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»Der größte Strippenzieher der Insel, geldgeil und sicher auch wohlversorgt mit Feinden, bekommt einen Herzanfall beim Vögelschauen und niemand merkt es. Die Inselärztin, die mindestens so viel über die Leute hier weiß wie der alte Inselpolizist, erklärt einen natürlichen Tod und am Grab erkenne ich alle möglichen Gefühle, aber keine echte Trauer.« In diesem Pellworm Krimi geht es um schicksalhafte Verwicklungen, ungeklärte Todesfälle und einen alten Pakt. Und Ragnar, den Geist eines jungen Wikingers, der sich für die Ermittlungen interessiert.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2025
Volker Streiter
Pellwormer Pakt
Insel Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Schwarz - Donnerstag
Leichenschmaus
Der Fahrradverleiher - Freitag
Der einarmige Krabbenfischer
An der Nordermühle
Bremszüge
Witwe in Weiß - Samstag
Geheimnis an der Hooger Fähre
Taube ohne Kopf - Sonntag
Fliegende Kisten
Ein guter Duft
Haarmann wütet - Montag
Eine alte Affäre
Die Drei Grazien - Dienstag
Personendaten
Erinnerungen - Mittwoch
Inselärztliche Fotos
Verdächtige Besorgungen
Von Feuermalen - Donnerstag
Aus gutem Grund vermisst
Waldhusentief
Verdächtige Einkäufe
Der Knecht muss graben
Alibi und Schädelwunde
Schwaches Alibi - Freitag
Befreiendes Kartenspiel
Der Pakt der Wölfe
Durchsuchte Tonnen
Gin und Gas
Fremdgehen auf Pellworm
Gelbes Wrack
Sorge und Jagdtrieb
Schwarzer Rauch
Schicksalskonten - Samstag
Vergilbte Drohung
Abgründe - Sonntag
Impressum neobooks
Pellwormer
P a k t
Insel Krimi
Volker Streiter
Dieser Roman ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig.
»Du musst nur richtig hinsehen. Pellworm glänzt in der Sonne wie ein grünes Blatt auf dem Wasser, geädert von Wegen und Sielen und am Rand etwas angeknabbert. Drehst du es aber um, siehst du faule Stellen und winzige Tierchen, die vom Zerfall leben. Die Urlaubsinsel deiner Kindheit hat es in sich.«
Rixa sah zu ihrem Großvater, dem Bild eines in die Jahre gekommenen Seebären, immer noch prächtig, auch wenn seine Haut nicht mehr so sonnengebräunt war wie einst, sie ging ins Gelbliche. Das weiße Haar zerzaust, der Vollbart wildwüchsig, Fältchen durchzogen sein Gesicht. Alrich Larsen. Waren seine Sätze hellsichtig oder einfach nur die griesgrämige Zusammenfassung zu vieler Inseljahre?
»So eine Inselbeschreibung hätte ich von dir nicht erwartet. Polizisten sind ja nicht unbedingt Poeten.«
»Ehemalige, Rixa, ich bin seit Jahren pensioniert.« Wie zum Beweis schlug er auf seinen Bauch und schob dafür eine Erklärung nach. »Ich lese jetzt viel, wer weiß, wofür das gut ist.«
»Möchtest du mir Hoffnung machen auf ein sinnvolles Leben ohne Blaulicht, Funkgerät und Ermittlungsakten? Dich macht das Lesen aber nicht gerade heiter.«
»Hoffnung ist immer, mein Kind, und sei es nur auf den ausgeglichenen Kontostand unserer Sünden am Ende des Lebens. Immerhin bist du bei der Kripo, ich war nur Inselpolizist, insgesamt geht es also aufwärts. Und ist die Hoffnung nicht der Leitstern im kalten Nebel des Lebens? Aber nun hilf mir mal mit der Krawatte, den Knoten habe ich glatt verlernt. Wann trage ich schon mal einen Anzug. Alles für meine korrekte Präsenz, da ist die Insel unerbittlich.«
Nun stand sie hier und das Stechen und Kratzen wollte nicht enden. Rixa fasste sich in den Nacken und verschob den Kragen. Auch ohne die Piekser waren ihre Sinne wach. Natürlich, das Etikett. Hatte sie es nicht längst rausschneiden wollen? Die weiße Bluse trug sie nicht oft, und auf diese besonderen Anlässe war sie nicht scharf. Doch so etwas im Gepäck zu haben, genauso wie einen dünnen Pullover in Dunkelblau, war immer hilfreich, eine heile Jeans auch. Offizielle Anlässe gab es immer wieder, das hatten sie viele Reisen gelehrt, von Indien bis Simbabwe. Doch wenn sie konnte, wählte sie im Sommer lieber ein Kleid.
Unter einem bleigrauen Himmel trugen alle um sie herum Schwarz, durchaus auch abgenutztes. Doch der Tristesse zum Trotz zeigten sich Krawatten mit dezent bunten Punkten oder Streifen, ja sogar ein Einstecktuch in apricot. Schmucksteine blitzten an Damenfingern, Anhänger aus Türkis oder Koralle lugten aus den Trauerkostümen. Von irgendwoher wehte der Duft gemähten Grases herüber. Die Gesichter der Anwesenden schauten angemessen ernst, wenn nicht sogar maskenhaft erstarrt, auch wenn hier und da jemand die herrliche Sommerluft einsog. Es war Juni, was wollte man machen.
Sie stand in der fünften Reihe und wusste nicht, ob sie Teil dieser Inszenierung war oder Zuschauerin.
»Du musst mir mal sagen, wer hier wer ist«, flüsterte sie ihrem Großvater zu, »immerhin ist es deine Insel. Zum Beispiel der junge Mann da ganz hinten an den Büschen, der so finster herüberschaut. So richtig einheimisch sieht der nicht aus.«
Da war noch eine andere Gestalt, die sich schemenhaft und flirrend wie eine Fata Morgana zwischen den Trauergästen zeigte, ganz wie ein neugieriges Rotkehlchen. Soweit das zu erkennen war, trug sie eine Art rot-braune Tunika mit einem Gürtel und eine braune Hose, der Stoff wirkte grob. Die Schuhe schienen plumpe Mokassins zu sein, so genau war das nicht zu sehen. Das Haar, schulterlang, war hellbraun. Dass niemand ihn wahrnahm oder sich an ihm störte, entsprach ganz Rixas Erwartung, die auch nicht vorhatte, Alrich auf die Erscheinung hinzuweisen. Das hätte alle nur in Verwirrung gestürzt, denn in seiner verschwommenen Konturlosigkeit war der junge Mann nur für sie sichtbar: Er war, so unglaublich das auch klingen mochte, ein Geist. Jedenfalls nahm Rixa das an. Und ein Erbe, das ihr ihre Oma Hedi hinterlassen hatte, kurz bevor sie starb. Das Wort Erbstück hatten beide Frauen vermieden. Ein Jahr war das her. Hedi war er vor langer Zeit auf Amrum erschienen, mitten in einem Gräberfeld aus der Wikingerzeit. Flimmernd hatte er zwischen den kleinen Grabhügeln geschwebt und ihre Aufmerksamkeit kraftvoll auf sich gezogen, Hedi hatte gar nicht anders gekonnt, als hinzusehen. Nach dem ersten Schrecken war die arme Frau streng mit sich ins Gericht gegangen, war in die Gegenrichtung gegangen, ohne sich umzusehen und konnte nicht glauben, dass ihr solche Visionen widerfuhren. Dann sah sie doch über die Schulter und siehe da, der Geist war ihr gefolgt. Auf Abstand, aber immerhin. Erst an der nächsten Straße war er plötzlich fort und Hedi sehr erleichtert. Nachdem er ihr dann noch einmal in den Amrumer Dünen erschienen war, hatte sie einige Zeit gebraucht, um diese irrationale Erscheinung zu akzeptieren und nicht an ihrem Verstand zu zweifeln. Am Ende hatte sie zugelassen, dass er ein unerwarteter, aber liebgewonnener Begleiter wurde. Sie nannte ihn Ragnar, was bei den Wikingern soviel bedeutet hatte wie beratender Krieger, das hatte sie nachgeschlagen. Bestimmt war der junge Mann zeit seines Lebens anders gerufen worden, nicht auszuschließen war aber auch, dass er den Kriegernamen als eine Art Beförderung ansah. Wenn er Hedi überhaupt verstanden hatte.
