Eislicht - Das Geheimnis von Troldhule - Nina Wels - E-Book

Eislicht - Das Geheimnis von Troldhule E-Book

Nina Wels

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Beschreibung

Wer wartet in der Nacht? Wer lauert tief im See? Es ist der Nöck, der schwarze Nöck! - Kinderspiele sind es nicht, die sich Nele Frederikson für ihre ersten Ferien ohne Eltern auf der wellenumtosten Insel Svaberg im Nordmeer gewünscht hat. Ein magisches Lichtwesen vor dem Dachfenster ihrer Unterkunft und der zwei Jahre ältere Waisenjunge Torben wecken die Neugier der Zwölfjährigen umso mehr. Zusammen spüren beide Kinder den rätselhaften Ereignissen einer Sturmnacht nach, ohne zu ahnen, welche Gefahr die Insel mit ihren schroffen Bergen und unzugänglichen Wäldern verbirgt. 'Eislicht - Das Geheimnis von Troldhule' führt in die karge, abgelegene Welt liebenswerter, bisweilen schrulliger Inselbewohner nördlich des Polarkreises. Eine Welt, in der die Natur mit ihren Urkräften so viel mächtiger ist als ein Mensch und wo sich höchst unwahrscheinliche Wesen verbergen. 'Eislicht - Das Geheimnis von Troldhule' ist eine märchenhafte Abenteuer- und Detektivgeschichte. Vor allem aber ist es die Geschichte eines Mädchens, das nicht aufgibt.

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EPUB
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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Nina Wels

Eislicht

Das Geheimnis von Troldhule

© 2019 Nina Wels

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-42, 22359 Hamburg

Coverillustration: Anna Jander Covergestaltung: Nina Wels

ISBN

Paperback:

978-3-7482-5410-2

Hardcover:

978-3-7482-5411-9

e-Book:

978-3-7482-5412-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meinen großen Bruder,den ich sehr vermisse.

Prolog

Eisige Windböen türmten die Wellen des Nordmeeres zu schwarzen Ungeheuern auf, Gischt und Schnee fegten über ihre Kämme und verwirbelten sich zu gespenstischen Wesen. Wie ein Spielzeug wurde das Schiff umhergeworfen. Immer wieder verschwand es in Tälern riesiger Wellen, nur um gleich darauf von Neuem in die Höhe gehoben zu werden.

Hätte es Warnungen gegeben, das Postschiff wäre nicht ausgelaufen. Dem Wetterbericht zufolge war nur mit etwas schwerer See zu rechnen; tatsächlich befanden sie sich im Herzen eines der verheerendsten Stürme der letzten Jahre. Jedes Mal, wenn sie für einen kurzen Moment hoch oben auf einem Wellenkamm fuhren, hielt der Kapitän verzweifelt Ausschau. Nach Land, einem Licht, nach irgendetwas, das Rettung versprach. Doch vergebens, in der Dunkelheit war nichts auszumachen, sosehr er sich auch anstrengte. Ohne Hoffnung ging es zurück, hinab zwischen steile Wasserberge. Ihnen lief die Zeit davon, das Knarzen und Zerren im Stahl klang immer bedrohlicher. Er kannte sein Schiff, lange hielt es der Belastung nicht mehr stand. Wenn er doch nur eine ungefähre Ahnung hätte, wo sie sich befanden. Vor zwei Stunden hatte ein gewaltiger Brecher mit unvorstellbarer Wucht steuerbords ein Fenster aus der Brücke gerissen. Eisige Wassermassen waren eingedrungen und hatten die wichtigsten Instrumente mitsamt der Funkanlage zerstört. Seitdem manövrierte der Kapitän das Schiff blind durch den Sturm. Womöglich fuhren sie im Kreis, oder noch schlimmer, hielten Kurs auf hohe See. Vor wenigen Minuten hatte er Anweisung gegeben, die Rettungsboote vorzubereiten.

Wieder wurden sie emporgehoben und wieder betete er, endlich den rettenden Lichtstrahl eines Leuchtturms zu erblicken. Mit jeder Minute wuchs die Panik in ihm. Plötzlich, am höchsten Punkt der Welle, stutzte er. Da war etwas. Sofort hob er das Fernglas. Tatsächlich: Licht! Doch stammte es nicht von einem Leuchtturm, über den verwirbelnden Schaumkronen leuchteten hunderte blaue Lichter, jedes kaum größer als eine Schneeflocke. Ungläubig lies der Kapitän das Fernglas sinken: die Lichter bewegten sich. Sie kamen dem Schiff entgegen.

Auch über der eingeschneiten Hafenstadt wütete der Sturm. Heulend riss er mit, was nicht im Eis des langen, harten Winters festgefroren war. Doch für die Bewohner von Troldhule gehörten Unwetter zum Alltag. Nur in einem Haus oberhalb des Hafens warf sich ein Junge, von Alpträumen gequält, im Schlaf hin und her. Krachender Donner ließ ihn hochschrecken. Schweißgebadet und verängstigt sah er sich um. Die anderen im Saal schliefen. Er ahnte, es würde dauern bis auch er wieder einschlafen konnte. Das Echo seiner Träume verhallte immer nur langsam. Frierend lauschte er dem Pfeifen und Jaulen des Windes. Es klang wie fernes Rufen, fast so als riefe jemand seinen Namen. Plötzlich, ein grelles Licht und ein heftiger Knall, diesmal musste ein Blitz ganz in der Nähe eingeschlagen sein. Neugierig kletterte er aus dem Bett und ging zum Fenster, von wo er die Stadt überblicken konnte.

