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Die beste Achterbahn der Welt Vermutlich bringt kaum ein Bundesligaverein seine Anhänger so oft an den Rand des Nervenzusammenbruchs wie Eintracht Frankfurt. Und so ist es kein Zufall, dass, wenn man "Sport" und "Diva" zusammen googelt, der Name dieses Klubs erscheint. Wer der SGE folgt, erlebt ein dauerndes Wechselbad von Aufs und Abs. Einem Sieg beim FC Barcelona kann ohne Weiteres eine Pleite beim Rheinhessen-Derby gegen Mainz 05 folgen. Niemand kann so ausgiebig und so unterhaltsam sein Herz über die Eintracht ausschütten wie Henni Nachtsheim, die eine Hälfte des hessischen Comedy-Duos Badesalz. Schnallen wir uns also an und folgen wir dem langjährigen Fan bei seiner Schilderung der kurvenreichen Eintracht-Geschichte – bis in die jüngste Gegenwart.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Eintracht Frankfurt
Henni Nachtsheim, geboren 1957, ist Comedian, Musiker, Autor und Schauspieler. Bekannt wurde er zunächst als Sänger und Saxofonist der Rodgau Monotones, dann als eine Hälfte des Comedy-Duos Badesalz. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, u. a. ein Kinderbuch über Eintracht Frankfurt (Adlerträger). Seit 2025 läuft mit großem Erfolg sein Eintracht-Bühnenstück »Adlerherzen«.
Die beste Achterbahn der Welt
Vermutlich bringt kaum ein Bundesligaverein seine Anhänger so oft an den Rand des Nervenzusammenbruchs wie Eintracht Frankfurt. Und so ist es kein Zufall, dass, wenn man „Sport“ und „Diva“ zusammen googelt, der Name dieses Klubs erscheint. Wer der SGE folgt, erlebt ein dauerndes Wechselbad von Aufs und Abs. Einem Sieg beim FC Barcelona kann ohne Weiteres eine Pleite beim Rheinhessen-Derby gegen Mainz 05 folgen. Niemand kann so ausgiebig und so unterhaltsam sein Herz über die Eintracht ausschütten wie Henni Nachtsheim, die eine Hälfte des hessischen Comedy-Duos Badesalz. Schnallen wir uns also an und folgen wir dem langjährigen Fan bei seiner Schilderung der kurvenreichen Eintracht-Geschichte – bis in die jüngste Gegenwart.
Henni Nachtsheim
Eine Liebeserklärung
Ullstein
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Abbildung im Innenteil: © Hendrik Nachtsheim
Autorenfoto: © Biggi Nachtsheim
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ISBN: 978-3-548-07364-4
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
Was ist eigentlich eine Diva?
Das Pelé-Missverständnis
Historisches
Mit dem Jürgen …
Der Affe auf dem Trainingsplatz
Das schwarz-weiße Auto
Manni und Walter, Vol. 1
Das Werder-Bremen-Wunder
Trauma und Traum
»Was war’n des?«
Ein großer Tag der Box-Geschichte
Manni und Walter, Vol. 2
Die Einladung
»Anthony Sabini«
Fußballabende mit Freunden
Chefsache
Schlaue Eintracht
Coole Socke
Hessisch Severance
»Dann geh doch nach drüben!«
Manni und Walter, Vol. 3
Sevilla
Adlerherzen
17. Mai 2025
Dank
Anmerkungen
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
17. Februar 2025: Der Saal brodelt. Ein bisschen so wie vor einem Konzert oder einem großen Fußballspiel. Dabei ist das hier etwas viel Profaneres, deutlich Trockeneres.
Ich sitze mitten in der proppenvollen Frankfurter Jahrhunderthalle, wo heute die Jahreshauptversammlung von Eintracht Frankfurt stattfindet, verlegt von der Location am Riederwald in diese weit über zweitausend Leute fassende Halle. In der wir mit Badesalz schon oft gespielt haben und die ich wegen ihres Kuppeldachs, der guten Akustik und der ansteigenden Sitzreihen so großartig finde.
