Einmal Marathon - Timo Mäkitalo - E-Book

Einmal Marathon E-Book

Timo Mäkitalo

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Beschreibung

"Geduld, Demut und Wille. Nur damit kommst du ins Ziel." So lautet der Rat seines Trainers, als Simon zu seinem ersten Marathonlauf antritt. Sein Ziel ist die Festhalle in Frankfurt am Main. Doch während seiner Vorbereitung verliert seine Freundin Anna ihre Arbeitsstelle und braucht ihn mehr denn je. Simon richtet sein Leben immer mehr auf den Sport aus und wird am Ende vor die Entscheidung gestellt: Zieleinlauf auf dem roten Teppich oder Versöhnung mit Anna? Der Roman erzählt vom Marathonlauf, was wir dabei denken und was andere über uns denken.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über den Autor:

Timo Mäkitalo, geboren 1985, ist seit fünfundzwanzig Jahren Läufer. Als Kind lief er für sein Taschengeld, als Jugendlicher für Medaillen und heute für sich. Seinen ersten Marathon finishte er 2016 in Frankfurt in mehr als drei, aber weniger als vier Stunden. Sein ursprüngliches Laufrevier liegt um den Großen Feldberg im Taunus. Heute lebt, arbeitet und läuft er in Augsburg.

Man findet ihn auf Instagram (@lauftimolauf) und auf Strava.

Für Simone: Mit Dir stand ich am Start.

Für Svenja: Mit Dir komme ich ins Ziel.

Inhaltsverzeichnis

STARTLINIE

KAPITEL EINS: LAUFTREFF

KILOMETER SECHS OPERNPLATZ

KAPITEL ZWEI: GRUNDLAGENAUSDAUER

KILOMETER FÜNFZEHN KENNEDYALLEE

KAPITEL DREI: DAUERLAUF

HALBMARATHON GOLDSTEIN

KAPITEL VIER: WETTKAMPF

KILOMETER SIEBENUNDZWANZIG BOLONGAROSTRAßE

KAPITEL FÜNF: TANZFLÄCHE

KILOMETER EINUNDDREIßIG MAINZER LANDSTRAßE

KAPITEL SECHS: LANGER LAUF

KILOMETER SECHSUNDDREIßIG GÜTERPLATZ

KAPITEL SIEBEN: GÜTERPLATZ

KILOEMTER VIERZIG FRESSGASS

KAPITEL ACHT: VORBEREITUNG

ZIELEINLAUF

NACHWORT

STARTLINIE

Nur nicht nervös werden.

Ich schaue mich um und fahre mir durchs Haar, bücke mich und prüfe die Schnürsenkel. Genau richtig, nicht zu fest und nicht zu locker, wie vor fünf Minuten. Ich ziehe an meinem Shirt, an dem die Startnummer befestigt ist.

Nicht nervös werden? Das sagt sich so leicht. Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich in diesem Pulk von Menschen, und warte auf den Startschuss. Die Spannung ist greifbar. Manche tippeln auf der Stelle, andere zuppeln unentwegt an ihrer Kleidung. So wie ich. Nun fährt mein Gedankenkarussell wieder los. Es ist mein erstes Mal und ich weiß nicht, was mich erwartet. Werde ich es schaffen? Bin ich ausreichend vorbereitet? Werde ich zu schnell loslaufen? Was passiert, wenn ich einbreche?

Nur nicht nervös werden.

Ich murmele leise mein Mantra und schaue auf die Uhr. Es ist kurz vor zehn. In wenigen Minuten wird sich die Menschenmasse nach vorne bewegen.

Hinter mir stehen zwei Läufer, die sich entspannt über das unterhalten, was uns bevorsteht. Da es so eng im Startbereich ist, kann ich nicht nur alles mithören, ich kann sogar die Vaseline riechen, mit der sie sich eingeschmiert haben.

«Was ist dein Plan für heute?»

»Ankommen.«

Für mich auch. Erst mal loslaufen und dann weiterschauen. Ich will am Anfang in der Menge mitschwimmen, um Kräfte zu sparen. Hinten raus, auf den letzten zehn bis fünfzehn Kilometern, wird es schwer genug.

»Ich peile drei Stunden zehn an, wenn alles gut läuft. Aber anfangs orientiere ich mich an den Pacemakern für drei fünfzehn.«

»Wo sind die eigentlich? Hast du die schon gesehen?«

Ich schaue wieder auf die Uhr. Es geht gleich los und von den Pacemakern keine Spur. Normalerweise sollte ich ihre gelben, mit Helium gefüllten Ballons über den vielen Köpfen ausmachen können. Ich will mich an ihnen orientieren, das habe ich mir vorgenommen. Dass ich sie nicht sehe, steigert meine Unruhe. Nicht nervös werden, sage ich mir. Die tauchen schon noch auf. So lange laufe ich einfach den anderen hinterher.

Ich lasse meinen Blick umherschweifen. Immer noch kommen viele Läufer aus der Festhalle, um sich ihren Platz im Startbereich zu suchen. Ich stehe im ersten Block, der um Punkt zehn Uhr startet. Die folgenden Blöcke werden in Abständen von jeweils fünfzehn Minuten auf die Strecke geschickt, in der Hoffnung, dass sich das Feld entzerrt und weniger Staus entstehen. Da ich momentan weit hinten warte, muss ich dennoch mit einem dichten Gedränge rechnen. Es wird mindestens einen Kilometer dauern, bis ich frei laufen kann, ohne dabei ständig angerempelt zu werden. Einen Vorteil hat die Menschenmenge aber. Trotz der kühlen Temperaturen friere ich nicht. Joachim hat mich davor gewarnt, mich zu dick anzuziehen.

»Irgendwann wird dir warm«, hat er gesagt. »Am Start musst du leicht frösteln.«

Als könnten meine zwei Hintermänner meine Gedanken lesen, sprechen sie nun über das Wetter.

»Eigentlich optimale Bedingungen heute. Zwölf Grad, kein Regen, nicht zu viel Wind. Der Wind ist das Schlimmste, weil er in den Hochhausschluchten deutlich zulegt.«

»Ich mag ein bisschen Nieselregen, wegen der Kühlung.«

»Ich nicht. Dann reibt das Hemd zu sehr an der Brust.«

»Ja, stimmt auch wieder.«

Ich prüfe erneut meine Schnürsenkel. Passt, nicht zu fest und nicht zu locker. Ich hebe den Blick und schaue ehrfurchtsvoll auf den Hammering Man in der Ferne. Die zwanzig Meter hohe, schwarze Statue stellt die Silhouette eines Arbeiters dar, der beständig mit dem Hammer auf ein Werkstück in seiner Hand schlägt. Ich muss schmunzeln. »Der Mann mit dem Hammer« ist unter Läufern ein gebräuchlicher Ausdruck dafür, dass einem am Ende des Marathons buchstäblich der Saft ausgeht. Passenderweise steht dieses Monument kurz vor dem Ziel, genauer gesagt bei Kilometer zweiundvierzig. Dass ich den Mann mit dem Hammer auch beim Start sehe, wirkt wie eine Drohung. Vor ihm kann ich mich nicht verstecken, er kommt in jedem Fall, ob als Hungerast oder als Statue. Ich schüttele mich kurz, um diesen Gedanken loszuwerden.

