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In Insterburg, Ostpreußen, geboren, verbringt Lore die ersten vierzehn Jahre ihres Lebens bei ihren Großeltern auf dem Land. Es ist eine glückliche Kindheit. 1938 wird sie von ihrer Mutter nach Berlin geholt, absolviert dort ihr Pflichtjahr und besucht ein Jahr später die Handelsschule. Der Kriegsausbruch lässt ihren Wunsch, Kinderkrankenschwester zu werden, wie eine Seifenblase zerplatzen. Die Kriegsjahre 1939 - 1943 erlebt die junge Frau noch in Berlin, wird aber schon bald nach Wien geschickt, wo sie fern der Heimat eine Stelle als Kinderpflegerin in einer Gastfamilie antritt. Als der Krieg auch hier ausbricht, flüchtet Lore zusammen mit ihrer "neuen" Familie aus der Stadt, und es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, fort von den zerstörerischen Mächten des herannahenden Krieges.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Worum geht es im Buch?
Lore Hauser
Einsame Flucht Ein Mädchen in den Kriegswirren 1939 – 1945
In Insterburg, Ostpreußen, geboren, verbringt Lore die ersten vierzehn Jahre ihres Lebens bei ihren Großeltern auf dem Land. Es ist eine glückliche Kindheit. 1938 wird sie von ihrer Mutter nach Berlin geholt, absolviert dort ihr Pflichtjahr und besucht ein Jahr später die Handelsschule. Der Kriegsausbruch lässt ihren Wunsch, Kinderkrankenschwester zu werden, wie eine Seifenblase zerplatzen. Die Kriegsjahre 1939 – 1943 erlebt die junge Frau noch in Berlin, wird aber schon bald nach Wien geschickt, wo sie fern der Heimat eine Stelle als Kinderpflegerin in einer Gastfamilie antritt. Als der Krieg auch hier ausbricht, flüchtet Lore zusammen mit ihrer »neuen« Familie aus der Stadt, und es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, fort von den zerstörerischen Mächten des herannahenden Krieges.
Vorwort
Es ist alles schon so lange her.
Doch noch immer wache ich manchmal mitten in der Nacht auf, weil mich Erinnerungen aus der Vergangenheit überfallen.
Sie führen mich nach Hause zurück, in das Land meiner Kindheit – nach Insterburg in Ostpreußen. Ich will nicht, dass sie flüchtig vorüberziehen, und stehe auf, um sie festzuhalten – Stück um Stück.
So vieles ist geschehen.
Wenn man heute Insterburg auf der Landkarte sucht, wird man es kaum noch finden, es sei denn, der deutsche Name ist in Klammern unter die offizielle Bezeichnung gesetzt.
Insterburg heißt heute Chernyachovsk und liegt in Russland.
Es ist die Stadt, in der ich 1924 geboren wurde und die einmal meine Heimatstadt war.
Insterburg im verlorenen Ostpreußen gehört der Vergangenheit an.
Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen.
Nach eines langen Lebens Reise fügen sich meine Gedanken zu einem Lebensbild zusammen, meiner Geschichte, und zum Bild einer versunkenen Welt.
Ich will gegen das Vergessen schreiben.
Ein Geschlecht vergeht,
das andere kommt.
Die Erde aber bleibet ewiglich.
Buch Kohelet 1.4
Es war mir bestimmt, in diesem Haus in Insterburg geboren zu werden. Ein Wunschkind war ich nicht, und es gab keinen stolzen Vater, der auf meine Ankunft wartete. Schlimmer noch, mein Erzeuger erkannte die Vaterschaft nicht an und machte sich aus dem Staub.
Meine Gefühle für meinen unbekannten Vater waren und blieben hin- und hergerissen, ein Leben lang.
Meine Mutter lag nicht wohl versorgt und betreut auf der Entbindungsstation eines Krankenhauses. Nein, ihr Wochenbett befand sich in der kleinen Wohnstube meiner Großeltern, die ihr tröstend zur Seite standen.
Dort wartete auch schon mein Bettchen auf mich. Es war ein Waschkorb, der – jetzt zweckentfremdet – auf zwei zusammengestellten Stühlen stand.
Aber ich wollte offensichtlich nicht auf diese Welt kommen, lag wohl irgendwie falsch oder quer.
Mein Großvater hatte schon neunzehn Jahre zuvor die schwierige Geburt seiner jüngsten Tochter, meiner Mutter, miterlebt.
Hier und jetzt schien sich diese Situation zu wiederholen.
Und da die Hebamme nicht auftauchen wollte, ließ er in großer Sorge eine Frauenärztin rufen, die auch schnell zur Stelle war.
Sie war eine tüchtige und sehr liebe Frau. Mit ihrer Hilfe und gutem Zureden blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als das Licht der Welt zu erblicken.
Es war der 23. Mai 1924, halb zwölf Uhr mittags.
Meine Großmutter nahm mich liebevoll mit offenen Armen entgegen und legte mich, nachdem sie mich in der Zinkwanne gebadet hatte, in den bereitgestellten Waschkorb.
Die Ärztin fragte: »Wie soll das kleine Mädchen denn heißen?«
Aber an einen Namen für mich hatte bisher niemand gedacht.
Meine Mutter, glücklich und dankbar, von den Schmerzen der Entbindung erlöst zu sein, und voll Bewunderung für diese Frau, die ihr so geholfen hatte, fragte zaghaft: »Darf ich meiner Tochter Ihre Vornamen geben?«
Die Ärztin lachte und meinte, sie würde sich gerne zur Verfügung stellen.
Alle waren erleichtert, und so erhielt ich die Namen Lore-Lieselotte.
Nur Opa murrte noch ein wenig enttäuscht im besten Dialekt: »All wedder so e schettrige Marjell!« Ein Enkelsohn, wenn seine unverheiratete Tochter überhaupt mit einem Kind daherkam, wäre ihm lieber gewesen.
Ein prächtiges Haus und reiche Eltern hatte ich mir nicht ausgesucht, aber für die nächsten vierzehn Jahre sollte ich bei meinen Großeltern ein behütetes, liebevolles Zuhause finden. Meiner Mutter blieb nämlich keine andere Wahl, als mich in Insterburg zurückzulassen, während sie wieder nach Berlin zurückkehrte, um dort Geld zu verdienen.
Diese Entscheidung fiel ihr nicht leicht. Sie war zur Entbindung nach Hause gekommen, hatte keine Arbeit mehr und kein Einkommen. Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Die wirtschaftliche Notlage war besonders in Familien aus einfachen Verhältnissen vorprogrammiert, und dazu gehörten auch meine Großeltern.
Ratlos und verzweifelt hing meine Mutter trüben Gedanken nach, während sie ihre neugeborene Tochter im geliehenen Kinderwagen am Pregel spazieren fuhr.
Hier in der Kleinstadt war es doppelt aussichtslos für sie, denn zu jener Zeit war sie in den Augen der Leute ein unmoralisches Mädchen. Ihr Ruf war ruiniert, und niemand würde ihr Arbeit geben. Den Eltern weiter auf der Tasche zu liegen, war ebenfalls unmöglich. Die Rückkehr nach Berlin erschien als einzige Lösung und Hoffnungsschimmer zugleich.
Sie ist diesen Weg gegangen, nicht ohne ihren Eltern ein Versprechen zu geben und ihnen eine Bitte dringend ans Herz zu legen.
»Ich werde für mein Kind – sobald ich Arbeit gefunden habe – aufkommen, und euch bitte ich, dafür zu sorgen, dass meine Tochter mit der Gewissheit aufwächst, eine Mutter zu haben, die in Liebe an sie denkt und sie niemals aus den Augen verlieren wird!«
Als sie das sagte, war sie neunzehn Jahre alt.
Sie hat dieses Versprechen ernst genommen und trotz eines unruhigen Lebens stets gehalten.
Sie hatte Glück, denn sie fand Arbeit im Gaststättengewerbe. Im Berlin der Zwanzigerjahre, die man die Goldenen zu nennen pflegte, gab es zwei Seiten des Lebens – den kargen, oft elenden Alltag für die graue Masse und ein buntes, mondänes Treiben der Reichen und Schönen und all jener, die das Glück hatten, in diesem Strom mitschwimmen zu können. Meiner Mutter war es wohl gelungen, die Gunst der Stunde zu nutzen.
Sie wurde für mich als Kind zum Inbegriff einer schönen, fast geheimnisvollen jungen Frau, und in meinen Fantasien verklärte ich dieses Bild noch.
Einmal im Jahr – im Sommer – kam sie zu Besuch nach Hause, ebenso wie meine Tante Grete.
Oma verstand es meisterhaft, in der Zwischenzeit mit großem Einfühlungsvermögen in mir die Erinnerung an meine ferne Mutter wach zu halten. Auch von meiner Tante erzählte sie mir immer, damit ich die Verbindung zu ihr nicht verlor.
Dabei war Oma gar nicht meine richtige Großmutter. Sie hatte Opa nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet und sich um seine beiden Töchter gekümmert, und sie war es, die in Verbindung blieb mit den Stieftöchtern und beiden ausführlich von meiner Entwicklung, meinen kleinen Freuden und Leiden berichtete.
Diese Briefe spiegelten nicht nur meinen Alltag mit Oma und Opa wider, sondern hielten auch die Verhältnisse der damaligen Zeit fest. Zumindest was uns anging, so war es trotz aller Armut und Bescheidenheit ein reiches Leben.
