frauen liebten ihn. Während sich bei mir die Anschaffung einer Fünfer-Kondompackung als ein äußerst optimistisches Unterfangen, im Hinblick auf die zehntägige Mallorca-Reise darstellte, konnte Carsten diesbezüglich sicherlich einen Mengenrabatt in der Drogerie seines Vertrauens aushandeln. Wahrscheinlich besaß er sogar einen automatischen Aboservice bei einem Onlinehändler für die Verhüterli, die für ihn ein ganz alltäglicher Gebrauchsgegenstand waren.

Es war genau achtzehn Uhr vierzehn als Carsten mit seinem Audi in die Straße einbog. Ich stand bereits nervös vor der Haustüre und blickte immer wieder hektisch auf die Uhr.

„Hey Heiko!“, rief er mir bereits beim Vorbeifahren aus dem Auto entgegen, als er wendete.

„Hallo Carsten!“

Beim Aussteigen blieb sein Blick sofort auf meinen Koffer hängen, der mittlerweile zusätzlich noch mit einem regenbogenfarbigen Kofferband fixiert war, da ich den Verschlüssen alleine nicht so recht traute.

„Was ist das denn?“, fragte er ungläubig.

„Mein Koffer“, entgegnete ich ihm mit entwaffnender Ehrlichkeit.

„Sieht aus wie ein übergroßes Schminkköfferchen.“

Ich ignorierte diese Feststellung, die lediglich seine persönliche Meinung darstellte und hievte das Monstrum in den Kofferraum seines Wagens. Mit einem Geräusch, das auch von einem auf die Erde prallenden Meteoriten hätte stammen können, sank der Koffer in die Tiefen des Gepäckraums. Der Audi machte dabei Geräusche, die darauf hindeuteten, dass die Stoßdämpfer auch schon mal bessere Zeiten erlebt hatten. Carsten, der dieses Schauspiel mit sorgenvoller Mine verfolgte, ging zum Kofferraum, hob den Koffer leicht an, beziehungsweise versuchte es.

„Was hast du denn da alles dabei?“

„Das Allernötigste“, erwiderte ich und dachte noch einmal wehmütig an all die Sachen, die ich zu Hause lassen musste.

Auf dem Flughafen hoben wir den Koffer dann zu zweit aus dem Auto und ich empfahl Carsten, beim nächsten Autokauf auch die Höhe der Ladekante mit in die Kaufentscheidung einfließen zu lassen.

„Was wiegt denn dieses Ungeheuer?“

„Keine Ahnung.“

„Dir ist schon klar, dass du nur zwanzig Kilo frei hast? Für die restlichen Kilos musst du extra löhnen.“

Der Flug

Die Waage beim Einchecken zeigte zweiunddreißig Kilo an und die freundliche Dame am Schalter zauberte ein rotes Schildchen unter ihrem Tisch hervor, auf dem in großen Lettern das Wort Heavy stand, welches sie nun sorgfältig am Griff meines Gepäckstücks befestigte. Nachdem der Koffer von Carsten nur vierzehn Kilo wog, drückte sie beide Augen zu und ich musste nicht mehr bezahlen. Sicherlich hatte auch der kleine Flirt von ihr mit Carsten einen nicht ganz unerheblichen Anteil daran, dass es so lief, wie es lief.

„Du schuldest mir was“, sagte er als wir in Richtung Personenkontrolle gingen.

Nachdem wir dort circa zehn Minuten in der Schlange standen, wurden unsere Reiseunterlagen von einem Mann kontrolliert, der uns musternd ansah.

„Aha, einmal Malle und zurück“, gab er mit einem leicht abwertenden Unterton von sich, so als ob er uns mitteilen wollte, dass ihm gleich klar war, dass unser Reiseziel nicht die Nobelinsel St. Barth in der Karibik war.

Im Anschluss mussten wir uns einer Leibesvisitation unterziehen, die es in sich hatte. Für eine solch gründliche Untersuchung hätte man bei jedem Kassenarzt private Zusatzleistungen in Anspruch nehmen müssen. Nachdem auch meine Handgepäckstasche die Kontrolle überstand, befanden wir uns im Wartebereich des Flughafens. Von dort aus konnten wir bereits den Flieger sehen, der uns gleich Richtung Mallorca bringen sollte. An der Tür zu dem Verbindungsarm, der den direkten Zugang zum Flugzeug ermöglichte, stand bereits eine lange Schlange von Menschen, obwohl das Boarding laut Anzeigetafel erst in gut zehn Minuten starten sollte. Wir gesellten uns zu den Leuten, die sich einen Sitzplatz sicherten, um auf die immer länger werdende Schlange zu blicken und stellten vergnügt fest, wie die Ungeduld der stehend Wartenden immer größer wurde.

Als eine der letzten bestiegen wir das Flugzeug und begaben uns in Richtung Sitzreihe siebzehn, in der sich unsere Plätze befanden. Am Fenster saß bereits eine jüngere Frau, die mir schon vorher in der Schlange aufgefallen war. Sie machte einen sehr nervösen Eindruck und sah mich fast panisch an.

„Hallo!“, begrüßte ich sie kurz und nahm meinen Platz in der Mitte ein, während sich Carsten noch angeregt mit einer blonden Stewardess unterhielt, die absolut seinem Beuteschema entsprach. Auch meine Sitznachbarin brachte ein kurzes „Hallo“ hervor, klang dabei aber nicht sehr entspannt. Ich ließ mich in den Sitz plumpsen, stieß dabei mit meinem Knie am Vordersitz an und rutschte nach hinten, um den sehr eng bemessenen Platz dieses Touristenbombers optimal zu nutzen. Anschließend schnallte ich mich an. In diesem Moment schnappte meine Sitznachbarin mit einem beherzten Griff nach meinem linken Arm und umschloss ihn wie ein Krake. Ich sah sie an, blickte auf meinen linken Arm und richtete meine Aufmerksamkeit dann erneut auf sie, in der Hoffnung eine Erklärung für ihr Verhalten zu bekommen. Ihr Blick war allerdings starr nach vorne gerichtet, zudem konnte ich eine Schweißperle auf ihrer Stirn erkennen.

