Eintauchen in Zyperns Seele - Marisa Potamitis - E-Book

Eintauchen in Zyperns Seele E-Book

Marisa Potamitis

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Beschreibung

Eintauchen und Verstehen... Wenn in der Bank der Safe offen steht, ist das Vertrauen oder Leichtsinn? Wenn Sex nur an bestimmten Tagen erlaubt ist, warum verhüten? Wenn alte Frauen von ihrem Schicksal berichten, was kommt da nicht an alles ans Tageslicht! Marisa erzählt herzerwärmende Geschichten von ihrer kleinen Farm, zu der auch die niedlichen Hängebauchschweine Porgy und Bess gehören. Wer die Mittelmeerinsel Zypern in ihren unglaublichen Facetten verstehen, den betörenden Duft der Pflanzen atmen und ihre Früchte genießen will, wer den wunderbaren Menschen folgen möchte, dem bietet Marisa hier vorzüglichen Lesestoff - feinsinnig, persönlich, anrührend.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ich habe dieses Buch

für meine Kinder geschrieben.

Andi, Melina und Nikitas –

ihr seid meine Felsen in der Brandung!

Inhalt

Innenansichten

Alles Glück dieser Erde – und wie es zu uns kam

Ein Zufall führte nach Zypern

1988 – wie alles begann

Der tanzende Polizist

Erste Eindrücke auf einer fremden Insel

Alles Kopiaste?

Mit der Sprache hapert es noch

Wohin mit dem Zuckersirup?

Das Dorf Kalavasos – meine neue Welt

Jogger Boy

Meine geliebten Pferde und unsere kleine Farm

„Du wirst sehen, da kommen so einige“

Wir heiraten, und das mit 1500 Gästen

Draußen spielen – ein Paradies für Kinder

Die Schule aber stellt Eltern vor eine Geduldsprobe

Unter Geiern

Wie frau sich erstmal freischwimmen muss

Stürmisch und tiefenentspannt urlauben

Cyprus Villages – das authentische Dorfleben

Granatapfelerlebnisse – zum Anbeißen

Die Götter schickten die gesündesten Früchte

Brennende Vögel

Atemnot und dramatische Stunden

Beim Physiotherapeuten

Dezente Musik, aber dann …

Von Bruno, Porgy und Bess

Lustige Geschichten aus unserem Tierleben

Weil Liebe durch den Magen geht

Streifzüge durch die Küche – ein Hochgenuss

Glossar

Blicke zurück und nach vorn

Mit Geduld, Galgenhumor und Gelassenheit

Innenansichten

Alles Glück dieser Erde – und wie es zu uns kam

Haben Sie schon einmal einen Polizisten auf dem Tisch im Wirtshaus tanzen sehen? Wissen Sie, was Kopiaste heißt? Und können Sie sich vorstellen, wie ich mir als Schweizerin einen Platz in Zyperns Männerwelt erobern konnte? Die Insel der Aphrodite strahlt, und bei mir lesen Sie, warum. Wie denken die Einheimischen, was treibt sie an, woher rührt ihr Handeln? Ich konnte in den bald 30 Jahren, die ich mittlerweile auf Zypern lebe, vielfältige und tiefe Einblick in die Seele der Menschen gewinnen, wofür ich sehr dankbar bin. Was ich mit meiner eigenen, kleinen Familie, unseren drei Kindern, den Dorfbewohnern, unseren geliebten Tieren und unseren Gästen erlebt habe, füllt viele Seiten auf spannende Weise. Dabei war Zypern im Weihnachtsurlaub 1988 für meine Schwester und mich nur zweite Wahl. Sie lesen, warum wir auf der Sonneninsel froren, warum sie uns dennoch sofort ans Herz wuchs, und ich mich dann verliebte – in die Insel und in Sofronis. Inzwischen sind wir schon lange verheiratet. Aber dieses Buch ist mehr als eine Liebesgeschichte.

