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Mann und Frau, Etappen einer Annäherung: das uralte Thema auf eine ganz neue Weise erzählt. Von absurd-komisch bis tiefgründig. Schonungslos ehrlich und in metaphernreicher Eloquenz. Eisbärenzeit bietet Gänsehaut pur, wäre da nicht ein Frösteln nur...
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Caroline Brösztl und Frank Schnieder (*1968) sind seit ihrer gemeinsamen Schulzeit vom Schreiben fasziniert. Als sie achtundzwanzig Jahre später erneut aufeinandertreffen, stellen sie fest, dass es an der Zeit ist, sich schonungslos ehrlich mit dem Thema Mann und Frau auseinanderzusetzen. Und dann gemeinsam darüber zu schreiben. Eine pointierte Erzählung, die den Protagonisten einiges abverlangt: eine Novelle.
Dabei gab es bewusst keine festen Zuordnungen zu den Figuren, in die Ausgestaltung von Charlotte und Eduard flossen die Ideen beider Autoren gleichermaßen ein.
Martina Jandeck (*1966) steuerte einige richtungsweisende Einfälle zu den ersten beiden Kapiteln bei.
Rattus Rex (*1975) schrieb für dieses Buch das Gedicht „Eisbärenzeit“.
Alles im grünen Bereich
Finito amore
Wahlverwandtschaften
Trainingseinheiten
Bahn Thai
Feuer, Luft und Wasser
Rotkäppchen
Winterspaziergang
Zum ersten Mal
Reinstes Wasser
Tschewaptschitschi
Panta Rhei
Ursula
Wendekreis des Skorpions
Messer im Bauch
Gänseblümchen
Tränenverschleiert
Erfahrungen
Ménage-à-trois
Der schwarze Fleck
Draußen vor der Tür
Eisbärenzeit
Charlotte und Eduard hatten aufgrund einer üblen Seuche zueinander gefunden.
Genauer gesagt war es eine ansteckende Magen- und Darmgrippe, die ausgerechnet zu Silvester populär wurde. Eduard klingelte damals voller Erwartung auf eine große Party an Charlottes Tür. Schon bald bemerkte er, dass die anderen zahlreich eingeladenen Gäste allesamt fehlten, vermutlich erkrankungsbedingt ferngeblieben waren. Da mussten er und Charlotte wohl zwangsläufig zueinander finden. Eine Laune des Schicksals, ein Abend ganz unverhofft zu zweit. Küssen, das kam wegen der Ansteckungsgefahr überhaupt nicht in Frage, aber die beiden hätten es damit ohnehin nicht eilig gehabt.
Ein erstes Abchecken, unbeholfen im Flur stehend, in der jeweils einen Hand eine Salzstange, in der anderen ein Schälchen mit lauwarmer zuckriger Bowle, die seltsam synthetisch schmeckte. Eduard dachte in diesen ersten Minuten ernsthaft darüber nach, ob hier und jetzt nicht ein Mundschutz angemessen wäre, um Schlimmeres zu verhindern. Naja, stimmungsfördernd wäre das nicht gewesen, aber wegen seines Berufes wusste er die Vorzüge solcher Maßnahmen zu schätzen.
Charlotte war ganz ähnlich wie Eduard, sie begrüßte ihn zaghaft an der Tür und nötigte ihn erst nach einer scheinbaren Ewigkeit des vorsichtigen Annäherns zu einer ersten Unterhaltung. „Was machen Sie denn eigentlich beruflich?“, scheute sie sich nicht, gleich ein besonders heikles Thema anzugehen. Durchaus gewagt, denn der Gast hätte sich ja als Wohnungseinbrecher, Lustmörder oder Versicherungsmakler entpuppen können und somit der Veranstaltung in beruflichem Interesse beiwohnen wollen.
Sie wusste nichts von ihm, außer dass er auch fünfundvierzig war und ein Bekannter einer guten Freundin. Ziemlich groß, ziemlich schlank; vielleicht nicht so gutaussehend, wie er ihr beschrieben worden war. Er strahlte eine angenehme Ruhe aus; aber es war etwas beklemmend, dass sie beide nicht so viel zu sagen wussten. Stattdessen trank er umso mehr.