„Ich glaube Sie haben da gerade die Lehne mit meinem Arm verwechselt.“

„Ich habe Flugangst!“, presste sie kurz und knapp zwischen ihren Lippen hervor.

„Das ist natürlich nicht so schön, es ist aber trotzdem mein Arm.“

„Bitte lassen Sie mich ihren Arm halten, das beruhigt mich. Ansonsten könnte es sein, dass ich in Panik ausbreche.“

Na toll, dachte ich.

„Vielleicht könnten Sie ihren Griff dann zumindest etwas lockern.“

Sie lächelte mich mit einem gequälten Gesichtsausdruck an, lockerte den Griff minimal und bedankte sich, um gleichzeitig ihren Blick wieder starr nach vorne zu richten. Carsten, der seinen kurzen Flirt mit der Stewardess, zumindest für eine Zeit lang unterbrechen musste, zwängte sich nun auch auf seinen Platz und nahm natürlich sofort wahr, wie sich meine Sitznachbarin an mir festkrallte.

Beim Hinsetzen flüsterte er mir zu: „Heiko, du alter Schwerenöter, da lässt man dich einmal aus den Augen und da lachst du dir gleich eine Frau an. Scheint aber ziemlich anhänglich zu sein.“

Ebenfalls im Flüsterton, klärte ich ihn über die Situation auf und wusste sogleich, dass es ein Fehler war, ihm von der Flugangst der Frau zu erzählen. Er schielte an mir vorbei und nahm sie ins Visier, um mir dann wieder zuzuflüstern: „Was macht die denn mit deinem Arm wenn wir erstmal abheben? Panik kann ungeahnte Kräfte freisetzen.“

Er sollte Recht behalten, nachdem das Flugzeug die Rollbahn verließ und sich in die Luft bewegte, spürte ich welche Kraft Panik freisetzen konnte. Ich war froh, dass wir nicht in einem Flieger nach Australien saßen.

„Ihnen ist es wahrscheinlich nicht aufgefallen, aber ihr Griff ist wieder stärker geworden. Könnten Sie ihn vielleicht wieder etwas lockern?“

Ich sah auf die Seitenansicht einer Frau, die immer schneller atmete und dabei Unmengen von Schweiß aussonderte, aber scheinbar nicht in der Lage war, auch nur irgendeine Information aufzunehmen, geschweige denn darauf zu reagieren. So musste ich mich mit dieser Situation arrangieren und hoffte, dass es nicht zu Turbulenzen kam. Diese hätten mit ziemlicher Sicherheit dazu geführt, dass ich mich von meinen linken Arm hätte verabschieden können, da die Blutzufuhr zu meiner Hand bereits jetzt schon, nahezu gänzlich unterbrochen war.

Es bedurfte jedoch keiner Wetterkapriolen, um die Intensität des Würgegriffs, der von Flugangst geplagten Dame in neue Dimensionen zu heben. Ein einziger Spruch meines Freundes zur Rechten reichte hierfür völlig aus. „Oh, das hört sich aber gar nicht gut an“, posaunte er laut genug, dass auch sie es hören konnte. Unterstützend dazu machte er noch eine Geste, indem er seine Hand hinter das Ohr hielt, um scheinbar lokalisieren zu können, woher dieses Geräusch kam, das er da hörte.

Es muss nicht erwähnt werden, dass es kein solches Geräusch gab. Die Aktion verfehlte die von ihm gewollte Wirkung jedoch nicht, denn für solch negative Informationen zeigte sich die schwitzende Frau mehr als aufgeschlossen. Was dazu führte, dass ihr Kleinhirn diese Information sofort verarbeitete und einen direkten Befehl an ihren rechten Arm weitergab. Dieser lautete wohl: Krall dich fest, es geht um dein Leben. Zumindest beschlich mich das Gefühl, dass die Frau nun all ihre Kraft und Energie in das Umklammern meines Unterarmes legte. Ich versetzte Carsten einen Stoß mit dem rechten Ellbogen in die Rippen, worauf er leise grinste.

Von meiner linken Seite aus, vernahm ich immer lauter werdende Atemgeräusche, die auch aus einem billig produzierten Pornofilm hätten stammen können, hier jedoch der Ausdruck purer Angst waren. Mir tat die Frau ja mittlerweile leid, wusste aber auch nicht so recht was ich machen sollte, da sie schier nicht ansprechbar war. Als das Flugzeug die angepeilte Höhe erreichte, entspannte sich auch die Situation zu meiner Linken etwas.

„Es tut mir leid“, presste die Dame hervor.

„Das ist schon okay!“

Das war zwar gelogen, aber ich dachte ich könnte sie damit etwas beruhigen.

„Warum fliegen Sie denn eigentlich, wenn Sie Flugangst haben?“

„Jürgen Drews tritt morgen auf dem Ballermann auf, und da muss ich hin.“

Ich blickte sie ungläubig an, da ich dachte sie wolle mich verarschen, konnte hierfür jedoch keinerlei Anzeichen erkennen.

„Ja, da muss man Opfer bringen“, flüsterte ich vor mich hin.

Während Carsten bereits schon wieder mit der blonden Stewardess anbandelte, löste meine Sitznachbarin ihren Griff komplett und ich konnte meinen Arm etwas ausschütteln, spürte aber Lähmungserscheinungen vom Ellbogengelenk abwärts. Sie kramte einen iPod aus der Tasche und ich konnte erkennen, wie sie aus ihrer Play List Best of Jürgen Drews wählte. Nun setzte sie sich schnell die Kopfhörer auf, um sich dann wieder meinen Arm schnappen zu können. Zu allem Überfluss war die Musik so laut, dass auch ich noch etwas von der fragwürdigen Musik des selbsternannten Schlagerkönigs mitbekam.

Zum Essen gab es Huhn mit Rahmnudeln, welches in kleinen Aluschälchen serviert wurde. Allerdings konnte ich kein Fleisch entdecken, die Suche gestaltete sich mit einer Hand jedoch auch denkbar schwierig. Die Lady neben mir verzichtete auf ihr Essen, somit gab sie natürlich auch meine Hand nicht frei und ich war gezwungen alles einhändig zu machen.

