1,99 €
Die große TV-Serie mit Heikko Deutschmann in der Hauptrolle mit den Geschichten aus dem heiter-turbulenten Studentenleben waren ein riesiger Publikumserfolg! Der angehende Student und "trainierte" Untermieter Stefan Roggenkämp kann im Umgang mit diversen Zimmervermieterinnen sein Weltbild erstaunlich schnell erweitern. Das Studium der Kommilitoninnen macht ihm offensichtlich mehr Spaß als sein eigentliches Spezialgebiet. Doch wenn Amor Schicksal spielt und obendrein bei der Wohnungssuche behilflich ist, dann findet sich auch bald die richtige Frau fürs Leben.Aber mit der temperamentvollen Christina fangen die Komplikationen erst an...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2013
Martin Niklas
Einmal Traumfrau, bitte
Roman
Edel:eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2012 by Martin Niklas
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München
Eine frühere Ausgabe erschien bereits unter dem Titel “Der Mond scheint auch für Untermieter”.
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-201-6
edel.comfacebook.com/edel.ebooks
Der erste Umzug in meinem Leben war ein Auszug.
Und er war längst überfällig – meiner Meinung nach.
Während Mutter feuchten Auges noch rasch eine Dose mit Schuhputzzeug zu den Koffern und Kartons auf dem Rücksitz meines alten Volkswagens steckte, erklärte ich ihr noch einmal selbstbewußt, daß neunzehn Jahre im Kinderzimmer genug seien. Sie unternahm einen letzten verzweifelten Versuch.
»Sturmfrei kannst du auch bei uns wohnen«, sagte sie, »das weißt du ja. Und wenn dich als Student die alte Anrichte von Tante Hetty stört und das Schrankbett …«
Ich gab ihr einen Kuß, während mein Vater mir zuzwinkerte.
»Laß ihn endlich fahren«, sagte er, »sonst ist die Bude wieder vergeben, bis er da ist.«
Der Wagen war so vollgestopft mit Hausrat, daß ich mich kaum auf den Fahrersitz zwängen konnte. Bücher, eine große Stehlampe, Geschirr, ein Elektrokocher und mehr Unterwäsche, als ich überhaupt jemals zu wechseln bereit war – Großstadt, ich komme! Ich winkte noch einmal kurz durch das heruntergekurbelte Seitenfenster, hupte zweimal fröhlich und gab Gas. Der Abschied sollte kurz und schmerzlos werden. Im Rückspiegel sah ich, daß Mutter ihren Kopf wehmütig an Vaters Schulter gelegt hatte.
Sie winkten unangenehm lange. Irgend etwas flog mir plötzlich ins Auge.
Aus dieser Stunde rührt meine erste Erfahrung, daß Umzüge leider meist mit Emotionen verbunden sind.
Ein Stück Herz bleibt immer zurück – ob man es zugibt oder nicht. Als Nestflüchter gibt man natürlich überhaupt nichts zu, jedenfalls nicht, solange der Schnabel noch gerade hängt und ein neues hübsches Nest in Aussicht ist.
Es dauerte genau vier Stunden und fünfunddreißig Minuten, bis mein stolzer Höhenflug jäh endete, nein, genauer: beendet wurde. Ich machte Erfahrung Nummer zwei: Vertraue niemandem, der dir eine Wohnung verspricht!
Mein Freund Ulrich, schon im ersten Semester Medizin, hatte das Zimmer, in dem ich als Untermieter einziehen wollte, für mich geortet. Nach seiner telefonischen Schilderung sollte es am Rande des Stadtparks liegen und über zwei verlockende Eigenschaften verfügen. Einmal war es erstaunlich billig, zum anderen stand es im Ruf, so sturmfrei zu sein, daß man das Zimmer nach Ulrichs Schilderungen als ›Miezenfalle‹ bezeichnete. Das gefiel mir. Ich hatte zwar keine Mieze, aber ich war fest davon überzeugt, daß kein Student allein vom Lernen glücklich werden konnte.
Er hatte darum gebeten, daß ich ihn nach meiner Ankunft im ›Salon Monique‹ abholte, wo er sich nach seinen Worten einmal in der Woche abends aufzuhalten pflegte. Ich wagte nicht zu fragen, was er dort trieb. Insgeheim bewunderte ich seinen neuen Lebensstil, aber er hatte ja einen reichen Vater. Und ein Casanova war er schon als Abiturient gewesen.