Mein Großvater arbeitete auf dem Bau. Mal verdiente er einigermaßen gut, mal schlecht oder gar nicht. Sobald mit dem ersten Frost jede Bautätigkeit zum Erliegen kam, bezog er Stempelgeld, wie das damals hieß, und war eingereiht in das ohnehin millionenfache Heer der Arbeitslosen, die es nach dem Ersten Weltkrieg gab.
Manchmal hatte Opa aber auch Glück, wie beim Bau der neuen Markthalle, der ihm für längere Zeit ein geregeltes Einkommen sicherte. Für Insterburg war dieses Gebäude eine Attraktion, denn jetzt konnten die Bauern des Umlandes auch im Winter ihre Erzeugnisse anbieten.
Mit Pferdeschlitten brachten sie dann Eier, Butter, Käse, Geflügel sowie den beliebten Bärenfang, einen Honigschnaps, oder Johannisbeerwein in die Stadt.
Ich kann mich noch daran erinnern, als Opa dort auf dem Bau war, denn oft schickte Oma mich mittags mit einem Henkeltopf zu ihm – »Mittag tragen«, hieß das bei ihr.
Während der kurzen Pause saßen wir vergnügt auf der Baustelle, entweder auf Steinen oder einem Bretterstapel, und redeten. Zwischendurch schob mir der Großvater immer wieder einen Löffel Suppe in den Mund.
Neben den Großeltern waren meine Mutter und Tante Grete ein fester Bestandteil meiner Kindheit und sollten es auch bleiben, obwohl ich später weiterhin die meiste Zeit von ihnen getrennt war. Aber vielleicht waren sie gerade deshalb meine Glanzlichter, weil es ein Wunschtraum blieb, dauerhaft mit ihnen zusammen zu sein.
Es gab und gibt Augenblicke in meinem Leben, in denen ich mir die Frage stelle, was wohl ohne meine Familie aus mir geworden wäre. Wie hätte ich mich entwickelt, wenn meine Mutter mich damals in ein Heim abgeschoben hätte, wie es viele ledige Mütter in ihrer Not getan hatten?
Die Guttmannstraße in Insterburg war zum Zeitpunkt meiner Geburt bereits mit Kopfsteinen gepflastert. Das Haus, in dem ich geboren wurde, war ein Eckhaus und stand an der Kreuzung der Guttmannstraße mit dem Schwarzen Weg.
Dieses Haus, in dem einfache Leute wohnten, wurde für mich zum Inbegriff von Heimat, und noch heute kehren meine Gedanken bisweilen sehnsuchtsvoll dorthin zurück.
Wenn ich abends im Bett lag, warf eine Gaslaterne auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihr mildes Licht durch die kleinen Fenster, doch der Schein war nicht so hell, dass er beim Einschlafen störte – er war gerade ausreichend, die Umrisse der Möbel im Zimmer einigermaßen erkennen zu können. Am Morgen, wenn ich nach dem Aufwachen zum Fenster hinausschaute, sah ich in den kleinen Vorgarten und auf unsere Straße.
Der Eingang zum Haus mit der schweren Eichentür, die im Sommer meistens offen stand, befand sich an der Rückseite des Hauses und war über den Hof zu erreichen.
Aus dem Haus kommend, gelangte man rechter Hand zum Schwarzen Weg und linker Hand an den Stallgebäuden und dem großen gemauerten Aschkasten vorbei zur Guttmannstraße.
Das Toilettenhäuschen stand neben den Ställen und hatte bereits eine Wasserspülung, die durch einen in der Sitzbank eingelassenen Messingknopf betätigt wurde. Im Winter war es allerdings nicht gerade angenehm, aus der warmen Stube oder nachts aus dem warmen Bett über den Hof zu gehen. Deshalb stand für das kleine Geschäft – wie es damals üblich war – ein Nachttopf mit Henkel unter dem Bett.
Im geräumigen Hausflur, dessen Tannendielen mit feinem weißen Sand gescheuert wurden, führten vier Türen zu den einzelnen Wohnungen, deren Miete jeweils neun Reichsmark monatlich betrug.
Die Wasserleitung für alle Mietparteien befand sich im Flur und bestand aus einem gusseisernen halbrunden Abflussbecken, außen schwarz, innen weiß emailliert, und einem Messingwasserhahn, der von Zeit zu Zeit mit Sidol, das es damals schon gab, geputzt und von Grünspan befreit werden musste.
Eine Treppe führte von der Diele zum Obergeschoss, wo jeder Mieter noch eine kleine Dachkammer mit schrägen Wänden und einem winzigen Fenster besaß.
Draußen im Hof stand unter dem Abflussrohr der Dachrinne eine große hölzerne Tonne mit breiten Blechringen, die das Regenwasser auffing, das man auch zum Wäschewaschen und Blumengießen verwendete.
Der schönste Platz im Hof war die Bank unter einer Birke, wo sich an schönen Sommerabenden die Hausbewohner trafen, um ein bisschen miteinander zu plaudern – »plachandern« hieß das in Insterburg.
Dann saß ich gerne neben Oma, die mit einer Handarbeit, meistens einem grauen Strickstrumpf für Opa, beschäftigt war, und übte mich unter ihrer Anleitung im Häkeln einer weinroten Mütze für meine Puppe Oskar.
Zu allen Jahreszeiten wirkte der Anblick des Hofes unterschiedlich auf mich. Trist und traurig sah er aus, wenn es regnete und der Blick auf den Schwarzen Weg fiel, wo ein hoher Maschendrahtzaun das große gepflasterte Gelände des Güterbahnhofs abtrennte.
Wenn jedoch die Sonne schien, überfiel mich manchmal angesichts der Schienenstränge ein unbestimmtes, bohrendes Gefühl des Fernwehs.
Dort entlang kamen auch die Personenzüge auf ihrem Weg zum Hauptbahnhof. Insterburg lag an der Strecke, die von der litauischen Grenze über Königsberg durch den Polnischen Korridor, der das Deutsche Reich seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zerschnitt, weiter über Marienburg und Frankfurt/Oder nach Berlin führte.
Die Durchfahrt durch den Korridor war nur mit geschlossenen Fenstern gestattet – ich selbst habe es noch erlebt.
Wenn es Abend wurde und am nachtblauen Himmel die ersten Sterne erschienen, stand das Sternbild des Großen Wagens – für mein damaliges Empfinden unglaublich tief und leuchtend – über dem Bahngelände. Später in der Fremde, wo immer ich gerade lebte, ging ich am Abend, wenn ich mich verlassen fühlte, hinaus und suchte das Sternbild des Großen Wagens.
Dann fühlte ich mich wie durch eine Zeitreise in Sekundenschnelle zurückversetzt nach Insterburg, in die Guttmanstraße und den Hof unseres Hauses und glaubte, wieder das Kind zu sein, das den Anblick des Großen Wagens bestaunte, der über dem Bahngelände stand. Dieses Sternbild war und blieb meine Verbindung mit dem Zuhause meiner Kindheit.
Das Zentrum meiner kleinen Welt bildete zunächst die Wohnstube, in der ich geboren worden war.
Das Zimmer war mit einer düsteren lila Stiltapete beklebt. An der einen Wand hingen zwei große Bilder unter leicht erblindetem Glas.
Hier stand mein Bett. Eigentlich war es nicht meines, denn ich teilte es mit Oma. Unser ganzes Leben spielte sich nämlich bei Tag und Nacht in der Wohnstube oder in der Küche ab. Ein richtiges Schlafzimmer gab es nicht.
Die Bilder im Zimmer regten meine Fantasie an, besonders eines. Auf diesem war ein Schutzengel in farbig wallendem Gewand mit großen Flügeln auf dem Rücken zu sehen, der seine Arme und seine Flügel über mir auszubreiten schien, wenn ich im Bett lag.
Es musste ein weiblicher Engel sein, denn er hatte sehr lange Haare von undefinierbarer Farbe und trug ein breites Stirnband.
Wenn ich lange genug unverwandt hinsah, kam es mir sogar vor, als würde sich der Engel bewegen.
Mit diesem Bild verband ich das Abendgebet, das Oma vor dem Schlafengehen mit mir sprach:
Breit aus die Flügel beide
oh Jesu meine Freude
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
dies Kind soll unverletzet sein!
Was das mit den »Küchlein« und dem »Satan« sollte, konnte ich noch nicht recht unterbringen, aber Anfang und Ende des Gebetes ließen mich ruhig und mit dem Gefühl der Geborgenheit einschlafen.
Rundum war ich von Gegenständen und Mobiliar umgeben, das mir vertraut war.
Da gab es das verschnörkelte, mit grünem Velours überzogene Sofa. Es war in der Mitte schon etwas durchgesessen, und zum Essen bekam ich immer ein Kissen untergeschoben, weil der Tisch zu hoch war, aber es war mein Platz.
Rechts von mir auf einem Stuhl mit Rohrgeflecht saß Opa. Er hatte wenig Bewegungsfreiheit, denn hinter ihm stand sein Bett. Oma saß mir gegenüber auf dem Stuhl, der ansonsten vor unserem Bett stand und am Abend als Kleiderablage diente.
Sonntags, wenn es Fleisch zum Mittagessen gab, sprach Oma das Tischgebet:
Komm, Herr Jesu, sei unser Gast
und segne, was du uns bescheret hast.