Draußen geriet die Welt aus den Fugen. Der Sturm schob hohe Schneewehen vor sich her, mehrere Strommasten waren umgekippt. Unten im Hafenbecken hatten sich Boote losgerissen und schwammen kieloben im Wasser. Wo es eingeschlagen hatte, war nirgends auszumachen. Langsam wanderte der Blick des Jungen von der Stadt hinaus aufs Meer. Eisberge trieben an der Insel vorbei. Ab und zu erleuchteten Blitze den Horizont.

Mehrere Minuten stand er da. Seine Zähne klapperten, so kalt war ihm. Doch zurück ins Bett wollte er nicht, der Sturm hatte ihn in seinen Bann gezogen. Weit draußen über dem Meer entdeckte er sie. Im dichten Treiben der Schneeflocken hätte er sie beinahe übersehen. Ihre Eiskristalle schimmerten in einem bläulichen, unwirklichen Licht. Sie war schön. Wunderschön. Der Junge erschrak. Sie blickte direkt in sein Herz.

Erstes Kapitel

Ein unerwarteter Anruf

„Das ist viel zu hoch!“, fluchte Nele, sie hatte doch Höhenangst. Noch nie war sie in der Lagerhalle bis nach oben geklettert. Gab es weiter unten im Regal etwas, das als Ersatz dienen konnte? Aber Nele entdeckte nichts auch nur halbwegs Brauchbares. Unruhig sah sie auf ihre Uhr. Weniger als zwei Stunden, die Zeit wurde knapp. Allein mit dem Hochklettern war es ja nicht getan. Sie musste außerdem nähen und ihr Zimmer vorbereiten. Sollte sie besser warten, bis sie zurück aus den Ferien war? Solange hielt sie es nicht aus, die Idee war zu gut, um sie aufzuschieben. Wollte sie ihren Plan heute noch umsetzen, musste sie ihre Furcht überwinden. Jetzt.

Seit dem letzten Herbst lebte Nele mit ihrer Mutter Lisa in der Forschungsstation nördlich des Polarkreises, eine verdammt lange Zeit für eine Zwölfjährige auf einem derart verlassenen und öden Felsen mitten im Meer. Lisa leitete die Station. Gemeinsam mit einem Team aus elf internationalen Wissenschaftlern untersuchte sie neben Meeresströmungen und deren Auswirkungen auf das Klima in der Hauptsache das Polarlicht. Nirgends besser konnten diese geisterhaften Himmelserscheinungen beobachtet werden als hier im Nordmeer. Auch Nele schaute jedes Mal wie hypnotisiert in den Nachthimmel. Die grün, manchmal rötlich leuchtenden Lichtbänder besaßen die Eigenschaft Zeit unwichtig werden zu lassen. Spuklichter nannte Nele sie. Schon mehrmals hatte sie riesige Gesichter im Nachthimmel entdeckt, schreckliche Fratzen, die zu schreien schienen, obwohl es totenstill war.

Viel mehr außer einem Windrad und den fünf Gebäuden, die zur Station gehörten, gab es nicht, nicht einmal Bäume. Ohne sich zu beeilen konnte Nele die Insel in weniger als einer Stunde umrunden. Auf der Suche nach irgendetwas Unerwartetem hatte sie bald jeden Stein umgedreht, in jede noch so schmale Felsspalte geschaut. Vergeblich. So aufregend die Nordlichter am Himmel waren, so langweilig blieb der Boden. Überall nur Felsen und Moos.

Nele musste sich anstrengen. Es erwies sich weit schwieriger die Leiter an die richtige Stelle zu schieben, als sie sich vorgestellt hatte. Zwar gab es oben und unten Rollen, um sie an den Regalen entlang ziehen zu können, doch mit zu viel Schwung verkantete die Leiter. Dann musste sie jedes Mal ein Stück zurück und es erneut versuchen. Eine mühselige und vor allem laute Prozedur. Als die Leiter endlich am richtigen Platz stand, schaute Nele mit flauem Magen nach oben. Das Fach, zu dem sie wollte, lag im Dunkeln. Sie holte tief Luft und setzte ihren Fuß auf die erste Stufe.

Neles Vater Åke lebte nicht auf der Station. Er arbeitete an einer angesehenen Universität auf dem Festland. Vor vier Monaten, zu Neles zwölften Geburtstag, hatten sie und Lisa ihn das letzte Mal besucht. Einmal für zwei Wochen eine richtige Familie sein, nur das und nichts anderes hatte sich Nele von ihren Eltern gewünscht.

Nach zwei wunderbaren Wochen, die wie befürchtet viel zu schnell vergingen, blieb Nele wie schon vorher nur das Telefon, um mit ihrem Vater zu sprechen, oder, was ein wenig mehr Spaß machte das Laptop. Damit konnte sie ihn immerhin sehen, auch wenn das Bild wegen der langsamen Verbindung häufig ruckelte. Nele liebte es, Åke bei der Arbeit zu stören. Fast täglich berichtete sie ihm anfangs von ihren neusten Entdeckungen – Entdeckungen wie: Käfer können auch mit fünf Beinen laufen, oder, auf den Kopf gestellt, sieht das Nordlicht aus wie Wellen auf einem See. Mit der Zeit meldete sie sich jedoch immer seltener. Die Insel war erforscht, es gab nichts mehr zu entdecken. Als im Frühling die Tage länger wurden, bekam Nele kaum noch Nordlichter zu sehen, sie schlief bevor es dunkel war. Zwar stiegen die Temperaturen, doch das veränderte nicht viel auf der Insel, nur Felsen und Moos, dabei blieb es. Nele versank in Langeweile.

