Eisenhut und Hühnerfuß - Susan Szabo - E-Book

Eisenhut und Hühnerfuß E-Book

Susan Szabo

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Beschreibung

Der autistische Florian spricht nicht und lebt in einer ganz eigenen Welt. Dennoch ist er der Liebling von Carla, seiner Erzieherin, die in ihm eine ganz besondere Herausforderung sieht. Vergebens versucht sie, ihn zum Sprechen zu bringen. Doch seine Begabung liegt woanders, er entwickelt sich zu einem genialen Künstler. Nicht zuletzt deswegen wird Carlas Freund Oliver auf Florian eifersüchtig. Carla muss sich entscheiden, ob sie lieber zu Florian oder zu Oliver hält. Ihr Entschluss hat tragische Konsequenzen.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Eisenhut und Hühnerfuß

Aus dem Leben eines Autisten

Roman

Susan Szabo

Erstausgabe im Februar 2018

Alle Rechte bei Verlag/Verleger

Copyright © 2018

Fehnland-Verlag

26817 Rhauderfehn

Dr.-Leewog-Str. 27

www.fehnland-verlag.de

Coverdesign: Scandals under cover; unter Verwendung eines Bildes von desertsands@Fotolia

Inhalt

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Epilog

1

Carla fie­berte ihrer An­kunft ent­gegen. Sie hatte darauf be­stan­den, Flo­rian zu über­nehmen. Schließ­lich hatte sie sich durch­ge­setzt, sie sollte ihre Chance be­kommen. Der VW-Bus bog in die ge­schot­terte Zu­fahrts­straße ein, und es knirsch­te unter den Rädern. Auf­gewir­belter Staub pu­derte Gräser, Schaf­garbe und Klatsch­mohn asch­grau. End­lich er­reich­ten sie die ge­teerte Straße und fuhren im Schritt­tempo einige Meter weiter, bis sie vor einem wetter­gegerb­ten Haus stehen blie­ben. Carla schwang sich vom Bei­fahrer­sitz, nahm ihren Koffer und winkte zum Ab­schied dem Kolle­gen, der sie am Bahn­hof ab­geholt hatte. Sie atmete tief ein und lächel­te, weil sie den ver­trau­ten Stall­mist­geruch fast wie den Duft eines kost­baren Par­füms ge­noss. Dann strich sie ein paar Haar­sträh­nen hin­ters Ohr und lief ent­schlos­senen Schrit­tes zum Haus, den Koffer hinter sich her­zie­hend.

Aus der Küche klang Dereks ble­cherne Stimme. »Des­halb warst du plötz­lich so nervös. Du hast den Wagen ge­hört, du Schlau­meier, hörst und siehst alles.«

Sprach er mit Flo­rian?

Bald dräng­te sich ihr ein Reigen fröh­licher Men­schen ent­gegen, Derek voran. Alle be­grüß­ten sie, jeder auf seine Art, manche mit einem Wort­schwall, andere mit stil­lem Lä­cheln. Bis auf den einen, der miss­trau­isch um sich blick­te. Das also war Flo­rian. Ganz hinten neben Kers­tin stand er und drück­te sich gegen die Wand. Keines­falls durfte sie ihn er­schre­cken. Also tat sie vor­läufig so, als sähe sie ihn nicht.

Derek fragte, ob sie einen schö­nen Urlaub ge­habt habe. »Ja, wunder­bar«, sagte sie und fügte noch ein paar Worte über das Wetter hinzu. Was für Be­denken hatte sie ge­habt, als dieser Zivi mit seinem salop­pen Be­nehmen an­gefan­gen hatte. Doch Derek wurde trotz seiner schrä­gen Art eine echte Stütze.

Kevin, fünf­zehn­jährig und größer als Carla, warf seine Arme um sie, drück­te sie fest an sich und ließ sie nicht wieder los. Sie tät­schelte seinen Rücken und ver­suchte erst ein­mal nicht, sich aus seiner Um­klamme­rung zu lösen.

Flo­rian be­obach­tete das Ge­sche­hen mit weit auf­geris­senen Augen. Wieder und wieder sah er auf die beiden, hielt den An­blick nicht aus und blick­te zum Boden. Schließ­lich be­freite sich Carla aus Kevins Um­armung. »Derek, möch­test du mir nicht unse­ren neuen Jungen vor­stel­len?«

»Komm, Flo­rian, wo steckst du denn?«, bellte Derek.

Flo­rian rührte sich nicht, also nahm ihn Kers­tin bei der Hand und be­glei­tete ihn. Er schau­te zur Seite, gab Carla jedoch die Hand. Seine schlaf­fe, kurz vorm Bauch ge­hal­tene Hand war weich und kühl. Als sie »Hallo, Flo­rian!«, sagte, schoss er ihr einen Blick zu und zuckte zurück, als hätte er sich an ihrem Ant­litz ver­brannt. Trotz­dem ge­lang es ihr, schnell in seine Augen zu sehen. Sie waren scheu und wach­sam zu­gleich, und sie schie­nen zu flehen, tue mir nicht weh! Dann ging er auch schon wieder nach hinten.

Der Holz­boden knarr­te. Un­auf­halt­sam rückte Ben näher an Carla heran, als wolle er sie wie eine Dampf­walze über­rollen. Das erste Mal, als er so auf sie zu­gekom­men war, hatte sie auf­gehört zu atmen. Wollte er ihr die Kehle zu­drü­cken? In­zwi­schen wusste sie, Ben konnte nie­mandem etwas zu­leide tun. Für die so­ziale Dis­tanz, die Men­schen ge­mein­hin unter­einan­der ein­hiel­ten, hatte er aller­dings gar kein Ge­spür. So blieb er erst eine Hand­breit vor ihr stehen und sagte: »Ach, Carla, ohne dich ist das Leben öde und leer.«

Eine solch raffi­nierte Rede­wen­dung hatte sie noch nie von ihm ge­hört. Sie habe ihn auch sehr ver­misst. »Ohne euch alle ist auch mein Leben öde und leer.«

Das war keine Über­trei­bung. Am An­fang eines jeden Urlaubs fiel sie für ge­wöhn­lich in ein tiefes Loch. Ohne ihre Jungs fühlte sie sich so nutz­los wie die tote Spinne mit den ein­geknick­ten Beinen, die sie in ihrem Strand­korb ent­deckt hatte. Nur hier in Wald­heim war sie die Carla mit den hel­fenden Händen, nur hier war das Leben sinn­voll.

