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Amrum im Januar, der Kontrolleur vom Bauamt verstümmelt unter Eis, und Tatspuren, die unterschiedlich in die Amrumer Gesellschaft führen. Winterpause. Nie ist es auf der Insel einsamer. In einem vereisten Tümpel liegt die Leiche Hartfried Vogts. Die Kripo und Inselpolizist Nanning Tadsen verfolgen unterschiedliche Spuren. Das Opfer wurde durch die Kontrollen von Ferienwohnungen zum Hassobjekt. Liegt dort das Motiv? Die Ehefrau zeigt keine Trauer, dafür weiß die Insel von einer Geliebten ihres Mannes. Eine hohe Summe Bargeld fehlt und im Edelhotel Seeblick macht sich der Präsident eines Rockerclubs verdächtig. Und im Sonnenstudio wird ein Leichenteil gefunden. Dann wird Flor vermisst, die Tochter des Inselpolizisten. Ihr blutverschmiertes Handy lag am Straßenrand.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2025
Volker Streiter
Eiskalte Auszeit
Amrum Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Montag – Totensümpfe
Dienstag – Zerbrochenes Eis
Vermisst
Gefrorene Trauer
Rührei
Mittwoch – Geld
Mala Reputación
Tropen
Donnerstag – Angelandet
Rosa Wolke
Notfallerkenntnisse
Ban Horn
Reiterhof
Freitag – Anonyme E-Mail
Beim Bauern
Terminzettel
Ärztliche Beratung
Samstag – Funkzellen
Robbenland
Sonntag – Durchsuchung
Das Pendel
Rote Fäden
Impressum neobooks
Eiskalte Auszeit
Amrum Krimi
Volker Streiter
Dieser Roman ist Fiktion.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig
Der Mann stand unbeweglich in der Einfahrt zur Polizeiwache, trotz des eisigen Windes, der ihm ins Gesicht blies. Nanning Tadsen hörte auf, die Windschutzscheibe des Streifenwagens freizukratzen und blinzelte. Die Uniformjacke spannte über seinem Bauch und ließ keine Luftschicht dazwischen, ihm war kalt. Doch von außen betrachtet entsprach er mit seinem wettergegerbten Gesicht und seiner Größe dem Bild eines kernigen Küstenbewohners, so hatten die Touristen es gerne. An so einem trüben Morgen, wenn dann auch noch Eisregen von der Seite kam, bildete er sich gerne ein, auf Island zu arbeiten, oder den Färöerinseln. Nicht, dass das Wetter dadurch besser würde, aber es wurde geadelt und das Leben fühlte sich insgesamt spannender an. Unbestreitbar hatte das Amrumer Winterwetter auch noch den Vorteil des gewissensbissfreien Konsums deftiger und fettiger Speisen, anerkanntermaßen hielten sie die Seele fern vom frostigen Grund.
Langsam erkannte Nanning im dämmrigen Licht des heraufziehenden Tages die Silhouette des Wartenden und hatte große Lust, einfach weiterzukratzen. Folkert Försen wollte wieder etwas von ihm, und das war wie üblich ganz sicher nicht polizeirelevant.
Der inselbekannte Amrumer galt als Sonderling und mit seinem ewigen Blaumann und Seemannspullover als nicht mehr vorzeigbar, bei aller Liebe der Insulaner für handfeste Matrosenoptik. Dazu war er einfach zu verlottert. Außerdem machten seine plötzlichen Wutattacken Angst, trotzdem besaß er die Sympathie der meisten, denn sie kannten seine Geschichte.
Neuerdings hatte er neben der Angewohnheit, Falschparker zu fotografieren und in Touristen gemeingefährliche Eindringlinge zu erkennen, eine neue Marotte: Der trotz aller Verwirrtheit belesene Mann erkannte auf seiner Insel viele Orte der Weltliteratur wieder und teilte das ausgesuchten Personen mit.
Was also würde er Nanning heute erzählen? Der inzwischen zum Hauptkommissar beförderte Inselpolizist war Mitglied der kleinen Stammbesatzung, die am Sanghughwai am Rande von Nebel Dienst tat, jenem zentralen Friesendorf, das mit seinen vielen alten Kapitänshäuschen alle Welt entzückte. Über die Jahre war das unansehnliche Dienstgebäude, vormals ein durchschnittliches Wohnhaus aus Ziegeln mit Spitzdach, Zeuge der Veränderung geworden, die ganz Amrum im Griff hatte. Lag es einst als eines der letzten Wohnhäuser am Waldrand von Nebel-Westerheide, war es nun umgeben von hochpreisigen Friesenhäusern, die in der Mitte gepflegter Grundstücke lagen wie Haut Cuisine Häppchen auf zu großen Tellern. Neubauten aus auf alt gemachten Ziegeln mit aufwändigen Reetdächern, geschwungenen Sprossenfenstern in Grau und Oliv, zu denen weite, weiß lackierte Zugangstore und Steinwege führten. Wie dem achtzehnten Jahrhundert frisch entsprungen lagen sie da, nur, dass in jenen Zeiten kein Haus so perfekt ausgesehen hatte.
Syltifizierung, sagten die einen, andere Versyltung oder Versyltifizierung, gemeint war immer dasselbe, die Umwandlung von alltäglichem Wohnraum zu saisonal bewohnten Ferienhäusern.
Jetzt im Januar fehlte die Verstärkung durch zwei weitere Beamte, den sogenannten Bäderdienst, im Winter war ja auch nichts los. Nach dem ersten Kaffee und dem Sichten neuer Vorgänge wollte Nanning mit seinem Kollegen Ocke eine Runde um die Insel drehen. Auch in der einsatzarmen Zeit hatten die Amrumer ein Recht darauf, ihre Polizei zu sehen. Doch erst mal musste die Einfahrt von Folkert Försen und die Windschutzscheibe vom Eis befreit werden. Eins nach dem anderen, den Mann jedenfalls konnte er da nicht einfach stehen lassen.
»Moin Folkert, komm rein ins Warme!«, rief er gegen den Wind und winkte in Richtung Wache. »Wir frieren hier sonst fest, das nützt keinem.« Gemächlich bewegte sich die Silhouette auf Nanning zu und der ging hinein, Folkert immer im Auge.