Ich führe Sie durch unser Dorf Kalavasos. Dort haben wir traditionelle Häuser zu Ferienhäusern umgebaut. Mein Mann steht für den Agrotourismus auf der Mittelmeerinsel; die Cyprus Villages (www.cyprusvillages.com.cy) sind sein Lebenswerk. Anschaulich wird dabei, was sich an dramatischen Veränderungen in den Dörfern vollzieht, wie aber die Kultur und Lebensart zu retten sind. Dabei schwankt das Leben hier zwischen Gelassenheit und Galgenhumor. Dann geht es um unsere Hochzeit, meine umwerfenden Erlebnisse beim Physiotherapeuten oder um die Kerne im Granatapfel. Es sind genau 613! Überhaupt unser Essen: Die Liebe zu Zypern findet ihren Weg über den Gaumen. Auf dem werden die Geschmacksknospen verwöhnt von wildem Spargel, Kapern, Halloumi-Käse (der quietscht) oder auch Linseneintopf. Köstlich! Was Bamies oder Ladyfingers sind, erfahren Sie auch (mit Rezept). Dann gibt es hier den legendären Five Kings Brandy. Wir nehmen ein Gläschen zur Probe.

Es sind die kleinen Abenteuer im Alltag, die zählen. Sie werden staunen. Ich muss oft lachen, wenn ich wieder mal als Schweizerin alles zu genau nehmen will. Und schauen Sie sich meine Pferdefarm an. Sie ist mein Markenzeichen. Auf dem Rücken der Pferde liegt – Sie wissen es – alles Glück der Erde. Das spüren Sie hier sogar, und zwar mit und ohne meine geliebten Vierbeiner! Seien Sie lebensfroh, kommen Sie zu uns unter die Olivenzweige!

Marisa Potamitis

Saftige Farben – Frühling auf Zypern

Ein Zufall führte nach Zypern

1988 – wie alles begann

LEICHT VERFROREN IM SONST WARMEN ZYPERN, EIN FREUNDLICHER SOFRONIS UND ATEMWÖLKCHEN VOR DEM MUND. WIE MEINE SCHWESTER UND ICH 1988 AUF DER MITTELMEERINSEL ANKAMEN.

Auf zum Kameltrip durch Tunesien, dachten meine Schwester und ich. In der Sonne ausspannen zu Weihnachten und Neujahr! Das war 1988. Doch komisch, alles, was wir toll fanden, war schon ausgebucht. Wir suchten also auf die Schnelle nach Alternativen. Zypern? Okay, warum nicht? Ich war 20 Jahre alt, komme aus Männedorf im Kanton Zürich und hatte noch nicht so viel von der weiten Welt gesehen. Aber Zypern im östlichen Mittelmeer? Liegt das nicht zu weit weg von zu Hause?

Gut, wir fanden etwas, das nannte sich „Wohnen im traditionellen Dorf“. Ich konnte mir so gar nicht vorstellen, was das bedeutete. Hatten wir das nicht zu Hause auch schon bei uns in der Schweiz? Ich beschloss, mich einfach überraschen zu lassen. Meine ältere Schwester Daniela buchte die Tickets, und kurz nach Weihnachten 1988 startete unser Flieger Richtung Larnaca auf Zypern. Bei der Landung waren wir entsetzt. Sollte es nicht die Sonneninsel sein, im Winter angenehm mild? Jetzt aber war es dunkel und neblig. Naja, kann ja noch besser werden!

Ein Bus brachte uns in etwa einer halben Stunde Fahrt nach Kalavasos, ein kleines Dorf irgendwo im Hinterland. Was wird uns zwei junge Frauen – unerfahren im Reisen, unvorbereitet und fern der Heimat – wohl erwarten? Wir konnten durchs Busfenster allerdings nicht viel erkennen, es war ja alles ziemlich dunkel. Wir sahen einen Platz, Steinhäuser und gepflasterte Straßen. Dann stiegen wir aus.

Doch was war das? Ein junger Mann begrüßte uns total herzlich. Er führte uns durch die dunklen Gassen. Wir scherzten und lachten. Angst hatten wir nicht. Uns beschäftigten die wichtigen Frauenfragen: Haben wir auch wirklich alles mitgenommen, was wir brauchen? Und sind wir richtig gekleidet die nächsten Tage? All die Badesachen, kurzen Hosen und Blusen, würden wir die überhaupt brauchen? Es wehte nämlich ein eisiger Wind, und Nieselregen ruinierte unsere Frisuren. Mit unseren leichten Jäckchen froren wir ganz erbärmlich und freuten uns auf unsere traditionelle zypriotische Wohnung. Wir folgten dem jungen Mann und einem leichten Lichtschein. Bald darauf fanden wir uns in einem großen Innenhof mit Blumentöpfen und Bäumen wieder.

