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Der Autor, Timo Rebus, gehört zu einer neuen Generation von Literaten, die im Rahmen klassischer Genre, Phänomene und jüngste Erkenntnissse auf experimentelle Weise verarbeiten. Trotz seiner Vita zwischen Wisssenschaft und Hig-Tech-Wirtschaft reichen die Füße bis zum Boden. So hat er die Verbindung zur Natur, zur Scholle und ganz allgemein zum einfachen Leben nie aufgegeben.Mit ihm betritt ein Experimentator die literarische Bühne. Man hat fast den Eindruck er ordnet sein literarisches Umfeld neu, gestaltet es zum Labor um. Subtil zwischen den Zeilen, dennoch nicht verborgen und immer mal wieder deutlich benannt, inszeniert er einen großangelegten Feldversuch, und weist poteniellen Kritikern die Rolle der Prüflinge, der Kandidaten zu, deren Aussagen wie Bumerange ins Geschehen zurückkehren, mit einfließen. Ein mythischer Hauch einer abschliessenden Würdigung, einer Auswertung in einer anderen Dimension des Denkens wird spürbar. Mit seinem Erstlingswerk zeigt Timo Rebus sein Talent und läßt auf weitere interessante Lektüre hoffen. Das Buch ist nur vordergründig ein Kinder- oder Jugendbuch. Die angedeuteten und aufgezeigten Dimensionssprünge entsprechen dem logischen Stand unserer Zeit. Möglicherweise begründen Sie ein neues Genre. Auf das weitere Schaffen des Autors dürfen wir gespannt sein.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Timo Rebus
Eisenzwerg
Zeitreise eines Morphems
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Druide
Als der Müll noch nicht sortiert wurde
Der Eisenzwerg wird gefunden
Hat Albert geträumt?
Der Zwerg wird verkauft
Der Zwerg wird geklaut
Die Jenischen
Der Eisenzwerg kehrt zurück
Der Zwergensammler
Die Polizei kommt
Kann der Zwerg sprechen?
Die Lebensgeschichte
Die Reise nach Amerika
Verabredung zur Taufe
Die besten Freunde
Frau Mergenthaler
Der Taufabend
Zwergensammlers Traum
Angst
Die Tränen
Der Zwerg als Schüler
Gefahren der Finsternis
Der Zwerg in der Schule und das Ende
Lehrer Kobold
Der Ausflug in die Metropole
Der Student
Die Zwergin
Es wirkt
Der Pegel steigt
Ganymed
Impressum neobooks
Der schlohweiße Bart und das schulterlange ebenso bleiche Haupthaar umrahmten ein zwar sehr faltiges, altes, aber immer noch rosiges Gesicht, das der hageren großen Gestalt in weissem Umhang den Anschein einer brennenden Kerze gab, die sich gegen den dunkel dräuenden Gewitterhimmel ehrerbietend abhob. Damit verbreitete sie eine Aura der Hoffnung und des Vertrauens, gepaart mit der erregenden Ungewißheit, die manche Menschen bei Kindern in einem gewissen Alter unwillkürlich hervorrufen, weil in jedem Augenblick ein Ausbruch freundlicher oder auch zorniger Worte zu erwarten ist. Aus der Perspektive des zehnjährigen Adepten, der zu seinem Meister, erwartungsvoll und furchtsam aufblickte, erschien der Vergleich einer brennenden Kerze vor der dunklen Wolke ebenso zutreffend wie ungewöhnlich. Zutreffend, weil das gebotene Bild wirklich so und nicht anders aussah und dazu als phantasieanregende Metapher entspannende Ausflucht vor der sich gerade auftürmenden und aufladenden Spannung und jeden Moment, wie das Gewitter, sich entladende urgewaltige Weisheit und Gelehrtheit ankündigte. Ungewöhnlich, weil die Vorstellung einer weißen Wachskerze zu dieser Zeit kaum einem Menschen möglich und nur eines der neulich gesehenen Wunder aus dem Kuriositätenkabinett des keltischen Lehrers war. So wie ich gerade über die Rechtmäßigkeit und Lauterkeit meines Gedankenspazierganges, also über meine Unaufmerksamkeit nachdachte und Gefahr lief, in der Gewitterschwüle und verloren im Labyrinth meiner, sich wie im Spiegelkabinett überstürzenden, Gedanken einzuschlafen, bemerkte ich gerade noch, wie der Druide die Hand hob, wohl, um mich abzuwatschen. Sofort war ich hellwach und lauschte mit höchster Aufmerksamkeit seiner, wie Gewitterdonner pathetisch auf mich zurollenden Stimme, als er plötzlich aus der erhobenen Faust heraus den Zeigefinger streckte und auf den schwarzweißen Gewitterturm zeigte.
