Einst Trümmerkind, dann um die Welt - Barbara Hillmann - E-Book

Einst Trümmerkind, dann um die Welt E-Book

Barbara Hillmann

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Beschreibung

Reiseerlebnisse abseits von Pauschaltourismus

Das E-Book Einst Trümmerkind, dann um die Welt wird angeboten von tredition GmbH und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
teils ironisch,amüsant,kurzweilig

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 112

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Barbara Hillmann

Einst Trümmerkind, dann um die Welt

19 Reiseerlebnisse

© 2019 Barbara Hillmann

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-7497-1366-0

E-Book

978-3-7497-1367-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Ein Großstadtkind

In einem fremden Land

Deutsche Weihnacht in Brasilien

Tante Gretchen

Intensivkurs in Castelnaudary

Glück in Helsinki

Einige Hürden auf dem Weg ins Paradies

Bushwalking in den Blue Mountains

Samos mit Familienanschluss

Eingeschneit

Reise nach Jerusalem

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

Das normale Chaos einer Busreise

Trip nach Bresewitz

Ich war noch niemals in New York

Kurzes Überwintern auf Malta

Turbulenter Geburtstag auf Kos

(K)urlaub auf Sizilien

Mal kurz nach Dänemark

Europäisches Raumfahrtzentrum

Ein Großstadtkind

Im Berlin der Nachkriegsjahre lebt man beengt. Die kleine Familie – Mama, Papa und Bärbel – sind im 5. Stock bei Großtante Jette im Berliner Bezirk Tiergarten untergekommen. Tante Jette war früher Schneiderin in den sogenannten besseren Häusern. Heute zaubert sie ab und zu aus einem aufgetrennten Herrenanzug ein Tailleur-Kostüm. Oma und Opa sind auf Umwegen aus Pommern ebenfalls hierher geflüchtet. Bärbel freut sich immer auf die tägliche Schummerstunde. Es gibt noch oft Stromsperren in Berlin, die man mit der gemütlichen Schummerstunde und spätem Anzünden der Petroleumlampen überbrückt. Vorher werden die Zylinder mit Zeitungspapier poliert, bevor die Zeitung in akkurate Quadrate zerschnitten wird und an einer Strippe neben dem Klo als Toilettenpapier dient. Bärbel liegt dann in Opas Arm auf dem Canapee und lauscht den Geschichten aus seiner Armeezeit auf dem Segelschiff „Gneisenau“. Auf Opas weißem Stoppelhaar sitzt ein Käppi; aus der Piepe dampft und gurgelt es. „Potzdonnerwetter, Willem, wie kannst du das Kind bloß so einräuchern“. Oma rauscht ins Zimmer und reißt ein Fenster auf. Morgens hilft Bärbel, die Kaninchen auf dem Balkon mit Kartoffelschalen zu füttern und die Tomaten zu begießen. An die Tabakpflanzen im Blumenkasten lässt Opa aber auch sie nicht ran. Heute ist Opa schon früh losgezogen. Er will im Tiergarten Stubben ausbuddeln. Das zersägte und getrocknete Holz hilft später, über den Winter zu kommen. Gegen Mittag pumpt sich Oma beim Kohlenhändler Miege einen großen Handwagen und zieht mit Bärbel los, Opa abzuholen. Sie haben für ihn Muckefuck und Klappstullen mit Schmalz mitgebracht. Der Handwagen wird beladen und die Drei zotteln nach Hause; Bärbel darf schieben. Abends sitzen alle beisammen. Es gibt aufregende Neuigkeiten. Ab Juni hat man Papa eine Arbeitsstelle versprochen. Mama musste heute zum Alex in den Osten. Opas Lokomotivführer-Rente wird zur Hälfte in Ostmark gezahlt. Das Geld muss im Ostsektor ausgegeben werden. Aber dort gibt’s auf offiziellem Weg noch weniger zu kaufen als in den Läden im Westen. An Stelle von Geld hat die Reichsbahn heute mit einem Freifahrtschein gezahlt. Was soll man bloß damit anfangen ? Opa hat die Lösung: „Ihr nehmt diesen Schein und besucht nächste Woche meinen Neffen Alfred in Kanin; das ist auf Usedom“. Kein Mensch würde in diese kargen Zeit an Sommerfrische denken. Opa ist praktisch veranlagt: „Wir können diesen Schein doch nicht verfallen lassen. Alfred und Mia haben einen Bauernhof und da fahrt ihr hin, basta !“Mama erkundigt sich am Ostbahnhof nach den Verbindungen und schickt dann ein Telegramm nach Kanin: „gerda rudi baerbel kommen mittwoch stop bhf usedom 14 10 h stopp gruss onkel wilhelm“.