Neben der Startlinie, etwa fünfzig Meter weiter vorne, ist eine Bühne aufgebaut. Dort steht ein Moderator, der nun die schnellen Afrikaner vorstellt, die heute starten. Es sind hauptsächlich Kenianer, die darauf hoffen, in den Bereich des Weltrekords zu kommen. Frankfurt bietet eine schnelle Strecke, eine der schnellsten der Welt. Mir ist das alles egal. Die laufen ihr Rennen, ich laufe meins. Ich bin nicht hier, um ihnen den Rekord wegzuschnappen. Ich bin gekommen, um es zu Ende zu bringen.

Für die meisten ist ein Marathon ein Lauf über zweiundvierzig Kilometer, nicht mehr und nicht weniger. Für manche ist es die Königsdisziplin des Langstreckenlaufs. Ein Mythos, begründet durch einen legendären Griechen und fortgeführt mit unzähligen Triumphen und Tragödien im Laufe der Geschichte der Olympischen Spiele. Hier und heute ist es ein Massenevent. Mehr als zehntausend Menschen stehen am Start. Jeder hat seinen individuellen Grund, warum er mitläuft, und ich habe meinen. Das Verrückte daran ist, dass ich ihn selbst nicht kenne – noch nicht, muss ich sagen, um präzise zu sein. Ich bin hier, um ihn zu erfahren. Vor sechs Monaten habe ich mit dem Training begonnen, um etwas über mich herauszufinden. Und heute bringe ich es zu Ende. Ich gehe der Sache auf den Grund. Es ist nicht wie bei den unzähligen Projekten zuvor. Anna hat es gesagt: »Jetzt ziehst du es durch.« Das werde ich.

Ich rufe mir die Tipps ins Gedächtnis, die mir Joachim, Christian und Günther gegeben haben: »Lauf langsam los, sei geduldig. Finde den Weg durch die Menschenmassen, finde deinen Weg. Irgendwann wird es ruhig um dich. Dann zieht sich der Marathon in die Länge und jeder läuft für sich allein. Nun zeigt sich, ob du über ausreichend Demut verfügst. Damit ist es aber noch nicht getan. Am Ende kommen die Schmerzen. Sie sind unvermeidbar. Zuletzt benötigst du einen eisernen Willen. Nur damit kommst du ins Ziel: mit Geduld, Demut und Willen.«

Daran habe ich mich während der vergangenen Monate festgehalten. In jedem Moment der Entbehrung habe ich mir den Zieleinlauf auf dem roten Teppich der Frankfurter Festhalle vorgestellt. Nicht nur während der Entbehrungen, auch während der Streitereien mit Anna. Ich musste mir und ihr jedes Mal sagen, wofür ich das tat. Warum ich auf so vieles verzichtete. Ob sie es verstanden hat? Ob sie es jemals verstehen wird?

Der Gedanke an Anna treibt mir eine dunkle Wolke vor die Stirn. Ob sie heute an der Strecke steht und zuschaut? Ich weiß es nicht.

Noch eine Minute bis zum Start. Aus den Boxen erklingt Musik, die Party kann beginnen. Lauf nicht zu schnell los, werde nicht nervös, bleib hinter dem Pacemaker. Soll ich noch mal die Schnürsenkel prüfen? Nein, keine Zeit mehr. Die Stoppuhr ist genullt. Es kann losgehen.

Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, was nun vor mir liegt. Auf die nächsten drei Stunden, in denen ich etwas erfahren werde, das ich nur durch das Laufen erfahren kann. Der Marathon hat auf mich gewartet, da bin ich mir sicher. Welchen Weg hätte ich eingeschlagen, wenn ich mich nicht dazu entschieden hätte? Wo wäre mein Leben ohne den Marathon? Ich weiß, es ist eine hypothetische Frage, da ich die Antwort nie werde wissen können. Aber das dahinter liegende Problem ist real, denn es hat mit Anna zu tun. Mit meiner Beziehung zu ihr, mit unserer Liebe. Wo stünde unsere Liebe ohne den Marathon?

Während der Moderator den Countdown zum Startschuss herunterzählt, denke ich an jenen Tag vor sechs Monaten zurück, an dem ich Anna von meinem Plan erzählte.

»Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins …«

KAPITEL EINS LAUFTREFF

Etwas stimmte nicht mit dem Steak. Simon trennte ein Stück davon ab, spießte es mit der Gabel auf und betrachtete es. Das Fleisch war innen rosa und außen gar. Es ließ sich gut schneiden, war nicht zu zäh. Er nahm den Happen in den Mund und ließ ihn auf der Zunge zergehen. Perfekt, so wie es sein sollte. Trotzdem stimmte etwas nicht.

»Sie haben sich getrennt.« Die Stimme seiner Freundin drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr.

Er hob den Kopf und schaute sie an. Sie trug ihr dunkelbraunes Haar heute offen. Da sie direkt aus dem Büro gekommen war, hatte sie noch ihre blaue Bluse an, von der Simon meinte, dass sie ihre Augen gut betonte. Er fand es faszinierend, dass er ihre Augenfarbe nie genau bestimmen konnte. Je nach Licht schimmerten sie mal blau, mal grünlich oder sogar grau. So fühlte er sich stets gezwungen, ihr in die Augen zu sehen, in der Hoffnung, dieses Rätsel irgendwann zu lösen.

Der Gedanke, dass etwas mit dem Fleisch nicht stimmte, ließ Simon keine Ruhe. Anna hatte Tafelspitz bestellt, mit dem alles in bester Ordnung zu sein schien. Jedenfalls vermutete er das, denn sie setzte ihre Erzählung von einer Trennung im Freundeskreis ungestört fort. Simon hörte nur halb hin und inspizierte weiter sein Steak. Äußerlich war nichts daran auszusetzen. Es war medium rare gebraten, so wie Simon es bestellt hatte. Dass es mit den Bratkartoffeln und dem gedünsteten Gemüse geschmacklich nicht harmonieren könnte, schloss er ebenfalls aus. Auch der Rotwein ergänzte das Fleisch sehr gut – nein, umgekehrt, das Fleisch unterstützte die Geschmacksnote des Weines, verbesserte sich Simon. Er war zwar kein Pedant, aber er wusste, dass der falsche Wein den Genuss eines guten Steaks entscheidend schmälern konnte. Daher hatte er bei der Bestellung nach der Empfehlung des Kellners gefragt, der ihm zu einem trockenen, französischen Rotwein geraten hatte. Auf diesen Rat hatte sich Simon verlassen und war nicht enttäuscht worden.

Woran lag es also? Das Fleisch war richtig gebraten, die Beilagen, die Soße und der Wein passten. Somit gab es keinen Grund, dieses Essen zu bemängeln. Und trotzdem war Simon der Genuss vergällt. Am meisten quälte ihn, dass er die Ursache nicht kannte.

Jetzt merkte er, dass Anna verstummt war. Sie schaute ihn an, als hätte er ihr nicht zugehört. Er erinnerte sich daran, dass sie vorhin von einer Trennung gesprochen hatte.

»Wer?«, fragte er ins Blaue hinein.