Der Anfang heute war so wie immer bei Jahreshauptversammlungen. Viel Bilanzen-Kram, Jahresrückblicke aus verschiedenen Perspektiven, mal etwas lebhafter, mal etwas trockener vorgetragen. Was alle im Saal gelassen aushalten, weil jeder weiß, dass das bei dieser Veranstaltung dazugehört.
Gekommen sind die meisten aber, weil es heute über etwas Bedeutendes abzustimmen gilt. Der Verein plant eine Eigenkapitalerhöhung, um sich finanziell noch autonomer zu machen. Mit dem Ziel, beispielsweise Spieler etwas länger an sich binden zu können, was wiederum den sportlichen Erfolg manifestieren soll. Ein Thema mit Brisanz. Das Abstimmungsergebnis wird richtungsweisend sein, so oder so. Und natürlich gibt es nicht nur Befürworter, sondern auch Skeptiker und Gegner.
Die Bühne betritt jetzt Axel Hellmann, Vorstandssprecher und einer der prägenden Köpfe des Vereins. Zwar wird er zunächst mit eher zurückhaltendem Applaus begrüßt, was ich auf die naturbedingte Skepsis der Basis gegenüber den Leadern eines Vereins zurückführe, aber trotzdem hört der Saal von der ersten Minute an zu. Was auch an seiner Art des Vortrags liegt. Hinter mir meint ein Mann zu seiner Frau: »Also reden kann er, des steht ma fest!«
Während Hellmann noch einmal erklärt, warum das mit der Kapitalerhöhung wichtig ist, dabei geschickt die jüngsten sportlichen Erfolge Revue passieren lässt und einen optimistischen Blick auf die Zukunft des Vereins wirft – was die erhitzte Menge mit dankbarem Raunen zur Kenntnis nimmt –, wird mir wieder mal bewusst, wie sehr sich dieser Club vor allem in den letzten rund zehn Jahren entwickelt hat.
Und wie lange ich schon Eintracht-Fan bin. Genau in dem Moment verschwimmt alles um mich herum. Ich bin plötzlich wieder vierzehn und laufe das erste Mal in meinem Leben auf das Waldstadion zu. Über fünfzig Jahre ist das jetzt her, aber trotzdem sind die Bilder in meinem Kopf so gestochen scharf, als wäre es vor wenigen Wochen gewesen.
Eigentlich war ich damals nicht wegen der Eintracht, sondern wegen ihrem Gegner, dem 1. FC Köln, in den Stadtwald gekommen. Weil ich Wolfgang Overath ein paarmal im Fernsehen gesehen und ihn zu meinem Lieblingsfußballer auserkoren hatte. Also ging ich, tapfer mit einem FC-Schal bewaffnet, ans Kassenhäuschen, um mir eine Stehplatzkarte für mein allererstes Bundesligaspiel zu kaufen. Aber dann passierte genau während dieses Spiels etwas Merkwürdiges. Denn statt Wolfgang Overath, der ja eigentlich fußballerische Glücksgefühle in mir auslösen sollte, zogen zwei andere Herren meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hießen Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein und gingen so leichtfüßig und elegant mit dem Ball um, dass ich gar nicht mehr wegsehen konnte. Es war wie bei einer Ballettaufführung, bei welcher dem Haupttänzer plötzlich von zwei anderen die Show gestohlen wird.
