Eiscreme, Cognac und "Du" - Yvonne Carré-Valdor - E-Book

Eiscreme, Cognac und "Du" E-Book

Yvonne Carré-Valdor

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Von den Bermudas bis zur Schweiz und überall auf der Welt dazwischen hat Yvonne Carré-Valdor immer das Abenteuer gesucht. Als sie in jungen Jahren beschloss, Entertainerin zu werden, brachten Yvonne ihr Mut und ihre Willensstärke zu internationalem Ruhm und retteten ihr immer wieder das Leben. "Eiscreme, Cognac und ,Du'" ist die Geschichte eines scheinbar gewöhnlichen Mädchens, das es wagte, gegen alle Widerstände für seine Träume zu kämpfen – und gewann. Dieses Buch schenkt Ihnen Lebensweisheiten, es wird Sie amüsieren und sogar zum Lachen bringen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 732

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-960-3

ISBN e-book: 978-3-99131-961-0

Lektorat: Volker Wieckhorst

Übersetzung:Dietrich Räsch und Alfred Fleischhauer

Umschlagfotos: Yvonne Carré-Valdor;Anna Kuzmina | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Yvonne Carré-Valdor

www.novumverlag.com

Danksagung

Ein spezieller Dank an

Dietrich Räsch und Alfred Fleischhauer

Kapitel 1 – Der Beginn meines Lebens

Hat ein Embryo im Mutterleib die Fähigkeit, zu denken und zu singen? Ich kann mir vorstellen, dass Sie, Ihr Hausarzt und die meisten Gynäkologen der Welt unmissverständlich antworten würden: „Auf keinen Fall!“ Ich muss Ihnen zustimmen, aber wenn ich in diesem Stadium hätte singen können, wie ich es ein paar Jahre später tat, dann wäre es sicherlich „Nothing’s gonna stop me now!“ gewesen.

Ich kam auf die Welt, bevor der Arzt eintraf – anscheinend wurde er durch den starken Nebel aufgehalten, der auf den Bermudas zu dieser Jahreszeit häufig herrscht. Mich hat das nicht gestört. Ich kam mit den Füßen voran und stehe seitdem mit meinen beiden Plattfüßen fest auf dem Boden.

Meiner Mami, die bei ihrem dritten Kind eine schwere Geburt hatte, wurde geraten, sie solle aufhören, Kinder zu bekommen, wenn sie leben wolle – aber mein Dad war ein temperamentvoller Orientale, und meine Mami hatte keine Ahnung. So kam später ein vierter Nachkomme. Bei mir jedoch war es Jahre später, meine Mami war bereits Mitte vierzig und ziemlich sicher und überglücklich, dass „All ihre Prüfungen“, wie es in dem Volkslied der Bahamas heißt, „bald vorbei sein würden“. Keine Sorgen mehr mit nagelneuen Bettlaken oder, was noch schlimmer war, mit Flaschen von heißem, gekochtem Gin (damals als „Mother’s Ruin“ bekannt, weil man glaubte, er könne dem ganzen System einen solchen Ruck geben, dass er die Periode auslösen und so die Chance auf eine weitere Schwangerschaft zunichte machen würde). Die Pille, wie wir sie heute kennen, kam ja erst in den 60er Jahren auf.

Ich wurde mehr oder weniger am Strand geboren, und als mein Dad mich zum ersten Mal in Mamis Armen erblickte, fragte er: „Was ist es, ein Junge oder ein Mädchen?“

„Ein kleines Mädchen“, war die Antwort, woraufhin Dad scherzte: „Oh, es hat so viele dunkle Haare, dass ich dachte, es sei ein Kätzchen!“

Von da an hatte ich den Spitznamen „Pussyface“. Jetzt habe ich zwar keine dicken Haare mehr, aber den Namen wurde ich nicht mehr los. Ich habe eine tiefe Zuneigung zu den kleinen pelzigen Katzen mit ihren hübschen Gesichtern – die bis heute oft um ihr Recht kämpfen müssen, völlig unabhängig zu sein.

Viele Jahre später, als meine Mami und ich gemütlich in der Küche saßen und eine gute Tasse englischen Tees tranken, gestand sie mir, wie sehr sie versucht hatte, diese fünfte Schwangerschaft zu verhindern. Ich fragte beiläufig: „Wusstest du nichts von der Schutzfrist?“ Woraufhin sie antwortete: „Oh ja, in der Mitte des Monats – aber es hat trotzdem nicht geholfen.“ Kein Wunder!

Ich musste lächeln. „Oh je, Mami, sei froh, dass ich Nummer fünf war und nicht Nummer fünfzehn – du warst wirklich naiv!“

In den 30er Jahren lebten die Frauen oft noch wie im finsteren Mittelalter und wussten sehr wenig über Geburtenkontrolle, Geburten oder über Sex, außer dass sie versuchten, ihren Ehemännern, die die Ernährer waren, zu gefallen. Dennoch hatten sie Träume, und weil sie keine Alternative hatten, sagten sie sich oft: „Man muss es einfach hinnehmen.“ Wir pflegten zu sagen: „Man muss es ertragen und lächeln – oder?“, nur so zum Spaß. Jedenfalls war das Wetter auf den Bermudas viel besser als das Wetter in London.

Das Erste, woran ich mich erinnern kann, sind die vielen Augen, die mich in meiner rosa-weißen Wiege anschauten. Sie schienen alle das neue Baby sehen und Fotos machen zu wollen. Meine Mami sagte voller Stolz: „Hier ist sie, ich glaube, wir werden sie Yvonne nennen.“

Die Kameras begannen zu klicken, woraufhin ich so nervös und angewidert von diesem Eindringen in meine Privatsphäre war, dass ich ein großes Geschäft machte, das mir bis zum Arm zu reichen schien (ich muss winzig gewesen sein!). Meine Mami war so schockiert darüber, dass ich ihren großen Moment des Stolzes ruinierte, dass sie meinem Kindermädchen zurief: „Bertha, Bertha, bring sie sofort weg! …Oh, der kleine Stinker!“

Vielleicht ist das der Grund, warum es überhaupt keine Babyfotos von mir gibt. Als geborener Philosoph bin ich mir ziemlich sicher, dass eine kleine Stimme in mir sagte: „Nicht alles im Leben läuft so, wie du es dir wünschst, Mami, aber keine Sorge, eines Tages wirst du stolz auf mich sein.“

Noch bevor ich laufen konnte, nahm Dad mich mit an den Strand und ins Meer und sagte: „Hab keine Angst, das Meer ist dein Bett, lehn dich einfach zurück und genieße es.“

Das tat ich auch und ließ mich glücklich auf dem Rücken treiben, während er meinen Kopf hochhielt. Ich glaube, ich konnte schwimmen, bevor ich laufen konnte. Ich weiß, dass ich denken konnte, bevor ich sprechen konnte. Als kleines Kind habe ich gestottert und war ein langsamer Sprecher. Ich glaube, mein Mann Frank und meine Familie und Freunde würden mir zustimmen, dass ich das später auf jeden Fall wieder wettgemacht habe.

Kapitel 2 – Bye Bye, Bermuda – Hey hey, U. K.

Als Hitler begann, Europa zu überfallen, beschloss mein Dad, dass es an der Zeit war, zu den älteren Mitgliedern unserer Familie (meinen älteren Brüdern und Schwestern) zurückzukehren und sich im Vereinigten Königreich niederzulassen. Da ich erst zwei Jahre alt war, sind die einzigen Erinnerungen, die ich an Paget Beach habe, der rosafarbene Sand, der selbst beim Hinfallen nicht allzu sehr wehtat, dann natürlich „mein Bett“, das Meer, das ich so sehr liebte, und die hohe Sopranstimme meiner Mami, wenn sie mir zur Schlafenszeit das süße geistliche Wiegenlied „Lula lula lula lula bye bye“ vorsang. In ihren weichen Armen zu liegen, an ihren üppigen Busen gedrückt, war so etwas wie das Paradies. Sie nannte mich „Piccaninny“, der Inselname für einen kleinen Schwarzen – vielleicht war ich das? Soweit ich weiß, hatte sie ihn von der schwarzen Bevölkerung auf den Bermudas übernommen.

Es war auch ein Abschied vom lieblichen Nestleben auf den Bermudas, von faulen, nebligen Tagen und friedlichen Nächten. Es war Hey, Hey U. K.: Wow!

Das Leben in London war nach den erhabenen Bermudas wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Keine Sonne, kein Sand, kein Meer; alle waren beschäftigt, und überall waren Menschen. Viele Männer liefen durch die Straßen und pfiffen die neuesten Melodien, und jeder schien es eilig zu haben.

Das Beste an London waren für mich die Männer, die auf Dreirädern herumfuhren und Wall’s Ice Cream verkauften. Ihr Slogan lautete „Stop me & buy one!“. Man konnte sie auf der Straße anhalten und ein Eis essen, wann immer man Lust dazu hatte. Wenn man nicht genug Pennies zum Bezahlen hatte, nahm er einen Vanille-„Ziegel“ und halbierte ihn. Ich entdeckte Eis schon sehr früh, und seitdem ist es mein Lieblingsessen geblieben.