Zur großen Freude von Carsten, der zwischen den Flirtattacken, mit denen er die Stewardess bombardierte, dann immer wieder ein paar Späßchen auf meine Kosten riss. So folgte dann so ein Spruch wie „Hat sie denn eigentlich vorher um deine Hand angehalten?“

oder „Sei froh, dass sie nicht auf die Toilette muss. Da müsstest du dann mitgehen.“

Ich reagierte zunehmend gereizt auf diese Kommentare. „Kümmere du dich mal lieber um deine blonde Saftschubse.“

„Oh, kaum bist du hier in festen Händen, schon wirst du unausstehlich.“

Die Worte feste Hände hob er besonders hervor, was dazu führte, dass ich mich beleidigt von ihm abwendete.

Da zog ich es schon vor, den Gassenhauer Ein Bett im Kornfeld mit dem ich von links beschallt wurde leise mitzusummen, als in irgendeiner Form weiter auf die Bemerkungen meines Kumpels einzugehen.

Der Landeanflug wurde dann noch mal eine Belastungsprobe für meinen linken Arm und die Erleichterung, als sie nach erfolgtem Bodenkontakt ihren Klammergriff löste, war groß. Völlig enthusiastisch klatschte sie, als Zeichen der Anerkennung für den Piloten, uns heil hier hergebracht zu haben, in die Hände. Ihre Angst war schlagartig weg. Ich hatte den Eindruck, dass nun die Vorfreude, oder die Aufregung darüber, dem König von Mallorca bald gegenüberzustehen, in den Vordergrund gerückt war.

Ich war nicht in der Lage, mich an dem Beifallssturm, der auch von anderen Passagieren mitzelebriert wurde, zu beteiligen. Mein linker Arm lag nahezu regungslos auf der Armlehne. Carsten klatschte ebenfalls und forderte zudem lautstark „Zugabe.

Die Ankunft

Nach dem Verlassen des Flugzeugs begaben wir uns direkt zu dem Kofferband. Mich beschlich das Gefühl, dass mein linker Arm weiter nach unten hing als mein rechter, maß diesem Empfinden jedoch nicht allzu viel Bedeutung bei. Entspannt positionierte ich mich am Laufband, wohl wissend dass ich meinen Koffer schnell erkennen würde, und nicht jedem schwarzen Einheitsgepäck hinterher schauen musste. Carsten, der eben einen solchen schwarzen Koffer sein eigen nannte, bekam diesen recht schnell, während ich noch eine ganze Weile an dem Band stand und auf die Luke blickte, wo die neuen Gepäckstücke durchgeschoben wurden.

Beiläufig erinnerte ich mich an eine Fernsehshow mit Karl Dall, die Anfang der Neunziger Jahre lief und den Namen Koffer Hoffer trug und hoffte sogleich, dass mein Koffer nun bald kommen würde. Nachdem mein Gepäckstück als Letztes durch die schwarzen Gummilappen auf das Rollband geschoben wurde, atmete ich erleichtert auf und schnappte mir das gute Stück mit der rechten Hand.

Zusammen gingen wir dann Richtung Ausgang, um Ausschau nach jemanden zu halten, der sich nun vertrauensvoll um uns kümmern konnte. Von der Weite machten wir eine junge Frau aus, die ein Schild unseres Reiseveranstalters in die Luft hielt.

Auf dem Weg dorthin pfiff mir noch ein Mann hinterher, der einen Blick auf meinen Koffer warf und mir dann verführerisch in die Augen sah. Carsten merkte an, dass die Farbkombinationen Lila-Rosa, in Verbindung mit einem Gepäckband in Regenbogenfarben, wohl missverständlich gedeutet werden konnte.

Wir wurden von der jungen Frau mit dem Schild begrüßt. Mir fiel sofort ihr österreichischer Dialekt auf. Ich kramte unsere Reiseunterlagen aus der Tasche und überreichte sie der Dame.

Nachdem Carsten scheinbar keine seiner gefürchteten Flirtattacken in Richtung der zierlichen Frau richtete, übernahm ich dieses Mal diesen Part. „Sie kommen aus Österreich? Meine Mutter ist auch Österreicherin, ich habe sogar einen österreichischen Pass. Lebe aber schon sehr lange in Bayern.“

Natürlich konnte ich nicht erwarten, dass sie vor lauter Freude über diese Erkenntnis aus dem Schlüpfer hüpfen würde, oder zumindest eine La-Ola-Welle anstimmte, war aber schon etwas enttäuscht darüber, dass als Reaktion nur ein kurzes gequältes Lächeln kam.

Sie wies uns den Weg Richtung Busparkplatz und drückte mir die Unterlagen wieder in die Hand.

„Habts an scheenen Afenthaaalt“, gab sie uns mit auf den Weg.

Ich schenkte ihr jedoch keinerlei Aufmerksamkeit mehr, da ich noch immer von ihrer gelangweilten Art enttäuscht war.

„Über das Flirten muss ich dir noch einiges beibringen“, sagte mir Carsten, als wir uns auf den Weg zu dem Parkplatz machten.

Dort angekommen, tummelten sich bereits mehrere Menschen um das Gepäckfach des Busses, welches unter den Sitzreihen offen stand und von dem Busfahrer fachmännisch beladen wurde. Ich und Carsten mussten noch ein wenig warten, da unser Hotel wohl als Erstes angefahren werden sollte. Folglich musste unser Gepäck zum Schluss verladen werden. Nachdem der Fahrer Carstens Koffer untergebracht hatte, schnappte er sich mein gutes Stück und wollte es locker mit einer Hand anheben, was natürlich nicht gelang.