Endlich hatte sie das oberste Regalbrett erreicht. Vorsichtig wagte Nele einen Blick zum Boden fünf Meter unter ihren Füßen. Schlagartig wurde ihr schwindlig. Mit geschlossenen Augen, die Leiter fest umklammernd, atmete sie langsam tief ein und aus. Es half. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Der Blick nach vorne gelang ohne Schwindel. Auch ein bisschen nach rechts oder links war in Ordnung, nur nach unten schauen, das musste sie unter allen Umständen vermeiden.

Bob meinte, sie solle in einer schwarzen Kiste nachschauen. Tatsächlich entdeckte sie zwischen dem Gerümpel eine schwarze Kiste. Dummerweise war sie von zwei Kartons voller Kabel und einem sperrigen, rostigen Messgerät verstellt. Keine Überraschung für Nele. Überall in der Lagerhalle herrschte Unordnung. Normalerweise machte ihr das nichts. Im Gegenteil, wie sonst hätte sie sich unbemerkt in einer der hinteren Ecken ein Versteck einrichten können. Jetzt aber, in schwindelerregender Höhe an eine wacklige Leiter geklammert, wünschte sie sich zum ersten Mal, die Dinge wären zugänglicher eingeräumt.

Um die Kiste zu erreichen, musste Nele sich strecken. Erst nach drei Anläufen bekam sie deren Griff zu fassen. Zentimeter für Zentimeter, immer kurz davor die Balance zu verlieren, zog sie die Kiste zu sich heran. Nele glaubte sich schon am Ziel, dann aber steckte sie plötzlich fest. Sosehr sie auch zog, weiter bekam sie die Kiste nicht nach vorne. Auch zurück ließ sie sich nicht mehr schieben. Nele verlor die Geduld.

„Verdammter Mist!“, schimpfte sie verzweifelt. „Bob, wo bist du nur?“

Bob war Lisas Assistent und Neles Privatlehrer. Er war es, der ihr den Tipp gab, wo sie finden konnte, was sie brauchte. Weil Nele erwartet hatte, dass es Schwierigkeiten geben würde, hatte sie ihn gebeten, ihr zu helfen. Bob wollte eigentlich auch, nur musste er vorher noch etwas Wichtiges erledigen. Einzig der knappen Zeit wegen, hatte sich Nele allein auf die Suche gemacht.

Angesichts der verfahrenen Situation überlegte Nele, ob sie wieder hinabsteigen sollte, als ein Geräusch sie aufhorchen ließ.

„Bob?“, rief sie, ohne nach unten zu sehen. „Bist du das? Ich bin hier oben!“

Niemand antwortete.

„Bob?“

Alles, was Nele zu hören bekam, war ein Knall und ohrenbetäubendes Scheppern.

Åke fragte sich, warum seine Tochter nicht anrief. Er saß in seinem Arbeitszimmer mit dem Rücken zum Schreibtisch und schraubte an einer komplizierten technischen Apparatur. Heute sollte Nele nach Svaberg fahren, um dort ihre Sommerferien zu verbringen. Sie hatte versprochen, sich vorher zu melden. Normalerweise hielt Nele was sie versprach. In diesem Moment kündigte ein fiepender Ton aus dem Computer einen eingehenden Anruf an. Endlich. Åke drehte auf seinem Stuhl herum und öffnete mit einem Mausklick das Fenster für den Videochat.

„Nele, Schatz, da bist du ja end…“

Er verstummte sofort nachdem sich das Bild aufgebaut hatte. Åke hatte fest mit seiner Tochter gerechnet, doch ganz offensichtlich war der Anrufer nicht einmal ein Mensch. Verwirrt sah er auf den Bildschirm. Das Geschöpf, das ihn grimmig mit zwei seiner drei Augen anstarrte, wirkte alles andere als freundlich. Der schiefe Mund, aus dem lange gelbe Zähne ragten, die großen Ohren, das braune, zottelige Fell, all dies erinnerte Åke an Zeichnungen, die er von Trollen kannte.

„Åke Frederikson, wir haben Ihre Tochter!“, tönte eine seltsam tiefe Stimme aus dem Computer.

Åke wusste nicht was er sagen sollte.

„Ich wiederhole, wir haben Ihre Tochter!“, drohte der Troll energischer. „Wirklich!“

Die Kamera wackelte heftig und der Troll verschwand. Einen Moment lang blieb es dunkel. Åke hörte leises Rascheln, bis sich plötzlich von unten Nele ins Bild schob. Åke erschrak, sie gab einen jämmerlichen Anblick ab.

„Hilfe, Papa!“, rief sie in Panik. „Die Trolle haben mich gefangen … du musst mich retten … Hilfe!“

Ruckartig wurde Nele nach unten gerissen und wieder blieb der Bildschirm dunkel. Åke glaubte jetzt, außer dem Rascheln auch leise Flüche zu hören, so als ob jemand in Hektik versuchte etwas zu tun, was einfach nicht gelingen wollte. Er wartete weiter ab und beobachtete gespannt das Kamerafenster. Da erschien der haarige Trollkopf erneut. In der Zwischenzeit war ihm ein Auge abhandengekommen, hing einer seiner Zähne an einem dünnen Faden baumelnd aus dem Maul.

Der Troll stellte seine Forderungen: „Wenn Sie ihre geliebte Tochter lebend wiedersehen wollen, dann müssen Sie einen großen Schokoladenkuchen …“

Weiter kam der Troll nicht, eine Stimme unterbrach ihn.

„Nele? Bist du fertig? Aber was machst du denn? Wieso sind denn die Vorhänge zu?“

Diese Stimme kannte Åke gut, sie gehörte Lisa. Mit einem Mal wurde der Bildschirm hell und eine Hand packte den Troll an seinem Haarschopf. Die furchterregende Gestalt entpuppte sich als Maske, darunter Nele. Empört protestierte sie: „Nein Mama … nicht jetzt … ich wollte doch gerade …“

„Keine Zeit, das Postschiff legt gleich an … Hallo, Schatz!“

Lisa beugte sich zur Kamera herunter und winkte Åke zu, der sich köstlich amüsierte.