Nun blick­te sie Ben mit ge­spitz­tem Mund an, und sie wusste schon, was er gleich fragen würde. »Wann bist du ge­boren?«

Das habe sie ihm doch oft genug ge­sagt. Ben blieb hart­näckig und wieder­holte die Frage, wäh­rend Derek die Augen rollte. Carla lächel­te. »Okay. Drit­ter Juli, 1969.« Ben wieder­holte das Datum und stell­te die glei­che Frage noch ein­mal. Das ging ein paar Mal so hin und her, bis sie sagte: »Okay, Ben, jetzt weißt du’s.« Darauf­hin mar­schierte Ben zu Flo­rian und blieb erst stehen, als sich die beiden Nasen­spit­zen fast be­rühr­ten. Laut for­derte er ihn auf, sein Ge­burts­datum zu nennen. Flo­rian sprang einen Schritt zurück, schrie auf und lief davon.

»Mensch Ben, das hast du ihn schon mal ge­fragt. Der wird dir nie ant­worten, der kann doch nicht spre­chen!«, mahnte Derek.

Spät­abends stand Carla am Fens­ter ihres Dach­zim­mers und blick­te hi­nunter auf Wald­heim. Eins nach dem ande­ren gingen die Lich­ter in den Wohn­häu­sern an, wäh­rend Schul­haus und Ge­mein­schafts­zen­trum dunkel blie­ben. Der Mond weißte den Glo­cken­turm, ein frei­ste­hender, fla­cher Beton­rahmen mit drei über­einan­der hän­genden Glo­cken. Carla hatte sich in­zwi­schen mit diesem modernis­tischen Turm an­gefreun­det, sowie auch mit den ande­ren Wald­heimer Bauten. Viele davon hatten über­bor­dende Dächer, ver­steck­te Ein­gänge und asym­metri­sche, zu­meist fünf­eckige Fens­ter.

Sie wandte sich vom Fens­ter ab. Die Vor­hänge zog sie nicht zu. So konnte sie von ihrem Bett aus den Ster­nen­himmel be­trach­ten, der in Wald­heim so hell leuch­tete, wie nir­gend­wo anders. Nur wenn sie unter diesen end­los vielen Ster­nen schlief, hatte sie schöne Träume. Im Urlaub da­gegen waren nachts ganze Scha­ren von Dämo­nen aus dem Meer ge­stie­gen und hatten ver­sucht, sie zu sich hi­nunter­zu­ziehen. Schau­ernd zog sie die Decke bis zur Nase.

Sie war froh, wieder an ihrem Arbeits­platz zu sein, der zu­gleich ihr zu Hause war. Wie schnell die Zeit ver­gangen war, seit­dem sie vor zwei Jahren hier an­gefan­gen hatte. Im Jahre 1992 hatte sie ein halbes Jahr lang in einer ande­ren Ein­rich­tung ge­arbei­tet, in der so gut wie alle Be­treu­ten mit Psycho­phar­maka ruhig­ge­stellt und einer ein­töni­gen Rou­tine unter­worfen waren. Das muss doch anders gehen, dachte sie und suchte nach Alter­nati­ven, bis sie die Wald­heimer Stel­len­an­zeige ent­deckte.

Zu­nächst, beim Vor­stel­lungs­ge­spräch, war sie er­schro­cken ge­wesen. Ein jeder würde sein nächs­tes Leben auf der Stufe begin­nen, die er vor seinem Tode er­reicht hatte, be­lehrte sie Dr. Weiß­müller. In­zwi­schen fand Carla diese Vor­stel­lung vor­teil­haft für ihre Arbeit. Viel­leicht war sie auch gar nicht so ab­wegig. Wenn es schon ein Leben nach dem Tode, also eine un­sterb­liche Seele geben sollte, warum dann nicht ein Leben nach dem ande­ren, jedes Mal in einem neuen Körper?

Als Stu­dentin hatte sie einen klei­nen autisti­schen Jungen wäh­rend ihres Prakti­kums be­treut. Erst gegen Ende der zehn Wochen war es ihr ge­lungen, seine Mauer aus Miss­trauen und Angst ein Stück weit zu durch­bre­chen. Das Kind hörte auf, sie weg­zu­schub­sen oder gar zu beißen, und ab und zu ließ es sich von ihr sogar an die Hand nehmen. Auch mit Flo­rian würde es nicht ein­fach sein, aber sie war zu­ver­sicht­lich.

Tief nach vorne ge­beugt stand Flo­rian am Garten­tisch und rieb be­harr­lich über ein und die­selbe Stelle. Schon eine Weile hatten sie ihn durch die offene Tür be­obach­tet, bis es Kers­tin nicht mehr aus­hielt und hinaus­ging. »Flo­rian, du sollst doch den ganzen Tisch wi­schen.« Aber es nützte nichts. Er blick­te auf, hielt kurz inne und fuhr dann un­ver­dros­sen fort. »Okay, dann wird die Stelle halt be­son­ders sauber.« Kers­tin kam zurück und seufz­te. Auch bei der Küchen­arbeit sei er nicht zu ge­brau­chen. »Der schäl­te die Kar­toffel die ganze Zeit nur an einer ein­zigen Stelle.« Selbst zu den ein­fachs­ten Tätig­keiten müss­ten sie ihn an­leiten.

Carla press­te die Nasen­flügel zu­sammen und schnief­te. Hatte Kers­tin über­haupt nichts Gutes über Flo­rian zu sagen? Sie war eine er­fah­rene Heil­erzie­herin. Sie müsste doch wissen, dass sie keines­falls einem Schütz­ling ein schwar­zes Eti­kett an­heften durfte.

»Wie kannst du nur so nega­tiv über ihn reden? Du musst ihn doch so an­nehmen, wie er ist. Er arbei­tet ja un­unter­bro­chen, er be­müht sich doch!« Sie sah ihn eine Weile wieder an und lächel­te dann. »Ich glaub, es steckt mehr in ihm, als man denkt.«

»Er sieht gut aus, nicht wahr, mit all den schwar­zen Locken. Er hätte Schau­spie­ler werden können«, meinte Kers­tin dann ver­söhn­lich.

