Eisiges Camp - Christoph Kindt - E-Book

Eisiges Camp E-Book

Christoph Kindt

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Beschreibung

Ein langes Wochenende in einer wunderschönen Winterlandschaft verbringen, für sich sein, feiern und Abenteuer erleben, das hatten sich die sechs Freunde vorgestellt, als sie an einem kleinen verschneiten Campingplatz - Mitte der Neunziger - in der tiefen Wildnis von Schweden ankamen. Fernab von jeglicher Zivilisation ereignen sich schon in den ersten Tagen seltsame Dinge, doch sie lassen sich davon nicht beirren, bis sie Zeugen einer menschlichen Tragödie werden. Aus ihrem Alltag geschleudert, gefangen und eingeschlossen, noch paralysiert vom Entsetzlichen, versuchen sie dennoch alles, um das Camp hinter sich zu lassen - und der allgegenwärtigen Gefahr des Todes und der Qual zu entfliehen und sich zu retten. Doch welcher Weg zurück ist der richtige? Der, den sie anfangs gekommen waren, oder ...? Sie werden es bald erfahren, wenn, ja, wenn man sie lässt.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2021

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C. Kindt

Eisiges Camp

1. Auflage

Copyright 2021 Christoph Kindt

ISBN Taschenbuch 978-3-347-25544-9

ISBN e-Book 978-3-347-25545-6

Kontakt

www.christophkindt.de

[email protected]

Instagram @christophkindt

Herausgeber

CKMW Literatur & Photographie

Michael Wedekindt, Alex.-Pachmann-Str. 4g, 85716 Unterschleißheim

Verlag & Druck

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Bildnachweis

Profilfoto: Jens Müller | www.radicaleye.de

www.pexels.com

Hintergrund Mond mit Berg: Nikhlesh Tyagi

Vordergrund Bäume mit Schnee und Hügel: TomTookit

Gestaltung

CKMW Literatur & Photographie

www.ckmw.photography

Korrektur

Dr. D. Baum

Alle Rechte vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Nachdruck, Weiterverarbeitung etc. erfordert die schriftliche Einwilligung des Autors. Die in diesem Buch beschriebenen Handlungen, dienen ausschließlich der Unterhaltung und sind keineswegs zur Nachahmung empfohlen. Alle Handlungen, Personen und Namen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zu real existierenden und/oder lebenden Personen sowie Ereignissen sind rein zufällig.

Zum Buch

Ein langes Wochenende in einer wunderschönen Winterlandschaft verbringen, für sich sein, feiern und Abenteuer erleben, das hatten sich die sechs Freunde vorgestellt, als sie an einem kleinen verschneiten Campingplatz – Mitte der Neunziger – in der tiefen Wildnis von Schweden ankamen.

Fernab von jeglicher Zivilisation ereignen sich schon in den ersten Tagen seltsame Dinge, doch sie lassen sich davon nicht beirren, bis sie Zeugen einer menschlichen Tragödie werden.

Aus ihrem Alltag geschleudert, gefangen und eingeschlossen, noch paralysiert vom Entsetzlichen, versuchen sie dennoch alles, um das Camp hinter sich zu lassen – und der allgegenwärtigen Gefahr des Todes und der Qual zu entfliehen und sich zu retten. Doch welcher Weg zurück ist der richtige? Der, den sie anfangs gekommen waren, oder …?

Sie werden es bald erfahren, wenn, ja, wenn man sie lässt.

Christoph Kindt

Eisiges Camp

Mystery

Prolog

 

Dieser Wald. Undurchdringlich und weit ergießt er sich über das Land. Wenn man ein Vogel wäre, könnte man Stunden fliegen und käme doch nicht an sein Ende. Es ist eine Flut, beschützt von Gebirgen, wie Mauern, die nichts einzureißen vermochten. Tief und dunkel darbt er da. Alles aufsaugend, verschlingend, was sich in ihn hineinwagte, um es nie wieder zu entlassen. Etwas ist in jenem Gehölz, seit Jahrhunderten, Jahrtausenden oder gar länger. Götter sollen in jenem Wald hausen, so schrieben es die Chronisten, die sich wagten, hierherzukommen, um das Heidnische zu christianisieren, die Naturvölker, die jene Götter anbeteten, die zu diesen Bewohnern sprachen.