Hedi hatte so gut wie nichts über ihren persönlichen Geist gewusst, sondern sich, das entsprach ganz ihrer Art, dreingeschickt in das Unvermeidliche. Wer wusste schon, was er alles erlebt hatte. Kein langes Grübeln nach dem Woher oder Warum. Ganz wie bei einem zugelaufenen Hündchen, das erzählt ja auch nichts von sich. Draußen in der Natur war er um sie gewesen und hatte sie wie eine Handvoll Schmetterlinge erfreut, die sich auf den sonnig beschienenen Arm setzen. Auch das war ja irgendwie Magie und bedurfte keiner Erklärung. Als sie kurz vor ihrem Tod Rixa von dieser Erscheinung erzählte, die in dem Augenblick natürlich nicht zu sehen war, das Gespräch fand ja auch in einem Raum statt, tat sie das sehr zaghaft. Sie wollte nicht auf ihre letzten Tage als irre gelten. Hedi vererbte Ragnar auch nicht an ihre Enkelin wie einen treuen Diener, seit Generationen in der Familie, nein, sie kündigte sein Erscheinen an. ‚Er wird sich bei dir melden, Kind, das weiß ich sicher. Zwar gehört er keinem, aber ich habe keine Zweifel, dass er sich dich aussuchen wird. Warum auch nicht, du bist jung und hübsch, hast einen spannenden Beruf, das wird ihm gefallen. Du musst dann nicht erschrecken, der Junge ist gutherzig.‘ Woher sie wusste, dass er sich Rixa zeigen würde, behielt sie für sich. Über die gemeinsam verbrachte Zeit mit ihm dürfte sie ein Gespür für ihn oder die Geisterwelt entwickelt haben. Denkbar wäre ja auch gewesen, dass der Wikingergeist sich als seinen nächsten Gefährten den Kapitän eines Kreuzfahrers vor den Lofoten erwählte oder einen Jockey beim Pferderennen. Nein, Hedi hatte Rixa nicht viel über ihn berichten können, außer seinem Aussehen und einigen Marotten. Am Ende blieb es Rixa überlassen, mehr über ihn herauszufinden. Keine leichte Aufgabe bei einem Geist, der nicht sprach. Von ihm aus wurde es dann eine Art telepathischer Kontakt, ein lautloses Hineinschrauben in ihre Gedanken. Oft blieb unklar, ob Rixa für sich dachte oder ob die geheimnisvolle Erscheinung ihr etwas einflüsterte. Daran musste sie arbeiten, wie an so Vielem, das Ragnar betraf. Wichtig war, dass sie seine Existenz für sich behielt, alles andere hätte ihren Ruf zerstört, gerade beruflich. Spökenkiekerei und das Zweite Gesicht waren etwas für alte Frauen an Nebelabenden und Esoteriker, ganz sicher aber nichts für die Flensburger Kripo. Bestimmt hätte sie mit ihm eine zweite Karriere versuchen können in obskuren TV- und Internetkanälen, aber ihr Jugendlicher aus der Wikingerzeit war ja nicht sichtbar. War er überhaupt Wikinger? Er hatte sich bloß in einem Gräberfeld aus der Zeit gezeigt, was besagte das schon.
Nein, sie zog es vor, Ragnar geheim zu halten und seriös bei der Polizei zu arbeiten. Er war so etwas wie der von den Eltern verbotene Straßenköter, den sie dann trotzdem traf.
»Ein syrischer Flüchtling«, wusste Alrich über den jungen Mann am Friedhofsrand und holte Rixas Gedanken wieder in die sichtbare Realität, »er sucht wahrscheinlich seinen Bruder. Der ist seit März verschwunden. Keine Spur, eine seltsame Sache. Hier wird er ihn kaum finden.«
»In den Städten ist mehr los, da wird er sein. Von Aleppo nach Pellworm, wer will das schon. – Dass ich aber auch so gar keinen von denen hier erkenne.«
»Du hättest eben öfter kommen müssen. Die paar Ferientage.«
»Und die sind länger her. Kann ich dafür, dass Papa es hier nicht mehr ausgehalten hat?«
»Aber nach Flensburg? An die Ostsee? Verrat ist das«, knurrte Alrich.
»Keine schlechte Wahl, deinem Sohn geht es gut, Mama auch.«
»… sind wir hier auf der Insel eine Gemeinschaft, die sich wie eine Familie zusammen freut und das Leid teilt. Wir tragen des anderen Last.« Die dünne Stimme der Pastorin trug weiter als zu erwarten war, etwas Metallisches lag in ihr und am Ende ein Zittern, Worte wie angehauchte Eiderdaunen. Die Wand der Trauernden begann leicht zu schwanken, hier gab es ein Räuspern, dort ein unterdrücktes Grinsen und von Missbilligung verzogene Gesichter: Wirkungslos jedenfalls blieben die Worte der Pastorin nicht.
Vielleicht war es das Bild der Familie, auf das die Leute reagierten.
»Wir sind eine Polizeifamilie«, hatte der Innenminister damals bei Rixas Vereidigung zu den jungen, angehenden Polizisten gesagt. Er mochte das glauben, sie aber beruhigte diese Vorstellung überhaupt nicht. Sie hatte Lüge gewittert, und eine Falle. Wir sind eine Familie, mir kannst du doch alles sagen. Ja, von wegen. Das hat noch nie gestimmt. Jahre lag das zurück.
»… wollen wir uns nun von unserem Bruder Amelung verabschieden, dem die Insel alles bedeutet hat und der eine Lücke hinterlässt, die kaum zu schließen ist.«
Nochmals hörte Rixa deutliches Räuspern, lautes Einziehen der Luft, andere atmeten vernehmlich aus. Eine seltsame Gesellschaft war das. Kein Schluchzen war zu hören, niemand weinte, über den starren Gesichtern spürte sie Erleichterung. Sie musste mit Alrich reden.
Die Trauergemeinde reihte sich auf, um zu kondolieren. Rixa folgte Alrich, der sich abseits stellte. » Sowas hier hat mir noch nie gelegen, das mache ich nachher, wenn ich mit Thornhild alleine bin.«
Gemeint war die große, hagere Frau, die mit hängenden Schultern vor dem Grab stand und sich auf einen Mann stützte, vielleicht ihren Sohn. Trotz der Ähnlichkeit wirkte der mit seinem schwammigen Körper und der rötlichen, sonnengereizten Haut so ganz anders als diese vom Wetter gegerbte, gefasste Witwe. Sie waren die Einzigen, die ihre Trauerkleidung ohne jeden bunten Tupfer trugen.
»Lass uns schon mal zum Ausgang gehen, da können wir ungestört reden.« Alrich löste sich aus der Trauergemeinde und schritt langsam und für sein Alter sehr aufrecht die Gräberreihe entlang. Wo war Ragnar? Nahm er Kontakt zu anderen Geistern auf, hier auf dem Friedhof? Rixa hoffte, in diesem Fall nur ihn zu sehen, wenn auch unscharf und flüchtig. Nicht auszudenken, dieser Ort präsentierte ihr die pralle Geisterwelt aller Friedhofsbewohner. Da war er, ganz nahe bei Thornhild, der Witwe, als wollte er sie trösten. Ihrem Sohn dagegen schien er nicht nahe sein zu wollen. Rixa warf noch einen Blick auf die Trauernden, dann folgte sie Alrich.