Carla stimm­te ihr zu, auch sie fand den Jungen attrak­tiv. »Komm Flo­rian, bring den Lappen zurück in die Küche.« Er folgte sofort, mit langen, hüp­fenden Schrit­ten, wobei er jedoch einen Bogen um sie machte.

Auch an den fol­genden Tagen rannte er immer schnell an ihr vorbei. Manch­mal blieb er dabei stumm, viel­fach stieß er hohe heu­lende Laute aus. Oft ver­steck­te er sich in der Toi­lette und kam erst wieder heraus, nach­dem sie weiter­gegan­gen war.

»Er braucht dich nicht ein­mal zu sehen, be­vor er die Flucht er­greift«, be­merkte Derek. »Es ge­nügt, dass er deine Schrit­te hört.« Kannte er das Klack­sen ihrer Schuh­sohlen auf den Holz­dielen, das sich gering­fügig von dem der ande­ren unter­schied? Den be­sonde­ren Rhyth­mus ihres Gangs? Nur wenn es nicht anders ging, zum Bei­spiel bei den Mahl­zeiten, hielt er sich in ihrer Nähe auf. Warum hatte Flo­rian aus­gerech­net vor ihr Angst?

Als Flo­rian die große Küche mit den hellen Holz­möbeln und den bunten Sitz­kissen be­trat, die Küche also, worin alle ande­ren sich wohl­fühl­ten, blieb er mitten­drin stehen. Seine Augen feuer­ten Blicke ab, als woll­ten sie Feinde ab­wehren. Auch seine Mit­bewoh­ner, die be­reits am Tisch saßen, wurden von einem fins­teren Blick ge­trof­fen. Kers­tin grüßte ihn, doch er sah nicht sie an, son­dern den Wasser­kocher in ihrer Hand.

Schon wieder guckt er auf ein Ding an­statt auf einen Men­schen, dachte Carla und seufz­te. Den­noch meinte sie, ihn ein Stück weit zu ver­stehen. Ja, Flo­rian, Men­schen fin­dest du un­durch­schau­bar und un­bere­chen­bar, das sind sie manch­mal auch, aber doch nicht immer.

Zöger­lich, wie zur Flucht bereit lief Flo­rian dann doch zu dem Ess­tisch. Als er ihn er­reich­te, hielt er inne und ver­schob die Salz- und Pfef­fer­streuer. Genau dort hatten sie am vori­gen Morgen ge­stan­den. Flo­rian nahm selbst die kleins­ten Ver­ände­rungen in seiner Um­gebung wahr, und sie stör­ten ihn. So musste man den Roll­laden in seinem Zimmer immer so he­runter­lassen, dass ein hand­brei­ter Spalt offen­blieb, über einen brei­teren oder einen schma­leren regte er sich auf.

Seinen Milch­kaffee trank er in einem Zug aus. Danach press­te er eine erbsen­große Menge Butter auf sein Bröt­chen, biss hinein und kaute lang­sam. Wieder und wieder ver­suchte Carla, seinen Blick zu er­ha­schen, doch er ließ ihn durch den Raum zap­peln, als ver­folge er eine Fliege. Wenn er sie doch nur an­schau­en würde.

2

Sehn­süch­tig sah Flo­rian zu, wie die ande­ren Jungen Ball spiel­ten und sich einan­der fröh­lich zu­riefen. Er ging nicht zu ihnen, son­dern hockte am Rand des Gar­tens und pulte mit einem Stöck­chen im Rasen. Nie­mand rief nach ihm, und von selbst ging er nie­mals auf Leute zu. Wie ein Ge­fange­ner blieb er in seiner Welt und fand nicht aus ihr heraus.

Es tat Carla weh, ihn so ein­sam zu sehen. Sie wollte zu ihm gehen, mit ihm spie­len und schließ­lich für seine Auf­nahme in der Gruppe sorgen. Sie tat es nicht, denn er würde vor ihr flie­hen. Das hatte sie oft genug er­leben müssen. Doch er würde sich ändern, da war sie sich sicher. Der Drang sich zu ent­wi­ckeln, mit dem jeder Mensch ge­boren wird, war auch ihm in die Wiege ge­legt worden. Bei ihm dau­erte alles nur sehr viel länger.

Seine Furcht vor ihr blieb eine rie­sige Hürde.

»Ich glaub, er hat Angst vor deinen roten Haaren«, meinte Derek. Solche Haare habe er be­stimmt noch nie ge­sehen. Oder viel­leicht habe er mal jeman­den mit roten Haaren ge­kannt, den er nicht mochte. Carla und Kers­tin hiel­ten nichts von dieser Hypo­these. Doch so schnell wollte sie Derek nicht fallen lassen. »Auf die Haare guckt er immer ganz genau.«

»Ach, Quatsch«, sagte Kers­tin und drehte sich zu Carla. »Ich glaub ich weiß, was es ist.« Dann redete sie aber nicht gleich weiter.

»Na, sag schon!«

Kers­tin holte tief Luft. »Es stört ihn, dass du ihn immer an­schaust.«

Carla schluck­te. »Was? Tue ich das?«

»Ja«, sagten Kers­tin und Derek gleich­zeitig.

Carla musste ein­sehen, dass sie recht hatten. Es hatte keinen Sinn, es zu leug­nen. Jede seiner Regun­gen, jede Stim­mungs­schwankung, jede Vor­liebe und Ab­nei­gung kund­schaf­tete sie aus. »Wir haben noch nie einen Autis­ten be­treut. Ich ver­suche, ihn zu ver­stehen.«

»Du ver­suchst, ihn zu ver­stehen? Den kann man nicht ver­stehen.« Derek grins­te. »Gib’s doch zu, du hast ein­fach einen Narren an ihm ge­fres­sen.«

Der Zivi konnte ganz schön frech sein. »Natür­lich mag ich ihn. Das ist die Voraus­set­zung dafür, mit jeman­dem arbei­ten zu können.«

Seit fast einer Stunde lag Carla wach im Bett und starr­te auf den Sichel­mond, der wie das weiße Segel eines un­sicht­baren Schiffs von Ost nach West zog. Norma­ler­weise schlief sie schnell ein, doch an diesem Abend kam sie nicht zur Ruhe. Sie hatte ver­sucht, dis­kret zu sein, aber Autis­ten merk­ten alles. Ihre über­trie­bene Auf­merk­sam­keit ent­ging Flo­rian nicht und ängs­tigte ihn. Sie sah keinen ande­ren Weg, als ihn weni­ger zu be­achten. Nur so konnte sie ihm helfen, seine Scheu vor ihr zu über­winden.