Jedoch geriet über die Zeit alles in Vergessenheit. Jene Chroniken vermoderten, verbrannten, verschwanden. Ausgelöscht aus dem Bewusstsein, verscharrt tief in einem Erdloch. Mitgenommen ins Grab der Menschen, die nicht mutig genug waren, weiter über die Grenze zu wandern, als es die gepfählten Toten ihnen rieten und nur das Gehörte von Mund zu Ohr zu berichten hatten.

So verhungerten die Geister im Verlauf der Zeit. Gingen ein. Verwelkten. Bis zu jenem Tag, an dem der Vogel hoch über ihren Kronen, den Kronen der Könige, flog und mit seinen scharfen Augen das sah, was lange niemand zu sehen vermochte.

Schreiend stürzte er hinab, landete auf einem Ast und beobachtete den Moment, in dem Sarah mit den Händen panisch die Äste beiseiteschob, die im Anschluss wie kleine Peitschenhiebe in ihr hübsches, puppenhaftes Porzellangesicht schlugen.

Blut floss ihre seidenweißen Wangen hinab und färbte die Haut dunkelrot. Ihre pechschwarzen langen und glatten Haare waren mit Schnee bepudert.

Die Kommandos ihres Freundes Emil hallten ihr immer noch in den Ohren, die Befehle, die sie aufforderten zu rennen, so schnell sie konnte, weg von diesem schrecklichen Ort. Sein Flehen ihn loszulassen, sein Betteln und das Verhandeln um sein Leben kreisten in ihrem Kopf.

Angstvoll stöhnte und quiekte sie, während sie sich weinend und orientierungslos durch den Wald kämpfte. Ihre Tränen erstarrten augenblicklich zu kleinen Eiskugeln, um gleich darauf zu Boden zu fallen.

Ihr Atem quoll dampfend aus ihrem Mund.

Hechelnd rang sie mit jedem Schritt, um so mit letzter Kraft weiterlaufen zu können. Orientierungslos lief sie barfuß im Schnee, die Angst kroch in ihr hoch.

Ihre Zehen, schwarzblau und eisig kalt.

Ein heller leuchtender Fleck erschien in ihrem rechten Augenwinkel. Ein Klecks, der sie anzog, wie eine Motte das Licht und sie schwenkte stolpernd in jene Richtung, um aus dem vermeintlichen Labyrinth des Schreckens entkommen zu können.

Geäst brach und sie rannte weiter, in den wärmenden, heilbringenden Schein der wohligen Hoffnung.

Ihre Augen, völlig an die Dunkelheit des Waldes adaptiert, wurden nun unerwartet mit Reiz und Schmerz überflutet, als sie aus dem Schatten des Dickichts trat. Sarah schützte ihre Augen mit der Hand. Langsam wich der stechende Schmerz und sie erkannte, dass sie scheinbar vor dem Ende der Welt stand.

Eine Schlucht tat sich vor ihr auf. Wand sich durch den felsigen Grund, rauschend schoss Wasser durch die Enge in der Tiefe, die schier bodenlos anmutete und sich seit tausenden Jahren beständig eingeschnitten, ja fast schon gefressen hatte.

Mit dem letzten Schritt stoppte sie. Spitze Kiesel bohrten und schnitten sich in ihre Fußsohlen, Steine und Schnee glitten raschelnd den Abhang hinab. Kies und Eis wandelten den Untergrund zu einer rutschigen Todesfalle.

Sie wusste weder ein noch aus und blieb in ihrer Schockstarre einfach stehen. Schwer atmend pumpte sie Luft in ihren brennend rasselnden Brustkorb.

Eine kalte leblose Berührung an der Ferse?

Ein Zischen im Hintergrund? Erschrocken drehte sie sich nach dem um, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sarah kreischte mit ihrer hohen Stimme kurz auf und rannte ziellos weiter. Immer direkt entlang, am Rande der Waldung, rechts hundert Meter senkrechter Abgrund, links dunkler furchteinflößender Wald, der sie verschlingen mochte.

Ängstlich und kopflos, nur noch durch ihren Fluchtreflex getrieben hetzte sie achtlos weiter.