Kaum fiel die Wachtür hinter ihnen zu, wurde der laut. »Hör mal, Wachtmeister, die Totensümpfe sind vereist, so geht das nicht!« Er zog aus dem Blaumann ein grünes Taschenbuch hervor, schlug es an einer mit Segelohr markierten Stelle auf und fuhr sich durchs lange, speckige Haar. »Hier: Kalter, feuchter Wind herrschte noch in diesem verlassenen Land. Das einzige Grün war der Schaum von bleichem Kraut auf den dunklen, fettigen Oberflächen der trüben Gewässer. Seite 267 im zweiten Band.«
»Der Herr der Ringe, Die zwei Türme. Du wirst es nicht glauben, aber diese Ausgabe hatte ich auch mal. Das Buch habe ich damals verschlungen.«
Folkert starrte an Nanning vorbei, dann schlug er die Seite um. »Einen Augenblick lang sah das Wasser unter ihm aus wie ein Fenster, mit einer schmutzigen Scheibe verglast, durch die er blickte. Er zerrte seine Hände aus dem Morast heraus und sprang mit einem Schrei zurück. ‚Da sind Tote, tote Gesichter im Wasser‘«
»Ja, der arme Frodo, und gleich stürzt er auch noch hinein, ich weiß.«
Folkert nickte. »Die Totensümpfe.« Fast flüsterte er, sprach andächtig wie in einer Kirche. »Aber da ist es Wasser, kein Eis, Wachtmeister. Eis darf nicht sein. Weil, sonst sind sie gefangen, die toten Könige und Krieger.«
»Das Eis, na sicher.« Nanning seufzte. »Ocke, wann taut es bei uns?«, rief er in die Wache hinein.
»Ab Mittag soll es tauen!«
»Da hörst du es. Dann sind sie befreit, deine Schwerthelden. Wo hast du sie denn gefunden?«
»Geheimnis.« Folkert verstaute sein Buch, Misstrauen im Blick. »Sonst nehmt ihr mir das weg.«
»Nee, lass man, was sollen wir denn mit deinen Moorleichen im Winter. Ist mir viel zu ungemütlich da draußen. Die gehören dir. Wie bist du eigentlich hier, mit dem Rad, wie immer?«
»Mit dem Bus, eine Ausnahme.« Die Wachtür fiel ins Schloss und Nanning schmunzelte. Der Herr der Ringe auf Amrum, das war ja was. Hatte er die Bücher noch zuhause? Da mal wieder reinschmökern, keine schlechte Idee.
»Was war denn?« Ocke ließ seinen immer zu roten Bluthochdruckkopf sehen.
»Folkert hat wieder ein Stück Weltliteratur bei uns gefunden. Auenland und Mordor und all das.«
Ocke pfiff anerkennend. »Ich kenne die Filme. Haben wir es also bald mit widerlichen Kreaturen zu tun?«
»Frag ihn. Ihm geht es um die Totensümpfe. Da will ich nicht hin.«
»Wo das hier wohl sein mag? Oben bei Haus Burg, die Weiden an der Wattseite sind durchzogen von Pfützen und Kuhlen, auf denen jetzt trübe Eisflächen liegen.«
»Oder es ist ein Dünenteich, da haben wir einige von oberhalb vom Strandpiraten, da wo der Bohlenweg endet. Wer weiß. Das nächste Mal hat er hoffentlich ein friedlicheres Buch am Start.« Er sah hinaus in den grauen Morgen und schüttelte sich, die schiefgewehten Baumkronen gaben ihm eine Idee vom Wind. »Ich mach dann mal unseren Wagen klar und wenn du fertig bist mit Kaffeetrinken, können wir pflichtgemäß streifen.«
»So früh am Tag, bei dem Wetter?« Ocke griff zum Kaffeebecher und schlug demonstrativ die Zeitungseiten vor sich um. »Die Chefin ist doch auf Lehrgang, dann darf man es ruhig angehen lassen.«
Nanning, die Wachtür schon in der Hand, lachte auf. »Flensburg hat sich für sie was ganz Feines ausgedacht, jetzt in der toten Zeit. Gendergerechte Sprache, Achtsamkeit gegenüber den Mitarbeiterbedürfnissen und der Umgang mit schwierigen Menschen. Oh lieb Heimatland! Politisch korrekt, vorgeblich mitarbeiterorientiert und psychologisch geschult, so stellen die sich Führung vor. Tünkram. Entweder du hast ein Händchen für die Mitmenschen oder nicht. Der beste Lehrgang ist das Leben selbst, was Ocke? Wobei, das mit den schwierigen Menschen ist vielleicht nicht ganz uninteressant, übers Jahr wird so einiges angespült an Amrums Küsten.«
»Was du für Worte kennst, Nanning, du könntest glatt in die Politik. Schade, dass dich keiner gehört hat.«
»Bewahre, ich habe es lieber konkret. Was ist, kommst du nun?«
»Ja, ja, kratz du man, ich bin gleich da.«
Von Nebel kommend rollten sie über die Inselhauptstraße durch Süddorf. Die Straßen waren leer, die Häuser wirkten verlassen. Wer konnte, blieb im Warmen, selbst die agilsten Touristen auf der Suche nach heftigen Wettererlebnissen warteten ab oder saßen noch beim Frühstück. Später würden sie den Strand begehen, vermummt in Allwetterkleidung und mit Expeditionsrucksäcken. Selbst beim kleinsten Wind zogen sie die Kapuzen derart zu, als ginge es darum, die Stürme in den eisigen Höhen des Nanga Parbat von ihren rosigen Gesichtern fernzuhalten. Angeblich waren sie glücklich, wenigstens für die kurze Zeit ihres Aufenthalts, wenn ihre Mienen das auch nicht verrieten. Die Amrumer, wenn sie in der ruhigen Zeit nicht in einem längeren Urlaub fern der Insel Kraft für die nächste Saison tankten, zogen sich in ihre schönen Schneckenhäuser zurück und genossen das stille Inselleben. Jetzt waren die Insulaner fast unter sich, das war jedes Jahr ein besonderer Zustand.