“Das ist der Strom der Gedanken, der durch die Zeiten fließt. Viele, viele Gedanken, zahlreicher als die Sterne, treiben in ihm. Ein jeder war und ist eine wichtige Botschaft für seinen Empfänger, heute oder in zwanzig Wintern oder erst nach tausend Leben.”
Er blickte mich an und fand mich wohl geistlos dreinschauend, denn er fuhr, so meinte ich, etwas zorniger, vielleicht auch nur pathetischer, fort:
“Wir Druiden sind dafür verantwortlich, daß der Strom der Gedanken nicht abreißt, daß er nicht versickert oder fehlgeleitet wird.
Wir sind die Lenker und Mechaniker des Stromes. Wir sorgen dafür, daß die ewigen Botschaften aus der Urzeit
weiterfließen und ihre Empfänger erreichen: heute, morgen oder 2000 Leben später.”
Er schien meine wachsende Neugier zu bemerken, denn etwas milder lehrte er mich: “Wir dürfen mit dem Strom der Gedanken spielen. Wir können ihn umleiten, vorübergehend aufstauen, Bächlein abzwiegen, einen Eimer voll entnehmen oder auch nur einen Tropfen. Aber wie der Regen zurück in den Fluß und der Fluß in den See fließt, so muß auch der abgezweigte Gedanke zurück in den Strom, damit auch tausende von Leben später Bilder oder Geschichten und Gedichte entstehen können und vieles andere. Ja, das Leben selbst ist davon abhängig.”
Sprachs und hob seinen Finger noch etwas höher. In einer gewaltigen Entladung, begleitet von Blitz und Donner, schien etwas bläuliches aus der Wolke auf seinen Finger überzuspringen, wie flüssiges Metall an ihm hinabzugleiten, auf den Boden zu kullern, schließlich zu gefrieren und zu bersten. Aus dem bläulichen Tropfen, der am Ende die Größe eines Kindskopfes hatte, war ein braunes, rauhes, rissiges
Gebilde geworden, das sich dehnte, streckte, ausbeulte und schließlich aufstand und sich schüttelte. Ein häßlicher, zipfelbemützter, graubrauner Zwerg aus Fetzen, Zacken und Fransen ward daraus geworden, der sich sofort unverständlich schimpfend und grummelnd auf den Weg machte, den Berg hinab in Richtung Wald lief, immer schneller wurde und schließlich wie ein Ball davonrollte, ja zuletzt schien es, als würde er wie ein großer nun wieder blaugewordener Tropfen davonfließen.
“Gut!”, bemerkte der Druide. “Würden wir ihn aufhalten oder stören, gäbe es einen Mangel an Phantasiegestalten in der Zukunft. Mythologien bekämen Löcher. Geschichtenerzähler kämen ins Stocken. Bildhauer verfielen in Eintönigkeit. Es wäre unverantwortlich! Dieser kleine Wicht muß über die Zeiten immer wieder neu ins Leben hineingeboren werden, Gestalt annehmen. Würden wir diesen durch die Zeiten schwirrenden Gedanken aufhalten oder ins Nichts lenken, so wäre es aus mit ihm. Er könnte sich künftig nicht wieder materialisieren. Keine Wiedergeburt! Ein Verlust für alle Zeiten! Es wäre ein großes Verbrechen so etwas zu tun. Die Aufgabe der Druiden ist es, genau das zu verhindern. Uns ist es seit Jahrtausenden auferlegt, den Strom der Gedanken am Fließen zu halten. Das ist die wichtigste und nobelste unserer Aufgaben. Lerne das zuerst mein Schüler.”
Ich wußte damals noch nicht so recht was er meinte, spürte aber dennoch ein schwaches ungewisses Dämmerlicht in mir aufsteigen, gerade so wie ich es schon unzählige male auf der Jagd im Morgengrauen, am Ende der Nacht erlebt hatte.