Usedom ist von Berlin gar nicht soweit entfernt aber sie müssen sehr früh aufstehen. Die kleine Familie sieht merkwürdig selbstgestrickt aus. Das kam so: Neulich war Papa auf dem Schwarzmarkt, danach war seine Mundharmonika verschwunden und plötzlich röbbeln Oma, Mama und Tante Jette 6 Paar lange Unterhosen und langärmelige Unterhemden aus US-Army-Beständen auf, bewickeln große Topfdeckel mit der Wolle, tauchen sie in die Zinkbadewanne und nach dem Trocknen wird um die Wette gestrickt. Und nun klettern alle Drei in neuen olivfarbenen Strickjacken in die Eisenbahn. Als sie endlich in Kanin sind, kommt Bärbel aus dem Staunen nicht heraus. So viele rote Fahnen. „Mama haben die hier Kinderfest ?“ Onkel Alfred holt sie mit dem Pferdefuhrwerk ab. Auf dem Bock haben nicht alle Platz, aber hinten im Stroh zu sitzen ist sowieso schöner. Keine Ruinen, keine kaputten Straßen, keine zerbombten Bäume. Überall satte Wiesen mit Butterblumen. Sogar Kühe sieht sie. Auf dem Hof dann noch mehr Tiere. watschelnde Gänse, auf der Koppel Pferde, die süßen rosa Ferkel und auf der Türschwelle sonnt sich eine Katze. Am liebsten würde Bärbel alles anfassen. Und so viel Platz überall im Haus ! Tante Mia zeigt ihr sogar ein eigenes Mansardenzimmer mit Blick auf den Misthaufen; obendrauf wacht ein Gockel mit grün schillernden Schwanzfedern über seinen Harem. Dann wird aber erstmal Kaffee getrunken. Und wieder unglaubliches Staunen: Tante Mia verteilt riesige Stücke Rhabarberkuchen vom Blech; dazu gibt’s Sahne – so viel sie will. „Stopf nicht so“, mahnt Mama.

Später erzählen alle von Kriegs- und Nachkriegserlebnissen und Bärbel macht sich dünne. Im Stall war sie noch nicht. Drinnen ist es warm und es duftet so gut. Vladi, der polnische Arbeiter, winkt sie zu sich. Er füttert gerade zwei Kälbchen und zeigt ihr, was die mögen. Nun nuckeln die Kälber an ihren Fingern, das kribbelt schön. Vom Eingang her ein Schrei „Barbara, mein Gott, die Biester beißen meine Kleine“. Mama ist entsetzt und Vladi hält sich den Bauch vor Lachen.

Vor dem Abendessen muss gemolken werden. Das ist Frauenarbeit. Alle haben ein Tuch am Hinterkopf verknotet. Natürlich muss Bärbel auch ein Kopftuch haben. Onkel Alfred kutschiert sie zur Weide und hievt nach dem Melken die schweren Kannen auf das Fuhrwerk. Bärbel ist mit ihren Melkversuchen unzufrieden. Stripp, strapp, strull, die Kuh bewegt sich und Bärbel kippt vom Schemel. Na, das wird schon noch.

Beim Abendessen verkündet sie „Mama, ich esse heute wie ein Scheunendr….“ und schwupps schläft sie am Tisch ein. Am nächsten Morgen begleitet sie Papa runter zum Kleinen Haff. Beim Fischer wechselt eine Pulle selbst gebrannter Köhm seinen Besitzer gegen einen großen Korb frisch gefangener Heringe. „Sieh mal Papa, die haben hier auch eine Ruine“. „Das war mal ein Lokomotivhebewerk und bleibt als Denkmal stehen“ erklärt er. Das muss sie Opa erzählen, wenn sie wieder zu Hause sind.Und Freitag hat Onkel Alfred eine große Überraschung. Bärbel darf mit ihm zur Molkerei fahren – dreispännig. Auf freier Strecke lässt er sie sogar die Zügel halten. Rund um die Molkerei warten schon mehrere Fuhrwerke. Onkel Alfred reiht sich ein und verschwindet auf einen Plausch mit Nachbarn. „Wenn wir an der Reihe sind, ziehst du einfach ein Stück vor, du kannst das ja“, sagt er zu Bärbel und ist weg. Sie platzt fast vor Stolz, als er nach einer halben Stunde zurückkommt und sie gerade bis zur Rampe vorfährt – dreispännig wohlgemerkt.