»Na, Sarah und Matthias!«

Sie saßen in ihrem Lieblingsrestaurant. Es war zwar ungewöhnlich für einen Dienstag, doch sie hatten sich am Wochenende kaum gesehen, obwohl sie zusammen wohnten. Anna wollte ihm heute Abend von ihrer Arbeit erzählen, von einer neuen Aufgabe, die sie übernehmen sollte. Doch die Nachricht von der Trennung ihrer besten Freundin hatte Annas Stimmung getrübt. Dabei war es absehbar gewesen, denn Sarah war mit Matthias schon lange nicht mehr glücklich gewesen. Dementsprechend wunderte sich Simon nicht. Überdies hatte er Matthias nie gemocht. Er hielt ihn für arrogant und selbstverliebt. Die gutaussehende Sarah war für ihn nicht mehr als ein Statussymbol gewesen.

»Der konnte doch froh sein, jemanden wie Sarah zu haben.«

Simon schaute zu, wie Anna in ihrem Essen stocherte. So richtig zu schmecken schien es ihr auch nicht.

»Die beiden haben sich klassisch auseinandergelebt. Es war am Ende mehr eine WG als eine Beziehung.«

»Und dann ist es okay, wenn sie mit anderen Typen flirtet?«

Anna hatte ihm erzählt, dass Sarah bereits seit Wochen offensiver mit fremden Männern sprach, teilweise offen flirtete und auch schon ihre Nummer weitergegeben hatte. Als hätte sie die Trennung vorweggenommen, die sie offiziell erst am letzten Wochenende vollzogen hatte. Simon gefiel das nicht. Seiner Meinung nach gehörten zu einer Beziehung klare Verhältnisse. Flirten war für ihn ein Vertrauensbruch.

»Damit hat sie nicht viel mehr kaputt gemacht«, meinte Anna nur.

Für sie schien das Thema nun erledigt zu sein. Das konnte Simon nicht so recht glauben.

»Sie waren noch zusammen. Das ist nicht in Ordnung. Sarah hätte erst mit Matthias Schluss machen sollen, bevor sie sich jemand anderen sucht.«

»Das kannst du so sehen. Aber Sarah hat das Recht, selbst darüber zu entscheiden.«

Simon wusste, wie diese Diskussion enden würde. Für ihn basierte eine Beziehung auf Kommunikation und Vertrauen. Man öffnete sich dem Partner und dieses Vertrauen musste geschützt werden. Ohne Vertrauen gab es keine Beziehung. Anna hingegen glaubte daran, dass zu einer glücklichen Partnerschaft die richtigen Voraussetzungen gehörten. Wenn zwei Menschen zueinander passten, dann war sie stabil. Wenn nicht, dann gab es ein Ablaufdatum. Daran konnten auch Kommunikation und Vertrauen nichts ändern. Simon und Anna hatten dieses Thema schon einige Male durchdiskutiert.

Widerwillig verschlang Simon die letzten Bisse seines Steaks und spülte sie mit dem verbleibenden Wein herunter. Früher hätte er für ein solches Abendessen alles stehen und liegen gelassen. Ein gutes Restaurant, das perfekte Steak, ein bisschen Alkohol, dazu Anna und ein Thema, über das sie stundenlang reden konnten. Doch heute war es anders. Sie hatten die Problematik von Treue in kaputten Beziehungen schon überstrapaziert. Keiner hatte etwas beizutragen, was der andere nicht bereits wusste. Und Simons Gedanken hingen immer noch bei dem Fleisch.

Konnte es sein, dass nicht das Steak das Problem war, sondern er? Eine stille Wut stieg in ihm auf, die weniger auf das Essen gerichtet war – denn das Fleisch war in Ordnung, daran gab es keinen Zweifel. Er hatte die Fakten selbst überprüft. Dennoch konnte er es nicht genießen. Er war sauer, weil er viel Geld für ein teures Abendessen bezahlen musste, an dem er keine Freude fand.

Simon schloss die Augen und atmete tief durch. War er schlicht zu müde, um sich dem Genuss hinzugeben? Vielleicht war er zu gestresst, um sich zu entspannen. Nein, sein Gefühl sagte ihm, dass das keine ausreichende Erklärung sein konnte. Es musste mehr dahinterstecken. Als hätte er einen inneren Hunger, der seine Geschmackspapillen taub machte. Er seufzte lautlos. Dagegen war er machtlos. Woher rührte diese plötzliche Unempfänglichkeit gegenüber dem Genuss? Es verstärkte seine Wut und seine Unzufriedenheit, dass er den Grund nicht klären konnte. Und wenn er die Ursache nicht kannte, dann konnte er auch nicht daran arbeiten. Er würde abwarten müssen, ob sich das Phänomen wiederholte.

Während des Nachtischs sprach Anna von ihrer Arbeit. Sie war bei einem Großhändler für Lederwaren in der Marketingabteilung tätig. Es war ihr erster Job nach dem Studium. Mittlerweile war sie fast zwei Jahre dort und hatte sich gut eingelebt. Sie erhielt spannende Aufgaben – im Wesentlichen war sie für den Internetauftritt des Unternehmens und die PR zuständig – und die Kollegen waren nett. Ihr Chef war ein wenig altmodisch, so wie die Firma im Allgemeinen. »Handelscontor Schlied & Söhne Cie.« war vor mehr als hundertzwanzig Jahren gegründet worden, und das machte sich an jeder Stelle bemerkbar. Das Bürogebäude war ein Altbau, der den Zweiten Weltkrieg wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatte. Schwere Wandteppiche und Gemälde der Familie Schlied schmückten die hohen Wände im Inneren. Das Parkett knarzte und die Holztüren ächzten. Die Geschäftsführung und die oberste Führungsebene bestanden ausschließlich aus grauhaarigen Männern. Annas Chef, Herr Hansen, war einer von ihnen. Auch wenn sie ihn persönlich unsympathisch fand, zeigte sie Respekt vor seinem Fachwissen und seiner Berufserfahrung.

Eigentlich war sie zufrieden mit ihrer Arbeit. Sie konnte entspannt ihren Job machen, nach acht Stunden heimgehen und die Freizeit mit Simon genießen. Doch die wirtschaftliche Situation des Unternehmens ließ ihr keine Ruhe. Die Geschäftsführung kommunizierte die Zahlen zwar nicht offen, aber Anna hatte von einer Kollegin aus dem Vertrieb gehört, dass die Umsätze immer weiter zurückgingen, während die Wettbewerber an Marktanteilen gewannen. Anna beunruhigte diese Nachricht. Sie kaute nun schon ein paar Wochen darauf herum.

Simon hörte Anna geduldig zu, wie immer, wenn sie ihm von ihren Sorgen erzählte. Oft hatte er überlegt, wie er sie unterstützen könnte, aber er hatte vom Lederwarenverkauf keine Ahnung. Also wartete er auch diesmal ab und ließ sie sprechen. Er wollte ihren Sorgen einen Raum geben und sie dann mit der Tatsache trösten, dass es nicht ihr Job sei, zu verkaufen. Sie arbeitete schließlich im Marketing, nicht im Vertrieb. Doch das Gespräch schien heute eine neue Richtung einzuschlagen. In Annas Stimme schwang Zuversicht mit: Sie hatte eine Idee.

»Ich glaube, wir erreichen die Kunden nicht mehr dort, wo sie unterwegs sind.«

Simon schaute sie verständnislos an.