Sie blieb wach, und doch be­gann sie zu träu­men. Flo­rian würde sich wan­deln und be­grei­fen, dass Men­schen wich­tiger sind als Sachen, und dass es Sinn macht, mit ihnen zu kommuni­zieren. Flo­rian würde spre­chen!

Da er ihr noch immer aus dem Weg ging, blieb Derek sein Bezugs­betreu­er. Er machte seine Sache gut, ob­wohl er manch­mal etwas frag­würdige Metho­den an­wen­dete. Zum Bei­spiel die eine Gute-Nacht-Geschich­te. Eines Abends blieb Carla hinter Flo­rians schlitz­breit offe­ner Tür stehen und hörte, wie Derek erzähl­te.

»So, und jetzt wird dir der Mär­chen­onkel eine tolle Geschich­te erzäh­len. Da war ein­mal ein junger Mann, und der hieß … der hieß Ke­red«, be­gann Derek. »Ke­red ging gerne in die Disco. Dort schluck­te er meist meh­rere E’s, und dann dachte sein Hirn High­speed. Doch ein­mal nahm er ein paar zu viele Raver-Zu­ckerln. Aber das war nicht alles. Er nahm auch eine Nase nach der ande­ren. Und was pas­sierte?« Hie­rauf machte er eine kurze Pause. »Komm, du musst nicht die Decke bis zur Nase hoch­ziehen, so gruse­lig ist die Geschich­te auch wieder nicht. Also, was pas­sierte, eh?«, wieder­holte er. »Weißt du nicht? Ke­red ist abge­schis­sen, und der Kran­ken­wagen musste kommen. Kreis­lauf. Hätte ster­ben können. Und die Moral von der Geschich­te ist, er be­schloss, nie wieder so viele Pillen zu nehmen. Das ganze Leben mit einem zer­fres­senen Ge­hirn und De­pris, das wollte er nicht.«

Leise trat Carla ein paar Schrit­te zurück. »Du ver­stehst alles, nicht wahr? Ich glaub, du bist in Wirk­lich­keit hoch­intel­ligent. Du ver­stellst dich nur«, sagte der Zivi, wünsch­te ihm eine gute Nacht, lösch­te das Licht und kam aus dem Zimmer.

»Hast du mit ihm ge­betet?«, flüs­terte Carla.

»O ja, ge­betet. Wir haben ganz viel ge­betet.«

Beide lächel­ten.

Zwei Jungen kehr­ten aus dem Urlaub in ihrer Fami­lie zurück. Der eine hieß Jan und war ob­wohl im glei­chen Alter viel klei­ner als die ande­ren Jungen. Ins­beson­dere sein Kopf schien einem klei­neren Men­schen als ihm selbst zu ge­hören. Sein Mund glich dem eines Grei­ses, denn er hatte so gut wie keine Ober­lippe. Nun be­wegte sich der ober­lippe­nlose Mund, wäh­rend Jan von einem Be­such im Zoo erzähl­te und alles mehr­mals wieder­holte. Flo­rian warf ihm fins­tere Blicke zu.

Stefan, der zweite Rück­kehrer, war pumme­lig, hatte eine platte Nase, Mandel­augen und so gut wie gar keinen Hals. Flo­rian sah aus siche­rer Ent­fer­nung zu, wäh­rend Ben ihn mit seiner Ge­burts­datum­fra­ge be­hel­ligte. Stefan sah sein fett­leibi­ges Gegen­über un­erschro­cken an und nannte Tag und Monat seiner Ge­burt: »Thec­the Thu­ni.«

»Jawohl, sechs­ter Juni«, über­setzte Carla.

Als Flo­rian am nächs­ten Morgen in die Küche kam und Jan und Stefan am Tisch sitzen sah, ließ er einen gel­lenden Schrei los.

»He! Was ist das für ’n Be­grü­ßung? Du machst mich noch wahn­sinnig«, fuhr Derek hoch. »Nur weil zwei Kerle hinzu­gekom­men sind, musst du doch nicht deine Sirene an­schmei­ßen! Warum bin ich nicht ins Alters­heim ge­gangen, warum, warum? Dort ist’s be­stimmt toten­still.«

Das Ge­schimp­fe half nicht gerade, Flo­rian zu be­ruhi­gen. Blitz­schnell schnapp­te er sich ein Glas vom Tisch und warf es durch die Küche. Es zer­schell­te neben Kers­tins Fuß, die gerade am Herd stand und Rühr­eier kochte.

Carla kam einen Augen­blick später in die Küche, sah die er­schro­ckenen Ge­sich­ter und wurde von Ben mit ein­dring­licher Stimme auf­ge­klärt. Sie musste nicht lange über­legen, was zu tun war. Zu­erst bat sie Flo­rian, die Scher­ben auf­zu­kehren, dann schick­te sie ihn in sein Zimmer, er solle dort allein essen, unter Dereks Auf­sicht.

Wäh­rend sie früh­stück­te, grü­belte Carla nach. Nun be­gann Flo­rian also doch zu zeigen, was alles in ihm steck­te. Derek kam zwar mit ihm zu­recht, machte aber keine Fort­schrit­te. Ganz im Gegen­teil, Flo­rian war schwie­riger ge­worden und schrie auf, sobald ihm etwas nicht passte. Viel­leicht spürte Flo­rian, dass sie ihn aus seiner ab­geschie­denen Welt heraus­holen wollte. War das sogar der Grund, wes­halb er sie mied? Wo­mög­lich wollte er an seiner be­sonde­ren Welt fest­halten, weil er sich immer­hin in ihr zu­recht­fand. Eine ein­same, be­schränk­te Welt zwar, aber den­noch die seine, die ein­zige, die er kannte. Es schien ihr dring­licher denn je, end­lich Flo­rians Bezugs­betreue­rin zu werden.

