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Einsamkeit kennen alle Menschen, und doch ist sie oft mit Scham behaftet. Wer einsam ist, wirkt, als fehle es ihm*ihr an sozialen Kompetenzen, Humor oder Ideen. Viele Eltern erleben Einsamkeit: Oft sind es Mütter, die mit dem Kinderwagen die immer gleichen Runden drehen oder kaum noch rauskommen, weil ihr Leben dem Rhythmus des Kindes folgt. Unsere Ausstellung und die gleichnamige Publikation widmen sich diesem Gefühl. In Illustrationen, Texten und Workshops mit Erwachsenen und Kindern sind neue Perspektiven, Verbindungen und Kunstwerke entstanden, die wir nun mit euch teilen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2025
AUFTAKT
FAMILIE/KINDER
ARBEIT
FREUNDINNENSCHAFTEN/ GRUPPEN
GEFÜHLE
WORKSHOPS
BIOS
Renata Müller-Tiburtius
Einsamkeit ist ein Gefühl, das oft mit Scham behaftet ist
– etwas, das ich am liebsten verbergen würde. Sie macht mich bedürftig, weil ich mich nach Nähe und Kontakt sehne, und genau das empfinde ich als anstrengend. Leider lässt sich dieses Gefühl nicht einfach so in Verbundenheit umwandeln, denn Einsamkeit hängt oft mit äußeren Umständen zusammen.
Ich war z.B. mit der Schwangerschaft und dem bevorstehenden neuen Lebensabschnitt so eingenommen, dass ich mich oft isoliert fühlte. Auch Freund*innenschaften veränderten sich in dieser Zeit, wodurch Momente der Einsamkeit noch präsenter wurden. Einerseits erlebte ich also viele Veränderungen, andererseits wusste ich nicht recht, wohin mit all den neuen Gedanken und Emotionen. So fühlte ich mich immer wieder allein.
Aus diesem Grund beschloss ich, ein Experiment zu wagen und die Einsamkeit als Mini-Kunstprojekt in mein Leben einzuladen.
So fragte ich Alisa, ob sie Lust hätte, mit mir einen Briefwechsel über das Thema zu führen. Sie sagte zu.
Uns war wichtig, dass die Themen Elternschaft, Kreativität und Arbeit miteinander verwoben sind. Daraus entstand die Idee, Workshops zu organisieren, die sowohl für Eltern als auch für Kinder geeignet sind und sich künstlerisch mit Einsamkeit befassen.
Ausgehend von einer „strengen Struktur“, mit der wir uns selbst täglich kleine kreative und organisatorische Aufgaben stellten, entwickelte sich bald ein regelmäßiger Austausch zwischen Alisa und mir. Künstlerische Impulse wurden über Signal geteilt und die Ergebnisse in einem Dokument festgehalten. So wurden wir Verbündete in der Einsamkeit und reflektierten schreibend, zeichnend und füreinander sorgend darüber, wie uns das Thema in der Vergangenheit begegnet ist und wie es uns heute betrifft.
Die Texte aus der Signalgruppe und alles, was in diesem Zusammenhang entsteht, wollten wir in einer Publikation festhalten. Darüber hinaus sollte es eine Ausstellung geben, die zur Veröffentlichung der Publikation dient und zusätzlich Arbeiten zu dem Thema zeigen kann.
Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Einsamkeit hat sich im Rahmen unseres Projekts für mich gezeigt, dass das Gefühl nicht nur ein negatives Mangelgefühl darstellt, sondern auch Raum für Verbindungen bietet.
Im Austausch, den künstlerischen Experimenten und Reflexionen, im Kontext der Workshops mit anderen Artist Parents, aber auch allein habe ich mich immer wieder neu verbunden gefühlt, mit mir selbst aber auch mit anderen.
Somit konnte ich auf ungeahnte Weise durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Einsamkeit neue Formen der Nähe kennenlernen.
Dieses zine beinhaltet Teile der Auseinandersetzung mit dem Thema Einsamkeit, Inhalte aus den Workshops und Beiträge von anderen Artist Parents. Ich hoffe, dass sich Leser*innen, die gerade auch lonely sind, in unseren Beiträgen ein wenig wiederfinden und dadurch vielleicht ein wenig mehr Verbundenheit finden.