»Da stehen einige Ferienwohnungen leer«, kommentierte Ocke, »halb Westerheide liegt im Dunkeln. Ob sich die Investition noch rechnet? Jetzt, wo man genauer hinsieht.«
»Du meinst die Suche nach illegalen Unterkünften, die das Kreisbauamt dann schließt. Auf Sylt muss das ganz schlimm sein. Da ist das Verhältnis von normaler Dauerbewohnung zu Ferienwohnungen völlig abgerutscht. Bei der Schieflage musste wohl was passieren. Wenn die Menschen, die auf einer Insel arbeiten, nicht wissen, wo sie schlafen sollen oder sich das gar nicht mehr leisten können, herrscht ja sowas wie Notstand. Soweit hätte das nie kommen dürfen. Jetzt geht Hartfried Vogt vom Amt mit seinem Bebauungsplan durch die Dörfer. Kein Wunder, dass vielen die blanke Angst im Nacken sitzt. Geschlossene Ferienwohnung, was meinst du, was da für Einnahmen wegbrechen. Damit hat so mancher sein ganzes Einkommen gesichert. Aus der Traum. Und Kredite werden auch noch laufen. Wenn da mal nicht Existenzen gefährdet sind.«
»Vielleicht wird es auf Amrum nicht ganz so schlimm, der Vogt wird die Insel doch nicht gegen sich aufbringen wollen, der lebt ja hier.«
Nanning grinste. »Schräg gegenüber der Keksdose, mit seiner Frau, ganz bescheiden. Die Lage ist gut gewählt. Von da kann er schnell aufs Schiff, wenn es brenzlig wird.«
»Ganz bescheiden, von wegen. Immerhin hat er noch einen Zweitwohnsitz, das weißt du doch.«
»Bei einer einsamen Physiotherapeutin, ja. Aber das ist ja eines der großen Inselgeheimnisse.« Beide lachten. Inselgeheimnis, was für ein widersprüchliches Wort auf Amrum.
Sie passierten die letzten Häuser von Süddorf. Hier wohnte Nanning mit seiner Frau Amanda in einem unauffälligen Ziegelbau, weiß die Fugen zwischen den Steinen, und grau das Spitzdach aus Dachpfannen. Es war eben so gar nicht friesisch gestylt, ohne Findlingsmauer im Vorgarten, und ein Reetdach war auch zu teuer. Seine Tochter Flor fuhr inzwischen in Rendsburg Streife, da schien der Vater kein schlechtes Vorbild gewesen zu sein.
»Was machen eigentlich deine Tiere?«, wollte Ocke wissen und meinte ein paar Weißkopfige Fleischschafe, eine alte Rasse, die auf einer kleinen Weide neben Nannings Haus lebten.
»Denen geht es gut, die machen was sie wollen. Grasen, Heu knabbern oder im Stroh liegen. Ihren Unterstand habe ich noch rechtzeitig vor dem Winter repariert, aber nachher muss ich mal nach ihnen sehen. Jetzt sollen sie noch ihre Ruhe haben.« Die Tiere in ihrem zeitlosen Dasein strahlten für Nanning eine süchtig machende Ruhe aus, die ihn jeder Hektik entzog.
Sie passierten den Leuchtturm, der rechter Hand etwas abseits in den Dünen lag und die Blaue Maus, jene an der Landstraße gelegene Bar, die, würdigte man das Spirituosenangebot, durchaus als schottische Botschaft gelten konnte.
Ocke sah aus dem Beifahrerfenster und schüttelte den Kopf. »Das Folkert Försen zur Maus noch nichts eingefallen ist, schon seltsam. In wie vielen Büchern spielt eine Bar eine Rolle, oder ein Whiskysaloon. Gerührt oder geschüttelt, James Bond, was hat er nur mit dem Herrn der Ringe, ist er nicht zu alt dafür?«
»Die Bar ist vielleicht nicht seine Welt, muss man sich ja auch leisten können und es ist auch nicht jeder so buchabstinent wie du. Für so ein Epos ist man nie zu alt, es ist alles eine Frage des Geschmacks. Ganz sicher ist aber auch, dass, würde ich die Geschichte jetzt noch mal lesen, ich einiges ganz anders verstehen würde. So ist das mit Literatur.«
»Literatur! Was hat Folkert hier auf der Insel denn noch so entdeckt an Buchorten?«
»Er ist der Meinung, dass Robinson Crusoe oben an der Nordspitze gut hätte stattfinden können. Die Odde ist ja fast wie eine Insel, was fehlt, sind ein paar Palmen und eine Wasserquelle. Und in den endlosen Weiten des Kniepsands hat er den Wüstenplaneten Arrakis erkannt.«
»Moment, nicht verraten, den kenne ich. Der Film hieß Dune. Mit den riesigen Sandwürmern.«
»Richtig. Das Buch dazu heißt aber Der Wüstenplanet.«
»Totensümpfe, einsame Insel, Wüste, mit Großstädten hat er es wohl nicht so?«
»Ocke, das ist gut beobachtet. An der Böle Bonken Bank, mit Blick aufs Watt, da wo man sich besonders alleine fühlt, spielt für ihn die Deutschstunde von Siegfried Lenz.« Nanning schaute auf seinen Kollegen. Ob das Buch dem was sagte? Doch eine Reaktion blieb aus. »Ein Maler mit abstrakten Nordseebildern und einem Berufsverbot der Nazis, dem ein blindwütig-pflichtversessener Dorfgendarm das Leben zur Hölle macht. Die Freuden der Pflicht heißt es da zynisch.«
»Sag ich doch. Das Watt, wieder eine leere Gegend.«
»Warum auch nicht, wir sind auf einer Nordseeinsel, da liegt Natur und Einsamkeit am nächsten.«
»Und weil das eben manchmal nicht zum Aushalten ist, sind wir jetzt in Wittdün, unserer Einkaufsmetropole. Hier wird dir jeder Wunsch erfüllt.«
Nanning musste lachen. »Ach was du dir so wünschst. Das ist hier nicht das Hamburger Rotlichtviertel.«
»Träumen wird man doch wohl noch dürfen, in dieser grausamen Zeit, da es kaum Touristinnen gibt und die paar sind dann auch noch so unvorteilhaft verpackt.« Er meinte beide Kategorien an Winterkleidung, die Fraktion mit den langen Steppmänteln, die aussahen wie begehbare Schlafsäcke und die andere in Wanderkleidung für Extremwetterlagen, figurbetont war keine.
»Dass er die Böle Bonken Bank für einen Literaturplatz ausgesucht hat, ist bemerkenswert.« Nanning fuhr an den Cafés und Geschäften im Schritttempo vorbei. Auch hier wirkte alles sonntäglich verschlafen, dabei war es Montag. Ein Amrumer Wintermontag.