Auch das Mittag­essen nahm Flo­rian in seinem Zimmer ein. Kopf­schüt­telnd sah Derek zu, wie er eine win­zige Menge Soße mit der Gabel müh­sam von den Band­nudeln ab­schab­te und in den Mund schob. Er dürfe die Soße zu­sammen mit den Nudeln essen, be­lehrte ihn Derek. Flo­rian lächel­te und aß alle Nudeln samt Soße auf. Doch danach war wieder eins nach dem ande­ren an der Reihe. Zu­erst das ganze Fleisch, dann sämt­liche Erbsen und schließ­lich die ver­blie­benen Karot­ten.

»Ach, Flo­rian, was bist du für ’n komi­scher Vogel«, meinte Derek. »Sonst bist du ein Chaot, und dann beim Essen bist du so pinge­lig.«

Am Abend durfte Flo­rian wieder in die Küche. Doch nach wie vor saßen Jan und Stefan am Tisch, und darauf re­agierte er wieder mit einem mark­erschüt­ternden Schrei. Dies­mal jedoch stand Stefan auf, trat mit ge­hobe­nem Zeige­finger ganz nah an ihn heran und mahnte: »Bith jeth till!« Flo­rian starr­te ihn ver­blüfft an und ging dann an­stands­los zu seinem Platz. Stefan setzte sich forsch neben ihn. Flo­rian blieb vor­erst still und schau­te ab und zu ver­stoh­len nach Stefan. Der Pud­ding wurde ser­viert, und Flo­rian ver­schlang ihn im Nu, was un­gewöhn­lich war, da er sonst lang­sam aß. Mit Deuten und Brum­men ver­langte er dann nach mehr. »Bith jeth till! Hath ohn enuk«, wies ihn Stefan zu­recht. Flo­rian ver­stumm­te sofort.

Auch an den fol­genden Tagen nahm Stefan wie selbst­ver­ständ­lich neben Flo­rian Platz und schenk­te zu­erst ihm und erst danach sich selbst Früch­te­tee ein. Als Derek dann das Essen ver­teilte, reich­te ihm Stefan nicht nur den eige­nen Teller, son­dern auch Flo­rians. Wäh­rend der Mahl­zeit redete Flo­rians extro­vertier­ter neuer Freund auf ihn ein, als würde er gar nicht merken, dass dieser nie antwor­tete. Es stimm­te auch nicht ganz, dass er keiner­lei Ant­wort be­kam. Flo­rian strahl­te ihn an.

3

Das Tele­fon klin­gelte, und es mel­dete sich eine Person, mit der Oliver nie ge­rech­net hätte. Ina Krug. Seit der Abi-Feier hatte er sie nicht mehr ge­sehen. Sie be­suche gerade ihre Eltern und würde ihn gerne tref­fen.

Die Blässe wich aus seinem Ge­sicht. »Wär’ toll. Würde es dir morgen Nach­mittag passen?«

Ina wollte ihn wieder­sehen. War sie denn wieder solo? Er tausch­te seine Pantof­feln gegen auf Hoch­glanz polier­te Schuhe ein und pfiff das Hit­mo­tiv aus Whit­ney Hous­tons »I will al­ways love you«. Er sah Ina noch, wie sie vor ihm in die Schule lief. Ein wehen­der Vor­hang flachs­blon­des Haar, ein super­runder Po in engen Jeans. Doch wäh­rend er sich tage­lang über­legte, wie er sie an­spre­chen sollte, schnapp­te sie ihm ein ande­rer weg.

Hastig zün­dete er sich eine Ziga­rette an. Wie lange es doch schon her war, seit­dem er sich mit einer Frau ge­trof­fen hatte. Monate­lang. Und seit­dem er mit einer ge­schla­fen hatte? Vor zwei Jahren. Seine Traum­frau tauch­te ein­fach nicht auf. Er meinte, in Ger­ma­tin­gen alle zu kennen, die in Frage kämen, und mit keiner konnte er sich vor­stel­len zu­sammen­zu­blei­ben. Als Hote­lier traf er natür­lich auch Frauen von anders­wo, doch in­zwi­schen sprach er nur selten eine an. Selbst wenn eine Allein­rei­sende keinen Ehe­ring trug, war sie zu­meist schon ge­bunden. Nicht selten machte ihm ein Zimmer­mäd­chen schöne Augen. Aber mit Opportu­nistinnen und Auf­steige­rinnen ließ er sich nicht ein, und ein One-Night-Stand war schon gar nicht sein Ding.

Er sah auf seine Uhr, seufz­te und fuhr mit der Hand übers Kinn. Rasie­ren musste er sich noch. Er nahm noch einen letz­ten Zug und pus­tete Rauch gegen sein Spie­gel­bild, der gleich ver­puffte, als wüsste er nicht wohin. Er dachte an seinen Groß­vater, einen Meis­ter des Rauch­ring­bla­sens, und wie seine Ringe in Form geheim­nis­voller Zei­chen in der Luft ge­schwebt waren. Wie gerne er diese Kunst von ihm ge­lernt hätte.

Als er das Restau­rant be­trat, stand seine Mutter auf ihrem Posten hinter der Theke. Bis jetzt sei nicht viel los. Er nickte, nur ein Tisch war be­setzt. Seine Mutter räus­perte sich.

»Hast du vor, morgen in deinem Ate­lier zu arbei­ten?«

»Warum?«, fragte er miss­trau­isch.

»Na ja, ich hab diese Decken­lampe ge­kauft.«

»Und du willst, dass ich sie mon­tiere. Tut mir leid, morgen geht’s nicht. Ich hab Be­such.« Keines­falls wollte er vor Inas Be­such schwit­zend auf einer Leiter stehen.

Seine Mutter hob die Brauen. »Oh, aber nicht von einer Dame?«

»Ja, doch.«

»Mein Junge, du glaubst nicht, wie mich das freut. Du musst doch end­lich ein Mädel finden.« Sie grins­te breit, zeigte ihre Zähne, als wollte sie ein Stück Mädel ab­beißen. »Heira­ten sollst du, und Kinder krie­gen!«

Das war nicht das erste Mal, dass sie auf diese dreis­te Art ihre Vor­stel­lungen über seine Zu­kunft kund­tat.