„Tut mir leid, ich muss euer Gespräch beenden. In fünf Minuten geht das Schiff!“

„Natürlich!“, antwortete Åke. „He, Nele, schau nicht so grimmig. Ich wünsche dir eine schöne Überfahrt und tolle Sommerferien. Wir sehen uns bald wieder, versprochen!“

Nele hob ihre Hand zum Abschied. „Tschüs, Papa!“

Åke schickte ihr einen Kuss durch die Luft und schloss das Chatfenster.

Traurig, mit einem Kloß im Hals, klappte Nele das Laptop zu. Sie wusste, jetzt würde sie Åke für längere Zeit nicht sehen, den Computer durfte sie nach Svaberg nicht mitnehmen. Ob sie bei ihren Gasteltern Zugang zum Netz hatte, war noch unklar. Immerhin, der Streich hatte prima geklappt, zumindest bis Lisa ins Zimmer kam. Zum Glück war Bob noch gekommen und hatte das Bärenfell für die Maske aus der Kiste geholt. Wäre er in der Halle nicht auf dem Boden ausgeglitten und hätte dabei ein Regal mit Werkzeugen umgeworfen, hätte sie mehr Zeit gehabt, um Augen und Zähne fest anzunähen.

„Nele, mach hin!“, drängelte Lisa, während sie sich mit einem der beiden Koffer abmühte. In Richtung geöffnete Zimmertür rief sie: „Bob, kannst du mal helfen?“

Nele zog ihren Mantel an und warf sich eine Umhängetasche über die Schulter, da ertönte in der Ferne das Signalhorn des Postschiffes. Ein letztes Mal vor ihrer Reise sah sie sich in ihrem Zimmer um, dann folgte sie Lisa nach draußen zur Anlegestelle.

Zu Neles Vorfreude auf die Ferien hatten sich in den letzten Tagen Zweifel geschlichen. Besonders glücklich fühlte sie sich nicht, während sie mit ihrer Mutter auf die Einfahrt des Schiffes wartete. Das Ungewisse drückte in ihr.

„Ob ich auf Svaberg Freunde finde?“, fragte sie.

Lisa schaute zu ihr herunter und nahm ihre Hand: „Ganz sicher!“

Wohl sechs Kinder lebten in dem Haus, wo sie untergebracht werden sollte. Ein schönes Haus mit vielen Zimmern, so hatte es ihre Mutter beschrieben. Doch Nele kannte weder die Kinder noch ihre Gasteltern.

Bob brachte den zweiten Koffer an den Steg.

„Ach Mama, können wir nicht alle drei auf eine größere Insel ziehen oder aufs Festland?“

„Wie?“, stammelte Bob. „Ähh … also … ich …“

Jetzt musste Nele lachen, sie hatte Bob gar nicht bemerkt: „Du doch nicht!“

Lisa zog Nele liebevoll zu sich heran. „Vielleicht kommt uns dein Vater ja im Herbst besuchen, dann machen wir uns zusammen schöne Tage. So wie an deinem Geburtstag.“

Nele meinte etwas anderes, sagte aber nichts mehr.

Das Postschiff hatte angelegt, zwei Matrosen vertäuten es und ließen die Gangway herunter. Nele und Lisa durften auf das Schiff. Lisa wollte mitfahren, um sicher zu sein, dass Nele wohlbehalten bei ihren Gasteltern ankam. Auch die anderen Forscher waren aus der Station gekommen. Zusammen mit Bob winkten sie, als das Schiff ablegte.

Ankunft auf Svaberg

Tief im Herzen war Agnella Björnsdotter überzeugt den richtigen Glauben zu haben. Genauso war sie davon überzeugt, dass es ihre Aufgabe war, in der Gemeinde Troldhule für ein geordnetes, gottesfürchtiges Leben zu sorgen. Vor sechsundzwanzig Jahren hatte Agnella Svaberg zum ersten Mal betreten und seither die Insel nicht mehr verlassen. Sie lernte Emil Olsoorn kennen und verliebte sich in ihn. Er war nicht ihre große Liebe, doch Agnella Björnsdotter erwartete nicht, die große Liebe zu finden. Sie betrachtete das Leben praktisch. Fragen, die jeder daran stellte, sollten nicht übertrieben sein, sonst hielte man besser die Klappe. Agnella und Emil heirateten. Ihren Mädchennamen behielt sie aus Stolz.

Da ihre Ehe kinderlos blieb, beschloss Agnella, sich um Kinder zu kümmern, die keine Eltern mehr hatten. Das verstand sie unter praktisch. Die meisten Bewohner Svabergs und der umliegenden Inseln waren Fischer. Jeden Morgen fuhren sie hinaus aufs Meer. Doch leider kehrten nicht immer alle Boote am Abend zurück, das Meer war zu unberechenbar. Eben schien die Sonne, in der nächsten Sekunde hagelte und stürmte es. Vor allem die Strudel des Svelgstraumen unterschätzten viele. Ein furchtbarer Irrtum. Weil manchmal beide Eltern halfen den Lebensunterhalt auf dem Meer zu verdienen, blieben die Kinder allein zurück. Schwester Agnella, wie sie von allen auf der Insel genannt wurde, nahm dann die Unglücklichen zu sich ins Heim und achtete darauf, dass sie zu guten Menschen heranwuchsen. Sie hatte eine äußerst klare Vorstellung davon, was dies bedeutete, Widerrede gab es nicht. Zurzeit lebten sechs Waisen in ihrer Obhut. Heute würde ein siebtes Kind dazukommen, allerdings nur um seine Ferien auf Svaberg zu verbringen.