„Joder“, stieß er innbrünstig auf Spanisch aus und ließ den Koffer wie eine heiße Kartoffel los. Demonstrativ schob er beide Armgelenke von hinten in den unteren Rücken. Er stöhnte dabei leidvoll auf, um mir zu verdeutlichen, dass er offensichtlich unter Kreuzschmerzen litt. Hilfesuchend blickte ich mich nach Carsten um, der jedoch bereits im Bus verschwunden war. So stand ich nun da und versuchte den Koffer in das Gepäckfach zu hieven, wobei meine linke Hand nach wie vor nutzlos herunterhing und sich völlig kraftlos anfühlte. Ich musste den Koffer nun auch noch auf alle anderen legen, da am Boden kein Platz mehr war. Der Busfahrer schaute mir interessiert bei meinen Bemühungen zu, ein über dreißig Kilogramm schweres Monstrum, quasi mit einer Hand unter Zuhilfenahme meines angewinkelten Knies in den Bus zu buxieren. Es kostete mich viel Mühe und einiges an geschickter Akrobatik um dies zu schaffen, aber es gelang mir und schließlich lag der Koffer auf den anderen. Mit dieser Nummer hätte ich wahrscheinlich auch in jedem Zirkus auftreten können.

Triumphierend blickte ich in Richtung Busfahrer, neben dem mittlerweile noch ein Kollege stand, der mir mit verschränkten Armen zusah und anerkennend nickte.

Ich bestieg den Bus und der Blick der meisten Fahrgäste war auf mich gerichtet. Man wartete scheinbar nur noch auf mich, und entsprechend genervt wirkten einige der Insassen.

Der Bus war rappelvoll und ich hielt Ausschau nach Carsten, als es einen Ruck machte und ich durch das abrupte Anfahren des Busses das Gleichgewicht verlor. Dabei fiel ich beinahe auf einen Mann, der mich erschrocken ansah. Mit meinem funktionsfähigen Arm konnte ich jedoch verhindern, dass ich in seinem Schoß landete, indem ich mich rasch an der Sitzlehne abstützte. Ich erblickte Carsten in der letzten Reihe und wankte zu ihm.

„Wo warst du denn so lange?“

Ich ersparte mir die Erklärung, da dies sicherlich wieder einen Kofferwitz mit sich gebracht hätte, über den ich sicher nicht lachen konnte.

Nach nicht einmal fünf Minuten Fahrt erreichten wir den ersten Halt und der Fahrer rief den Namen unseres Hotels in den Fahrgastraum. Außer mir und Carsten verließ den Bus niemand. Dieses Mal half mir Carsten gnädigerweise beim Herausheben des Koffers. Der Busfahrer zeigte uns den Weg zu unserem Hotel, das in einer Einbahnstraße lag. In diese konnte der Bus nicht fahren, somit waren wir gezwungen, über einen engen Fußweg zu dem Hotel zu laufen. Dabei handelte es sich um einen Komplex, der wohl im Laufe der Jahre aus verschiedenen Gebäuden zusammengewachsen war.

An der Rezeption wurden uns die Zimmer zugewiesen. Ich und Carsten waren in zwei verschiedenen Gebäudekomplexen untergebracht, somit trennten sich unsere Wege nun fürs Erste. Mein Zimmer lag im vierten Stock eines Nebengebäudes. Es war jedoch nur über eine ziemlich enge Treppe zu erreichen, die sich recht steil nach oben zog. Das Ganze bedeutete Krafttraining pur für meinen rechten Arm. Den linken schonte ich zur Sicherheit, da dieser sich noch immer taub anfühlte.

Carsten und ich verabredeten uns für zweiundzwanzig Uhr, da wir noch etwas essen wollten.

Wir hatten zwar Halbpension gebucht, da das Hotelrestaurant jedoch bereits geschlossen war, mussten wir uns außerhalb etwas suchen.

Immer wieder machte ich auf dem Weg nach oben eine kleine Pause, um mich von dem Aufstieg, samt dem schweren Anhängsel zu erholen. Schließlich oben angekommen, betrat ich erschöpft das Zimmer, das die nächsten zehn Tage mein Quartier sein sollte.

Ich blickte in einen großen Raum, in dem ein Doppelbett stand, links führte eine schmale Tür ins Bad. Der erste Eindruck war gut und ich ließ mich erst einmal auf das Bett fallen. Ich fiel tiefer als erwartet und wähnte mich nun in einer Hängematte. Die Matratze hatte zweifelsohne schon bessere Zeiten erlebt.

Mein nächster Blick fiel auf ein recht kitschiges Bild an der Wand, auf dem ein Strand und das Meer zu sehen war. Bei längerer Betrachtung taten einem jedoch die Augen weh, da der Künstler, der sich für dieses Werk verantwortlich zeigte, kein Fan von weichen Farben war, sondern eher die grellen Töne bevorzugte. Dies passte aber irgendwie gar nicht zu dem romantischen Motiv. Durch die grellen Farben, die schon in Richtung Neon gingen, wirkte dieses Bild unruhig.

Nun ist das bei Kunst immer so eine Sache und so stellte ich mir die Frage, warum der Künstler sich für diese grellen Farben entschied. Vielleicht wollte er damit eine Botschaft vermitteln, eine Art Warnsignal an die Menschheit. Denn dieses Gemälde wirkte alles andere als natürlich. Es kam übertrieben künstlich rüber und vielleicht sollten die grellen Farben ja auch den Einfluss des Menschen auf die Natur signalisieren. Mein zugegebener Maßen nicht ganz fachmännisches Urteil lautete jedoch abschließend, dass es sich um einen ziemlich miesen Maler handeln musste. Offenbar entschied dieser sich einfach für die billigsten Farben, ohne sich lange von irgendwelchen Gedankengängen inspirieren zu lassen.

Ich kämpfte mich wieder aus dem Bett, das kurz davor war, mich komplett zu verschlucken und öffnete die Balkontür. Ein lautes Geräusch ließ mich zusammenzucken. Direkt über dem Hotel schob sich gerade ein Flugzeug in den Himmel. Na toll, dass war also mit der guten Anbindung zum Flughafen gemeint.

In der Tat war der Anfahrtsweg vom Flughafen kurz. Der Lärm der Flieger, die hier das Hotel überquerten war jedoch auch nicht ohne. Ich blickte auf den Innenhof, indem sich ein nicht allzu großer Pool befand.