Als ich vier Jahre alt war, wurde beschlossen, dass ich mich dieser geschäftigen Schar von Londonern anschließen solle. Bertha, mein Kindermädchen, weiß wie Schnee und mit roten Haaren, war mit uns nach London gekommen und hatte nun eine andere Arbeit gefunden. Dad hatte sie damals ausgewählt, weil sie groß und kräftig war und weil er dachte, dass niemand das kleine, eher dunkle Baby bemerken würde, da sie mich unter ihrer blau-weiß gestärkten Kranken-schwesternuniform fast einhüllte. Mami war zur Heilsarmee gegangen, die ihr Komitee unterstützte, und sie kam mit einem netten, fröhlichen Hausmädchen namens Maude zurück. Bald gesellte sich eine ältere Putzfrau, Mrs. Dale, zu ihr, die dreimal in der Woche kam, um auszuhelfen. Es gab fünf Kinder jeden Alters – die drei Ältesten waren erwachsen –, aber das Haus war groß, hatte drei Stockwerke und lag in einer neuen, schönen Gegend. Von Mamis Erkerfenster aus konnte man die Tennisturniere der Welt beobachten. Das war, bevor der Verein zum heute noch genutzten Gelände beim Wimbledon Park umzog.

Meine Mami beschloss, dass ich mich meiner älteren Schwester Roxie anschließen und Klavierunterricht bei Mrs. Wand (auf Deutsch „Zauberstab“) nehmen sollte. Vielleicht dachte sie, mit einem solchen Namen könne sie zaubern und uns beide in Konzertpianisten verwandeln. Für mich mit meinen winzigen Händen, die nie eine Oktave (8 Töne) schaffen konnten, war es ein Kampf, ich verabscheute die Grundtöne der linken Hand und wünschte mir, ich könnte mich einfach auf den fröhlichen Violinschlüssel der rechten Hand konzentrieren. Das Schönste an diesen Mittwochs-Klavierstunden war, dass ich in den Salon mit seinem großen Steinway-Flügel und den schönen Barockmöbeln gehen durfte, mit den dunklen, malvenfarbenen und goldenen Kissen und dem polierten Parkettboden. Das war mir bis jetzt verwehrt. Da ich täglich mindestens dreißig Minuten üben musste, abgesehen von meiner Mittwochs-Klavierstunde bei Mrs. Wand, konnte ich spielen und dabei das schöne Gemälde von Monet in seinem schweren Goldrahmen und die entzückenden Balletttänzerfiguren aus Dresdener Porzellan auf dem Kaminsims betrachten. Sie stellten die viel bewunderte Londoner Ballerina mit dem russischen Namen Anna Pawlowa dar.

Meine Eltern liebten beide die Musik und liefen oft singend durch das Haus. Meine Mami bevorzugte klassische Musik und Operetten, mein Dad die neueste Popmusik. Die beste Freundin meiner Mami war mit dem berühmten Violinisten Mischa Allman verwandt, sie kannte auch den Violinvirtuosen Jascha Heifetz und die Familie von Yehudi Menuhin. Frau Haifetz wurde einmal von einem Journalisten gefragt: „Wie haben Sie aus Ihrem Sohn einen Virtuosen gemacht?“

Sie antwortete: „Unsere Kinder sind wie schöne Messingplatten, es liegt an uns Ältesten, sie zu bearbeiten, bis sie einaußergewöhnliches Stück sind.“

Wenn sie damals das Wort „Strategie“ gekannt hätte, sie hätte es wahrscheinlich benutzt!

Mum und Dad waren verrückt nach Musik. Sie sangen oft im Duett, wie Nelson Eddy und Jeanette MacDonald in diesen schönen alten Filmen. Sie imitierten gern das damalige englische Operettenduo Anne Ziegler und Webster Booth. Die ganze Musikalität meiner Eltern wurde genutzt, um bei verschiedenen Wohltätigkeitskonzerten Geld zu sammeln. Mein Dad spendete fortwährend für dieses und jenes, und meine Mami gehörte verschiedenen Frauenvereinen an, die Tees usw. veranstalteten, um Geld für arme Flüchtlinge zu sammeln, die von Hitler und seinen Horden aus ihren Ländern vertrieben worden waren. Ich wuchs also mit Musik und Wohltätigkeit auf. Wir Kinder unterstützten ein nahegelegenes Waisenhaus.

Meine älteste Schwester Frances war selbst Ballerina und eine hervorragende Stepptänzerin – eine echte Showbizz-Persönlichkeit –, die Anna Pawlowa und später Margot Fonteyn verehrte. Wenn sie nicht gerade in einer Show auftrat, half sie in einem Tanzstudio aus und gab den Kleinen Stepptanzunterricht. Für meine Schwester Roxie und mich hatte sie ein spezielles Lied und eine Tanznummer einstudiert:

„You call me Sugar Plum, Sugar Plum means yum yum yum

It’s yum yum yum, cos you’re the one for me

I call you Lollipop, Lollipop means you’re the top

And you’re the top, cos you’re the one for me“

Alles süße, einfache Sachen für Kinder. Dad liebte den Trompeter Harry James und seine berühmte Interpretation von „The Flight of the Bumble Bee“ (Hummelflug von Rimski-Korsakow), damals ganz oben in den Charts. Die Tatsache, dass er außerdem mit dem blonden Pin-up-Girl Betty Grable, dem Filmstar Nr. 1, verheiratet war, förderte sicherlich seine Popularität. Meine Mami war ein Fan von Bing Crosby und seinem Top-Hit „Far Away Places … with the strange sounding names are calling me“. Dieses Lied verfolgte mich und sollte sich auf meine zukünftigen Lebensziele auswirken.

Kapitel 3 – Glückliche Kindheitserinnerungen

Trotz Dads Abneigung gegen Babys – selbst mit fünf Kindern – machte es ihm wirklich Spaß, mit uns zu spielen und uns beizubringen, konkurrenzfähig zu sein. An einem verregneten Sonntagnachmittag holte er uns alle zusammen, und wir waren eine große Gruppe Kinder, denn dank Mamis Großzügigkeit und Großherzigkeit hatten wir immer eine Art „offenes Haus“ für alle unsere Freunde. Dad schaltete das Grammophon ein und rief mit seiner speziellen „Lehrerstimme“: „Der Erste, der den Namen des Liedes und des Solisten richtig nennt, bekommt einen Sixpence.“ Damals war das eine Menge Geld! Er legte eine Platte auf, und der Erste, der die Einleitung und den Sänger erkannte, bekam den silbernen Sixpence. Ich liebte dieses Spiel, und obwohl ich die Jüngste war, schlug ich viele der älteren Kinder wegen meines inzwischen berühmten scharfen musikalischen Gehörs und Gedächtnisses für Lieder. Mit der Zeit teilte ich mir mit meiner Schwester Roxie einen roten Spartopf, der den öffentlichen Londoner Briefkästen ähnelte. Roxie war einverstanden, als sie merkte, wie er sich füllte, seitdem wir uns zusammengetan hatten.

Wenn das Wetter am Wochenende gut war, rief Dad immer: „Beeilt euch, wir gehen alle zum Strand am West Cliff!“ Hier bekam derjenige, der zuerst das Meer sah, einen „Dreipenny“. Damals gab es noch keine Sicherheitsgurte und keine Polizei, die für Recht und Ordnung sorgte. Unser Auto war immer mit Kindern vollgestopft. Ich saß vorn auf Mamis Schoß, Roxie saß zwischen Mami und Dad, und die anderen Kinder und ihre Kumpels waren alle hinten eingepfercht. Da ich ganz vorn und ganz oben saß, sah ich das Meer oft als Erste, und es ging mir gut, bis sich die anderen beschwerten. Ich wurde ordnungsgemäß in den oben offenen Kofferraum gesteckt. Ich fühlte mich so allein wie die Katze im Sack, nur zusammen mit all den Leckereien für das Picknick. Es gelang mir nie wieder, das Meer zuerst zu sehen.

Wir machten immer ein Picknick am Strand, und das bedeutete für mich Spaß. Meine Mami war eine Meisterin darin, saftige Hühnchen-Sandwiches für uns alle zu machen, und mein Dad kaufte ein paar Flaschen Tizer, ein orangefarbenes Sprudelgetränk mit einem undefinierbaren Geschmack und einer schrecklichen Menge Sprudel, die mir immer in die Nase stieg – ein Kindervergnügen. Pepsi und Cola kannte man noch nicht. Wir Kleinen durften nur Wasser, Milch oder Kakao trinken.

Wenn das Wetter, wie so oft in England, nur mäßig war, sagte Dad zu uns: „Wir gehen alle in den Whitewebbs Park.“

Das war eine Art Wald mit vielen Bäumen, Büschen und Gräben und kleinen überwucherten Wegen, ideal für das Versteckspiel. Wir spielten meistens Cowboy und Indianer. Die Jungs waren oft die Cowboys und Dad und wir Mädchen Indianer. Nachdem wir uns versteckt hatten, mussten wir den berühmten Indianerschrei ausstoßen, und die Cowboys mussten uns dann einzeln finden. Dad gab ihnen eine bestimmte Zeit vor, und wenn sie nicht alle von uns fanden, hatten wir gewonnen. Wurden wir alle erwischt, waren die Cowboys die Gewinner. Ich baute meistens Mist, denn ich stellte mich an einen großen Baum und bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Ich glaubte wohl, dass mich dann niemand sehen könne. Ich habe also die Gruppe völlig im Stich gelassen! Das Beste an diesen Ausflügen war für mich, dass mein Dad uns auf der Rückfahrt dazu ermunterte, all die altmodischen Songs aus seiner Jugend zu singen. Sein Lieblingslied schien zu sein:

„My wife’s gone to the country, hooray hooray!