In Zeitlupe sah sie langsam immer weiter über den Rand der Schlucht. Bäume schwangen sanft am Grund der Senke. Stille und ein innerer Frieden legte sich um ihre Schultern.

Ihr Blick wandte sich allmählich der Felswand zu und ehe sie begriff, was geschehen war, sah sie bereits auf die Abbruchkante über sich, die fortwährend immer weiter und weiter in die Ferne schwebte.

Die Wurzel, über die sie gestolpert war, hatte sie nicht bemerkt.

Ihr Atem stockte. Nun fiel sie.

Vier Sekunden.

Sekunden, die genügten, um über vieles nachzudenken.

Ihren Freund.

Ihre Familie.

Sich Vorwürfe zu machen und sich wieder zu verzeihen.

Bis kurz vor dem Moment als ihr Körper auf den Felsen zerschmetterte.

Tag eins

 

Schwer lag der Schnee auf den Kiefern. Leidend unter ihrer Last ächzten die Stämme, hing das Astwerk schlapp und müde glitzernd in der Sonne, die fast aus ihrem Zenit, nur wenige Grad über dem Horizont, ihre meiste Wärme spendete, um dann ab und an schlagartig den Ballast aus den Bäumen zu nehmen.

Das dumpfe Fallen war das Einzige, was man vernehmen konnte, wo sonst nur kalte Ruhe die Nadelbäume durchzog.

„Kommt, es sollte nicht mehr weit sein“, motivierte Paul seine Kameraden, die knietief versunken versuchten, sich im Schnee durchzukämpfen.

„Bist du dir sicher, dass wir an der richtigen Stelle sind?“, fragte Samara außer Puste.

Die Gegend taxierend blickte Paul den Hügel hinauf, um sie mit einer alten Faltkarte zu vergleichen. Immer wieder zeichnete er die Konturen der Umgebung mit dem Finger in seiner Karte nach.

„Ja, das muss gleich dahinter sein“, antwortete Paul und zeigte zu einer markanten Baumreihe auf einem kleinen Kamm über ihnen. Hochgewachsen ragten die Bäume in die Höhe, standen im Kontrast des mit Federwolken gemalten königsblauen Himmels da, stolz wie ritterliche Torwächter zu einem fremden Land. Flankiert von ihren Knappen unterstützt in ihrer Aussage, hier ist eine Grenze, ein Tor, ein Übergang. Vergesst nicht, ihr betretet nun unser Reich.

„Und was ist, wenn es da nicht ist?“, fragte David, der zum Ausruhen auf einem umgefallenen Baumstamm saß.

„Dann sterben wir David“, entgegnete Paul nüchtern und ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Tiefer unten am Hang stand Elisabeth und schaute zu Paul hinauf. Müde der langen beschwerlichen Wanderung.

„Schatz, lass uns bitte eine kurze Pause machen, seit Stunden stampfen wir querfeldein durch die Pampa. Ich kann nicht mehr.“

„Ich bin auch dafür“, schob Robert ein, umarmte dabei Samara wärmend von hinten und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Samara genoss die Zärtlichkeit ihres Freundes. Gefühlvoll streichelte sie seinen Arm.

Paul gab nach.

„Okay. Dann lasst uns zehn Minuten Pause machen, aber wir sollten zum Camp kommen, bevor es dunkel wird. Wir müssen noch einiges vorbereiten, wenn wir da sind“, mahnte er.

David gab Christian einen Fist-Bump und half ihm den Tracking-Rucksack abzunehmen, um sich im Anschluss zwischen die Vorräte auf seinen Transportschlitten zu schmeißen, den er bereits die ganze Zeit hinter sich herzog.

„Wäre es nicht doch besser gewesen, wenn wir dem Forstweg weiter gefolgt wären?“, hinterfragte Samara müde. Paul wandte sich zu ihr und verdrehte leicht genervt die Augen.

„Du hast doch gesehen, dass der Weg für die Autos unpassierbar war und wir es gerade noch so halbwegs mit den Dingern zum Parkplatz geschafft haben. Der Typ meinte es ist gleich hinter dem Hügel da. Direkt quer sollte es schneller sein, als den schlängelnden Weg zu nehmen.“

„Ich hoffe, du hast Recht“, sagte Samara und knetete sich ihre gefrorenen Hände.