„Das ist das Giatros House, und das da ist eure Wohnung“, verkündete Sofronis stolz. Dieser junge Mann, wohl so um die 25 Jahre alt, wie wir meinten, zeigte uns den Eingang und machte sich sogleich an einem großen Kasten zu schaffen. „Das ist eure Gasheizung. Ihr werdet sie wohl brauchen“, nahm er die Antwort auf unsere noch nicht gestellten Fragen nach der sibirischen Kälte vorweg. Wir wollten doch in die Sommerfrische im Winter, Zypern halt. Sofronis erklärte es so: „Normalerweise ist es um Weihnachten nie so kalt, das ist eine absolute Ausnahme ...“

Eine kleine Gasflamme flackerte auf und gleich darauf zischte und spuckte die Heizung. Wohlige Wärme machte sich rasch bemerkbar. „Lasst sie nachts aber niemals laufen. Ihr müsst sie immer ausstellen, sonst wird‘s gefährlich“, mahnte er uns. „Morgen um acht Uhr bringe ich euch das Frühstück.“

Gleich darauf ließ er uns alleine. Wo waren wir gelandet? In einem heizbaren Eisschrank auf einer fernen Insel, die nichts mit Tunesien zu tun zu haben scheint. Da sollten es immerhin 20 Grad sein, und hier? Gut, wir schauten uns in der Wohnung um. Eine große Küche mit Tisch und Stühlen und eine antike Kommode gefielen uns schon einmal. Es war ein bisschen wie zu Hause. Voller Elan machten wir uns einen Tee. Nun hatten wir auch etwas Warmes in den Händen. An die Heizung gekuschelt genossen wir unser Ferienfeeling und freuten uns auf die vielen Abenteuer, die wir in der zypriotischen Landschaft erleben wollten. Dazu hatten wir uns schon von zu Hause ein Mietauto gebucht, das wir am nächsten Tag erhalten sollten.

Aber zunächst mussten wir noch mit unserer neuen Umgebung warm werden. Zum Badezimmer gelangten wir durch den Innenhof. Das hieß also: Kälte. Das Wasser in der Dusche? Leider wollte es einfach nicht warm werden, und wir putzten uns auch die Zähne mit Eiswasser. Im Schlafzimmer konnten wir sehen, wie aus unserm Atem kleine Wölkchen wurden. Hatten wir ein wenig winterliche Schweiz mitgebracht? Oh je: In unseren Betten war es kälter, als wir beide es je erlebt hatten. Kein Wunder, unter der Holztür zum Innenhof klaffte ein riesiger Spalt, durch den die Kälte grimmig ins Zimmer drang. Wir überlegten: Sollten wir die schwere Gasheizung hierhertragen? Nein, schließlich hätten wir sie ja nicht laufen lassen dürfen, solange wir schliefen. Brandgefahr. Es war schon so spät, dass wir uns kurzerhand zusammen in ein Bett kuschelten, um uns gegenseitig zu wärmen. Wir plauderten und lachten noch bis in die Nacht hinein. Irgendwann wurde uns schön warm, und wir schliefen entspannt wie Schäfchen bis in den Morgen hinein.