Ich erinnere mich noch gut an Omas Worte, wenn sie das Essen auf die Teller verteilte. Sie pflegte dann zu sagen:
»Unser Opachen bekommt das größte Stück Fleisch, weil er am Bau so schwer arbeiten muss.«
Nach dem Essen betete sie:
»Danket dem Herrn, denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.«
Ich durfte »Amen« sagen.
Es gab viel zu erkunden in unserem Wohnzimmer, denn fast alle Möbel, die wir besaßen, drängten sich hier zusammen.
Unmittelbar links neben dem Sofa stand das Vertiko, in dessen Aufsatz sich das sogenannte gute Kaffeegeschirr befand, das eine gelbe Grundfarbe und ein silbergraues Sternenmuster hatte.
Unten im Schrank gab es geheimnisvolle Sachen. Besonders hatte es mir eine wunderschöne Handtasche aus glänzend schwarzem Lackleder mit grauem Seidenfutter und einem kleinen Spiegel innen angetan. Graue Seidenstrümpfe, die ich nie an Oma gesehen hatte, gaben mir Rätsel auf. Sie trug doch nur schwarze, selbst gestrickte Wollstrümpfe. Manchmal hörte ich vor dem Einschlafen leise die Stricknadeln klappern.
Auch die eleganten, blank geputzten Schnürschuhe wollten nicht so recht in das Bild passen, das ich von meiner Großmutter hatte. Ich sah sie immer nur in ihren Filzlatschen, die bei uns Schlorren hießen.
Und dann lag da noch ein dickes, schweres Buch, das sorgfältig in braunes Packpapier eingeschlagen war. Ich konnte noch nicht lesen, aber es kam mir irgendwie wertvoll vor.
Als ich etwas älter geworden war, erzählte mir Oma, dass sie vor langer Zeit in einem fernen Ort namens Hildesheim Köchin gewesen war. Das dicke Buch – es war ein Kochbuch – hatte sie öfter zu Rate gezogen, um ihren Herrschaften etwas Gutes zu kochen. Und an ihren freien Tagen hatte sie sich wirklich mit den geheimnisvollen Dingen aus dem Vertiko fein gemacht, um in der Stadt spazieren zu gehen.
Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass dieses Buch viele Jahre später die große Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs überstehen würde.
Es gelangte in meinen Besitz, als ich schon lange in der kleinen schwäbischen Stadt Spaichingen verheiratet war. Als ich darin blätterte, war mir, als kehrte ein Stück Vergangenheit zu mir zurück, und es vermittelte mir ein Spiegelbild der Sitten und Gebräuche – ein Stück Kultur jener Zeit, in der Oma jung gewesen war. Es war zum Teil spannend wie ein Roman.
So las ich zum Beispiel:
Die Bedienung in der Küche:
Keine Hausfrau dulde, dass ihre Köchin ungewaschen und ungekämmt ans Kochen gehe. Selbstverständlich gebe sie selbst ein gutes Beispiel.
Die Zubereitung der Speisen verlangt reine Hände. Berußte Gesichter, herabhängende Haare, ein schwarzer Hals, unsaubere Wäsche und Kleidung erzeugen bei den Hausgenossen Ekel und verderben den Appetit.
Auch unter der Überschrift »Eigenheit und Reinlichkeit« wurden allerlei warnende Hinweise ausgesprochen:
Da hieß es, dass eine Küche, die während des Kochens unaufgeräumt und unsauber sei, einen höchst unangenehmen Eindruck mache und auch Appetitlichkeit und Wohlgeschmack der Speisen unter dem Mangel an Sauberkeit litten.
Man stelle sich vor, las ich weiter, es komme ein sonst durchaus gut bereitetes Gericht auf den Tisch, in dem sich jedoch Holz- oder Kohlenstückchen, Eier- oder Zwiebelschalen vorfänden. Wie peinlich für die Hausfrau!
Ich muss gestehen, dass ich zunächst über die belehrenden Hinweise in diesem renommierten Kochbuch, das um 1900 auf den Markt gekommen war, ungläubig lachen musste.
Aber zahlreiche höchste Auszeichnungen und Medaillen aus aller Welt beweisen, dass diese Worte in jener Zeit wohl ihre Berechtigung hatten.
Man muss bedenken, dass so manche Köchin ihr Zimmer in einer kleinen Mansarde hatte und es ganz normal war, dass es dort kein fließendes Wasser gab. Auf einer Kommode stand eine Waschschüssel mit Krug, und vermutlich war das Zimmer meist ungeheizt.
Man kann sich leicht vorstellen, dass unter diesen Umständen, besonders nach einem langen vorangegangenen Arbeitstag, wenig Anreiz bestand, das warme Federbett zu verlassen, und so manches liebe Mal hat wohl nur eine schnelle Katzenwäsche stattgefunden. Ein schwarzer Hals dürfte also gar nicht so selten gewesen sein.
Auch die Vorstellung, dass Holz- und Kohlenstückchen, Eier- oder Zwiebelschalen in die Suppe geraten könnten, fand ich plötzlich gar nicht mehr so abwegig.
Bei den Arbeitsbedingungen in den damaligen Küchen war es durchaus möglich, dass beim Hantieren am Herd derlei in die Suppe geriet.
Die Arbeit am Herd erforderte von der Köchin höchste Konzentration. Aber auch hier lieferte das Kochbuch eine Bedienungsanleitung:
Will man im Backofen backen, so legt man zur Vorsorge ein Blatt auf die Bratofenplatte. Bräunt das Papier langsam, hat der Ofen den richtigen Hitzegrad. Wird es gar nicht braun, dann muss man noch etwas Feuerung nachlegen. Bräunt es dagegen sehr schnell oder verbrennt es gar, so muss man noch einige Zeit warten, bis der Ofen ein wenig abgekühlt ist, ehe man den Kuchen hineinschiebt.
Manche Bratöfen haben von unten sehr viel Hitze, während es an Oberhitze mangelt, so dass der Braten oben nur sehr schwer bräunt. In diesem Fall ist es ratsam, einen Dachziegel oder sogar einen anderen Ziegelstein unter die Bratpfanne zu schieben.
Ich denke, dass zur Befeuerung des Backofens großes Fingerspitzengefühl erforderlich war, und zur Ehrenrettung von Omas Kochbuch sei gesagt, dass es wirklich tolle Rezepte enthält, die leider dem heutigen Trend und Geschmack nicht mehr so ganz entsprechen.
Zurück zu unserer Wohnstube. Vor einem der beiden Fenster stand Omas »Singer«-Nähmaschine. Für meine Begriffe war sie ein richtiger Koloss und nahm viel Platz und Licht weg, zumal sie auch noch mit einem gewölbten Holzdeckel zugedeckt war. Für Oma jedoch war sie unentbehrlich.
Meine Großmutter pflegte beim Versandhaus »Witt« Handtücher und Bettwäsche zu bestellen sowie Stoffe für Kleidung und Flanell für meine Nachthemden. Wenn dann die Lieferung in einer großen braunen Schachtel eintraf, buchstabierte ich mühsam den Aufdruck: »Witt in Weiden Opf«. Was nur bedeutete »Opf«? Für mich stand fest, dass es sich nur um eine Abkürzung für »Opfer« handeln konnte, wusste ich doch, dass Oma den Inhalt der Schachtel nach langem Überlegen unter Opfern bestellt hatte.
Wenn sie an der Nähmaschine saß, schaute ich ihr fasziniert zu.
Das kleinere Rad rechts am Arm der Maschine musste von Hand in Schwung gebracht werden, während gleichzeitig mit dem Fuß das Tretbrett zu betätigen war, mit dem ein großes, mit Keilriemen versehenes Schwungrad angetrieben wurde, das wiederum die Nadel in Bewegung setzte.
An dieser Maschine entstanden auch, von Omas geschickten Händen liebevoll genäht, Kleider für meine Puppenkinder Traute, Gerda und Sunnyboy, die nach und nach aus Berlin zu Weihnachten eintrafen. Die hatte meine Mutter natürlich vorher beim Weihnachtsmann bestellt, wie Oma mir erzählte.
Die Wohnstube war ziemlich voll gestopft, denn außer Betten, Sofa, Tisch, Vertiko und Nähmaschine standen auch noch zwei Kommoden in dem Raum.
Eine davon gehörte meinem Großvater, doch man sah sie nur selten, weil sie meist von der offen stehenden Tür zur Küche, die gleichzeitig als Garderobe diente und immer voll bepackt war, verdeckt wurde.
Die zweite Kommode mit einem großen, holzgerahmten, etwas nach vorne geneigten Spiegel fand gerade noch zwischen den Fenstern Platz. Sie hatte zwei Schubladen, darunter zwei Türen mit Regalbrettern dahinter und war mit schönen Beschlägen verziert. Diese Kommode gehörte mir allein. Im Laufe der Jahre wurde sie meine ganz persönliche Schatztruhe, die sich langsam mit Büchern und anderen persönlichen Dingen füllte.
Zuvor hatte ich nur eine grob gezimmerte Holzkiste besessen, in der sich meine ersten bescheidenen Spielsachen befunden hatten. Und die aus Platzmangel unters Bett geschoben wurde. Darin lagen unter anderem Bauklötze, mit denen ich Brücken und Türme baute – meistens mit Opas Hilfe –, ferner ein Kreisel mit Peitsche, ein Säckchen mit Murmeln und bunten Glaskugeln, ein Jojo und ein kleines Tamburin sowie ein Celluloidball im schönsten Chaos vereint. Dazwischen eingeklemmt war Jule, eine mit Holzwolle ausgestopfte Stoffpuppe, die Oma mir genäht hatte. Es waren nur wenige und bescheidene Sachen, aber ich konnte damit recht schön und zufrieden spielen – vermutlich, weil ich noch nie einen Spielwarenladen von innen gesehen hatte.