Paul beachtete sie nicht weiter und machte sich indessen auf den Weg, den Hügel weiter zu erklimmen.

„Ich schau nur kurz, ob ich von oben schon etwas erkenne.“

Die Luft war schneidend kalt. Mit jedem Atemzug schien sich Pauls Hauch direkt wieder in kleine winzige Kristalle zu verwandeln, die hinabrieselten. Auf dem Kamm angekommen blickte Paul in die ausgedehnte Ebene und erspähte in einiger Entfernung ihr Ziel. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. So war er froh und zuversichtlich, dass sie es noch rechtzeitig vor dem Einsetzen der Dämmerung schaffen könnten.

„Auf geht‘s!“, scheuchte Paul seine Freunde wieder auf. „Wir sind gleich da. Ich kann die Wohnwagen bereits von hier aus sehen, vielleicht noch dreißig Minuten bis dahin.“

Die Gruppe mühte sich beim Aufstehen und begann sich auf den Weg zu machen, um die restliche Etappe zu meistern.

„Wo siehst du was?“, fragte Christian als er neben Paul auf dem Hügel angekommen war. Christian überblickte die schneebedeckte weite Fläche des kleinen Hochtals und versuchte, im Einheitsweiß auch nur die Spur eines Lagers zu entdecken.

„Ich sehe nichts“, ätzte er und gab entnervt auf.

„Na da hinten, bei den Bäumen am Waldrand, das sind die Wohnwagen“, zeigte Paul auf eine Stelle eines entfernten Waldes, der eine kleine Einbuchtung hatte, in dem die Anhänger U-förmig angeordnet standen. Es waren nicht mehr als ein paar dunkle Flecken auf einem hellen Areal, eingedeckt und begraben unter viel gefrorenem Wasser.

„Du willst mich verarschen, die sehen ja ziemlich eingeschneit aus.“ Christian hatte sich das offenkundig anders vorgestellt. Nicht glauben wollend, was er sah, wollte er genauer hinschauen und schützte dabei seine Augen mit der Hand vor der Sonne.

Paul grinste.

„Ja, sieht ziemlich danach aus. Es gab die letzten Tage einige Meter Neuschnee“.

„So eine Scheiße!“, schrie Elisabeth. „Ohne Schneeschuhe ist das echt keine Freude hier durchzukommen.“

„Es konnte ja auch keiner ahnen, dass wir dahinlaufen müssen“, erwiderte Robert sarkastisch.

„Schneeschuhe sind vor Ort“, versuchte Paul die Gemüter zu beruhigen. „Zumindest hat der Typ das versprochen.“

Robert ärgerte sich dennoch über die Situation.

„Da bringen sie uns reichlich wenig!“, motzte er. „Ich bin heil froh, wenn wir endlich da sind.“

Alles Meckern half nicht, den Freunden blieb nichts weiter übrig als die Situation so zu akzeptieren, wie sie nun mal war und gingen weiter. Sie liefen und liefen, nur wollten die Trailer nicht näherkommen. So blieben sie eine lange Zeit nur weit entfernte dunkle Flecken.

***

Paul hatte die Zeit maßlos unterschätzt. Mehr als eine geschlagene Stunde benötigten die Freunde, durch die Wildnis zum Camp. Mittlerweile schickte sich die Sonne an, hinter dem entfernten Gebirge und den Bäumen zu verschwinden.

Pauls Angst vor dem hereinbrechenden Abend, war seinem hektischen Verhalten deutlich anzumerken.

„Leute! Ranhalten, wir müssen die Camper freiräumen und sie schon mal vorheizen.“

Christian und David ließen unterdessen den Gasgenerator gemeinsam mit den Schneeschaufeln herunter, die zum Schutz vor dem Einschneien in die Baumkronen hochgezogen waren und machten alles einsatzbereit.

„Dahinten bei der roten Stange muss das Gas sein. Buddelt das als nächstes aus“, ordnete Paul an und zeigte am Rand des Waldes auf einen rot angemalten Stab, dessen Spitze nur über die Schneelinie ragte. „Der Vermieter meinte, er hätte im Herbst genug Gas für zwei Wochen eingelagert.“

„Schmeißt uns mal eine Schaufel rüber“, forderte Robert. „Wir fangen schon mal an zu graben.“

„Es reicht erstmal, dass wir reinkommen und gebt bitte acht, dass die Kamine ordentlich frei sind“, wies Paul an.