Ocke bedachte die Szenerie mit einem gelangweilten Desinteresse, ganz so als hätte er mit dem Ort nichts zu schaffen. Aber zu dem, was Nanning gerade gesagt hatte, nickte er zustimmend. Immerhin.
»Seine Tochter wurde dort ermordet, im Reet, fast gegenüber dem großen Kreuz an der Bank. ‘Uun Jesus as Rau an Frees‘ steht da, in feinstem Friesisch. Ruhe und Frieden, was soll der Vater des getöteten Mädchens dazu wohl sagen. Er hat beides nicht gefunden.« Sie erreichten den leeren Fähranleger und Nanning stellte den Motor ab. Ihr Blick ging hinaus auf die See. Trübe und grau-braun wogten die Wellen, selbst die Schaumkronen waren eher cremefarben als weiß. Das Ganze passte gut zum steingrauen Himmel, ein gutwilliger Betrachter hätte von monochromer Eleganz gesprochen.
»Und dann stirbt ihm noch die Frau«, ergänzte Nanning, »kein Wunder, dass er jeden Halt verlor. Auf unserer kleinen Insel kann so jemand aufgefangen werden, aber stell ihn dir in der Großstadt vor.«
»Ja, er ist hier so gut aufgehoben, dass er der Polizei immer wieder mit neuen Geschichten kommen kann, und die hört ihm zu.«
»Der Polizei? Du meinst mich. Mir erzählt er diese Spinnereien, du scheinst seine Erwartung nicht zu erfüllen.« Nanning stieg aus dem Wagen, schloss die Winterjacke und trat fröstelnd an die Pier. Unter ihm schlugen die Wellen im immer gleichen Rhythmus gegen die Stahlwand, aber keineswegs beruhigend. Am Horizont lag die dünne Silhouette Föhrs, im trüben Dunst kaum erkennbar. Die Fähre käme in einer halben Stunde, dann gäbe es ein wenig Leben, dass sich aber ganz schnell verflüchtigte, so als habe jemand ein Bier in heißen Sand gegossen.
Ocke gesellte sich zu ihm. »Wollen wir ein paar Falschparker aufschreiben, das wird die Chefin freuen, wenn sie wiederkommt.«
»Du hast Ideen. Ich bin sicher, du wirst Opfer finden, auch jetzt im Winter. Bloß, stören die einen? Du bringst die Leute doch nur gegen uns auf, triffst nur Insulaner und Handwerker. Nein, das ist ganz ungesund.«
Nannings Handy ging. »Seid ihr nicht im Fahrzeug, es geht keiner an den Funk«, schimpfte die Leitstelle. »Im Edeka in Nebel gibt es einen Ladendieb.«
»Ladendiebstahl, genau unser Fall.« Er warf noch einen Blick auf die Wellen und wandte sich zum Streifenwagen. »Na siehst du, Ocke, das ist mal was Handfestes. Und deine Falschparker sind gerettet.«
Ihre Schicht endete geruhsam. Am Ende mussten sie noch die Abschleppung eines Düsseldorfer Porsches aus einem Straßengraben absichern, der dynamische Fahrer konnte sich nicht erklären, wie er da hineingeraten war. Dann kam noch der Schreibkram.
Über Tag war es tatsächlich etwas wärmer geworden, doch die gefrorenen Pfützen und Tümpel hatten ihr Eis nicht hergegeben.
Am nächsten Morgen mühte Nanning sich wieder mit der zugefrorenen Windschutzscheibe des Streifenwagens ab. Der Himmel zeigte ein zartes Blau hinter Schleierwolken. Dafür war es kälter als am Vortag. Von wegen, es würde wärmer. Dicker Raureif überzog Gras und Äste, wie gepudert wirkte die Straße. Alles schien heller und sauberer zu sein. Als er die Seite wechselte, um die andere Scheibenhälfte freizukratzen, sah er durch den Dunst seiner Atemwolke die von gestern vertraute Silhouette in der Einfahrt stehen, diesmal ein Fahrrad neben sich.
Das konnte doch nicht wahr sein, sollte dieser Amrumschrat sich angewöhnen, ihn täglich auf der Wache zu begrüßen?
»Folkert, komm rein!« Er winkte den Mann zum Wacheingang. »Werde ich dich jetzt jeden Morgen sehen? Du hast doch bestimmt Besseres zu tun, als dich auf Polizeiwachen herumzudrücken, noch dazu so früh.« Er blickte in das von Wind, Sonne und Kälte zerfurchte, unrasierte Gesicht seines Besuchers und erkannte unterdrückte Wut. Folkert legte eine Haarsträhne hinters Ohr, atmete tief durch und schob die Ärmel seines Seemannspullovers hoch bis zu den Ellbogen, bereit, handfest zuzupacken. Seine sehnigen Hände würden halten, was die ganze Szene versprach.
»Dass du nicht frierst, so ohne Handschuhe. Tee?« Nanning ließ das optische Raubein stehen und verschwand in der Teeküche. »Gibt es denn einen Grund, dass du hier bist?«, rief er und hantierte mit dem Wasserkocher. Sollte Folkert jetzt explodieren, hätte er einen sicheren Abstand zu ihm.
»Hör mal, Wachtmeister, ihr macht nicht eure Arbeit!« Die Stimme dröhnte, obwohl er nicht schrie. Nanning warf einen kurzen Blick auf ihn, dann griff er nach zwei Henkelbechern. Zur Not könnte er die ja werfen. »Erstens, da ist immer noch Eis, du hattest Tauwetter versprochen.« Er war also wegen der Totensümpfe gekommen, oder was er auf Amrum dafür hielt. Der Herr der Ringe spielte noch eine Rolle. »Zweitens, jetzt ist alles kaputt und da fehlt eine Hand! Stell dir vor, die ist einfach weg!«
Hatte er richtig gehört? Nanning wartete, bis das Wasser kochte und stellte den Tee für Folkert etwas abseits von ihm, so ganz traute er dem Gemüt seines Besuchers immer noch nicht.
»Kaputt und weg, das musst du genau beschreiben.«
»Das Eis ist zertrümmert und eine Hand abgeschnitten. Die Rechte.« Nanning hörte auf, in seinen Tee zu blasen. Wahn oder Wirklichkeit? Zu dumm, er war heute allein im Frühdienst, die Geschichte würde ihm keiner glauben. Er versuchte, im Gesicht dieses leidgeprüften Mannes zu lesen. Wie sollte er jetzt mit der seltsamen Nachricht umgehen? Kam nun jeden Tag so eine Gruselmeldung? Vielleicht war Folkert der Winter zu langweilig.
