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Wer verbirgt sich hinter den Menschen, die Tag für Tag im Zug mit uns reisen? Was sind ihre Geschichten, Ziele, Glücksmomente? Sia Bronikowski ist viel unterwegs, und oft kommt sie ins Gespräch mit ihren Zufallsweggefährten. Sie heißen Moritz, Luigi, Wolf oder Maryse, sind Cosplayer, Mechatroniker, Beckenbodentrainer oder Sudoku-Löser. Ob im Regionalzug, in der S-Bahn oder im ICE: Mal erfährt sie zwischen zwei Stationen ein ganzes Leben, mal einen Ausschnitt, mal wird sie stille Zeugin einer Tragödie, dann wieder zur Auslöserin eines skurrilen Ereignisses. Aus den flüchtigen Zusammentreffen im Zug werden Erzählungen, Zeugnisse eines schwerelosen Sich-öffnens zwischen Abfahren und Ankommen – wie es nur im Zugabteil möglich ist. Sia Bronikowski nimmt uns mit auf eine persönliche und berührende Reise voller unverhoffter Begegnungen.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2015
Wer verbirgt sich hinter den Menschen, die Tag für Tag im Zug mit uns reisen? Sia Bronikowskis Zufallsweggefährten heißen Moritz, Luigi, Wolf oder Maryse, sind Cosplayer, Mechatroniker, Beckenbodentrainer oder Sudoku-Löser. Was sind ihre Geschichten, Ziele, Glücksmomente? Eine persönliche und berührende Reise voller unverhoffter Begegnungen.
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Sia Bronikowski (*1953) ist Diplom-Volkswirtin und für ein Bundesamt tätig. Seit den Achtzigerjahren schreibt sie Lyrik und seit 2007 Erzählungen. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden und ist beruflich wie privat viel auf Reisen.
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Sia Bronikowski
Einstieg in Fahrtrichtung
Begegnungen im Zug
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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© by Sia Bronikowski 2013
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Inna Bodrova
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30848-0
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
EINSTIEG IN FAHRTRICHTUNG
1 Nama lächelt2 Roswitha steigt aus3 Olafs Schema4 Maryse weint5 Gleiswechsel6 Feuerhut7 Sudoku8 Respekt für Franzi9 Vollbremsung10 Liebermann11 Ein perfekter Plan12 Tanz des Lebens13 Svea zieht es durch14 Helmut, der Grillmeister15 Mandelgebäck sizilianisch16 Der fliegende Robert17 Froschkönig18 Herzstück19 Kochkurs mit Dietmar20 Das wirkliche Leben21 Geschichtenerfinder22 Lillyfee23 Wolf24 Lucy in the Sky25 Die Eifler sind halt so26 Vor dem ersten Ton27 Was einem Freude macht28 Logisch29 Ein offenes Gesicht30 Auf Messers Schneide31 Cherry und der bunte Vogel32 Brennstab und Untertasse33 Jannis, Julia & Co34 Reinstes Titan35 Kennen Sie den?36 Römische BalladeWarum Zuggeschichten?Mehr über dieses Buch
Über Sia Bronikowski
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Für meine Schwester Bettina
Erst sah ich nur seinen schwarzen, langen Ledermantel. Er hing am Fenster im Regionalzug nach Koblenz und versperrte die Aussicht auf den Rhein. Den jungen Mann schien der Rheingau nicht zu interessieren. An seinen Mantel gelehnt, war er fast eins mit dem Hintergrund; er las in einem dicken Buch.
Die Bahn war sehr voll an diesem Samstagmorgen. Ich hatte mir auf dem Bahnhof einen Cappuccino gekauft, stand nun im Gang des Waggons und versuchte, mein Gleichgewicht zu halten, besorgt, dass der heiße Kaffee nicht aus dem Pappbecher schwappte. Blöde Kegelvereine, dachte ich, doch die dunkel gekleideten jüngeren Leute im Großraumwagen passten eigentlich nicht in dieses Bild.
Nach dem Halt in Rüdesheim wurden ein paar Plätze frei, auch der neben dem Mann mit dem schwarzen Mantel, der noch nicht einmal aufschaute, als ich mich setzte. Da er sich überhaupt nicht rührte, versuchte ich, zunächst etwas von den Gesprächen der vier jungen Leute von gegenüber zu erhaschen.