Schwester Agnella betrat das Büro des Bürgermeisters, ihrem Mann. In einen Stapel Unterlagen vertieft fragte Herr Olsoorn: „Ist es schon Zeit?“

Wortlos nahm Agnella seinen Mantel vom Kleiderständer. Weil er keine Antwort bekam, blickte er auf.

„Ich sehe, es ist Zeit!“, seufzte er.

„Warst du beim alten Sander?“, wollte Agnella wissen. „War er einverstanden?“

„Ja, er wird’s machen … musste allerdings, naja, deutlich werden.“

Agnella hatte kein gutes Gefühl bei der Sache – zu viele Unsicherheiten.

„Jetzt schau doch nicht so!“, verteidigte sich Olsoorn. „Du hast mir selbst erzählt, dass Sander sich in letzter Zeit verdächtig benimmt. Warum soll uns das Mädchen nicht helfen, mehr zu erfahren?“

Das gerade war die größte Unsicherheit, dachte Agnella, Mädchen in diesem Alter sind eigen.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte sie spitz. „Sagen wir es ihr?“

„Erst einmal nicht! Wir warten ab, wie sich die Sache entwickelt. Sollten wir Glück haben, erzählt uns die Kleine ganz von alleine, mit wem sich Sander zu Hause trifft oder was er den Tag über tut … und wenn nicht, fällt mir schon was ein. Ist alles recht und richtig so, mach dir keine Sorgen.“

Schwester Agnella hob ungläubig ihre Augenbrauen.

„Du musst es ja wissen.“

Emil Olsoorn stand auf und nahm seinen Mantel entgegen.

„Genau, du sagst es!“

Olsoorn und Agnella verließen das Büro, um Nele Frederikson vom Postschiff abzuholen.

Nele stand vorne am Bug und genoss den salzigen Seewind. Das drückende Gefühl im Bauch, wer oder was auf sie wartete, war längst wieder ungeduldiger Neugier gewichen. Bei ihrer Überfahrt war sie an Inseln vorbeigekommen, jede größer und spannender als die, von der sie kam, und der Umriss, der sich jetzt am Horizont abzeichnete, übertraf sie nochmal alle. Vor ihnen lag Svaberg.

Schroffe, zerklüftete Berge, auf deren höchsten Gipfeln noch immer der Schnee vom Winter lag, Nebelschwaden, die in Zeitlupe über schmale Felskämme hinweg in weite Täler flossen, ein Wald, dunkel und unheimlich, wie in ihren Lieblingsbüchern, Svaberg versprach die Abwechslung, nach der sie sich so sehnte.

Endlich kam Troldhule in Sicht. Zum ersten Mal sah Nele den Ort, an dem sie ihre Ferien verbringen würde und der zu ihrer Freude, verglichen mit der langweiligen Forschungsstation, spektakulärer kaum sein konnte. Die einwohnerreichste Gemeinde des Nordmeeres erstreckte sich am Fuße eines Gebirges über drei durch Brücken verbundene Halbinseln. Eine kräftige Hafenmauer schützte sie vor den Gewalten des Meeres. Troldhules Häuser waren bis auf wenige Ausnahmen aus Holz gebaut, ihre Fassaden leuchteten in roter Farbe, Rahmen und Läden der Fenster in Weiß. Um auf dem felsigen Untergrund Halt zu finden, standen nicht wenige von ihnen auf Pfählen. Überall, wo es freien Platz gab, hatten Fischer Holzgestelle errichtet, an denen in langen Reihen Stockfische zum Trocknen hingen. Vor einem Holzschuppen unten am Hafen, in denen frisch gefangener Fisch verarbeitet wurde, zankten sich unzählige Möwen um die Abfälle, begleitet von lautstarkem Gekreische.

Das Postschiff legte am Pier an. Kaum war der Landgang freigegeben, raste Nele die Gangway hinunter. Beeindruckt von dem Panorama, das sich ihr bot, lief sie staunend den Pier entlang, sich dabei mehrmals um ihre eigene Achse drehend.

„Nele!“, rief Lisa genervt. „Jetzt hilf mir doch mit den Koffern!“

Diesen Ton ihrer Mutter kannte Nele, ihn zu überhören gab Ärger. Augenblicklich machte sie kehrt. Dummerweise hatte sie den blonden Jungen, an dem sie wenige Sekunden zuvor vorbeigelaufen war, nicht bemerkt. Ziemlich unsanft stießen die beiden frontal zusammen. Während sich Nele gerade noch auf den Beinen hielt, verlor der fremde Junge das Gleichgewicht und fiel rückwärts in drei Säcke Getreide.

„Oh, entschuldige …“, stammelte Nele, der das unendlich peinlich war.

„Nele!“, rief Lisa ungeduldig. „Komm schon, ich schaff das nicht alleine!“

Der Junge richtete seinen Oberkörper auf und starrte Nele fassungslos an.

„Äh … also … ich muss weg!“, stotterte Nele verlegen und lief zurück zu ihrer Mutter. Sie wusste einfach nicht, was sie sagen sollte.

Lisa, der es gerade so gelungen war die Koffer an Land zu bringen, schüttelte resigniert den Kopf.

„Die sind mir zu schwer!“

„Darf ich vielleicht die Koffer nehmen?“, fragte Emil Olsoorn.

Er und Agnella waren wie aus dem Nichts aufgetaucht und standen lächelnd vor ihnen. Lisa erhob sich und reichte beiden die Hand zur Begrüßung.