Irgendwann, ich glaube, es war in meinem vierten Lebensjahr, begann ich die Welt der Märchen zu entdecken. Eines meiner Lieblingsbilderbücher war das vom Fuchs und der Gans, das in schlichter Form die Geschichte der Brüder Grimm erzählte. Vor allem liebte ich das darin wiedergegebene Kinderlied. Das kleine, farbig bebilderte Buch war vom häufigen Gebrauch ziemlich lädiert, aber ich konnte nicht genug davon bekommen. Immer wieder musste Opa vorlesen oder vorsingen:
»Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her…«
Während des Vorlesens betrachtete ich immer intensiv das dazugehörende Bild. Was ich sah, gefiel mir gar nicht.
Der Fuchs schlich in geduckter Haltung über eine kleine Holzbrücke. Unter der Brücke schwamm, völlig ahnungslos, die vom nahen Tod bedrohte Gans.
Sie tat mir unendlich leid, denn ich war überzeugt, dass der Fuchs jetzt gleich zum Sprung ansetzen würde, um ihr den Hals durchzubeißen.
Eines Tages beschloss ich, ihr zu helfen!
Sobald ich alleine war, holte ich aus Omas Nähkasten eine große, spitze Schere, schnappte das Buch aus der Spielkiste und stach dem Fuchs die Augen aus.
Mit dem nun eigentlich armen Fuchs empfand ich keinerlei Erbarmen, sondern verspürte nur große Erleichterung darüber, die Gans außer Lebensgefahr zu wissen. Dass der Fuchs jetzt blind war und sicher verhungern würde, weil er nicht einmal mehr eine Maus sehen konnte, kam mir zunächst überhaupt nicht in den Sinn.
Erst später empfand ich ein leises Unbehagen und Mitgefühl mit dem Fuchs. Doch als sich mein Gewissen zu regen begann, war es zu spät für eine weniger brutale Lösung.
Eines allerdings lernte ich aus der Geschichte – dass es besser gewesen wäre, zu überlegen, wie ich beiden hätte helfen können. Den tröstlichen Bibelspruch: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«, kannte ich damals noch nicht.
Das zweite Lieblingsbuch meiner frühen Kindheit war die Geschichte von Rotkäppchen und dem Wolf. Ich sehe es heute noch vor mir: Es war ebenfalls aus einem stabilen Karton mit einem wunderschönen Titelbild auf dem Umschlag.
Die Atmosphäre, die es ausstrahlte, faszinierte mich immer wieder.
Rotkäppchen stand in einem dunklen Tannenwald, durch den die Sonne Strahlenbündel auf den Weg warf, und unterhielt sich mit dem Wolf.
Das hübsche Kleid und das Körbchen mit Kuchen und Wein, das sie am Arm trug, interessierte mich weniger. Was mich berührte, war der Glanz der gebündelten Sonnenstrahlen, die den dunklen Wald erhellten und ihm das Drohende zu nehmen schienen.
Ich hatte die Geschichte oft gehört und wusste, dass der Jäger bald vorbeikommen und dem in Großmutters Bett schnarchenden Wolf mit den Worten: »Find ich dich hier, du alter Sünder«, den Bauch aufschneiden und die Großmutter und Rotkäppchen wohlbehalten herausholen würde. Die Grausamkeit der Details kam mir überhaupt nicht zu Bewusstsein.
Tiefen Eindruck hingegen hinterließ bei mir, dass Rotkäppchen den Rat der Mutter nicht befolgt hatte und vom rechten Weg abgekommen war. Dachte ich so, weil ich vielleicht meine Mutter mehr vermisste, als mir bewusst war?
In jener Zeit jedenfalls, als ich von Märchen nicht genug bekommen konnte, begann meine Mutter, mich regelmäßig zu besuchen, wenn ihr jährlicher Urlaub anfiel. Das waren Festtage für mich und die Großeltern.
Manchmal klappte es auch, dass Tante Grete, die als Kinderschwester in Berlin arbeitete, gemeinsam mit ihr nach Hause kam. Erwartungsvoll stand ich dann mit Opa am Bahnsteig des Insterburger Hauptbahnhofs.
Wenn das schwarze Ungetüm von Lokomotive endlich stillstand und ich meine Mutter entdeckt hatte, rannte ich los, und sie fing mich mit offenen Armen auf.
Großvater schleppte den schweren Koffer, in dem immer Überraschungen für uns steckten, zum Taxi, und in diesem Moment war ich das glücklichste Kind der Welt.
War die Fahrt mit dem Taxi schon ein besonderes Vergnügen, so wusste ich wohl, dass noch weitere folgen würden.
Einmal hatte Mutti sogar ein Grammophon mit einem großen Trichter mitgebracht, das man, damit der Plattenteller sich drehte, mit einer Kurbel von Hand aufziehen musste.
Es war wundervoll, wenn meine Mutter zu Hause bei uns war. Erwartungsvoll wachte ich schon früh am Morgen auf, wenn sie noch tief und fest schlief. Ich liebte es, sie dann zu betrachten. Der zarte Duft von Tosca 4711 blieb mir ein Leben lang in Erinnerung, ebenso wie die feine Goldkette um ihren Hals. Besonders fesselte mich der eingravierte Spruch auf dem kleinen Anhänger: »Es geht mir jeden Tag besser und besser«, den ich mir immer wieder von ihr vorlesen ließ, sobald sie aufwachte. Ich genoss jede Minute mit ihr und weinte bitterlich, wenn sie nach vierzehn Tagen nach Berlin zurückfuhr.
Während ihres Aufenthalts 1928 in Insterburg gingen wir gemeinsam zum Fotografen, denn meine Mutter hatte mir ein Matrosenkleid, die passende Mütze dazu und neue Schuhe mitgebracht.
Wir hatten beim Anziehen der neuen Kleider einen Riesenspaß, und ich war sehr stolz auf mein Matrosenkleid.
Es war eine umständliche Sache, bis so ein Foto zustande kam. Der Fotograf hantierte an einem riesigen Kasten, schob mich hin und her, kroch unter ein schwarzes Tuch und versprach mir, dass gleich ein gelbes Vögelchen aus dem Kasten fliegen würde. Es passierte gar nichts, und ich war enttäuscht. Anschließend ging meine Mutter mit mir zum Trost ins Café Dünkel, und ich bekam einen Schokoladenmohrenkopf mit Vanillecreme gefüllt und dazu eine Tasse Kakao.
Das Foto und noch einige, die in den nächsten Jahren folgten, sollten mir zu einer kostbaren Erinnerung werden, denn bei diesem ersten Fototermin entstand auch eine sehr schöne Aufnahme von uns beiden. Der Fotograf war wohl ebenfalls sehr zufrieden mit seinem Werk, denn unser Porträt war lange in einem ovalen Goldrahmen in seiner Schaufensterauslage zu sehen.
Wenn Opa abends von der Arbeit kam, ging er immer dort vorbei, um das Bild zu betrachten. Was mag ihm dabei alles durch den Kopf gegangen sein? Ein Jahr später nahm meine Mutter das Bild mit nach Berlin.
Gott sei Dank hat es den Krieg überlebt. Es kam 1973 nach ihrem Tod zusammen mit dem Intarsienkästchen in meinen Besitz. Heute hängt es in meinem Schlafzimmer.
Im gleichen Jahr, als das Foto entstand, unternahm unsere gesamte Familie einen Ausflug zu Tante Anna, Omas Schwester, die in Nibudzen lebte und in dieser Zeit Geburtstag hatte.
Ich war außer mir vor Freude, als es eines Tages hieß: »Wenn wir gerade einmal so schön alle beisammen sind, dann lasst uns aufs Land fahren und mit Tante Anna Geburtstag feiern!« Es war meine erste große Reise nach Nibudzen, der später weitere folgten.
Ich wurde landfein hergerichtet und in das neue Matrosenkleid gesteckt. Oma machte sich auch schön und hatte endlich wieder einmal die seltene Gelegenheit, das einfache Kattunkleid an den Nagel zu hängen und die Schlorren mit den schwarzen Halbschuhen zu tauschen. Sie sah gut aus in ihrem schönen, dunkelblau gestreiften Sonntagskleid mit dem weißen Spitzeneinsatz – ich musste sie unaufhörlich andächtig ansehen, weil ich sie so gar nicht kannte. Großvater holte den großen gelben Strohkoffer, der mit braunen Lederriemen zusammengehalten wurde, vom Dachboden herunter, und jeder packte seine Übernachtungssachen hinein.
Dann machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof der Schmalspurbahn, der nicht weit entfernt von unserer Wohnung lag, sodass sich zu meinem Bedauern die Frage nach einem Taxi nicht stellte.
Unsere Insterburger Kleinbahn war ein besonderes Kuriosum. Die Schmalspurschienen führten am Schützental vorbei, überquerten die Tunnelstraße und verliefen weiter durch die Ludendorffstraße in Richtung Gumbinner Chaussee, vorbei am Hotel Dessauer Hof, wo während des Ersten Weltkriegs General Ludendorff und Feldmarschall Paul von Hindenburg gewohnt hatten. Sie hatten im August und September 1914 die russische Armee, die fast ganz Ostpreußen besetzt gehalten hatte, in der Schlacht bei Tannenberg und an den Masurischen Seen geschlagen und zum Rückzug gezwungen.