Um Punkt achtzehn Uhr ruckelte ich mit meinem vollbeladenen Käfer die angegebene Straße entlang, um nach dem unzweideutig eindeutigen Salon Ausschau zu halten. Wilde Gedanken schossen mir durch den Kopf. Was passierte, wenn Ulrich mich hineinlockte? Wenn er mich gar drängte … Plötzlich, zu spät, fiel mir der große Koffer mit frischer Unterwäsche ein.
Angespannt suchte ich weiter nach dem Salon. Mein Herz schlug höher, als ich endlich die bunte Leuchtschrift ›Monique‹ vor mir sah. Langsam fuhr ich näher, bis ich unmittelbar davor stand und jetzt das ganze Neonschild lesen konnte.
Dort stand völlig unmißverständlich:
WASCHSALON MONIQUE TAG & NACHT SELBSTSERVICE
Durch die riesigen Fensterscheiben konnte ich Ulrich sogar schon sehen. Emsig hantierte er an einer von schätzungsweise zwanzig nebeneinander aufgereihten Waschmaschinen.
Schlimmer noch: Er trug eine kleine Schürze. Die frisch getrocknete Wäsche legte er ordentlich in eine große Plastiktüte.
Ich war entsetzt. Was war aus ihm geworden? Daß es sich bei Salon Monique nicht um ein Rotlicht-Etablissement handelte, erleichterte mich zwar, mein Bild von Ulrich hatte jedoch einen Knacks bekommen.
Ich klopfte an die Scheibe. Als er mich entdeckte, winkte er zurück, band seine Schürze ab, klemmte sich die Wäschetüte unter den Arm und kam auf die Straße. Sein schwarzer Lockenkopf war noch von den Waschdünsten zerzaust. Er roch nach Persil.
»Entschuldigung«, sagte er, »ich habe heute Waschtag. Frau Wiedemayer erlaubt leider nicht, daß ich das zu Hause erledige.«
Frau Wiedemayer war seine Vermieterin.
»Kann sie das denn verbieten?« fragte ich naiv.
»Du bist gut«, sagte Ulrich mitleidig, weil ich so wenig Ahnung hatte. »Sie kann alles verbieten, was sie will. Ich muß mich aber nur dran halten, wenn ich nicht rausfliegen möchte.«
»Dann nimm dir doch einfach eine andere Bude.«
Er lachte entnervt.
»Und woher? Es gibt doch keine in dieser Stadt!«
Jetzt staunte ich wirklich über ihn. Seine Freundschaft zu mir mußte ihm sehr wichtig sein, wenn er selbst bei Frau Wiedemayer wohnen blieb und die freiwerdende Miezenfalle mir gab.
»Wirklich nett von dir, daß du wenigstens für mich ein Zimmer besorgen konntest«, sagte ich ehrlich beeindruckt.
Er sah mich verständnislos an.
»Was für ein Zimmer?«
»Du sagtest doch neulich am Telefon, du hättest eine Bude für mich!«
»Habe ich das gesagt?«
»Ja. Diese … Miezenfalle.«
Er schüttelte den Kopf.
»Unsinn, die Miezenfalle ist ja längst vergeben. An einen Franzosen aus der Philosophischen.«
»Wie bitte?«
Ich konnte nicht glauben, was er da mit der größten Selbstverständlichkeit sagte. Wenn es stimmte, daß ich buchstäblich auf der Straße. Ich suchte in seinen Augen nach einem Fünkchen Schalk.
»Ist das ein Jux?«
»Hör mal zu, Stefan«, antwortete Ulrich feierlich, »das kannst du gleich lernen: Zimmersuche ist uns allen etwas Heiliges. Darüber macht man keine Witze. Im übrigen hatte ich dir die Miezenfalle nur als Beispiel genannt. Ehe da jemand auszieht, studiert er lieber fünf Semester mehr. Natürlich helfe ich dir aber gern, irgendwo was zu finden.«
»Und heute nacht? Soll ich etwa im Auto schlafen?«
»Quatsch«, sagte er, »du kommst auf mein Notbett.«
Das klang beruhigend.
Eilfertig räumte er sich eine Ecke auf dem Beifahrersitz frei, quetschte sich zu mir in den Wagen und lotste mich durch die Stadt, die mir unendlich groß und geheimnisvoll schien. Die erste Dämmerung senkte sich bereits über die Straßen und in den Wohnungen und Häusern gingen die Lichter an. Mir wurde plötzlich klar, daß ich zum erstenmal in meinem Leben kein Zuhause besaß, während um mich herum ein paar hunderttausend Menschen ihren Spaß in den eigenen vier Wänden hatten. Ich empfand tiefes Bedauern mit mir.