Und wie die Tiere und Bäume im langsam heller werdenden Dunst des Morgens, so sollten auch in der vor mir liegenden Zeit, in den vielen noch vor mir liegenden Jahren, die wichtigen Dinge des Lebens klarer und schärfer werden, an Kontur gewinnen oder überhaupt erst sichtbar werden.
Der Druide schien das zu wissen. Er beendete seinen beeindruckenden Vortrag und ließ die Hand sinken. Mit grell zuckenden Blitzen und weiteren Donnerschlägen brach das Gewitter los. In strömendem Regen gingen wir wortlos nebeneinander ins Dorf zurück. Das Faszinosum neben mir hatte sich schon wieder verwandelt: die Schulter hingen nun vor, der weiße Mantel erschien nun wassergetränkt grau, die Haare an Kopf und Kinn klebten speckig auf der Haut wie bei einem nassen Hund. Neben mir ging nun kein übermächtiger Magier, sondern ein alter, keltischer Bauer.
Genau 2514 Jahre später. Es war zu einer Zeit als der Müll noch nicht sortiert wurde. Wie alle Kinder spielte der kleine Albert gerne abseits der Häuser, draußen in der Natur oder besonders gerne auf Müllhalden.
Wie gesagt, es war zu einer Zeit, als der Müll noch nicht sortiert wurde. Es gab noch keine Müllverbrennungsanlagen, keine Müllpyrolyse, wie man die Anlage oder das Verschwelungsverfahren ohne Flamme später nannte. Der Müll war eigentlich noch gar kein so wichtiges Thema wie heute. Wichtig war eigentlich nur, daß man ihn aus dem Hause bekam, ihn irgendwo abliefern konnte. Immerhin das konnte man. Man konnte ihn in der städtischen Mülldeponie abliefern oder einmal wöchentlich abholen lassen. Aber daran hielt sich nicht jeder. So mancher Frevler warf seinen Unrat einfach in den Wald oder in eine der vielen verschilften, mit Teichrosen bewachsenen Altwässer der Günz – anstatt nach Recht und Gesetz geordnet in das städtischerseits dafür bestimmte Altwasser, wo alle den Müll gemeinsam hineinwarfen und auch der dieselbetriebene städtische Lastwagen, der wöchentlich die Tonnen leerte, seine Fracht abkippte.
Also was dem einzelnen verboten war, gemeinsam durfte man es tun. Eine soziale Praxis, die in der vielzitierten und vielkritisierten Ostzone, dem anderen, dem häßlichen, sowjetisch besetzten und beeinflußten Deutschland philosophisch und ideologisch fundiertes Staatsdogma war. Man nannte es Marxismus oder real existierenden Sozialismus. Die gemeinsame Tat war ideologisch stets erstrebenswert, sie schuf einen neuen Menschen als Teil des Kollektivs. Von ähnlichen Appellen befeuert, konnte man, so erzählten jedenfalls die Erwachsenen ständig, sich vor fünfundzwanzig Jahren als Teil des gesunden Volkskörpers profilieren, indem man mithalf sich des kranken Teils zu entledigen. Natürlich war dies auch damals nur in der Gemeinschaft statthaft und legal gewesen. Erst nach dem Krieg hat die Verlierernation, zumindest der westliche Teil davon, lernen müssen, daß Verbrechen immer Verbrechen bleiben, egal ob sie individuell oder im Kollektiv begangen wurden. Die DDR (Deutsche Demokratische Republik) wie man die Ostzone nannte, schien ebenso wie der gesamte sozialistische Osten solche Einsicht noch nicht gewonnen zu haben. Das sollte noch dauern.
Erfahrungen und Erzählungen wie diese, waren geeignet Mißtrauen gegen so manche Form der Gemeinschaft zu säen.
Albert versuchte in der Folge immer wieder Einzelgänger zu werden.
Man besaß also städtischerseits einen Müllplatz irgenwo draußen im Ried, in einem ehemaligen und mit seltenen Pflanzen bewachsenen Torfstich oder in einer vormals sehr idyllischen Altwasserschleife der Günz.