Es waren zwei Mädchen und zwei Jungen. Der eine Junge, der reichlich dick war, machte ein paar Scherze über seine Schlafgewohnheiten. »Ich schlafe am liebsten im Bettkasten«, sagte er, »da ist es schön ruhig und finster.« Offenbar waren sie auf einer Reise in eine Stadt und wollten im Hotel nächtigen, mutmaßte ich.
»Hätten wir doch Doppelzimmer nehmen können, die wären viel billiger«, sagte eins der beiden Mädchen. Ihre Figur war zart, und sie trug ein schwarzes Trägerhemd mit einer auffallend großen Glaskette darüber. Ihre Augen waren dunkel geschminkt. Ein grünes Metallspängchen hielt eine Haarsträhne zurück. Das andere Mädchen, ihr gegenüber, beteiligte sich nicht am Gespräch, sondern spielte an ihrem Smartphone herum. Sie hatte Kopfhörer im Ohr, die sie kurz herauszog, als sie ihren Nachbarn sagen hörte: »Schlaf doch bei ihr, sie ist gut im Bett.« Sie knuffte ihn mit dem Ellenbogen und stöpselte sich dann wieder weg.
Da das alles nicht sonderlich spannend war, musterte ich jetzt meinen Nebenmann, was diesem immer noch nicht auffiel, da er nach wie vor in sein Buch versunken war. Er hatte sein dunkles, krauses Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, ein rundes Gesicht und volle Lippen mit leichtem Bartflaum. Er war recht jung, vielleicht zweiundzwanzig. Wie alle anderen um mich herum war er schwarz gekleidet. Ich nippte nachdenklich an meinem Kaffee, normal schien mir das alles nicht.
»Verzeihung, gibt es hier etwas Besonderes?«, frage ich meinen Nebenmann. »Ich meine, wegen der vielen jungen Leute.«
Er schaut auf, scheint mich jetzt erst zu bemerken, klappt sein Buch jedoch nicht zu. »Japantag«, sagt er, »Düsseldorf«, und liest weiter.
»Die Leute fahren zum Japantag?«, frage ich leicht verwirrt nach.
»Ja, wegen der Mangas.« Aha. »Und Animes.«
»Was ist denn das?«
Er klappt sein Buch über den linken Mittelfinger. »Mangas eben, und Animes, die Filme dazu.«
Ich stamme wirklich von einem anderen Planeten, keine Ahnung, wovon er spricht. »Ist das so etwas wie eine Buchmesse?« Ich scheine ihm leidzutun.
»Noch nie etwas von Pokémon und Sailormoon gehört?«
»Ehrlich gesagt, nein.« Da ich sehe, dass er sein Buch wieder öffnen will, hake ich schnell nach: »Was machen Sie dann in Düsseldorf?«
»Wir sind aus der Szene, wir kennen uns aus dem Internet und schreiben die Geschichten.«
Oha, das interessiert mich jetzt. »Sind das Rollenspiele?«, rate ich ins Blaue hinein. »Ich meine, schlüpfen Sie in Rollen?«
Er klappt das halb geöffnete Buch wieder auf den Mittelfinger. Seine Augen blicken nun etwas interessierter – oder bilde ich mir das ein? »Ja, jeder hat einen Charakter, ein Wesen, mit dem er sich identifiziert. Nicht alle sind frei, man kann sich nur einen aussuchen, der frei ist. Meiner ist aus der Finsternis. Die Finsternis war noch frei, und ich habe einen Albino gewählt. Wissen Sie, was ein Albino ist? Ein Wesen, das in der Finsternis lebt. In der Finsternis gibt es keine Farbe.«
Ich will auch etwas zum Gespräch beitragen: »Ich habe Albinos auf meinen Afrikareisen gesehen und gelernt, dass sie dort immer eine besondere Bedeutung haben. Viele Afrikaner haben Angst vor ihnen.« Ich erkläre noch, dass ich es seltsam finde, dass Weiße anders gesehen werden als Albinos.