Weiter führten die Schienen über den Bahnhofsvorplatz der »Großbahn«, wie die Insterburger die Reichsbahn in Abgrenzung zu ihrer »Kleinbahn« nannten.
Nachdem die Dampflokomotive mit ihren Wagen bimmelnd und prustend durch die Stadt gefahren war und manchmal auch einen warnenden Pfiff ausgestoßen hatte, hielt sie erstmals am »Krug« von Gastwirt Kremp.
Fahrgäste, die hier erst zustiegen, konnten in der Wirtschaft auch Fahrkarten kaufen, und überhaupt war das Warten auf den Zug bei einem Glas Grog oder Bärenfang, dem süßen ostpreußischen Honigschnaps, sehr angenehm – besonders im Winter. Zu spät kam an dieser Haltestelle niemand, im Gegenteil!
Es ging lebhaft zu im »Krug«, wenn an Markttagen die Bauersfrauen, die ihre Erzeugnisse in der Markthalle in Insterburg feilgeboten hatten, sich vor der Rückfahrt aufs Land noch schnell ein »Schlubberche« genehmigten, bei dem sie dann ihre Verkaufserfahrungen und – erfolge austauschten.
An dieser Station dauerte es immer ein bisschen länger, bis sich der Zug endlich in Bewegung setzte, denn alles, was nicht verkauft worden war, musste wieder im Zug verstaut werden, und dabei handelte es sich nicht nur um Butter, Eier, Obst und Gemüse, sondern auch manches Huhn, das überlebt hatte, musste in seinem Korb die Rückfahrt antreten. Ich betrachtete dieses lebhafte Treiben von meinem Fensterplatz aus mit ungläubigem Staunen.
Im Sommer konnte man sich bei dem Tempo, das die Kleinbahn erreichte, gefahrlos auf dem Perron aufhalten, von wo aus man einen schönen Ausblick auf die Landschaft ringsum hatte. Im Winter dagegen konnte es passieren, dass die Lokomotive in einer Schneeverwehung stecken blieb und der Lokführer unter Beteiligung der männlichen Fahrgäste die Gleise freischaufeln musste. Die notwendigen Gerätschaften lagen immer im Packwagen bereit.
Hatte der Winter jedoch endgültig Einzug gehalten, was in Ostpreußen damals Unmengen von Schnee bedeutete, fuhr die Kleinbahn lange Zeit überhaupt nicht. Die Bauern aus dem Umland griffen dann auf ihre Pferdeschlitten zurück.
Auf unserem Weg nach Nibudzen mussten wir an der Station Pelleninken, die lediglich aus einem Wellblechhäuschen bestand, aussteigen.
Dort wartete bereits ein Pferdefuhrwerk auf uns, das der Gutsherrin aus Tante Annas Dorf gehörte. Eine andere Verkehrsverbindung gab es nicht. Die Erwachsenen nahmen hinten im Fuhrwerk Platz, das sonst zum Heueinfahren diente, und ließen die Beine herunterbaumeln. Ich wurde auf eines der Rösser gesetzt und hielt mich krampfhaft, aber stolz an der Mähne fest. Nur die blöde Matrosenmütze rutschte mir immer wieder über die Augen.
So zuckelten wir gemächlich im Sonnenschein zwei Kilometer die staubige Birkenallee entlang nach Groß-Nibudzen, das später in Steinsee umbenannt wurde. Weit und breit begegnete uns keine Menschenseele in diesem weiten Land. Der Ort bestand aus einem großen Gutshof und ein paar kleinen Häuschen, von denen eines Tante Anna und Onkel Karl gehörte. Im Garten war unter dem Lindenbaum schon der Kaffeetisch gedeckt. Auch Omas zweite, sehr viel jüngere Schwester Minna und ihre drei Söhne Fritz, Max und Willi waren gekommen.
Willi war etwa so alt wie ich und wollte mir wohl imponieren, solange die Erwachsenen am Tisch auf Kaffee und Kuchen warteten und aus seiner Sicht langweilige Gespräche führten.
»Komm, ich zeige dir die Johannisbeersträucher«, sagte er.
Mir gefiel, dass er einen schönen Matrosenanzug trug, und da wir zu Hause außerdem keine Johannisbeersträucher hatten, lief ich vertrauensvoll und neugierig hinter ihm her.
Willi hatte vermutlich vorher bereits eine Menge Johannisbeeren verdrückt, denn plötzlich plagte in ein Rumoren in seinem Bauch. Er ließ einfach die Hose herunter und hockte sich schnellstens neben die Johannisbeersträucher.
Befremdlich ging ich ein Stück rückwärts und sah, dass Willi mit einem Stöckchen in seinen Exkrementen stocherte. Ich sah noch, dass sich mit einem Mal ein langer, weißer Wurm um das Stöckchen ringelte, als Willi auch schon ausholte und den Bandwurm nach mir warf. Ich ekelte mich schrecklich und schrie wie am Spieß.
Oma, Mutter und Tante Anna stürzten aus dem Garten, und ich brüllte: »Oma, der Willi hat einen weißen Wurm auf mich geschmissen!«
Tante Anna ballte die Faust und rief: »Na warte, du Lorbas«, was so viel wie Tunichtgut bedeutete. Damit hatte Willi nicht gerechnet. Blitzschnell verschwand er hinter der Scheune, und am Abend musste man ihn suchen. Er war nach Hause gelaufen und hatte sich unter der Ofenbank versteckt.
Der Wurm hatte zum Glück sein Ziel verfehlt. Nun wollte ich allerdings auch keinen Streuselfladen mehr essen.
Heimgekehrt nach Insterburg hieß es dann, Abschied zu nehmen von meiner Mutter und Tante Grete.
Ihr Urlaub war zu Ende, und sie fuhren nach Berlin zurück.
Wieder stand ich mit Opa am Bahnhof. Ich weinte bitterlich, und tränenblind schaute ich dem Zug hinterher. Bis die Schlusslichter nicht mehr zu sehen waren, rührte ich mich nicht von der Stelle. Ich stand da und war nicht einmal fähig, zu winken.
Großvater putzte umständlich seine Brille. Dann nahm er mich an der Hand und sagte: »Komm, wir gehen nach Hause, Oma wartet auf uns.«
Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich eine seltsame Leere und Traurigkeit.
Großmutter machte uns schon die Tür auf, und bei ihrem vertrauten Anblick und ihrer liebevollen Umarmung fühlte ich mich verstanden und getröstet. Ich war nicht verlassen worden. Die Traurigkeit begann langsam zu weichen.
Eine weitere Reise nach Nibudzen sollte schon bald darauf folgen. Tanta Minna, die eigentlich viel jünger war als Oma, war überraschend gestorben – ich weiß nicht mehr, woran. Es war zu Beginn des Winters, und wieder machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof der Kleinbahn, die Gott sei Dank noch fuhr, denn sonst hätten wir nicht zur Beerdigung fahren können.
Es war ein bitterkalter Tag, und Oma hatte mich warm angezogen. Sie selbst trug einen langen schwarzen Plüschmantel und dazu eine schwarze Pelzkappe. Ihre Traurigkeit übertrug sich auch auf mich.
Beim Abschließen der Wohnungstür sagte sie: »In Gottes Jesu Namen.«
Den großen Schlüssel hängte sie an einen langen Nagel in der Türfüllung. Dann nahm sie mich an die Hand und sagte: »Gott befohlen.«
Diesmal wurden wir mit einem Pferdeschlitten in Pelleninken abgeholt.
Tante Minna war in der kalten Wohnstube ihres Hauses aufgebahrt.
Ich stand mit Oma vor dem Sarg, als sie sich von ihrer Schwester verabschiedete. Auf den Kirchhof musste ich nicht mitgehen. Anschließend gab es noch Beerdigungskuchen, ein mit Zucker bestreuter Butterfladen, für die Trauergäste.
Als ich am Abend warm zugedeckt auf dem Strohsack am Boden neben dem Ofen in Tante Annas Häuschen lag, verfolgte mich das Bild der toten Tante Minna bis in den Schlaf.
Fritz, der älteste Sohn von Tante Minna, war fünfzehn Jahre alt, und Oma nahm ihn mit zu uns nach Insterburg. Er hatte ein Jahr zuvor während der Ernte an der Dreschmaschine ein Bein verloren und musste seitdem mit einem Holzbein leben. Opa besorgte ihm praktischerweise eine Lehrstelle bei einem Orthopädieschuhmacher, und Oma richtete die kleine Kammer auf dem Dachboden für ihn her. Er lebte geraume Zeit bei uns, und wir kamen gut miteinander aus. Viele Jahre später – der Zweite Weltkrieg hatte uns alle getrennt, und wir hatten uns aus den Augen verloren – sollte Fritz in unserem Leben noch eine wichtige Rolle spielen. Er suchte uns über das Rote Kreuz und brachte uns auf diese Weise beharrlich alle wieder zusammen.
Die Kinderzeit vergeht schnell. Vieles wird unwichtig, doch es gibt Ereignisse, die – ob bedeutsam oder belanglos – sich im Gedächtnis festsetzen und als helle, lichtvolle Erinnerungen das Leben begleiten, vermischt mit einem Hauch von Wehmut über das verlorene Paradies der Kindheit. Doch aus diesem Paradies kann man nie vertrieben werden.
Eine solche Erinnerung verbinde ich mit Opas Fahrrad.