Angespornt durch Pauls Eifer, beeilten sich alle sechs Freunde, packten gemeinschaftlich an, vereinten ihre Kräfte und bereiteten alles für den ersten gemeinsamen Abend vor. Ihre Beschäftigung ließ nicht ab und so benötigten sie eine weitere Stunde, bis sie sich nach vollendetem Tagwerk endlich, erschöpft, aber zufrieden, gemütlich zum Abendessen im mittleren Wohnwagen zusammen setzen konnten.

Außerhalb sank die Temperatur spürbar, als die Sonne bereits lange hinter den Bergen abgetaucht war. Die violett-blaue Dunkelheit brach allmählich über den Platz herein. Das Schwarz der Nacht schob sich tiefer zum Horizont. Nach und nach erstrahlten die hellsten Sterne als kleine Punkte, gestochen scharf, durch die kalte klare Luft.

Rustikal, so konnte man es positiv beschreiben. Die fünfundzwanzig Jahre Gebrauch sah man dem Wohnwagen deutlich an. Die Innenausstattung, in Holz vertäfelt. Die Sitzbezüge mit dicken Knöpfen und mit Cord-Stoff bezogen, die Lampen und Gardinen hätten auch gut von den Großeltern ausgesucht worden sein können.

David öffnete in einer kleinen Kochecke mit einem Dosenöffner Gulaschsuppe, die sie extra für den ersten Abend mitgenommen hatten.

In der Sitzecke lümmelnd beobachtete Robert entkräftet den Sous-Chef bei seiner Tätigkeit, während er seinen Bauch streichelte.

„Mensch, das war echt anstrengend heute. Das Essen haben wir uns redlich verdient.“

„Bei deiner Wampe hättest du ruhig noch was tun können“, ärgerte Elisabeth Robert zurück.

Robert warf einen, nicht ganz ernstgemeinten, bösen Blick zu ihr und setzte sich erneut aufrecht und ordentlich hin, als er feststellte, dass sein Bauch unter seinem T-Shirt etwas hervorschaute.

„Haha Ella“, entgegnete er ihr darauf und rückte sein Shirt zurecht.

Schwungvoll schöpfte David mit der Kelle die Suppe auf, warf sich ein Handtuch elegant über seinen linken Unterarm und servierte in übertriebener Kellner-Manier das Essen.

„So, hier! Das leckere Dosengulasch für euch. Bon Appetit!“

„Oh Gott!“, entsetzte sich Samara. „Was ist das? Hundefutter?“

„Halt die Schnauze und iss“, erwiderte David herablassend.

So ganz zufrieden war Elisabeth mit dem Essen wohl auch nicht, was man daran erkennen konnte, dass sie mit ihrer Gabel zweifelnd nur herumstocherte.

„Das sieht mir jetzt nicht vegan aus. Wer kam denn bloß auf diese blöde Idee mit dem Fleisch?“

David ignorierte ihren Kommentar geflissentlich, während die Freunde laut lachten.

Daraufhin holte Robert seinen dicklichen Bauch erneut unter dessen Shirt hervor und formte aus dem Nabel einen Mund.

„Na da bekomm ich aber Appetit“, tat Robert mit tiefer Stimme so, als ob der Bauchnabel sprechen würde können.

„Hast du auch Hunger, Robert?“

„Na klar!“, antwortete er sich selbst zu seinem Bauch.

„Du bist so widerlich!“, rief Elisabeth und klatschte dabei ihre Fingerspitzen auf seine Haut, als Zeichen, dass er den Speck gefälligst wegpacken sollte und wendete sich abgeschreckt von ihm ab.

Christian war nach der anstrengenden Anreise wieder sichtlich entspannter und begutachtete die Verarbeitung der Inneneinrichtung.

„Nicht schlecht, dass du diese Wohnwagen aufgetrieben hast. Das ist mal ein anderes Wochenende, als ständig in der Hektik der Stadt oder an anderen Touristenfallen zu sein.“

„Ja, das hatten Ella und ich schon länger vorgehabt“, äußerte sich Paul stolz. „Nur alleine mochten wir das auch nie machen …“, wollte Paul in diesem Moment weiter zu seiner Geschichte ausholen, da ließ er sich ablenken, als David sich soeben an dessen Rucksack zu schaffen machte und eine Flasche Branntwein hervortat.