Mein Einwurf scheint meinen Nebenmann nicht sonderlich zu interessieren, er spinnt seinen eigenen Faden fort. »Ein Albino wird von allen verachtet. Er wird misshandelt und getreten, er ist eine arme, ausgestoßene Kreatur.« Mein Nachbar lehnt sich etwas zurück und beobachtet meine Reaktion.
»Warum suchen Sie sich denn so einen Charakter aus, wo Sie doch die freie Wahl haben? Warum denn nicht Superman?«
Er schaut mich spöttisch an. »Das ist doch langweilig! Ich schreibe ja seine Vorgeschichte, warum der Albino so geworden ist.«
»Wie: geworden ist?«
»Na, ein Mörder, er heißt übrigens Nama.«
»Warum Nama?«
»Kommt von Nachtmahr, ein Albtraum, er hat einfach so viel Schreckliches erlebt. Seine Mutter ist im Kindbett gestorben, daher hat ihn sein Vater auch gehasst.« Sein Mittelfinger rutscht aus dem Buch. »Der Vater hat ihn gehasst und geschlagen, deshalb hat er ihn auch als Erstes ermordet.«
»Wen?«
»Den Vater. Deshalb ist die Vorgeschichte ja so wichtig – jeder hat eine Vorgeschichte.«
»Und Sie schreiben die Vorgeschichte?«
»Ich entwickle sie, aber nicht allein, ich hab Freunde überall in Deutschland, auch in Österreich, einige treffe ich wahrscheinlich in Düsseldorf.«
»Woran erkennt ihr euch?«
»An der Kleidung und den Dingen, die wir an uns tragen, zum Beispiel Glöckchen an einer Tasche, oder ein Handy klingelt mit einer bestimmten Melodie. Die Szene ist groß, manchmal treffen sich fünftausend in einer Halle.«
»Und was macht ihr da?«
»Wir sind verkleidet und haben Spaß. Manchmal werden wir auf der Straße blöd angemacht, ›Haha, Fasching ist schon vorbei‹ oder so’n Scheiß, Arschlöcher halt, die keine Ahnung haben. Wir helfen uns gegenseitig. Wenn jemand kein Ticket kaufen kann, legen wir zusammen. Für jemanden, den wir gar nicht wirklich kennen. Wie in einer Familie.«
»Hat denn Nama keine Freunde?«, will ich wissen.
»Jeder hat ihn gehänselt, die Lehrer und die Schüler, aber er wird sich an allen rächen.«
»Gibt es wirklich gar niemanden, der ihn mag?«, frage ich, inzwischen etwas besorgt, ich muss an Amokläufer in Schulen denken.
»Doch schon, ein Mädchen, es war wunderschön und gütig und hat ihn getröstet.«
»Was ist mit dem Mädchen geschehen?«
»Es wurde ermordet. Nichts ist romantischer als der Tod, meinen Sie nicht?«
»Ja, der Tod ist schon ein starkes Ereignis, wie die Geburt«, erwidere ich, »doch ist nicht eher die Vorstellung vom Tod romantisch? Der Tod selbst ist nicht romantisch!« Das sage ich etwas bestimmter, ich bin besorgt, wohin das Gespräch uns treibt.
»Aber die Liebe, die über den Tod hinausreicht, die schon, die ist das Größte, was es im Leben geben kann.« Nama lächelt und schiebt seinen Mantel vor dem Fenster zurück.
Wir schauen beide hinaus auf den Fluss, der in der Sonne glitzert, und schweigen.
In relativ leeren Zügen ist es unnatürlich, wenn nicht sogar aufdringlich, wenn man sich zu anderen setzt, sofern noch Sitzgruppen frei sind. So war es auch an diesem Morgen im Eurocity. An einigen Tischen saßen Pärchen, an anderen einzelne Fahrgäste, die in ihr Buch vertieft waren oder schliefen. Ich setzte mich ebenfalls an einen freien Vierertisch. Ich zog eine Thermoskanne Kaffee aus der Tasche, und noch bevor der Zug vom Bahnhof Mainz losgefahren war, knabberte ich schon an meiner warmen Brezel.