She thought it best to take a rest, so she went away.

She’s taken the kiddies with her, hooray hooray!

So girls don’t miss a chance like this, my wife’s gone away!“

Nummer zwei war in etwa so:

„All the girls are lovely by the seaside,

They’re all lovely by the sea.

Some are small, some are long, some are big, some are strong,

Pick where you like you can’t go wrong

They’re all lovely by the sea“

Rückblickend denke ich, dass meine Kindertage eine sehr glückliche und lustige Zeit waren, jedenfalls nachdem Bertha nicht mehr bei uns lebte. Sie schien eine sadistische Ader zu haben, denn sie schlug meinen Hintern mit dem Rücken einer großen, harten Bürste. Meine älteren Geschwister brachten mir das Lesen bei, und da ich mich danach sehnte, so gut zu sein wie sie, lernte ich schnell. „Brrr Rabbit“ war mein Lieblingsbuch. Maude, unser Hausmädchen, bekam jede Woche „The Red Letter“, eine sehr pikante Wochenzeitung über Leidenschaft und uneheliche Kinder.

Wir durften „Mickey Mouse“ lesen, und mein ältester Bruder Ray bekam das Saftigste von allen, mit Bildern von halb nackten Damen und schrecklichen Geschichten von dem (damals) berühmten James Hadley Chase, wie „Keine Orchideen für Miss Blandish“ – und noch schlimmer: „Lady Don’t Turn Over“. Diese Taschenbücher versteckte er unter einem großen braunen Kissen auf einem Sessel und setzte sich unschuldig hin, wenn jemand ins Wohnzimmer kam. Niemand sonst schien es zu bemerken – aber ich schon! Und ich las heimlich all dieses verbotene Zeug und schlug Wörter im Wörterbuch nach. Nicht gerade das Richtige für kleine Mädchen, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass sich diese Episode einige Jahre später ereignete, als ich schon regelmäßig unsere örtliche Bibliothek besuchte und zu einer begeisterten Leserin geworden war. Ich las einfach alles, was ich in die Finger bekam, und die Tatsache, dass der Krieg vor der Tür stand, kam mir nicht in den Sinn. Die Schule stand an erster Stelle, und nach dem tränenreichen Abschied von Mami ging ich mit unserer Kleinkinderklasse zum Rollenspiel in die Halle und bemerkte einige sehr gut aussehende Jungen. Einer von ihnen war größer als die anderen und sah sehr gut aus. Später erfuhr ich, dass sein Name Michael Robbins war. Wir kleinen Kinder hatten keine Schreibtische, sondern kleine Stühle und Tische. Als man uns sagte, wir könnten uns setzen, zog er mir den Stuhl weg, und ich saß zu seinen Füßen auf dem Boden. Ich kannte all diese Jungenstreiche von meinem Bruder Theo und seinen Kumpels. Ich wäre eigentlich wütend geworden, aber als ich mich aufrappelte, zwinkerte er mir zu und schenkte mir ein so aufmunternd nettes Lächeln, dass ich schon damals wusste: Er stand auf mich, und für mein kleines Gemüt war er der Beste von allen, sodass ich schon vom ersten Tag an gern zur Schule ging.

Kapitel 4 – Meine erste interessante Persönlichkeit

Als ich noch sehr klein war, nahmen Mami und Dad Roxie und mich mit nach Paris und zu Papas Lieblingsort, den Folies Bergères.

Es war alles furchtbar aufregend, das Publikum elegant, und der Duft von Knoblauch, gemischt mit schweren, echten französischen Parfüms, war meiner Nase so fremd, dass ich mich bis heute an diesen besonderen Geruch erinnere. Der denkwürdigste Moment war jedoch die Vorstellung des weltberühmten Stars der Show, Miss Josephine Baker.

Mein Dad besaß neben seinem florierenden Trockenfutterlager auch ein paar Kinos und wurde regelmäßig zu Fachmessen eingeladen. Er kannte nicht nur berühmte Leute wie den damaligen Filmmagnaten J. Arthur Rank (der, wie er mir einige Jahre später versicherte, sein Vermögen zunächst mit Paniermehl gemacht hatte, das alle englischen Hausfrauen verwendeten), sondern war auch mit dem Direktor der Folies Bergères gut bekannt. Also wurden Mami und Dad und wir Kinder hinter die Bühne geführt, um den Star der spektakulären Show zu treffen. Damals waren „die Folies“ der Ort schlechthin.

Zuerst war ich verblüfft. Diese alte Dame mit dem faltigen Gesicht, die auf uns zukam, sah so anders aus als das schlanke junge Ding in der Show, dass ich es fast nicht glauben konnte. Dann, nachdem sie Mami und Dad offiziell vorgestellt worden war, drehte sie sich um, bückte sich und reichte Roxie und mir ihre langfingrige Hand. Sie schenkte uns ein strahlendes Lächeln und sagte mit warmer Altstimme: „Und wer sind diese beiden jungen Damen?“

Mum gab die Antwort, während Roxie und ich sprachlos waren – wir waren wie vom Blitz getroffen. Josephine Bakers Persönlichkeit war so warm und stark, dass ich sie plötzlich für die schönste Frau hielt, die ich je gesehen hatte.

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit einer berühmten Persönlichkeit aus dem Showbizz konfrontiert wurde, die in der Lage zu sein schien, mit ihrer Persönlichkeit zu zaubern. Dieser Moment bleibt für mich unvergesslich.

Kapitel 5 – Mein Bühnendebüt

Zu Weihnachten führte unsere Familie zusammen mit unseren Freunden eine Pantomime auf, eine englische Spezialität zur Unterhaltung der Kinder während der Feiertage. Meistens basierten Pantomimen auf einem berühmten Märchen, und um es noch lustiger zu machen, war der Held oft ein Mädchen, nur größer als die Heldin, und in Aschenputtel waren die beiden hässlichen Stiefschwestern ausnahmslos Jungen.

Wir haben uns alle verkleidet; es hat großen Spaß gemacht, unsere Kostüme für die Generalprobe anzuziehen. Mit unserem gesammelten Geld konnten wir den Kindern im benachbarten Waisenhaus eine schöne Weihnachtsfeier bereiten. Ich war vier Jahre alt und wollte unbedingt wie die anderen auf die Bühne, und so bekam ich schließlich die Rolle des kleinen Pagen. Ich trug eine rote Satinhose, die meine Mami für mich genäht hatte, ein weißes Hemd und eine silberne Schirmmütze aus Pappe mit hohem Rand. Ich fühlte mich sehr wichtig. Mein einziger Text war: „Der, dem dieser silberne Pantoffel gehört, wird den Prinzen heiraten.“

In meinen Händen hielt ich ein rotes Samtkissen mit dem silbernen Pantoffel, den Aschenputtel um Mitternacht auf ihrem Weg zur Kutsche verloren hatte – bevor diese sich wieder in einen Kürbis verwandelte und ihr wunderschönes Ballkleid wieder in Fetzen ging.

Ich habe stundenlang vor dem Spiegel geübt – und hatte echte Probleme mit dem Wort „Pantoffel“. Mein ältester Bruder, der auch der Regieassistent war, sagte mir, dass ich im schlimmsten Fall „Schuh“ sagen könne. Endlich war die Zeit für mein Bühnendebüt gekommen, und alle lächelten und klatschten, um mich zu ermutigen. Doch der „kleine Stinker“ kehrte zurück, ich wurde nervös und sagte laut: „Oh je! Ich habe meinen Text vergessen!“

Das Publikum lachte so laut, dass der kleine Saal bebte. Ich war derart überrascht, dass ich auch lachte und lachte, bis der silberne Pantoffel auf den Boden fiel. Ich bückte mich, um ihn aufzuheben und hörte die Souffleuse (unser Dienstmädchen Maude) meinen Text sagen. Ich legte die silberne Sandale zurück auf das rote Samtkissen und flötete mit hoch erhobenem Kopf: „Wem dieser silberne Schuh – oh, ich meine Pantoffel – gehört, der soll unseren Prinzen heiraten.“

Es gab großen Applaus, als ich triumphierend von der Bühne schritt, ohne umzufallen. Jemand schob mich durch den Vorhang zurück auf die Bühne, um mich noch einmal zu verbeugen. Mir gefiel das alles, und ich entschied mich in diesem Moment: Ich werde auf der Bühne stehen, komme, was da wolle! Immerhin schien es eine sehr angenehme Art zu sein, Geld zu verdienen.

Damals ahnte ich noch nicht, dass ich mir den härtesten Beruf der Welt ausgesucht hatte!