»Du hast mich ziemlich spontan zu dir eingeladen, fast dringend. War die Beerdigung da schon geplant? Gesagt hast du jedenfalls nichts. Stell dir vor, deine Enkelin wäre nur mit Strandkleidern angereist, wie hätte das ausgesehen? Warum bin ich hier, habe ich den Toten gekannt? Zum Glück ist gerade wenig los bei uns und ich hatte noch Urlaub zu bekommen.«
»Da dein lieber Vater, mein Sohn Bent, vor langer Zeit meinte, die Insel verlassen zu müssen, nund du danach nur hier die Ferien verbrachtest, hast du, wenn nur flüchtig vom Verstorbenen gehört. Irgendwelche Geschichten. Bent hat mehr von ihm mitbekommen. Amelung Häckels ist dreiundachtzig Jahre alt geworden. Wir haben ihn alle nur den Sultan genannt. Das passt wie kaum ein Spitzname, mehr muss man kaum sagen. Ich dachte mir, als meine Enkelin kann es nicht schaden, wenn du die Leute hier besser kennst. Da ist eine Beerdigung der perfekte Moment. Aber dringend, nein das war es nicht. Eine günstige Gelegenheit, mehr nicht.«
»Häckels, den Namen habe ich natürlich schon gehört. Aber Sultan? Von dem hast du nie erzählt. Das klingt spannend.«
»Die Häckels, seit Generationen auf der Insel, haben schon immer Land an sich gerafft und es ordentlich zu was gebracht.« Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. »Ohne ihn ging nichts auf der Insel. Öffentliche Bauvorhaben, Straßen, die Windräder, überall musste er mitreden. Das wäre ja noch gegangen, viel schlimmer aber war: Er wurde gehört. Er glaubte auch, einzig die Geschichte der Insel zu kennen und definierte unser Friesischsein wie ein Hohepriester. Ein Friese habe so und so zu sein, das Friesisch hier auf Pellworm unterscheide sich in dieser Endung und jenem Wort gravierend von dem der anderen Inseln. Gravierend! Blödsinn. Gut, seine Vorträge waren bei den Touristen beliebt. Aber die Einheimischen, auch schon seit Generationen hier, brachte sein Gehabe auf die Palme. Natürlich nur unter vorgehaltener Hand, keiner mochte sich mit ihm anlegen.«
»Leewer duad üs Slaav, für euch untereinander gilt das Friesenmotto also nicht?«
»Du lebst in der Großstadt, da ticken die Uhren anders. Hier, auf einer Insel, regiert das Landleben, nur noch eingekochter, konzentrierter. Die Leute wissen viel voneinander. Du kannst dir wohl denken, dass das nicht immer gut ist. Und so, von der See eingeschlossen und oft auch bedroht, wollen alle, dass das Zusammenleben funktioniert. Es gibt Tage, da machen die Leute öfter eine Faust in der Tasche als einen Händedruck.«
»Und was ist mit der Lücke, von der die Pastorin sprach? So ganz falsch kann er nicht gewesen sein, dein Sultan.«
»Viel Licht, viel Schatten. Nur, am Lebensabend werden die Schatten mächtiger. Immerhin hat Thornhild, seine Frau, jetzt freie Hand für ihre soziale Ader, sie kümmert sich viel. Was Reik, sein Sohn, aus dem Vermächtnis macht, wird sich zeigen.«
»War das der aufgeschwemmte Blonde an ihrer Seite?«
»Das rosa Schweinchen, ja. Auf der Insel nennen sie ihn Porsche, wie sein allererstes Auto mit achtzehn. Was hat er die paar Inselstraßen gequält. Aber als Sohn vom Sultan ließ man ihn.«
»Man? Das warst du doch oder seit wann warst du Polizist auf der Insel?«
»Seit April 1985. Ein schwieriges Jahr. Ja, ich glaube, ein Jahr später donnerte Porsche über die Insel. Was wollte ich machen, mich gleich am Anfang gegen den Inselgranden stellen? Ich war alleine, da musst du schon mit den Leuten leben und nicht gegen sie.« Den letzten Satz hatte Alrich besonders leise und in Richtung Boden gesprochen, wie eine zerknirschte Beichte. Rixa legte ihre Hand auf seine Schulter und streichelte über den Stoff seines Jacketts. »Das ist manchmal auch in Flensburg so. Fingerspitzengefühl braucht es hier wie dort.«
»Na, Krabbe, sag mal, hast du abgenommen? Du bist doch auch gleich beim Leichenschmaus?« Einer der Trauergäste ging vorüber und grüßte knapp. Eine farbige Krawatte schnürte den Hals eng zu, der hochrote Kopf schien beinahe zu platzen. Alrich hob nur grüßend die Hand.
»Der Kerl sah ungesund aus, schwerer Bluthochdruck, würde ich sagen. Leichenschmaus, das Wort entlarvt uns als Kannibalen. Und, hast du?«
»Abgenommen? Thomas Deeler, unser Inselfleischer, soll sich mal um seinen Luxuskörper kümmern. Hier nennen ihn alle Haarmann. Ja, ja, wie den hannoverschen Mörder aus den 20ern, der aus seinen umgebrachten Strichjungen Würste machte. Sitzt im Gemeinderat und war immer gegen das neue Hotel, das der Sultan noch bauen wollte. Dabei besitzt er schon zwei. Nein, besaß. Aber mit einem Mal war Haarmanns Widerstand dahin. Ist noch nicht lange her. Wie das weitergeht? Frag mich was Leichteres. Aber du hast schon gesehen, seine Krawatte sprach nicht gerade von Traurigkeit.«
»Krabbe, das hatte ich ganz vergessen. Als Kind fand ich das lustig, wenn dich jemand so nannte. Mich hast du immer Kröte gerufen.«
»Wir stammen aus Büsum, daher. Scholle Büsumer Art, mit ..., na du verstehst schon. Nicht besonders geistreich, aber wenn sie einem sowas anhängen, bleibt es kleben.«
»Dabei magst du gar keinen Fisch, wie ungerecht.«
Eine Dame ging vorbei und nickte ihnen zu. Ihr Haar war kurz geschnitten. Zum gutsitzenden schwarzen Hosenanzug trug sie eine schwere Korallenkette mit passenden Ohrringen, ihre Fingernägel waren im gleichen Ton lackiert. Fehlte nur noch das Glas Sekt in der einen und ein Kanapee in der anderen Hand.
»Die macht was her«, fand Rixa.
»Paula Modersohn ist Galeristin. Einen anderen Namen für eine Frau aus der Kunstwelt hatten die Insulaner nicht parat. Ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt malt. Die Touristen jedenfalls finden die Galerie großartig und pilgern brav zu ihr. Einheimische wirst du da kaum finden.«
»Lebt sie alleine? Das gibt doch bestimmt Gerede.«
»Freya Ohlsdorfen, so heißt sie wirklich, ist verwitwet. Der Name klingt für mich nach Großbürgertum. Glaub mir, Gerede ist der Frau völlig egal. Vielleicht mag sie auf der Insel die Natur, uns Insulaner dagegen nicht unbedingt. Ein unabhängiger Geist, das stört nicht wenige.«
Rixa dachte bei dem Satz an Ragnar und musste schmunzeln. Wie Recht Alrich haben könnte. »Woran ist der Inselsultan eigentlich gestorben?«
»Er lag tot im Wasser, in einem Tümpel neben dem Anglerteich, du weißt, gleich hinter dem südlichen Deich. Genau eine Woche ist das her. «
»Das ging dann aber fix mit der Beerdigung.«
»Warum denn nicht? Was soll uns auf Pellworm denn aufhalten? Beim Sultan war alles geregelt und innerhalb von neun Tagen soll die Beisetzung ohnehin erfolgen, sagt das Gesetz. Nichts sprach dagegen, warum es nicht auch schneller gehen durfte.«
»Neben dem Anglerteich, sagst du. Da ist es ruhig und einsam. Was hat er da gemacht?«
»Er ist mit dem Auto rangefahren, nicht nur am Deich entlang, nein, direkt an den Tümpel. Da kannst du das nämlich. Mit dem Gehen hatte er es nicht mehr so. Wie es aussieht, wollte er Vögel beobachten, das tat er dort öfter. Ein selten sympathischer Zug an ihm. Nimmermüder Geldscheffler und geduldiger Ornithologe, für mich passt das nicht zusammen. Er hatte ein Fernglas um den Hals, muss ans Wasser gegangen und hineingestürzt sein. Tief ist es da nicht, aber er lag mit dem Gesicht drin, das hat gereicht. Die Ärztin geht von einer Herzschwäche aus, immerhin war er ihr Patient. Wirklich, er hatte einen harmlosen Tag. Am frühen Abend war er sogar noch bei mir, wir hatten ein intensives Gespräch unter alten Männern wie lange nicht mehr. Mein Gin hat ihm geschmeckt, dann ist er gefahren. Anhaltspunkte für ein Fremdeinwirken jedenfalls, das lass dir gesagt sein liebe Kollegin, gibt es nicht.«
In ihrem Kopf kribbelte es, alarmiert sah sie sich um. Ragnar stand hinter ihr, oder schwebte, eine nichtstoffliche Wolke, und schien zuzuhören. Aber mehr als das Kribbeln verspürte sie nicht, da kam keine Botschaft.
»Ist er tot zusammengebrochen oder ertrunken? Und keiner hat ihn da gesehen und ihm geholfen? Ich meine, wir sind mitten in der Saison. Freizeitornithologen gibt es wie Sand am Meer, auch am Deich.«
»Es muss in der Dämmerung passiert sein. Im Sonnenuntergang mit Blick aufs Wasser, den Leuchtturm entfernt im Abenddunst, ich kann mir schlimmere Todesarten vorstellen. Nein, da war niemand. Erst am nächsten Morgen haben sie ihn gefunden. Frühe Touristen beim Joggen natürlich, oder Schafe zählen, was die halt so machen, jedenfalls keiner von hier. Nein, Rixa, zu ermitteln gibt es da nichts!« Wie, um sich zu vergewissern, sah er sie an und grinste. Er kannte seine Enkelin.