Die Frau war mir bereits aufgefallen, als ich meinen Sitzplatz suchte. Sie trug ein kirschrotes Wollkleid und saß kerzengerade auf ihrem Platz. Sie las nicht, sie schaute mit einer aufmerksamen Spannung. Ich hatte ihr unwillkürlich zugenickt, bevor ich meinen Platz, zwei Tischgruppen entfernt, eingenommen hatte. Nach einer Weile, ich habe mich gerade in mein Lieblingsmagazin brand eins vertieft, höre ich sie reden. Ich drehe mich um. Sie telefoniert.
»Ach Herzchen, ich würde dich so gern sehen. Ich versuch es. Tschüss, meine Kleine.«
Die Stimme der Frau berührt mich. Warm und rau, empfinde ich sie. Brüchig und kräftig zugleich. Wen hat sie da wohl angesprochen? Ich drehe mich vorsichtig um. Die Frau sieht aus dem Fenster, ein sehnsüchtiger Blick, wie mir scheint. Sie ist bestimmt schon über siebzig. Ihr weißes Haar ist kurz geschnitten, sie ist von zierlicher Gestalt. Ihre Stimme hat mich fasziniert, die würde ich gern noch mal hören. Aber sie schaut nur aus dem Fenster, und ich wende mich wieder meiner Lektüre zu. Die Titelgeschichte heißt »Du bist nicht allein«, es geht um Loyalität. Ich lese und kaue an meiner Brezel, trinke Kaffee und habe die Frau im roten Wollkleid völlig vergessen.
Nächster Halt ist Mannheim. Als der Zug wieder losfährt, steht sie plötzlich neben mir. »Ich möchte Sie gern etwas fragen«, sagt sie mit ihrer rauen Stimme.
»Natürlich«, sage ich, »setzen Sie sich doch.«
»Was würden Sie machen, wenn Sie plötzlich die Idee hätten, an einem Ort auszusteigen, an dem Sie gar nicht geplant haben, auszusteigen?«, fragt sie.
»Ich würde einfach aussteigen«, sage ich.
»Und wenn das eigentlich nicht geht?«, fragt sie.
»Dann würde ich es wenigstens versuchen.«
»Vielen Dank«, sagt sie, steht auf und setzt sich wieder an ihren Platz.
Ich bin verwirrt. Was wollte sie denn jetzt genau? Ein junger Schaffner kommt durch den Gang und unterbricht meine spekulativen Gedanken. Er nimmt mein Online-Ticket, fragt nach meiner Bahncard und dem Personalausweis, prüft alles gewissenhaft, drückt die Zange auf das Papier, wünscht mir eine gute Fahrt und geht weiter.
»Herr Schaffner, darf ich Sie etwas fragen?« Ich höre die Stimme der Frau hinter mir.
»Ja, sicher, dafür bin ich da«, antwortet der Schaffner und bleibt vermutlich bei ihr stehen. Ich freue mich, dass er so freundlich ist, die Dame hat die Aufmerksamkeit verdient.
»Ja, das ist nämlich gar nicht so einfach«, sagt die Frau.
»Wenn das nicht so einfach ist, dann setz ich mich wohl besser«, sagt der Zugbegleiter. Nanu? Ich drehe mich um. Der Schaffner hat sich der Frau gegenübergesetzt und schaut sie geduldig an. Seine Schaffnermütze hat er abgenommen und auf den Tisch gelegt. Ich bin gespannt, was jetzt kommt, und spitze die Ohren.
»Also, das ist so. Ich bin auf dem Weg nach Freiburg. Da wohnt meine Tochter mit ihrem Mann und meinem Enkel. Der ist hochbegabt und fährt nächste Woche nach Nicaragua. Er ist erst sechzehn und hat schon sein Abi, wissen Sie, und will jetzt noch was Sinnvolles tun. Hochbegabte haben es auch nicht leicht, aber das tut jetzt nichts zur Sache.«
Der Schaffner streicht sich über sein braunes Haar. Er weiß wohl genauso wenig wie ich, wo das Ganze hinführt.
