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Wie kann so etwas passieren? Da erfüllt sich mein Lebenstraum und mein eigenes Buch erscheint in einem großen deutschen Verlag. Danach Einladung zur Frankfurter Buchmesse, Live - Interviews im Hessischen Rundfunk, bei 1Live, bei Radio ffn, Auftritte, Lesungen. Ein gutes Jahr später finde ich mich in meiner Wohnung: Unfähig, diese zu verlassen. Angst, Todesangst schnürt mich ein. Autofahren, Menschenansammlungen, Höhe, nichts geht mehr. Dieser tagebuchähnliche Bericht schildert, wie ich langsam in die Panik rutschte und mich schließlich wieder davon befreien konnte. Eine persönliche Geschichte. Für mich, für meine Frau und - vielleicht - für den ein oder anderen Leser.
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Seitenzahl: 70
Veröffentlichungsjahr: 2021
Dieter Rehnen
Einmal Panik und zurück
Mein Weg aus der Angst
© 2021 Dieter Rehnen
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-24691-1
Hardcover:
978-3-347-24692-8
e-Book:
978-3-347-24693-5
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Für Dani. Meine Frau.
Wie kann so etwas passieren? Da erfüllt sich mein Lebenstraum und mein eigenes Buch erscheint in einem großen deutschen Verlag. Danach Einladung zur Frankfurter Buchmesse, Live – Interviews im Hessischen Rundfunk, bei 1Live, bei Radio ffn, Auftritte, Lesungen. Ein gutes Jahr später finde ich mich in meiner Wohnung: Unfähig, diese zu verlassen. Angst, Todesangst schnürt mich ein. Autofahren, Menschenansammlungen, Höhe, nichts geht mehr. Dieser tagebuchähnliche Bericht schildert, wie ich langsam in die Panik rutschte und mich schließlich wieder davon befreien konnte. Eine persönliche Geschichte. Für mich, für meine Frau und – vielleicht – für den einen oder anderen Leser.
Epilog
Es ist September. Pünktlich zum Monatsbeginn riecht man, dass der Sommer verliert. Schon jetzt um acht Uhr abends kriecht ein Hauch von moderig riechender Herbstluft in mein Zimmer. Ich trage meinen Pulli, den ich ein halbes Jahr vergessen habe. Meine Halbschuhe schnüren mich dort ein, wo ich gerade noch die luftigen Sandalen getragen habe. Die Blätter in der Hecke vor dem Fenster beginnen, um Wärme zu kämpfen. Die ersten verlieren. Morgen früh wird Tau auf den Dächern der Autos sein. Dann wird man wieder Herzen malen können. Sie frieren noch nicht.
Es ist September. Bei mir bricht der Sommer aus. Ich habe beschlossen, für mich und hier zu Hause meine Kur zu beginnen. Hier und jetzt, vier Wochen lang. Ich werde mich erholen von den Monstern, die mein Leben bestimmten. Und ich werde aufschreiben, wie schön es ist zu leben, ohne am Tag tausend Tode zu sterben, Todesangst zu haben beim Einkaufen, beim Autofahren, im vierten Stock, unter Leuten, in Kneipen, bei Veranstaltungen und sogar allein mit mir…
Es wird die Geschichte, die ich hervorholen kann, wenn ich mich erinnern will. Es wird die Geschichte darüber, wie ich aus meinem Alltag verschwand und wie ich ihn mir langsam zurückholte.
1. Schreib - Tag, Samstag, 1. September 2001
Ich überlege eine ganze Weile, ob ich joggen gehen soll oder nicht. Ich spüre, dass ich nicht meinen besten Tag habe. Die Beine ein wenig schwer, die Glieder schmerzen, und die gute Laune schläft heute scheinbar länger. Es ist Traditionsbruch, normalerweise laufe ich jeden Morgen um die fünf Kilometer, aber heute gehen Dani und ich in die Stadt. Bummeln, tatsächlich. Massen von Menschen tummeln sich in der Fußgängerzone, Massen, die mich noch vor einiger Zeit verrückt gemacht hätten. Nun kann ich ihnen in die Gesichter sehen, es wird ziemlich schnell egal, ob sie da sind oder nicht. Wir laufen über den Wochenmarkt, es ist warm, von Zeit zu Zeit beginnt es, leicht zu regnen. Wir kaufen eine Sonnenblume für Vaters Grab und Blumen für Mutter, sitzen beim Kaffee, lange, im Rathausinnenhof, in dem eine Dixieband gute Laune versprüht, essen eine Bratwurst, lästern über Leute, lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Nach drei Stunden wieder zu Hause, lege ich die Jakobson - Muskelentspannungskassette ein und mache die wohltuenden Übungen. „Sie werden merken, dass Ihnen die Übungen Frische und Energie geben“, verspricht dort eine warme Frauenstimme. Und es ist so: Gelassener, ausgeruhter, klarer fühle ich mich hinterher. So gelassen, dass ich mir etwas vornehme, was noch vor einigen Monaten unmöglich war: Ich möchte 160 Kilometer Auto fahren zu dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin.