»Der größte Strippenzieher der Insel, geldgeil und sicher auch wohl versorgt mit Feinden, bekommt einen Herzanfall beim Vögel schauen und niemand merkt es. Die Inselärztin, die mindestens so viel über die Leute hier weiß wie der alte Inselpolizist, erklärt einen natürlichen Tod und am Grab erkenne ich alle möglichen Gefühle, aber keine echte Trauer. Nein, Alrich, da ist was faul.« Der Gedanke kam nicht von Ragnar, der war längst verschwunden.
»Kind, du besuchst deinen Opa und entspannst dich beim Muschelsuchen, der norddeutschesten aller Meditationen. Dafür habe ich dich eingeladen, du brauchst Urlaub.« Sein Protest klang halbherzig, hatte er doch mit seinem Appell, nicht zu ermitteln, erwartbar das Gegenteil bewirkt.
»Deine Muschelsucherin hat einige Tage Zeit, das stimmt. Ich fürchte aber, sie wird alles durchwühlen, bloß keinen Sand, den gibts hier kaum. Und die Muscheln sind vor ihr sicher, wenigstens die.«
Eine alte Frau im Rollstuhl, von einem grauhaarigen Herrn mehr begleitet als geschoben, grüßte warmherzig lächelnd, dann rollte sie weiter.
»Das nenne ich mal rüstig, ihr Insulaner haltet euch wacker. Das macht die jodhaltige Seeluft.«
Alrich stöhnte kaum hörbar auf, sah der Rollstuhlfahrerin nach, dann schaute er abrupt zurück in Richtung Grab. »Das war Ata. Wir nennen sie so nach dem alten Scheuermittel, weil sie ihr Haus noch ganz alleine putzt, und das beinahe rund um die Uhr.«
»Im Rollstuhl?«
»Sie ist zäh. Es war ein Verkehrsunfall. Jemand hat sie nachts überfahren und ist geflohen. Die Sache wurde nie aufgeklärt. Sie ist die Frau vom Krabbenfischer Jessen, der Familie blieb nichts erspart.«
»Was ist denen passiert?«
»Das war, als ich auf die Insel kam. Ich sagte ja schon, ein schwieriges Jahr.«
»1985, ja. War das am Rollstuhl ihr Mann? Der sah deutlich jünger aus.«
»Ihr Mann ist schon seit Jahren im Heim. Nicht mehr gut zu Fuß und überhaupt ist er dort besser aufgehoben. Um den konnte sie sich nach dem Unfall nicht mehr gut kümmern.«
»Aber er doch wohl um sie. Was ist das nun für eine Geschichte?«
»Später, Rixa. Ich möchte eben Thornhild kondolieren, bei ihr ist jetzt wenig los.«
Der Friedhof gehörte zur Neuen Kirche, St. Crucis. Es gab auch eine Alte Kirche, St. Salvator, ganz im Westen der Insel und berühmt für den mächtigen Kirchturm aus Backstein, der sich rot leuchtend als Ruine in den Himmel erhob. Für die Pellwormer waren es einfach die Alte und die Neue Kirche, typische Kirchenbauten des Nordens, aus rotem Backstein, innen mit schlichtem Barock ausgestattet, klar, geordnet und doch anheimelnd.
Das umgebende, schiefgewehte Gesträuch am Friedhof bot den Trauernden bei starkem Wind ein wenig Schutz, heute aber war Flaute.
Der Leichenschmaus würde im Restaurant vom Grönlandfahrer stattfinden, so hieß eines der beiden Hotels, die dem Sultan gehört hatten. Eine Entscheidung der Witwe. Warum auch sollten andere Gastronomen profitieren, so blieb das Geld beisammen. Immerhin, so viel hatte sie mit dem Verstorbenen gemein.
Wie eine Schauspieltruppe, die die Bühne verließ, defilierten die restlichen Trauergäste an Rixa vorbei zum Parkplatz. Gerne hätte sie ein paar davon fotografiert, natürlich in Schwarz-Weiß. Eines ihrer Hobbys. Hin und wieder kam dazu eine analoge Spiegelreflexkamera zum Einsatz, ordentlich schwer und mit lautem Klack, aber Rollfilme waren teuer geworden. So hielt sie das meiste digital fest, was ihr Auge nicht weniger schulte. Die Beerdigung zum Beispiel präsentierte die Inselgesellschaft wie unter einer Lupe, die Gesichter versprachen viele Geschichten. Aber natürlich fotografierte sie hier nicht, aus Pietät. Außerdem wäre ihr Verhalten ihrem Opa angerechnet worden, immerhin hatte er sie mitgebracht.
Am Grab hatte sich die hochgewachsene Frau inzwischen aufgerichtet, strich sich über ihr Haar und nickte zu den Worten der Pastorin, die ihr letzten Trost zusprach. Ungeduldig jedoch zuckte ihr Fuß, sie wollte weg. Der Sohn neben ihr blickte abwesend über die anderen Gräber. Was Rixa auffiel, war das beinahe maskenhafte Gesicht der Pastorin, das durch ein Feuermal über der Augenbraue auch nicht lebendiger wurde. Ohne jeden Ausdruck von Herzlichkeit stand sie vor der Witwe, starr der Blick, die Lippen schmal, ihre Finger verliefen sich in den Falten des Talars. Auch wenn sie sich die größte Mühe gab, konnte sie so echten Trost spenden? Gerade recht kam da Alrich hinzu, eng vom unsichtbaren Ragnar begleitet. Der wollte doch wohl nicht das Medium wechseln?
»Entschuldige Helmke, wir sehen uns ja gleich im Grönlandfahrer.« Thornhild Häckels wandte sich entschieden Alrich zu. »Wie schön, dass du auch gekommen bist.«
»Mein Beileid, Thornhild. Ich bin mit meiner Enkelin Rixa hier, die dürftest du noch kennen. Sie löst damit die Zehnerkarte Opabesuche ein.«
»Wäre ein Jahresabo nicht besser? Am Ende unseres Lebens zählt nur die Zeit, die wir gemeinsam verbringen.« Sie nickte Rixa freundlich zu. »Wer von der Insel kommt, den lässt sie nie mehr los. Sie bleibt ein Teil von uns und wir ein Teil von ihr.«
War das jetzt etwas Gutes?
»Thornhild, Reik«, Alrich wandte sich auch an den Sohn, der den alten Inselpolizisten anstarrte. Ungeduldig klopften seine Finger auf das Jackettrevers. »Was für ein Verlust. Amelung war eine bedeutende Persönlichkeit und sein Tod kam viel zu plötzlich. Wenn ich für euch etwas tun kann, ich helfe gerne.«
»Danke, Alrich, im Grunde hatte Häckels doch ein gutes Leben, wir sollten dankbar sein. Und am Ende in der Natur, am Wasser einfach umzufallen, das wird ihm gefallen haben. Aber nun genug der Worte, im Café gleich werden sicher auch noch Reden geschwungen. Die Heuchler höre ich jetzt schon.«
»Mama, bitte!« Reik fasste seine Mutter am Ärmel.
»Was denn, als ob alle gut über ihn gedacht hätten, in all den Jahren. Nein, dazu war er zu erfolgreich. Du weißt das genauso gut wie ich. Oder, Alrich, habe ich nicht recht?« Der nickte, dazu gäbe es viel zu sagen, nur nicht heute. Ragnar neben ihm äffte ihn nach, sein Kopf hob und senkte sich, dass die nebeligen Haare flogen. Rixa wäre gerne laut geworden.
»Also dann«, Thornhild wies auf die Autos, »die Insel wartet.«
Das Hotel Grönlandfahrer lag am südlichen Inselrand gleich hinterm Deich. Schwer in die Jahre gekommen hatte es mit seiner Melange aus Landschulheim und zu groß geratenem Kapitänshaus einen spröden Charme.
Das Restaurant war gut gefüllt, die dichte Klangwolke aus umherschwirrenden Stimmen anlassgemäß gesetzt. Als Rixa an der Seite Alrichs eintrat, schenkte gerade eine Kellnerin mehrheitlich Kaffee aus. Die angeblich teeverliebten Friesen waren auch nicht mehr das, was sie mal waren. Köpfe wurden zusammengesteckt, Blicke taxierten die junge Frau. Rixa war froh, dass das Stimmengewirr nicht erstarb wie in einer Saloonszene. Hier konnten die Leute, weit weg vom Grab, deutlich neugieriger sein, ohne den Anstand zu verletzen. Ein Mann winkte dem alten Inselpolizisten und wies auf zwei Plätze an seinem ansonsten leeren Tisch. Wieso saß der alleine, hatte man ihn dorthin abgesondert?