„Heiko“, hörte ich es aus der Ferne.

Ich blickte zu dem gegenüberliegenden Gebäude und sah dort Carsten. Dieser stand ebenfalls auf seinem winzigen Balkon und verschaffte sich einen Überblick. Ich winkte zurück und sah mich weiter um. Die gut beleuchtete Hotelanlage erlaubte es mir auch, ein bisschen was von der Umgebung zu sehen. Ein Gebäude reihte sich hier an das nächste.

Zurück im Zimmer, öffnete ich meinen Koffer, der erleichtert aufsprang und den Inhalt freigab.

Ich schnappte mir kurz meinen Kulturbeutel und verschwand im Bad, um mich frisch zu machen. Diese Räumlichkeit war relativ schlicht eingerichtet und ziemlich klein. Am hinteren Ende befand sich eine kleine Sitzbadewanne, die hinter einem leicht vergilbten Duschvorhang versteckt war und alles in allem nicht besonders einladend aussah.

Nachdem ich mich am Waschbecken frisch gemacht hatte, ging ich wieder zur Rezeption. Dort stand Carsten bereits und wartete.

„Und wie ist dein Zimmer?“, fragte er.

„Es ist okay, nur die Matratze ist etwas mitgenommen.“

Gemeinsam gingen wir Richtung Strandpromenade, die etwa fünfhundert Meter vom Hotel entfernt war und ich atmete einmal tief durch, um den würzigen Duft des Meeres aufzusaugen. Das war nun Urlaubsfeeling pur. Nach ein paar Schritten landeten wir am Beginn des großen Strandabschnittes, der auch gleichzeitig das Ende des berühmt berüchtigten Ballermanns bildete. Ich freute mich bereits darauf, am nächsten Tag in die Fluten des Mittelmeeres einzutauchen, um dann meinen erholungsbedürftigen Körper auf Entspannungsmodus schalten zu können.

Schließlich landeten wir in einer Pizzeria, in der wir zu Abend aßen. Diese befand sich direkt an der Promenade und bot uns einen direkten Meerblick. Zudem konnten wir die vorbeiflanierenden Menschen beobachten.

Ich sah, wie Carsten mit einem breiten Grinsen zu der Feststellung gelangte, dass hier eine Menge an attraktiven Frauen unterwegs war. Seine Vorfreude galt der anstehenden Eroberung, der einen oder anderen Singlefrau. Zu meiner Überraschung beließ er es jedoch dabei zu schauen. Normalerweise wäre er bei einem solchen Aufmarsch von aufgebrezelten Grazien, die hier die Strandpromenade entlang schlenderten, sofort zur Tat geschritten.

Ich vermutete jedoch, dass genau dieser Zustand meinen Kumpel überforderte, da er nicht wusste, welche er als Erste anbaggern sollte. Er wurde offenbar Opfer einer Reizüberflutung, die dazu führte, dass sein Körper diese visuellen Eindrücke nicht schnell genug verarbeiten konnte um darauf, in für ihn angemessener Art und Weise zu reagieren. Ich war mir jedoch sicher, dass dies nur eine vorübergehende Phase war und er sehr schnell wieder zu alter Stärke finden würde. Mein Arm erholte sich immer mehr, denn ich war schon in der Lage die Gabel zu halten und sie auch entsprechend einzusetzen.

Nach ein paar Bierchen ließen wir den ersten Abend gemütlich ausklingen und gingen wieder auf unsere Zimmer. Dort widmete ich mich meinem Kofferinhalt und räumte die Sachen fein säuberlich ein. Ich positionierte meine mitgebrachten Badeentchen in der Sitzbadewanne und machte es mir auch sonst gemütlich. Anschließend ging ich ins Bett und versank in diesem wieder. Ich wälzte mich ein paar Mal hin und her, bis ich die richtige Position fand, um gut schlafen zu können. Die Wirkung des spanischen Biers unterstützte mich dabei vorzüglich und ließ mich dann doch rasch einschlummern.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und wusste nicht, wie ich mich bewegen sollte. Mein Kreuz schmerzte und ich fühlte mich wie ein Marienkäfer, der auf dem Rücken lag. Mit leichten Schaukelbewegungen versuchte ich mich aus dieser Position zu befreien, was mir nach gewisser Zeit auch gelang. Nun lag ich mit gekrümmtem Rücken auf der Seite und schob meine Beine aus dem Bett, während ich mich mit Schwung aufsetzte. Ich kam mir vor, als ob ich über Nacht um sechzig Jahre gealtert war. Träge streckte ich meine Arme nach oben und versuchte meine verschobenen Wirbel wieder in eine Linie zu bekommen. Langsam schlich ich ins Bad, um mich zu duschen.

Nachdem ich einen Tag zuvor noch über diese Sitzbadewanne lächelte, wusste ich diese nun zu schätzen. Zielstrebig griff ich nach dem Duschkopf und setzte mich hin, während ich das Wasser aufdrehte. Es kam ein eiskalter Strahl heraus und ich kurbelte hektisch an dem Regler, der es ermöglichen sollte, die ideale Temperatur zu finden. Dies gestaltete sich jedoch als sehr schwierig. Entweder kamen Eisklumpen aus diesem Ding gebröckelt, oder es ergoss sich so etwas wie heiße Lava über meine Haut. Wärme hätte meinem Rücken sicherlich gut getan, dennoch wollte ich nicht mit Verbrennungen zweiten Grades in ein spanisches Krankenhaus eingeliefert werden.

Nach einer unfreiwilligen kneippschen Wechseldusche, mit gefühlten Temperaturunterschieden, die bei circa fünfzig Grad gelegen haben dürften, kroch ich aus der Dusche heraus und war einem Kreislaufkollaps nahe.

Gerne hätte ich mich kurz auf das Bett gelegt, um mich auszuruhen, wollte dort aber nicht wieder bis zum Boden versinken, somit befand ich mich in einem Teufelskreis.