Wenn ich heute an dieses Spiel zurückdenke, weiß ich gar nicht mehr, ob Wolfgang Overath gut gespielt hat oder nicht. Aber ich weiß, dass ich innerhalb von neunzig Minuten den Glauben gewechselt habe, wie ein Katholik, der versehentlich einen buddhistischen Tempel betreten hat, um anderthalb Stunden später mit neuer religiöser Überzeugung wieder rauszukommen. Was zur Folge hatte, dass ich unmittelbar nach Spielschluss meinen FC-Schal kurzerhand am nächstbesten Zaun festband, um mir stattdessen vom »Würstchen-und-Limo-Geld« meiner Mutter einen Eintracht-Wimpel zu kaufen. Okay, man kann das mit etwas kritischer Betrachtung statt religiöser Neuorientierung auch blanken Opportunismus nennen. Aber selbst, wenn es Letzteres war, möchte ich anmerken, dass es zumindest das einzige Mal blieb. Denn seit diesem Samstagnachmittag und der Erleuchtung durch zwei schwebende Fußball-Engel namens Grabi und Holz bin ich bis heute, rund fünfzig Jahre später und ohne jede Unterbrechung, Eintracht-Fan.
Was eine lange Zeit ist.
Wären die Eintracht und ich verheiratet, hätten wir in diesen Tagen Goldene Hochzeit gefeiert! Aber auch ohne Trauschein war und ist es eine enge Partnerschaft, mit allem, was dazugehört. Mit innigen Momenten genauso wie mit solchen, in denen die SGE mich in den Wahnsinn getrieben hat und ich am liebsten Schluss gemacht hätte.
Aber so weit ist es dann doch nie gekommen.
Was genau ist eigentlich eine Diva? Keine leicht zu beantwortende Frage, allein schon, weil sich die Bedeutung des Begriffes mit der Zeit geändert hat. In der Antike zum Beispiel verband man das Attribut diva erst mal nur mit den zu Göttern ernannten römischen Kaisern. Wobei man sich natürlich fragen könnte, wer denn die Kaiser eigentlich überhaupt dazu ernannt hat.
Später dann entdeckten die Italiener und Spanier den Begriff für sich, und fortan stand Diva bei ihnen für große, bedeutende Frauen der Bühne. Meistens waren das Opernsängerinnen oder Theaterschauspielerinnen. Wenn man den Geschichtsbüchern trauen darf, war die allererste und frenetisch verehrte Opern-Diva eine Frau namens Maria Malibran, die tragischerweise nach einem Reitunfall viel zu früh verstarb. Als sie zu Grabe getragen wurde, sollen ihr über 50 000 Menschen am Straßenrand die letzte Ehre erwiesen haben.
Mitte des 19. Jahrhunderts gelangte der Begriff dann in die deutsche Sprache und ermöglichte es unseren Vorfahren, besonderen, einzigartigen Frauen angemessen zu huldigen.
Im Laufe der Zeit verband man das Wort aber nicht nur mit faszinierenden weiblichen Persönlichkeiten. Immer öfter stand und steht es bis heute auch für hochmütige, gerne mal herablassende (männliche wie weibliche) Personen, die sich unverdientermaßen als etwas Besseres betrachten. Und die mitunter auch nicht abgeneigt sind, andere Menschen, die sie für weniger wertvoll als sich selbst halten (also die meisten), zu schikanieren.
Es gab und gibt also schöne, eitle, hochbegabte, aber mitunter auch fiese Diven. Und dann gibt es da noch eine. Diese eine, ganz besondere: die launische Diva vom Main.
Es ist schon auffällig, dass ausgerechnet die Eintracht der einzige Fußballverein in Europa ist, dem man diesen ambivalenten Titel verliehen hat. Selbst bei Wikipedia taucht beim Begriff Diva im Zusammenhang mit Sport nur Eintracht Frankfurt auf.
Das ist bemerkenswert, denn Klubs, die schwankenden Leistungskurven ausgesetzt sind, gibt es ja überall auf der Welt. Aber kaum einer hat das im Laufe der Fußballgeschichte stärker zelebriert als die Eintracht.
Ich kann das beurteilen, denn ich begleite diesen Verein, wie gesagt, schon runde fünf Jahrzehnte. Vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren hat die Eintracht alles dafür getan, sich dieses Image hart zu erarbeiten. Auf große Siege gegen Meisterschaftsanwärter folgten peinliche Niederlagen gegen Abstiegskandidaten. Auf Relegations-Zitter-Spiele folgte in der nächsten Saison der dritte Tabellenplatz. Auf Zauberfußball folgte Gegurke, auf Jubel Buhrufe, auf Euphorie Depression. Und wenn es mal sportlich längere Zeit nichts zu meckern gab, knallte es dafür lautstark in den Führungsetagen. Oder die Fans sorgten für Schlagzeilen. Nein, keiner konnte und kann so gut Oben auf Unten und Unten auf Oben folgen lassen wie die Eintracht.