Lautes Klappern aus der Küche weckte uns auf. Helles Sonnenlicht blendete uns für ein paar Momente durchs Fenster. Wir sprangen erfreut aus dem Bett, aber der eiskalte Fußboden ließ uns sofort wieder unter die warme Decke schlüpfen. Atemwölkchen stiegen auf. Ja, die gab es immer noch. Doch dann drang durch die Kälte etwas, was uns beflügelte – Kaffeeduft. Eingehüllt in unsere Bettdecken und mit Wanderschuhen an den Füßen machten wir uns auf zum Wohnzimmer. Eigentlich hatten wir gedacht, dass das Frühstück einfach so dastünde und wir zwei dabei alleine wären. Schließlich boten wir keinen allzu charmanten Anblick in unseren Bettdecken, mit unseren roten Nasen, den zerwuschelten Haaren und den verschlafenen Augen hinter den Atemwölkchen. Aber der junge Mann von gestern begrüßte uns mit dem breitesten Grinsen, das wir je gesehen hatten. Sein blonder Lockenkopf war genauso zerstrubbelt, und seine knallblauen Augen funkelten fröhlich bei unserem Anblick. Wir schämten uns etwas, waren erstaunt und neugierig und irgendwie interessiert an diesem jungen Zyprioten. „Also, sehr zypriotisch sieht der jetzt aber nicht aus“, flüsterte meine Schwester. „Ist der Engländer?“

„Kalimera, guten Morgen. Ich habe mich gestern gar nicht richtig vorgestellt“, sagte er in sehr griechisch angehauchtem Englisch. „Ich bin Sofronis und verantwortlich für die traditionellen Wohnungen. Ich möchte, dass ihr euch hier wohlfühlt, und wenn ihr ein paar Tipps braucht wegen der Ausflüge oder so, kann ich euch gerne weiterhelfen.“

Er schob uns die dampfenden Kaffeetassen zu und fing an, uns Butterbrote zu streichen. „Warme Pullis“, hauchte Daniela auf Englisch. „Wir brauchen dringend warme Pullis.“

„Äh, und vielleicht ein Halstuch ... wir haben nur Sommersachen eingepackt“, sagte ich.

Sofronis grinste verschmitzt und meinte, das könne er uns schnell besorgen. Außerdem würde er uns nach dem Frühstück in die nächste Stadt fahren, nach Limassol, denn dort warte ein Mietauto auf uns. Wir freuten uns riesig, denn bald würde es richtig losgehen!

Im Rausch der Mandelblüte

Der tanzende Polizist

Erste Eindrücke auf einer fremden Insel

ACH DU SCHRECK: LINKSVERKEHR! WIR TAUCHTEN IN DIE FARBENPRACHT DER LANDSCHAFT EIN, BLIEBEN MIT DEM AUTO STECKEN. DANN TANZTE EIN POLIZIST AUF DEM TISCH, WIR FANDEN DEN WEG ZUR WOHNUNG NICHT UND STEUERTEN AUF EINEN WEHMÜTIGEN ABSCHIED ZU.

Zu dritt auf die Vorderbank eines Pick-up-Trucks gedrängt, holperten wir nach Limassol. Sofronis unterhielt uns mit packenden Geschichten aus seinem Leben auf der Insel. Wir waren mindestens so berührt und irritiert wie über den Linksverkehr. Er jagte uns richtig Angst ein. Mehrmals duckten wir uns weg, als uns andere Autos auf der falschen Seite entgegen schossen. Wir würden uns schon daran gewöhnen, meinte Sofronis, wir sollten dann mit unserem Auto einfach nur langsam fahren..

Kurz darauf saßen wir in einem Suzuki Jeep und fühlten uns komplett alleingelassen im dichten Verkehr der Stadt. Zwar wurde uns genau erklärt, wie wir die Autobahnauffahrt wiederfinden würden, aber meine Schwester am Steuer schwitzte dann mit mir um die Wette. Einen Vorteil hatte das: Wir vergaßen sogar die Kälte. Wie durch Zufall fanden wir uns plötzlich auf der Autobahn wieder und frohen Mutes reihten wir uns in den Verkehr ein. Zwar musste ich das Plastikdach immer wieder festhalten, weil es uns im Fahrtwind um die Ohren flog, aber unsere Abenteuerlust war ungebremst!