»Sie kaufen heutzutage zunehmend im Internet. Doch bei uns läuft online fast nichts, nur ein bisschen über ein paar Handelspartner beziehungsweise über Amazon. Im Internet sind wir kaum präsent.«

»Aber ihr habt doch eine Homepage. Und wenn ich Schlied googele, finde ich euch sofort.«

»Wer googelt denn Schlied? Wir sind nur ein Händler unter vielen. Die Käufer suchen nach den bekannten Marken, Strellson, Joop und so weiter. Uns kennt kein Mensch. Hier müssen wir ansetzen. Wenn du Strellson googelst, dann muss unser Angebot an mindestens dritter Stelle stehen – das ist das Ziel.«

»Und wie soll das gehen?«

»Als Erstes über einen eigenen Shop. Außerdem müssen wir in SEO und SEA investieren. Wir brauchen einen Kanal auf Facebook, Instagram und Pinterest. Und wir müssen über die Influencer streuen. Das volle Programm halt.«

Simon schaute seine Freundin verdutzt an. So engagiert hatte er sie in Bezug auf ihre Arbeit noch nie erlebt. Sie strahlte so viel positive Energie aus, dass er bereits ihre Zustimmung zu seinem eigenen Anliegen fühlte, obwohl sie davon noch gar nichts ahnte.

»Ist das irgendwas Besonderes?«, hakte Simon nach. Er konnte nicht alle Begriffe zuordnen, die Anna eben verwendet hatte.

»Nein!«, rief sie ein wenig zu laut, weshalb sich ein Gast am Nachbartisch zu ihnen umdrehte. Erschrocken über ihre eigene Vehemenz senkte Anna den Kopf und die Stimme. »Nein, mittlerweile ist es Standard. Das ist ja das Schlimme! Schlied hat den Wandel komplett verschlafen. Wir verkaufen unsere Produkte immer noch wie in den Neunzigern.«

Simon nickte, diesmal verständnisvoller.

»Ich habe Herrn Hansen heute darauf angesprochen. Er fand meine Idee gut. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass er ihr nicht abgeneigt ist. So direkt hat er es nicht gesagt, er wirkte ein wenig gestresst.«

»Moment mal, welche Idee meinst du konkret? Du hast eben einige Dinge aufgezählt.«

»Genau weiß ich es noch nicht. Das Konzept muss ich erst ausarbeiten.«

»Aha. Soweit ich das beurteilen kann, ist Herr Hansen nicht dafür bekannt, hohe Risiken einzugehen. Du hast gerade von Investitionen gesprochen. Das heißt, ihr müsst Geld in die Hand nehmen, und das macht kein Chef gerne. Wie willst du ihn überzeugen?«

Anna verschränkte die Arme. »Denkst du etwa, dass ich falsch liege?«

»Nein, ich finde deine Vorschläge super. Es wird Zeit, dass ihr im einundzwanzigsten Jahrhundert ankommt. Ich will dich nur auf die Widerstände vorbereiten, die dir begegnen könnten. Keiner wird sofort sagen: Oh vielen Dank, Frau Gärtner, darauf haben wir nur gewartet, dass jemand mit so klugen Ideen um die Ecke kommt.«

»Ja, ich weiß.« Anna verzog den Mund.

Simon kannte diese Miene, die sie immer aufsetzte, wenn sie auf etwas keine Lust hatte, das unvermeidbar war. So wie Wäsche waschen oder die Spülmaschine ausräumen.

»Ich habe ja eben gesagt, dass ich die Vorschläge noch ausarbeiten muss. Ich werde erst wieder mit Herrn Hansen darüber sprechen, wenn ich ein schlüssiges Konzept habe.«

Simon versuchte ein beschwichtigendes Lächeln. »Das ist gut. Ich möchte nur, dass du nicht enttäuscht bist, falls es nicht klappt. Wenn du ein gutes Konzept hast, dann liegt es nicht an dir, wenn sie es ablehnen. Herr Hansen sollte froh sein, dass er eine Mitarbeiterin wie dich im Team hat. Eine, die auch außerhalb der eigenen Abteilung an das Unternehmen denkt. Ich bin auf deiner Seite, das weißt du. Alle kaufen online, das ist schließlich kein Geheimnis. Diese Strategie zu verfolgen, ist alles andere als eine Schnapsidee.«

Jetzt lächelte Anna ein wenig. »Stimmt. Schnapsideen sind eher dein Bereich.«

Sie gingen zu Fuß nach Hause und nahmen einen kleinen Umweg durch die Felder. Es war ein lauer Frühlingsabend. Da die Sonne inzwischen verschwunden war, war es zwar ein wenig kühl, aber Anna fühlte den Sommer schon mit großen Schritten nahen. Die Bäume trugen bereits neongrünes Laub. Bald würden die Tage wieder länger werden und sie könnten die Abende gemeinsam auf dem Balkon verbringen.

Sie überquerten die Bahngleise und eine Straße. Schweigend betraten sie den kleinen Wald, der dahinter lag. Hin und wieder knackten Zweige, sonst war alles ruhig.

»Ich laufe einen Marathon«, sagte Simon in die Stille hinein.

Anna sah ihn mit einem spöttischen Lächeln an. »Morgen oder nächste Woche?«

»Nein, in einem halben Jahr. Hier in Frankfurt.«

»Im Ernst?«, fragte sie verdutzt.

»Ja, ich habe mich gestern angemeldet.«

»Wie lang ist so ein Marathon noch mal?«

»Zweiundvierzig Komma eins neun fünf Kilometer.«

»Das ist ganz schön viel. Schaffst du das überhaupt?«

»Ich denke schon.«

»Wirklich diszipliniert bist du ja nicht. Deine Idee, einmal durch ganz Deutschland zu wandern, hat sich auch in Luft aufgelöst.«

»Das ist etwas anderes. Ich weiß, ich werde noch viel trainieren müssen, aber ich werde es schaffen. Ich will keinen Weltrekord laufen, ich will einfach nur ankommen.«

Anna schwieg eine Weile. Sie war gedanklich noch bei der Arbeit und bei Sarahs Trennung. Simons Plan hatte sie überrascht und nun musste sie in ihrem Kopf zuerst Platz dafür schaffen. Sie hörte kurz in sich hinein und neben der Ahnung, dass er es sowieso nicht durchziehen würde, spürte sie ein Gefühl der Sorge. War es Sorge um ihn? Sie wusste nicht viel über den Frankfurt Marathon, aber das Vorhaben war sicherlich mit einigen Strapazen verbunden. Simon würde leiden. Und der Gedanke an dieses Leid beunruhigte sie.

Simon atmete hörbar aus. Offenbar wartete er noch auf eine Antwort. Da sie spontan nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte, wählte sie einen diplomatischen Weg.

»Ich finde es gut. Ich weiß zwar nicht, ob du es schaffst, aber ich finde gut, dass du es probierst.«

»Das klingt nicht so, als ob du mir das zutraust.«

Sie seufzte. Er ließ einfach nicht locker. Aber es stimmte. Simon entwarf öfter große Pläne, ohne sie zu realisieren. Im vergangenen Jahr hatte er sich detailliert den Europäischen Fernwanderweg angeschaut, der von Flensburg bis an den Bodensee führt. Sein Plan war, ihn von Norden nach Süden zu wandern. Er hatte die Strecke bereits in Etappen eingeteilt und sogar nach Unterkünften geschaut. Doch als er ausgerechnet hatte, dass die Wanderung mindestens zwei Monate dauern würde, war die Idee vom einen auf den anderen Tag gestorben. So viel Urlaub hätte er in seinem Job nicht bekommen, hatte er erklärt. Anna kannte noch mehrere Beispiele dieser Art, und alle folgten dem gleichen Schema. Immer begann es mit einer Ankündigung, so auch heute.