»Ein starkes Stück, was du mir da berichtest. Störung der Totenruhe, Diebstahl, Sachbeschädigung, da kommt einiges zusammen.« Ob das Abschneiden einer Leichenhand eine Sachbeschädigung war und die Mitnahme ein Diebstahl, das wollte er nicht wirklich juristisch erörtern. Dazu wäre zu klären gewesen, ob die Leiche im Eis jemandem gehörte und also irgendwie Eigentumsrechte berührt waren oder nicht. Das könnte kompliziert werden. Hauptsache, die Paragrafen beeindruckten, selbst im Falle eines herbeifantasierten Toten.
»Da stehen eine Reihe von Straftaten an, das ist was für die Polizei. Als rechtstreuer Bürger hast du uns das jetzt gemeldet, dann müssen wir das übernehmen. Oder warum bist du hier? Wenn wir das untersuchen, dann brauche ich auch einen Tatort. Gestern waren die Totensümpfe mit den Gesichtern unterm Eis noch ein Geheimnis.«
»Nur ein Gesicht.«
»Das macht es leichter. Aber bist du bereit, mir deinen Toten zu zeigen? Jetzt, wo er nur noch eine Hand hat, was willst du da noch mit ihm. Wir werden ihn uns angucken müssen, um der Sache auf den Grund zu gehen.« Und wenn es dann keine Sümpfe und keinen Toten gab, ließ Folkert ihn hoffentlich zukünftig in Ruhe mit seinen erfundenen Literaturorten.
Der Mann blickte zu Boden, grübelte murmelnd und fuhr sich immer wieder durchs Haar.
»Einverstanden, dir zeig ich es, aber nur dir.«
»Das trifft sich gut, ich bin heute alleine. Dann mal los, der Streifenwagen ist startklar. Du setzt dich hinten rein und zeigst mir den Weg.«
»Nach Steenodde. Am Leuchtturm vorbei, dann fährst du gleich nach dem Campingplatz links rein, bleibst auf dem Feldweg bis du zu dem Teich kommst und hältst dich an der Gabelung rechts. Beim Wäldchen.«
Nanning war beeindruckt und irritiert, so eine präzise und klare Ansage hätte er von einem Kollegen erwartet, aber nicht von diesem gebeutelten Geist. Ob die Polizeiluft um ihn herum das bewirkte? Er platzierte Folkert auf der Rückbank, dann sprang er noch mal nach draußen. »Ich habe etwas vergessen.« Er rief die Leitstelle an. Da er auf Amrum allein unterwegs war, war es in so einem Fall angezeigt, dass seine Kollegen das wussten. Aber Nanning wäre nicht Nanning, wenn er ihnen die Wahrheit gesagt hätte.
»Folkert Försen von Amrum meldet ein herrenloses Motorrad im Wäldchen bei Steenodde. Schreib Gusskölk in den Rechner, einen anderen Namen wirst du in der Umgebung nicht finden, das sind Wassergräben und ein Teich. Ich will mir mit ihm die Sache mal ansehen.«
»Was denn nun, Wäldchen oder Teich?«
»Liegt alles beieinander, schreib was ich dir sage!«
»Ein neuer Kriminalfall bei dir?«, feixte die Kollegin, doch Nanning war das zu dumm.
»Die Leitstelle weiß jetzt Bescheid, wenigstens tut hier einer seine Pflicht.« Er drückte das Gespräch weg. Immer die Anspielungen auf das urlaubsähnliche Arbeitsniveau der Inselpolizei, als gäbe es keinen Unterschied zwischen hier-arbeiten und sich-die-Zeit-vertreiben. Wann hatte die Kollegin von der klimatisierten Leitstelle wohl das letzte Mal einen Unfall im strömenden Regen aufgenommen oder war auf der Suche nach einem Kind eine halbe Nacht über Strand und Felder gelaufen? Eben!
Er fuhr, wie Folkert ihn angewiesen hatte. Hinter dem von Schilf umstandenen Teich lag links ein verwachsenes Gehölz, rechts eine raureifüberzogene Weide, die sich bis zum Damm von Steenodde zoge. Der Feldweg war zerfurcht, krachend fuhren sie durch vereiste Pfützen. Zu beiden Seiten säumten Birken und andere dürre Bäume den Weg.
»Da vorne!« Folkert tippte Nanning von hinten auf die Schulter und zeigte auf einen Pfuhl, größer als eine Pfütze, aber kleiner als ein Teich. Sofort bremste Nanning den Wagen, wollte mit den Autoreifen keine Spuren vernichten.
»Du folgst mir«, befahl er. Langsam gingen sie auf den vermutlichen Tatort zu, einen beißenden Wind im Gesicht.
Bevor sie sich der Eisfläche näherten, schaute Nanning suchend nach irgendwelchen Passanten in der Landschaft, die er zur Not hätte herbeirufen können, er wollte auf alles vorbereitet sein. Doch nichts zu machen, er sah niemanden. Für gewöhnlich war der Damm zwischen dem Seezeichenhafen und Steenodde gut belaufen, von dort oben hatten die Wanderer einen guten Blick über das Watt und die See. Anders als unterhalb, hier nahm so gut wie nie einer den meist schlammigen Pfad am Gehölz entlang. Trotzdem gab es genug Fuß- und Reifenspuren, das Relief war durch den Weiß-Schwarz Kontrast von Eiskristallen und Erde gut erkennbar.
Gefrorenes Laub knirschte unter ihren Füßen, der Weg war hart und holprig. Das Gras der Weide, niedergedrückt vom vergangenen Schnee und starr vor Kälte, bildete eine fasrige, wie gezuckert anmutende Fläche.
Mit zunehmender Unruhe machte er die letzten Schritte, Folkert hinter sich. Was, wenn der ihm keine Leiche präsentieren konnte? Würde er Nanning angehen, weil die Polizei nicht gut genug aufgepasst hatte?
»Hier, Wachtmeister!« Er deutete auf den Rand des gefrorenen Pfuhls. »Das Wasser hier ist überall heile, nur bei meinem Toten haben sie es kaputt gemacht.«
Sie machten einen letzten Schritt und wie auf Befehl hörte der Wind auf zu wehen, Stille erfüllte die Luft.