Die Tage sind vollgepackt mit neuen Erlebnissen: Eier einsammeln, Wäsche auf der Bleichwiese auslegen, Samen im Gemüsegarten aussäen, nochmalige Melkversuche.

Als sie nach einer Woche nach Hause fahren – bepackt mit Eiern, einer Seite Speck, einer Mettwurst und Erdbeermarmelade - steht für Bärbel fest: „Ich heirate später mal einen Bauern“ !

In einem fremden Land

Der Umzug ist fast geschafft. Nicht etwa ein Wohnungswechsel von Berlin nach Hamburg. Nein, von Berlin nach Campinas bei Sao Paulo, also nach Brasilien. Und weil man in Brasilien nur schwer Umlaute aussprechen kann, wird aus dem kleinen Bärbelchen von 11 Jahren nun Barbara. Bis zum Eintreffen des Hausstandes aus Deutschland werden Barbara und ihre Mama bei Onkel und Tante in Rio untergebracht, während der Papa bemüht ist, ein Haus in Campinas zu finden, Behördenkram zu erledigen und – nun ja - um zu arbeiten; dafür hatte man ihn vom Stammhaus seines Arbeitgebers schließlich nach Brasilien geschickt.

Jeden Tag donnern neue Überraschungen auf Barbara nieder. Diese Neuigkeiten werden nachts verarbeitet. Sie träumt, der Mond stehe auf dem Kopf und der Große Wagen sei heruntergefallen, um dem Kreuz des Südens Platz zu machen. Sie schafft es nicht, in die Strassenbahn einzusteigen. Die Seiten sind offen und auf den Trittbrettern hängen Trauben von Männern, an denen sie nicht vorbei kommt. Untermalt werden diese wirren Träume von rhythmischen Trommelklängen. Mehrmals in der Woche üben Sambaschulen für den nächsten Karnevalsumzug. Der Haushalt von Onkel und Tante ist für ein Berliner Großstadtkind faszinierend. Es gibt sogar ein Zimmer, in dem nicht gewohnt wird. Auf Regalen bis zur Decke kann man Onkels Segelpokale bewundern. Und dann die vielen Mitbewohner. Die Köchin Maria und ihr Mann, der Gärtner, wohnen im Souterrain und haben ein niedliches Schoko Baby. Isabella ist fürs Putzen zuständig und einmal in der Woche kommt die Wasch- und Flickfrau Iolanda, die ihr süßes schwarzes Baby mitbringt. Beide Kinder liegen dann wie Mumien verpackt auf der Terrasse. Für deutsches Empfinden sind 20 Grad sehr angenehm.

Aber in Brasilien herrscht im Juli Winter – also müssen die Babys vor Kälte geschützt werden. Iolanda entscheidet, das arme deutsche Kind braucht dringend einen Unterrock. Da Onkel Georg recht wohlbeleibt ist, reichen zwei ausrangierte Oberhemden, um für Barbara einen Unterrock mit drei Vollants zu nähen. Das Ungetüm wird noch mit Maizenabrei gestärkt und Barbara hüpft selig durch den Park. Zum Strand darf sie nicht, jedenfalls morgens nicht alleine. Man findet dort dann Reste vom nächtlichen Macumba-Treiben. Sie hat mächtig Bammel, verzaubert zu werden. Darum spielt sie doch lieber mit den Schoko Babys.

Mama ist weniger selig. Voller Ungeduld hält sie sich meistens in der Nähe des Telefons auf. Endlich, nach 8 Wochen, kommt der erlösende Anruf:„Haus ist gefunden und die Möbel vom Zoll freigegeben“.

Nachdem das neue Zuhause eingerichtet ist wird beschlossen, der Fratz muss zur Schule. Kurzerhand wird sie bei Dona Dulce angemeldet. Diese Dona gilt als d i e Expertin, Kinder zur Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium zu drillen.

Barbaras Sprachkenntnisse beschränken sich auf „guten Tag“ und „danke“. Die Mitschüler sind naturgemäß neugierig. „Bist du mit dem Schiff hergekommen oder geflogen ?“ Fürs Fliegen wird seitlich mit den Armen gewedelt; Schwimmbewegungen bedeuten Schiff. Bei Dona Dulce wird rigoros auswendig gelernt: Brasilanische Geschichte und Erdkunde, Rechnen, Grammatik.