»Ich glaube, das ist wieder so eine Idee von dir«, gab sie zu.

Sie war von ihren einsilbigen Antworten selbst genervt. Aber sie konnte sich jetzt nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Sie würde nachher noch Sarah anrufen, die sicher jemanden zum Reden brauchte. Auch wenn sie momentan kaum unter der Trennung zu leiden schien, ahnte Anna doch, dass in Sarahs Innern eine Angst steckte, die sich bald mit lauter Stimme melden würde: die Angst vor dem Alleinsein.

Sie ließen den Wald hinter sich und gingen die Straße zu ihrer Wohnung hinunter.

Simon ergriff wieder das Wort: »Es ist mehr als eine Idee. Ich habe einen Plan. Und diesmal werde ich ihn bis zum Ende durchziehen.«

Anna musste lachen. Das hatte er bislang jedes Mal gesagt.

»Ich habe mich gestern angemeldet, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Du wirst schon sehen.«

Im Licht der Straßenlaterne konnte Anna nun Simons Gesichtsausdruck erkennen. Er strahlte Ernsthaftigkeit aus. Sie bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie an seinem Vorhaben zweifelte. Vielleicht war es diesmal wirklich anders? Ihr gefiel der Gedanke, dass er sein Projekt durchziehen wollte. Seine Entschlossenheit zeigte Männlichkeit. Dennoch war ihr unwohl, da er offenbar etwas von ihr erwartete. Hatte er nicht verstanden, dass sie gerade andere Themen auf dem Tisch hatte?

»Okay, du hast recht. Ich freue mich, wenn du es durchziehst. Aber warum erzählst du mir das alles? Warum machst du es nicht einfach?«

Sie waren mittlerweile vor ihrer Haustür angekommen. Simon blieb stehen und nahm Annas Hand.

»Ich hatte erwartet, dass du ein bisschen Begeisterung zeigst. Der Marathon ist eine große Sache für mich und du nimmst mich nicht ernst. Was soll das?«

Anna schaute betreten zu Boden. Warum war sie auf einmal schuld? Sie hatte doch nur ihre Meinung gesagt. Normalerweise war Simon nicht so dünnhäutig. Etwas beschäftigte ihn, sonst hätte er sie nicht so angegangen.

»Wie hätte ich denn reagieren sollen?«

»Du hättest zum Beispiel sagen können, dass du toll findest, dass ich es versuche. Und dass du glaubst, dass ich es in jedem Fall schaffe.«

Anna ließ seine Hand los und schüttelte den Kopf. Dann atmete sie tief durch. »Ich glaube, es wird eine große Herausforderung für dich. Ich habe keine Ahnung vom Laufen, geschweige denn vom Marathontraining. Ich weiß nicht, wie du dich mental am besten vorbereitest. Kurz gesagt: Ich kann dir nicht helfen. Da musst du allein durch.«

Sie schloss die Tür auf und ging die Treppe hoch.

Am nächsten Tag setzte sich Simon an seinen Schreibtisch, um das Training der nächsten Monate zu planen. Trotz der Zurückweisung war es gut zu wissen, dass er von Anna keine Unterstützung erwarten konnte. Natürlich hätte er es am liebsten gehabt, wenn sie Feuer und Flamme für seine Idee gewesen wäre. Andererseits stand nun fest, dass sie sich komplett aus der Planung heraushalten würde. Er konnte seine Trainingszeiten so einteilen, wie er es brauchte. Sie wollte mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun haben, also würde er sie nicht weiter damit behelligen.

Er musste sich selbst erst darüber klar werden, wie er die Vorbereitungen angehen wollte. Dabei war er sich seiner Sache keineswegs sicher. Zwar joggte er regelmäßig und fühlte sich körperlich fit, aber ein Marathon war eine ganz andere Hausnummer. Er hatte keine Ahnung, wie er vorgehen musste. Wie lief man überhaupt einen Marathon? In der Hinsicht startete Simon praktisch bei null.

Zum Glück gab es das Internet. Also klappte er seinen Laptop auf und öffnete den Browser. Bei Google gab er die Worte »Marathon« und »Trainingsplan« ein. Schnell fand er einige Pläne, die ihm jedoch allesamt zu abstrakt vorkamen. Sie verwendeten Begriffe, von denen er vorher noch nie gehört hatte. Unter »Intervalltraining« und »Tempodauerlauf« konnte er sich zwar etwas vorstellen, aber wie so ein Training genau aussah, blieb unklar.

Auf einer Seite fand er einige grundlegende Erklärungen. Dort war zu lesen, dass Spitzensportler mehr als zweihundert Kilometer pro Woche liefen, während Freizeitsportler auf sechzig Kilometer kamen. Längere Strecken seien das wesentliche Element der Trainingspläne. Das Tempotraining habe nur einen Anteil von fünf bis zehn Prozent.

Das klang einfach. Er musste also nur so viele Kilometer wie möglich laufen. Zurzeit joggte Simon zwei bis drei Mal wöchentlich, jeweils ungefähr sechs Kilometer. Er musste sich deutlich steigern, wenn er zumindest die sechzig Wochenkilometer der Freizeitläufer schaffen wollte. Allerdings schien es unklug, sofort mit dem vollen Pensum zu beginnen. Sein Körper würde sich langsam an die Belastung gewöhnen müssen. Also beschloss er, den Wochenumfang schrittweise zu erhöhen.

Er nahm seinen Kalender zur Hand und zählte nach, wie viele Wochen es noch bis zum Marathon waren. Dann rechnete er aus, um wie viele Kilometer er sich wöchentlich steigern müsste. Um sicherzugehen, wollte er die sechzig Kilometer bereits drei Wochen vor dem Marathon erreicht haben. Die Steigerung musste also bei drei Kilometern pro Woche liegen. Das war verblüffend wenig. Simon rechnete noch mal nach, aber es stimmte. Zufrieden legte er den Stift zur Seite.

Simons übliche Runde durch den Wald umfasste sechs Kilometer. Das bedeutete, dass er diesen Weg am Ende zehn Mal in der Woche laufen müsste. Wahrscheinlich würde es ihm schnell langweilig werden, immer dasselbe zu sehen. Er brauchte andere, längere Strecken. Doch wo gab es geeignete Laufwege?

Auf einmal kam ihm seine Welt sehr klein vor. Er kannte seine nähere Umgebung kaum. Sicher, Anna und er ließen gerne mal das Auto stehen und gingen zu Fuß in den nächsten Ort. Aber waren ihre Spazierwege auch fürs Marathontraining geeignet? Simon war schon klar, dass er prinzipiell überall laufen konnte. Aber er wollte nicht einfach nur laufen. Er wollte trainieren. Vielleicht mussten die Wege dafür spezielle Voraussetzungen erfüllen? Je mehr er darüber nachdachte, desto verwirrter wurde er. Nun wusste er wieder, dass er nichts wusste. Im schlimmsten Fall war sogar seine schöne Runde im Wald vollkommen ungeeignet. Er fluchte leise. War die ganze Recherche umsonst gewesen? Simon konnte wieder von vorne anfangen.