Ich setzte mich schließlich kurz in einen der beiden Plastikstühle auf dem Balkon und ließ meinen Blick über die Anlage schweifen, während erneut ein Flugzeug über meinem Kopf die Insel verließ und schätzungsweise um die zweihundert erholte Passagiere in ihre Heimat zurückbrachte.

Kurz darauf kam Carsten. Er machte einen fitten Eindruck, hatte somit eine bessere Matratze, oder einen belastbareren Rücken.

Während er das Zimmer begutachtete, stellte er fest, dass ich es mir schon richtig gemütlich gemacht hatte. Allerdings merkte er an, dass sein Zimmer moderner eingerichtet war. Auch sein Blick blieb eine Zeit lang auf dem farbenfrohen Bild an der Wand hängen, bevor er sichtlich irritiert zur Seite blickte, um seinen Augen eine kurze Erholung zu gönnen.

Eins musste man dem Künstler dieses Schinkens ja lassen, er schaffte es mit dem Bild Aufmerksamkeit zu erwecken.

Sein Rundgang führte ihn schließlich auch ins Bad. „Du hast aber nicht deine Badeentchen mitgebracht?“

Ich reagierte nicht auf diese Frage, da alleine die Tatsache, dass er die Entchen bereits in Augenschein genommen hatte, ihm ja schon eine ergiebige Auskunft darüber gab. Außerdem hatte er sich schon oft genug über diese kleinen bunten Plastikvögel lustig gemacht und ich konnte gut darauf verzichten, noch weitere Spitzfindigkeiten diesbezüglich über mich ergehen lassen zu müssen. In der Tat bereiteten mir die drei Quitschtierchen am Morgen wenig Freude, da ich erfolglos mit der Regulierung der Wassertemperatur beschäftigt war.

Carsten besaß keinerlei Verständnis dafür, dass man es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich machen wollte. Er selber lebte in einer Wohnung, die den Charme eines Rohbaus vermittelte und jegliche Wärme vermissen ließ.

Hätte Tine Wittler diese vier Wände je betreten, wäre sie vor ihrem Lebenswerk gestanden, für das sie nach erfolgreicher Arbeit wahrscheinlich so eine Art Einrichtungs-Oskar erhalten hätte.

„Hast du schon mal runter zum Pool geschaut? Da haben doch die Spackos schon ihre Handtücher auf allen Liegen ausgebreitet, aber keiner liegt drauf. Am liebsten würde ich die alle nehmen und in den Pool schmeißen.“

Ich blickte runter, und in der Tat waren alle Liegen mit Handtüchern belegt, ohne dass auch nur einer auf ihnen lag.

„Ich glaube die ersten haben ihre Tücher schon so gegen sechs Uhr dort ausgebreitet, das ist doch krank?“, fragte er mich.

„Ja, da hast du Recht!“, pflichtete ich ihm bei.

Auch ich konnte wenig Verständnis für diese deutsche Paradedisziplin aufbringen, bei der man andere Nationalitäten um Längen schlug. Wie gut, dass ich zur Hälfte Österreicher war.

Carsten zog etwas aus der Hosentasche und warf es auf das Bett.

„Da, das habe ich auf dem Flughafenklo aus so einem Automaten. Ist so eine Art Überraschungsei für Erwachsene. Da ist eine Travel Pussy drin. Ich denke nicht, dass ich die hier brauche.“

Ein süffisantes Lachen rundete den Satz ab. Ich nahm das Erwachsenen Ü-Ei, beäugte es kurz und warf es in den Koffer.

Flirtkunde

Wir gingen zur Rezeption, um uns nach dem Frühstückraum zu erkundigen.

Vor uns stand ein kleinerer, aber kräftig gebauter Mann, mit leicht speckigen Haaren, der ein Feinrippunterhemd trug. Dazu passend, weiße Socken, deren Bund die Farben schwarz, rot, gold zierten.

Die Tatsache, dass er Socken trug, hielt ihn jedoch nicht davon ab, seine Füße in schwarze Leder-Flip-Flops zu quetschen. Er presste ein „Essen“ über seine Lippen. Ich rätselte, ob er der Rezeptionistin kurz und knapp vermitteln wollte, dass er die Perle des Ruhrgebiets seine Heimat nannte, oder sein Magen auf halb Acht hing und er erst wieder nach der Plünderung des Frühstücksbüffets über einen umfangreicheren Sprachschatz verfügen würde.

Die Dame an der Rezeption zeigte dem wortkargen und obendrein griesgrämig dreinblickenden Männchen den Weg zum Frühstücksraum und wir folgten ihm unauffällig. Dort angekommen kläffte er einer Bedienung „Kaffee“ entgegen und setzte sich an einen Tisch.

Voller Vorfreude auf ein abwechslungsreiches Frühstück begab ich mich an das Büffet, um mir einen Überblick zu verschaffen. Dies gelang recht rasch, da man hier wohl nach der Devise Weniger ist mehr verfuhr und diese auch sehr konsequent umsetzte. Carsten brachte es auf den Punkt indem er feststellte: „Das kann doch nicht alles sein.“

Dann hob er doch tatsächlich die Tischdecke des Büffettisches an, um zu schauen, ob sich vielleicht noch ein paar Köstlichkeiten darunter befanden. Außer einer dicken Staubschicht und zwei leblosen Kakerlaken war hier jedoch nichts zu sehen. Die Vermutung lag nahe, dass die Tiere einen grausamen Hungertod starben. Somit begnügten wir uns mit den vorhandenen Sachen und vertrösteten uns damit, dass wir so zumindest nicht zunehmen würden. Die Gefahr einer Herzkreislauferkrankung durch übermäßigen Kaffeegenuss war auch nicht gegeben, denn dieser schmeckte nach eingeschlafenen Füßen. Dies störte den in Schiesser-Oberbekleidung gehüllten Tischnachbarn jedoch wenig. Er orderte noch einmal nach und schien sich einzig und alleine von der braunen Brühe zu ernähren, die man hier Kaffee nannte, andernorts aber wahrscheinlich als Altöl deklariert worden wäre.

