Einsame Begegnungen - Matthias Kubat - E-Book

Einsame Begegnungen E-Book

Matthias Kubat

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Beschreibung

Bekanntlich sind die Flüchtlinge ja an allem Schuld, so denkt auch die Familie der Hauptfigur in diesem Buch. Die Hauptfigur lebt ein freies, unabhängiges Leben ohne Geldsorgen und hat bislang noch keine Berührungspunkte mit Geflüchteten. Eines Nachts jedoch - schlagartig blutiges Erbrechen; der Gesundheit entrissen? In der Verzweiflung - ein Deal mit Gott: "Du machst mich gesund! Du stellst sicher, dass ich keinen bösartigen Tumor habe. Dafür werde ich eine Aufgabe, die Du mir gibst, erfüllen." Ein Schwur mit ungeahnter Tragweite - ein neues Leben tut sich auf ... Der Reinerlös kommt zur Gänze dem Lions-Club Kreuzenstein und dessen karitativen Projekten zugute.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für alle Gutmenschen, die sich in der einen oder anderen Form für die Gesellschaft stark machen

Für meine Familie und Freunde

Für Asieb, der ein Bruder und Zeid, der ein Sohn geworden ist

Für Ali, Ares, Hassan und Liaqat

Für Hedi, meine Mutter und Valerie, meine Lektorinnen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der Schwur

Die ersten Begegnungen

Die Aufgabe

Innere Zerrissenheit

Patensohn?

Gescheitert

Alles war gut

Umbruch

Wiedersehen im Arrest

Die Rückkehr

Aufgefangen

Die Schließung

Die letzten Tage

Aufkeimende Hoffnung

Der Besuch

Ein Wort verändert

Einsamer Schmerz

Nachwort

Namensverzeichnis

Vorwort

ANGST – das ist das stärkste Gefühl in meinem Herzen. In Afghanistan habe ich Angst um mein Leben gehabt. Auf der Flucht habe ich Todesangst gehabt. Selbst in Österreich habe ich Verlustangst um mein neugewonnenes Leben.

Mein Name ist Asieb Myri und ich werde im Jänner 20 Jahre alt. In diesen 6.913 Tagen habe ich meistens nur Angst gefühlt. Ich bin ein junger Mann, sollte mein Leben genießen – Freunde, verliebt sein, meine Jugend erleben; jedoch kreisen meine Gedanken um meine Zukunft – darf ich in Österreich bleiben? Muss ich zurück nach Afghanistan? Zurück zu Terror, Krieg und Leid? Ich bin mit nichts nach Österreich gekommen; ich bin ein Fremder, ein Flüchtling gewesen – heute verbessere ich mein Deutsch, arbeite auf der Gemeinde, engagiere mich ehrenamtlich im Pflegeheim, bin in Vereinen aktiv (Judo–Club, Grüne), habe Freunde gefunden und sogar eine Familie geschenkt bekommen – einen großen Bruder. Ich habe mir mit Fleiß und Mühe ein gutes Leben aufgebaut, aber diese Ungewissheit „Darf ich in Österreich bleiben?“, diese Angst, quält mich. Denn:

Ich weiß um die Güte des Friedens in Österreich, weil ich den Krieg kenne.

Ich weiß um den Wert von Freiheit in Österreich, weil ich die Unfreiheit kenne.

Ich weiß um die Bedeutung von Demokratie in Österreich, weil ich die Diktatur des Terrors kenne.

Daher liebe ich meine Heimat, Österreich.

Stockerau, am 09. Dezember 2018

Asieb Myri und Matthias Kubat

1. Teil

PATENSCHAFT

Der Schwur

Blendende Dunkelheit. Ohrenbetäubende Stille. Ein durch meinen gesamten Körper durchströmender Schmerz, der jede Muskelfaser zusammenziehen ließ, ein lautloser Aufschrei – meine Kraft verlor sich in meinem Inneren und meine nach Licht sehnende Seele entwich langsam. Mein Atem stockte, auf die Decke starrend ahnte ich den letzten Moment meines Daseins für gekommen und genoss ihn, trotz der Qualen.