»Ach, nein, was ich sagen will, in Karlsruhe wohnt meine jüngste Nichte«, fährt sie unbekümmert fort. »Mit der telefoniere ich oft. Sie heißt auch Roswitha, wie ich. Aber ich habe sie so lange nicht mehr gesehen. Sie ist fünfundzwanzig und ein ganz famoses Mädchen. Eine Blume ist sie. Wissen Sie, sie lebt allein, aber sie ist sozial sehr engagiert, und das ist doch das Wichtigste. Sie hat ein Herz für andere, und das finde ich schön. Ich würde sie gern einmal wieder in den Arm nehmen.«
Der Schaffner wiegt den Kopf, sehe ich. Kann andeuten, dass er den Zusammenhang noch nicht ganz versteht. Auch ich bin gespannt, wohin die Geschichte treiben wird.
»Ja, der nächste Halt ist doch Karlsruhe, oder?« Der Schaffner nickt erfreut. Endlich weiß er mit seiner Rolle wieder etwas anzufangen und zieht den papierenen Zugbegleiter aus seiner Brusttasche.
»In zehn Minuten sind wir da«, sagt er, und in seiner Stimme schwingt Erleichterung mit, den Fall so schnell gelöst zu haben. »Dann steigen Sie einfach aus und besuchen Ihre Nichte.«
»So einfach ist das nicht, junger Mann.« Die Stimme der älteren Dame erhebt sich ein wenig. »Schauen Sie mal, ich habe eine Zugbindung bis Freiburg, da ist es mir nicht erlaubt, einen anderen zu nehmen.«
Er sagt erst mal nichts. Seine hübsche Stirn legt sich in Falten, offensichtlich denkt er nach. »Zeigen Sie mal Ihr Ticket«, sagt er.
Ich bin gespannt und kann meinen Blick nicht abwenden. Die beiden bemerken mich nicht. Die Dame öffnet eine Krokotasche, zieht den Fahrschein heraus und legt ihn auf den Tisch. »Aha, tatsächlich Zugbindung bis Freiburg«, sagt der Schaffner und lässt seine Nase enttäuscht sinken. Ich denke, das war es. Jetzt steht er bestimmt gleich auf und sagt: Tut mir leid.
Aber er steht weder auf, noch sagt er, tut mir leid. Er wendet das Ticket hin und her, als wolle er darauf irgendeine Geheimschrift entdecken. Plötzlich setzt er sich aufrecht, nimmt seinen Hut vom Tisch, setzt ihn sich aufs braune Haar. Jetzt sieht er wieder ganz förmlich aus. Auch die Dame setzt sich aufrecht.
»Sie haben also heftige Kopfschmerzen … ganz urplötzlich bekommen … Nicht zuzumuten für eine Dame in Ihrem Alter … Mussten unbedingt aussteigen … Gesundheitlich angezeigt … Klar, verstehe ich. Also, ich unterschreib das dann …«
Ich fass es nicht. Ich sehe, wie der Schaffner einen Kugelschreiber von seiner Brusttasche abklippt und etwas auf dem Ticket notiert. Dann nimmt er seine Kartenzange und macht einen Abdruck. »Zeigen Sie das meinem Kollegen, wenn Sie heute Nachmittag weiterfahren. Also dann, gute Besserung.« Er gibt ihr das Ticket zurück, springt auf, deutet ein Salutieren vor der älteren Dame an, geht an meinem Platz vorbei, zögert kurz, geht einen Schritt zurück und lässt sich mir gegenüber aufs Polster fallen.
Er atmet einmal durch. Dann nestelt er ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischt über seine Stirn. Ich lächle ihn an und ernte ein leichtes Grinsen. Er sieht ganz zufrieden aus, wie jemand nach der Lösung einer schwierigen Aufgabe. »Dann wolln wir mal wieder«, sagt er nach drei weiteren Atemzügen, erhebt sich und ist schon aus der Schiebetür.
Ich wende mich wieder zu der Dame um. Sie holt gerade ihr Köfferchen hinter dem Sitz hervor, zieht ein jacquardgemustertes Jäckchen über ihr rotes Wollkleid, hängt sich die Handtasche über ihre Schulter. Sie steht bereits im Gang, als der Schaffner durch die Mikroanlage verkündet: Nächster Halt Karlsruhe, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.