„Oh ja, natürlich, das wäre sehr nett! Guten Tag, Bürgermeister Olsoorn!“ Zu Agnella gewandt sagte sie: „Sie sind bestimmt Frau Olsoorn, freut mich, Sie kennenzulernen!“

„Nicht Olsoorn, sondern Björnsdotter!“, erklärte Agnella freundlich. „Aber alle hier nennen mich Schwester Agnella. Guten Tag, Frau Frederikson!“ Dann sah sie herunter zu Nele. „Und du bist bestimmt Nele, richtig?“

Nele, die weder von Bürgermeister Olsoorn noch von Schwester Agnella Notiz genommen hatte, antwortete nicht. Sie war mit Gedanken und Augen noch immer bei dem Jungen, der sich gerade Getreidestaub aus Kleidung und Haaren klopfte.

„Möchtest du nicht mit mir reden oder heißt du gar nicht Nele?“, fragte Agnella.

Schlagartig realisierte Nele, wer vor ihr stand. Sie lief rot an. „Was? Oh, doch … doch, natürlich … ich bin Nele!“

Agnella musterte sie von Kopf bis Fuß. Sofort versuchte Nele ihre Unschuldsmiene aufzusetzen. Doch, was normalerweise immer sehr überzeugend wirkte, misslang in diesem Moment kläglich. Agnellas Blick war so eindringlich, dass Nele mit ihrem roten Kopf langsam in sich zusammensank. Agnella lächelte.

„Wie schön!“

Nele war heilfroh, als sich Agnella nach einer gefühlten Ewigkeit wieder Lisa zuwandte, das nächste Mal musste sie sich besser im Griff haben. Ihre Gasteltern hatte sich Nele völlig anders vorgestellt: sie nicht so schlank, ihn etwas dicker. Dass Emil Olsoorn keine Haare hatte, sondern eine polierte Glatze, hatte Lisa ihr auch nicht erzählt. Nele schätzte ihn mindestens zehn Jahre älter als Åke. Und der war schon fünfunddreißig. Von Schwester Agnella war sie noch mehr überrascht. Einmal, weil sie fast schwarzes Haar hatte, was hier auf den Inseln sehr selten war. Und zum anderen, weil sie ihren Mann ein ganzes Stück überragte. Dabei trug sie einfache, flache Schuhe. Überhaupt wirkte ihre Kleidung sehr streng.

„Wie ich gesehen habe, hat Ihre Tochter schon erste Bekanntschaft mit einem unserer Pflegekinder geschlossen“, bemerkte Agnella mit einem kurzen Seitenblick hinunter zu Nele. „Ich hoffe die Begegnung mit den anderen wird weniger schmerzhaft als die mit Torben.“

Eines von den Heimkindern, durchfuhr es Nele und schaute Richtung Getreidesäcke. Doch keine Spur mehr von dem Jungen, der, wie sie nun wusste, Torben hieß. Kein besonders toller Start, ärgerte sie sich.

„Frau Frederikson“, sagte Herr Olsoorn zu Lisa. „Ich bin mir sicher, Ihre Tochter wird bei uns unvergessliche Ferien erleben. Machen sie sich keine Sorgen. Und sicher, wie schon zwischen uns besprochen, kann Nele, natürlich nur wenn sie will, ab dem Herbst auch unsere Schule besuchen.“

Was? Schule? Davon hörte Nele zum ersten Mal. Erstaunt sah sie zu ihrer Mutter. In der Tat hatte Lisa von dieser Idee bisher nichts gesagt.

„Ich dachte, wenn es dir hier gefällt, dann wäre es doch eine gute Idee … immer nur Einzelunterricht mit Bob, das ist doch auf die Dauer nichts. Hier bist du mit anderen Kindern zusammen.“

Bevor Nele darauf etwas antworten konnte, ertönte ein lautes Signal. Das Postschiff würde gleich wieder ablegen.

„Na, du kannst es dir noch überlegen. Ich muss wieder an Bord. Schwester Agnella, Herr Olsoorn, vielen Dank für alles. Sie wissen, wie Sie mich erreichen können.“

Lisa gab beiden die Hand, dann blickte sie ihre Tochter an. „Nele, es ist so weit!“

Nele schluckte, der Zeitpunkt des Abschieds war gekommen. Von jetzt an war sie zum ersten Mal auf sich allein gestellt. Natürlich gab es noch ihre Gasteltern, aber das war etwas anderes. Nicht nur Nele, auch Lisa kämpfte mit Tränen, als sie sich umarmten.

„Ich wünsche dir wunderbare Ferien! Denk daran, du kannst jederzeit zurückkommen“, sagte Lisa.

Nele schüttelte tapfer den Kopf.

„Ich schaff das schon.“

„Mein großes Mädchen!“, sagte Lisa stolz und strich ihr über die Haare. Normalerweise mochte es Nele nicht, wenn sie das tat, aber in diesem Moment war es in Ordnung. Einmal noch drückten sie einander so fest sie konnten, dann stand Lisa auf und ging zurück aufs Schiff.

Kaum an Bord, wurde hinter ihr die Gangway hochgezogen. Erneut gab der Kapitän ein Signal und das Schiff legte ab. Eigentlich wollte Nele so lange winken, wie sie Lisa auf dem kleiner werdenden Schiff erkennen konnte, doch Schwester Agnella hielt das für Zeitverschwendung.

„So, das reicht! Jetzt zeige ich dir unser schönes Gemeindehaus. Und los!“

Sie nahm Nele an der Hand, drehte sie sanft aber bestimmt herum und ging mit ihr die Stadt hinauf. Herr Olsoorn folgte mit den Koffern.