Dann mich aufbäumend im Bett ein jähes Aufatmen, kurze Erleichterung und Ruhe; schlagartig ein blutiges Erbrechen – ich sank zusammen und schlief voller Erschöpfung ein. Die Seelenruhe endete am nächsten Morgen abrupt; verwirrt, ob ich bloß geträumt hätte, wurde ich durch die ersten in meinem Zimmer schimmernden Sonnenstrahlen des Tages wach; nun sah ich auf meiner blau gemusterten Bettdecke und meinem weißen T–Shirt verkrustete, rotbräunliche Flecken – Blut, kein Zweifel. Kein wie im Unterbewusstsein erhoffter Albtraum, sondern erschreckende Wirklichkeit – die Realität schlug mir unerwartet ins Gesicht und bewies mir die fragile Zerbrechlichkeit der Gesundheit; nichts Selbstverständliches, ein Geschenk, was mir in der gestrigen Nacht vermeintlich entrissen worden war. Am Vortag noch voller Kraft strotzend als ob die Welt auf einen gewartet hätte, voller Elan tiefe und bleibende Spuren zu hinterlassen und fast an Arroganz grenzend der Gedanke an Unsterblichkeit; nun wurde mir allmählich die Sterblichkeit bewusst, schlimmer noch die eigene Vergänglichkeit – so blieb ich irritiert vor dem Bett stehen, starrte auf die verkrusteten Blutflecken und ließ die Tatsache des Lebens auf mich einwirken – Alter, Krankheit und Tod sind untrennbar mit dem Leben verbunden; Siddhartha Gautama, später als Buddha bekannt, hatte diese Lebensrealitäten bei seinen vier Ausfahrten erkannt und hatte deswegen versucht einen Ausweg aus diesem Leid zu suchen. Meine Suche war anfangs eine Flucht vor der Angst, die Furcht vor dem Sterben-Müssen und nicht die Erkenntnis von den eigenen, eingefahrenen Denkmustern auszubrechen, was ansonsten oft zu einem Leben in stiller, unbewusster Verzweiflung führen könnte; jedoch wird sich diesem Martyrium zu gerne leidenschaftlich, weil alternativlos (?), hingegeben. Den ersten Schritt in Richtung dieser buddhistischen alten Weisheit setzte ich dabei, was mir anfangs erst gedanklich verdeckt war.

Ich stand nun vor dem Bett und ließ dieses Bild auf mich wirken – eine gefühlte Ewigkeit; fast wie hypnotisiert ohne einen Gedanken zu fassen schlenderte ich ins Badezimmer, zog mich aus und ging unter die Dusche. Der lauwarme Wasserstrahl prasselte auf meinen noch vor Schwäche zitternden Körper und hilflos irritierten Geist herab. Ich atmete tief ein, hob den Kopf Richtung Duschkopf und ließ das Wasser in meinen halboffenen Mund fließen; ich spürte wie die warme Luft meine Lungen füllte, schmeckte das Nass und roch den emporsteigenden Wasserdampf – ich fühlte mich lebendiger als jemals zuvor, vielleicht, weil ich den Tod in der vorigen Nacht kurz ertasten hatte dürfen. Ich stieg aus der Dusche, trocknete mich mit einem frischen, vom Bügeln harten Handtuch ab und schlüpfte in die Boxershorts. Nach und nach entschwand der Schock aus meinen Knochen, der Kopf wurde klarer, ich begann den überraschenden Wachkuss des Lebens zu verspüren, zu fühlen; Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit, das Dasein ist keine Trivialität. Selbst erstaunt von meiner Ruhe marschierte ich zum Kleiderschrank, öffnete ihn, kramte Jeans, T–Shirt und Pullover hervor, kleidete mich an und bevor ich mich versah, saß ich schon im Auto und fuhr zum Krankenhaus. Während dieser Autobahnfahrt kreisten meine Gedanken um eine Hoffnung, ob womöglich die gestrige Nacht doch nur eine Ausnahme war? Je näher ich meinem Ziel war umso mehr poppte die unüberhörbare Frage hoch, ob ich überhaupt wirklich wissen wollte, woran mein Körper erkrankt war. „Bin ich mutig genug die lebensverändernde Wahrheit zu wissen? Was wäre, wenn …? Wird die Krankheit mein Leben beherrschen? Oder werde ich die Krankheit kontrollieren können? Ist es nicht besser die gestrige Nacht zu ignorieren und einfach so weiter zu machen, als ob nichts wäre?“ Ich parkte das Auto ein, stieg aus, das Einzige, was ich noch mitbekam, war das Piepsen – das Geräusch beim Zusperren des Autos; die Welt stand für mich nun still. Als ich zum Eingang des Krankenhauses schlenderte, gefangen von den immer wiederkehrenden Gedanken hörte ich nichts mehr, sah ich nichts mehr, ich spürte nicht einmal den kalten, harsch stürmischen Wind des Februars, der mir entgegen blies und mich umhüllte. Ich wusste nur eines, dass es nicht gesund war Blut zu spucken.

Ich ging wie eine Maschine zum Aufnahmeschalter der Ambulanz, erzählte von der vergangenen Nacht und setzte mich, meine Ambulanzkarte fest in der Hand haltend, auf einen abgenützten, steril weißen Plastikstuhl. Die ständig gleichen Gedanken wurden immer lauter, fast wie ein immer schneller werdendes Hämmern auf einen rohen, eisernen Amboss in einem leeren, dunklen Raum; diese Gedanken hallten so stark nach. Das Warten bis zum Aufruf war die eigentliche Folter, denn ich brauchte Beschäftigung, irgendeine Ablenkung, damit ich von dem durch dieses beständige Nachdenken vom enger werdenden Griff um meine Kehle endlich befreit wurde; diese „Was wäre, wenn“–Fragen zogen mich in ihren kalten Bann, ja ich verlor mich in diese; ich glitt gedanklich ab und verlor mich in meine Todesangst.