Von wegen ungebremst: Daniela legte plötzlich eine Vollbremsung hin. Ich schrie auf. Da gab es doch tatsächlich eine Kreuzung mitten auf der Autobahn. Das war uns fremd. Ein riesiges Lastauto brauste knapp vor uns vorüber, und hätte Daniela nicht so schnell reagiert, unsere Abenteuerreise wäre hier schon zu Ende gewesen. Zitternd fuhren wir weiter und hielten Ausschau nach weiteren Kreuzungen. Endlich fanden wir Kalavasos. Wir waren so froh. Mehr noch, denn in unserer gemütlich-kalten Wohnung fanden wir auf dem Bett Wollpullis und Schals in bunten Farben. Sofronis war anscheinend weit vor uns wieder zurück gewesen und hatte sein Versprechen, uns warme Kleider zu besorgen, meisterhaft erfüllt.

Viele Jahre später belauschte ich aus Versehen ein Gespräch meiner Schwägerin mit meiner Schwiegermutter. „Nein, die Pullis sind nie aufgetaucht, ich habe wirklich keine Ahnung, wo du die wieder hin geräumt hast ...“ Sofronis hatte uns natürlich nicht gesagt, dass er die Pullis damals von seiner Schwester „geliehen“ hatte.

Doch nun verliefen unsere Ferien wie ein schöner Traum. Wir unternahmen Ausflüge in die nähere Umgebung und für die großen Touren bot Sofronis an, mit uns zu fahren und uns alles zu zeigen. Wir waren nicht abgeneigt.

Die wilde Schönheit Zyperns überraschte uns hinter jedem Hügel wieder neu. Und die Strände, wenn auch jetzt bei der Kälte nicht zum Baden geeignet, waren faszinierend, wunderschön und menschenleer. Ach, da fuhren wir dichter ran mit unserem Leihwagen. Es war eine Pracht. Allmählich verloren wir auch die Scheu vor dem Autofahren. Das war einerseits gut, andererseits auch nicht, denn nun saßen wir in den Bergen von Paphos plötzlich im Sumpf fest. Was sollten wir tun?

Wir gruben gemeinsam mit Sofronis, der uns auf diesem Ausflug begleitete, den Jeep von Hand aus dem Sumpf, jedenfalls versuchten wir das. Dann drückten wir das Auto nach vorn, nach hinten, ließen den Motor aufheulen. Was man so tut, um die Karre aus dem Dreck zu kriegen. Gut, es half nichts: Wir machten uns zu Fuß auf den Weg ins nächste Dorf. Ein uralter Mann mit einem noch älteren Traktor kam uns entgegen. Er lächelte. Wir machten ihm unsere Lage klar und fuhren zurück zum Jeep mit ihm. Er zog uns elegant aus dem Schlamm und mit glücklichen und dreckverspritzten Gesichtern ging es weiter zu den großen Avocado-Plantagen.

Zypern im Winter. Eine Farbenpracht von grün, gelb und braun lag vor uns. Man kann nur ahnen, wie die Sonne im Sommer auf die Natur brennt, wie sie alles gnadenlos austrocknet und die Landschaft in Wüste verwandelt. Wenn dann der langersehnte Regen fällt, verwandeln sich Flüsse in reißende Ströme, die alles mit sich reißen. Felder, Straßen und Keller überfluten. Erst nach einigen Schauern dringt das Wasser ins Erdreich, spendet Leben, und nach wenigen Tagen schon sprießen winzig kleine Gräslein an jedem Wegesrand. Jetzt, Ende Dezember, blühen schon einige Wiesenblumen, und das Gras steht kniehoch. Die Erde ist getränkt und satt. Die Kraft der Sonne lässt die Vegetation üppig wachsen.

Unser abenteuerlicher Ausflug in die Region von Paphos näherte sich dem Ende. Die Sonne färbte den Himmel blutrot und ein paar schneeweiße Wolken schwebten am Horizont. Die Heimfahrt verlief ruhig. Daniela und ich waren voll von wunderschönen Eindrücken, die wir erst verarbeiten mussten. Sofronis fuhr unseren Suzuki Jeep mit einer vertrauten Sicherheit, irgendwann fanden sich unsere Hände und verschlangen sich ineinander. Es fielen keine Worte und auch keine Blicke, da es inzwischen dunkel geworden war. Seltsam, dachte ich mir, wir kennen uns doch noch gar nicht richtig. Und doch war da eine Vertrautheit, die ich so noch nie zuvor erlebt hatte ...