Man hatte einfach einen Zaun um ein Fleckchen Erde gemacht und dann ist der Müll angekarrt und abgekippt worden. Da kam natürlich vieles an ehemaligem Kulturgut zusammen: Vormalige Gebrauchsgegenstände, die nun nicht mehr gebraucht wurden. Vom Hausmüll bis zum Sperrmüll. Letzterer war natürlich besonders interessant.
Der Zaun, der den Müllplatz umfaßte, war leicht zu überwinden, besonders für Buben im Alter des kleinen Albert, ein Alter in dem man naturgemäß über fast alles hinwegkraxeln konnte, über Gräben, Bäume und Hecken und Zäune sowieso.
So kam es, daß der kleine Albert immer mal wieder auf der Mülldeponie stöbern ging. Natürlich war es ganz uninteressant im Hausmüll und in den Essensresten zu stöbern, das war ekelhaft. Es roch unangenehm und es sprangen fette Ratten herum. Des öfteren brannte oder kokelte irgendwo ein Feuerchen, das einen stechenden Geruch von verbranntem Kabelgummi oder anderen olfaktorischen Scheußlichkeiten verbreitete. Aber durch diese Hölle mußte man wohl durch, wollte man in den Himmel aus Sperrmüll-Nippes kommen und unendliche Entdeckerfreuden genießen und mit bisweilen reicher Beute zurückkehren. Albert hatte sich dafür natürlich längst die passenden Techniken antrainiert, die vom Luftanhalten bis zum flachen Atmen oder Taschentuch vor Mund und Nase binden, reichten. So überwand er in Sandalen oder Turnschuhen die Hausmüllbarriere, die nicht nur eine problematische Geruchszone, sondern auch ein Gemenge aus verrottenden, zum Teil schleimigen, Lebensmittelabfällen, Fallstricken und Fußangeln aus Stacheldrahtresten und Undefinierbarem waren und gelangte durch mitunter beißenden Qualm zu der Ecke, wo der Sperrmüll gelagert war. Da waren Möbelstücke, da waren Büroartikel, da waren manchmal Messingteile, alles Dinge, die man heute als Antiquitäten betrachten würde und auch damals für Albert hoch interessant waren und, wie es schien, einen ganz besonderen Nerv, einen archaischen Jäger- und Sammlerinstinkt ansprachen.
Viele der interessanteren Kleinteile waren etwas beschädigt oder zerbrochen, manche waren noch intakt und lediglich patiniert und abgenutzt. So fand der kleine Albert dort einmal ein Schreibset aus Messing wovon nur die Deckelkappe etwas zerbrochen war. Es war ein Füller darin, an dem man hinten schrauben musste, um Tinte aufzufüllen. Viele, viele nützliche Dinge hat der kleine Albert gefunden und sie eifrig nachhause getragen. Manchmal wenn er in der Schule war, dann träumte er davon, was er wohl wieder entdecken würde, auf der Müllhalde.
Als er gerade wieder am Stöbern war - er interessierte sich inzwischen für Metallstücke, Messingteile, alte Messingtürklinken und Scharniere, Hämmer und rostige Nägel, weil er gesehen hatte, daß diese Stücke gerade die Haltbarsten
waren, entdeckte er etwas größeres, schweres: es war wohl ein Gartenzwerg, ein eiserner Gartenzwerg. Die Farbe war zwar schon etwas abgeblättert, aber noch kenntlich. Er hatte ursprünglich wohl eine rote Mütze und eine grüne Jacke, so wie Gartenzwerge es nun mal haben. Man konnte es noch erkennen, wenngleich der Rost schon seinen Tribut verlangt und die ganze Figur mit einer bräunlichen Patina überzogen hatte. Das Ungewöhnliche an diesem Gartenzwerg aber war seine Größe. Er war nämlich um einiges größer als gewöhnliche Gartenzwerge aus Ton, fast halb so groß wie Albert. Seine Mimik, das Gesicht dieses Gartenzwerges, war bemerkenswert . Obwohl aus Eisen und schon leicht verrostet und verwittert
hatte dieses Gesicht so etwas, als würde dieser Gartenzwerg leben, aber das tat er natürlich nicht. Schwer war er. Ein gewaltiger Eisenbrocken. Aber dieser Gartenzwerg war so ein wunderbarer Fund, daß der kleine Albert ihn umgehend mit nachhause nehmen wollte, nein mußte. Er versuchte ihn auf den Gepäckträger seines Fahrrads zu laden, was nur nach einigen, ungeheuerlich kräftezehrenden, Versuchen gelang. Ganz vorsichtig fuhr er mit dem Rad den holprigen Feldweg nachhause. Aber an so mancher Pfütze oder manchem Schlagloch, gab es einen Ruck und der Gartenzwerg landete wieder auf dem Boden. Da mußte der kleine Albert den Gartenzwerg wiederholt aufladen, bis er schließlich auf die Asphaltstraße kam, wo es ruhiger zu fahren war. So fuhr er heim.