Jeder Lauf beginnt mit dem ersten Schritt, sagte er sich und nahm seine neuen Laufschuhe aus dem Schrank. Er wollte zunächst mit dem Training auf seiner gewohnten Strecke starten. Der Rest würde sich mit der Zeit ergeben. In der vergangenen Woche war er extra in die Frankfurter Innenstadt gefahren und hatte sich in einem Sportfachgeschäft beraten lassen. Stolz hatte er es eine knappe Stunde später mit neuen Laufschuhen der Marke Asics verlassen.

Doch nun saß er auf der Treppe vor dem Haus und kämpfte mit der Schnürung.

»Let them rule the world«, murmelte Simon, während er die Schuhbänder einfädelte. »Jetzt bin ich Knecht und die Schnürsenkel sind die Herren. Wenn ich sie nicht zu binden weiß, kann ich nicht trainieren. Wenn ich nicht trainiere, kann ich keinen Marathon laufen. Die Schnürsenkel bestimmen mein Schicksal.«

Es dauerte nicht lange und Simon hatte herausgefunden, wie er die Schuhe so band, dass sie bequem und ohne zu rutschen am Fuß saßen.

»Die neuen Trainer. Eine gute Wahl«, hörte er jemanden sagen.

Simon schaute auf und seufzte leise. Vor ihm stand sein Nachbar Joachim. Er wohnte im selben Haus, eine Etage über ihnen. Immer wenn sie sich auf dem Flur begegneten, hatte Joachim Laufkleidung an, ging gerade zum Training oder kam zurück. Heute trug er ausnahmsweise Jeans und ein T-Shirt. Bei dem jährlichen Grillfest mit den Nachbarn brachte er stets alkoholfreies Weizenbier und Salzstangen mit. Wegen der Elektrolyte, wie er zu sagen pflegte. Auf die Frage, wie es ihm gehe, gab es bei ihm nur zwei Antworten. Entweder hatte er irgendeine Verletzung wie Läuferknie oder Plantarfasziitis oder er war gerade von einem Kurztrip nach Lissabon, Dublin oder Helsinki zurückgekehrt. Jeden seiner Urlaube verband er mit Marathons und so gab es kein Land in Europa, in dem Joachim noch nicht gelaufen war. Alle waren ein wenig neidisch auf die vielen Reisen, aber was Joachim sonst noch machte, wusste niemand. Für die Nachbarn war er ein Kauz, wenn auch ein liebenswürdiger. Und so ließen sie ihn seine Geschichten erzählen, hörten höflich zu und verabschiedeten sich möglichst schnell.

Simon überlegte, wie er ohne langes Gespräch davonkam. »Die wurden mir empfohlen. Aber die Farbe gefällt mir nicht so.«

»Ich laufe nur noch in Mizuno. Mir passen Asics generell nicht, aber es sind gute Schuhe. Ich wusste gar nicht, dass du läufst, Simon.«

»Ab und zu. Um fit zu bleiben.« Er wollte Joachim nicht von seinem Marathonplan erzählen. Er war ein Anfänger und sein Nachbar ein Vollprofi.

»Welche Strecken läufst du denn so?«

»Meistens nur eine Runde im Eichwald. Zwei- bis dreimal die Woche, je nachdem, wie oft ich es schaffe.«

»Wir können ja mal zusammen laufen.« Auf Joachims Gesicht lag ein freundliches Lächeln. War es der verzweifelte Versuch, so etwas wie eine Freundschaft mit ihm aufzubauen?

»Tja, weißt du, ich laufe meistens spontan. Ich kann mich terminlich schwer festlegen«, versuchte er sich herauszureden.

»Das ist doch nicht schlimm, ich bin flexibel. Warst du schon im Schmiehbachtal? Da kann man ganz gut laufen. Oder an der Roten Mühle? Ich könnte dir mal eine neue Runde zeigen.«

Jetzt wurde Simon hellhörig. Joachim kannte sich mit Laufwegen anscheinend gut aus. Vielleicht würde ein gemeinsames Training doch etwas nützen?

Er fragte seinen Nachbarn, wie lang die Strecken seien, und erfuhr, dass sie mit über zehn Kilometern sein gewohntes Pensum deutlich überschritten. Aber es gab auch diverse Möglichkeiten, die Routen abzukürzen oder durch zusätzliche Schleifen zu verlängern. Simon kannte das Schmiehbachtal und die Gegend um die Rote Mühle, hatte die Gebiete aber bislang nicht für sein Training in Betracht gezogen. Er fragte Joachim weiter aus, wie seine Runden genau verliefen, und die beiden plauderten so lange über die Beschaffenheit der Wege und die Höhenmeter, bis die Dämmerung sich niedersenkte und die Straßenlaternen angingen.

Simon stellte fest, dass Joachim nicht der kauzige Eigenbrötler war, für den er ihn die letzten Jahre gehalten hatte. Schließlich fasste er sich ein Herz und erzählte von seinem Plan, im Oktober einen Marathon zu laufen. Joachim musterte ihn zuerst erstaunt, fing sich jedoch schnell.

»Ich treffe mich am Montagabend mit meinen Freunden vor der ›Viehweide‹, um eine kleine Runde zu laufen. Am besten kommst du direkt mit. Ihnen kannst du alle Fragen zum Marathon stellen, die du hast.«

Dieses Angebot konnte Simon nicht ablehnen. Als er sich von Joachim verabschiedete, war es bereits zu dunkel, um noch im Wald zu laufen.

Zufrieden ging er die Treppen hinauf. Zwar fiel das Training heute aus, aber die Unterhaltung mit Joachim hatte ihm mehr gebracht, als er erwartet hatte. Von selbst wäre er nicht auf die Idee gekommen, nach einer Laufgruppe zu suchen. Ganz selbstverständlich war er davon ausgegangen, dass er alle Trainingseinheiten alleine absolvieren würde. Auf jeden Fall würde er sich anhören, was Joachims Freunde zu erzählen hatten.

Am Montagnachmittag schloss Anna die Wohnungstür hinter sich zu und legte ihre Sachen ab. Sie sah, dass Simons Schlüssel nicht auf der Kommode lag. Wahrscheinlich war er noch auf der Arbeit.

Als sie in die Küche trat, drang Knoblauchgeruch in ihre Nase. Der letzte Zeuge des Abendessens vom Vortag.

»Du gehörst zur Vergangenheit«, murmelte sie und öffnete das Fenster.

Mit einer heißen Tasse ging sie ins Arbeitszimmer. Im Büro war es ihr heute zu hektisch gewesen. Ständig hatte das Telefon geklingelt oder ein Kollege hatte seinen Kopf durch die Tür gesteckt und nach irgendeiner Kleinigkeit gefragt, die nicht dringend war. Anna hatte beschlossen, dass diese Aufgaben bis morgen Zeit hatten. An ihrem Konzept für die neue Webseite konnte sie besser arbeiten, wenn um sie herum Ruhe herrschte. Und Ruhe hatte sie offensichtlich nur zu Hause.

Herr Hansen hatte ihr am Vormittag über Outlook eine Besprechungsanfrage für morgen früh geschickt. Worum es genau ging, wusste Anna nicht, der Betreff der Einladung war nichtssagend. Sie hatte daher entschieden, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und Herrn Hansen ihr Konzept vorzustellen. In den letzten Tagen war er schwer greifbar gewesen. Bei seinem vollen Terminkalender hatte sich für sie keine Möglichkeit ergeben, mit ihm zu sprechen. Sie konnte ihm das Konzept nicht zwischen Tür und Angel zeigen, dafür hatte sie schon zu viel Zeit und Arbeit investiert. Also hatte sie um halb drei ihre Sachen gepackt und war nach Hause gefahren, um ihrer Präsentation dort den letzten Feinschliff zu geben.