Wir hatten einen Riesenhunger. Nach der Rückkehr am Abend wollten wir in die Stavros Taverne in Kalavasos. Es war die einzige im Dorf. Als wir eintraten, schlug uns dicker Zigarettenqualm entgegen. Hustend nahmen wir an einem Tisch mit geblümtem Plastiktischtuch Platz und schauten uns um. Ein Dutzend Männer starrten uns an. Wir fühlten uns plötzlich etwas fremd. Da kam Herr Stavros mit einer roten Schürze auf uns zu und knallte uns ein Menu auf die Tischplatte. Dazu sagte er feierlich: „Special of today is Moussaka! I cook fresh specially for you two young ladies!”

Oh, Moussaka, traditionell griechisch, das wollten wir. Wir bestellten eine Flasche Wasser aber Stavros winkte beleidigt ab. „I bring you Cyprus Water!” Es wurde bald klar, was er meinte. Er stellte uns eine Flasche Brandy hin und schenkte unsere Gläser voll. Dann nahm Stavros sein eigenes Glas, und wir stießen voller Wucht zusammen an. „Stin jammas!!“ Die Gläser klirrten. Die goldene Flüssigkeit schwappte über unseren Tisch. Ich nahm einen großen Schluck und schnappte sogleich nach Luft. Prustend stellte ich das Glas zurück, nur um gleich wieder mit Stavros schwungvoll anzustoßen. „You see, this is the real water! Life water!“

Unsere Augen tränten, aber wir trauten uns nicht, das Glas abzusetzen. Kaum tranken wir wieder ein Schlückchen, füllte Stavros nach, und so blieben die Gläser den ganzen Abend voll. Als wir die leckerste Moussaka, die es überhaupt nur geben konnte, verdrückt hatten, waren unsere Eingeweide den vielen Schnaps schon gewohnt und rebellierten nicht mehr. Der Abend verlief nicht nur feucht, sondern auch sehr fröhlich. Inzwischen waren noch ein paar andere Touristen dazugekommen und erfuhren die gleiche Brandy-Prozedur wie wir. „Stin jammas!!“, dröhnten die anderen Männer und hoben die Gläser in unsere Richtung.

„Stin jammas“, stöhnten Daniela und ich und stürzten wieder einen Schluck hinunter. Langsam fing ich an, die Augen zu verdrehen.

„Bitte, kann ich nicht doch ein Glas Wasser haben?“, flüsterte ich heiser. Stavros erhob sich kopfschüttelnd und knallte gleich darauf verächtlich einen Wasserkrug auf den Tisch.

„Wieso sitzt ihr denn alle separat?“, brüllte er und warf einen Blick durch seine Taverne. „Sitzt doch zusammen, ist doch viel besser! Wir sind nun eine Familie!“

Stühle wurden gerückt und durch den dichten Qualm sahen wir, wie die anderen Touristen an unserem Tisch Platz nahmen. Stavros unterhielt uns mit lustigen Geschichten aus seiner Taverne. Wir mussten viel lachen. Sogar ein Minister sei bei ihm Gast gewesen, er glaube es sei ein Minister von Brüssel gewesen.

„Ja ja, Europa“, sinnierte er. „Dort ist alles gut und es fließen Milch und Honig. Hier auf dieser gottverlassenen Insel ist das Leben hart! Die Türken, die haben uns alles genommen. Die haben uns alles kaputt gemacht. Gekämpft haben wir wie die Löwen, aber die waren in der Überzahl. Reingelegt haben die uns. Mein Bruder, der hat gekämpft wie wild, den haben sie gefangen genommen! Bis heute haben wir ihn nicht mehr gesehen.“

Er stieß mit voller Wucht auf unsere überschwappenden Gläser, die wie durch ein Wunder immer voll waren.

„Stin jammas!!“

Es kamen immer mehr Leute zu uns an den Tisch. Wir rückten zusammen, und die Gläser klirrten erneut. Wir waren eine lustige Gruppe. Schweizer Touristen, ein deutsches Ehepaar und ein paar Engländer mischten sich mit geselligen Zyprioten, und der Tisch bebte, als Stavros erneut Brandyflaschen hinknallte.