Ina war noch immer attrak­tiv, hatte aber in­zwi­schen kurze Haare. Oliver schlug einen Spa­zier­gang vor. Das schien ihm der beste Weg, zwang­los einan­der näher zu kommen. Also schlen­derten sie die Ufer­prome­nade ent­lang und be­obach­ten, wie krei­schende Möwen die Wasser­ober­fläche als Ab­flug- und Lande­bahn be­nutz­ten. Wäh­rend der See sein silb­rig funkeln­des Kleid gegen ein glat­tes, zart türki­ses tausch­te, unter­hiel­ten sie sich über ihre Schul­zeit. Ina er­in­nerte sich an die Thea­ter­ku­lisse, die Oliver für Die Physi­ker ent­worfen hatte.

Dass sie das noch wusste. Er blieb stehen, drehte sich zu ihr und sah in ihr hüb­sches Ge­sicht, um das er am liebs­ten gleich seine Hände ge­legt hätte. »Ach, das war nichts gegen diese Irren­ärztin, die du ge­spielt hast.«

Sie liefen weiter, und Oliver fragte Ina, was sie in letz­ter Zeit mache. Sie wohne in Frei­burg und sei Apo­theke­rin ge­worden. Hier in Ger­ma­tin­gen stehe jetzt die Kur-Apo­theke zum Ver­kauf, das sei ihr Traum, end­lich eine eigene Apo­theke zu leiten.

»Ihr habt seit Ewig­keiten euer eige­nes Ge­schäft. Es scheint gut zu laufen, das Hotel, ist ja immer voll.«

»Ich kann mich nicht be­schwe­ren«, sagte er, »eigent­lich sollte ich glück­lich sein.« Natür­lich wollte sie wissen, warum das nicht der Fall sei. »Ich mag nicht Hote­lier spie­len. Aber ich hatte keine Wahl. Meine Eltern hatten schon immer von mir er­wartet, dass ich das Hotel über­nehme.« In Wirk­lich­keit habe man immer eine Wahl, ent­geg­nete sie. Er stieß ein ge­quäl­tes Lachen hervor. »Eine Wahl? Was bist du für eine Existen­zialistin.«

»Na ja, ich meine nur, du bist doch ver­ant­wort­lich für das, was du machst.«

Ja, das wusste er, auch wenn er selten darü­ber nach­dachte. Wenn er sich anders ent­schie­den hätte, wäre er jetzt ein ande­rer Mensch.

»Du hast recht. Als junger Mensch hatte ich nicht genug Mut.«

»Mut, um was zu tun?«

»Um Kunst zu stu­dieren.«

»Aha, darin wärst du be­stimmt auch gut ge­wesen. Aber es ist ein schö­nes Hotel in herr­licher Lage, in­so­fern hast du Glück.«

Sie setz­ten sich auf eine Bank und schau­ten einem alten Mann zu, der von einem Boots­steg aus Schwä­ne füt­terte. Die Vögel streck­ten ihre Hälse vor, bis sie un­glaub­lich lang wurden, und fraßen ihm aus der Hand. Oliver sog die nach Algen und Nässe rie­chende Luft ein und legte den Arm um Ina. Er hätte sie gerne ge­küsst, aber viel­leicht war es noch zu früh. Zu­dem kannte ihn hier jeder, Al­do von der Eis­diele guckte schon.

Sie kehr­ten zurück, und Ina ließ ihren Blick über die gelb ge­tünch­te Jugend­stil­villa glei­ten. »Ich mochte schon immer eure Villa. Dieses Schmie­de­gitter mit den zwei Blumen da oben ist wunder­schön. Als Kind kamen die mir wie zwei Augen vor, und ich dachte, eure Haus­tür guckt mich an.« Sie lachte, und er lachte mit.

Oliver schau­te die Villa an, als sehe er sie zum ersten Mal, und auf ein­mal war er auf sie stolz. »Mein Ur­groß­vater hat die Villa 1903 ge­baut. Ich wohne oben, meine Mutter unten.« Er wollte Ina zu sich ein­laden, spürte fast schon ihre Lippen auf seinem Mund. Da kam so plötz­lich wie ein Ku­ckuck aus der Uhr seine Mutter aus dem Haus und sprang auf die beiden zu. Er stell­te ihr Ina vor. »Oh, kommt doch rein auf ein Gläs­chen Sekt, ich hab einen ganz speziel­len aus der Spital­kelle­rei.« Er wollte schon ab­lehnen, als er Ina »Ja, gerne«, sagen hörte. War sie ver­rückt?

Kaum hatten sie sich zu­gepros­tet, wurde Ina mit Fragen ge­lö­chert.

»Frei­burg!«, rief Frau Sau­ter aus, »die Apo­theke am Zäh­ringer Tor? Die kenne ich.« Wie lange Ina dort schon arbei­te, wie sie ihren Chef fände, wie viele andere Apo­theken es in Frei­burg gebe. Nach­dem das Thema Apo­theke er­schöpft war, ging es um Oliver. »Ich würde es ohne ihn gar nicht schaf­fen.« Voll und ganz fülle er die Lücke aus, die sein Vater hinter­lassen habe. Vor neuen Be­kann­ten träl­lerte sie immer Lobes­arien auf ihn. Sie, die groß­artige Mutter, Oliver, ihr groß­arti­ger Sohn. Trotz besse­ren Wis­sens freute er sich über die prei­senden Worte, ge­nauer ge­sagt, über den guten Ein­druck, den diese wohl auf Ina mach­ten. Fast war er ver­sucht zu glau­ben, dass seine Mutter end­lich ein­gese­hen habe, was sie an ihm hatte.

Frau Sau­ter wollte nach­schen­ken, doch die beiden lehn­ten ab, also goss sie sich selbst wieder ein und redete weiter. Oliver hörte längst nicht mehr zu. Als Ina schließ­lich gehen wollte, stand er eben­falls auf, doch seine Mutter sagte: »Ich muss un­be­dingt noch mit dir reden.«

»Ja, Mama, nach­her«, ver­trös­tete er sie, drehte sich zu Ina und bot ihr an, sie nach Hause zu be­glei­ten. Doch nun be­stand sie darauf, al­leine zu gehen. »Ich ruf’ dich an«, konnte er ihr gerade noch sagen.

»Also, was ist?«, bellte er.

»Ich muss Morgen zum Zahn­arzt, hab ich ganz ver­gessen, dir zu sagen, und in der Zeit er­warten wir die Hand­werker für die neuen Roll­läden.