»Siehst du? Kaputt!«
Nanning schaute und hielt die Luft an. Ein hilfesuchender Blick in die Gegend, immer noch vergebens. Nur er war da, mit Folkert Försen und einer Leiche. Ihr Gesicht lag ähnlich wie bei Schneewittchen unscharf unter Glas, hier aber war es schlieriges, von Luftbläschen durchzogenes Eis. Ab der Brust bis zu den Knien war die gefrorene Fläche zerstört und Folkerts weitere Angaben stimmten auch: Die rechte Hand fehlte, die abgetrennte Stelle mit ihren Fleischfarben in Rosa, Weiß und Grau sprach eine eindeutige Sprache. Tief war der Tümpel nicht, der Körper passte gerade so hinein, das Eis bildete Hohlräume und am Boden stand daumenhoch das Wasser.
Er trat noch näher, um die Leiche durch das Eis besser zu sehen. Beim ersten Blick erschrak er, doch das überdeckte er gut.
»Erkennst du deinen Toten?«
»Ne, Wachtmeister, natürlich nicht. Wer kennt schon die Männer aus den Totensümpfen. Überleg doch mal, hier war ein Schlachtfeld, die Gefallenen wurden begraben und dann stieg das Wasser und hat sie sich geholt. Lange vor unserer Zeit.«
Nanning knetete seine Hände. Am liebsten hätte er diesen Irren durchgeschüttelt und angeschrien, er solle mal zur Vernunft kommen und aufhören mit diesem Blödsinn. Diese Leiche sei kein mittelalterlicher Krieger und erst vor kurzem hier hingelegt worden! Vermutlich. Aber das verkniff er sich, ganz bestimmt würde er Folkerts Mitarbeit noch brauchen. Den zu verschrecken, konnte er durchaus der Kripo überlassen, die würde hier so oder so arbeiten müssen.
»Die Hand sieht sauber abgetrennt aus, Tierfraß ist das nicht.«
»Sag ich doch, die hat jemand geklaut.«
»Du setzt dich wieder in den Streifenwagen, ich muss ein paar Telefonate machen. Dann kümmere ich mich um dich.«
Einen Moment überlegte er, wen er als erstes anrufen sollte, das hier wollte gut durchdacht sein. Dann wählte er die Nummer eines Niebüller Ermittlers.
»Moin Jack, Nanning Tadsen hier, Polizei Amrum. Ich stehe bei einer im Wasser eingefrorenen Leiche, eine Hand fehlt, vermutlich post mortem entfernt. Jedenfalls sieht es wenig blutig aus. Ganz sicher liegt hier kein natürlicher Tod vor. Kannst du den Fall übernehmen? Ich habe der Leitstelle noch nicht Bescheid gesagt. Wenn du das jetzt machst, bist du eher im Rennen.«
»Mensch Nanning, wir waren schon länger nicht mehr bei dir. Du weißt schon, dass ich mir die Ermittlungen nicht aussuchen kann. Aber gib mir mal die Daten, Einsatzort und was du so hast, dann lässt mich die Leitstelle vielleicht ein Team zusammenstellen für eine neue Gipfelbesteigung. Amrum im Winter, das Opfer schockgefrostet, das ist eine Herausforderung. Du lässt den Fundort unberührt, das versteht sich. Mit der Todesbescheinigung können wir so lange warten, bis wir vor Ort sind, den Arzt rufst du also auch nicht an. Ich melde mich so schnell wie es geht.«
Nanning hatte Oliver London, genannt Jack, bei früheren Todesermittlungen auf der Insel kennengelernt und er hatte keine Lust, sich auf neue Leute einzustellen. Dem Ermittler gefiel es, seine Rede mit Bergsteigermetaphern auszuschmücken, für eine Nordseekrabbe eine reichlich verstiegene Marotte. Ob er wieder mit dem gleichen, überschaubaren Team vorbeikäme? Inzwischen wurde ja jede Organisation bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen, das wollte er hier nicht hoffen. Wenigstens dürfte es keine Schwierigkeiten bereiten, Unterkünfte klarzumachen, da brachte der Winter einen Vorteil.
Er wählte Ockes Privatnummer, der sich gar nicht freute.
»Oh Nanning, so früh, du weißt, dass ich frei habe? Wir haben noch nicht mal mit dem Frühstück begonnen.«
Nanning ignorierte das Wir, denn dahinter konnte sich bei seinem nimmermüden Schwerenöter von Kollegen nur eine neue, schlüpfrige Geschichte verbergen. Keinen Gedanken wollte er dadrauf verschwenden und kam lieber gleich zur Sache.
»Es tut mir leid, ich brauche dich dienstlich. Wir haben eine Leiche mit abgetrennter Hand in einem Tümpel unterhalb vom Steenodder Damm. Du wirst nicht glauben, wer sie mir heute gezeigt hat.«
»Folkert Försen, ganz klar. Du stehst in seinen Totensümpfen.«
»Der sitzt jetzt im Streifenwagen und ich muss mich um ihn kümmern, bis die Kripo eintrifft. Die informieren dann den Arzt und beginnen mit der Tatortarbeit. So lange muss die Leiche aber am Fundort bewacht werden. Das kann ich keinem Zivilisten überlassen, das verstehst du. Also verabschiede dich von wem auch immer und komm sofort hierher, meinen Standort schicke ich dir jetzt aufs Handy.«
»Na dann muss ich wohl. Macht mich vielleicht bei der Dame auch interessanter.«
»In zwanzig Minuten bist du hier!« Mensch Ocke, der Kerl war unverbesserlich.
Es wurde dann doch eine Dreiviertelstunde, die Nanning aber dazu nutzte, Folkert Försen auszufragen.
Warum er an dieser abgelegenen Stelle herumgestrichen sei, begann er. Ganz Amrum sei abgelegen, meinte Folkert rotzig, er habe nun mal viel Zeit und müsse sich bewegen. Außerdem meide er die Gesellschaft der Menschen, das käme allen zugute. Da gab Nanning ihm uneingeschränkt recht. Wann genau er den Toten gefunden habe und was ihm dabei aufgefallen sei. Hatte er Spaziergänger getroffen, vielleicht sogar Amrumer die er kannte? Vorgestern sei das gewesen, im fahlen Licht der beginnenden Abenddämmerung, also gegen halb fünf. Und nein, da sei niemand gewesen. Er wisse nicht, warum er gerade diesen Weg genommen hätte. Die Einsamkeit dort habe ihn aber sehr bedrückt, das müsse er sagen und die ganze Szenerie habe ihn eben an die Totensümpfe aus dem Herrn derRinge erinnert. Und bevor Nanning weiter frage, da hätte auch kein Fahrrad, Motorrad oder anderes Fahrzeug gestanden oder gelegen.