Ulrichs Zimmer, das in einer alten Villa lag, war klein und so wundervoll unordentlich, wie ich mir meinen Raum zu Hause mit Tante Hettys Anrichte und dem Schrankbett immer erträumt hatte. Nur ein Gästebett sah ich nicht.
Ich sagte es ihm verwundert.
Er öffnete die schmale Tür zum Bad und wies mit einer eleganten Bewegung auf seine Badewanne.
»Voilà«, sagte er, »dies ist mein Gästezimmer. Tritt ein.«
Als er meinen entsetzten Blick wahrnahm, fügte er grinsend hinzu: »Wenn du willst, kann ich dir auch ein frisches Laken reinlegen.«
Ich nickte und rieb mir unbewußt schon meine Knochen.
Endlich offenbarte mir das Schicksal, was es mit mir vorhatte: Mein Leben als Untermieter nahm seinen bitteren Anfang.
Mehr als zwei Wochen mußte ich mich gedulden, bis ein freies Zimmer für mich gefunden war.
Inzwischen hatten meine ersten Literatur-Vorlesungen längst begonnen, und ich pendelte ständig zwischen den Hörsälen, der studentischen Zimmervermittlung und meiner Badewanne. Es fiel mir nicht leicht zu verbergen, wie und wo ich meine Nächte verbrachte. Während der Vorlesungen konnte ich kaum noch gerade sitzen. Mein Rücken kam mir vor wie ein Stück weichgeklopftes Filet. Fragen meiner Kommilitonen, welches Syndrom ich denn hätte, wich ich geschickt mit dem Hinweis aus, ich sei schon seit Jahren Hochleistungssportler. Das machte Eindruck.
Im übrigen begriff ich schnell, worauf es bei der Zimmersuche ankam.
Einmal galt es, ständig alle verfügbaren Informationsquellen anzuzapfen. Dazu gehörten die Tageszeitung, die Zettelaushänge auf dem Universitätsgelände und in Kneipen sowie die mündliche Überlieferung jahrzehntealter zuverlässiger Adressen.
Bei einer Frau Kruse beispielsweise hatten sich ganze Juristengenerationen durch ein Zimmer geschlafen, andere Vermieter wieder hatten sich ausschließlich auf katholische Nichtraucher spezialisiert.
Am gesuchtesten freilich sind bis heute Medizinstudenten, von denen man erwartet, daß sie ihre Miete nicht bar bezahlen, sondern sie durch medizinische Hilfeleistung im Haushalt und Familie entgelten. Was an geldwerter Leistung von einem Untermieter sonst noch verlangt werden konnte, erfuhr ich fast täglich, wenn ich irgendwo vorsprach. Gartenarbeit war das mindeste. Am zweitliebsten ließ man die Untermieter Nachhilfe geben, für ›unseren Jüngsten, der in Deutsch ein wenig hängt‹, oder die Dame des Hauses verlangte lächelnd, man müsse ihr hin und wieder ein wenig bei der Hausarbeit zur Hand gehen.
Wie aber fand ich ein Zimmer, in dem ich einfach nur wohnen konnte?
Die Idee kam mir, als ich wieder einmal enttäuscht von einer Besichtigung zurückkam. Gedankenverloren streifte ich durch eines der schöneren Villenviertel der Stadt. Ein Haus war so eindrucksvoll wie das andere, die Gärten waren groß und hatten hohe, alte Bäume.
Auf einem Streifen zwischen Fahrbahn und Bürgersteig standen Linden. Alles in allem breitete sich vor meinen Augen das lockende Bild dezenten Wohlstandes aus, an dem ich allzugerne mit ein paar Quadratmeterchen partizipiert hätte und das in gehässigem Widerspruch zu meinem jetzigen Leben in Ulrichs Naßzelle stand.
Kurzentschlossen drückte ich auf die nächstbeste Klingel an einem schmiedeeisernen Tor.
Ich war auf Hundegebell gefaßt, aber statt dessen ertönte irgendwo aus dem Garten eine ältere weibliche Stimme.
»Ja, bitte?«
Im selben Moment erschien die Frau am Tor. Sie schaute skeptisch durch das Gitter.
»Bin ich hier richtig?« fragte ich forsch. »Hier soll ein Zimmer zu vermieten sein.«
Die Frau reagierte mit Entsetzen, als hätte ich ihr einen unanständigen Antrag gemacht.