Carsten nutzte die Möglichkeit des gemeinsamen Frühstücks, um mir wie bereits angekündigt, einen Crashkurs in Sachen Flirten zu geben.

„Das da gestern mit der Reiseleiterin war ja wohl ein derber Reinfall“, stellte er fest.

Ich nickte. „Die war halt schlecht drauf."

„Ja, weil du sie gelangweilt hast, außerdem kommt es auf die Körpersprache an. Du bist vor ihr gestanden, wie jemand der hauptberuflich in der Geisterbahn kleine Kinder erschreckt.“ „Ich habe meinen linken Arm nicht gespürt, da ist es ja auch kein Wunder, dass ich wie Quasimodo vor ihr stand.“

Carsten ging auf die Erklärung erst gar nicht ein: „Du musst da ganz anders auftreten. Brust raus, Bauch rein und mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. Bei mir klappt das fast immer.“

Dies entsprach sogar der Wahrheit, denn er flirtete bei fast jeder Gelegenheit, die sich ihm bot und nicht selten wurde aus den Flirts dann auch mehr.

„Selbstbewusstsein ist wichtig. Du musst überzeugend auftreten und gar nicht darüber nachdenken, was ist wenn sie dich abblitzen lässt. Diese Option darfst du ihr gar nicht erst lassen! Rede nicht zuviel, zumindest am Anfang, schau ihr tief in die Augen. Du musst mit ihren Augen spielen! Fixiere sie! Gib ihr das Gefühl, dass das Einzige was dich gerade interessiert, sie ist. Alles andere ist in diesem entscheidenden Moment der Anmache erst einmal unwichtig. Es kommt auf den ersten Eindruck an. Es gibt keine zweite Chance. Klar gibt es zwar ein paar Frauen, die auf deine gestrige Anmache eingestiegen wären, das wäre jedoch pures Mitleid gewesen. Die Frauen sollen dich aber begehren und nicht bemitleiden.“

Er untermauerte seine Theorie mit den Blicken dadurch, indem er mich ansah und mit seinen Augen spielte. In der Tat besaß sein Blick etwas Anziehendes, allerdings verfügte er auch schon über jahrelange Routine. Zudem konnte er mit Erfolgserlebnissen aufwarten, die sich sehen lassen konnten. So war es also nicht verwunderlich, dass er auch über das nötige Selbstbewusstsein verfügte, um das Ganze glaubhaft rüber zu bringen.

Ich bemerkte wie unser kaffeetrinkender Tischnachbar uns einen abfälligen Blick zuwarf. Offenbar deutete er die Gestik meines Kumpels als ein Anwerben um mich.

„Okay, ich werde deine Tipps beherzigen.“

Ich nahm mir zumindest vor, erst mal vor dem Spiegel zu üben, schließlich machte Übung ja den Meister. Carsten war in der Beziehung ein Meister und er war bereit mich dabei zu unterstützen, es ihm gleichzutun. Diese einmalige Möglichkeit wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

„Hier auf Malle hast du die Chance was zu reißen, glaub mir! Das ist hier das Paradies auf Erden, die Mädels sind locker drauf. Die sind erholt, da hast du ganz leichtes Spiel.“

Carsten glühte vor Begeisterung, als er mir von den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten vorschwärmte, die hier auf der Insel auf mich lauerten. Aus dem Crashkurs in Sachen Anbandlung wurde nun eine Art Motivationstraining. Es fehlte nur noch, dass er ein Tschaka, du schaffst es! durch den Speisesaal gebrüllt hätte.

Ich beschloss das Thema zu wechseln, da ich befürchten musste, dass als Nächstes ein paar Übungen am lebenden Objekt anstanden.

„Was wollen wir denn heute machen?“, fragte ich Carsten.

„Lass uns doch an den Strand gehen. Am Pool ist ja eh kein Platz mehr.“

Ich hielt dies für eine gute Idee und willigte ein. Wir stärkten uns noch mit ein paar trockenen Semmeln, die wir mit einer Art Salami belegten, deren Farbe völlig unnatürlich wirkte. Scheinbar handelte es sich um eine Wurst, die in einem Versuchslabor hergestellt wurde und noch nie eine Metzgerei von innen sah. Auch geschmacklich erinnerte diese grellrote Pseudowurst eher an ein Produkt, das aus diversen Altplastikteilen recycelt wurde und nun als Salami wieder in den Umlauf kam. Unter Umständen bezogen die Hersteller dieser Salami die Farbzusatzstoffe aus derselben Quelle, wie der eher untalentierte Maler, der für den Wandbehang in meinem Zimmer zuständig war. Ich erkannte hier zumindest Parallelen in Bezug auf die Farbintensität.

Nachdem ich mich wieder die engen Stufen in den vierten Stock hoch gequält und mich an einem Putzwagen im Gang vorbei geschlängelt hatte, hielt ich erst mal meine morgendliche Sitzung auf der spanischen Toilette ab.

Dabei ließ ich noch einmal Revue passieren, was mir Carsten gerade alles in Windeseile vermittelte. Mir war klar, dass der Schlüssel zum Erfolg sicher im Selbstbewusstsein lag. Wie sollte eine Frau an mich glauben, wenn ich selber nicht an mich glaubte. Voller Tatendrang und hochmotiviert erhob ich mich von der Kloschüssel und begab mich zum Schrank, um meine Badeklamotten zu holen.

Ich schlüpfte aus meiner Kleidung, um mir die Badehose anzuziehen. Während ich sie suchte, hörte ich ein Geräusch an der Tür und tastete hektisch nach der Badehose, die ich schlussendlich auch unter dem Badehandtuch fand. Ich hörte das Klacken eines Schlüssels, der in einem Schloss bewegt wurde. Eiligst stieg ich mit meinem rechten Bein in die Öffnung der Badehose, um diese anzuziehen. Unterdessen öffnete sich die Zimmertür und ich blickte erschrocken in die Augen einer dunkelhäutigen Putzfrau, die eine ziemlich robuste Figur besaß. Da ich gerade dabei war in die zweite Öffnung der Badehose zu schlüpfen, aber nun durch den unerwarteten Gast abgelenkt war, hüpfte ich nach Gleichgewicht suchend auf der Stelle. Ich schaffte es jedoch nicht, mein linkes Bein in die Öffnung zu buxieren.