»Na, das passt ja mal.« Alrich nickte dem gut Vierzigjährigen in seinem perfekt sitzenden schwarzen Anzug zu und sie setzten sich. »Moin Ralf, gute Idee, so ein Tisch mit geballter Staatsmacht. Rixa, das ist mein lieber Kollege Ralf Siegen, der amtierende Inselpolizist. Und dies hier, Ralf, ist die Tochter von meinem Sohn Bent, Rixa, Kriminaloberkommissarin aus Flensburg. Wer hätte das je gedacht. Sie ist auf Urlaub.«
Rixa, mit einem gezielten Lächeln voller Unschuld, sah prüfend zu Alrich. Waren die letzten Worte ein neuer Appell, nicht neugierig zu sein?
»Herzlich willkommen auf Pellworm.« Der Polizist gab ihr die Hand. »Da habt ihr zwei euch sicher viel zu erzählen, so von Kollegen zu Kollegin. Nicht wahr, Alrich, einmal Polizist ...«
»Immer Polizist, ich weiß. Aber mir wäre lieber, Rixa würde einfach nur ausspannen, Abstand gewinnen vom Kuddelmuddel der Großstadt. Meine alten Geschichten interessieren auch nicht mehr.«
Rixa sah aufmerksam durch den Raum. »Vielleicht haben deine alten Geschichten aber etwas mit Herrn Häckels und den Leuten hier zu tun, einige sind deutlich in die Jahre gekommen. Uninteressant ist das bestimmt nicht.« Sie ignorierte Alrich, der zur Erwiderung ansetzte, und winkte der Serviererin. »Du warst nicht bei der Beerdigung oder habe ich dich übersehen?«
Ralf Siegen zu duzen fiel ihr leicht, immerhin waren sie ja Kollegen. Außerdem wurde auf Pellworm allumfassend geduzt, klassen- und generationenübergreifend. Was das anging, war Pellworm ausgesprochen dänisch.
»Da war noch ein Einsatz.« Der Polizist senkte die Stimme. »Jedenfalls sag ich das immer. Beerdigungen gehe ich aus dem Weg, genauso wie Krankenhäusern oder Pflegeheimen, ich finde das bedrückend. Aber so ein Leichenschmaus«, er lehnte sich zurück und nickte einigen Trauergästen zu, »lasse ich mir gefallen. Man lernt immer noch etwas über die Menschen dazu.«
»Als Zeitvertreib oder zur Aufklärung, der immerwährenden Aufgabe eines jeden Polizisten?«
»Zur Abrundung meiner Menschenkenntnis. Außerdem könnte jeder hier mein Kunde werden, irgendwann.« Ralf lächelte in sich hinein, dann schwenkte sein Blick auf Alrich. Was ist los mit deiner Enkelin, will die mich verhören? »Ich bin tatsächlich nicht immer im Dienst, aber mit Menschen habe ich ein Leben lang zu tun.«
»Aber warum hast du dann einen Tisch für dich allein? Du bist doch kein Paria.«
»Das mache ich immer so. Irgendwann setzt sich jemand, alles freiwillig. Nicht, dass die Leute denken, ich setzte mich mit Absicht zu jemandem, als gäbe es was zu regeln.«
»Hier auf Pellworm, wo alles so friedlich ist?« Sie musste an Alrichs Vergleich mit dem Blatt auf dem Wasser denken.
»So friedlich, ja, das sagen die Leute auch immer und ich glaube ihnen, dass sie das glauben wollen. Ach, ich kann nicht klagen.«
Die Serviererin kam.
»Wir kriegen zwei Tee, das ist doch richtig, Alrich?« Der nickte nur und sah lauernd auf seine Enkelin. »Ja, die Menschenkenntnis, da müssen wir in Übung bleiben.« Rixas Blick suchte und fand Sultans Witwe, die prominent platziert saß. »Da ist so viel Schicksal und Leben im Raum. Die Verbindungen ziehen sich von Alrichs Zeiten bis heute. Das Beobachten macht da schon Sinn.« Wieder sah sie zur Witwe hinüber. »Wann wurde der Leichnam denn gefunden? Hat die arme Frau Heckels ein Alibi? Und ihr Sohn?«
»Rixa, bitte!« Alrich schnaubte empört. »Du willst doch wohl jetzt nicht ermitteln?«
»Ich habe Urlaub und stelle einfach nur Fragen an den bestinformierten Mann auf deiner Insel, Interesse werde ich wohl haben dürfen. Wann genau soll Herr Häckels denn gestorben sein?«
»Gefunden wurde er früh morgens mit dem Gesicht im Brackwasser, er muss die Nacht dort gelegen haben. Ab ca. sieben Uhr abends, sagt die Ärztin. Es war ein Herzanfall. Der Sultan, so haben wir den Toten hier immer genannt, war bei ihr in Behandlung. Sie sagte, für sie war das mit dem Herzen nur eine Frage der Zeit. Innere Hektik, zu viel harter Alkohol, zu gutes Essen. Er muss am Wasser gestanden haben, vielleicht das umgehängte Fernglas in der Hand und hat Vögel beobachtet. Das hat er öfter gemacht. Die Sonne geht im Moment so gegen zehn Uhr unter, er wird etwas Dämmerungslicht gehabt haben.«
»Keine Obduktion also?«
»Woher denn. Völlig überflüssig. Die Ärztin war sehr klar in ihrem Urteil.«
»War er betrunken?«
»Gute Annahme. Sie hat Alkohol gerochen, Gin, darin kennt sie sich aus. Ist aber nicht mehr von Belang, Amelung Häckels, der Sultan, hatte einen guten und schnellen Tod. Da muss niemand etwas hineingeheimnissen.« Ralf Siegen sah gereizt zu Alrich, der die Schultern zuckte. Ich habe es versucht, sollte das wohl heißen, nichts zu machen.
»Alrich, die Frau dort im Rollstuhl«, Rixa lenkte den Kopf unauffällig in ihre Richtung, »was war mit ihrer Familie? Du hast da was angedeutet.«
»Wenn es denn sein muss. Hilka Jessen wurde überfahren, das habe ich schon gesagt. Ein paar Jahre davor, also vor meiner Inselzeit hier, hat ihr Mann, der Krabbenfischer Matthias Jessen, seinen Arm auf seinem Boot verloren. Besser gesagt dem Boot des Sultans. Der war der Besitzer und hat den Kahn nie richtig gewartet. Es gab rostige, verbogene Maschinenteile, klemmende Flaschenzüge, Zahnräder und Ketten, festgerostete Hebel und was weiß ich noch. Ein Schrotthaufen. Matthias muss mit einem Arm irgendwo reingeraten sein, am Ende war nichts mehr zu machen: Amputation. Der Sultan hat ihn dann weiterbeschäftigt. Hilfsjobs, immerhin. Das war mal sympathisch.«
»Oder ein billig freigekauftes schlechtes Gewissen.«
» Rixa, du bist aber kritisch und das auf seiner Beerdigung. Der Inselpolizist beugte sich zu ihrem Opa. »Der Streifenwagen, erinnerst du dich? Bei Hilkas Unfall hast du einiges weggelassen.«
»Wie könnte ich das vergessen. Die Sache blieb ja mysteriös. Hilka, die Frau vom Krabbenfischer, als sie noch nicht im Rollstuhl saß, fuhr in der Abenddämmerung mit dem Rad den Liliencronweg in nördliche Richtung. In der Höhe des Waldhusentiefs, kurz nach dem Bekstrom und vor der Abzweigung nach Westen, wurde sie von hinten von einem Wagen erfasst. Das Unfallfahrzeug war der Streifenwagen der Inselpolizei, mein Streifenwagen! Der Fahrer floh mit dem Wagen, ließ die Verletzte zurück. Das Fluchtfahrzeug wurde schnell gefunden, es brannte wie eine Fackel in der Nacht. Aufgebrochen und vermutlich kurzgeschlossen, viel war vom Inneren nicht mehr erkennbar. Der Täter wurde nie gefasst.«
»Und das alles in deinem ersten Inseljahr.« Das hatte Alrich Rixa gegenüber schon erwähnt. »Das war kein einfacher Start für dich.«
»Da sagst du was. Monika verschwand dann auch noch.«
»Wer ist das?«
»Die Tochter der Krabbenfischers. Von einem auf den anderen Tag war sie weg, ein paar Wochen nach dem furchtbaren Unfall. Der Vater einarmig, die Mutter im Rollstuhl. Sie ist nie wieder aufgetaucht, auch nicht als Kriminalfall. Was aus ihr wurde, wissen wir nicht, für die Insel ist sie eine ewig Vermisste. Ihre Eltern jedenfalls sind ratlos.«
»Wie alt war Monika damals?«
»Sechzehn.«
»1985 hast du gesagt«, sie rechnete, »dann wäre sie heute dreiundfünfzig Jahre alt.« Rixas Blick wanderte durch den Raum und fand unter den Gästen nur wenige, die zu der Zahl passten. Die meisten waren drüber. Aber hier konnte sie ja auch schlecht sein.