Sie machte den Laptop an, öffnete die VPN-Verbindung zum Server ihrer Firma und startete das Mailprogramm. In der kurzen Zeit, seit sie das Büro verlassen hatte, waren vier neue E-Mails in ihrem Postfach gelandet. Schnell überflog sie die Nachrichten. Wieder nichts Dringendes. Sie schnaufte kurz durch, um dem Ärger über die unzähligen Belanglosigkeiten Luft zu machen. Dann öffnete sie ihre Präsentation, in der sie ihr Konzept stichpunktartig notiert hatte.

Sie begann mit der derzeitigen Situation im Unternehmen, zeigte daraufhin den Vergleich zum Wettbewerb auf und leitete daraus ihre Vorschläge ab: Gezielte Online-Werbung, mehr direkte Kundengewinnung und Verkäufe über einen eigenen Shop auf der Homepage. Mit dem Aufbau war Anna zufrieden, aber inhaltlich war die Präsentation noch sehr dünn.

Ihr Problem war, dass sie über die Ausgangslage wenig wusste. Nur das, was sie auf dem kurzen Dienstweg von ihrer Freundin im Vertrieb erfahren hatte. Sie hatte keine offiziellen Informationen, weder Zahlen noch Fakten. Da die Umsatzzahlen vertraulich waren, würde sie diese nicht einfach so bekommen. Nein, dafür bräuchte sie einen ausdrücklichen Projektauftrag ihres Chefs.

Anna wusste, dass sie ihn ohne belastbare Grundlage überzeugen musste. Die Belastbarkeit würde sie erst erarbeiten können, nachdem sie ihn überzeugt hatte. Aber sie wollte das Risiko eingehen. Wenn das Unternehmen tatsächlich an einem Umsatzrückgang litt, dann wusste ihr Vorgesetzter als Mitglied des Führungskreises davon. Anna würde versuchen, ihn mit qualitativen Argumenten zu überreden. Sie glaubte fest daran, dass ein stärkerer Fokus auf den Online-Handel der richtige Weg für Schlied war. Wenn der geringe Anteil an digitaler Vermarktung jetzt noch kein Problem darstellte, dann mit Sicherheit in fünf Jahren. Anna ließ die ersten zwei Charts der Präsentation daher in ihrem Rohzustand. Herr Hansen würde verstehen, dass es dort noch keine Zahlen gab, weil sie keinen Zugriff darauf hatte.

Mit der Wettbewerbsanalyse verhielt es sich jedoch ähnlich. Anna wusste, dass es im Vertrieb Vergleichswerte gab, die der Branchenverband bereitstellte. Sie hatte bereits gegoogelt, aber keine frei zugänglichen Werte gefunden. Das Einzige, worauf sie sich stützen konnte, waren deutschlandweite Zahlen zur Entwicklung des Online-Handels. Hier zeichnete sich ein eindeutiger Trend ab. Der Online-Anteil am Umsatz war in den letzten Jahren stetig angestiegen. Anna nahm an, dass es für die Ledermodenbranche ebenso galt, aber sie musste sich auch in diesem Punkt auf qualitative Argumente beschränken.

Im dritten Teil ihrer Präsentation wollte sie Handlungsempfehlungen ableiten. Hier bewegte sie sich auf ihrem Kerngebiet. In ihrer Bachelorarbeit hatte sie sich mit Online-Marketing befasst und sie war froh, dass sie das erlernte Wissen nun anwenden konnte. Die Stichpunkte und Fachbegriffe flossen wie von selbst aus ihren Fingern durch die Tastatur auf den Bildschirm. In ihrem Kopf baute sich das Bild der Homepage auf. Sie stellte sich vor, wie der Kunde verschiedene Artikel anklickte, sie in den Warenkorb legte und am Ende die Bestellung auslöste. Im Geiste verschickte sie schon die ersten Newsletter, die automatisiert erzeugt wurden und kundenspezifisch für Angebote warben. Auch das Dashboard sah sie bereits vor ihrem inneren Auge, auf dem die Klickzahlen, Leads und Conversions grafisch dargestellt waren.

Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit war sie endlich mit dem Ergebnis zufrieden. Die kleine Digitaluhr in der rechten unteren Ecke des Bildschirms zeigte kurz vor fünf. Sie trank den letzten Schluck der dritten Tasse Tee und klappte den Laptop zu.

»So kann’s jetzt bleiben über Nacht.«

Nachdem sie sich in der Küche einen weiteren Tee gekocht hatte, ging sie ins Wohnzimmer und kuschelte sich mit ihrer Decke auf die Couch. In dieser Position konnte sie durch das Fenster den blauen Himmel sehen. Der Abend war noch lang. Musste sie heute Wäsche waschen? Schon möglich, vielleicht auch nicht. Hatten sie noch genug Brot für das Abendessen? Simon würde sich bestimmt darum kümmern. War sonst etwas zu erledigen? Egal.

Es war Zeit, abzuschalten. Anna stand noch mal auf und holte ihr Smartphone und ihr Buch aus der Handtasche. Zurück auf der Couch, startete sie per App das Soundsystem und wählte die Playliste »ruhig«, die sie sich bei Spotify angelegt hatte. Sie öffnete ihre Tagebuch-App und schrieb unter das heutige Datum das Wort »Dekomplizierung«. Kurz überlegte sie, ob sie bei WhatsApp ihre neuen Nachrichten lesen wollte. Doch dann entschied sie sich dagegen. Die nächsten Minuten sollten ihr alleine gehören.

Sie trank einen Schluck Tee und nahm dabei die Wärme und den Duft des Getränks in sich auf. Die Musik war so leise, dass sie sie gerade noch hören konnte. Von draußen drangen keine Geräusche in die Wohnung. Mit geschlossenen Augen atmete Anna tief durch und genoss die Ruhe, die nun eingekehrt war. Sie fühlte sich im Einklang mit sich selbst und wünschte, diese Empfindung würde noch ein wenig andauern.

Plötzlich kam ihr eine Diskussion mit Herrn Hansen in den Sinn, die sie im vergangenen Herbst geführt hatte. Sie erinnerte sich an seinen Blick, als sie vorgeschlagen hatte, ein Forum im Intranet einzurichten, in dem die Kollegen offen miteinander diskutieren konnten. Dazu sollte es die Möglichkeit einer anonymen Beteiligung geben, falls jemand Angst vor den Konsequenzen haben sollte, wenn er seine Meinung öffentlich äußerte. Doch Angst war vor allem das, was Anna in den Augen ihres Vorgesetzten gesehen hatte.

»Wissen Sie, Frau Gärtner, am Ende des Tages …«, sein Blick war nach unten gerutscht und fixierte nun die Tischkante, »im Grunde genommen entstehen dadurch nur Gerüchte, die weitere Verwirrung stiften und letztlich die Angst schüren.«

Da war es wieder, dieses Wort. Sogar ein halbes Jahr danach ärgerte sich Anna noch so sehr darüber, dass sie beinahe vom Sofa aufgesprungen wäre. Ihr seid doch die Angsthasen, dachte sie. Ihr habt Angst vor euren eigenen Angestellten. Klar, wenn jeder diskutieren darf, besteht die Möglichkeit, dass sich etwas verselbständigt. Deswegen hatte Anna vorgeschlagen, dass die Diskussionen moderiert werden sollten. Am besten von einem Kollegen, der keine Führungsposition innehatte, vielleicht vom Betriebsrat. Aber Herr Hansen hatte das nicht verstanden. Sie fragte sich, ob er überhaupt wusste, was ein Forum war.