Woher er am Fundtag gekommen sei und am Folgetag, als er den Schaden mit der Hand bemerkte? Von Steenodde natürlich, antwortete Folkert patzig, als gäbe es keine andere Richtung, und nein, er habe den Leichnam nie angefasst, an keinem Tag. Nur drübergebeugt habe er sich, um das Gesicht besser zu sehen, und am zweiten Tag dann die kaputte Stelle.
Ihm scheine, meinte Nanning, dass es sich bei dem Mann im Eis um einen gar nicht so unbekannten Amrumer handele, er käme jetzt nur nicht auf den Namen. Doch Folkert schüttelte seinen Kopf, dass sein Haar hin und her flog. Wie ein bockiges Kind beharrte er darauf, den Toten nicht zu kennen. Nun gut. Was er denn am Tag vor der Entdeckung der Totensümpfe gemacht habe, also vorvorgestern und wo er am Abend gewesen sei, wollte Nanning noch wissen. Er stelle aber für Sachbeschädigung und Diebstahl reichlich viele Fragen, mäkelte Folkert und überlegte. Spät aufgestanden sei er, habe im Kapitän Tadsen einen Kaffee getrunken und an der Mole geholfen, Kisten zu stapeln. Nach dem er die Totensümpfe entdeckt hatte, wäre er im Dunkeln nicht mehr nach draußen gegangen und hätte noch lange gelesen.
Inzwischen waren die Scheiben des Streifenwagens von innen beschlagen und als ein Motorengeräusch sie unterbrach und Nanning aus seinen Überlegungen riss, konnte er nicht erkennen, wer sich da näherte. Hoffentlich war das nicht schon die Presse. Er sprang aus dem Fahrzeug und winkte erleichtert Ocke heran. Der steuerte seinen Privatwagen in Uniform, hatte sich also zu Hause umgezogen, wie praktisch.
»Ich zeige meinem Kollegen gerade deinen Fund, dann wird der darauf aufpassen und wir fahren ins Warme. Denn die Kripo will dich bestimmt auch noch was fragen«, rief er Folkert durch die offene Streifenwagentür zu, der unaufgeregt zustimmte. Nanning schaute misstrauisch, Folkerts unerwartete Friedfertigkeit gefiel ihm nicht. Wenn der Mann sich aufregte und krakelte, wusste er eher, woran er mit ihm war.
»Moin Folkert, ein krasses Buch, dein Herr der Ringe. Wird uns wohl auf Trapp halten.« Ocke bekam von Nanning einen leichten Schubs und machte einen Satz weg vom Streifenwagen. Hauptsache er quatschte diesen unberechenbaren Zeitgenossen nicht dumm an und brachte ihn gegen die Polizei auf, das konnte er nämlich sehr gut.
»Was denn, was denn, ich werde doch wohl noch den Tagesgruß entrichten dürfen.«
»Du bist zu spät, hast dir Zeit gelassen, und am Ende regst du den armen Folkert nur auf. Der ist gerade so handzahm. Geh mal weiter voran und bleib auf unserer Spur im Raureif.«
Doch schon nach wenigen Schritten standen sie vor dem, was Folkert einen Krieger genannt hatte. So ganz falsch lag er damit nicht. Ockes erster Blick galt dem Loch im Eis und der abgetrennten Hand. »Saubere Arbeit«, murmelte er, dann sah er in das Gesicht des Toten, erschrak und wich zurück. »Mensch, Nanning, das ist doch ...«
»Hartfried Vogt, ja, der gerade die halbe Insel gegen sich hatte wegen der illegalen Ferienwohnungen.«
»Wenn das man reicht. Nanning, im Grunde hat ganz Amrum ein Motiv, bis auf die, die eine feste Wohnung suchen oder eine haben. Von Sylt und Föhr wollen wir gar nicht reden. Vielleicht sollte ich mir schnell dienstfrei nehmen oder eine ausgesuchte Krankheit zulegen, die Kripo wird uns verfluchen. Hartfried Vogt, unfassbar. Wo jetzt wohl die Sektkorken knallen oder der Köm schon zum Frühstück gereicht wird. Besitzer vom Ruhrgebiet bis nach München, überall werden sie sich freuen.«
»Und besonders hier bei uns, da habe ich keinen Zweifel. Überleg mal, wer da nicht alles von den Ferienwohnungen lebt. Andererseits ist so ein Verwaltungsbeamter doch ersetzbar. Nach Vogt geht ein anderer die alten Bauakten durch und sucht nach fehlenden Genehmigungen. Aber du hast recht, die Ermittlungen könnten sich bundesweit ausweiten. Das soll aber nicht unser Problem sein. Ich hoffe, Jack London wird den Fall übernehmen und auch der wird nicht groß herumreisen, höchstens die dazu passenden Akten. Wir werden ja sehen, was sie uns an Arbeit aufhalsen. Über die Identität des Toten verlieren wir erst mal kein Wort.«
»Jack, der schöne Cowboy?« Ocke spielte auf die Vorliebe des Ermittlers an, Cowboystiefel zu tragen und sein welliges Haar nach hinten zu gelen. Ohne weitere Kommentare über die Kripo warf er noch einmal einen sorgsamen Blick auf den Armstumpf, und zwar so lange, dass Nanning das für unanständig hielt.
»Vor Ort abgesägt«, war dann seine Erkenntnis. »Siehst du die hellen Späne und Krümel auf der Oberkleidung? Jede Wette, das ist Knochenmehl. Tja, Akten kann er damit nicht mehr führen. Ob das der symbolische Grund ist für die Amputation?«
Nach der ersten schriftlichen Vernehmung von Folkert Försen hatte Nanning bis zum Eintreffen der Kripo auf der Wache wenig zu tun. Die Kollegen aus Niebüll kämen gegen elf Uhr, bis dahin musste Ocke den Fundort bewachen. Die Lage der Insel, nur über eine Fähre erreichbar, machte Amrum für die meisten Touristen attraktiv, die das als Entschleunigung empfanden. Für die Einheimischen war diese Abhängigkeit ein notwendiges Übel, das den Tag einteilte. Wie eine Fallbrücke über den Burggraben hielt sie den massiven Strom von Besuchern in Schach, verhinderte aber auch den spontanen Sprung ans Festland. Fluch und Segen. Für Nanning riss sie ein Loch in den Tagesablauf, der liebend gerne begonnen hätte einigen Amrumern Fragen zu stellen. Doch da wollte er der Kripo nicht vorgreifen. Aber seine Frau Amanda konnte er schon einmal vorwarnen.