»Als ich dich abgelöst habe, Alrich, war diese Geschichte immer noch gegenwärtig. Nach all der Zeit. Du hast mir gleich davon erzählt, von wegen was einem Ungeheuerliches auf so einem Inselchen passieren kann. Und die Insulaner ließen die Schicksale auch nicht in Ruhe. Aber«, Ralf machte eine wegwischende Handbewegung, »heute gehts um den Sultan. Unserem gewesenen Inselkönig.«
»Die einen sagen so, die anderen so, Ralf. Was habe ich da nicht schon für Worte gehört. Alleinherrscher, Despot, Tyrann. Die etwas Gebildeteren zischten Absolutismus durch die zusammengepressten Zähne. Für jeden ist was dabei. Samariter jedenfalls hat ihn keiner genannt.«
»Über die Toten nur Gutes, heißt es nicht so?« Rixa sah vom amtierenden zum pensionierten Inselpolizisten, beide zögerten mit einer Antwort. »Aber das fordern nur die, die etwas unter den Teppich kehren wollen. Nun, Kollegen, was also liegt unter des Sultans Perser?«
»So darfst du das nicht sehen.« Ralf winkte der Kellnerin und deutete auf eine Flasche Bier am Nachbartisch. »Durch seine zwei Hotels, in einem sitzen wir gerade, hat er Arbeitsplätze geschaffen.«
»Und Traumgehälter bezahlt?«
»Soweit würde ich nicht gehen.«
»Siehst du. Und seinen Kutter hat er zur gefährlichen Falle verkommen lassen. Sagt Alrich. Was wohl Krabbenfischer Ohnearm über ihn sagen wird?« Rixa stellte sich das häusliche Leben dieses Mannes mit der späteren Rollstuhlfahrerin vor und sah Schmerz, Verlust aber auch Lebenswillen und Disziplin. Beide lebten ja noch, eine Party wird ihr zerfetztes Leben trotzdem nicht gewesen sein. Und dann verschwand auch noch die Tochter. Das durfte sie natürlich dem Inselherrscher nicht anlasten, da musste sie gerecht sein.
»Dann hat er noch einen Trakt seiner Seehundbank der Gemeinde vermietet, das ist erstmal ein feiner Zug«, wusste Alrich, klang dabei aber gar nicht überzeugt.
»Sein zweites Hotel«, wusste Ralf, »unten in Schmerhörn. Nicht, dass du denkst, Sultan hatte auch noch Anteile an Sandbänken. Obwohl, das hätte ihm auch gut zu Gesicht gestanden. Der vermietete Teil vom Hotel hat noch den Charme der Siebziger, die Zimmer sind klein und haben nur ein Waschbecken. Klo und Dusche auf dem Gang. Da sind jetzt zwei Syrer und ein Ghanaer untergebracht. Wären die Jungs nicht übers Meer zu ihm gekommen, hätte er alles renovieren müssen.«
»Nicht genug dieser guten Tat, die Flüchtlinge sollen bei ihm Arbeit gefunden haben, immerhin. Arbeit, das ist der Schlüssel zur In-te-gra-ti-on.«
»Aber nur«, Rixa stand auf und schob den Stuhl zurecht, »unter Deutschen und mit Sprachunterricht nebenbei.«
»Na ja«, Ralf wiegte den Kopf, »die jungen Männer bleiben eher unter sich.«
»Oder alleine im Garten, was umgraben, für die Hotels was reparieren oder im Getränkelager des Sultans Kisten stapeln.« Alrich verkniff sich ein Grinsen. Die Lobrede auf die sozialen Taten des Verstorbenen geriet eher zur Anklage. »Ich habe gehört, er hat ihnen drei oder vier Euro die Stunde gezahlt, unter der Hand versteht sich.«
»Wir haben ja noch zwei Familien, eine syrische und eine aus Afghanistan. Die sind besser untergekommen und die Kinder haben Spaß in der Schule. Intensiver als in so kleinen Gemeinschaften kannst du niemanden integrieren.«
»Wo ist hier die Toilette?« Rixa sah sich um, Ralf deutete ihr den Weg: ins Foyer und links.
»Wegen der Bezahlung hat sich Agil, was man so hört, heftig gestritten mit dem Sultan. Aber da höre ich als Polizist lieber weg, all das unbewiesene Zeug, das bringt nur Scherereien.«
»Einer der beiden Syrer?« Rixa hatte den Tisch noch nicht verlassen, wollte solche Informationen nicht verpassen.
»Richtig. Sein Bruder Iskander sucht ihn, seit Agil spurlos verschwunden ist. Der Sultan hat behauptet, er habe sich nach Hamburg abgesetzt, suche dort das süße Leben. Soweit ich das aber rauskriegen konnte, ist er in Hamburg unbekannt. Oder nie gewesen.«
Noch jemand, der spurlos verschwand. Iskander hieß also der, der mit ernstem Blick um die Trauergemeinde gestreunt war. Ob der auch Stress mit dem Sultan hatte?
Im Toilettenvorraum, beim Händewaschen und einem kritischen Blick in den Spiegel, traf Rixa auf die Dame mit der schweren Korallenkette und den farblich abgestimmten Fingernägeln. Die Galeristin, Alrich hatte sie doch so bezeichnet, taxierte sie mit unverhohlenem Interesse. Nun, das traf sich gut, sie selbst war auch neugierig. »Ein schönes Stück«, lobte Rixa und sah auf die Kette, »da braucht es nichts anderes mehr.«
»Vielen Dank, ja ich ziehe wuchtige Einzelstücke dem ganzen Klimperkram vor. ‚Du zeigst wo du stehst, und verläufst dich nicht‘, sagte mein verstorbener Mann immer. Es gibt ja Menschen, da denke ich gleich, da hat jemand den ganzen Kaugummiautomaten geplündert, mit all dem Bling-Bling. Gibt es diese Dinger überhaupt noch? Schmuckbehangene jedenfalls werden nicht weniger.« Ihr Lächeln entblößte nicht mehr ganz weiße, aber kräftige Zähne und Rixa war plötzlich froh, sich mit dieser Dame nicht anlegen zu müssen.
»Du bist ein neues Inselgesicht, gehörst du zur Familie?«
Die kurze Gerade in Frageform, nur keine Umwege.