Er würde also nicht wie sonst am Montag un­ge­stört in seinem Ate­lier arbei­ten können. Machte sie das ab­sicht­lich, ihn von seiner künst­leri­schen Arbeit ab­zu­halten? »Kannst du nicht den Zahn­arzt­termin ver­schie­ben?«

»Ach, Jung­chen, es ist doch schwer genug, einen Termin zu be­kommen. Du hast doch sonst genug Zeit zum Malen, es ist doch nur ’n Hobby. Da geht manch­mal ande­res vor.«

Er sagte nichts mehr, schluck­te seine Wut hi­nunter.

Es dau­erte keine acht­und­vier­zig Stun­den, bis seine Mutter ihr Urteil über Ina ver­kün­dete. »Sie ist ko­misch, irgend­wie ko­misch. Glaub mir, ich hab viel Er­fah­rung mit Men­schen, und etwas stimmt mit ihr nicht.«

»Ich finde sie sehr normal und sehr nett«, knurr­te Oliver zurück.

4

Alle waren sie schön. Origi­nell und selt­sam waren sie auch. Er liebte jede von ihnen. Wie freund­lich Jacque­lines großes rech­tes Auge ihn heute an­blick­te. Er lächel­te. »Hallo mein Schatz!«

Oliver saß in seinem Wohn­zimmer, um­geben von seinen Damen und trank noch einen Kaffee, be­vor er los musste. Jeden Tag lieb­äu­gelte er mit einer ande­ren. Mal be­vor­zugte er Dora, am fol­genden Tag Marie-The­rese, dann wieder die Amerika­nerin Lee Miller. Und heute war es die mit den schwar­zen Augen und schön ge­schwun­genen Brauen mit der er koket­tierte: Jacque­line.

Zu­gege­ben, es waren nicht wirk­lich seine Damen, mit denen er sich so inten­siv be­schäf­tigte, son­dern Picas­sos. Dicht neben­einan­der hingen an einer Wand ihre Por­träts. Hier in seinem Damen­kreis fühlte er sich wohl, hier war sein Refu­gium. Hätte er es nur nicht ver­lassen, so wäre ihm an diesem Tag nichts Schlim­mes pas­siert.

Er blick­te auf seine Uhr und sprang auf. Schnell hakte er die Fliege um den Hals, schnapp­te sein Sakko und stürm­te die Treppe hi­nunter. Zwei Minu­ten später war er im Hotel Ochsen, einem maleri­schen Bau mit einem schmu­cken stei­len Giebel und Bogen­fens­tern.

Er eilte in die Hotel­küche, wo es nach ge­backe­nem Fisch roch. Stan­ko teilte ihm mit, die sechs Gäste am großen Tisch hätten alle Dora­den be­stellt, gleich seien sie fertig. Seine Mutter hatte den Meeres­fisch gerade erst auf die Karte ge­setzt, darauf ver­sessen, das Image des Hotels durch franzö­sisch an­mu­tende Spei­sen auf­zu­polie­ren. Sein Ein­wand, es sei ver­nünf­tiger, aus­schließ­lich Boden­see-Fische an­zu­bieten, ließ sie nicht gelten. Im Nach­hinein är­gerte er sich, die Fremd­fische tat­säch­lich auch ein­ge­kauft zu haben. Sie füll­ten eine halbe Tief­kühl­truhe und ver­geude­ten so Ener­gie und Platz. Am liebs­ten hätte er sie den Fisch­rei­hern zum Fraß vor­gewor­fen.

Oliver be­grüßte die Gäste und prüfte nach, ob sie schon Fisch­beste­cke hatten. Gut, dass sie alle das Glei­che essen woll­ten, so würde sich die Be­die­nung ein­fach ge­stal­ten. Es schien sich um ein Eltern­paar, Sohn, Groß­eltern und viel­leicht eine junge Tante zu han­deln. Die Tante nahm be­reits eine Schei­be Ba­guette. Über ihren Brot­teller ge­beugt, hielt sie diese mit beiden Händen. Mit der rech­ten Hand zupfte sie Stück­chen ab, stopf­te sie mit der Linken, deren klei­ner Finger steif ab­ge­spreizt, in den Mund und kaute nage­tier­schnell. Wäh­rend sie so aß, erzähl­te sie von ihrer Urlaubs­reise in die Türkei.

»Und dann hat mich der Kell­ner zur Be­grü­ßung auch noch an­ge­tatscht. Gleich am Morgen an­ge­tatscht.« Na, mit mir wirst du zufrie­den sein, dachte Oliver, nie würde ich dich be­rühren.

Stan­ko hatte die Dora­den auf einer großen ovalen Platte an­gerich­tet. So schön wie ge­malt lagen die sil­bern glän­zenden Fische auf ihrem Bett aus Toma­ten­schei­ben und Fen­chel­spal­ten, gar­niert mit Zitro­nen­schei­ben und halbier­ten grünen Oliven. Viel­leicht soll­ten wir Stan­kos Ge­halt er­höhen, über­legte Oliver. Schwung­voll trug er das Ge­richt zu dem großen Tisch, wo die Gäste sich be­ein­druckt zeig­ten.

Oliver setzte die Platte ab, die so groß war, dass sie ein wenig über den Rand des Ser­vier­tisch­chens ragte. Jetzt konnte es ans File­tieren gehen. Zu­erst ent­fernte er die obere Hälfte der Fisch­haut, schnitt dann hinter dem Kopf ein und führte das Messer bis zum Schwanz. Vor­sich­tig löste er das erste Filet von den Gräten, legte es auf einen Teller und ent­fernte dann Kopf und Rück­grat von dem Übrig­geblie­benen. Das zweite Filet hob er von der Haut ab und plat­zierte es neben dem Ersten. Diesen Vor­gang wieder­holte er mit zwei weite­ren Fi­schen und wurde dabei immer flin­ker. Doch dann, wäh­rend er gerade an den Tisch ging, ge­schah Schreck­liches. Eine alte Dame mit Geh­stock lief an ihm vorbei und stieß gegen den Ser­vier­tisch. Die Platte mit den Fi­schen krach­te zu Boden.