„Tada!“

„Oh, super!“, rief Robert erfreut und riss sie ihm augenblicklich aus der Hand, holte die Schnapsgläser aus einem Regal und öffnete geschwind die Flasche, um allen Anwesenden als gleich den Korn einzugießen.

Entsetzt schauten die Frauen auf den Tisch, wie Robert ohne Rücksicht die Gläser füllte und dabei einiges daneben ging.

„Ey! Nicht so viel Robert“, rief Samara. Doch er ließ sich davon nicht beirren und goss fleißig weiter ein. Der Tisch schwamm förmlich, alle griffen beherzt zu.

„Hoch die Gläser“, forderte David, „und auf ein tolles Abenteuerwochenende“, vollendete er gleich darauf den Toast.

„Auf uns!“, antworteten alle zeitgleich. Und so klirrten die Gläser in der Luft, als die Freunde anstießen.

„Was ist denn der Plan? Wohin gehen wir die nächsten Tage?“, fragte Elisabeth neugierig. „Du hast doch bestimmt schon alles durchdacht, wie ich dich kenne.“

Paul lachte.

„Ich habe vor, morgen mit euch zu einem Eiswasserfall zu wandern und übermorgen die Spöke Gorge zu erkunden.“

„Die was?“, hakte Robert verwundert nach.

„Die Geisterschlucht“, erklärte Paul.

„Ui, Geisterschlucht. Kling gruselig“, sagte Elisabeth gespannt.

„Die Geisterschlucht soll genial sein. Kleine Stege, die oben in der Felswand hängen und einen Rundgang erlauben“, beschrieb Paul die Gegend. „Nur ist sie eigentlich in den Wintermonaten gesperrt.“

„Eigentlich?“, fragte Samara verwundert.

Paul druckste.

„Naja, in den Wintermonaten kommt in der Regel sowieso keiner hin. Und gesperrt ist sie, weil es da … ein klitzeklein wenig … gefährlich sein kann … dort herum zu klettern“, ergänzte Paul kleinlaut.

„Okay …?!“

Ihre Gesichtszüge entgleisten.

„Es geht schon. Wenn wir vorsichtig sind“, versuchte Paul mit einem Lächeln Samara zu beschwichtigen. „Wir nehmen die Schneeschuhe und machen eine gemütliche Wandertour. Es ist nicht weit und du wirst sehen, es lohnt sich. Garantiert!“

Samara quälte sich ein müdes Lächeln ab. In Pauls Worte, konnte sie kein richtiges Vertrauen finden und nestelte unsicher an ihrer Serviette herum. Robert stieß Samara mit seinem Ellenbogen an, um sie aus ihrer Lethargie zu befreien und sie aufforderte, Spaß zu haben und sich nicht unnötig über den Ausflug Gedanken zu machen. Ein Kuss von Robert hellte ihre Laune endlich auf und sie konnte gedanklich von der Schlucht und ihrer vermeintlichen Gefahr Abstand nehmen. So wurde nun jeder von der Stimmung mitgerissen, konnte sich nicht verwehren, sich verweigern und entgegenstellen.

Die Alkoholflaschen leerten sich in einem kreisenden, symphonischen Rhythmus, eines Neunzigerjahre Mix-Tapes, der sich aufschwang bis zu seinem Höhepunkt, der jäh zu einem Delir abbrach, alles in sich aufsaugte und sich in einem Einheitsbrei vermischte.

Der rauschende Einstand fand bald seinen Anfang vom Ende, der in einem schwankenden „gute Nacht“ von Robert mündete der sich, umarmt mit Samara, in der Tür stehend verabschiedete, aus Pauls und Elisabeths Heim, um in ihr zeitweiliges neues Quartier für die Nacht zu gehen.

Der Frohsinn war für heute aufgebraucht und so entschlossen sich Christian und David, kurz darauf, die restliche Nacht nicht auch noch weiter zu strapazieren und empfahlen sich ebenfalls in die Nacht. Nun konnte es Paul nicht schnell genug gehen, dass seine restlichen Gäste ihn und Elisabeth allein ließen. So drängelte er sie förmlich unfreundlich aus der Tür.