Kapitel 6 – Erste Lebens-Lektion

Viele hoffen auf das Glück, und ich als kleines Kind gehörte auch dazu. Manche denken Zeit ihres Lebens daran: „Ich werde schon Glück im Spiel haben.“ Andere sind altmodisch und sagen einfach: „Wenn mein Schiff ankommt.“ Es ist schön, an das Glück zu glauben – es gibt uns Hoffnung!

Meine erste Lektion im Leben und mein erster Schritt, von mir geschätzte Dinge auch zu bekommen, ereignete sich im Alter von fünf Jahren. Damals gab es in Stoke Newington, einem Stadtteil von North Hackney in London, ein Kaufhaus namens „Stevens“. Es war so beliebt, dass sogar die Bushaltestelle den Namen Stevens trug, und der Busschaffner rief: „Nächster Halt – Stevens!“, worauf in der Regel mindestens ein Dutzend Fahrgäste ausstiegen und in das Kaufhaus gingen. Natürlich faszinierte mich dieser (für meine Begriffe) riesige Laden mit seinen Schaufensterpuppen, die verschiedene Kleidungsstücke präsentierten. Damals gab es nicht allzu viele große Geschäfte und noch weniger mit lebensgroßen Modellen. Was mich am meisten faszinierte, war ein Apparat direkt vor dem Eingang, bestehend aus einem Kasten mit beleuchtetem Fenster. Darin befand sich ein kleiner Kran, den man von außen steuern konnte, um – wenn man Glück hatte – Miniaturspielzeug oder zumindest leuchtend grüne Bonbons wie M&Ms oder Smarties zu greifen. Diese Zuckerbohnen lagen wie ein dicker grüner Teppich unter und um die Auslage mit den kleinen Spielzeugen drum herum. Ich beobachtete, wie andere glückliche Kinder die Pennies, die ihre Eltern ihnen gegeben hatten, in den Automaten steckten und Spielzeug zurückbekamen. Ich war fest entschlossen, eines Tages meinen Dad zu Stevens zu locken, ihn dann zu überreden, mir einen Penny zu geben und mich mein Glück an diesem Automaten versuchen zu lassen. Meine Mami war für solche Dinge nicht zu begeistern. Sie hatte die Angewohnheit zu sagen: „Komm weg, mein Schatz, komm weg, wir haben keine Zeit für diesen Unsinn“, aber Dad, da war ich mir sicher, würde mich einen Versuch wagen lassen.

Und tatsächlich kam dieser Tag: An einem Sonntagnachmittag, als es nieselte und wir nicht zum Picknick in den Wald gehen konnten, machten er und ich einen Schaufensterbummel, unsere Lieblingsbeschäftigung an solch grauen Sonntagen, und Dad gab mir einen Penny, damit ich mein Glück versuchte. Ich warf den Penny in den Schlitz und sah fasziniert zu, wie der kleine Kran ein Spielzeug aufhob. Ich triumphierte bereits, aber zu meinem Entsetzen ließ er das Spielzeug fallen, und dann fing er an, in den leuchtend grünen Bonbons zu wühlen und nahm eine Handvoll davon mit.

„Ach so“, sagte ich zu meinem Dad, „ich wollte schon immer wissen, wie sie schmecken.“ Dann, als ich mit angehaltenem Atem zusah und wartete, dass der Kran die Handvoll grüner Bohnen in die Schublade warf, aus der ich sie nehmen konnte, blieb er stehen, öffnete seine Krallen und ließ die Bonbons wieder auf die anderen fallen. Dann schaltete sich die Maschine ab. Das Licht im Kasten erlosch, und ich hatte NICHTS!

Hätte ich damals das Lied von Shirley Bassey gekannt, hätte ich sicher „I – I who have nothing“ gesungen. Ich war so enttäuscht, dass ich am liebsten geweint hätte – aber bevor ich das tun konnte, drehte sich Dad zu mir um und wedelte mit dem Zeigefinger.

„Das, mein Mädchen, ist deine erste Lektion im Leben – wenn du etwas willst, dann geh los und hole es dir, arbeite dafür, verlass dich nicht auf die Glücksfee, denn wie du siehst, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass sie dich im Stich lässt. Zu 99 % wird das passieren.“ So viel zum Thema Glück oder Glückssterne …

Mein Tipp: Wenn Sie etwas wirklich wollen, dann machen Sie eine Strategie, setzen Sie sich Ziele – bewegen Sie Ihren Hintern, gehen Sie los und holen Sie es! Damals, als Kind, war Dad natürlich mein „Vorbild“. Das besondere „Du“, Cognac und der Name Pepito kamen erst Jahre später – aber Eiscreme, oh Mann!, jederzeit!

Kapitel 7 – Tierischer Instinkt

Abgesehen von dem Spruch „Gib deinem Leben ein bisschen Biss“ war eine meiner besonderen Tugenden mein Instinkt, der mir in vielen brenzligen Situationen geholfen hat. Meine Augen waren so scharf, dass man immer nach mir rief, wenn jemand aus unserer Familie eine Uhr, einen Ring oder ein anderes Schmuckstück am Strand oder im Wald verlor. „Schickt das Kind! Das kleine Adlerauge findet es bestimmt.“ Mein Instinkt führte mich an den Ort des Geschehens, und die Adleraugen erledigten den Rest.

Ich bewährte mich auch bei meiner Mami in der Küche. Sie hatte zwar eine fein geformte Nase, konnte aber nicht riechen. Wann immer sie sich bei Milch oder anderen Lebensmitteln nicht sicher war – ein Schnuppern von „Pussyface“, und Pussy machte ihrem Namen alle Ehre. Meine Mami erzählte ihrer Damengilde einmal stolz von meiner Tugend: „Sie riecht aus einer Meile Entfernung, ob etwas gut oder schlecht ist.“

Wegen dieser Eigenschaften wurde ich ständig gebraucht – aber der ungewöhnlichste, fast schon tierische Instinkt war, dass ich spüren konnte, ob sich etwas Lebendiges im Raum aufhielt. Wir fuhren alle für sechs Wochen an Dads geliebte Küste und mieteten dort einen Bungalow. Meine älteste Schwester Frances hatte, trotz ihres hervorragenden Aussehens, einen Nachteil: Sie hatte große Angst vor Spinnen.

Ich schien von Geburt an furchtlos zu sein, und mit meinen inzwischen berühmten Adleraugen wurde ich immer in jedes „unbekannte“ Zimmer in unserem neuen Strandhaus geschickt. Es spielte keine Rolle, ob es sich in einer Ecke versteckte – es war lebendig, und seltsamerweise wusste ich instinktiv, gleichgültig, wie ein Insekt, ein Vogel oder ein anderes Tier sich tot stellte, dass es lebendig war. Mein großer Bruder wurde gerufen, das kleine Adlerauge zeigte auf das Versteck, in dem sich die Dämonenspinne befand, und er würde sie entsorgen. Ich habe nie herauszufinden versucht, wie er das machte. Heute würden wir einen Staubsauger benutzen, aber soweit ich weiß, gab es dieses moderne Gerät noch nicht in jedem Haushalt.

Wegen dieses gut entwickelten Instinkts und der Fähigkeit, ohne zu zögern und mit der Gewandtheit eines Affen auf einen Baum zu klettern oder eine zerklüftete Felswand hinabzusteigen, nannten mich Dad und die Nachbarn „Tomboy (Wildfang)“. Dad betrachtete mich eher als Sohn denn als Tochter (er war ja Orientale). Er nannte mich auch „kleines wildes Tier“. Er versicherte mir: Wenn ich jede Nacht zu Gott beten würde, dann würde ich am nächsten Morgen als Junge aufwachen! Ich, als naiver kleiner Narr, glaubte ihm sogar, aber es klappte nicht!

Kapitel 8 – Mein erster Talentwettbewerb

Ich war für mein Alter schon groß, trotzdem nur ein winziges Kind. Frances fand eine Anzeige für einen Talentwettbewerb für Kinder in Margate. Dad hatte für die Sommerferien einen Bungalow gemietet, der nur ein paar Kilometer von diesem berühmten Badeort entfernt lag, und so meldete sie uns für den Wettbewerb an. Wir trugen große gelbe Schleifen in unseren Haaren und die gleichen großen Schleifen an unseren Steppschuhen, aber ansonsten nur unsere einfachen Sommerkleider. Roxie und ich führten unsere übliche Nummer auf: „You call me sugar plum, I call you lollipop“.

Es nahmen viele Kinder am Wettbewerb teil, ein oder zwei davon erstaunlich professionell, während Roxie und ich leider noch sehr amateurhaft wirkten, wie ich fand. Außerdem trugen einige sehr schicke Kostüme und wirkten sehr selbstbewusst. Ich muss zugeben, dass ich zwischen all diesen Fremden nervös wurde. Weil wir so empfindlich waren, fühlten wir uns beide, als hätten wir zwei linke Füße, und ich konnte ihren Gesang nicht in der richtigen Tonlage halten. Unser Auftritt wurde fast sofort abgebrochen, zusammen mit zahlreichen anderen.