Die resolut blickende Putzfrau machte auch keine Anstalten das Zimmer zu verlassen, damit ich mich würdevoll aus dieser peinlichen Situation befreien konnte. Im Gegenteil, sie sah mich an und konnte sehr wohl erkennen, wie mein kleiner Freund durch die Hüpfbewegungen hoch und runter schwang. Im Zipfelklatscher-Boogie hüpfte ich Richtung Bett, und drehte mich springend um einhundertachtzig Grad, um mich dort auf der Kante niederzulassen. Dabei kippte ich jedoch nach hinten weg und versank in den Tiefen des Bettes. Es kostete mich einiges an Mühe, mich wieder aus diesem heraus zu stemmen. Anschließend gelang es mir, die Badehose anzuziehen. Rasch zog ich mich weiter an und packte die restlichen Badesachen, um fast fluchtartig das Zimmer zu verlassen. Vorbei an der Putzfrau, die mich anschaute als ob ich gerade einem Raumschiff entstiegen wäre. Sie schien etwas enttäuscht zu sein, dass meine Galavorstellung bereits zu Ende war. Das Selbstbewusstsein das ich gerade während meiner Sitzung auf der Kloschüssel hatte, war nun natürlich wie weggeblasen. Auch mein Tatendrang, nun eine Frau am Strand anzusprechen, war vorerst gebremst.

Erster Tag am Strand

Am Strand angekommen, suchten wir uns einen Platz direkt am Wasser, während Carsten bereits beim Hinweg schon Ausschau nach weiblichen Strandbesucherinnen hielt. Zufrieden stellte er fest, dass es auch einige attraktive Singlefrauen gab, die es sich lohnte anzusprechen. Noch am Vorabend hätte er fast eine Halsstarre bekommen, bei dem Versuch jeder Frau hinterher zu schauen, die halbwegs in sein Beuteschema passte. Nun sondierte er die Lage jedoch wesentlich entspannter. Somit brauchte er sich also keine Gedanken machen, wie er die nächsten zehn Tage verbringen würde. Ich war froh ein eigenes Zimmer zu haben, in das ich jederzeit gehen konnte, ohne darauf Rücksicht nehmen zu müssen, ob Carsten dort mit einer neuen Bekanntschaft die Matratze noch weiter durchritt.

Während er bereits schon Blickkontakt mit einer dunkelhaarigen Schönheit aufnahm, die drei Meter von uns entfernt lag und ihren gebräunten Body zur Schau stellte, schickte ich mich an, die Schatten spendende Strandmuschel aufzubauen. Diese hatte ich kurz vor dem Urlaub bei einem Discounter käuflich erworben. Hierzu mussten drei Stangen, die man vorher noch jede für sich zu einem langen Gebilde zusammenstecken musste, in die Laschen der farbenfrohen Plane geschoben werden. Diese würde mir dann im gespannten Zustand einen willkommenen Rückzugspunkt, für meinen von der Sonne geplagten Körper, bieten. Da die Längsstange dieser raffiniert ausgetüftelten Zeltkonstruktion eine geschätzte Länge von circa vier Metern hatte, lag es auf der Hand, dass der Aufbau nicht so reibungslos funktionierte, wie es die beigelegte Anleitung versprach. Ich schob also das eine Ende dieser Stange, in die Lasche der linken Außenseite der Muschel, um dann diese Stange auf Spannung zu halten. Anschließend ging ich damit zu der anderen Außenseite, um auch das andere Ende in einer solchen Lasche zu fixieren. Dazu musste ich den unhandlichen Viermeterstab jedoch biegen, damit ich dessen Ende überhaupt in den Bereich der zweiten Lasche bekam.

Es kam wie es kommen musste, kurz bevor ich den Stab in die winzige Lasche schieben konnte, sprang er bereits auf der anderen Seite wieder raus und zog die Plane der Muschel mit nach oben, da diese auch schon mittig mit einem Band befestigt war.

„Willst du einen Drachen steigen lassen?“, fragte mich Heiko, der nun zu mir blickte und mir dabei zusah, wie ich mit der Strandmuschel kämpfte.

Er konnte sich sogar für einen Moment von seiner Eroberung losreißen, mit der er bereits in ein Gespräch vertieft war und half mir dabei die Muschel aufzubauen. Zu zweit war das Ganze auch kein Problem. So gelang es uns, innerhalb kürzester Zeit, die Strandbehausung aufzustellen. Ich schob die beigelegten Metallheringe in den Boden, die mit spielerischer Leichtigkeit in dem hellen Sand verschwanden und schon konnte ich Besitz von meinen eigenen schätzungsweise zwei Quadratmetern Strand einnehmen.

„Gab es denn da keine anderen Motive?“, fragte mich Carsten gewohnt kritisch, in Andeutung auf Winnie Puh, der auf der gespannten Außenhaut der Muschel zu sehen war.

„Doch, die hatten auch noch Prinzessin Lillifee. Hätte dir das besser gefallen?“, fragte ich leicht provokant, in der Annahme schlagfertig genug gewesen zu sein, um seiner Anspielung etwas entgegenzusetzen. Carsten wäre jedoch nicht Carsten, wenn ihm darauf nichts mehr eingefallen wäre. „Hätte zumindest besser zu deinem Koffer gepasst.“

Ich warf ihm einen beleidigten Blick zu, während er sich lachend umdrehte, um sich wieder den angenehmen Dingen des Lebens zu widmen.

Nachdem ich mich mit einer Dreißiger Sonnencreme einbalsamiert hatte, begab ich mich ins Wasser. Carsten war bereits bei seiner neuesten Eroberung und ließ sich von ihr eincremen. Manchmal beneidete ich ihn darum, wie spielerisch leicht es ihm fiel, Kontakt zu den schönsten Frauen aufzunehmen.

Vielleicht können mir die Tipps, die er mir gab, ja wirklich helfen, dachte ich.