Nun gibt es Menschen, die meinen, dass der Verein zunehmend immuner gegen das Diva-Virus geworden sei und dass es mittlerweile eher ein Begriff ist, der der Vergangenheit angehört. Fans, die wie ich lange dabei sind, wissen es besser. Die Skepsis, die all diese Aufs und Abs in uns über Jahrzehnte sorgsam gezüchtet haben wie Salatgurken in einem holländischen Gewächshaus, prägt einen nicht nur, sie hält einen auch wachsamer als die verpeilten Optimisten.
Wissen Sie, was das meistverbreitete Tattoo unter Eintracht-Fans ist? Freu Dich net zu früh! Und so eine elementare Erkenntnis prägt Menschen nicht nur, sie spiegelt sich auch in anderen Lebensbereichen wider. Wenn zum Beispiel an einem Meeresstrand, an dem bei 34 Grad im Schatten Menschen in Badekleidung unterm Sonnenschirm liegen und Eis essen, plötzlich einer im hochzugezogenen Anorak und dicken Gummistiefeln auftaucht, dann ist das hundertprozentig ein Eintracht-Fan. Weil er als Einziger weiß: Das bleibt nicht so, der nächste Schneesturm kommt schneller, als man gucken kann. Und wenn einer sechs Richtige im Lotto hat, sich aber nicht darüber freut, ist das ebenfalls auf jeden Fall ein Eintracht-Fan. Weil er sicher davon ausgeht, dass er deswegen ausgeraubt wird.
Natürlich drängt sich da die Frage auf, warum man dann überhaupt Fan ausgerechnet dieses Vereins ist.
Klar haben auch mich völlig unerwartete Niederlagen enttäuscht und vorübergehend sauer gemacht. Klar haben mich plötzlich auftretende Krisen oder gar Abstiege dazu gebracht, sogar mal das Szenario des kompletten Abwendens kurz durchzuspielen. Was ich aber letztendlich nie fertiggebracht hätte.
Und wissen Sie, warum? Weil ich diese Unvorhersehbarkeit gleichzeitig auch immer anziehend fand. Wenn ich als Junge die Wahl hatte zwischen einem netten, gehorsamen Schulkameraden aus gutem Hause und einem, den du jeden Tag mit dem Lasso einfangen musstest, habe ich mich immer für Letzteren entschieden. Auch bei den Mädchen, und später den Frauen, fand ich die Unberechenbaren anziehender als die Vorhersehbaren, die bei allem auf Nummer sicher gingen und nicht bereit waren, auch mal was Schräges zu machen.
Genau deswegen ist die Eintracht der richtige Verein für mich. Oder anders gesagt: die beste Achterbahn der Welt!
Die Geschichte mit dem Fußball und mir ist eine lange, und eine mitunter höchst ambivalente dazu! So wie seinerzeit alles angefangen hat, hätte man jedenfalls keineswegs schlussfolgern können, dass ich diesen Sport später mal so sehr mögen und diesen einen Verein so sehr lieben würde.
Schuld am praktischen Erstkontakt war meine Mutter Inge, die mich im Alter von elf Jahren – und ohne mich zu fragen – bei der Spvgg. Neu-Isenburg für die D-Jugend anmeldete. Mit der plausiblen Begründung: »Ein Bub, der so gerne Fußball im Fernsehen guckt, der spielt auch selber gut.« Garniert mit dem Zusatz: »Was der Pelé kann, kannst du auch!«
Was, wie sich schon bald herausstellen sollte, so nicht ganz zutraf. Man war nicht automatisch ein guter Fußballer, nur weil man Pelé bewunderte! Man ist ja damals auch nicht, nur weil man Lassie toll fand, bei nächstbester Gelegenheit bellend in eine brennende Scheune gerannt, um ein Kind aus den Flammen zu befreien. Und ich möchte gar nicht wissen, wie viele Idioten im Auto gestorben sind, weil sie Sebastian Vettel sein wollten.