Nach sechs Monaten besteht Barbara tatsächlich die Aufnahmeprüfung im Ginásio Ateneio Paulista. Die stolzen Eltern schicken Bilder nach Hause von Barbara in Uniform: Grauer Faltenrock, weiße Bluse, rote Krawatte und rote Strickjacke für kühlere Tage. Sport findet nachmittags ganz in Weiß statt.

Zum ersten Geburtstag in der Ferne darf sie die neuen Freundinnen einladen: Zwei Brasilianerinnen aus dem Drillkurs bei Dona Dulce, eine Libanesin - im Geschäft deren Eltern kauft Mama immer die schönen Kleiderstoffe – eine kleine Japanerin, deren Familie eine Gemüsefarm betreibt, und ihre Busenfreundin Silvia Eisenstein. Deren Eltern sind mit ihren Eltern befreundet. Eisensteins sind emigrierte Juden. Barbara weiß mit dem Begriff Juden nichts anzufangen. Weder zu Hause noch in der Schule in Deutschland war das ein Thema. Erst nachdem sie an einem Freitag Abend bei Eisensteins hereinplatzt weiß sie, was Sabbat ist und was er bedeutet.

Auch nach einem Jahr heißt es immer noch, sich an Unbekanntes zu gewöhnen. Zum Beispiel rennt man nach einer Fahrt im überfüllten Bus sofort ins Badezimmer und schüttelt sämtliche Kleidungsstücke über der Badewanne aus. Die rausspringenden Flöhe werden mittels Brause ertränkt.

Nachdem die Niederlassung „steht'“, werden weitere Familie vom Stuttgarter Stammhaus nach Campinas geschickt. Barbara wird oft als Dolmetscherin bei Behördengängen und Häusersuche mitgeschickt. Ihr Kommentar: „Nee, mit denen will ich nichts zu tun haben, die benehmen sich schrecklich deutsch; es ist so peinlich, wenn man ihnen in der Stadt in kurzen Hosen, Sandalen und Söckchen begegnet'“.

Deutsche Weihnacht in Brasilien

Seit einer Woche habe ich Sommerferien und in zwei Tagen ist Heilig Abend. Lichterketten blinken in den Palmen der Innenstadt. Kaufhäuserfronten zieren dicke Schnee- und Weihnachtsmannfiguren, auf dem Platz vor der Kathedrale hat man ein Karussel aufgebaut. Ladeninhaber wetteifern untereinander, die Innenstadt mit „Jingle Bells“, „Rudolf das Rentier“ und „Stille Nacht“ zu beschallen. Die Hitze zwingt luftig gekleidete Passanten, nicht in hektische Aktivitäten zu verfallen.

Auch bei uns zu Hause sind die Festvorbereitungen in vollem Gange. „Bei uns“ bedeutet: Papa, Mama und ich – 14 Jahre alt. Mit himmelwärts gerichtetem Blick heißt es öfter über mich: „Der Fratz ist im schwierigen Alter“. Verstehe ich nicht. Eigentlich sind meine Eltern knatschig und nicht ich.

Die Weihnachtspyramide, Baumschmuck und Omas gestickte Decken werden aus der Truhe geholt. Oh weh, durch die hohe Luftfeuchtigkeit haben die Decken Stockflecke und müssen noch schnell gewaschen werden. Mama bürstet einen dunklen Anzug von Papa aus. Nun hängt das gute Stück zum Auslüften zwischen Hibiskus und Oleander im Garten.

Dann verteilt Mama Listen. Ich werde zu Herrn Rütli in die Großmarkthalle geschickt. Herr Rütli hat dort einen Stand. Man bekommt bei ihm Raritäten wie Wiener Würstchen, Leberwurst, gekochten Schinken und Schwarzbrot. Papa ist für den Festtagsbraten zuständig und soll einen Weihnachtsbaum besorgen. So ganz einfach ist das nicht. Im Staate Sao Paulo, wo wir wohnen, wachsen weder Tannen noch Fichten. Bei den meisten ziert daher ein zusammenklappbarer, künstlicher Baum das Wohnzimmer.

Nein, so'n Plastikkram kommt für uns nicht infrage. Papa schleppt also eine Pinie an und überrascht uns mit einem riesigen Truthahn. Der ist für den 1. Feiertag geplant. Heiligabend selbst gibt’s bei uns traditionell Würstchen und Kartoffelsalat.