Irgendwann sangen wir, das war unausweichlich. Griechische Musik plärrte aus einem Transistorradio. Die Stimmung war gelöst, die Atmosphäre feucht und verqualmt. Irgendwann sah ich meine Schwester mit einem Polizisten in voller Uniform in angeregtem Gespräch. Soeben stießen sie ihre Gläser zusammen, das übliche „Stin jammas!!“ erklang. Und schon floss der Brandy die Kehlen herunter – auf Ex. Lambros, so hieß der Polizist, wusste viel Lustiges zu erzählen. Plötzlich legte er unter einem lauten Lachen seine Dienstwaffe mitsamt Gürtel auf den Tisch. Er packte Daniela um die Hüfte und schwang sie elegant auf die Tischplatte. Behende sprang er hinterher und brüllte: „Jetzt wird getanzt!“

Die Musik lief in voller Lautstärke, alle Gäste, Touristen wie Zyprioten, versammelten sich um den Tisch und klatschten im Takt zum Sirtaki-Tanz. Daniela und Lambros stampften mit ihren Füßen auf der Tischplatte. Sie fing an, gefährlich zu wackeln. Stavros drückte beiden ein Brandyglas in die schwingenden Hände. „Stin jammas!!“. Oh Gott, schon wieder! „Wie mag das wohl enden?“, dachte ich noch so. Irgendwann torkelte Lambros bedenklich. Dann fiel er krachend auf die Holzstühle und landete auf dem Fußboden.

Lachend wischte er sich den Staub von der Uniform, griff nach seinem Glas und schwenkte es in die Runde. „Stin jammas!!“ zum letzten Mal. Er packte seine Dienstpistole, winkte torkelnd in die Runde und verließ die Taverne. Doch was war das? Ein Automotor heulte auf. Durchs Fenster sahen wir Lambros, den Polizisten, wie er mit dem Dienstauto fröhlich hupend die Straße hinunter rumpelte und in der Nacht verschwand.

Auch Daniela und mich zog es in unser Zuhause. Unsere Füße wollten nicht so recht gehorchen. Kein Wunder nach soviel Alkohol. Arm in Arm stützten wir uns gegenseitig. Fröhlich plaudernd schwankten wir durch Kalavasos und stellten fest, dass in der Nacht irgendwie alles anders aussah. Ein paar Katzen huschten uns über den Weg, und die Stille wurde nur durch schreiende Eulen und das unbestimmte Dröhnen in unseren Ohren gestört. Ratlos suchten wir die Türe zum Giatros House. In den traditionellen Dörfern führen die meisten Eingangstüren zuerst in einen Innenhof, das Wohnhaus kommt erst dahinter. Ich kann mich nicht erinnern, wie viele Türen wir leise knarrend aufstießen, ins Zimmer guckten und wieder zumachten. Nichts schien vertraut, fremde Blumentöpfe und Schuhe standen hier und da. Aber unser Innenhof war auch nach zwanzig Minuten nicht aufgetaucht.

„Oh, sorry“, entfuhr es uns, als wir beim x-ten Hof auf Leute trafen, die gemütlich bei einer dampfenden Tasse Tee in Decken gewickelt dasaßen. Wir empfingen befremdete Blicke und machten kehrt. „Was heißt denn eigentlich Entschuldigung auf Griechisch?“, flüsterte Daniela und wir brachen in hysterisches Gelächter aus. Da, waren das nicht Schritte? Wir waren gerettet. Ein Ehepaar kam auf uns zu und blieb verwundert stehen. „Äh, wissen Sie zufällig, wo das Giatros House ist?“, fragte ich auf Englisch. Fragend schauten sie uns an. Die Frau zog ihren Schal fester um den Kopf. Vermutlich sahen wir nicht allzu vertrauenswürdig aus, wir schwankten nämlich beide leicht und hielten uns aneinander fest. „Das Haus von Sofronis ...“, konkretisierten wir unsere Anfrage noch. Aha, sie tauschten ein paar griechische Worte aus und wiesen hinter sich. „There is Sofronis‘ House, gleich um die Ecke.“ Dankend wankten wir davon, und Sekunden später lagen wir, in Sofronis‘ Pullis gehüllt, im Bett und schnarchten vor uns hin.