„Wann wollt ihr aufstehen?“

„Wie weit ist es denn morgen?“, stellte Christian leicht lallend die Gegenfrage.

„Nicht sehr weit. Der See ist gut zwei Stunden entfernt. Wie gesagt, der gefrorene Wasserfall, soll krass sein.“

„So krass wie sich mein Kopf anfühlt? Dann sollte halb neun reichen“, antwortete Christian.

Paul winkte und bestätigte die Entscheidung, ging mit Elisabeth in den Wohnwagen und schloss die Tür hinter sich.

Dunkel lag der kurze Weg vor Christian und David, mutete für sie an eine unüberwindbare Barriere zu sein. Frischer Schnee hatte sich mittlerweile über die mühselig freigeschaufelte Furche gelegt. Ausschließlich der gelbgrüne Schein aus dem mittleren Wohnwagen gab ihnen ein kleines Gefühl, in welche Richtung sie gemeinsam gestützt gehen mussten.

„Schau dir die zwei mal an“, amüsierte sich Samara köstlich, die mit Robert im Arm noch den klaren Sternenhimmel bestaunt hatte, wie Christian und David versuchten sich in ihre Unterkunft zu mühen. Schritt um Schritt schaukelten sie den Weg entlang und fielen mehrmals in dem kalten Schnee übereinander.

Christian schimpfte mit David. David schimpfte mit Christian. Dann lachten sie gemeinsam, halfen sich wieder auf, bis sie es irgendwie, glücklich und ohne größere Blessuren schafften, den Weg zu bändigen.

„Ob sie es morgen überhaupt rausschaffen?“, fragte Samara belustigt.

„Die werden so einen Kater haben“, antwortete Robert, hielt für Samara die Tür, während sie versuchte in den Wohnwagen zu steigen und kniff ihr in einem günstigen Moment in ihren Hintern, um hinterher animalische Geräusche zu erzeugen.

„Hihi“, kicherte Samara. „Lass das!“

Robert kläffte hinter ihr als er direkt in den Caravan stieg und die Tür zu zog. Samara lachte erneut laut auf, während Robert deutlich hörbar und lüstern über sie herfiel.

Vom Wind herübergetragen drangen die Töne der Lust zu Elisabeths Ohr.

„Oh man“, rief sie genervt. „Jetzt müssen wir den beiden noch beim Sex zuhören. Ich will schlafen“, jammerte sie weiter.

„Das ist doch bei Robby in zwei Minuten vorbei“, beruhigte Paul sie grinsend, schmiegte sich an ihren warmen Körper und legte seinen Arm zum Schlafen um sie. Beide gaben sich gegenseitige Gute-Nacht-Luftküsschen und fielen, im Hintergrund begleitet von Samaras freudigem Quieken alsbald in einen dösigen Dämmerschlaf.

***

Zu dreiviertel gefüllt, so zog der Mond, bedächtig aus seinem Tagesquartier und über den Wald hinweg, tauchte die Gegend in einen graufahlen Lichtschein. Die Schatten der Bäume wanderten mit dem Trabanten um die Wette. Gestochen scharf leuchteten die Sterne zu Boden. Reihe um Reihe tanzte das Geäst der Nadelbäume. Wirbelnd fegte der Wind ab und an Schnee von den Bäumen und Dächern, der sanft zu Boden glitt.

Paul schrak unerwartet auf.

„Oh, Mist, wie spät?“, fragte er sich selbst. „Mein Schädel! Wasser! Ich muss was Trinken“, waren gerade seine einzigen Gedanken, getrieben durch seinen Rachen, der sich anfühlte wie eine Wüste. Trocken, rau und entzündet. Paul stand auf, nahm einen großen Schluck zu sich und schaute auf die Uhr.

Resigniert ließ er die Arme wieder fallen.

„So eine Kacke, gerade mal drei Uhr“. Innerlich ärgerte sich Paul darüber, dass, wenn er zu viel getrunken hatte, er immer nach wenigen Stunden ohne sein Zutun aufwachte.