Endlich der Aufruf meines Namens, ich schreckte auf und eilte in das Zimmer.

Der Arzt schrieb konzentriert auf dem Laptop den Bericht zu seinem letzten Patienten. Sein Assistent zeigte mit erhobenem Finger zum Mund ruhig zu sein; nicht einmal eine Begrüßung entglitt meinen Lippen. Diese Stille war kurz von dem flüchtigen „Klack“ unterbrochen, als die Tür in das Schloss fiel. Der Doktor hob weder seinen Kopf, noch zeigte er irgendeine Regung, sondern starrte gebannt auf den Bildschirm und tippte automatisiert weiter. Dann drehte er sich doch noch mit seinem Stuhl zu mir und sagte seinen standardisierten, maschinenartigen Satz: „Grüß Gott, bitte nennen Sie mir den Grund Ihres Erscheinens.“ Ich erzählte ihm bis ins kleinste Detail von der gestrigen Nacht. Der Arzt, ganz in Weiß gekleidet passend zu seinem fahlen Gesichtsausdruck, fragte über die Farbe des Blutes. Dann bat er mich „meinen Oberkörper frei zu machen“ und mich auf den harten, metallischen Untersuchungstisch zu legen. Der Assistent schmierte meinen Unterkörper rund um den Nabel mit einem kühlen Gel ein und schob dem Arzt das mobile Ultraschallgerät heran. Ohne irgendeine Erklärung fuhr er mit dem Gerät über meinen Bauch, starrte auf das angezeigte Bild und speicherte einige. „Sie sind fertig“, sagte der Doktor und sein Assistent legte mir Papiertücher zum Abwischen neben meinen rechten Arm. Zurück zu seinem Computer schrieb der Arzt an seinem Befund und druckte gleichzeitig die aufgenommenen Bilder des Ultraschallgerätes aus. Ich wischte mir das mittlerweile warm gewordene Gel ab und zog mir das T–Shirt und den Pullover wieder an. Ich war angespannt, mein Herz pochte wie wild; das einzige Wort, was ich fähig war auszusprechen: „Und?“ Der Arzt räusperte sich, druckte letztlich noch den Bericht aus und sagte unbeeindruckt: „Der Ultraschall zeigt in ihrem Magen, gleich direkt beim Mageneingang ein circa 5 cm großes Etwas an. Es kann ein bösartiger Tumor bis hin zu einem ganz harmlosen Polypen sein. Jedenfalls muss Ihnen dieser in der gestrigen Nacht gerissen sein, durch das viele Blut im Magen wurde Ihnen übel, weshalb Sie erbrochen haben. Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht sagen. Wir brauchen eine Probe. Ich kann Ihnen aber nicht einfach durch die Haut stechen und so einen Abstrich vornehmen. Insbesondere da ich ja auch nicht einmal weiß was das genau ist. Wer weiß, was das dann für Folgen hätte. Sie müssen sich einer Gastroskopie unterziehen, dabei wird unter Narkose ein Schlauch durch den Mund bis in den Magen geführt und …“ Ich hörte nicht mehr zu, ich war zu tiefst erschüttert – „ein bösartiger Tumor“. Ganz unterbewusst war ich ins Krankenhaus gefahren, um die definitive Antwort „Alles in Ordnung, das war nichts“ zu erhalten und nun konnte in dem schlechtesten aller Fälle ein Überlebenskampf mit Operationen, Chemotherapie usw. folgen. War diese Botschaft des Arztes der Beginn meines Endes? In Wirklichkeit war seine Nachricht der Anfang von einem neuen Leben, welches ich mir bislang hatte nie vorstellen können. „… hier haben Sie die Unterlagen. Bitte kommen Sie morgen nüchtern gleich um 8:00 Uhr früh und wir machen eine Gastroskopie. Sie wird circa eine Stunde dauern und dann wissen wir mehr. Auf Wiedersehen.“ Ich nahm die gesamten Befunde und ging starren Blickes aus dem Krankenhaus. Meine Gedanken kreisten um meinen möglichen Tod – „Werde ich genauso leidvoll wie mein Vater sterben müssen? Angehängt an einer Infusion? Von Morphium gegen die Schmerzen betäubt?“, ergriff mich die volle Furcht vor Leid und die Todesangst übermannte mich. All die Streitigkeiten, all die Ärgerlichkeiten des Alltages, all die Probleme relativierten sich schlagartig – sie wurden absurd und lächerlich; bewusst zu leben, geistig hell die frisch einströmende Luft in den Lungen zu spüren und die Selbstverständlichkeiten mehr zu schätzen, ja zu genießen war für mich die Priorität. Ja, ich wollte die mir gegebene Zeit sinnvoll nutzen und nicht verschwenden, als würde eine vermeintliche Unsterblichkeit die Zeit für einen einfrieren. Ich fuhr nach Hause, aber mir war sofort klar, dass ich noch nicht meine Familie darüber informieren würde; zumindest nicht solange ich nichts Definitives wusste. Nichts Schlimmeres war für mich, als wie ein Sterbenskranker bemitleidet und bekümmert zu werden; nein, ich wollte dieses gesamte Schicksal für mich einmal akzeptieren. Zu Hause angekommen konnte ich nur noch schlafen, meine Energie war von all diesen Gedanken rund um meine Vergänglichkeit aufgezehrt. Kurz bevor ich einschlief, schlich sich noch die Frage in meinen Kopf, ob sich so der letzte Moment auf Erden anfühlte, dann begann mein Geist zu ruhen.