Nein: Die Monster sind noch nicht weg, auf der Bundesstraße starten sie ihren ersten Angriff, besonders, wenn die Straße einspurig und von einer dicken Betonmauer von der Gegenfahrbahn abgetrennt ist. Dann sammeln sie sich: „Du wirst ohnmächtig werden“, sagen sie, „schwindelig, die Kontrolle über den Wagen verlieren, Dani und dich in den Tod fahren.“ Das Herz beginnt zu rasen, die Hände werden nass, Schweiß auf der Stirn, die Atmung flach, das Herz schmerzt, die Beine zittern. Sie ist wieder da, die Angst, die schnürt. Ich ärgere mich, doch fahre weiter, sage: „Es ist nur Angst, es bringt dich nicht um, es ist nicht lebensbedrohlich“ und fahre weiter. Dani sitzt daneben und gähnt. Sie kennt das schon. Ich kenne meine Monster auch, und irgendwann merken sie, dass sie mich nicht mehr wirklich quälen können, bekommen mehr und mehr Langeweile und werden weniger und weniger. Ich fahre Auto, frei im Kopf, und es macht Spaß. 160 Kilometer von zu Hause entfernt erreichen wir mein Elternhaus. Vor einem Jahr starb mein Vater. Heute ist Jahresmesse. Vor einem Jahr nahm ich zwei Psychopharmaka und auf der Beerdigung zusätzlich ein starkes Beruhigungsmittel. Vor einem Jahr konnte ich kaum Beifahrer sein, war in Danis Wohnung quasi eingeschlossen, weil ich mich kaum noch heraus traute. Vor einem Jahr schaffte ich es nicht mal mehr, eine Kleinigkeit im Tabakladen einzukaufen. Heute Abend sitze ich da zwischen all den Leuten, die mich kennen. Ich nehme keine Tabletten mehr und halte trotzdem das Gefangensein in dieser Messe aus. Danach sehen wir, wie Deutschland mit 1: 5 von den Engländern auseinandergenommen wird und fahren trotzdem gut gelaunt nach Hause.
Ich erinnere mich
an den Sommer von vor zwei Jahren. 1999. Ein wunderschöner Sommer. Noch im September liegen wir bei 30 Grad im Park. Aber fangen wir früher an. Beim 1. Juni. An diesem Tag bekomme ich ein Paket nach Hause, in dem etwas Traumhaftes liegt: Fünf druckfrische Exemplare meines ersten allein verfassten Buches, die Frucht langer Arbeit, mein Lebenstraum. Da ist es, das kann mir keiner mehr nehmen: Ich habe ein Buch geschrieben, es hat ein witziges Cover, es ist nicht teuer, es hat Potenzial. Es ist warm an diesem Tag, und Karl feiert Geburtstag am Kanal. Uwe ist da, einige Freundinnen von Karl, Dani und ich. Ich mag das Buch fast nicht aus der Hand legen, verkaufe und signiere, fühl mich wie ein bekannter Autor und muss lachen. Wir essen Würstchen, trinken Bier, lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen, liegen im Gras rum und lassen es uns wohl sein. Als ich am Abend mit Dani nach Hause fahre, geht es mir rundum gut. Ich bin gespannt, was dieser Sommer bringen wird.
Nachdem vor zwei Jahren das Buch erschienen ist, beginne ich es jeweils nachmittags nach der Arbeit zu promoten. Ich bringe es in die Buchhandlungen der Stadt, verpacke und verschicke es an Szeneillustrierte und bekomme ein vierstündiges Interview mit der größten Zeitung vor Ort. Ich entwerfe einen Promotionstext, den ich dazulege, als ich verschiedene Radiosender anschreibe. Ich habe wieder Kontakt zu Günter, einem alten Schulfreund, der Öffentlichkeitsarbeit macht und mir hilft, Kontakte im Norden der Republik aufzubauen. Ein paar Wochen später klingelt das Telefon und tatsächlich: Heike Knispel, Radiomoderatorin bei Eins Live und WDR2 ist dran und möchte ein Interview mit mir machen. Wenn ich in diesen Tagen die Augen schließe, wird mir schwindelig vor Freude.
Radiostar
Ich erinnere mich an diesen Blick über die Dächer von Köln aus den Studios von Eins Live. Ein schöner Tag. Ich bin aufgeregt, in diesem Gebäude zu sein aus dem auch VIVA sendet, sitze da mit Heike Knispel, die ich angeschrieben hatte, sitze da im Kultkomplex - Cafe, aus dem viele gute Radiokonzerte gesendet werden, wundere mich, wie klein das ist. Der Hund der Moderatorin findet mich interessant, allgemeines Gewusel ist im Studio, der Radiomoderator On Air und ich mittendrin. Heike ist offensichtlich ein Ex - Öko aus den Achtzigern. Wir warten, dass ein Studio frei wird und erzählen uns was. Dann geht’s hinein, und das Interview beginnt. Beim Anblick des gelben Riesenmikros treibt es mir den Schweiß auf die Stirn, und ich verhaspele mich. “Macht nix“, sagt sie, und wir machen`s noch mal. „Ist ja nicht live.“ Dann bekommen wir richtig Spaß, ich vergesse das Mikro und erzähle drauflos. Schnell, viel zu schnell ist alles vorbei. Wir verabschieden uns, und mit stolzem Kribbeln im Bauch fahre ich nach Hause. So was Geiles! Sie werden auf WDR2 einen Beitrag über mein Buch bringen! Werbung! Am nächsten Tag klingelt bei mir das Telefon, und Daniella Baumeister vom Hessischen Rundfunk ruft mich an: Ob ich Lust hätte am Freitag in einer Woche mit ihr eine zweistündige Sendung zu machen? „Klar!“, sag ich, bin baff und weiß nicht,