»Ich bin Rixa Larsen, begleite meinen Opa Alrich, den früheren Inselpolizisten und mache hier Urlaub. Und du bist?«
»Freya Ohlsdorfen. Galeristin.« Sie lachte und strich über ihre Kette. »Wenig überraschend nicht?«
»Dann verstehst du natürlich auch was von gutem, bezahlbarem Rotwein und trockenem Weißen.«
»Das versteht sich, keine Vernissage ohne. Es darf aber auch ein einfacher Cocktail sein, du solltest meine Südseeausstellungen besuchen, der Renner bei den Touristen.« Erschrocken, als habe sie etwas Verbotenes gesagt, brach sie ab und Rixa sah sie fragend an. Hatte sie einen Geist gesehen? »Ich sage Südsee und da fällt es mir ein. Der Sultan war auch da. An seinem Todestag. Ich hatte einige Artefakte ausgestellt, einiges zum Verkauf, anderes nur zur Ansicht. Darunter eine wunderbar gearbeitete Schmuckkeule der Maori aus grüner Jade. Greenstone sagen sie dort. Handschmeichlerisch glatt, schimmernd, in perfekter Form. Uralt, aber vom Design her beste Sechziger oder von Apple, jedenfalls Spitzenklasse. Das war eine Zeremonialwaffe, keine für den Insulanerkrieg. Aber, ein Schlag damit gegen den Kopf und es wäre aus gewesen. Er wollte sie kaufen, das ging aber nicht, sie war zur Ansicht ausgeliehen. Er durfte sie anfassen, das war alles. Hat seinem Ego nicht gefallen. Aber, er blieb distanziert höflich, das schaffte er nicht immer. Na, kurz danach war er dann wohl tot.« Sie schaute zurück in den Gastraum, aber da wartete niemand auf sie. »Und, hast du eine Verbindung zum Verstorbenen?« Sie lachte. »Nicht übernatürlich, ich meine: Hast du ihn gekannt?«
»Als Kind war ich oft in den Ferien hier. Meine Eltern sind früh von der Insel weg. Nein, den Sultan kannte ich nicht. Ob ich den Spitznamen überhaupt sagen darf, so als Inselfremde? Irgendwie steht mir das nicht zu, finde ich.«
»Ach er würde sich freuen, von einer hübschen jungen Frau so genannt zu werden. Damit erkennst du ja seinen allumfassenden Anspruch an, das hätte ihm sehr geschmeichelt. Oder machst du dir Gedanken wegen der Leute? Da darf man nicht zimperlich sein. Hinter meinem Rücken nennen sie mich Paula Modersohn, ob mir das gefällt oder nicht. Ignorantes Pack. Aber wen wundert das? Egal, wo du auf unserer Insel bist, der Blick endet immer am Deich. Der Weitblick der Pellwormer ist also naturgemäß beschränkt. Paula Modersohn, mehr als dieser Frauenname ist den Banausen nicht eingefallen. Dabei hat die Kunst in meiner Galerie Sterntaler nun gar nichts mit den Expressionisten zu tun. – Du lächelst, ich verstehe. Da hat dich dein Opa schon ins Bild gesetzt. Na hier bleibt eben nichts geheim, irgendwer redet immer. Nüchtern oder dun, Schwätzer sterben nicht aus. Wollen wir wieder reingehen?«
»Gleich. Aber was verband dich denn mit dem Sultan?«
»Er war hier ein wichtiger Mann. Hat große Ölbilder und sehr teure Drucke gekauft, um zu repräsentieren. Kunstverstand hatte er natürlich keinen. Kannte die betuchteren Inselgäste, war ein gnadenloser Strippenzieher. Wenn ich ihm nicht in die Quere kam, standen wir gut miteinander, auf Abstand. Ich lieferte erstklassige Ware, er bezahlte gut. Doch nun: Ende einer Geschäftsbeziehung. Er hat mich leben lassen. Ja ich denke, ich bin hier, um dieses Kapitel zu beenden. Sind Begräbnisfeiern nicht dazu da? Die Menschen brauchen Rituale, auch ohne Schmuckkeule. Wollen wir?«
In der Tür zum Saal fiel Rixa die Pastorin auf, nun ohne schwarzen Talar. »Die Seelsorgerin tat sich schwer, die Witwe zu trösten. Sie hätte auf dieses Ritual heute gut verzichten können.«
»Helmke«, die Galeristin hüstelte, »Pastorin Schroten ist nicht die glühendste Predigerin, vielen kommt sie zu ernst vor, beinahe verklemmt.« Ihr Blick lag auf der Frau, die ihr an einem entfernten Tisch gerade den Rücken zuwandte. »Sie wird ihre Geschichte haben, wie wir alle. Und für die Allmacht des Sultans große Wärme aufzubringen«, sie atmete durch, »das würde kaum einem Insulaner gelingen. Sie ist eben auch keine gute Schauspielerin. Für Heuchelei gibts Geld genug, Wahrheit geht betteln.«
»Altes Testament?«
»Martin Luther. Komm mich doch mal besuchen in Tammensiel, Galerie Sterntaler.« Damit ließ sie Rixa stehen, spielte an ihrer Korallenkette und schritt zu ihrem Platz, die Blicke auf sich gezogen.
»Da bist du ja.« Alrich schob ihr den Stuhl zurecht. »Ich wollte schon die Rettung rufen. Aber wie ich sehe, hast du dich bestens unterhalten. Hat sie ein gutes Haar an uns gelassen?«
»Paula Modersohn? Die Frage ist berechtigt. Sie hat jedenfalls feste Meinungen. Als ob sie sich an den Pellwormern reiben würde. Angriffslustig wirkt sie, gut tut ihr das sicher nicht.«
»Ich denke immer, die ist am falschen Platz.« Ralf nahm einen Schluck Bier. »Die ist so von oben herab, hat so einen süffisanten Ton, als stünde sie über den Dingen und würde uns auf Pellworm nur dulden. Dabei ist es ja umgekehrt.«
»Den Sultan mochte sie nicht, das steht fest. Sie ist hier, um ‚das Kapitel‘ zu schließen, wie sie sagte. Wie das klingt. Hatte sie was mit dem, eine Affäre oder eine offene Rechnung? Kommt ihr zwei, raus mit der Sprache.« Rixa griff Ralfs Bierflasche und nahm einen Schluck. »Von 1985 bis jetzt, das geballte Inselwissen sitzt bei mir am Tisch.«
»Auch eine Verdächtige?« Alrich grinste. »Da wirst du eine lange Liste machen müssen. Eine nutzlose Liste. Denn, wie wir ja wissen, starb der Sultan eines natürlichen Todes, die Ursache ist ...«
»Sprich es nicht aus«, fiel ihm Rixa ins Wort und nahm eine Papierserviette. »Ralf, hast du einen Kuli?« Sie schrieb ‚Galeristin‘ und sah in den Raum. »Natürlich ist auch ein Schlangenbiss, Unterzuckerung oder ein unglücklicher Sturz. Und geklärt, was du behauptest, ist hier nichts. Apropos, wo sitzt denn die famose Inselärztin? Oder drückt die sich?«
‚Pastorin‘, schrieb sie noch auf das Papier, ‚Witwe,‘ ‚Ärztin‘. Komisch, alles Frauen.
»Die kleine dort mit dem braunen Kurzhaar. Ja die, die gerade das Cognacglas schwenkt.« Ralf prostete ihr zu. Allgemein waren die Trauergäste zum Alkohol übergegangen und der Geräuschpegel stieg beträchtlich. Rixa hätte nicht sagen können, ob die Leute im Raum auch alle am Grab gestanden hatten, im Gedränge war ihr das eine oder andere Gesicht durchgegangen. Vielleicht gab es auch Ausreden ähnlich der des Inselpolizisten. Beerdigungen waren ein Graus oder die Höhepunkte des Jahres, alles eine Frage der Einstellung.
Der Sohn des Verstorbenen, Reik, Inselname Porsche, der Mann mit der rosa Schweinehaut, saß zusammengesunken vor einem Glas Pils. Durch einen Vorhang hängender Haare hindurch blickte er fest in eine Richtung. Rixa folgte dem Blick, und blieb an einer etwas drallen Blondine hängen, die zwei Tische weiter betreten zu ihm hinsah. Am liebsten wäre sie wohl zu ihm gegangen, um ihn zu trösten. Da wurde eine Verbindung verheimlicht, wenn auch schlecht. Wer war die Frau? Sie saß neben einem jungen Mann, der in Rixas Alter sein mochte. Wie ein Konfirmand saß er da, der Anzug ungewohnt, das geschlossene Hemd zu eng. Wohl fühlte der sich nicht. Seine junge Erscheinung war in dieser Gesellschaft eine Ausnahme.
»Na, ihr Polizisten, müsst ihr euch so extra setzen?« Thornhild Häckels, die Witwe, war an den Tisch getreten. »Ihr habt Amelung doch gut gekannt, da könnt ihr ruhig unter die Leute. Die Gerüchte und Geschichten, die man euch zuraunt, sind ja jetzt amtlich nicht mehr wichtig. Ist der Feldherr tot, ist auch die Schlacht vorbei.«
Schade eigentlich, wäre Rixa beinahe herausgerutscht. Stirbt ein Verdächtiger, kommt sein Fall nicht zur Anklage, so war es wirklich. Doch gab es denn Fälle gegen den Sultan?
»Ich finde es immer tröstlich, wie viel Anteil die Menschen nehmen.« Rixa legte ihr leutseligstes Gesicht auf, ihre blauen Augen strahlten. »Alle hier hatten eine Verbindung zu deinem Mann, das ist beeindruckend.« Blödsinn. War das nicht bei jeder Trauerfeier so?
»Er hieß ja nicht umsonst der Sultan.« Die Witwe lächelte versonnen. »Aber nicht alle Verbindungen waren gut, das ist man klar. Erfolgreich wirst du nicht mit eingezogenen Ellbogen.« Sie folgte Rixas Blick zu der Blonden neben dem Konfirmanden und nickte wissend. »Sophie Rauscher zum Beispiel. Da stand ein handfester Streit ins Haus, für Häckels drittes Hotel hätte ihr Café Bergsee dran glauben müssen. Was sie nicht will, versteht sich, denn davon lebt sie. Aber sie ist nur Pächterin. Wie das jetzt weitergeht, steht in den Sternen. Ein schlimmer Fall, die Sophie lebt schon ewig hier. Als junges Mädchen hat sie hier in irgendwelchen Läden gekellnert und sich dann ihren Traum erfüllt. Und jetzt steht sie womöglich vor dem Aus, das wird man sehen.«
»Und der junge Kerl neben ihr, war der auch verfeindet?«
»Verfeindet trifft es nicht, auf der Insel sind wir höchstens überkreuz. Aber nein, der war mit meinem Mann befreundet. Titus verleiht und repariert Fahrräder. Häckels hatte zwei ganz alte aus den 60ern, da konnten sich beide für begeistern. Der junge Mann ist einer, der wirklich trauert.« Sie nickte den beiden Inselpolizisten zu, amtierend oder nicht, und ging zurück zu den anderen Gästen.