Schon lange hatte mein Großvater davon geträumt, ein Fahrrad zu besitzen, um die oft weiten Wege zu den Baustellen, auf denen er arbeitete, nicht zu Fuß gehen zu müssen.
Er hatte mit Oma hin- und hergerechnet und wäre auch mit einem gebrauchten Rad zufrieden gewesen.
Aber so viel er sich umhörte, niemand wusste etwas von einem günstigen Gebrauchtrad. Und wenn er ein paar Mark zusammengespart hatte, waren immer wichtigere Dinge dazwischengekommen.
Er muss damals sehr frustriert gewesen sein, denn Oma hatte die Geschichte mit dem Fahrrad wohl in einem Brief an meine Mutter erwähnt.
Es war Frühling geworden, und meine Mutter hatte ihren Besuch bei uns angekündigt. Lieber wäre sie ja im Sommer gekommen, aber die Saisonarbeit ließ es diesmal nicht zu.
Mir war jede Jahreszeit recht für ein Wiedersehen – Hauptsache, sie kam.
Oma hatte einen Kuchen gebacken, und der erste Abend war mit viel Erzählen zu Ende gegangen.
Am nächsten Morgen ging Mutti früh aus dem Haus, obwohl sie sonst gerne lange schlief. Sie war bald zurück, machte die Stubentür auf, schob ein nagelneues Fahrrad hinein und sagte einfach: »Für dich, Vater!«
Opa schaute fassungslos auf das Fahrrad, dann umarmte er unter Freudentränen seine Tochter. Oma lächelte zufrieden, und ich hatte sofort den kleinen Sattel auf der Querstange und zwei kleine Fußstützen am Gestänge entdeckt.
Im Hof stellten wir uns zu einem Foto auf, Opa stolz in der Mitte mit seinem neuen Fahrrad.
Am folgenden Sonntagmorgen machten wir uns auf den Weg nach Drebolinen, einem beliebten Ausflugsort nahe Insterburg. Stolz hielt ich mich an der Lenkstange fest, obwohl Opa beim Aufsteigen noch ein wenig gewackelt hatte.
Die Waldwege waren übersät mit Farnen, Moosen und Anemonen, und die Sonne warf ihre Strahlenbündel – genau wie im Märchenbuch von Rotkäppchen – auf den Weg. Opa stellte das Fahrrad sorgfältig an einen Baum, und wir pflückten einen großen Strauß Anemonen für Oma. Wenn ich heute daran zurückdenke und die Augen schließe, meine ich, wieder die wärmenden Strahlen der Sonne durch das Laubdach des Waldes zu spüren und den frischen Duft des Frühsommers zu riechen.
Wohlige Wärme und der Geruch eines prasselnden Feuers, dazu der Duft von Bratäpfeln – das war für mich in meiner frühen Kindheit der Inbegriff von Gemütlichkeit und Geborgenheit. Verkörpert wurde dieses Gefühl durch den großen, weiß und blau gesprenkelten Kachelofen, der in unserer Wohnstube fast bis zur Decke reichte und beinahe zu wuchtig schien für den Raum.
Aber es gab nichts Schöneres, als es sich an kalten Winterabenden schläfrig am Ofen bequem zu machen.
Untrennbar verbunden mit dem Kachelofen war für mich die mit graublauem Plüsch überzogene Ofenbank. Eigentlich war es nur eine große Kiste, in der das Holz zum Feuermachen sowie ein paar Briketts und ein paar alte Exemplare der »Ostdeutschen Volkszeitung« aufbewahrt wurden. Aber mit der Polsterung und den Kissen war es der gemütlichste Platz der Welt für mich.
Wenn Großvater abends durchgefroren von der Arbeit kam, stellte Oma ihm zunächst einen Teller Suppe auf den Tisch, die sie vom Mittagessen zurückbehalten und in der Röhre des Kachelofens warm gehalten hatte. Manchmal gab es auch für jeden einen Bratapfel, der ebenfalls in der Röhre brutzelte und ungleich besser schmeckte als aus einem normalen Backofen.
Nach dem Essen kam der schönste Teil des Abends.
Opa setzte sich auf die Ofenbank, stopfte die Stummelpfeife mit Knaster, wie Oma den Tabak respektlos nannte, und begann Zeitung zu lesen. Darauf hatte ich schon gewartet.
Ich kletterte zu ihm auf die Ofenbank, kämmte ihm die Haare und band rote Schleifchen hinein, was er sich geduldig gefallen ließ.
Wenn ich aber seinen Schnurrbart hochzwirbeln wollte, schnappte er zu meinem größten Vergnügen nach meiner Hand.
Manchmal legte er am Sonnabend eine Schnurrbartbinde an, damit sein Bart beim Kirchgang am nächsten Morgen größtmögliche Ähnlichkeit mit dem von Kaiser Wilhelm hatte, der, zumindest was die Bartmode betraf, noch immer tonangebend war.
Oft plagte ich meinen Großvater mit der Bitte, mir etwas zu erzählen. Besonders liebte ich die Geschichten aus seiner Kindheit – darüber konnte ich nicht genug erfahren.
Oder ich sang ihm ein neues Lied vor, das ich gerade von der Großmutter gelernt hatte. Sie kannte viele schöne Lieder – Volkslieder ebenso wie Kirchenlieder, die sie beim Plätten sang. Zwischendurch schwenkte sie das eiserne schwarze Bügeleisen mit dem ausgezackten Deckel hin und her, wenn die Plättkohlen nicht mehr glühen wollten.
An diesen Abenden war es nicht leicht, mich ins Bett zu bringen, und es funktionierte eigentlich nur, wenn Oma mich mit dem Versprechen lockte, mir vor dem Einschlafen noch eine Geschichte zu erzählen: »Komm, mien Schoapke, ek vertell di wat.« Meine Großmutter nannte mich immer ihr Schäfchen.
Dann zog sie mir das am Kachelofen angewärmte Flanellnachthemd schnell über den Kopf, und ab ging es zur Gute-Nacht-Geschichte ins Bett!
Bald darauf wurde die Petroleumlampe auf dem Tisch ausgepustet, die wir meistens benutzten, weil sie billiger war als die Gaslampe an der Decke. Zuvor aber legte sie ein bis zwei in Zeitungspapier eingewickelte Briketts auf die noch leicht schwelende Glut, damit der Kachelofen über Nacht nicht ganz auskühlte. Am nächsten Morgen machte Großvater dann ein neues Feuer, und bis ich aufstand, war es schon wieder warm in der Stube.
Ob mir solche Abende wohl in Erinnerung geblieben wären, wenn es damals schon Fernsehen gegeben hätte?
Neben der Wohnstube lag das Reich meiner Großmutter. Ich sehe sie noch vor mir, diese kleine, langgezogene Küche mit dem Fußboden aus roten Ziegeln, in der es nicht einmal einen Wasserhahn gab. Fließendes Wasser war in den Häusern der kleinen Leute damals noch nicht überall üblich.
Oma muss es trotzdem als Fortschritt betrachtet haben, das Wasser nicht bei Wind und Wetter im Hof aus einem Ziehbrunnen zu holen, wie sie es in ihrem Heimatdorf Nibudzen nicht anders gekannt hatte. Unter solchen Voraussetzungen erschien eine Wasserstelle im Flur fast als Luxus. Zudem waren die Großeltern es gewöhnt, keine Ansprüche zu stellen, die über ihre finanziellen Möglichkeiten hinausgingen.
In Omas Küche stand zunächst neben dem schmalen Fenster ein Küchenschrank aus unbehandeltem Tannenholz, in dem oben hinter zwei Glastüren das Geschirr für den täglichen Gebrauch aufbewahrt wurde.
In den beiden Regalen unter den Glastüren gab es Dosen und ausziehbare Schübe, in denen sich Mehl, Zucker, Graupen, gelbe Erbsen und andere Lebensmittel sowie Kathreiners Malzkaffee und Zichorie befanden. Zichorie war ein Kaffeesurrogat, das den Kaffee dunkler färbte.
Oben auf dem Küchenschrank stand die Kaffeemühle, denn auch der Malzkaffee wurde gemahlen. Dann setzte Oma sich auf den Küchenschemel und nahm die Mühle zwischen die Knie.
Ähnlich machte sie es, wenn sie den von mir heiß geliebten Rührkuchen vorbereitete, denn dann nahm sie die Rührschüssel ebenfalls auf den Schoß.
Allein das Eiweiß von neun Eiern von Hand zu festem Schnee zu schlagen, erforderte Ausdauer und Kraft. Wenn ich ihr zusah, erklärte sie mir, man müsse so lange schlagen, bis ein Reichspfennig auf der Eiweißmasse liegen bleiben könnte.
Nachdem der Kuchenteig in die Kastenform gefüllt worden war, schickte Oma mich damit schnell zum Bäcker, denn einen eigenen Backofen besaßen wir nicht. Ich war stolz, solche kleinen Gänge für sie erledigen zu können. Vor allem aber brannte ich darauf, dass ich den Kuchen endlich essen konnte. Meine Großmutter hat mir diesen Lieblingskuchen sogar zu meinem sechzehnten Geburtstag nach Berlin geschickt, und es war für mich wie ein Gruß aus fernen, schönen Kindertagen.
Aber noch war es nicht so weit, noch lebte ich in der großelterlichen Wohnung in Insterburg, in der mir jedes Stück so vertraut war, dass ich es noch heute aufzeichnen könnte.