»Moin, Nixe, was machst du Schönes? Liegst du noch im Bett?«
»Hoffentlich hat dich keiner gehört. Du bist doch mit keiner Lotterdame verheiratet, Nanning. Ich habe einen Haushalt zu führen und morgen will Flor uns besuchen, hast du das schon vergessen?«
Verflixt, das Kommen seiner Tochter hatte er tatsächlich nicht mehr parat.
»Genau deswegen wollte ich dich anrufen. Wir haben hier einen ungeklärten Todesfall und es ist gut möglich, dass ich die nächsten Tage viel arbeiten werde. Heute komme ich ganz sicher nicht pünktlich nach Hause. Ich muss auf die Kripo warten und sehen, was für Maßnahmen die einleitet, das will besprochen sein.«
»Jemand, den ich kenne?«
»Gut möglich, aber mehr sage ich dir, wenn ich zuhause bin.«
»Hör mal, du besprichst mit mir sonst auch alles. Du musst nicht meinen, nur weil ich bei Stilla die Pferde pflege, dass ich geschwätzig bin!«
»Nixe, das habe ich doch gar nicht gesagt.«
»Ich verstehe schon, du glaubst, weil da viele Frauen zusammenkommen, pferdebegeistert, sind die auf einer Wellenlänge und der Reiterhof wird zur Nachrichtenbörse.«
Das fand Nanning gut beschrieben, doch er blieb diplomatisch. »Aber nein, das bisschen Gerüchtekochen habe ich gar nicht im Blick. Außerdem, vielleicht ist ja niemand da, wenn du die Pferde striegelst. Ich rede nicht gerne zu früh über einen Fall, das weißt du auch.« Er würde noch dankbar sein über den Tratsch, den seine Frau ihm erzählte, das musste er ihr jetzt aber nicht auf die Nase reiben.
»Aber wenn ich den noch kenne, deinen Toten.«
»Möglicherweise, habe ich gesagt. Ich komme später. Du bleibst wie immer die bestinformierte Amrumerin. Bis nachher, mein Schatz.« Schnell beendete er das Gespräch, bevor es kompliziert wurde.
In einem Telefonat mit Jack erfragte er die Größe des Ermittlerteams, dann begann die Suche nach den Unterkünften und er fand vier Einzelzimmer bei Hüttmann in Norddorf, Frühstück inklusive.
Schon, als der weiße Kleintransporter der Spurensicherung und die beiden Todesermittler auf die Fähre nach Amrum rollten, wurde die Presse informiert. Durch ihre ungewöhnlich billig daherkommende Lackierung waren die Dienstfahrzeuge leicht erkennbar, außerdem war den Fährleuten diese Combo der Kriminalpolizei Niebüll durchaus bekannt. Dahinter steckte immer ein außergewöhnlicher Fall und die Presse zeigte sich erkenntlich, wenn die Information rechtzeitig kam. Efi Briese, die Reporterin des Kniepsandboten, wurde jedoch durch die Homestory bei einer Schlagersängerin aufgehalten, den Termin konnte sie nicht sausen lassen.
So schaffte es Jack London und sein Team unbehelligt bis zum Leichenfundort. Ocke, der die ganze Zeit dort ausgeharrt hatte, stellte befriedigt fest, dass Jack sich treu geblieben war, mit ölig glänzendem Haar und Stiefeln in Schlangenlederoptik. Hastig gab er seinen Kollegen einen groben Überblick über die Fundumstände und den Namen des Verstorbenen und war froh, hier wegzukönnen.
»Wohnte in Wittdün mit seiner Frau und arbeitete für das Bauamt des Kreises Nordfriesland in Husum.«
»Schreib ein paar Zeilen, dann sind die Akten von Anfang an komplett.« Jack telefonierte mit Nanning, der wissen ließ, dass er den Zeugen Försen für heute entlassen hatte, der Mann sei jederzeit auf der Insel greifbar. Die Polizisten verabredeten, sich auf der Wache zu treffen, sobald der örtliche Bestatter die Leiche abtransportiert hatte.
Mattes Kaunitz und sein Kollege, beide von der Spurensicherung, machten sich gleich ans Werk, während Jack und seine Kollegin Petra Barthlet-Jimenez das weitere Umfeld begingen, natürlich spurenschonend, um etwas von dem Geist des Ortes aufzunehmen. Das Atmosphärische durfte man nie unterschätzen. Auch nicht im privaten Leben der Ermittler. So verdankte Petra ihren Nachnamen dem Vater, dessen zuschlagende Hand ihre Kinderseele verwüstet und bis heute eine unsichtbare Narbe hinterlassen hatte. Mit dem Spanischen, egal ob Sprache, Küche oder Kultur, verband sie nichts Positives, mit dem gewalttätigen Vater hatte sie einen ganzen Kulturraum verloren. Ihr Erzeuger kehrte dann, noch bevor sie die Grundschule verließ, heim nach Cádiz und ließ seine Familie an der norddeutschen Küste zurück.
Und die Atmosphäre am Leichenfundort? Der tote Körper lag auf dem Rücken, vielleicht hatte sich der Täter gescheut, das Gesicht in die Erde zu drücken. In den Taschen seines geschlossenen Parkas, auch auf dem Bauch, lagen dicke Steine, kindskopfgroße Findlinge, wie sie auch als Lückenfüller bei den Findlingsmauern der friesischen Vorgärten verwendet wurden. Der Körper sollte demnach unter Wasser gedrückt werden, was aufgrund der geringen Tiefe so gerade gelang. Die Gewichte hatten wenig ausrichten können. Wann hatte es eigentlich begonnen zu frieren?
Die Inselreporterin meldete sich erst über Nannings, dann über Jack Londons Diensthandy, wusste schon den Namen des Toten und wollte seine Identität bestätigen lassen. Und, ob das denn stimme mit der Verstümmelung? Beide Polizisten ließen sie völlig im Unklaren, bejahten lediglich den Fund einer männlichen Leiche.