Akut machte sich Druck in seinem Unterleib breit, bevor er sich wieder zu Elisabeth ins Bett kuscheln konnte. Der Campingwagen schwang gefährlich für ihn hin und her, wie ein Schiff im Sturm auf offener See. Die Toilette von Thetford, seine rettende Kajüte, sein Anker, an dem er sich festsetzen konnte, den Wellengang zu ertragen, bevor er wieder versuchte, mit seinem dröhnenden Brummschädel pendelnd ins warme Bett zurück zu gelangen und erneut einzuschlafen.

Die Sekunden tickten unaufhörlich, zählten die Zeit, dehnten sie wie Sirup, angeschwollen zu gefühlten Stunden.

Paul fuhr abermals hoch, als er, offenkundig außerhalb des Wohnwagens, etwas knirschen hörte. Vorsichtig lupfte er die Gardine an und schaute aus dem Fenster. Der Mond hob sich deutlich vom Firmament ab und schaute ihm, mit müdem Blick entgegen. Die Bäume bildeten ein Wirrwarr aus Schatten und lichten Flecken. Der Pulverschnee glitzerte graublau, verstärkte die gespenstische Ruhe. Draußen war für Paul nichts zu erkennen, was ihn hätte wecken können, tat die Geräusche gedanklich mit Wind und Tieren ab und legte sich erleichtert wieder zu Elisabeth kuschelig unter die Decke.

Tick auf Tick der Uhr sog ihn die Müdigkeit ein und Paul glitt in einen Dämmerzustand zwischen zwei Welten, in der diese Töne und Klänge normal erschienen. So baute er in seinen Halbschlaf-Gedanken das Kratzen und Schlürfen ein, das weiterhin von außen ins Innere drängte. Knarzendes und ächzendes Holz ergänzte den Zusammenklang aus der Wildnis und dem leisen Surren des Gasgenerators um das Lager, in einem sich verstärkendem Echo, um abrupt zu stoppen, als Paul laut hochschreckte.

Wiederholt lupfte Paul die grünen Velourgardinen. Der einzige Schutz zwischen ihm und dem, was da draußen wohl sein mochte.

Der Wald vor seinem Fenster bildete eine schwarze, undurchdringliche Wand. Einige Sekunden lang, versuchte er jegliche Bewegung in der Dunkelheit dingfest zu machen. Alles starr.

Wie mit eisigen, spitzen Fingern krabbelte eine unheimliche Kälte seinen Rücken hinunter.

Paul strich sich erschöpft über das Gesicht. Die Schatten der Bäume wurden mächtiger, wuchsen schnell in die Höhe, kamen näher und blieben doch fern. Es schüttelte ihn, als sich ein weiterer Schauer aufmachte frostig seinen Rücken runter zu laufen, um im Anschluss den Vorhang fallen zu lassen und sich ängstlich an Elisabeths warmen Körper zu schmiegen und er so versuchte, seine Schauder zu ersticken.

Zweiter Tag

 

Die Sonne hob sich zur Begrüßung des neuen Tages über die Spitzen der östlichen Berge. Lugte erst ein wenig und dann mehr und mehr über die Gipfel, färbte den einst dunkelblauen Himmel, anfänglich von Rot über Violett zu einem hellen Blau nuanciert ein, ihr goldgelber Glanz spendete dem Lager den ersten warmen Schimmer, erhellte und bereitete es, fröhlich und aufmunternd, für den neuen Tag vor.

Christian war der Letzte der fünf Freunde, der schwankend aus seinem Hänger stieg. Der Morgen, noch weit entfernt davon Tag genannt werden zu können, hob Christian seine Hände zum Schutz vor dem für ihn zu grellem Licht.

Christian war angewidert und schüttelte seinen Kopf vorsichtig.

„Bäh! Die Schnäpse waren eindeutig zu viel.“

„Tja“, erwiderte Robert mit Schadenfreude. „Feiern wollen wie die Großen, aushalten wie die Kleinen.“

Paul, Elisabeth und David lachten.

„Schaut mal, was es hier gibt! Geiles Teil!“, rief David, der kurz darauf hinter einem der Wohnwagen eine Truhe geöffnet hatte. David hob einen riesigen Eis-Handbohrer aus der Kiste und bestaunte diesen.

Neugierig kam Paul sogleich um die Ecke und schaute verwundert auf das Ding, das David gefunden hatte.

„Das nenne ich mal einen ordentlichen Eisbohrer. Gibt es auch Ruten?“