Das kleine Mädchen, das den Wettbewerb gewann, war meiner Meinung nach super professionell und unterschied sich damit von den anderen Darbietungen. Im Jahr 2010 hätte sie das beliebte „Nothing Sweet About Me“ problemlos singen können. Statt zu singen, schrie sie ihre Nummer fast heraus, und der Tanz, den sie aufführte, war nicht der übliche Stepptanz für Kinder oder der Balletttanz. Es war ein echter Londoner Cockney-Volkstanz – ein „Pearly Queens Knock’em in the old Kent Road“-Tanz oder ein „Knees up Mother Brown“-Stampftanz. Sie zeigte sogar ihr Höschen! Frances war angewidert und sagte verächtlich: „Die ist ja so ordinär wie Dreck!“ Das Mädchen trug ein perfektes „Old Time“-Kostüm. Seine Haube, seine aufgenähten Knöpfe am ganzen Kostüm, bis hin zu den schwarzen Wollstrümpfen, Knickerbockern und schwarzen Stiefeln zum Knöpfen, waren perfekt. Genauso ungewöhnlich war das Lied, das sie dem Publikum fast entgegenschrie: „I’d rather be an Old Man’s Darling, than ever be a Young Man’s Slave“. Diese Zeilen wurden dann wiederholt, gefolgt von dem Refrain!

„Gertcha Knock it

Never do a thing like that

Never do a thing like that again

Never do a thing like that!“

Dann wiederholte sie diesen Refrain und animierte das gesamte Publikum, mit ihr zu schreien.

Die Jury und das erwachsene Publikum, die bis dahin höflich zu den immer gleichen Liedern und kindlichen Tanzeinlagen der Kinder geklatscht hatten, wurden von dieser kleinen Elf- oder Zwölfjährigen überrascht, die ihre Nummer wie eine doppelt so alte Sängerin durchzog. Es war elektrisierend! Am Ende klatschten alle, riefen „Bravo!“ „Zugabe!“ und stampften mit den Füßen. Sie musste dreimal umkehren und den Refrain noch einmal singen, und alle, alle sangen mit. Sie gewann haushoch.

Für mich war das ein Schlag ins Gesicht. Roxie zog mit einem tiefen Seufzer ihre Steppschuhe aus und sagte: „Tja, wir sind nicht gut! Ich denke, wir sollten es aufgeben und stattdessen mehr auf Dads Schreibmaschine üben. Ich würde lieber für ihn im Büro arbeiten und zur Familie gehören, als aufzutreten für all diese Fremden, die keinen Geschmack haben.“

Ich für meinen Teil hatte beschlossen, meinen Weg allein zu gehen, wohl wissend, dass meine Plattfüße verhindern würden, Stepptänzerin oder Balletttänzerin zu werden, trotz der großen Geduld meiner ältesten Schwester. Ich wusste instinktiv, dass meine Stimme, meine Mimik und mein Humor meine Talente waren. Ausnahmsweise habe ich nichts gesagt, aber mein Entschluss stand fest, anders zu sein – so hat das Mädchen den Wettbewerb gewonnen. Das war meine erste richtige Bühnen-Lektion!

Kapitel 9 – Brotkörbe, Bananen und Taranteln

Unser Feind beschloss, „Brotkörbe“ – unser Spitzname für die wirklich großen Bomben – abzuwerfen, und eine davon schlug während eines Luftangriffs im Depot ein paar Straßen weiter ein. Ich war damals acht oder neun Jahre alt und hatte gelernt, wie man sich in Paniksituationen genau zu verhalten hat, und sogar, wie man mit Menschen unter Schock und mit Hysterie umgehen musste. In Kriegszeiten wurden Kinder schnell erwachsen. Ich wusste, dass der beste Freund meines Bruders, Jacky Peters, ganz in der Nähe des Depots wohnte. Die Sirene gab Entwarnung, und ich rannte zum Haus seiner Mutter. Die Fenster waren alle zerbrochen, und die Haustür stand offen. Ich stürmte hinein, und da war Mutter Peters, die durch den Schock einen schrecklichen hysterischen Anfall bekam. Ich riss mich zusammen, atmete tief ein und tat genau das, was wir in der Schule gelernt hatten. Ich hielt ihren zerbrechlichen Körper an der Schulter und schlug ihr mit aller Kraft rechts und links ins Gesicht. Sofort hörte sie auf zu schreien, als käme sie wieder in unsere Welt zurück und sagte ganz ruhig: „Danke.“

Ich war vom Erfolg diese Aktion so überrascht, dass ich mich auch bedankte, und von da an, als ich begann, mein eigenes Geld zu haben und Kleider zu entwerfen, ging ich zu Mrs. Peters als meiner ersten Schneiderin.

Eines Tages waren die Zeitungen völlig aus dem Häuschen. England hatte eine neue Bananenlieferung erhalten – aber durch irgendein Versehen der Verpacker waren die Früchte zusammen mit riesigen, gefährlichen Spinnen importiert worden – Taranteln! Die Nachricht machte Schlagzeilen, und wir wurden aufgefordert, auf der Hut zu sein – obwohl die meisten von uns nicht die leiseste Ahnung hatten, wie diese tropische Spinne aussah.

Ich kam früh von der Schule nach Hause und ging gleich ins Wohnzimmer. Mrs. Barnet, die Putzfrau, hatte den ganzen Krimskrams im Zimmer aufgeräumt, alle möglichen Gegenstände auf den langen Tisch gestellt und polierte den Kaminsims. Ich schaute mir alles an, aber ein Teil stach mir ins Auge – eine riesige Spinne mit haarigen, langen, dicken schwarzen Beinen und schwarzen Augen. Ich hätte schwören können, dass sie lebendig war, obwohl sie wie eine Statue am Ende des Holztisches stand. Ehrlich gesagt, ich war verunsichert, denn man konnte alle möglichen schrecklichen Dinge kaufen, um sie auf den Stuhl oder den Tisch unserer Lehrerin zu legen, sie damit zu erschrecken und über den Effekt zu kichern. In unserem Schulkiosk gab es ähnliche Spinnen zu kaufen. Obwohl ich ein gutes Gedächtnis hatte, konnte ich mich nicht daran erinnern, dass dieses Objekt schon einmal im Raum war, und ich fand es eklig. Ich fragte Mrs. Barnet, ob sie sich daran erinnere, es abgestaubt zu haben. Wie ich konnte sie sich nicht daran erinnern, es jemals zuvor gesehen zu haben. Ich sagte: „Es ist lebendig.“

Sie sagte: „Nein“ und schnippte mit ihrem Staubtuch nach ihm. In Sekundenschnelle war das Tier über den ganzen Tisch gesprintet, aber Mrs. Barnet schlief nicht und eilte zum anderen Ende des Tisches, woraufhin die Monsterspinne buchstäblich auf ihre Schürze sprang. In einer Sekunde hatte sie sie zu Boden geworfen, ihren schweren Schuh darauf gestellt – und sie zu Tode gequetscht. Was auch immer ich für Mrs. Peters gewesen sein mochte – für mich war Mrs. Barnet eine echte, schnell denkende Heldin, eine große Dame. Am nächsten Tag waren die lokalen Zeitungen voll von der wunderbaren Heldentat unserer Mrs. Barnet. Immerhin hatte ich zum ersten Mal eine lebende Vogelspinne gesehen und in England zum letzten Mal – aber Afrika sollte noch kommen.

Kapitel 10 – Wände haben Ohren, Biss braucht man!

Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Baby in einer Familie ein Rebell ist. Unser liebes, fröhliches Dienstmädchen Maude nannte mich „den Kobold“, und die älteren Mitglieder sahen sich bei intimen Gesprächen mit ihren Freunden besorgt im Zimmer um und sagten: „Vorsichtig! Du weißt doch, dass Wände manchmal Ohren haben.“

Ich konnte im Nebenzimmer oder unter dem Tisch sein, das war egal, ich bekam immer alles mit – ein Lauscher par excellence. Wegen dieses Talents gaben sie mir den Spitznamen „Walls“. Da dies zufällig der Name des berühmten Vanilleeises war, machte mir das nichts aus – schließlich war es auch der Name der Männer, die auf Dreirädern mein Lieblingsessen verkauften.

Etwa zu dieser Zeit wurden auch meine Zähne berühmt. Meine beste Freundin trug ihr ganzes Leben lang eine Narbe auf dem Rücken, die wie Zahnabdrücke aussah – es waren meine! Sie war damit nicht allein. Sogar der Linoleumboden unserer Küche, der an die rot-weißen Kacheln der Spülküche grenzte, hatte viele Zahnabdrücke. Kleine Stücke, die ich herausgebissen hatte, wenn ich meinen Willen nicht bekam, musste Mami mit Kitt ausbessern. Ich liebte es, zu beißen (ich glaube, das tue ich heute noch) und schärfte meine Zähne an Karotten und harten Äpfeln (vorzugsweise von Nachbars Baum gepflückt und geklaut) und an jeder Hand, die mir in die Quere kam! Doch manchmal haben schlechte Dinge auch eine gute Seite.