Jetzt wo Nele allein war, wirkte alles mit einem Mal sehr fremd. Nur wenige Menschen waren auf der Straße. Kam ihnen jemand entgegen grüßten er oder sie freundlich. Bürgermeister Olsoorn und Schwester Agnella grüßten jedes Mal höflich zurück. In Troldhule scheinen sich alle zu kennen, vermutete Nele, jeder sprach sich mit Namen an. Sie überquerten einen Platz, auf dem die letzten Stände eines Marktes abgebaut wurden. Bis auf die Händler, die ihre unverkauften Waren verstauten, war es war still in der Stadt. Auch Neles Gasteltern sagten kein Wort, weder zu sich, noch zu Nele.

Vor einem zweistöckigen Haus blieb Agnella stehen und Herr Olsoorn stellte die Koffer ab. Nele erkannte das Haus, Lisa hatte ihr auf der Forschungsstation ein Bild davon gezeigt. Anders als die meisten anderen Gebäude war es aus Stein gebaut und weiß gestrichen, die Fensterrahmen und Dachbalken in Grün. Drei Stufen führten hinauf zu einer breiten Doppeltür. Soweit sie erkennen konnte, lag hinter dem Haus ein Garten mit einem Spielplatz. Als Nele zum zweiten Stock hinaufsah, verschwanden blitzschnell fünf Kindergesichter hinter den Scheiben.

„Das, liebe Nele, ist unser Gemeindehaus. Darin befinden sich das Bürgermeisterbüro, ein großer Versammlungsraum, der Schlafsaal und die übrigen Räume des Kinderheims. Einen Speisesaal gibt es natürlich auch. Morgen früh um neun Uhr kommst du her und frühstückst das erste Mal mit uns.“

Nele glaubte Schwester Agnella nicht richtig verstanden zu haben.

„Aber … ich schlafe doch hier?“

„Oh nein, nicht wirklich! Alle Betten in unserem Schlafsaal sind belegt, deshalb mussten wir leider eine andere Unterkunft für dich finden. Du schläfst bei einem guten Freund von Herrn Olsoorn. Gleich hier um die Ecke.“

Nele wusste nicht wie ihr geschah, das war nicht verabredet gewesen. Ihre Verwirrung ließ sich kaum verbergen, auch wenn sie keinen Ton herausbrachte. Olsoorn versuchte Nele zu beruhigen: „Es wird dir bestimmt gefallen, dort hast du ein Zimmer ganz für dich allein. Komm, ich bring dich hin. Sander ist ein netter Mann!“

Er nahm die Koffer wieder in die Hand und ging. Nele blieb unentschlossen stehen, doch mit einer deutlichen Geste forderte Schwester Agnella auf zu folgen.

„Und los! Wir sehen uns morgen um neun Uhr zum Frühstück. Gute Nacht, meine Liebe!“

Nele hatte offensichtlich keine Wahl. Verunsichert schloss sie sich Herrn Olsoorn an. Hatte Lisa wirklich nicht gewusst, dass sie woanders schlafen sollte? Nele konnte sich nicht vorstellen, ihre Gasteltern würden eine solche Entscheidung ohne ihre Mutter treffen. Doch davon war garantiert nie die Rede gewesen, Lisa belog sie nicht.

„Merk dir den Weg, damit du ihn morgen findest!“, riet Herr Olsoorn.

Er führte sie einen schmalen Weg Richtung Hafen zurück, bog dreimal ab und blieb nach ungefähr fünf Minuten vor einem Eckhaus stehen. Verglichen mit den anderen Häusern, die Nele gesehen hatte, war es geradezu verwahrlost: seine rote stumpfe Farbe blätterte in großen Stücken von der Fassade ab, die Fenster waren lange nicht geputzt worden, das Wellblech des Daches hatte Rost angesetzt. ‚Gebrauchtwaren‘ stand in altertümlicher, stark verblichener Schrift über dem Eingang. Olsoorn wollte die Tür öffnen, doch sie war verschlossen. Er klopfte zweimal kräftig. Nichts geschah. Er klopfte lauter.

„Sander, jetzt mach schon auf, dein Gast ist hier!“

Emil Olsoorn warf einen Blick auf die oberen Fenster. Aber auch dort war niemand zu sehen. Langsam wurde Olsoorn ungeduldig.

„Versteck dich doch nicht, ich weiß, dass du da bist.“

Im Haus blieb es weiterhin still, nichts tat sich. Nele fror. Außer ihnen war niemand mehr auf der Straße. Je länger nicht geöffnet wurde, desto mehr wuchs in ihr die Hoffnung, sie könnte am Ende doch im Gemeindehaus schlafen, in einem so großen Haus müsste es doch irgendwo Platz für sie geben, eine Matratze auf dem Boden würde ihr vollkommen genügen. Nach einem weiteren Klopfen hörte sie die Mechanik eines alten Schlosses. Das metallene Geräusch gab Nele einen Stich ins Herz, ihre Hoffnung zerplatzte. Begleitet vom leisen Klingeln eines Türglöckchen öffnete sich mit einem quietschenden, unangenehmen Knarren die Ladentür. Nele tat einen Schritt zurück. Aus dem Dunkel des Hauses erschien das stoppelbärtige Gesicht eines grauhaarigen Mannes. Mürrisch blickte er ohne Gruß zu Bürgermeister Olsoorn. Als er Nele bemerkte, die sich hinter Olsoorn zu verstecken versuchte, lächelte er.