»Guck hier, Schätzschen, was de Vettel kann, des kann de Siggi schon lang!«
»Du fährst fast zweihundert!«
»Ja und?«
»Des is ne Sackgasse, und die endet in zwanzig Metern!«
»Hoppela …«
Was mir bezüglich einer großen Karriere als Weltfußballer in dieser Zeit vor allem im Weg stand, war meine große Begeisterung für alles, was besonders viele Kalorien hatte und möglichst ungesund war. Dementsprechend war ich ein kleiner, dicker Junge, dessen sportliche Höchstleistung darin bestand, jeden Tag zum Kioskladen zwei Straßen weiter zu laufen und die drei Stufen hoch zur Eingangstür zu erklimmen, um dann, zur Belohnung für diese außerordentlich sportliche Leistung, mein Taschengeld wahlweise in Gummiteufel oder Eiscreme zu investieren, soweit ich nicht schon alles vorher am Schnellimbiss für Pommes mit dick Majo ausgegeben hatte.
Also wurde ich bei meinem ersten Probetraining in Neu-Isenburg denn auch weniger als der junge Pelé, sondern eher als das kleine Schwabbelmonster wahrgenommen und umgehend der dortigen D4-Mannschaft zugeordnet. Und das trotz eines extra von meiner Mutter für mich angefertigten Brasilien-Trikots. Wobei es sich um ein umfunktioniertes Biene-Maja-T-Shirt handelte, auf dessen Rückseite sie mit einem fetten Edding »Pelé« hatte schreiben wollen. Was sie dann auch gemacht hatte … allerdings mit Doppel-L.
Das Gemeine zu dieser Zeit war, dass längst nicht alle Vereine D4-Mannschaften hatten, viele beherbergten nicht mal D3-Teams, sondern maximal D1 und D2. Vor allem die größeren Clubs waren definitiv nicht bereit, perspektivlosen Speck-Bubis wie mir eine sportliche Heimat zu geben. Die gab es, wenn überhaupt, nur bei ein paar kleineren Vereinen, weil die auf diese Art mehr Mitgliedsbeiträge kassieren konnten.
Was zur Folge hatte, dass wir in eine Liga mit überwiegend D1- und D2-Teams gesteckt wurden, die uns dann Samstag für Samstag filetierten wie weich gekochten Fisch. Mit einer irgendwann vertrauten Regelmäßigkeit verloren wir in dieser Saison bis auf eine Ausnahme kein Spiel mit weniger als zehn Toren Unterschied. Ein einziges Mal schafften wir es, gegen die D2 von Eintracht Frankfurt nicht zweistellig unterzugehen! Was vermutlich auch damit zusammenhing, dass einer der drei Pkw, in denen die Eltern der Eintracht-Spieler diese zum Spiel gefahren hatten, mit einer Reifenpanne liegen geblieben war, sodass sie nur mit sieben Spielern auflaufen konnten.
Ich weiß noch, dass danach in der Kabine eine Stimmung herrschte wie an Silvester. Aber auch wenn sich dieses 0 : 9 wie ein kleiner Sieg angefühlt hatte, war es am Ende doch nicht genug für mich gewesen, um langfristig dabeibleiben zu wollen.
Nach dieser demütigenden Saison hatte ich erst einmal die Nase vom Fußball gestrichen voll und versuchte es mit allen möglichen anderen Sportarten. Aber was ich auch ausprobierte, am Ende stand immer das Scheitern. Für Basketball war ich zu klein, für Turnen zu ungelenk, fürs Schwimmen zu wasserscheu, für Handball nicht gewalttätig genug – und so weiter.