»Bei uns? Nein, junger Mann, das ist wohl ein Irrtum. Wahrscheinlich haben Sie uns mit Familie Roth verwechselt.«
»Richtig«, sagte ich geistesgegenwärtig. »Roth war der Name.«
Sie lächelte süffisant.
»Sehen Sie, habe ich es mir doch gedacht. Der junge Roth hat geheiratet, und sein Zimmer sollte vermietet werden.« Sie zeigte mit ihrem Gartenhandschuh auf die andere Straßenseite, wo ein eher bescheidenes kleines Backsteinhaus stand. »Dort drüben. Aber Sie müssen lange klingeln, der alte Roth ist schwerhörig.«
Ich bedankte mich und ging innerlich jauchzend nach drüben. Der Trick hatte also funktioniert.
Voller Spannung läutete ich bei Roths. Ein Langhaardackel sprang mir entgegen. Wütend kläffte er solange, bis ihn ein alter, freundlicher Herr mit weißen Haaren, buschigen Augenbrauen und rotem Gesicht einfing und wegsperrte.
Ich stellte mich vor und sagte dem Herrn, daß ich gehört hätte, bei ihm gäbe es ein Zimmer zu mieten.
»Wie bitte?« fragte er laut zurück.
»Ein Zimmer zu mieten«, wiederholte ich mit kräftiger Stimme. Er nickte. Es stimmte also tatsächlich.
»Ja. Nur merkwürdig, daß Sie das schon wissen. Die Annonce erscheint doch erst übermorgen.«
»Ich habe eine Freundin im Verlag«, log ich. Und ich schwöre, es ist gar nicht so leicht zu lügen, wenn man dabei brüllen muß.
Herr Roth führte mich ins Haus.
Drinnen war alles sehr aufgeräumt. Am Ende eines langen Flures mit Garderobe und Telefonschrank lag das Wohnzimmer.
Irgendwie wurde ich an zu Hause erinnert, es war wie bei uns, wenn ich es genau nahm. Für Sekunden fragte ich mich, warum ich mein eigenes Kinderzimmer aufgegeben hatte, um in das Kinderzimmer fremder Leute zu ziehen.
Herr Roth holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Wie alle Schwerhörigen hatte er ein sehr lautes Organ. Ich betete, daß die Wände wenigstens schalldicht waren.
Inzwischen war auch Frau Roth zu uns gestoßen. Sie war untersetzt und auf sympathische Weise rundlich. Sie paßte wunderbar zu Herrn Roth.
Endlich öffneten sie die knorrige Holztür zum Zimmer des künftigen Untermieters. Neugierig trat ich ein.
Der Raum war nicht sehr groß, auch nicht besonders hell, aber ein alter romantischer Apfelbaum vor dem Fenster machte das wieder wett.
Als ich meinen Blick über das Mobiliar schweifen ließ, erschrak ich. Das größte Einrichtungsstück war eine altmodische Anrichte, während aus Platzgründen auf der gegenüberliegenden Seite ein Schrankbett aufgestellt war. Vor dem Fenster stand ein Schreibtisch mit Stuhl, daneben ein abgewetzter geblümter Sessel. Ich schluckte schwer. Es kam mir alles so bekannt vor.
»Und?« fragte Frau Roth liebenswürdig, »ist das Zimmer nach Ihrem Geschmack?«
»Es ist genau so, wie ich es gewöhnt bin«, antwortete ich verschwommen.
Frau Roth faßte es, wie ich befürchtet hatte, als Lob auf.
»Das freut uns. Wenn Sie wollen, können Sie das Zimmer haben.«
Während wir ins Wohnzimmer, das offensichtlich als Verhandlungsort vorgesehen war, zurückkehrten, schilderten mir die beiden noch einmal die Vorzüge der Villengegend. Ich ließ sie reden und fragte gleichzeitig mein eigenes Gewissen, ob ich überhaupt die Möglichkeit hatte, eine Chance für den Umzug aus Ulrichs Badezimmer in eine normale menschliche Behausung zu verschenken.
Ich hatte nicht.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich gleich heute einziehe?« fragte ich Herrn Roth. Doch ich hatte zu leise gesprochen.
»Wie meinten Sie?« fragte er zurück.
»Ob er heute noch einziehen kann!« rief Frau Roth laut, nickte mir dabei jedoch schon zu.