Damals lebten wir als Kinder in Hertfordshire, wohin wir während des Krieges evakuiert worden waren, auf einer einsamen Farm, die von den nettesten Bauern der Welt bewohnt wurde. Sie hätten in jedem Märchenbuch oder Theaterstück eine gute Figur gemacht. Farmer Johnson trug immer beigefarbene Kordhosen und ein rotkariertes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Er hatte ein volles rotes Gesicht und einen stämmigen Körper. Seine reizende Frau mochte Roxie und mich sehr, und bald bekamen wir Pferde und begannen zu reiten. Mein Pferd war eine alte Schimmelstute namens Bess. Wenn ich auf ihrem Rücken saß, fühlte ich mich so groß und wichtig, Wir lernten viel über Traktoren und Kühe, und ich durfte sogar warme Milch trinken, die direkt aus der Zitze von Clarabelle kam. Dieser Aufenthalt auf dem Bauernhof vermittelte mir eine tiefe Liebe zu den Tieren und ein viel besseres Verständnis, das meine Stadtfamilie nie entwickelte. Mrs. Johnson war ständig in der Molkerei mit der Herstellung von frischem Käse beschäftigt. Sie trug stets eine blaugraue Schürze, die gut zu ihrem rötlichen Haar passte. In ihrem Dutt schienen nie genug Haarnadeln zu stecken, denn über ihren Rücken hingen lange Strähnen herunter.

Ein Schulbus brachte uns zum Unterricht. Mami und Dad kamen an den Wochenenden zu Besuch, um dem „Blitzkrieg“ in London zu entfliehen. Im Großen und Ganzen war ich glücklich und hatte keinen Grund, jemanden zu beißen.

Eines späten Nachmittags hatte unser Schulbus eine Panne, und da wir hier kein Dienstmädchen mehr hatten, das uns von der Schule abholte, mussten wir uns allein und zu Fuß auf den Weg zu Johnsons Farm machen. Der Weg war weit, aber es führte eine Abkürzung durch den Wald. Die Lehrer unterhielten sich in der Schule hinter vorgehaltener Hand über einen Verrückten, der Kinder angriff, aber ich verdrängte es. Roxie war schon zwölf, und so entschieden wir uns für den kürzeren Weg. Die Dämmerung brach schnell herein, es war ein wenig neblig, wie so oft im Herbst. Wir liefen so schnell wir konnten durch den Wald und sangen gemeinsam Lieder, um uns mehr Mut zu machen. Plötzlich tauchte ein Mann aus einem Gebüsch auf, der sofort nach Roxie griff und sagte: „Ich habe dich, mein Mädchen!“

Er versuchte, sie auf den Arm zu nehmen. Ich reagierte blitzschnell, meine „Adleraugen“ erblickten eine seiner Hände in Reichweite, und ich biss mit meinen scharfen Zähnen mit aller Kraft hinein. Er stieß einen überraschten Schrei aus, ließ Roxie fallen, und wir rannten wie die Verrückten in Richtung unserer Farm. Zum Glück waren wir ganz in der Nähe der Johnsons und konnten es kaum erwarten, unseren Pflegeeltern zu erzählen, was passiert war. Es dauerte nicht lange, bis zwei Polizisten kamen und wir ihnen die Horrorgeschichte erneut erzählen mussten.

Eine Woche später wurden uns vier Männer vorgeführt – als ob wir in einem solchen Moment des Schreckens ein Gesicht erkennen konnten –, aber ich schaute nicht so hoch. Ich sah mir die rechten Hände der vier Männer an. Auf einer fand ich meine Zahnabdrücke. Der Mann wurde in Gewahrsam genommen. Das war ein Ereignis, das ich nie vergessen werde, aber bis heute bin ich, auch wenn ich mir manchmal auf die Zunge beiße, dankbar, dass ich mit feinen, scharfen Zähnen gesegnet bin, die uns damals retteten und mir in schwierigen Situationen immer ein wenig halfen. Manchmal muss man eben BISS haben!

Kapitel 11 – Wohnen außerhalb der Gefahr

Nach dem schrecklichen Angriff auf Roxie und meiner ersten Erfahrung mit Polizei und Verbrechern schien sich der „Blitzkrieg“ – bei uns als „großer Brand von London“ bekannt – zu beruhigen, und Mami und Dad kamen und holten uns nach Hause, was wirklich schön war!

Mein ältester Bruder Ray, der immer im Arbeitszimmer mit seinen Boxhandschuhen und seinem Punchingball trainierte, wollte mich dabei zu seinem Vorteil einsetzen. Alle schienen zu denken – oder sie sagten es –, dass ich ein Doppelgelenk hätte, ein Ausdruck für ein Kind, das ungewöhnlich gelenkig ist. In kürzester Zeit konnte ich Rückwärtsbeugen und andere Akrobatik, wobei der Flying Angel von seinen breiten Schultern unser „pièce de resistance“ war. Gemeinsam mit anderen hatten wir ein paar Auftritte, die mir ein wenig Taschengeld einbrachten. Ich war fest entschlossen, unabhängig zu werden und sparte jeden Penny, den ich bekommen konnte. Ich bot an, alle Schuhe im Haus zu putzen. Maude, unser liebes, fröhliches Hausmädchen, war froh, dass ich ihr diese Arbeit abnahm. Ich verlangte zwei Pence pro Paar und das Doppelte, wenn sie sehr schmutzig waren. Meine größte Aufgabe aber war es, Ray an einem Sonntagnachmittag zu wecken. Das war zwar gut bezahlt, aber auch ziemlich gefährlich. Mein großer Bruder, der in unserer Familie für seine Freundinnen und nächtlichen Streifzüge berühmt war (er sah gut aus und war ein hervorragender Gesellschaftstänzer), bezahlte mir jeden Sonntag vier Pence dafür, dass ich mich in sein Schlafzimmer schlich und ihm kaltes Wasser ins Gesicht schüttete, und das, ohne das ganze Bett und die Kissen nass zu machen – keine einfache Sache! Wenn er wütend wurde, musste ich so schnell wie möglich „abhauen“, bevor er mich erwischte. Dann wurde mein „Lohn“ verdoppelt. Das machte Spaß und gefiel mir viel besser als Roxies Tätigkeit, die Babys liebte und für ihr zusätzliches Taschengeld ganz gelassen mit einem Kinderwagen spazieren ging.

Dann begannen die Sirenen erneut zu heulen. Die Deutschen schickten „Doodlebugs“ (jetzt Drohnen genannt) – kleine Bomber, die von Robotern gesteuert wurden. Sie hatten eine Art rot blinkenden Schweif, und wenn man einen kommen sah, rannte man wie verrückt in die andere Richtung.

Da ich mich weigerte, in unseren Luftschutzkeller zu gehen, wurden Roxie und ich wieder in unser letztes Quartier geschickt. Unseren Eltern versicherte man, dass es ein modernes Haus mit einem Bad sei. Bis jetzt, auf dem Bauernhof, war es eine Wanne, die in der Nähe des Feuers stand und etwa alle zehn Tage mit heißem Wasser gefüllt wurde. Da ich die Kleinste war, bekam ich meistens das schmutzige Wasser, das die anderen übrig gelassen hatten – also freute ich mich auf dieses moderne Haus mit einem Bad.

Oh ja – die Enttäuschung war groß. Als ich die Treppe hinauflief, um das Badezimmer zu besichtigen, musste ich feststellen: Es war nicht so blitzblank, wie ich es mir erhofft hatte. Kein Wunder: Die Badewanne war schwarz, überfüllt mit Kohle. Mrs. Grey erklärte meinen Eltern: „Sie waren dumm, sie haben vergessen, uns einen Kohlenschuppen zu geben – und irgendwo muss man die Kohle ja lagern.“ Nun gut, zurück zu „Katzenwäsche und einem Versprechen“ – so fasste Dad zusammen, wie ich mich wusch. Duschen war in England noch ziemlich unbekannt. Vielleicht konnte man es im Buckingham Palace – ich hatte keine Ahnung …

Das Beste an diesem letzten Quartier war, dass Mrs. Grey ein winziges Baby namens Doreen und einen Ehemann, Fred, hatte, der auf dem nahegelegenen Luftwaffenstützpunkt arbeitete. Er war mit zwei jungen Fliegern befreundet und brachte sie mit nach Hause, um mit ihnen ein Bier zu trinken, Spaß zu haben und oft Fisch und Chips aus dem nahegelegenen Fisch- und Chipsladen zu essen. Diese waren in der Regel in Zeitungspapier eingewickelt. Es waren Kriegszeiten, es mangelte an den meisten Dingen, aber die Fischer waren tapfere Jungs, und in den nahegelegenen Meeren gab es noch reichlich Fisch. Was die Pommes frites angeht – sie sind ein fester Bestandteil der angelsächsischen Lebensweise, auch wenn die Amerikaner sie „French Fries“ nennen. Mrs. Grey freute sich, die beiden jungen Männer zu sehen, denn Kochen war nicht ihre Stärke. Jeden Sonntag bereitete sie eine Hammelkeule mit Pfefferminzsauce, Kartoffeln und Kohl oder Sprossen zu, gefolgt von „Afters“, einem Reispudding, der ebenfalls im Ofen mit Zucker und Milch gebacken wurde. Das reichte für die ganze Woche, bis Percy und Will kamen und wir Fish and Chips aßen, was uns alle in gute Stimmung versetzte.

Meine gute Singstimme blieb nicht unbemerkt, und während Mrs. Grey Doreen vor uns allen die Brust gab, setzte man mich auf einen Stuhl, und die Jungs brachten mir all die schmutzigen Liedchen bei, die sie mit den Kameraden auf der Basis sangen.