„Ich schnippele tote Typen auf“, lallte Eduard in sein viertes Schälchen Getränk, „und gucke nach, ob die okay sind.“ „Sehr witzig“, erwiderte Charlotte irritiert, „damit wollen Sie mich doch nur erschrecken. Wollen wir uns nicht duzen?“ Man nannte sich noch einmal die bereits bekannten Vornamen, um dann beinahe in ein übliches Trink- und Kussritual zu verfallen – doch halt, das ging ja heute nicht.
Die Gastgeberin hatte nichts dem Zufall überlassen und zur allgemeinen Stimmungsaufheiterung eine Auswahl der in ihrem Haushalt reichlich vorrätigen Psychopharmaka dem Getränk beigemischt. Deren Wirkung entfaltete sich erfahrungsgemäß erst nach einiger Zeit, in Verbindung mit Alkohol und Zucker aber umso nachdrücklicher. Eduard hatte längst genug von der fiesen Pampe und verlangte nach normalen Getränken, trank jedoch auf Drängen von Charlotte noch ein paar Schälchen mit. Der Inhalt der Bowleschüssel, eigentlich zur Bewirtung von zwanzig Gästen ausgelegt, ging langsam zur Neige.
Mit der Sinneswahrnehmung des einzigen Besuchers stand es mittlerweile nicht mehr zum Besten, er glaubte aber etwas wie „Gesellschaftsspiel spielen“ verstanden zu haben und willigte gleich ein. Eine wahrlich verhängnisvolle Entscheidung, denn eigentlich hatte er überhaupt keine Ahnung von dem, was hier bisher abgelaufen war und gleich noch passieren würde.
Womit allerdings niemand gerechnet hatte: Das Licht ging aus. Die Musik war weg. Weder Charlotte noch Eduard hatten eine Ahnung davon, dass Lüstringen sich komplett an der Earth hour beteiligt hatte. Das waren jetzt Tatsachen. Und dunkle Aussichten. „Charlotte?“ „Eduard!“ „Was soll das denn bedeuten?“ „Ich weiß es doch auch nicht! Stromausfall!“ „Wo ist hier der Sicherungskasten?“ „Ich weiß es doch auch nicht!“ Sie rappelte sich angeschickert vom Sofa hoch, um aus dem Fenster zu sehen. Alles war dunkel draußen. „Wir brauchen den Sicherungskasten nicht suchen. Draußen ist es überall dunkel.“
Es war, als ob sich eine besondere Ruhe über sie legte. Nicht nur über sie beide, sondern über den Stadtteil und weit darüber hinaus. Auszeit. Raus aus allem. Mit dieser Erkenntnis drehte sie sich lächelnd zu Eduard und war etwas überrascht, dass er ihr so nah ans Fenster gefolgt war. Seine körperliche Nähe war auch ohne Berührung spürbar.
Eduard riss es hin und her. Tief durchatmend steckte er die Daumen hinter den Gürtel und bemühte sich, sozusagen ein Liedchen pfeifend, wieder auf normal zu kommen. Diese Frau hatte etwas Besonderes. Aber seine Mutter hatte ihn stets gewarnt, sich vorschnell hinreißen zu lassen. Damit war er immer sehr gut gefahren – kein Herzschmerz, es gab einfach nichts, was je zu bedauern gewesen wäre – er ist eben ausnahmslos korrekt gewesen.
Allerdings ... Ein ganz neuer Gedanke durchzuckte ihn: Vielleicht war genau das zu bedauern? Noch nie waren seine Gedanken und Gefühle so kasperlhaft durch die Gegend gehüpft, sie drehten sich wie ein Spiralnebel durch sein Hirn.
Endlich war die Strompause beendet, und es ward wieder Licht. „Fiat lux!“, krakeelte er heftig angeheitert – seine für lange Zeit letzte intelligente Äußerung – und Charlotte verstand nur Auto. Eduard widmete sich mit der ihm verbliebenen Resthirntätigkeit dem dargebotenen Brettspiel: Mensch ärgere dich nicht oder Halma, schwer zu sagen. Auf jeden Fall waren alle Spielsteine in diesem ihm so bekannten Gummihandschuhgrün, das Spielbrett war es auch und sogar seine Hände. Er sah überhaupt alles nur noch in grün, zudem grob verpixelt. Schwerfällig bewegte er die Figuren sinnlos hin und her, warf alles um, stürzte über den Couchtisch und blickte schuldbewusst in Richtung Gastgeberin. Doch die war schon vor einiger Zeit ins Bad enteilt, um sich frischzumachen und ein Aufputschmittel einzunehmen.