»Aber natürlich«, sagte ihr Mann. »Ich habe nichts dagegen. Vorausgesetzt, Sie akzeptieren die hundertzehn Mark Miete und nehmen mir hin und wieder den Hund ab, wenn ich es mal wieder mit dem Rücken habe.«
Wie um mich einzuwickeln, legte sich im selben Augenblick der Dackel neben meinen Sessel und blickte mich herzerweichend an. Ich hätte mir denken müssen, daß es kein Zimmer ohne Zulage gab. Der Hund hieß Paul.
»Paul wird mich sicher nicht stören«, antwortete ich tapfer. In Gedanken sperrte ich ihn bereits im Schrankbett ein.
»Es wäre ja nur hin und wieder«, meinte Herr Roth freundlich, seine gütigen Großvaterbrauen hebend, »höchstens, wenn er mal austreten muß.«
Er sagte es ganz ernst, deshalb wagte ich nicht zu lachen. Stattdessen zückte ich meine Geldbörse und gab ihm eine erste Anzahlung auf die Monatsmiete. Ich versprach, spätestens in zwei Stunden mit meinem Gepäck zurückzusein.
Frau Roth brachte mich noch zur Tür und gestand aufatmend, daß ich ganz und gar ihrem Wunschbild von einem Untermieter entspräche.
Ulrich tat, als bedauerte er meinen Auszug. Er half mir, meine Sachen aus unserem gemeinsamen Kleiderschrank zu fischen, packte mit mir die Bücherkiste und trug die Koffer ins Auto, während ich im Lebensmittelgeschäft nebenan noch rasch eine Flasche italienischen Rotwein besorgte, die ich ihm zum Dank schenken wollte.
Er überredete mich, einen Schluck mitzutrinken, was dazu führte, daß wir uns brüllend vor Lachen mit Witzen über Vermieter und andere parasitäre Zeitgenossen den ganzen Nachmittag vertrieben. Mir zuliebe ließ er sogar eine wichtige Vorlesung sausen.
Es war schon spät, als ich endlich vor meiner neuen Adresse parkte und erschöpft meine paar Habseligkeiten aufs Zimmer schleppte.
Bei Frau Roth, die noch während ich auspackte, immer wieder emsig mit dem Staubtuch über den Schreibtisch und die Anrichte in meinem Zimmer wischte, entschuldigte ich meine Verspätung mit einem wichtigen Termin bei meinem Professor. Sie nickte bewundernd. Das gab mir Profil.
Müde vom Einräumen, aber auch vom Rotwein, fiel ich schließlich auf mein neues Bett. Das weiße Laken roch frisch und blumig und ich dachte, daß ich ein Narr wäre, wenn ich es hier nicht ein paar Semester aushalten könnte.
Draußen kam Wind auf, der die Zweige des Apfelbaums an mein Fenster schlagen ließ. Es regnete.
Plötzlich klopfte jemand an meine Zimmertür. Ich fuhr erschrocken hoch.
Es war Herr Roth. Er sprach durch die geschlossene Tür mit mir, um nicht indiskret zu wirken.
»Ist alles in Ordnung, Herr Roggenkämp?« fragte er leise.
»Ja«, antwortete ich. »Danke, alles in Ordnung.«
»Na, fein«, sagte er erleichtert. »Würde es Ihnen dann etwas ausmachen, sich ein Momentchen um Paul zu kümmern?«
So erschrocken ich auch reagierte, ich war zu müde, um Widerstand zu leisten. Sollte der Hund sich doch neben mein Bett legen.
»Nein, nein … kein Problem.«
»Gut«, sagte Herr Roth, »Paul muß nämlich mal austreten.«
Spätestens nach dem dritten Wohnungswechsel hat man als Untermieter begriffen, daß nicht der Mietvertrag das Entscheidende ist, sondern eher der Vertrag mit einem guten Psychologen, der einen im Umgang mit dem Haus- oder Wohnungsbesitzer berät. Menschen mit Eigentum sind bekanntlich sensibel.
Aber auch hier macht Not erfinderisch.
Dem Hause Roth beispielsweise entkam ich nach einem halben Jahr nur durch einen Hinweis auf meine angebliche Hundehaar-Allergie. Auch andere Allergien funktionierten problemlos, wie die gegen Katzen- und Hamsterfell, Metallbetten, Tageslicht oder Tapeten. Nur über Staubmilben sollte man niemals reden.
Einer meiner Freunde, als Biologe den Umgang mit der Realität gewohnt, dozierte bei seinen Vermietern einmal über die unausbleibliche Präsenz der hübschen kleinen Hausmilbe in unseren Wohnungen.