Ich erinnere mich noch genau an unser erstes Treffen.
Also, nicht nur an unser allererstes Treffen, damals, vor genau 10 Jahren. Da waren wir beide kinderlose Nachwuchskünstlerinnen, die in Sachsen-Anhalt nach Entfaltung im Leerstand suchten. Seitdem haben wir schon viel zusammen unternommen, aufgebaut und ausprobiert.
Und dann, in 2024, sind wir spazieren gegangen. Du warst schwanger, mit deinem ersten Kind, meine beiden Kinder waren in der Kita. Es war Frühling. Wir sprachen über Einsamkeit. Wie unwohl ich mich fühlte, in dem Kiez, in dem ich damals seit drei Jahren wohnte und mich immer noch nicht zuhause fühlte (bis heute nicht). Wie schwierig es für dich war, die Brücken aufrecht zu erhalten zu den Freund*innen, die nicht verstanden, dass das Schwanger-sein und Familie-werden auch neue Prioritäten setzt, bei deren Setzung du dir mehr Unterstützung wünschen würdest und weniger Frust.
Einsamkeit. Das ist ein hochpolitisches Gefühl. Nicht umsonst gibt es in Lichtenberg seit neuestem eine “Einsamkeitsbeauftragte”. Einsamkeit kann dazu führen, dass Betroffene sich rechten Ideen zuwenden, weil sie sich der Gesellschaft weniger verpflichtet fühlen.
Einsamkeit ist zudem sehr schambehaftet. Wer gibt schon gerne zu, allein zu sein, nicht zu wissen, an wen man sich wenden kann, wenn man Hilfe braucht?
Und auch wenn man mit kleinen Kindern, die einen fast rund um die Uhr brauchen, eigentlich nie allein ist, kann diese extreme Abhängigkeit schnell zu Einsamkeit bei Eltern führen. Wie ist unter diesen Umständen eine freischaffende künstlerische Praxis, die uns mit dem Rest der Welt verbindet, überhaupt möglich?
Über all diese Fragen sind wir in den Austausch gegangen, miteinander und mit anderen Eltern, die auch Künstler*innen sind. Wir freuen uns, euch heute Ausschnitte aus dieser Beschäftigung präsentieren zu können.
18.4. Was sollen Leser*innen erleben?
Die Publikation ist ein intimes Fenster in Schwangerschaft und die ersten Jahre Mutterschaft als Künstlerin in den 2020er Jahren.
Mit Humor, Selbstironie, einer Prise Wut und feministischer Solidarität stellen Nata und Alisa ihre Erfahrungen zur Verfügung, ohne sich dabei zu vergleichen oder in Richtig-Falsch-Fallen zu tappen. Zudem ergänzen sie ihre Texte und Zeichnungen mit Perspektiven anderer Künstler*innen-Eltern und fächern so einen bunten Kosmos auf. Natas Illustrationen sind situativ, flächig,bunt und sprühen nur so vor Leben, Alisas Skizzen legen ungelenk den Finger in so manche Wunde.
Das zine ist abwechslungsreich, man verliert sich in den Bildern, den Gedichten und Tagebucheinträgen und wird von dem Briefwechsel/ Chatverlauf zwischen den beiden, der das Buch eröffnet und schließt, wieder zurück geholt in die Aktualität ihres Projekts.
Dialoge
Über zwei Monate lang haben wir uns fast täglich gemeinsam mit Einsamkeit und Verbindungen beschäftigt. Unterbrochen wurde diese Zeit nur durch die Geburt eines Kindes.
Wir haben uns zunächst täglich (nur am Wochenende nicht) fünf Versprechen gegeben: Eine Sache, die wir Schönes für uns selbst machen, zwei kreative Aufgaben für das Projekt und zwei organisatorische Erledigungen, die alles mögliche betreffen können. Nach der Geburt haben wir uns dann auch gegenseitig Aufgaben gestellt.