Eduard, der Bowle mittlerweile doch lecker fand, nutzte die Gelegenheit und bereitete sich schnell eine gewagte Mixtur: einen grünen Likör als Basis, dazu wahllos Spirituosen und einige der farblich so gut passenden Spielsteine vom Brettspiel zusammengerührt, gar nicht schlecht im Abgang.
Charlotte hatte sich inzwischen das Gesicht ausgiebig mit dem vollen Strahl aus der Handbrause abgekühlt; wohl ahnend, dass Schminke und andere Dekoration bereits von dannen schwammen. Niemand würde es bemerken.
Als sie wieder das Wohnzimmer betrat, stand der Gast gerade breitbeinig auf dem Fensterbrett und erleichterte sich aus dem geöffneten Fenster. Eduard erschrak, als er die Tür aufgehen hörte, kam aus dem Gleichgewicht, riss an Hängepflanzen und Gardinen und fiel dennoch fast kopfüber vor die Füße der Begehrten.
„Mein Schatz, ich finde, wir sollten das nicht übereilen“, säuselte sie, zog ihm auf eine für ihn schmerzhafte Art die Hosen hoch und schob ihn unsanft aus der mittlerweile arg ruinierten Wohnung.
Ohne Verständnis, ohne Verstand und ohne Schuhe wankte Eduard hinfort, schlug mehrfach hart im Treppenhaus auf und robbte dann durch ausgedehntes Unterholz nach Hause – zumindest kam es ihm so vor.
In welchen Rabatten er seine Kleidung zerfetzte, in welchen er sein Portemonnaie verlor, ließ sich später nicht mehr sagen.
Zu allem Überfluss glaubte er sich noch von einem riesigen Tier verfolgt, das ihn bedrohlich brummend vor sich her trieb; ein Umstand, der sein Heimkommen sehr beschleunigte.
Es wurde eine ganz schlimme Nacht, die er statt am weichen Busen einer zärtlichen Frau auf unerbittlich harten Fliesen vor dem heimischen Toilettenbecken verbrachte. Gleich zu Beginn seines ausgedehnten Aufenthaltes in jenem Raum setzte das allgemeine Böllern ein, welches im Widerhall der Keramik für ihn erst recht keine Freude war. Das neue Jahr hatte also begonnen – das fing ja gut an!
Irgendwann am nächsten Nachmittag begann wieder seine Gesamthirntätigkeit, und er versuchte zu rekonstruieren: Es war wohl ein besonderer Abend mit einem vom ersten bis zum letzten Moment unerwarteten Verlauf. Wenn er ganz ehrlich war, musste er sich jetzt so einiges eingestehen, es ging einfach nicht anders:
Bowle als Partygetränk war gar nicht zeitgemäß. Mit Brettspielen sollte sich ein erwachsener Mann nicht mehr beschäftigen. Das unbedeutende Lüstringen, am Rand der aufregenden Großstadt gelegen, hatte auch sein Gutes: Hier hatte ihn vermutlich und hoffentlich niemand erkannt. Und Charlotte besaß das gewisse Etwas, was er bei anderen immer vermisst hatte. Was das war, konnte er gerade nicht erspüren, dafür war ihm zu übel.
Würde es eine gemeinsame Zukunft geben, würde er sie jemals wiedersehen?
Manche Peinlichkeit des letzten Abends war aus seinen Hirnzellen für immer gelöscht.
Sonst hätte er sich das gar nicht gefragt, sondern sich vor lauter Scham für Monate verkrochen. Er verstand das alles nicht: Silvester hatte er doch schon oft gefeiert. Alkohol und Frauen waren meist mit dabei, und er hatte beides immer ganz gut vertragen.