Am nächsten Tag war ein ruhiges Programm angesagt. Leicht verkatert wollten wir nach dem Frühstück einen kleinen Spaziergang in die nähere Umgebung machen. Kalavasos liegt in einem wunderschönen grünen Tal. Die Ausläufer des Troodos-Gebirges im Norden leuchteten in der Sonne, und die reifen Orangen in den unzähligen Plantagen setzten fröhliche Farbtupfer unter den knallblauen Himmel. Unsere leichten Blusen kamen bei diesem Wetter doch noch zum Einsatz. Wir wanderten einfach drauflos, Richtung Berge. An den Olivenbäumen hingen grüne und schwarze Oliven. Männer und Frauen hatten grüne Netze am Boden unter den Bäumen drapiert und harkten mit Werkzeugen durchs dichte Laub, die uns an riesige Kämme erinnerten. Die Oliven prasselten auf den Boden und wurden danach in riesige Kübel geladen. Wir schauten eine Weile zu, plauderten mit den Leuten und gingen weiter den Weg entlang. Zitronen, Mandarinen, Orangen und Oliven, wo der Blick auch hinfällt. Wie wunderbar! Auf Zypern kann man gar nicht verhungern. Zäune gab es nicht, und wir wanderten durch üppige Plantagen, schauten uns um und pflückten eine Orange frisch vom Baum. Wir meinten, das Gesunde daran sogar zu schmecken. Der Saft perlte von unseren Händen. Jetzt waren die Mandarinen dran. Wir waren im Vitaminrausch. „Oje, hoffentlich sieht uns keiner ...“, meinte Daniela, als plötzlich ein Mann hinter einer Leiter auftauchte. Er rief uns auf Griechisch etwas zu. Wir zogen es vor zu gehen. Immer schneller und im Laufschritt versuchten wir, so unauffällig wie möglich zu verschwinden. Der Mann ließ aber nicht locker. Naja, schließlich hatten wir ein paar seiner Orangen und Mandarinen geklaut. Kein Wunder, wenn er sauer war.

Er holte auf und rief: „Stop, just a minute!“ Wir hatten keine andere Wahl, blieben schuldbewusst und wie angewurzelt stehen. Wir warteten auf vorwurfsvolle Worte, aber was für eine grandiose Überraschung: Sein Gesicht strahlte, als er uns erreichte. Voller Freude drückte er uns zwei riesige Taschen voll Orangen und Mandarinen in die Hände. „Here, take home, make fresh juice!“ Verlegen grinsten wir ihn an. Wir lernten soeben die legendäre zypriotische Gastfreundschaft kennen! Was für eine große Freude und Überraschung. Nach einem gemütlichen Schwatz machten wir uns auf den Heimweg, um die vielen Früchte in unserer Küche auszupressen. Der Genuss hielt an.

Am nächsten Tag fuhren wir mit Sofronis zum nahe gelegenen Governors Beach. Die kleine Strandtaverne war sein Zuhause, und seine Eltern betrieben das Restaurant seit 1965. Wände und Dach bestanden aus Wellblech. Die Fenster waren durch die Gischt der auflaufenden Wellen nass. Im Winter gab es keine Badegäste, die Sonnenbetten lagen verlassen am Strand. Möwen und Bachstelzen hatten das Revier aus Sand übernommen. Im Inneren der Taverne war es wohlig warm. Ein uralter Eisenofen, dessen gebogenes Rohr in der Blechdecke verschwand, rauchte und zischte. Auf dem verrußten Deckel brutzelten Oliven und Brot. Sofronis Mutter, Vater und Großmutter saßen rund um den Ofen und streckten die klammen Finger zur Wärmequelle. Sofronis stellte uns vor. Wir setzten uns dazu. Kurz darauf dampften vor uns kleine Tassen schwarzen Kaffees. Wohlig schlürften wir den starken Kaffee und stießen am Boden der Tasse auf dunklen Kaffeesatz. Aus Versehen biss ich knirschend in den Satz. Sofronis meinte laut lachend, dass man den nicht mittrinken sollte, der sei höchstens geeignet, um daraus die Zukunft zu lesen.