Außer dem Küchenschrank gab es zusätzlich eine schlichte Kommode, in der die gusseisernen Pfannen, der schwere Bratentopf mit dem verrußten Boden und die emaillierten Kochtöpfe verstaut waren. Auf der Ablage stand der Zwei-Loch-Gaskocher, und Oma schärfte mir immer ein, nur ja nicht den Gashahn aufzudrehen. Wenn wir Gas brauchten, mussten wir immer Geld in die graue Gasuhr einwerfen, und damit ihr die Groschen nicht ausgingen, sammelte die Großmutter sie in einer Tasse im Küchenschrank.
An der Wand über der Kommode mit dem Kocher hingen das Salzfass und daneben die Petroleumlampe, die an einem blanken Metallspiegel befestigt war, der die Leuchtkraft etwas erhöhte. Manchmal rußte die Lampe, und dann musste Oma den Docht etwas herunterdrehen.
Gegenüber stand ein Möbel, das man heute überhaupt nicht mehr kennt: die Eimerbank mit einem emaillierten Behälter mit Deckel für das Frischwasser. Das gebrauchte Wasser wurde in einen anderen Eimer geschüttet und dann zum Ausguss im Hausflur getragen. Keine Hausfrau kann und mag sich das heute noch vorstellen.
Auch die sogenannte Brennhexe, die damals sogar eine sehr moderne Anschaffung gewesen war, kennt heute niemand mehr. Eigentlich gab es in unserer Küche einen altmodischen, eingemauerten Herd, doch da er immens viel Holz und Kohlen verbrauchte, war er in einer Zeit, in der Brennmaterial teuer war, sehr unwirtschaftlich. Deshalb wurde die Brennhexe angeschafft, die nun auf dem stillgelegten Herd stand und sowohl zum Heizen als auch zum Kochen diente. Allerdings hatte ihre Platte nur zwei Kochstellen, die wie beim alten Herd durch das Einlegen von Ringen mittels Feuerhaken beliebig vergrößert oder verkleinert werden konnten. Die gerade nicht benutzten Ringe hingen an einem Haken an der Wand. Morgens wurde der kleine Aschekasten unter dem Rost geleert, bevor Großmutter die Brennhexe erneut anheizte, um unser Frühstück zu kochen.
Ich liebte ihre Klunkersuppe, wie man das in Insterburg nannte. Oma rührte Mehl und Wasser zu Klümpchen an und bröselte diese in kochend heiße, gesüßte Milch ein. Auf die fertige Klunkersuppe kam dann noch ein Stückchen Butter. Dazu gab es eine Scheibe dunkles Brot, das Oma vor der Brust schnitt und das Opa in die Suppe brockte.
Sobald das Frühstück fertig war, kletterte ich aus dem Bett auf die Ofenbank, wo die Kacheln sich schon zu erwärmen begannen und Opa mich dann anzog.
Wie das mit Waschen und Zähneputzen gehalten wurde, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich an die emaillierte weiße Waschschüssel mit angelötetem Seifenbehälter, die auf einem dreibeinigen Gestell in der Küche stand.
Die Handtücher hingen unter einem Überhandtuch, auf dem mit rotem Garn gestickt der Spruch stand:
Beklage nie den Morgen,
der Müh’ und Arbeit gibt,
es ist so schön, zu sorgen,
für Menschen, die man liebt!
Heute habe ich bisweilen erhebliche Zweifel, ob dieses Sorgen für Oma und Opa wirklich so schön war. Oder war es einfach eine Notwendigkeit, die geduldig durch Liebe ertragen wurde?
Neben dem alten, eingemauerten Herd befand sich eine Nische, in der, hinter einem Vorhang verborgen, allerlei Sachen aufbewahrt wurden.
Hier stand der Wäschekorb, der mein erstes Bett gewesen war und nun wieder seiner eigentlichen Bestimmung diente. An der Wand hing die große Zinkbadewanne, daneben die braune Schüssel zum Geschirrspülen.
Wenn ich nur an die Mühe denke, die Oma hatte, bis sie am Sonnabend genug Badewasser auf der Brennhexe erwärmt hatte!
Manchmal, wenn ich heute in meiner Küche hantiere, muss ich an sie denken, und Vergleiche drängen sich mir auf. Sie hätte es nicht fassen können, wenn man ihr damals erzählt hätte, dass ein Elektroherd mit Zeitschaltuhr, Backofen und Grill, eine Spülmaschine, ein Kühlschrank mit Gefrierfach, eine Waschmaschine und vor allem heißes Wasser aus dem Wasserhahn einmal ganz selbstverständlich sein würden.
Aber wäre ich als Kind in einer modernen Küche wirklich glücklicher gewesen? Wir kannten es nicht anders und vermissten nichts, auch hatte uns noch keine Fernsehwerbung den Kopf verdreht, Wünsche geweckt und uns unzufrieden gemacht. Vielleicht ist es bisweilen gut, zurückzuschauen, um wieder mehr Dankbarkeit zu empfinden.
Die Tür, die Wohnstube und Küche trennte, wurde auch als Flurgarderobe benutzt. Sie war immer voll bepackt. Da sie meistens offen stand, verdeckte sie den Blick auf Opas Kommode. Ich erinnere mich nicht mehr, was sich unten drin befand.
Aber wenn die Tür geschlossen war, fiel der Blick auf Opas Schätze, die meistens leicht angestaubt waren, weil Oma da nicht ranging.
Alles, was Opa gehörte, war auf kleinstem Raum zusammengetragen, nämlich auf und in der Kommode, die hinter der Tür zur Küche stand. Da lagen die blanke, silbrig glänzende Tabakschachtel, das angebrochene Tabakpäckchen, der Pfeifenstopfer und die Streichhölzer. Die Schachtel füllte Opa morgens und steckte sie in die ewig ausgebeulte Jackentasche.
In einem kleinen Regal aus silbergrauen Holzstäbchen waren sämtliche Pfeifen in verschiedenen Formen aufgereiht – eine, die ich besonders schön fand, hatte einen bunten Porzellankopf mit kleinem Silberdeckel. Ich kannte Opa eigentlich aber nur mit einer anderen Pfeife, deren Kopf die vergrößerte Form einer Eichel hatte, im Mund. An den Holzstäbchen hing außerdem an der Uhrkette die Taschenuhr. Mein Großvater trug sie nur am Sonntag und zu besonderen Anlässen, denn nur an solchen Tagen zog er eine Weste an, in deren Knopfloch die Uhrkette eingehängt wurde.
Das Allerbeste unter Opas Schätzen aber war für mich die Schachtel mit dem Priem, und damit verbindet sich wieder eine jener Erinnerungen, die meinen Großvater ganz lebhaft vor meinen Augen erstehen lassen.
Es hatte mit meinem Zahnwechsel zu tun. Seit Tagen plagte mich schon ein Wackelzahn, der einfach nicht herausfallen wollte.
Nicht einmal den kleinen runden Streuselkuchen, den Opa mir von seinem Wochenlohn mitgebracht hatte, wollte ich essen. Ich saß auf seinem Schoß und jammerte. Da biss er in den Streuselkuchen, kaute den Bissen schön durch und schob mir das Ergebnis in den Mund. Natürlich war der Kuchenbrei mit Priem vermischt, denn Opa hatte vorher seinen Kautabak genossen.
Gerade als er mir den vorgekauten Kuchen in den Mund schob, klopfte es an der Tür, und hereinspaziert kam, völlig unangemeldet, eine Fürsorgerin, wie das gelegentlich bei unehelichen Kindern vorkam. Ich hatte sie noch nie vorher gesehen, aber sie hatte wohl genug gesehen. Sie fand die Sache ziemlich eklig und machte Opa Vorhaltungen. Er wurde so wütend, dass er die Frau hinauswarf – so kannte ich meinen friedvollen Großvater gar nicht. Diese Fürsorgerin haben wir nie wieder gesehen, und ich sagte: »Du, Opa, die weiß gar nicht, wie gut der Kuchen mit Priem schmeckt.«
Den Wackelzahn bin ich an diesem Tag trotzdem noch losgeworden. Opa legte später einen Zwirnfaden um den Zahn und band den Faden an die Türklinke. Dann stellte er mich an die Tür und machte sie mit einem Ruck zu. Das ließ ich mir aber mit meinem ostpreußischen Dickschädel nur einmal gefallen.
Mein Großvater verstand es, selbst die kleinste Kleinigkeit für mich interessant und als Spiel erscheinen zu lassen, und das war für ein Kind, das nicht gerade über eine große Auswahl an Spielsachen verfügte, von außerordentlicher Wichtigkeit. Doch nicht nur das – dieser wunderbare Mensch war auch äußerst erfinderisch, wenn es darum ging, immer wieder aufs Neue meine Fantasie anzuregen, und sei es durch ein simples Fingerspiel. Eines, an das ich mich am besten erinnere, weil es mich wirklich nachhaltig beschäftigte, ging so:
Grützchen kochen, Grützchen kochen,
dem was und dem was
und dem kleinen Finger schnipps den Kopf ab.