Charlotte erging es derweil anders, aber auch nicht gut. Sie hatte anscheinend nur vier Gläser der angereicherten Bowle konsumiert, Eduard folglich die übrigen sechzehn. Am nächsten Morgen klopften die Schuldgefühle heftig bei ihr an. Die ramponierten Gardinen und Pflanzen, der befleckte Teppich und das hinfällige Brettspiel waren noch die geringsten Übel. Sie hatte alles nur gut gemeint und sich dennoch so rücksichtslos verhalten. Die Idee mit der Bowle, angeblich ein echter Stimmungsaufheller, kam ihr nun mies vor.
Ihre Sucht nach besonderen Vergnügen, ihre Tablettenabhängigkeit: schmerzhaft, daran jetzt erinnert zu werden. Auf die Ratschläge ihrer Mutter hatte sie nie gehört, zumindest in diesem Moment bereute sie es.
Und sie bereute mittlerweile auch den Rauswurf von Eduard: Wenn man nur den einen Gast hat, sollte man vielleicht etwas toleranter sein. Er konnte doch nur bedingt etwas für sein Verhalten. Eigentlich mochte sie ihn sehr; er hatte etwas, was sie bei anderen Männern vermisste. Würde er ihr verzeihen, würden sie sich jemals wiedersehen?
Ja, sie war völlig durcheinander vom letzten Miteinander. Die Psychopharmaka in der Bowle: was für eine abwegige Idee. Eigentlich war es die Idee von Saskia gewesen, und dann war die noch nicht mal zur Party erschienen. Und so jemand wollte ihre beste Freundin sein?
Laut Karl Valentin hat die Medaille bekanntlich drei Seiten: die positive, die negative und die komische. Das Negative hatte Saskia eben gedanklich über den Kopf gekübelt bekommen, das Komische war sicher das reichlich umfassende Ausbleiben der geladenen Gäste, ergo konnte dieses sehr persönliche Besäufnis mit diesem ... Eduard? Edward? doch nur als positive Seite der Medaille übrig geblieben sein. Eine Frau kann am besten vor dem Spiegel nachdenken. Charlotte wechselte ins Bad. Haare bürsten, mal wild in die andere Richtung bürsten, das ergab mit den vorhandenen Wirbeln eine feine Löwenmähne. Ob Edward so etwas ansprechen würde? Na egal, wenn frau schon mal dabei ist, kann sie auch tiefer in die Farbtöpfe greifen: Es wurde bunt.
Während der folgenden Arbeitstage hatte Eduard genügend Muße, um über die seltsame Begegnung mit dieser Frau nachzudenken. Ja, er musste es immer wieder tun, denn die Farbe seiner Handschuhe erinnerte ihn ja zwangsläufig: Immer wieder sah er das grüngefärbte Szenario vor sich, in dem der Abend aufgrund seiner Halluzinationen so unschön endete. So mancher Schnitt in seine Klienten ging jetzt daneben. Peinlich, aber bei einem Pathologen nicht gar so schlimm wie bei einem Schönheits-Chirurgen. Verklagt hatte ihn bisher immerhin noch niemand.
Was ihn außerdem beschäftigte, war der Stromausfall damals in Charlottes Wohnung. Wie er jetzt wusste, war das keine Folge der technischen Rückständigkeit Lüstringens, sondern eine symbolische Aktion für mehr Achtsamkeit bei der Nutzung von Ressourcen. Charlotte hatte diese Aktion namens Earth hour befürwortet und vielleicht sogar daran mitgewirkt, schließlich war sie ehrenamtlich für so einige Organisationen tätig. Aber auch abgesehen davon hatte er die damalige Dunkelphase in guter Erinnerung. Bis dahin war der Abend fröhlich verlaufen, und in dieser unverhofften Lichtlosigkeit hatten sie beinahe zueinander gefunden. Als es dann plötzlich wieder grell wurde, begannen seine Wahnvorstellungen, und alles wurde richtig schlimm.