Spät abends wurde ich wach, ich hatte so tief und fest geschlafen, dass ich den gesamten restlichen Tag versäumte. Draußen war es schon dunkel, ich blickte auf die Uhr und zählte die Stunden bis zu meinem Untersuchungstermin – genau 13 Stunden und 30 Minuten. Nervosität breitete sich in meinem ganzen Körper aus; die ständige Frage „Was machst du, wenn …“; das Hadern, dass man letzten Endes sich seinem Schicksal ergeben musste; denn falls es ein bösartiger Tumor war, konnte mir niemand garantieren, dass ich wieder gesund werden würde; die Ärzte konnten mich bloß beim Kampf unterstützen. Dann kam die nächste gedankliche Qual: „Was habe ich nur falsch gemacht, dass ich so einen Tumor verdient hätte? War das die Strafe, dass ich vielleicht ein schlechter Mensch bin? Hätte ich gesünder essen sollen? Hätte ich mehr Sport machen sollen?“ Ich konnte nicht glauben, dass mein eigener Körper sich gegen mich verschworen hatte und einen bösartigen Tumor wachsen hatte lassen. Schlimmer als mein Schicksal zu akzeptieren, war meine Hilflosigkeit dabei; in Wirklichkeit konnte ich nichts machen, sondern nur akzeptieren. „Hätte ich jedes Jahr zur Gesundheitsuntersuchung gehen sollen? Hätte man es früher entdeckt, wäre es dann vielleicht nicht so schlimm geworden?“ – Aber leider konnte ich auch die Zeit nicht zurückdrehen; an der Universität hatte es immer geheißen „Time is money“, aber es wurde absolut nie erwähnt, dass mit Geld, egal mit noch so viel, niemals Zeit zurückgekauft werden konnte; heimtückischer noch – Zeit ein Rohstoff, der sich nicht einplanen, einteilen lässt, da niemand weiß, wie viel Zeit noch übrig ist.

Ich hielt meine Pein nicht mehr aus; vielleicht konnte ich das Schicksal doch noch austricksen. Kurz keimte in all dieser Angespanntheit und Nervosität Hoffnung auf. Ich rannte in den Vorraum, zog meine Jacke an, setzte mich auf mein Mountainbike und flüchtete zur Kirche; ich war trotz meiner katholischen Erziehung kein besonders gläubiger Mensch, aber in dieser Lebensschwierigkeit konnte mir vielleicht doch nur ein Gott, ein höheres Wesen helfen oder mich gar retten. Ich strampelte wie wild in die Pedale, als ob sich gerade in diesem Moment mein Schicksal entschied; ich begann zu keuchen. Die kalte Nachtluft zeigte meinen aus dem Mund strömenden warmen Atem; noch war Leben in mir und dieses Leben würde ich nicht kampflos aufgeben; denn das bedeutete für mich zu akzeptieren, nichts dagegen zu tun, nicht zu kämpfen.

Ich stieg von meinem Mountainbike, lehnte mein Fahrrad an die gelbe Kirchenmauer und stand vor dem Eingang; der Kirchturm ragte in die Dunkelheit und ein Seitenflügel der imposanten Metalltür war einladend offen. Ich verschwand hinein; in der Kirche war es düster und kühl. Niemand bis auf einen Messdiener, der die Kerzen ausblies, war in dem großen Kirchenschiff aufzufinden. Ich war bereit, ich wollte eine Abmachung treffen. Ich kniete mich kurz vor Ehrfurcht hin und ging dann langsamen, aber sicheren Schrittes auf den Altar zu. Der Messdiener bemerkte mich und sagte freundlich: „Wir schließen in wenigen Minuten.“ „Dürfte ich trotzdem kurz? Es ist sehr wichtig, ich brauche nicht lange“, antwortete ich. Er lächelte wohlwollend und nickte, offenbar erweckte ich den Anschein eines Frommen. Kurz vor dem Altar setzte ich mich rechts auf die alte Holzbank, ein Knarren, aber mehr war nicht zu vernehmen. Die Dunkelheit brach in die großen Seitenfenster des Altarraumes ein. Ich kniete mich hin, drückte meine Hände fest zum Beten zusammen und starrte das große Altarbild mit der Inschrift „video coelos apertos“ („Ich sehe die geöffneten Himmelsmächte“) an. Kein Blinzeln, als wollte ich unverhohlen in Gottes Antlitz sehen, fast schon arrogant; jedoch war keine Überheblichkeit, sondern voller, tiefster Ernst in mir, denn ich hatte Ihm etwas mitzuteilen. „Ich weiß, ich rede nur mit Dir, wenn ich etwas brauche. Ich weiß auch, dass ich kein perfekter Mensch bin. Ja, womöglich bin ich schlechter als Durchschnitt. Ich kann aber besser werden. Ich kann mich verbessern. Folgender Vorschlag – Du machst mich gesund. Du stellst sicher, dass ich keinen bösartigen Tumor habe. Dafür werde ich eine Aufgabe, die Du mir gibst mit größter Leidenschaft, mit bestem Wissen und Gewissen erfüllen. Egal welche, ich werde sie annehmen und Dir versprechen, dass ich sie mit den besten Tugenden erfülle. Eines weißt Du ja über mich, wenn ich mein Wort gebe, dann halte ich es immer ein. Also bitte, gib mir eine Chance. Ich bitte dich, bitte, bitte, …“, die letzten Worte des Anflehens flüsterte ich, so innig war der Versuch von Gott erhört zu werden. Ich stand auf, nicht wartend, dass nun ein Engel mit den Worten „So sei es dann!“ herabstieg – so gläubig war ich dann doch nicht. Allerdings spürte ich keine mich erdrückende Last mehr auf meinen Schultern; im Gegenteil ich fühlte gar keine mehr. Aufrecht und vielleicht ein bisschen erlöst ging ich in Richtung Ausgang, drehte mich nochmals kurz um; das in Dunkelheit gehüllte Kirchenschiff wirkte auf mich vertraut, mystisch. Ich beugte mich kurz, um unseren Deal nochmals zu besiegeln und fuhr nach Hause.