Zuhause angekommen, versuchte er den Gartenzwerg in seiner Rumpelkammer unterzubringen. Seine Rumpelkammer war eigentlich die Besenkammer seiner Mutter. Der kleine Albert aber hatte sich dort ein kleines, privates Nestchen eingerichtet, wo er alle seine kleinen Schätze versteckte und so vor dem Zugriff und den Augen der Großen verbarg.
Der Gartenzwerg indes schien zu groß für dieses Versteck. Wo nur konnte er ihn unterbringen? Als er noch überlegte, rief ihn die Mutter zum Abendessen.
"Albert, Albert, komm doch," rief sie.
Albert wußte in seiner Not nichts anderes, als den Zwerg in den Schuppen zu schleppen, wo sein Vater Spaten und Rechen und die anderen Gartenwerkzeuge gelagert hatte. Dahinein stellte er den Zwerg, lehnte ein paar Schaufeln davor, so daß man ihn fast nicht sehen konnte, schloß schnell die Tür des Schuppens zu und ging zum Abendessen. Nach dem Abendbrot wurden, wie immer, die Hausaufgaben kontrolliert. Anschließend mußte Albert sofort ins Bett gehen. Er war ja auch schon hundemüde. Gleichwohl ließ ihn die Erinnerung an sein tolles Erlebnis, diesen aufregenden Fund, nicht sofort einschlafen. Die Gedanken kreisten um den Gartenzwerg, dessen Gesicht ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Er sah einfach so lebendig aus.
Und wie Albert so in seinem Bett lag, glaubte er draußen im Garten Schritte zu hören: "klapp, klapp, tapp, tapp." Es klang, als ob jemand mit eisernen Schuhen durch den Garten lief. Tagträumte er oder schlief er bereits?
"Tapp, tapp, tapp."
Albert stand auf, lief in den Garten zum Geräteschuppen und stutzte. Wo war der Zwerg? Der eiserne Zwerg war weg! Er suchte zuerst den ganzen Schuppen ab,
dann den Garten . Die Mutter, die nochmals nach Albert sehen wollte, erschrak, sein Bett war leer. Oh Schreck, wo steckte das Kind? Sie lief durchs ganze Haus und suchte ihren kleinen Albert. Der Vater bekam die Aufregung mit und fand ihn sofort, als er aus dem Fenster schaute. Nanu, sein Kind lief im Garten umher.
"Bist du denn verrückt, Albert! Geh sofort ins Bett!" rief der Vater durchs Fenster.
" Ich habe heute Nachmittag, ähem, ähem, einen Bleistift verloren", sagte Albert und kam sich jetzt wirklich so klein vor, wie seine Mutter ihn immer noch sehen wollte.
"Ähem, jetzt ist mir gerade wieder eingefallen, wo er sein könnte. Vielleicht finde ich ihn wieder ".
"Unsinn!", erwiderte der Vater, "Den kannst du morgen suchen. Komm jetzt endlich."
"Dann haben ihn vielleicht die Mäuse schon angefressen", sagte Albert.
"Quatsch! Jetzt ab ins Bett, marsch!"
"Ich glaube er schlafwandelt." sagte der Vater zur Mutter.
„Albert gehe artig ins Bett, mache die Taschenlampe aus und wenn du nochmals aufstehst, nehm‘ ich dir die Taschenlampe weg." drohte ihm der Vater.
„Nein, nein, ich bleib‘ schon liegen."
Folglich blieb der kleine Albert liegen und tat so, als ob er schliefe. Und nach einiger Zeit schlief er tatsächlich ein.
Am nächsten Morgen, sofort nach dem Frühstück, noch bevor er in die Schule ging, dachte er, ich muß nach dem Zwerg sehen. Er machte die Schuppentüre auf und was sah er da? Der Zwerg stand an seinem Ort.