»In 30 Gramm Matratzenstaub«, erklärte er ernsthaft, »können 42000 Milben leben. Das macht – für ein normales Doppelbett etwa – rund zwei Millionen Milben aus.«
Entsetzt und angewidert starrte ihn die Hausherrin an. Plötzlich zog sie ihn in ihre eigenen Räume hinüber und führte ihn zu ihrem Schlafzimmer, auf dessen Betten zwei Paradekissen lagen. Energisch wies sie auf die frischbezogenen Decken.
»Zwei Millionen? Vielleicht in Ihrem Zimmer, sie Ferkel!«
Noch am selben Abend kam die Kündigung wegen hygienischer Bedenklichkeit.
Mitunter helfen auch Kenntnisse der Tierkreiszeichen-Merkmale, die charakterliche Qualität eines Vermieters einzuschätzen; zumindest wirken sie ergänzend, wenn die Schulpsychologie an ihre Grenzen gerät.
Wir saßen eines Abends noch zu viert in der alten Institutsbibliothek zusammen, in deren hohen geschnitzten Regalen tausende von Folianten und Fachbüchern standen, die den Schall auf eine wohlige Weise dämpften und der ganzen Bibliothek etwas Ehrwürdiges verliehen. Es war die Stunde, in der die meisten Besucher längst das Haus verlassen hatten und man trotz der ansonsten strikten Schweigepflicht ungestört plaudern konnte. So mußte es zur Dämmerstunde in einem alten englischen Schloß sein, dachte ich.
Wir hatten es uns an dem langen Tisch gemütlich gemacht: der große Jan Mausolf, der immer fröhliche kleine Hannes Karstein, der aus einer Rheingauer Winzerfamilie stammte, dann Mäxchen von Schlipp, der durch seine dünnrandige Gelehrtenbrille auffiel – meistens trug er dazu eine dunkelrote Fliege – und ich selbst. Mäxchen, der das Aristokratische nicht verleugnen konnte, bewohnte ein Dachzimmer bei einer verarmten Gräfin. Dort schrieb er an seiner Doktorarbeit über die ›Bedeutung der Astrologie in der Europäischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts.‹
»Meine Wirtin«, erklärte er uns, »ist für mich kein Rätsel mehr, seit ich ihren Geburtstag kenne. Sie ist Zwilling.«
»Und was bedeutet das?« wollte ich wissen.
Mäxchen runzelte die Stirn.
»Viel Ärger«, sagte er, »sehr viel Ärger. Sie ist ein wahrer Januskopf – und du weißt nie, welche Seite dich gerade anschaut, wenn du nach Hause kommst.«
Wir lachten über sein betrübtes Gesicht.
»Ich habe eine Jungfrau zu Hause«, sagte Hannes Karstein erheitert.
»Allerdings halte ich Tierkreiszeichen eher für Kokolores.«
»Sag mir ihre Eigenschaften und ich sage dir, ob du diese Frau verdient hast«, konterte Mäxchen.
Hannes zählte auf. Er ereiferte sich geradezu.
»Sie ist eine Buchhalternatur, die jeden Abend den Stromzähler abliest. Sie rechnet mir auf, wie oft ich bade, ihre Seife darf ich sowieso nicht benutzen. Wenn ich einmal Damenbesuch mitnehme, muß ich es vorher bei ihr anmelden, nur damit sie hinterher ihre bösartigen pedantischen Anmerkungen machen kann. Am schlimmsten aber ist ihr Mißtrauen, dieses unmenschliche Mißtrauen.«
»Und woher willst du das wissen?«
»Ich habe ihr Tagebuch gefunden«, sagte Hannes.
»Dann hast du diese Frau verdient«, befand Mäxchen lachend. Er wandte sich an Jan Mausolf.
»Und was ist dein Vermieter?« fragte er.
»Storch«, antwortete Jan trocken. In Wirklichkeit hörte er gar nicht zu, sondern spähte durch die halboffene Tür nach draußen in den Gang, wo für Sekunden ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen zu sehen war.
Auch ich war hellwach geworden. Ich kannte das Mädchen. Es war Beatrice, um die ich mich schon seit drei Wochen bemühte. Sie war aus dem Elsaß und hatte so etwas Französisches, Zartes, das mich jedesmal erschaudern ließ, wenn sie im Hörsaal neben mir saß und mit in meinen Text schaute.