Ein schrilles Piepsen ertönte und entriss mich aus meinem tiefen und festen Schlaf. Ich schlug erbarmungslos auf den Wecker und starrte auf die kühle, weiße Decke. Dies war nun der Tag vom Anfang meines restlichen Lebens, sofern dieser nicht mein letzter war. Ich stand auf, duschte mich, zog mich an und fuhr zum Krankenhaus. Keine „Was-Wäre-Wenn“-Gedanken, keine Angst, sondern in neugieriger Erwartung, ob die gestrige Absprache hielt, ging ich zum Aufnahmeschalter des Spitals und meldete mich für die Gastroskopie. Kurz darauf wurde ich in einen Raum gebracht, zog den Untersuchungskittel an, legte mich auf das Bett, beantwortete ein paar Fragen und unterzeichnete die Risikoerklärung für den Eingriff. Dann ließ ich die gewöhnlichen Untersuchungen wie Bluttest, Herzfrequenz usw. über mich ergehen; schon wurde ich gestochen und mein Körper wie mein Geist wurden betäubt – NICHTS.

Benommen wachte ich auf, langsam öffneten sich meine Augen und ich sah wie mich eine wohl genährte ältere Krankenschwester anlächelte. „Guten Morgen“, sagte sie sanft. Ich nickte, hatte aber durch die Narkose eine trockene Kehle und deutete ihr mit der Hand nach einem Schluck Wasser. Sie brachte mir ein Glas, schenkte es ein und führte es mir zum Mund – gierig trank ich von dem erfrischenden, kalten Lebenselixier. „Der Herr Doktor wird gleich zu Ihnen kommen“, sagte die Krankenschwester. Langsam wuchs meine Anspannung und ich wurde ungeduldig. Nach endlosem Warten kam endlich der Arzt und sagte: „Gute Neuigkeiten. Die Biopsie hat ergeben, dass es sich nur um einen Polypen handelt. Total gutartig, Sie sollten allerdings einmal im Jahr zur Ultraschalluntersuchung gehen, ob er größer wird. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wenn er nochmals Probleme bereitet, werden wir ihn operativ entfernen. Im Zuge der Gastroskopie war dies leider nicht möglich, da er zu nah an einer Ader liegt und wir mit dem Gerät die Blutung nicht hätten stoppen können. Wir können mittels Gastroskopie nur kleine Polypen entfernen und veröden.“ Ich atmete tief aus, sank mit meinem Kopf in das weiche Kissen und schlief ein.