„Da muß ich wohl geträumt haben“, dachte sich Albert. „Aber irgendwer hatte doch die Schaufel auf die Seite gestellt, oder? Ich weiß nicht recht, hat vielleicht jemand die Schaufel inzwischen benutzt oder hab ich da gestern nicht so richtig aufgepaßt. War ich vielleicht etwas durcheinander? Oder ist der Zwerg wirklich im Garten herumgelaufen? Ach, ich weiß nicht mehr.“
„Albert du mußt in die Schule!", rief die Mutter.
Albert nahm seinen Schulranzen und machte sich auf den Weg.
Aber so recht konnte er an diesem Vormittag dem Unterricht nicht folgen. Der eiserne Zwerg ging ihm nicht aus dem Sinn.
Als Albert nachhause kam - was denkst du wohl was er machte? - er warf den Ranzen hin und schaute in den Schuppen - der Zwerg war da. Er schaute sogar noch lebendiger aus und Albert schien es, als würde er grinsen.
Nachmittags mußten viele Hausaufgaben gemacht werden. Dann kam noch ein Freund vorbei. Es war schon wieder Abend, kaum daß das Nötigste erledigt war und Albert hatte keine Zeit für den Gartenzwerg gehabt.
So ging er unruhig und unzufrieden zu Bett, ohne erneut nach dem Gartenzwerg gesehen zu haben. Innerlich aufgewühlt drehte er sich hin und her und es dauerte lange bis ihn die Müdigkeit übermannt hatte.
Da hörte er es wieder tappen.
„Tapp, tapp, tapp.“
Es war ein schmatzend, schlurfendes Geräusch, als ob jemand mit eisernen
Schritten über den Rasen lief.
Dumpfes tapp, tapp, tapp.
Plötzlich, Albert schreckte hoch, plötzlich hörte sich das Tappen viel deutlicher an. Nein, es klapperte auf dem Pflaster.
„Klipp-di-klapp“, das war ja richtig laut.
Albert sprang aus dem Bett ans Fenster, sah hinunter - tatsächlich der eiserne Zwerg lief! Er lief, klapp, klapp, klapp, übers Pflaster. Als Albert mit der Taschenlampe hinterherleuchtete, schien ihn der Zwerg zu sehen. Er drehte sich nämlich um, grinste nach oben, winkte mit einer Hand und tappte weiter. Es war ein schwerfälliger Gang, denn so ein kleiner Eisenmann tut sich offenbar schon recht schwer mit dem Laufen. Er wirkte wie ein Roboter oder wie ein kleiner Ritter in seiner Rüstung. Eisen biegt sich nicht, wo keine Scharniere und Gelenke sind.
Das schwerfällige Laufen quer über das Pflaster machte einen ungeheuren Lärm. Eigenartig, daß Vater und Mutter nicht aufwachten. Es war doch so laut, das man es hören mußte. Albert zweifelte an seiner Wahrnehmung.
„Der Eisenmann kann doch nicht laufen, das gibt es doch gar nicht. Ich träum‘ doch wohl!“
Er zwickte sich in den Hintern, um zu sehen, ob er schlief oder wach war.
„Aua!“, das tat schon ganz schön weh, da mußte man doch wach sein, dachte sich Albert.
Irgendwie schien der Schlaf ihn dann doch noch von der Szene weggerissen zu haben.
Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, ging Albert sofort wieder in den Schuppen, schloß die Türe auf und der Gartenzwerg war tatsächlich wieder da. Doch abermals stand der Zwerg wieder ein bißchen anders, als er ihn hingestellt hatte.
„Na, ich weiß nicht?“
Sofort nach der Schule eilte er nachhause, warf den Ranzen hin und rief:
„Mama , ich esse ein bißchen später."
„Nein, nein das Essen steht schon auf dem Tisch."
„Ja, aber Augenblick, ich muß erst etwas machen."
Da kam dem kleinen Albert eine ganz grandiose Idee. So wie ein rettender Geistesblitz kam es über ihn. Er nahm den Gartenzwerg, hob ihn mit der Kraft, die kleinen Buben vom schlechten Gewissen und von Geheimnissen, die es zu bewahren gilt, verliehen wird, mit einer einzigen gewaltigen Anstrengung hoch und rollte und legte ihn in eine Kiste. Diese verriegelte er mit einem Vorhängeschloß.