Noch bevor Jan auf das vorüberschwebende Traumbild reagieren konnte, war ich aufgesprungen.
»Bin gleich wieder da.«
Ich erwischte Bea gerade noch auf der Treppe. Sie trug mehrere Bände eines philosophischen Wörterbuches unter dem Arm. Ihr halblanges schwarzes Haar bildete reizvolle kleine Strähnen über den Ohren und bot einen romantischen Gegensatz zu ihren Jeans und der schlichten Bluse.
Wir hatten uns fast eine Woche nicht gesehen und ich spürte, daß auch sie mich vermißt hatte. Es lag geradezu zwischen uns in der Luft, daß wir in puncto Annäherung endlich einen Schritt (von mir aus gern auch zwei) vorwärtskommen sollten.
Ich mußte sie noch heute abend wiedersehen.
Sie lächelte.
»Gut, dann treffen wir uns um halb acht im ›Rebgarten‹, wenn du Lust hast. Ich komme direkt dorthin«, sagte sie.
Natürlich hatte ich Lust. Der ›Rebgarten‹ war ein kleines, schummriges Weinlokal, das meinen Plänen sehr entgegenkam.
»Ich bin schon früher da«, sagte ich.
»Ich vielleicht auch. Bis dann.«
Ihre Bücher an sich drückend, verschwand sie die Treppe hinunter. Von unten lachte sie noch einmal süß zu mir hoch. In fantastischer Laune ging ich in die Bibliothek zurück, wo die anderen mich bereits mit einem Vorschlag erwarteten. Zum Glück war ihnen entgangen, mit wem ich da draußen geredet hatte. Noch mußten sie es nicht wissen.
Auch sie hatten etwas für den Abend vor. Jans Bruder, er hieß Manfred, bewohnte ein Zimmer im Studentenheim. Ich kannte Manfred gar nicht persönlich, sondern nur aus den Schilderungen Jans, aber ich hatte mitbekommen, daß Manfred Mausolf ein großer Anhänger von Partys war.
Für diesen Abend hatte er auch die Freunde seines Bruders zu einem Fest auf sein Zimmer geladen. Was eigentlich gefeiert wurde, konnte mir auch Jan nicht verraten.
Dankend lehnte ich ab und gab vor, noch eine Seminararbeit fertigschreiben zu müssen. Mein Geheimnis hütend, ertrug ich sogar ihre rüden Bemerkungen über meinen zügellosen Fleiß.
Der Abend mit Beatrice verlief so, wie ich es mir insgeheim gewünscht hatte. Bei den Klängen eines ungarischen Geigen-Trios schmolz der selbstbewußt-ironische Unterton, mit dem Beatrice Männer auf Distanz zu halten versuchte, vollkommen dahin. Ich hatte das sichere Gefühl, mit jedem Satz, den wir sprachen, während wir uns über den Weingläsern tief in die Augen schauten, ihrem französischen Blut näher zu kommen.
Die langen, heißen Küsse beim Verlassen des Lokals wiesen mir den Weg.
Zu mir konnten wir leider nicht gehen, da mein Zimmer gerade renoviert wurde. Es kam also nur ihre Wohnung in Frage, die irgendwo in unmittelbarer Nähe der Universität lag. Wir fuhren in meinem Wagen.
»Jetzt rechts abbiegen«, sagte Beatrice. »Da drüben, das Hochhaus.«
Vor Schreck wäre ich fast auf die Bremse getreten.
Es war dasselbe Studentenheim, in dem auch Jans Bruder wohnte. Während wir mit dem Lift nach oben fuhren, betete ich, daß ich jetzt jener bösmäuligen Meute nicht in die Hände fiele, die gerade eben auf irgendeinem Stockwerk ihr Unwesen trieb. Ich hatte eine unbestimmte tiefe Abneigung gegen solche Studentenheime.
»Warum?« fragte Bea, interessiert mein hochmütiges Gesicht beobachtend.
»Es ist wie Käfighaltung«, sagte ich verächtlich.
Sie legte zärtlich eine Fingerspitze auf meine Nase und lächelte verheißungsvoll.
»Warte nur! Mein Käfig ist gar nicht so schlecht.«
Wir erreichten ihr Zimmer im sechsten Stock, ohne gesehen zu werden.