Die ersten Begegnungen

Die automatische Glastüre öffnete sich und frische, kühle Luft strömte in meine Lungen; ich ließ das stickige, von strengen Desinfektionsmitteln durchtränkte Gebäude hinter mir zurück; zurück in mein altes Leben. Die Menschen, die eilig und besorgt um mich herum ins Spital hasteten, beachtete ich nicht. All die Farben meiner Umgebung leuchteten voller Intensität und Pracht – die braune Rinde der blätterlosen Bäume, deren Äste leicht von weißem Schnee bedeckt waren, der blaue Himmel von den grauen Wolken verdeckt, durch sie schien spärlich das helle, wärmende Sonnenlicht, der teerschwarze Asphalt, auf dem ich mit meinen braunen, ein bisschen vom Straßenschmutz verschmierten Winterschuhen entlangschritt, die an mir vorbeirasenden roten, gelben, grünen, schwarzen Autos; ich hörte deutlich die kohlschwarzen Raben, wie sie mit ihren Flügeln kraftvoll schlugen, um vom Boden abzuheben und dabei voller Lebensenergie krächzten. Ich drückte auf meinen Autoschlüssel; das Piepsen ertönte, die gelben Blinker meiner silbernen Limousine blinkten auf; ich öffnete die Türe – ein Klack – setzte mich hinein; ich griff zu dem Seitengriff und locker aus dem Handgelenk warf ich die Autotür schwungvoll zu – ein Plop. Ich startete den Motor, die 286 Pferdestärken erklangen machtvoll. Während meiner Hinfahrt zum Krankenhaus hatte ich das Radio unbewusst abgedreht; ich schaltete es wieder ein; ich wollte Musik hören – schnelle und laute; so spielte ich über den MP3-Player mit ohrenbetäubender Lautstärke Lieder von Queen – beginnend mit „We are the Champions“; danach senkte ich die hochgeklappte Sonnenblende; das Licht der tiefstehenden Sonne blendete mich. Ich parkte mich mit zwei Umdrehungen am Lenkrad gekonnt aus und düste mit aufheulendem Motor rasant nach Hause; auf der Autobahn nur auf der Überholspur mit 150 km/h fahrend.

Zu Hause angekommen öffnete ich das Garagentor, fuhr hinein, stellte das Auto ab und stieg aus. Ich ging zur Tür, die die Garage mit meinem Haus verband; daneben drückte ich den Schalter und das Tor schloss sich; dann trat ich ein, im Vorraum zog ich mir meine Schuhe aus und schrie: „Hallo! Bin wieder da!“ Mein schwarzer Stocklanghaarschäfer Nahual rannte mir mit freudig wedelndem Schwanz entgegen; ich beugte mich zu ihm und streichelte ihn durch sein schwarzes langes, weiches Fell; zur Begrüßung schleckte er mir mit seiner rauen, langen Zunge über meine Hand. Meine Mutter, die über Nacht auf meinen Liebling aufgepasst hatte, kam aus der Küche; ihre Stöckelschuhe hämmerten bei jedem ihrer Schritte auf dem harten Granitboden: „Hallo. Wie geht es dir? Ich habe für dich gekocht. Anstrengende Nacht gehabt?“, sagte sie augenzwinkernd. Ich hatte ihr nichts über die Untersuchung gesagt, ich wollte meine Familie nicht unnötig beunruhigen; außerdem war alles in Ordnung und ich war auf keine längeren Erzählungen über die Gastroskopie eingestellt. Seit dem schrecklichen Krebstod meines Vaters wurden Krankheit und Sterblichkeit in unseren Leben ausgeblendet; ich wollte daher keine alten, vernarbten Wunden aufreißen, so schwieg ich. Ich nickte halbherzig mit einem gezwungenen Lächeln auf ihre rhetorische, doppeldeutige Frage. „Essen ist schon fertig. Es ist im Backrohr. Mache mir immer Sorgen, ob du genug isst. Du musst schon regelmäßig essen, mein Schatz. Ich war schon mit Nahual spazieren. Ich habe dir eine Zeitung besorgt; sie liegt auf dem Esstisch. Habe dir auch einen Artikel aufgeschlagen. Schon wieder eine Messerstecherei in so einem Flüchtlingsquartier; die bringen nur Ärger. Aber solange sie sich gegenseitig umbringen …“, lachte meine Mutter auf, um gleich daraufhin fortzusetzen: „Ruhe dich von der anstrengenden Nacht aus. Bis dann.“ Sie gab mir liebevoll einen Kuss auf die Wange und ging nach Hause. Gemächlich schlenderte ich zum Esstisch, dort lag die ausgebreitete Zeitung; auf einer Doppelseite stand in fetten Lettern geschrieben „Schwere Körperverletzung im Asylheim.“ – Kopfschüttelnd und mit einem verächtlichen Schnaufen schlug ich die Zeitung zu. „Na ja, dann sollen sie sich eben gegenseitig umbringen. Nicht mein Problem“, murmelte ich vor mich hin.

Den restlichen Tag genoss ich gemütlich auf der Couch und schaute fern. Immer zur selben Zeit am Nachmittag, kam Nahual zu mir, setzte sich vor den Fernseher; unser Nachmittagsspaziergang stand an.

Den Anorak bis zum Kinn zugezurrt, mit einem dicken grauen Wollschal um den Hals gewickelt und meine Hände in feste Wollhandschuhe verpackt, trotzte ich diesem düsteren, nebeligen Wintertag im Februar. Es nieselte leicht; die Regentropfen prasselten auf meine Jacke und bahnten sich langsam ihren Weg auf dem von Daunen dick gefüllten Polyester, bis sie schließlich auf meine Hose tröpfelten; durch den kühlen Wind gefror mein vom Regen feuchtes Haar. Nahual zeigte sich von diesem unangenehmen Wetter unbeeindruckt und zog zielstrebig nach vorne bis sich die Leine spannte; ich gab nach und folgte seiner eingeschlagenen Route; es war sowieso sinnlos zu versuchen nur die Straßenseite zu wechseln, da Nahual seinen eigenen Willen hatte, den er kompromisslos bei der Wahl der Strecke durchsetzte; wenn ich den Weg bestimmen wollte, blieb er abrupt stehen und verharrte wie eine Salzsäule. So führte unser Spaziergang bei dem ehemaligen, umfunktionierten Gerichts- und Gefängnisgebäude vorbei; dieses diente nun als Herberge für großjährige Flüchtlinge und Flüchtlingsfamilien.