„So nun bist du eingesperrt und kannst nicht mehr hinaus. Na dann werden wir ja mal sehen! Ha, ha, ha!“, lachte verschmitzt der Junge.
Am Nachtmittag gab es wieder so viele Freunde und so viele Hausaufgaben, daß keine Zeit für den Zwerg blieb.
Abends aber, kaum war er im Bett, stand Albert wieder auf, begab sich ans Fenster und blickte hinunter zum Schuppen. Er setzte sich hin und wartete und wartete. Er wußte nicht ob etwas passieren würde, aber irgendwie hatte er das Gefühl, es würde etwas passieren.
So wie ein Jäger, der auf seine Beute wartet, harrte er geduldig aus. Er hörte die Uhr schon neun Uhr abends schlagen, blieb aber immer noch vor seinem Fenster und starrte auf die Schuppentüre. Nichts rührte sich. Die Kirchturmuhr schlug halb zehn. Nichts geschah. Von Ferne rief eine Eule. Fledermäuse huschten durch den Garten – sonst war nichts los.
Plötzlich - ganz plötzlich - knackte etwas. Dann flog mit einem Ruck die Tür am Schuppen auf, als hätte jemand mit einem eisernen Fuß dagegen getreten und heraus polterte der Zwerg. Er brummelte etwas vor sich hin und war sichtlich böse, offenbar weil man ihn eingesperrt hatte und es ihm Mühe gemacht hatte, sich zu befreien . Er trabte durch die Gartentüre der Straße zu: tapp,tapp,tapp,tapp, tapp. Man hörte ihn die ganze Straße hinunterlaufen.
„Verflixt!“, dachte sich Albert, mein Zwerg haut ab, „was mach‘ ich denn nur?“.
Sofort rannte er die Treppe hinunter, griff sich Anorak und Schuhe, riß die Tür auf und da stand Papa vor ihm, zog ihn an den Ohren und beförderte ihn wieder zurück ins Bett.
"Aah, ich wollte doch ....".
"Was wolltest du? Schlafwandeln? Rumgeistern? Morgens nicht aus dem Bett kommen, in der Schule einschlafen? Ab ins Bett, marsch! Und daß du mir ja nicht mehr aufstehst! Diese Schlafwandelei muß ein Ende haben!".
Am nächsten Morgen war der kleine Albert ganz aufgeregt und wußte zuerst gar nicht was er machen sollte. Aber ausgerechnet heute war die Schule so interessant, daß er den Zwerg doch für Stunden vergaß. Sie durften nämlich einen Film sehen. Er handelte von Schiffen in der Ostsee. Es ging um alte Segelschiffe und was man früher alles damit befördert hatte. Es war faszinierend. Aber schließlich war die Schule doch schon etwas früher aus als sonst und so hatte Albert eine Stunde Zeit zu seiner freien Verfügung.
Da dachte er sich, „Ha, die Mutti denkt, ich komme erst um zwölf. Jetzt ist aber erst elf! Da habe ich ja eine ganze Stunde zur freien Verfügung. Es ist zwar nicht ganz korrekt, aber ich will meinen Zwerg suchen.“.
Also schlich er sich heim, nahm sich sein Veloziped, wie es der Großvater, als er noch lebte, immer bezeichnet hatte, und radelte schnell weg. Was er nicht wußte: die Mutti hatte ihn natürlich gesehen, als er aus dem Hof hinausfuhr. Da hätte er den Ranzen gleich zuhause lassen können, wenn er das gewußt hätte, dann wäre es nämlich leichter gegangen.
Er fuhr den ganzen Weg da entlang, wo gestern Nacht der eiserne Zwerg gelaufen war, fuhr weiter bis die Straße zu Ende war, fuhr weiter bis die Ortschaft zu Ende war. Und tatsächlich, ihm war so, als wäre da unten am Ende des Weges, wo der
kleine Graben anfing, etwas zu sehen gewesen. Er sah nach und stellte fest, daß man sich nasse Füße holen konnte, wenn man beim Überspringen des Grabens nicht aufpaßte. Da unten am Graben stand das Gras im Mai schon sehr hoch. An einer Stelle war es niedergedrückt, so als hätte sich etwas breites darübergewälzt. Das war verdächtig.