Ich lernte den Text auswendig wie ein Papagei und sang Lieder, die nicht halb so raffiniert waren wie Lale Andersens berühmtes Lied für die Streitkräfte, „Lili Marleen“, sondern eher wie „Lulu Lulu Working In A Knocking Shop“. Es ging ungefähr so:

„Some girls work in factories

Some girls work in stores

But Lulu worked in a knockin’ shop

with forty other whores

Oh, bash away Lulu bash away Lulu

Bash away good and strong

Boys what we gonna do for a

Good blow through

When Lulu’s dead and gone?“

Später, viel später, hörte ich die Les Humphries Singers dieses Lied im Radio singen, aber jedes Mal, wenn sie zu einem unanständigen Wort am Ende der Strophe kamen, schwiegen sie.

Gott sei Dank hörte ich es nur einmal im Radio. Danach wurde es sicher verboten.

Ich war ein kleines, unschuldiges Kind und sang zwei oder drei ähnliche Lieder, ohne zu wissen, was sie bedeuteten – ich freute mich einfach über das Lachen und den Applaus. Ich genoss es, ein Star zu sein. Roxie, das gute Mädchen, machte ernsthaft ihre Hausaufgaben und sagte nur manchmal, ich solle die Klappe halten!

Kapitel 12 – Mein Versprechen an Mum

Während andere Kinder an Masern, Mumps oder Windpocken erkrankten, bekam ich sie alle: zweimal Mumps und dreimal Masern. Ich hatte keine Ahnung, dass es, wie bei Heinz Tomatenketchup, etwa 57 verschiedene Sorten gab. Einmal, nach einer sehr schweren Magen-Darm-Grippe, nahm der Arzt meine Mami beiseite, um mit ihr ernsthaft über mich zu sprechen. Sie gingen in Mamis Schlafzimmer, ich schlich mich die Treppe hinunter und lauschte an der Tür. Mit meinen sieben Jahren war ich schon fast ein professioneller Lauscher. Der Arzt kannte meine Mami gut und wusste wahrscheinlich, dass sie sich Sorgen um meine zukünftige Gesundheit machte, die sie zu einem großen Teil schon vor meiner Geburt mitzuverantworten hatte. Er setzte seine vertraulichste Art auf.

„Machen Sie sich nicht so viele Sorgen um Ihre kleine Tochter. Sie ist zwar extrem empfindlich, aber ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass sie frische Orangen bekommt und von Skorbut verschont bleibt.“

Dieses letzte Wort verwirrte mich. Ich musste es in der Enzyklopädie nachschlagen, wo es hieß: „Eine Krankheit, die häufig bei Seeleuten auftritt und durch einen Mangel an Vitamin C verursacht wird.“

Ich freute mich fast, dass ich, ein Kind, kurz davor stand, eine schreckliche Krankheit zu bekommen, die normalerweise nur erwachsene Seeleute befällt.

„Aber“, fuhr der Arzt fort, „ihre Abwehrkräfte sind wirklich geschwächt. Versuchen Sie auch Karotten, um sie aufzubauen.“ Dann fügte er mit gesenkter Stimme hinzu: „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass sie körperlich nicht so stark ist, wie wir es uns wünschen. Sie muss ein sehr ruhiges und friedliches Leben führen und nicht versuchen, zu viel zu tun – dann wird alles gut.“

Nach einer Pause räusperte er sich und fuhr dann fort: „Ich werde dafür sorgen, dass sie Orangen und Zitronen bekommt. So, ich muss mich auf den Weg machen.“

Ich machte einen Abstecher zur Toilette, damit er mich nicht sehen konnte.

Nachdem er gegangen war, klopfte ich an die Schlafzimmertür meiner Mami und ging zu ihr. Ich sagte ihr ohne Umschweife, dass ich das Gespräch mit dem Arzt belauscht hatte.

„Sieh mal, Mum, mach dir keine Sorgen, er hat Unrecht. Ich mag körperlich nicht so toll sein, aber mein Kopf wird gewinnen. Ich werde eine internationale Sängerin. Ich werde an all diesen ,Far Away Places‘ auftreten, Mami, von denen Bing Crosby immer singt. Ich werde der Welt zeigen, dass man mit Gottes Hilfe an sich glauben muss. Mami, das ist meine erste richtige Entscheidung. Glaube an mich, Mami, und ich werde dich nicht enttäuschen, das verspreche ich.“

Mami sah mich mit einem seltsam entrückten Blick an. Sie nahm meine beiden Hände in die ihren und sagte mit belegter Stimme: „Ich werde zu dir halten, kleine Tootsie.“

Es dauerte fast weitere sieben Jahre, bis ich herausfand, warum.

Als ich vierzehn Jahre alt war, waren meine Mami und ich enge Freunde geworden – da gestand sie mir, wie sie versucht hatte, meinen Embryo loszuwerden.

„Als ich merkte, dass ich den Zeitpunkt verpasst hatte, las ich gerade ein Buch, in dem die Heldin ebenfalls schwanger war und glaubte, dass man sein Kind in vielerlei Hinsicht beeinflussen kann, wenn man es nur will. Ich beschloss, es zu versuchen. Ich wollte ein Mädchen, ein hübsches, glückliches und talentiertes Mädchen, das ein Leben hat, von dem ich nur träumen konnte. Das Schicksal hatte andere Pläne mit mir, und es fehlte der Mut, um meine Träume zu verwirklichen. Ich wollte ein starkes, mutiges Mädchen, das um die Welt reist, aber nicht als Hippie, sondern als Gesangsstar, der der ganzen Welt ein wenig Freude bereitet.“

Dieses plötzliche Geständnis bewegte mich zutiefst. Ich hatte einen Kloß im Hals und musste schlucken. „Mami, ich verspreche dir, dass ich mein Bestes tun werde, um dir wenigstens einige deiner Träume zu erfüllen.“ Und dann, fast zu mir selbst, sagte ich: „Das ist lustig – ich habe mich immer gefragt, warum ich genau wusste, was ich wollte, während andere Kinder, die dreimal so alt waren wie ich, nicht einmal wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen wollten. Mami, du hast es mir auf jeden Fall leichter gemacht.“

Kapitel 13 – Ferien in Wales

Unsere Familie bestand zu diesem Zeitpunkt im Allgemeinen aus Mami, Dad und Roxie, meiner Tante Cissie (Dads jüngste Schwester), ihrem Mann Onkel Ralph und ihrem Sohn, Cousin Dennis. Alle waren des Krieges überdrüssig geworden. Dad, der mit Lebensmitteln handelte, ging es nicht allzu schlecht. Einige meiner Onkel und mein zweiter Bruder wurden zur Armee eingezogen, und Mick Shaw, ein Kumpel von Theo, starb beim Beladen eines für Hamburg bestimmten Bombers durch eine Explosion. Frances war hauptsächlich tätig bei der ENSA Truppenbetreuung.

Dad schlug vor, dass wir alle nach Wales fahren sollten. Er hatte gehört, dass es dort, weit weg vom zerstörten London, sehr schön sei. Er wählte Llandudno – direkt am Meer. Es war wie ein schöner Traum. Wir fuhren mit dem Zug – ich, meine Mami, mein Dad und Roxie, Tante Cissie, Onkel Ralph und Cousin Dennis –, und ich glaube, Frances schloss sich uns an. Was mich am meisten an Wales faszinierte, war die walisische Sprache! Die Namen an den Bahnhöfen schienen alle aus etwa sechsundzwanzig Buchstaben zu bestehen, mit vielen Konsonanten und für uns absolut unaussprechlich. Die Landschaft war wild und malerisch, ganz anders als das geordnete England.

Dennis, Roxie und ich waren bekanntlich ein glückliches Trio. Wir versuchten unweigerlich, immer etwas Neues zu entdecken. Schließlich gelang es uns. Das faszinierende Objekt war ein großes neues Haus, das auf der anderen Seite des Strandes gebaut wurde. Wissbegierig, wie wir drei waren, fanden wir ein unverschlossenes Fenster, und obwohl Roxie (die älter war) Bedenken hatte, öffneten Dennis und ich in unserer kindlichen Unschuld – immer auf der Suche nach etwas Gewagtem – das Fenster, kletterten hinein, und flugs zogen wir Roxie mit. Das Haus war unmöbliert und offensichtlich noch nicht bewohnt, aber die Wasserleitung funktionierte bereits. Das erfuhren wir, weil Roxie, die Dennis und mich verlassen hatte, um auf der großen Tanzfläche des Ballsaals zu tanzen, einen Schrei ausstieß.

„Kommt und seht euch dieses wunderbare Badezimmer an!“

Ich hörte auf zu singen, und wir folgten Roxies Rufen. Das Bad war groß, alle Fliesen und Einrichtungsgegenstände leuchteten in Primelgelb, und es gab eine separate Dusche mit Glastür. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Toilette befand sich im Bad an der Wand, und daneben stand etwas, das Roxie faszinierte. Sie hatte bereits ihre Sandalen ausgezogen, das Wasser aufgedreht und saß auf dem Toilettendeckel. Nun stellte sie ihre Füße in das Wasser des „Fußbades“, in dessen Mitte eine kleine Fontäne sprudelte. Wie seltsam, so ein Fußbad zu haben, dachten wir, aber Roxie war der Meinung, dass es eine großartige Idee sei und praktisch dazu, auf der Toilette zu sitzen und sich gleichzeitig die Füße zu waschen.