Ein Zimmer im ersten Stock war hell beleuchtet und auf der Fensterbank im Inneren saß eine Person gut sichtbar; sie beugte sich zu ihren angewinkelten Füßen und schnitt sich die Zehennägel. Diese Gestalt war mir nicht fremd, es war Naqibullah Aziz, alle nannten ihn nur Aziz, aus dem Haus YHWH. Ich verharrte kurz; Nahual blieb stehen und blickte mich irritiert an; ich schaute zu Aziz hoch; ich packte reflexartig das Kabel der Kopfhörer und zog sie mit einem kräftigen Ruck aus meinen Ohren; die Musik ertönte aus den Kopfhörern, die vom Kragen meines Anoraks baumelten; Menschen, die mit eiligem Schritt zu ihrem nächsten Termin hasteten, ihre Gesichter unaufhörlich zu ihren Smartphones gesenkt, in ihrer virtuellen Welt lebend, und emsig, ruhelos Nachrichten eintippten, liefen an mir vorbei, rempelten mich gelegentlich leicht an, während ich in diesem Moment gänzlich verschwand. Die lauten Motorengeräusche der PKWs, das Piepsen der Handys, das unüberhörbare Gerede der Menschen ließ ich hinter mir zurück, ich verfiel dem Augenblick; es fühlte sich an, als ob die Menschen und die Autos sich in Zeitlupe an mir vorbei bewegten; bis die Zeit gänzlich für mich stillstand; ich stand auf dem Gehsteig umgeben von dem städtischen, hektischen Getöse, mitten in dem von den Abgasen schwarz gefärbten, matschigen Schnee und hielt inne – alle anderen um mich herum gefangen in ihrem rastlosen, schnelllebigen Leben, ich hingegen war für eine flüchtige Sekunde aus diesem Zeit– Raum–Gefüge herausgelöst.

Nahual und ich schlenderten bei unserem üblichen Nachmittagsspaziergang träge durch die Gassen unserer Heimatstadt; die Luft war trocken und heiß, dass in der Ferne, wie in der Sahara, bloß ein verzerrtes, schemenhaftes Bild zu erkennen war; nicht einmal das geringste Lüftchen für die noch so kleine, ersehnte Abkühlung. Die Fenster des Erdgeschoßes standen weit offen; ein 17jähriger, mit seinem Oberkörper weit hinauslehnend, tippte intensiv in sein Smartphone, während er seinen Rücken sonnte. Ich beachtete ihn kaum, in meinen Tagträumen komplett versunken ging ich an ihm vorbei und genoss den windstillen, heißen Sommertag. Plötzlich hob der Fremde seinen Kopf und sagte: „Hallo.“ Ich fühlte mich nicht angesprochen und trottete mit Nahual weiter; „Hallo. Du hast einen schönen Hund. Wie heißt er?“, schrie mir die Person hinterher; in der Stimme schwang die Hoffnung beachtet zu werden. Nahual blieb stehen und zerrte mich, angelockt von den Wörtern des Fremden, mit gespannter Leine zurück zu dem Flüchtling. „Hallo“, erwiderte ich unangenehm berührt von seinem Gruß; es war mir peinlich, wenn ein Bekannter zufällig vorbeigekommen wäre und mich erkennen würde, wie ich mit solch einem Menschen sprach. Ich wollte das Gespräch so kurz wie möglich halten; Nahual hingegen sprang auf die Fassade des Hauses, stützte sich mit den Vorderpfoten am Fensterbrett und streckte auf seinen Hinterpfoten stehend seinen Kopf hechelnd nach oben; der Flüchtling lächelte, streckte seine Hand aus und wuschelte Nahual durch sein flauschiges Fell. „Wie heißt er?“, fragte mich erneut die Person. Ich blickte mich um, niemand war in dieser Gasse zu sehen; „Nahual“, antwortete ich beiläufig, während ich meinen Kopf von ihm wegdrehte und die menschenleere Straße beobachtete. „Wie oft gibst du ihm zu fressen? Was isst er?“, fragte mich der Fremde interessiert. „Was?“, zischte ich zurück; ich war zu beschäftigt mit dem Ausspähen des Straßenabschnittes, weshalb ich nicht wirklich zuhörte; es war glücklicherweise niemand auf der Straße, die von der im Zenit stehenden Sonne erhitzt wurde, zu sehen. „Du bist lustig. Schaust ständig auf die andere Straßenseite. Du bist ja ganz schön schüchtern“, sagte er kichernd. Ich drehte mich mürrisch wieder zu ihm; nach diesen Worten hatte er meine volle Aufmerksamkeit. Nahual hob sich mit seinen Vorderpfoten am Fensterbrett ab und mit einem Satz landete er wieder auf allen Vieren. „Ich bin Mehran“, mit diesen Worten versuchte er meine Bekanntschaft zu machen; gänzlich unfreundlich wollte ich nicht sein. Als ich mich ihm vorstellte, hörte ich schlagartig hinter mir auf der Straße ein schussähnliches Geräusch; ich zuckte zusammen, drehte mich erschrocken um; ein Motorrad zog mit elender Geschwindigkeit an uns vorbei. Mehran lachte: „Ganz schön schreckhaft. Meine Freunde und ich kochen heute; kleines, gemütliches Essen am Abend. Möchtest du kommen? Sei unser Gast!“ Mit großen Augen schaute ich den Jungen mit seinem Drei–Tage–Bart und seinem schwarzen, wuscheligen Haar an. Die Überraschung über seine Einladung war mir ins Gesicht geschrieben, daher setzte er mit Witz gepaart mit einem bekümmerten Unterton fort: „Also, wenn du dich traust. Wir werden dich schon nicht fressen. Ich glaube, die Betreuer hätten da auch was dagegen.“ Ich blieb einfach stehen, nicht mächtig einen klaren Gedanken zu fassen oder ein Wort zu sprechen – Blackout; damit hatte ich nicht gerechnet. Mehran stichelte weiter: „Würdest du eher ja sagen, wenn ich Österreicher wäre?“