Ich bin müde. Den ganzen Tag habe ich auf einer Konferenz zugebracht. Im ICE schlafe ich augenblicklich ein, niemand wird mich aus meinen Träumen reißen. Nur kurz erliege ich dieser Illusion, dann lässt sich ein Mann auf den Sitz neben mir fallen und fängt kurz nach Anfahren des Zugs zu reden an. Das hat mir gerade noch gefehlt.
»Ich heiße Olaf.«
Auch das noch, ich kannte mal einen Olaf, der mit mir anbändeln wollte, ein kleiner, pickliger Softie.
Unangenehm berührt, bemerke ich, dass sich der neu eingestiegene Olaf etwas an meinen Arm kuschelt, und ich rücke ab, Richtung Fenster. Ohne einleitende Fragen erzählt er mir nun, dass er zum Frankfurter Flughafen muss, auf eine wichtige, sehr wichtige Reise. Kaum dass ich nachfragen kann, erklärt er mir schon seine Mission.
Als Marketing-Persönlichkeit der wichtigsten Sache der Welt sei er unterwegs – der Formel Eins. Ich traue meinen Ohren nicht, habe ich mich doch letztmalig mit diesem Thema beschäftigt, als ich, achtzehnjährig, in einen Jungen verliebt war, der wiederum in Autorennen vernarrt war. Mit ihm zusammen habe ich – der Liebe wegen – einige gesehen und auch den schrecklichen Unfall von Niki Lauda bejammert.
Und nun sitzt so eine Gestalt neben mir und beginnt, von der Welt der Rennfahrer zu schwadronieren.
»Nein, ich bin eigentlich ganz bodenständig, und wenn ich die Saison hinter mir habe, gehe ich immer auf Kur, das bin ich meinem Körper schuldig.«
Das möchte ich mir jetzt nicht so genau vorstellen. Mein Nebenmann kann wohl keine Gedanken lesen, denn er fährt fort, mir von seinem glamourösen Leben zu erzählen. Da er nonstop daherredet und ich meinen Schlummer aufgegeben habe, frage ich ihn, was er denn für eine Ausbildung genossen hat. Er stößt mir vertraulich in die Rippen: »Sport und Betriebswirtschaft«, raunt er, »na, das Leichteste eben.«
Aha. Ich weiß nicht recht etwas darauf zu erwidern, was ihn aber nicht im Mindesten stört, denn er ist schon viel weiter in seiner Erzählung. »Wollen Sie wissen, wohin ich fliege?«
Ich brenne darauf, denke ich, bringe aber nur ein undeutliches Grunzen zustande.
»Ich fliege nach Sofia und dann nach Malaga, alles mein Bereich. Heute Nacht …«, er beugt sich vertraulich zu mir, »mach ich erst mal Pause im Playboy-Club … nicht, was Sie denken.« Er boxt mir zum zweiten Mal mit seinem Ellenbogen in die Rippe. »Dort ist der einzige Platz, an dem du noch um zwei Uhr morgens was Vernünftiges zu essen bekommst. Aber sonst, na klar, wir schauen uns schon auch die Mädchen an. Das ist ganz einfach, wenn du ein schickes Boot hast. Von Malaga düsen wir oft mal rüber nach Marokko, alle Mädchen sind scharf darauf, uns zu begleiten. Ist halt ein Speedboot, alles vom Feinsten.« Er lehnt sich zurück, um seine letzten Worte zu genießen.
Da ich nichts sage, wechselt er kurz das Thema. »Na ja, man war ja auch mal links. Ich war bei den Sozis, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber man wär ja blöd, wenn man so eine Chance nicht ergreift.«
»Hm, hm«, sage ich, was ihn zu weiteren Statements ermutigt: »Also, meine Schwester kann damit nichts anfangen. Ich hab sie mal mitgenommen, wollte sie in die Welt einführen, aber das geht nicht an sie ran. Ich genieß das, ich mach dann halt mal wieder ’ne Kur. Ich bin bodenständig, wissen Sie. Und die Rennfahrer, wenn Sie wüssten. Die sind auch ganz normal. Ach, was sage ich, die sind professionell. Wenn Sie glauben, die trinken, weit gefehlt. Für die ist das alles harte Arbeit, harte Arbeit, sag ich Ihnen. Aber ich, ich wär ja schön blöd, wenn ich das alles nicht mitnehmen würde. Klar, eine Frau hab ich nicht, das ging ja nicht, bei dem Stress. Sie müssen nicht glauben, wir machen nur Party. Nee, alles Arbeit, das geht an die Substanz. Da musst du auch mal wieder runter. Aber ich bin noch jung. Ich will was erleben. Ja, wenn das mit den Frauen nicht wär. Irgendwie passt keine in mein Schema.«
»Hm, hm«, sage ich, völlig erschöpft. Der Zug fährt in Frankfurt ein, ich packe meine Sachen zusammen, muss noch zur S-Bahn.