Später klärte meine Mami mich darüber auf, dass man eine solche Einrichtung „Bidet“ nennt.

Übrigens: Bis zuletzt saß mein Mann Frank auf unserer Toilette und benutzte unser Bidet als Fußbad. Okay, man konnte immer nur einen Fuß hineinstellen, aber er meinte (wie damals Roxie), es sei sehr praktisch, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Im Handumdrehen hatte unsere Familie einen Stammplatz am Strand – die Älteren auf Liegestühlen, wir Kinder auf dem Sand sitzend und kniend, Burgen mit Wassergräben bauend, und ich mit einer Vorliebe für moderne Häuser mit Flachdächern.

Meinem Namen getreu war ich immer neugierig wie eine Katze auf die anderen Leute in unserem Hotel und am Strand. Ein Pärchen gefiel mir besonders gut: Es sah so glücklich aus. Das Mädchen schien immer ein anderes hübsches Sommerkleid zu tragen. Ich fragte mich, ob ihr Dad in der Textilbranche tätig war, denn alles war rationiert, vor allem Kleidung, für die man Bezugsscheine haben musste. Sie war hübsch, und auch ihr junger Mann sah gut aus, sie schienen immer Händchen zu halten, und manchmal gaben sie sich einen kleinen Kuss. Sie hatten sich viel zu erzählen und zu lachen. Alles in allem waren sie ineinander vertieft.

In der Nähe saß regelmäßig noch ein anderes Paar. Er versteckte sich immer hinter einer großen Zeitung und trug ein weißes, an den Ecken verknotetes Taschentuch gegen Sonnenbrand. Sie saß keck auf ihrem Liegestuhl und blickte ziellos auf das Meer und manchmal in ihre Zeitschrift, die sie aber nicht sonderlich zu interessieren schien. Sie wechselten kaum ein Wort miteinander, aber sie sahen auch nicht wirklich viel älter aus als die beiden Turteltäubchen. Ich war sehr neugierig.

Schließlich wandte ich mich an meine Mami. Flüsternd bat ich sie, sich die beiden Paare anzuschauen, und dann sagte ich: „Mami, warum sehen das Mädchen mit den schönen Kleidern und sein Freund so glücklich aus?“

„Na ja, Liebes“, sagte Mummy leise und lächelte, „all die schönen Kleider sind ihre Aussteuer, das ist ihr neuer Ehemann, sie haben gerade geheiratet, und Mr. und Mrs. Summers sind hier auf Hochzeitsreise.“

„Oh“, sagte ich, „aber das andere Paar, das nur ein paar Liegestühle weiter sitzt, sieht auch nicht älter aus, aber er liest und liest nur die Zeitung, und sie reden nicht einmal miteinander.“

Mami lachte und sagte: „Ach, Liebes, man sieht doch, dass sie schon ein paar Jahre verheiratet sind, und sie sind nur hergekommen, um sich von den Doodlebugs und Brotkörben zu erholen. Ihre Einstellung ist normal, man kann nicht immer in den Flitterwochen sein, weißt du.“

Ich hatte mich zu Mamis Füßen in den Sand gehockt. Jetzt stand ich auf und sagte mit fester Entschlossenheit: „Mami, ich will nie heiraten. Stattdessen möchte ich lieber viele Flitterwochen haben – und richtig glücklich sein.“

Mami kicherte – sie schien zu verstehen. Sie war Sternbild Zwilling, und in ihrem kleinen Körper schlummerten definitiv zwei gänzlich unterschiedliche Seelen. Was mich betrifft, so habe ich diese Entscheidung, die ich vor so vielen Jahren traf, nie bereut. Ich glaube daran, ein freier Geist zu sein, und wegen meines Wunsches nach Freiheit bin ich durchaus bereit, meinem Mann oder meinen Liebhabern Freiheit zu schenken – sie gehören nicht mir, sie gehören sich selbst, so wie ich mir selbst gehöre. Ich glaube nicht an Eheringe oder Heuchelei. Wenn du zu mir kommen willst, dann aus echtem Verlangen, aus Sympathie und Liebe – und nicht, Gott behüte, aus Pflichtgefühl.

Kapitel 14 – Ein siebenjähriger Rebell

Für die meisten Menschen auf der Welt ist die sieben eine Glückszahl. Für mich bedeutete sie etwas Besonderes. Ich war jetzt sieben Jahre alt und kein Kleinkind mehr, hatte das Menuett geleitet und viel Beifall erhalten, als unsere Klasse beim Kindertanzwettbewerb in unserem Konzertsaal den ersten Preis gewann. Es war ein schöner Preis für „ausgezeichnete Arbeit“, und sogar Mrs. Wand, unsere Klavierlehrerin, zeigte sich mit meiner Version des „Kleinen Spielmannes“ zufrieden.

Ich eilte die Treppe hinunter in die Halle, und dort stand das große Messingtablett mit den Geburtstagskarten und Geschenken. Ich öffnete eine Karte nach der anderen, und zu meinem Entsetzen waren die persönlich geschriebenen Botschaften fast alle identisch.

„In der Hoffnung, dass du in Zukunft ein besseres Mädchen sein wirst.“

„So eine Frechheit!“ Ich hätte fast geschrien: „Wie kann man nur so etwas auf jede Geburtstagskarte schreiben!“

Ich konnte verstehen, dass Mum & Frances das schrieben, denn jedes Mal, wenn ich eine Ohrfeige bekam, schlug ich zurück. Ich verhielt mich nicht so, wie sie es von mir erwarteten, ich lief nicht weg, und ich weinte auch nicht. Schließlich war ich eine Kämpferin, seit ich „festen Boden“ unter meinen zwei winzig kleinen Plattfüßen spürte. Mir wurde immer gesagt: „Kleine Mädchen sollte man sehen, aber nicht hören.“ Der Grund, warum Roxie diesem Beispiel folgte und so etwas schrieb, konnte nur meine Abneigung gegen ihre „aufregenden Mitternachtsfeste“ sein. Sie las „The Girls Crystal“, und anscheinend feierten die Schulmädchen ständig „Mitternachtsfeste“. Roxie liebte Schokolade, ich nicht! Ich bevorzugte scharfe Sachen und Essiggurken. Trotzdem brachte sie mich dazu, mit ihr auf „Schokoladentouren“ zu gehen. Das bedeutete, den Erwachsenen Pralinen, Schokoladenkekse und Waffeln zu klauen, wenn sie nicht hinsahen. Diese wurden dann versteckt, und ein paar Nächte später, wenn ich friedlich schlief, weckte sie mich und lud mich in ihr Bett ein, wo die ganze Schokoladenbeute ausgebreitet lag. Sie sagte, dies sei unser „aufregendes mitternächtliches Festessen“. Dann schlemmte sie, und ich gähnte und schlief ein, während sie mir zu erklären versuchte, dass dies das Richtige für echte ältere Schulmädchen sei. Mein Verhalten in diesen Nächten machte Roxie wütend. Offensichtlich hatte sie sich mit der Familie zusammengetan, um dem Wunsch Nachdruck zu verleihen, ich möge mich in Zukunft bessern und sogar um Mitternacht Schokolade essen. All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich die Geschenke öffnete, die alle in buntes Papier eingewickelt und mit Schleifen versehen waren. Zu meiner Freude gab es Spiele, ein magisches Malbuch und ein Schablonenset – und dann Puppen und Puppen. Ich hatte bereits sechzehn und bevorzugte meine zwei Teddybären. Bei meiner Teeparty mit meiner jüngeren Familie, Mami und Dad, meiner besonderen Tante Sally, Onkel Jay und einigen ausgewählten Freunden stand ich auf und hielt meine erste Rede. Ich bedankte mich bei allen und fuhr dann fort: „Ihr nennt mich eine Rebellin, weil ich mich nicht so verhalte, wie es von den meisten siebenjährigen Mädchen erwartet wird. Nun, ich denke anders!“

Dann machte ich deutlich, dass ich keine weiteren Geschenke wollte. Ich wünschte mir stattdessen, dass sie ihr Geld sparten (und das galt vor allem meinen Eltern), aber wenn ich in die Pubertät käme und meine kindliche Stimme sich veränderte, könnte ich Gesangsunterricht bei einem wirklich professionellen Gesangslehrer nehmen. Darüber hatte ich bereits in einem Sachbuch in unserer örtlichen Bibliothek gelesen. Man musste damit bis nach der ersten Periode (Menstruation) warten.

Ich fügte hinzu: „Ein nettes Geschenk von euch allen zusammen wäre schön – aber ich möchte unbedingt Sängerin werden.“

Ich erinnere mich nicht mehr, wie die Familie und Freunde damals auf diese Aussage reagierten, aber Frances, die bereits in vielen Musicals und Weihnachtspantomimen auf der Bühne gestanden hatte, vermittelte mir mit elfeinhalb Jahren einen bekannten Gesangslehrer, sodass ich kurz vor meinem zwölften Lebensjahr mit dem Gesangsunterricht beginnen konnte.