»Nein!« Fas­sungs­los blick­te er auf die am Boden ver­streu­ten Dora­den. Die Alte ent­schul­digte sich. Die Tante am Tisch lächel­te scha­den­froh. Das blasse Auge eines Fisch­kopfs starr­te ihn an. Schnell hatte er sich wieder im Griff. Vor gaf­fendem Publi­kum hob er die Platte wieder auf. Mit Stoff­serviet­ten deckte er zwei ganze Fische, einen fast heilen Art­genos­sen und drei Fisch­köpfe mit skelet­tiertem Rumpf ab. Dann rannte er in die Küche und bat das Küchen­mäd­chen, die Fisch­reste zu be­seiti­gen. Stan­ko er­hielt den Auf­trag, sofort neue Fische zu­zu­berei­ten.

Selbst­ver­ständ­lich gehe das Essen auf Kosten des Hauses, meinte Oliver zur Fami­lie, die zu seiner Er­leich­terung eher einen be­lus­tigten als einen ver­ärger­ten Ein­druck machte. Wäh­rend die Küchen­hilfe den Boden kehrte, kam seine Mutter ins Restau­rant. Sofort er­fasste ihr Blick die pein­liche Szene und hef­tete sich dann auf ihn. Schnell machte sie kehrt und lief hinter die Theke, denn wie zu­meist war sie ver­ant­wort­lich für den Aus­schank. Er ging zu ihr.

»Ich kann dir sagen, wie das pas­siert ist.«

»Jetzt nicht!«, zisch­te sie.

Oliver schlug die Kunst­zeit­schrift Art auf. »Mit kulina­rischen Happe­nings bringt der Künst­ler Leben in die Kunst«, las er. Die Ab­bil­dung zeigte eine quadra­tische Platte, darauf schmut­zige Teller, Be­steck, Tassen und Gläser, Fla­schen, zer­knüll­te Servi­etten, Brot­reste, eine leere Ziga­retten­pa­ckung, einen vollen Aschen­becher und einen Blumen­strauß, alles von oben ge­sehen. Das sollte also ein be­ach­tens­wertes Kunst­werk sein? Skep­tisch hielt er die Zeit­schrift auf Arm­länge vor sich und kniff die Augen halb zu. Erst jetzt er­kannte er, wie ästhe­tisch die ver­schie­denen Ob­jekte an­geord­net waren. Der Blumen­strauß stand an genau dem rich­tigen Fleck, das linien­för­mige Be­steck kontras­tierte mit den runden Tel­lern, die dunkle Farbe des Holzes mit der weißen des Ge­schirrs.

Er hatte ähn­lich zu­gemüll­te Tische ab­ser­viert, ohne jedoch ein künst­leri­sches Ele­ment darin zu ent­decken. Denn das hätte ein kurzes Inne­halten voraus­ge­setzt. Ein Moment, in­dem ihm ein ver­spiel­tes Lä­cheln über die Lippen ge­huscht wäre, wäh­rend er die Gegen­stände auf dem Tisch hin und her rückte. Un­denk­bar, so etwas bei der Arbeit im Restau­rant tat­säch­lich zu machen. Dort musste man nichts als effi­zient sein.

Er seufz­te. Das, was die ande­ren als Neben­sache be­trach­teten, war für ihn die Haupt­sache. Und um­ge­kehrt. Ge­nauer ge­sagt, die Kunst war seine Leiden­schaft, das Hotel seine Last. Aber auch seine Pflicht. Schließ­lich war er das ein­zige Kind einer Mutter, die ihn brauch­te und Allein­erbe eines tradi­tions­rei­chen Fami­lien­be­triebs.

Doch wenn er außer der Hotel­arbeit nichts ande­res ge­habt hätte, wäre er de­pres­siv ge­worden. Aber er hatte ja sein Ate­lier.

Oliver stand vor seinem neuen Werk. Das Miss­ge­schick mit den Fi­schen hatte ihn zu einer Col­lage in­spi­riert. Es waren keine dicken Dora­den, son­dern hagere Hechte aus Blech­dosen ge­schnit­ten, die wie Flug­zeuge in einem knall­roten Himmel über der Sky­line von New York flogen. Links hatte er mit schwar­zer Tusche das Chrys­ler Buil­ding ge­malt, die mehr­bogige Spitze über­groß. Auf der ande­ren Seite das World Trade Center, beide Türme nach rechts ge­lehnt, als kipp­ten sie jeden Moment um.

Am fol­genden Morgen holte er seine Mutter auf dem Weg ins Hotel ein. So­gleich be­schwer­te sie sich über den Vor­fall mit den Fi­schen. »Wie konn­test du nur so un­ge­schickt sein?«

Er wollte ihr schil­dern, wie es zu dem Un­glück ge­kommen war, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Mit Fi­schen rum­zuwer­fen. Ich hätte vor Scham im Boden ver­sinken können. Zum Glück waren es Tou­risten und keine Stamm­gäste.«

Trot­zig schob er das Kinn vor. »Ich sag dir, warum das Ta­blett ge­kippt ist. Weil deine blöden Dora­den viel mehr wiegen als unsere schlan­ken Fel­chen.« Mit ge­ball­ten Fäus­ten stampf­te er weiter.

»Eine idioti­sche Aus­rede«, rief sie ihm hinter­her.

5

Oliver machte eine Pause, trank Kaffee und las den Ger­ma­tin­ger An­zeiger. Viel lieber las er den Süd­kurier, aber als Direk­tor des größ­ten Hotels vor Ort musste er über lokale Er­eig­nisse infor­miert sein. Doch Größe war eine rela­tive Sache. Mit seinen zwei­und­vier­zig Zim­mern wäre das Hotel Ochsen in einer Stadt wie New York klein. Er seufz­te. Wie viel lieber er in New York wäre.

Er blät­terte um und las einen Arti­kel über Wald­heim, das Be­hin­derten­heim ober­halb der Stadt. Dort wollte man die älte­ren Ge­bäude reno­vieren und neue er­rich­ten, weil die Zahl der Be­treu­ten stetig zu­nahm.

Oli­vers Fri­seur fuhr regel­mäßig nach Wald­heim, um den Be­hin­derten die Haare zu schnei­den. Auch sein Opti­ker, sowie Hand­werker, Ärzte, Apo­theker und nicht zu­letzt Banker profi­tierten von dem Heim. Sogar Oliver hatte von ihm einen Nutzen, denn einige der An­gehö­rigen über­nach­teten regel­mäßig im Hotel. Doch er selbst war nie dort ge­wesen.