Auch Olaf steigt aus, nicht ohne mir zuzuraunen: »Wir haben uns prächtig unterhalten, nicht? Ich glaube, Sie würden perfekt in mein Schema passen.«
Ich habe mir zwar schon gedacht, dass der Zug voll sein würde, aber so voll? Die Leute sind auch ziemlich brummig, manche haben eine Tasche auf den Nebenplatz gestellt, tun, als ob sie schlafen oder intensiv in einer Zeitschrift lesen. Ich entdecke zwei freie Plätze in einem Abteil. Eigentlich mag ich Großraumwagen lieber, aber bevor die auch noch weg sind, frage ich lieber. Im Abteil sitzen schon drei Leute, auf einem der Fensterplätze liegt eine Tasche, und ein Mantel hängt da auch noch.
»Ist hier noch etwas frei?«
Die Anwesenden schauen sich an und merken wohl, dass sie kaum ablehnen können. Ich habe einen Koffer und eine Tasche dabei, das macht auf die schon Eingerichteten wohl einen sehr ungemütlichen Eindruck. Letztlich erbarmt sich doch ein Mitreisender und hilft mir, die Gepäckstücke auf der Kofferablage so zu platzieren, dass mein Koffer auch noch reinpasst. Als ich dann endlich meine Tasche unter den Sitz geschoben habe und meine Jacke aufgehängt, mein Buch und meine Lesebrille aus der Handtasche gekramt, setze ich mich auf den Gangplatz und beginne, meine Mitreisenden ein wenig zu mustern.
Die Tür geht auf, und eine dunkelhäutige, zarte, überaus aparte Person kommt herein, aha, sie gehört wohl auf den Fensterplatz. Gekonnt steigt die junge Frau über die Beine der Mitreisenden, sie hat ihr Handy in der Hand. Vermutlich hat sie auf dem Gang telefoniert. Ich beobachte, dass sich draußen auf dem Gang immer noch einige Passagiere mit Koffern durchschieben. Hoffentlich kommt jetzt keiner mehr rein, denke ich, ich habe meine Beine gerade so schön ausgestreckt, und nur noch der Sitz gegenüber ist frei. Im Abteil herrscht eine gewisse Gespanntheit, die nachlässt, sowie der Zug sich in Bewegung setzt.
Ich schaue in mein Buch und habe noch keine Zeile gelesen, als ich höre, dass jemand leise schluchzt. Das Weinen kommt vom Fensterplatz, von der jungen Frau. Sie drückt ihr Gesicht in ihren Mantel, der da vor dem Fenster hängt. Sie will sicher nicht, dass wir das mitbekommen. Die anderen schauen sich betroffen und gleichzeitig hilflos an. Was mag wohl der Grund sein? Heimweh, Liebeskummer, Krankheit, Tod, Verlust des Arbeitsplatzes? Ach, es kann alles sein, aber keiner wagt zu fragen. Ich überlege mir, welcher Grund so übermächtig ist, dass er einen in der Öffentlichkeit weinen lässt. Oder sind Afrikaner einfach emotionaler? Ich denke das und tadele mich sogleich dafür. Du bist ja mit genug Afrikanerinnen befreundet, um zu wissen, dass die aus dem Norden so viel mit jenen aus dem Süden gemein haben wie Leute aus Norwegen mit Sizilianern. Außerdem könnte sie ja auch Deutsche oder Amerikanerin sein.
Der Mann am Fensterplatz gegenüber zieht ein Päckchen Tempotaschentücher aus seiner Tasche und reicht es ihr.
»Merci.«