Alrich hatte zugehört und dabei seine Enkelin fest ins Auge gefasst. Da begann die doch allen Ernstes schon bei der Trauerfeier mit Ermittlungen. Ohne Auftrag!
»Hör mal Rixa, ich würde gerne aufbrechen. Mir ist nicht gut, vielleicht der Kreislauf. Etwas frische Luft wäre schön. Begleitest du mich?« Holprig stand er auf, hob gen Ralf grüßend die Hand und wandte sich zum Gehen. Ihr blieb nichts anderes übrig als zu folgen. Ein Blick zurück, Titus sah ihr nach. Lächelnd ging sie hinaus.
Ragnar wartete vor dem Haus. Sein Pech, dass er nicht in geschlossene Räume kam, soviel hatte Rixa von ihm inzwischen mitbekommen. Warum eigentlich? Sollte sie ihm von diesem Nachmittag erzählen? Auch von Titus?
Am anderen Morgen, noch vor dem Frühstück, durchstreifte Rixa auf der Südseite der Insel den Süderkoog hin zum Leuchtturm, sie hatte ja Urlaub. Ein feiner Nebel lag über den Wiesen, dicke Tropfen sammelten sich an den Halmen. Schmale Wassergräben durchzogen das Gelände, Möwen schwebten schreiend im Wind, Austernfischer jagten sich schimpfend und Wolken hetzten einander hinterher. Ragnar hatte sie am Wegesrand hockend erwartet und sich ihr zugesellt, ganz so, als hätten sie sich tags zuvor dazu verabredet. Eine Zeit lang waren sie nebeneinander hergelaufen, ohne miteinander zu denken, so nannte Rixa ihre Form der Kommunikation. War sie mit ihm alleine, sprach sie mit ihm. Alles mit ihm gedanklich und durch Empfindungen zu verhandeln war ihr zu anstrengend. Die Insel bestand im Moment aus grünen Weiden und Leere, ganz in der Ferne sah sie vereinzelt Häuser. Doch die Eindrücke vom Inselfrieden ließen sie kalt. Der Tag gestern war voller Pinselstriche und Farbkleckse gewesen, die aber noch kein Bild ergaben. Wenn, dann dürfte es kein angenehmes oder heiteres werden, sondern ein düsteres, bedrückendes und mit der wuchtigen Figur des Sultans im Zentrum, verschüttet wie eine Sphinx.
Sie blieb stehen und versuchte einmal mehr, Ragnar besser zu erkennen, in seinem Gesicht zu lesen. Doch das blieb unscharf. Plötzlich, für einen erschreckenden Augenblick, tat sich in seinem verwaschenen Bild eine Art Riss auf, deutlich erkannte sie rote Spuren auf seiner aufgeplatzten Haut, blutige Flecken, keine Narben. Das sah nach Feuer aus. Der frühere Ragnar schien keine Zeit gehabt zu haben, die Vernarbung zu erleben. Was für eine grauenhafte Qual. Doch der Moment ihres Entsetzens dauerte länger als der Blick auf diese Wahrheit. Mein Gott, was war dem Jungen passiert? Der blickte zu Boden und sie empfing ein Gefühl der Scham. Gott sei Dank sendete er kein Gefühl von Schmerz.
»Was ist dir damals widerfahren? Habe ich was gesehen, was ich nicht sehen sollte? Entschuldige. Immer noch weiß ich so wenig von dir. Feuer wird dir wohl keine Freude mehr machen, richtig?« Sie empfing ein Gefühl starker Abneigung und wollte nicht weiter auf das Thema eingehen. Dass sie die Verletzungen kurz sehen konnte, schien nicht Ragnars Absicht gewesen zu sein. »Du hast dich doch gestern auf dem Friedhof herumgetrieben, was sagst du denn zu dem Toten? Irgendetwas daran ist mir nicht geheuer. Gab es keinen Hinweis so von Geist zu Geist? Hast du überhaupt welche getroffen?«
Bei der Erwähnung des Friedhofs spürte sie einen Fluchtimpuls und die traurige Ablehnung dieses Ortes ähnlich einem Heimkind, das sich ein anderes Zuhause wünscht. Mehr nicht, dann zog es ihn auf die Weiden.
Schade, da hatten ihn seine Kollegen nicht ins Vertrauen gezogen, was den Sultan betraf. Wenn es diese anderen Geister überhaupt gab. Vielleicht hatten sie keinen Grund umherzuschweifen und waren eins mit ihrem Leichnam. Geistertheorien hatten sie noch nie beschäftigt, für sie war Ragnar eine Erscheinung, die nur sie anging, etwas Einzigartiges. Doch im Grunde sollte sie sich etwas schlauer machen, so wenig, wie sie wusste.
Aber jetzt stand erstmal der seltsame Tod eines Insulaners im Vordergrund. Sollte sie wirklich auf eigene Faust und als Touristin über die Insel hüpfen? Immerhin gab es ja für Staatsanwaltschaft und Polizei keinen Fall, der Tod des Sultans galt als tragischer Alltag. Nur, konnte sie das den Leuten auf der Insel durchgehen lassen, allen voran Alrich? Der kannte die Insulaner doch seit Jahrzehnten. Wo war sein Spürsinn geblieben? Hatte er ihn runtergeschluckt? Warum? Sie musste noch mal mit Ralf sprechen, dem aktuellen Inselpolizisten, damit er sie, falls nötig, an den Polizeicomputer ließ.
Sie setzte ihren Weg fort mit Ragnar in einigen Metern Entfernung, er wirkte wieder guter Dinge.
»Wir müssen uns einmal darüber unterhalten, wie wir besser miteinander sprechen können. Kannst du in Sand schreiben oder Staub? Kannst du überhaupt schreiben, mir irgendwelche Zeichen machen?« Das, was Ragnar ihr signalisierte, war eine ratlose Leere. So etwas hatte vor ihr noch niemand von ihm gewollt.
Als sie Alrichs Haustür aufschloss, duftete es nach warmen Brötchen und frischem Kaffee. Das Leben kam auf den Punkt.
»Wir müssen für dich ein Fahrrad besorgen.« Alrich goss ihr ein und schob ihr die Marmelade zu. »Selbst gemacht.«
»Du hast doch Räder in der Garage.«
»Bei einem ist die Gangschaltung kaputt, beim anderen das Tretlager ausgeschlagen. Damit kann ich dich nicht rumfahren lassen.«
»Ich soll mir eins leihen?« Sie nahm einen Schluck und fixierte Alrich. »Natürlich bei Titus, das liegt auf der Hand. Willst du mich verkuppeln?«
»Aber woher denn. Schmeckt dir meine Marmelade? Das ist Sanddorn, mit jeder Menge Vitamin C.«
»Lenk nicht ab, Alrich. Was soll ich bei Titus?«
»Seine Räder sind gut. Der alte Sultan schwor auf ihn. Bei allem, was er fuhr, zählte die Qualität. Außerdem«, sorgfältig schmierte er sich etwas Butter auf eine Brötchenhälfte, »würde er dir gut stehen, der junge Mann. Du hast doch gerade keinen, oder?«
»Nicht, dass mir das gefallen würde, aber ja, ich habe keinen. Aber von der Insel muss er auch nicht sein. Überhaupt, meine Männer suche ich mir selber aus.«
»In Flensburg? Das sind nicht die richtigen Kerle für dich.«
»Da habe ich Auswahl. Und was weißt du schon, was dein Titus in Wahrheit für ein schräger Vogel ist.« Oder deine Enkelin. Dass die Großeltern die Küken immer für harmlos halten, musste biologisch sein.
»Dann werden wir das rausfinden, gleich nach dem Frühstück.«
»Ach Frühstück nennst du das. Ein halbes Brötchen. Was ist los?«
»Kein Hunger. Material habe ich genug auf den Rippen. Na dann wollen wir uns den Titus mal ansehen.«
»Ich dachte, es geht um Fahrräder. Sag mal, wenn die Räder vom Sultan so toll waren, warum ist er damit nicht Vögelgucken gefahren? Das ist doch viel passender.«
»Weiß ich nicht. Vorrangig geht es um Fahrräder, doch wir verbinden das eine mit dem anderen. Am Ende würdest du glatt auf eigene Faust ermitteln. Völlig grundlos, versteht sich. Da ist es wohl besser, ich bin dabei.«
»Als Türöffner gerne, aber nicht als Aufpasser.«
»Aber nicht doch, mit mir lernst du die Insel nochmal so richtig kennen.«