Als wir eintraten, war ich wirklich erstaunt, wie groß es war. Es hatte Einbaumöbel aus dunklem Holz, eine kleine Kochnische und ein hübsches Bad. Die gesamte Einrichtung wirkte geschmackvoll, geschmackvoller jedenfalls als meine eigene Unterkunft bei einer achtzigjährigen geizigen Kaufmannswitwe, die mir nur ausrangierte alte Möbel ins Zimmer gestellt hatte. Ein bißchen Neid kam in mir auf, aber auch Bewunderung für Beas weibliches Talent, mit ein paar originellen Einzelstücken eine sehr persönliche Atmosphäre zu zaubern. Neben zwei selbstgefertigten witzigen Landschaftscollagen an der Wand und einer Sammlung bunter Holzenten auf dem Fensterbrett gefiel mir das alte Schaukelpferd mit echtem ledernen Zaumzeug am besten. Es stand mitten im Zimmer, wie ein richtig wertvolles Sammlerstück. Bea hatte es von ihrem Großvater.
Sobald die Tür hinter uns zugefallen war, fielen wir uns in die Arme und küßten uns lange. Bea zog ihre Schuhe aus und holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. Vor meinen Augen entstanden Bilder großer amerikanischer Liebesfilme – genauso war es bei uns.
Den Rest der Flasche tranken wir später im Bett, übermütig herumalbernd. Ich mußte plötzlich lachen, weil ich das Gefühl hatte, daß mich das Holzpferd die ganze Zeit anglotzte.
»Dein Pferd ist zu neugierig«, sagte ich, schon reichlich angeheitert. »Es hat wirklich die ganze Zeit zugeschaut!«
Mit meinem rechten Fuß warf ich ihm schwungvoll die Bettdecke über Kopf und Mähne.
»Laß das doch«, kicherte Bea neben mir, »es ist ein ganz verschwiegenes Pferd … das versprech ich dir!«
»Ach ja? Dann kann es also nicht einmal wiehern?«
»Probier’s doch. Setz dich drauf!«
»Worauf?« fragte ich anzüglich.
Sie gab mir einen Kuß.
»Na, auf’s Pferd natürlich. Komm, probier’s. Ich will sehen, ob du eine gute Figur machst.«
Ich stand auf und setzte mich auf das Schaukelpferd. Es trug mich tatsächlich. Voll Vergnügen schaukelte ich wie ein großes Kind hin und her, während Bea mich vom Bett aus amüsiert anfeuerte. Übermütig wieherte ich wie ein wilder Hengst, bis Bea vor Lachen kaum noch Luft bekam.
»Hör auf … bitte hör auf!« rief sie. »Ich kann nicht mehr!«
»Ich schon«, sagte ich und ließ mich wieder neben sie fallen. Lockend blickten mich ihre dunklen Augen an. Wir stürzten erneut einander in die Arme.
Zufällig traf ich Hannes und Max am nächsten Vormittag am Brunnen vor der Mensa. Es war ein sonniger Tag und sie saßen rauchend auf einer Bank, ihre Taschen neben sich.
»Du hast vielleicht was versäumt«, sagte Max, als ich bei ihnen stand. »Gestern abend, meine ich. Es war wahnsinnig lustig.«
»Ach ja?« Nur mit Mühe verkniff ich mir herauszuplatzen, wie lustig es erst bei mir war.
»Max hat recht«, pflichtete ihm Hannes bei, »es war ein höchst ungewöhnlicher Abend.«
Bei so viel Elogen war ich nun doch neugierig geworden.
»Inwiefern?« fragte ich. »Mädchen?«
»Nur eins«, sagte Hannes mit breitem Grinsen, »aber anders als du denkst. Es handelt sich um die Etagennachbarin von Jans Bruder.«
»Und was ist mit der?«
»Ich will mal untertreiben … sie ist sowas wie ein doppelter Vulkan.«
Hannes setzte sich genußvoll an die Banklehne zurück und fuhr mit einem kurzen zwinkernden Seitenblick zu Max fort.
»Ihr Liebesleben war unüberhörbar für uns. Sie kam so gegen halb elf, zusammen mit ihrem Typ. Kaum war sie in ihrem Zimmer, gings auch schon los. Die Zimmer im Studentenheim sind wahnsinnig hellhörig, mußt du wissen.«
Ich schluckte. Ich hatte es nicht gewußt.
»Heißt das, ihr alle habt zugehört, wie sie … bumste?« fragte ich. In Gedanken rechnete ich schnell nach, wann ich mit Bea angekommen war.
»Mann!« schwärmte Hannes. »Was denkst du denn? Der ganze sechste Stock hat gebebt!«
Ich wurde blaß, hoffte aber, daß die beiden es nicht bemerkten.