Warum erinnerte sie sich gerade jetzt an diesen Vorfall? Wahrscheinlich lag es an Simons Kommentar, als er beim Abendessen in der vergangenen Woche gesagt hatte, ihr Chef sei nicht dafür bekannt, Risiken einzugehen. Das war eine euphemistische Erklärung dafür, dass er ein Angsthase war. Ihr Konzept der Online-Vermarktung barg gewiss Risiken, ja. Aber sie hielt es für alternativlos. Schlied konnte sich nicht dem Strukturwandel verschließen. Doch würde Anna es schaffen, ihrem Chef die Angst zu nehmen? Die Befürchtung, dass sie sich zu wenig mit den Risiken ihres Konzepts auseinandergesetzt hatte, ließ sie unruhig werden. Sollte sie ihre Präsentation nochmals überarbeiten?

Sie seufzte. Wo war ihre Entspannung hin? Nicht mal ein Moment der Ruhe war ihr gegönnt, sofort waren ihre Gedanken wieder bei der Arbeit. Das Gefühl ließ sie nicht los, dass sie ihr Konzept noch verbessern musste. Aber nicht mehr heute. Dafür war sie zu erschöpft. Sie trank noch einen Schluck Tee, nahm ihr Buch und schlug die Seite mit dem Lesezeichen auf. Wenige Augenblicke später war sie komplett in dem Roman gefangen. So konnte sie auch nicht sagen, wie lange sie schon darin gelesen hatte, als Simon zur Tür hineinkam und sie begrüßte.

Anna rief ein kurzes »Hallo« in den Flur und widmete sich wieder ihrer Lektüre. Sie hörte, wie er zuerst ins Bad, dann in die Küche und schließlich ins Schlafzimmer ging. Als er kurze Zeit später wieder im Flur stand, trug er seine Laufsachen. Er streckte seinen Kopf durch die Tür zum Wohnzimmer und erklärte, dass er verabredet sei und sie mit dem Abendessen nicht auf ihn warten solle. Danach zog er Laufschuhe an und verließ die Wohnung.

Abendbrot, gar keine so schlechte Idee. Anna merkte nun, wie hungrig sie war. Mit der Ruhe war es jetzt ohnehin vorbei.

Am Montagabend fuhr Simon zur »Viehweide«, einem Restaurant am Waldrand zwischen Hofheim und Kelkheim. Als er sein Auto auf dem Parkplatz abstellte, wartete Joachim bereits mit zwei Freunden auf ihn. Verwundert schaute Simon auf seine Uhr. Er war drei Minuten vor der vereinbarten Zeit angekommen und trotzdem der Letzte. Diese Läufer waren offenbar sehr pünktliche Menschen.

Joachim trug heute wieder das Outfit, das Simon von ihm gewohnt war: Laufschuhe, eine kurze Hose und ein Shirt aus Polyester mit unzähligen Firmenlogos auf der Brust, dem Rücken und sogar den Ärmeln. Simon hatte einmal mit Anna gescherzt, ihr Nachbar sehe aus wie eine laufende Litfaßsäule.

Der Mann neben Joachim war hager und groß. Simon schätzte ihn auf mindestens einen Meter fünfundachtzig. Seine langen, schlanken Beine steckten in einer jener Radlerhosen, von denen Simon geglaubt hatte, dass sie den Wechsel in das neue Jahrtausend nicht überlebt hätten. Doch Pragmatismus überstieg beim Laufen wohl die modischen Ansprüche. Auch der Hagere trug ein T-Shirt aus Polyester, das in der Anzahl der Firmenlogos zwar nicht mit Joachims Shirt mithalten konnte, dafür aber in einem grellen Neongrün leuchtete.

Joachims zweiter Freund stand mit dem Rücken zu Simon, sodass er dessen Gesicht nicht sehen konnte. Er trug ein langärmeliges Oberteil und dazu eine enge Hose, die zu lang war, um sie als kurz zu bezeichnen, die aber dennoch nicht bis zu den Schuhen reichte. Auf Simon wirkte sie merkwürdig unfertig, als wäre dem Schneider nach drei Vierteln der Länge der Stoff ausgegangen. Er musste jedoch anerkennend zugestehen, dass die engen Hosenbeine die strammen Waden betonten. Auch wenn der Mann einen krummen Rücken hatte und auf den ersten Blick nicht die Figur besaß, die Simon von einem Ausdauersportler erwartet hätte, so ließen seine Waden doch auf eine Zähigkeit schließen, die in seinen Beinen stecken musste. Er stellte vielleicht keine Weltrekorde auf, aber er war verbissen und wahrscheinlich selbst auf langen Strecken nicht kleinzukriegen.

Bevor er ausstieg, warf Simon einen kurzen Blick auf seine eigene Kleidung. Ein altes Baumwollshirt von Hollister und eine kurze Adidas-Hose. Wenigstens seine neuen Laufschuhe konnten mit denen der anderen mithalten. Brauchte er denn Kunststofffasern zum Laufen? Machten richtige Läufer das so?

Er schloss das Auto ab und schlurfte auf die Dreiergruppe zu. Der Hagere musterte ihn mit großen Augen. Der Krumme drehte sich nun ebenfalls um.

»Hi, Simon!« Joachim winkte ihm zu. »Das ist mein Nachbar«, sagte er zu den anderen beiden.

Der Krumme schüttelte Simon die Hand. »Hallo, ich bin Günther.«

Der Hagere strich sich mit dem Handrücken über die Unterseite des Kinns. Er schaute zu Joachim und Günther. »Aber nicht so schnell heute, Jungs. Ich merke den gestrigen Lauf noch.«

»Lass uns erst mal anfangen«, sagte Joachim und trabte sofort los in Richtung Wald, Günther setzte sich ebenfalls in Bewegung. Simon und der Hagere, der schnaubend loslief, bildeten die zweite Reihe.

»Ich bin übrigens Christian«, stellte er sich vor und ließ ein tiefes Grunzen folgen.

Günther lachte und drehte den Kopf halb nach hinten. »Jetzt spiel uns doch nichts vor. Für dich war das gestern ein lockerer Tempolauf.«

»Wenn man einen Viererschnitt als locker bezeichnen kann«, ergänzte Joachim.

Simon erinnerte sich, den Begriff schon irgendwo gelesen zu haben. Es bedeutete, dass Joachim durchschnittlich einen Kilometer in vier Minuten geschafft hatte.

Sie liefen in langsamer Geschwindigkeit und bogen nun auf den Weg in Richtung Gundelhard ein. Es ging sofort bergauf. Den anderen schien das wenig auszumachen, sie unterhielten sich munter weiter. Aber Simon war froh, dass er seine komplette Puste nicht am ersten Anstieg verpulvern musste.

»Das war der Plan«, meinte Christian jetzt. »Aber als ich am Start keinen Schnellen aus meiner Altersklasse gesehen habe, dachte ich, dass ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen darf.«