Ich fragte: »Opa, warum bekommt der Kleine schnipps den Kopf ab?« Opa sagte dann immer: »Das war ein Esser zu viel!«
Viele Jahre später, mitten im Zweiten Weltkrieg, als ich in Berlin lebte und in einem Kinderkrankenhaus arbeitete, begegnete mir erstmals der Begriff »Euthanasie«. Der nationalsozialistische Staat tarnte mit der griechischen Bezeichnung für »leichter Tod« die Vernichtung Kranker und Behinderter, vor allem auch Kinder. Man sprach damals zynisch und in aller Offenheit von »lebensunwertem Leben«. Da kam mir wieder Opas Erklärung vom »Esser zu viel« aus dem alten Kinderreim in den Sinn. Welch schreckliche Bedeutung hatte er bekommen. Zuerst die Insassen von Heilanstalten, dann die Juden und die Völker im Osten, die man seit Kriegsbeginn pauschal als »Untermenschen« zu bezeichnen pflegte – das sollte mir Jahre später klar werden.
Nachdem der Krieg zu Ende war, fiel mir die Geschichte erneut ein. Ich wollte in Berlin meine unterbrochene Ausbildung als Säuglingsschwester fortsetzen und stellte mich bei meiner alten Arbeitsstelle bei der Schulschwester vor. Sie schien ganz verstört und bat mich, später wiederzukommen, denn soeben hätte man die Schwester Oberin tot an ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sich wohl mit Tabletten das Leben genommen.
Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass damals auf meiner Station in einem Zimmer mit neun kleinen Bettchen ein mongoloider Säugling gelegen hatte. War die Oberin gezwungen worden, Dinge zu tun, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnte? Jetzt, nach dem Krieg, war Euthanasie zum Verbrechen geworden.
Manchmal ging Opa am Sonntagmorgen in die Kirche.
An diesen Tagen zog er den guten schwarzen Anzug an, darunter ein weißes Hemd mit Kragen. Damals waren Kragen kein fester Bestandteil des Hemdes, sondern ließen sich abnehmen.
Ich hatte schon oft zugesehen, wenn Oma den Kragen steif gestärkt und durch Bügeln in eine runde Form mit abgeknickten Ecken gebracht hatte. Mittels Kragenknöpfchen wurde er dann an ein mit Stehbündchen versehenes Hemd geknöpft. Sowohl Hemd als auch Kragen hatten Knopflöcher. Wenn der Kragen schmutzig war, nahm man ihn einfach ab, ohne dass man gleich das ganze Hemd waschen musste. In einer Zeit ohne Waschmaschinen war das eine große Arbeitserleichterung.
Wenn Opa in seinem Sonntagsstaat und mit seinem gezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Bart vor uns stand, fanden wir ihn sehr imposant. Oma bürstete noch die Fusseln vom Jackett, drückte ihm das Gesangbuch und ein weißes Taschentuch in die Hand, und dann war er fertig für den Kirchgang.
Aber noch schöner fand ich es, wenn er zu Hause blieb. Dann nämlich holte er vom Kleiderschrank das große Predigtbuch herunter, das dort, in einen rotkarierten Kopfkissenbezug eingeschlagen, lag.
Wenn er es ausgewickelt hatte, sah man erst, wie prachtvoll sein Einband war. Farbige Ornamente und Blumen auf dunkelblauem Grund schmückten ihn, und in der Mitte prangte auf verblasstem goldfarbenen Grund der Christuskopf mit langem gewellten Haar und eingerahmt von Dornen. Darunter stand in kalligraphischer Schrift: »Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.«
Nachdem ich das schöne Buch eine Weile andächtig betrachtet hatte, pflegte Großvater es feierlich aufzuschlagen und mich auf den Schoß zu nehmen.
Wie aus weiter Ferne nur nahm ich wahr, dass Oma geschäftig in der Küche werkelte und die Ringe auf dem Herd mit dem Feuerhaken hin und her schob. Doch auch der Duft von Braten, von sommerlicher Wärme oder winterlicher Kälte, wenn das Fenster zum Lüften geöffnet wurde, dazu das Glockengeläut der Melanchthon-Kirche gehörten zu dieser festlichen sonntäglichen Zeremonie.
Endlich begann Opa zu lesen, und zu jeder Geschichte gab es eine Federzeichnung, die ich dabei betrachtete. Der Höhepunkt aber waren die farbigen, ganzseitigen Bilder, die mit hauchdünnem Seidenpapier abgedeckt waren und die ich mit leicht angefeuchtetem Zeigefinger umblättern durfte.
Es waren insgesamt neun Bilder, die das Leben Jesu, von der Geburt angefangen bis zu seinem Tod am Kreuz, darstellten.
Die Bilder hatten alle Untertitel wie »Ruhe auf der Flucht nach Ägypten«, »Christus, der Kinderfreund«, »Der gute Hirte« und »Christus auf dem Meere«.
Fesselnd waren die dazugehörenden Geschichten, die Opa sehr anschaulich erzählte, denn der Originaltext im Predigtbuch war nicht verständlich für ein Kind meines Alters, und so gab mein Großvater es für mich in einfachen Worten wieder.
Die ersten Seiten des Buches waren nicht bedruckt. Sie waren für Eintragungen aus der Familiengeschichte gedacht, für Geburten, Eheschließungen, Todesfälle, für Taufen und Konfirmationen.
Auf der fein umrahmten Seite für die »Voreltern« stand in der oberen rechten Ecke der Spruch: »Der Alten Krone sind Kindeskinder, und der Kinder Ehre sind ihre Väter.«
Darunter hätte mein Großvater eigentlich die Namen seiner Eltern eintragen sollen, aber das Leben richtete sich nicht nach Vordrucken, die für eine heile Welt gedacht waren, und hier begann das Problem meines Großvaters.
Es gab keine »Eltern«. »Vater unbekannt« einzutragen, dagegen sträubte sich seine Feder, und seine damaligen Empfindungen spiegelten sich in der leer gebliebenen Seite wider. Der ganze unausgesprochene Kummer, der die Seele meines Großvaters niedergedrückt hatte, war abzulesen an der nicht ausgefüllten Chronik in der Familienbibel. Die Tatsache einer unehelichen Geburt und das daraus resultierende Gefühl des Ausgegrenztseins aus der Normalität sollte ich erst viel später verstehen, als ich dieses Gefühl bei mir selbst erlebte.
Als Großvater 1877 geboren wurde, war dies für seine Mutter Caroline eine große Schande, und auch meine uneheliche Geburt wurde ein halbes Jahrhundert später noch als moralischer Fehltritt meiner Mutter angesehen.
Trotz dieses dunklen Geheimnisses hat Opa mir oftmals an den Abenden auf der Ofenbank von seiner Kindheit und damit auch von seiner Mutter erzählt.
In der Rubrik »Todesfälle in der eigenen Familie« steht fein säuberlich mit Tinte in Sütterlinschrift ein Eintrag. Es ist der Todestag von Großvaters erster Frau, der Mutter seiner beiden Töchter, die mit siebenunddreißig Jahren am 25. August 1918, einem Sonntag, an einer Lungenentzündung gestorben war.
Ein Foto meiner Großeltern und ihrer Töchter ist mir geblieben und dazu der tröstliche Gedanke, dass ich mich glücklich schätzen darf, sein »Kindeskind« gewesen zu sein, wie immer das Leben auch jedem von uns mitgespielt haben mochte.
Auch das Predigtbuch erinnert mich noch heute daran, denn auf abenteuerliche Weise gelangte es aus dem brennenden Insterburg heraus und fand nach der Flucht wieder zu mir zurück.
Wenn im Winter morgens die Fenster dick zugefroren waren, hauchte ich Gucklöcher in die Scheiben und kratzte die Eisblumen mit den Fingern ab. Opa holte die schweren, dunkelbraun gebeizten Doppelfenster vom Dachboden und setzte sie vor die Sommerfenster. Omas Aufgabe war es dann, zwischen die Fenster zuerst zusammengeknülltes Zeitungspapier zu stopfen, um die Kälte noch besser abzuhalten, und darauf eine Lage weißer Baumwollwatte zu schichten.
Um dem Ganzen einen hübschen, farbenfroheren Anstrich zu geben, zerschnipselte sie zuletzt rote und grüne Wollreste und streute sie auf die Watte. Wenn dann noch die frisch gewaschenen Gardinen, weiße Seitenschals aus dicker Baumwollspitze, wieder an ihrem Platz hingen, fand ich, dass unsere Fenster wunderschön aussahen.
Der ostpreußische Winter war gnadenlos hart mit Unmengen von Schnee, der sich am Straßenrand hoch auftürmte. Aber für mich als Kind war es vor allem ein Riesenspaß, in die Schneeberge zu springen und bis zum Bauch darin zu versinken.
Das Höchste aber war die Rutschbahn. Hinter dem Haus verlief ein schmaler Weg, der im Winter kaum benutzt wurde. Niemand streute hier Asche, und so hatte niemand etwas dagegen, dass mein Großvater diesen Weg mit ein paar Eimern Wasser in eine spiegelnde Eisfläche verwandelt hatte.
Ich konnte gar nicht genug bekommen, vor allem weil die Gummischuhe, die über die normalen Schuhe gezogen wurden, besonders gut rutschten. Bald hatten auch ein paar Nachbarskinder die Rutschbahn entdeckt, und es entwickelte sich ein lustiges Spiel. Wir standen in Schlange an, nahmen Anlauf und wetteiferten darum, wer am weitesten schlittern konnte. Zu meinem Leidwesen waren die Kleinen, zu denen auch ich gehörte, gegenüber den Großen im Nachteil, weil wir viel öfter auf den Hosenboden fielen. Ich gehörte leider auch dazu.
Mir war eingeschärft worden, dass ich spätestens zu Hause zu sein hatte, wenn die Straßenlaterne an der Ecke anging, denn mit zunehmender Dunkelheit nahm die Kälte rasch empfindlich zu.