Seine Fragen hörte ich nur dumpf. „Was will der von mir?!“, dachte ich genervt und zischte dabei die letzte Silbe meines Gedankens laut aus. Er blieb weiterhin hartnäckig. „Ich kann ja zu Hause meine Familie anrufen, vielleicht habe ich österreichische Vorfahren“, setzte er mit einem beißenden Spott in seiner gebrochenen Aussprache fort. Langsam weckte er jedoch meine Neugierde - „Wie die so in MEINER Heimatstadt leben? Noch dazu von meinem Steuergeld! Warum eigentlich nicht? Kann doch nichts passieren“, dachte ich.

„Ja, warum nicht? Ich komme sehr gerne“, antwortete ich überheblich und strengte mich an, dass es so klingt, als ob ich keine Sekunde gezögert hätte. „Bis dann. Ich freue mich schon auf dich“, sagte Mehran überglücklich; dann schloss er das Fenster und zog sich ins Zimmer zurück. Ich versuchte durch die Scheibe etwas vom Inneren des Hauses zu erkennen; aber es spiegelte zu stark. Ich stand mit Nahual vor dem großen in Grau gehaltenen Mehrstockhaus – „Was wird heute Abend passieren? Bald werde ich es wissen“, dachte ich und fühlte eine Mischung von Neugier, Skepsis und zaghafter Scheu. „Das tut doch nicht gut, wenn so viele Flüchtlinge hier leben“, murmelte ich vor mich hin. Die Sonne brannte auf den Gehsteig nieder und der warme Dunst stieg auf. Auf meiner Stirn sammelten sich Schweißtropfen und liefen mir über das Gesicht. Mit dem Handrücken wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und sagte unsicher zu Nahual: „Komm, wir gehen weiter.“

Einige Stunden später … Die untergehende Sonne, wie ein brennend großer Ball am Himmel, färbte das wolkenlose Firmament rötlich; mein langer Schatten erschien auf dem Gehsteig. Ich stand vor der weißen, unscheinbaren Eingangstür des Hauses YHWH; ich hatte die Kapuze meines Pullovers über meinen Kopf gezogen; ich fühlte mich in diesem Aufzug sicher; niemand aus meiner Heimatstadt durfte mich sehen; ich empfand dieses Treffen unpassend, nicht standesgemäß – ich hatte das Gefühl, dass meine Bekannten und Freunde mich kopfschüttelnd als „Idiot“ abstempelten, wenn sie von diesem Abendessen gewusst hätten; ich hatte mit diesem Milieu nichts zu tun, wollte es auch nicht. Es waren diffuse intensive Gefühle, die ich nicht einmal richtig in Gedanken fassen konnte; mein Mitgefühl für solche Menschen hatte seine Grenzen bei der nicht zu begründenden, selbst eingeredeten Scham. Ich streckte meinen Finger aus, um an der Klingel zu läuten; ich hielt inne und murmelte zu mir selbst: „Möchte ich das wirklich?“ Meine Zusage zu diesem Treffen verpflichtete mich und diesem Pflichtbewusstsein folgend, führte ich meinen Finger zögerlich die wenigen fehlenden Zentimeter zur Glocke; ich drückte den Knopf so fest, dass das laute Läuten bis zu mir durch die dicken Gemäuer drang. Mein Gastgeber riss die Tür auf. Er begrüßte mich mit einem herzlichen „Salaam“ und bat mich hinein. Ich blickte mich nochmals um, inspizierte die Umgebung – kein