Als er schon gar nicht mehr damit rechnete, bekam er von Charlotte einen Brief – den ersten persönlichen Brief seit Jahren. Woher wusste sie seinen Nachnamen, seine Adresse? Natürlich von Saskia, die hatte ja alles eingefädelt. Mit zitternder Hand riss er den Umschlag auf und stieß auf einen Farbausdruck, der eine stark geschminkte Frau zeigte. Zudem die Haare grauenhaft toupiert, so wie es Popstars vor dreißig Jahren zu tun pflegten. Ein Graus für ihn, der so auf Natürlichkeit stand und für den sich keine Frau ondulieren, kolorieren oder mit übertriebenem Eifer rasieren müsste. „Lieber Edward“, stand darunter von Hand geschrieben, „ich möchte Dich gerne wiedersehen. Ich hoffe, es geht Dir wieder gut. Grüße, Charlotte.“ Es folgte noch eine Telefonnummer.
Sehr skeptisch war er jetzt, hatte sich doch diese bunte Frau nicht mal seinen Namen gemerkt. Was passte eigentlich so gut zwischen ihnen beiden, was zog ihn so an? Eduard konnte es nicht sagen, aber er wollte es unbedingt herausfinden. Und deshalb nahm er jetzt all seinen Mut zusammen und tat etwas für ihn Ungewöhnliches: Er wählte herzklopfend diese Nummer.
P-tum, P-tum, P-tum, P-tum. Nein, das war nicht das Freizeichen. Vielleicht ist sie ja gar nicht da? Höhere Gewalt! Aber er hatte es zumindest versucht. „Grieseling“ Was, wer? Oh: Charlotte hatte sich gemeldet! „Äh, ja, Eduard hier.“ „ Ja, äh, hallo Eduard, Charlotte hier, schön Dich zu hören.“ Pause. „Wie geht´s?“ „Ja, äh, gut – und Dir?“ „Äh, auch gut beziehungsweise inzwischen besser.“ „Ah ja, das ist bei mir auch so.“
Charlotte nutzte die Gesprächslücken, um sich inhaltlich und emotional etwas aufzurütteln, und lachte leise. „Eduard, ist das schlimm, wenn Du bei mir manchmal Edward heißt? Ich befürchte, das ist eine Nachwirkung des Bowle-Inhalts.“ Ihr Lachen gefiel ihm. „Den Namen finde ich nicht so bedenklich wie die Wirkung der Bowle.“ Oh. Charlotte machte sich kleine Gedanken, was Edward, nein: Eduard, damit meinte. „Die Bowle war etwas stark, tut mir leid. Wenn Du möchtest, können wir unser Kennenlernen ja irgendwann fortsetzen. Ganz ohne Bowle.“
„Ja“, flüsterte Eduard, ohne sich zu besinnen, was er da tat. „Dann komme ich morgen Abend um acht Uhr zu Dir.“
Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass Eduard danach überaus nervös wurde und sich in den folgenden Stunden sehr wenig mit Schlaf und sehr viel mit Aufräumen beschäftigte. Am nächsten Tag war er ein weiteres Mal in einem mentalen Ausnahmezustand und seiner Arbeit überhaupt nicht gewachsen. Er verwechselte zwei Patienten und werkelte deswegen an den falschen Körperzonen. Peinlich. Der Tag verlief quälend langsam, irgendwann wurde es aber erwartungsgemäß doch noch Abend. P-tum, P-tum, P-tum, P-tum. Das war nicht die Klingel. Es kam aus seinem Inneren.
Eduard öffnete die Tür und staunte nicht schlecht. Hätte dort ein Einhorn oder ein Eisbär gestanden, er wäre nicht verblüffter gewesen. Überwältigend gut sah sie aus mit ihren wunderbaren Locken. Bereits auf der Türschwelle ein tiefer Blick in die Augen, ein erster Kuss. „Das musste jetzt mal sein“, hauchte sie und umschlang ihn mit ihren Armen. Mein Gott, dachte Eduard, völlig verwirrt und dem Herzinfarkt nahe, was ist denn jetzt los? Er genoss den Körperkontakt mit ihr sehr, doch er spürte, dass das so nicht richtig war, und entwand sich vorsichtig ihrem Zugriff.