Albert schaute genauer hin und - tatsächlich, mitten im Graben
sah er seinen eisernen Zwerg im Wasser liegen.
„Das gefällt ihm bestimmt nicht, da rostet er ja noch schneller.“,
dachte sich Albert und stieg impulsiv in den Graben. Sofort lief ihm das Wasser in die Schuhe. Aber das tat nichts.
Er mußte sich ja sowieso richtig hineinstemmen damit er den Zwerg, der aus Eisen und daher recht schwer war, hochstemmen konnte. Er wäre dabei also ohnehin naß geworden. Dann versuchte er, den Gartenzwerg aus dem Graben zu heben, was ihm natürlich nur gelingen konnte, indem er ihn abwechselnd rollte und wuchtete.
Einmal der Länge nach und kopfüber, wieder aufstellen und nach der anderen
Seite umwerfen, an den Füßen hochheben und so weiter. Mühsam war das. Da kam er ordentlich ins Schwitzen. Als er den Zwerg endlich wieder draußen hatte, fuhr gerade ein Auto vorbei.
„Hei, Junge, was ist denn das für ein seltsamer Gartenzwerg? Gibst du ihn mir?", fragte ein Mann.
„Nein, das ist meiner!", sagte Albert.
„Ich gebe dir 20,--DM dafür.", sagte der fremde Mann.
Zwanzig Deutsche Mark, Albert fiel fast in
Ohnmacht. Verdammt , soviel hatte er noch nie für seine gesammelten Dinge bekommen. Er hatte früher schon einmal verschiedene Gegenstände aus dem Müll, vor allem Messingteile verkauft und dafür Beträge von einigen –zig Pfennigen, selten über einer Mark, erzielt. Aber zwanzig Mark für einen Gartenzwerg? Fast tat es ihm ja schon ein bißchen leid, aber ohne länger zu überlegen sagte er: „Ja, einverstanden.".
Der Mann war anscheinend auch von schnellen Entschlüssen, gab Albert die zwanzig Mark ohne mit der Wimper zu zucken, nahm den Gartenzwerg, wunderte sich, wie schwer der war und hiefte ihn dann, zufrieden dreinblickend, in den Kofferraum. Weg war er!
Albert, nahm die zwanzig Mark nochmals heraus, betrachtete sie, freute sich über das gute Geschäft, beschloß, sich erst einmal ein Eis zu kaufen und machte sich auf den Weg nachhause.
Abends dachte er noch ein wenig an den Zwerg, aber dann vergaß er ihn und schlief ein.Er schlief die ganze Nacht tief und fest. Auch die nächste Nacht schlief er zuerst gut. Doch später, mitten in der Nacht, wachte er plötzlich auf .
Da knarrte etwas. Er blickte durchs Fenster in den Hof hinab und sah eine kleine Gestalt, die sich an der Türe des Schuppens zu schaffen machte.
Oh, der Zwerg. Tatsächlich, der eiserne Zwerg schien an der Schuppentüre etwas zu machen.
Der Zwerg war wieder da!
Was war passiert? Was ist los gewesen? Die Geschichte war im Grunde ganz einfach gewesen und Albert sollte sie später noch erfahren.
Der Mann, der Zwergenkäufer, hatte nicht weit weg gewohnt.
Er hatte den Zwerg in der Mitte seines Gartens aufgestellt. Dann hatte er noch etwas Farbe genommen und den vermeintlichen Gartenzwerg mit Gartenzwergfarben, also grün und rot, anpinseln wollen. Zum Glück war er unterbrochen worden, sonst hätte der Zwerg ganz häßliche Farben bekommen. Aber die Mütze war bereits knallrot angemalt und das hatte dem Zwerg anscheinend gar nicht gefallen. Außerdem war er da mitten in der Sonne gestanden. So war er in der nächsten Nacht ausgerissen und hatte sich auf den Weg zu einer vermeintlich besseren Unterkunft gemacht. In Alberts Schuppen war es vielleicht doch besser gewesen. Da war er wenigstens nicht naß geworden. Aber, wie gesagt, das war eine andere Geschichte, und die sollte Albert erst sehr viel später erfahren.
Jetzt sah er zum Fenster hinaus wie in früheren Nächten und beobachtetet den Zwerg, wie der sich am Schuppen zu schaffen machte.