„Das kommt jetzt etwas ungelegen“, wimmerte er, den weiteren Augenkontakt vermeidend. Sie lachte. „Falls Du auf Charlotte anspielst, die wird heute nicht kommen.“
„Warum, wie, woher weißt Du das?“ „Ist doch egal, ich weiß es eben!“ Was hatten sich die beiden nur dabei gedacht? Was wurde hier mit ihm gespielt? Eduard wusste nicht mehr weiter. Saskia war immer seine unerreichbare Traumfrau gewesen, schon in der Schule. Er hatte das dumme Gefühl, egal wie er sich jetzt verhalten würde, es wäre falsch.
Ungelegen und flachlegen waren die Stichworte, die Saskia mit der Umsetzung ihres Planes verband. Immer nur den müden Gatten, da findet sich doch auch mal eine Herausforderung. Zum Beispiel der Knusperhase Eduard ... Gleichzeitig rotierte es wie wild in Eduards Kopf. Verdammt. Charlotte, die Taube auf dem Dach, oder Saskia, der Paradiesvogel in der Hand? In so einer Situation war er noch nie. Zeit gewinnen? Zeit gewinnen! Abwarten und Tee trinken?
„Ja, äh, komm doch rein. Darf ich Dir etwas zu trinken anbieten?“ Mit einem seitlichen Augenaufschlag antwortete sie gehaucht: „Oh ja, was gibt es denn? Champagner?“ Vermutlich war das für den braven Eduard alles zu schnell; egal, er blieb bei seinen Vorüberlegungen. „Wie wäre es mit einem schönen Darjeeling?“ Zeit gewonnen. Eduard übersah ihren seufzenden Blick gen Himmel, als sie etwas frustriert zustimmte: Na, dann eben den blöden Tee.
Gleichzeitig überlegte Eduard fieberhaft weiter, wie er jetzt eine Umleitung konstruieren könnte, unter Vermeidung einer Abfuhr der Superfrau Saskia. Ob er wohl seinen ehemaligen Freund Rudi mal eben als scheinbar zufälligen Gast einladen könnte? Der hat so etwas doch immer sofort mit Einsatz des eigenen Körpers übernommen – blöde Idee. Das war alles schon wirklich schlimm genug, emotional gesehen. Hormonell war es noch übler. War sein Gehirn eigentlich noch Chef im Ring? Furchtbar. Diese Regungen, dazu hatte Mama ihm niemals irgendetwas mit auf den Weg gegeben. Aber was wusste die denn auch von den Gelüsten ihres Sohnes und von Frauen wie Saskia: von einer Frau mit seitlichem Augenaufschlag.
„Darjeeling ist gerade alle, ich könnte zum Laden runterlaufen.“ Saskia wurde ungehalten, ihr Augenaufschlag drohte außer Kontrolle zu geraten, und sie versuchte dem Begehrten vorsichtig zu erläutern, dass die Geschmacksrichtung nachrangig war. „Hase, lass den Scheiß sein, setz Dich jetzt zu mir!“ Er tat wie befohlen und konnte ein aufdringlich betörendes Parfüm riechen. Zwischen ihnen auf dem Sofa sah er das Bändchen eines roten BHs, auf dem er offenbar saß. Einen seitlichen Augenaufschlag vermochte er nicht, wohl aber einen verstohlenen seitlichen Blick in ihre halb aufgeknöpfte Bluse, er hatte so etwas lange nicht mehr gesehen. „Lass doch den blöden Tee, ich habe uns für heute Abend ein paar passende Getränke beim Lieferservice bestellt.“
„Weißt Du noch, damals, auf dem Schulhof, ich war immer zu schüchtern, Dich anzusprechen“, stammelte er. „Ich weiß, das ging mir doch auch so.“ Eine klare Lüge, denn früher hatte sie sich null für ihn interessiert. Das war jetzt aber gänzlich anders, und dafür gab es gute Gründe. „Aber jetzt, lieber Ede, jetzt können wir ...“
Es klingelte abermals an der Tür. „Vergiss Dein Geld nicht“, riet sie ihm, „der Champagner wird nicht billig sein.“ Eduard rappelte sich auf und ging in den Flur, und sie entblätterte sich derweil noch ein Stückchen mehr. Er öffnete die Tür und schaute sich interessiert den Lieferservice an. Hätten dort ein Einhorn und ein Eisbär Hand in Hand mit einer Flasche Champagner gestanden, seine Verwunderung wäre nicht größer gewesen.