„Komm herein!“

Sander verschwand wieder im Haus, ließ aber die Tür hinter sich offen. Olsoorn deutete an, Nele solle zuerst gehen. Zögerlich betrat sie den Laden. Sehr viel konnte Nele im Inneren nicht erkennen, das Licht von draußen war sehr schwach. Auch der Schein einer Lampe, der durch die offene Tür eines anliegenden Raumes fiel, half wenig. Was sie im Halbdunkeln erahnen konnte, war Unordnung. Bis nah unter die Decke stapelten sich Türme aus Büchern. In Regalen, sowie auf und unter Tischen lagerten Haushaltsgeräte, an langen Leinen hingen Werkzeuge und Gießkannen unter der Decke. Was wie ein unordentlicher Lagerraum wirkte, schien tatsächlich ein Laden zu sein, auf einer Theke entdeckte Nele eine alte Registrierkasse. Der Mann, bei dem Nele wohnen sollte, öffnete eine Tür, hinter der eine schmale, steile Treppe nach oben führte.

„Hier entlang, Prinzessin, deine Gemächer sind im Turmzimmer.“

Sander ging in gebückter Haltung eine enge Treppe hinauf. Nele folgte ihm und betrat eine Dachkammer. Ein Bett, ein Hocker und ein schlichter Schrank. Von einem kleinen Fenster in der Giebelwand hatte man Aussicht über den Hafen und zum Meer hinaus. Unter dem Fenster stand eine Kommode mit einer Vase, darin eine verwelkte rote Blume. Nele schluckte, ihr Zimmer für die Ferien wirkte eher wie eine Abstellkammer.

„Ich hab dir belegte Brote und Wasser auf den Hocker dort gestellt. Wenn du noch was brauchst, findest du mich in meiner Wohnstube.“

Nele nickte nur, Worte fielen ihr keine ein.

„Ich heiße übrigens Sander!“, stellte sich ihr Vermieter vor.

Wäre da nicht auch ein warmer, freundlicher Ton in seiner rauen Stimme, Nele hätte Angst vor ihm gehabt.

„Eine schöne Nacht, Prinzessin!“, sagte Sander und verließ die Dachkammer.

Herr Olsoorn lehnte Neles Koffer an den Schrank. Obwohl sie ihm deutlich ansehen konnte, wie erbärmlich auch er ihre Unterkunft fand, gab er sich Mühe dies zu überspielen.

„Na siehst du, ist doch ein tolles Zimmer. Also dann, schlaf schön. Um neun ist Frühstück, den Weg kennst du ja jetzt. Gute Nacht, Nele!“

Damit ließ er sie alleine zurück.

Einen Moment lang rührte sich Nele nicht, dann schloss sie die Tür und setzte sich aufs Bett. Nicht einmal das warme Licht der tief stehenden Sonne konnte dem Zimmer einen ansehnlichen Eindruck verleihen. Das alte Holz der Bohlen und Dachschrägen hatte schon lange keine Farbe mehr gesehen. Der Schrank stand eingeklemmt und windschief unter der Schräge, dahinter lag Gerümpel, die Luft roch muffig. In einem so heruntergekommenen Zimmer war Nele noch nicht gewesen. Sie warf einen Blick auf den Teller mit den Broten. Lustlos nahm sie sich eines und biss hinein. Wie erwartet schmeckte es nicht sonderlich. Nele fühlte sich elend. Das Telefon! Sie musste sofort Lisa anrufen. Wenige Tage vor ihrer Abfahrt hatte sie ihr erstes eigenes Telefon bekommen, kein Smartphone, aber immerhin. Auf der Station bräuchte sie sowas nicht, meinte Lisa, doch für ihre Reise wäre es sinnvoll. Hastig durchsuchte Nele ihre Taschen, doch sie erinnerte sich nicht, wo sie es verstaut hatte. So sehr sie auch wühlte, keine Spur eines Telefons. Sie musste es finden, ihre Mutter sollte wissen, was passiert ist, dass sie in ein dunkles Loch gesteckt worden war und wie einsam sie sich fühlte. Tränen liefen über ihre Wangen, das Telefon durfte nicht weg sein. Wieder und wieder nahm sie sich die Taschen vor. Vergeblich. Ihren merkwürdigen Vermieter Sander zu fragen, ob sie sein Telefon benutzen dürfte, wenn er denn überhaupt eines besaß, traute sie sich nicht. Am liebsten wäre sie gar nicht hier.

Jetzt konnte es Nele nicht mehr zurückhalten, bestimmt ein, zwei Minuten schluchzte und heulte sie bitterlich, wenn auch so leise wie es nur ging. Auf keinen Fall wollte sie Sander auf sich aufmerksam machen. Mit einem Mal hielt sie inne, ihr war, als ob jemand gerufen hätte. Eine kindliche Stimme. Nele schaute zum Fenster. Wer sollte nach ihr rufen? Um besser lauschen zu können, versuchte sie ihr Schluchzen ganz zu unterdrücken. Alles still. Trotzdem, irgendwas stimmte nicht. Nele wischte sich die Augen trocken und sah genauer hin. Davon abgesehen in welch schlechten Zustand sich das Dachzimmer befand, schien alles normal. Noch einmal ließ sie ihren Blick schweifen. Da sah sie es. Vor ihrem Fenster, in der Dämmerung kaum zu erkennen, schwebte ein blaues Licht. Abermals rieb sich Nele die Augen, um sicher zu gehen, dass ihr die Tränen keinen Streich spielten, doch das Licht blieb. Nicht sehr groß, ging von seinem Leuchten eine beruhigende, tröstende Wirkung aus.

Nele stand auf und öffnete behutsam das Fenster. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Fast durchsichtig schimmerte es in einem sanften Blau. Das konnte kein Glühwürmchen sein, Glühwürmchen sahen anders aus. Obwohl das Licht auf den ersten Blick keinen festen Körper zu haben schien, glaubte Nele in der Mitte eine winzige Gestalt erkennen zu können, zart und zerbrechlich wie eine Schneeflocke. Nele fürchtete sich nicht. Vor etwas so Schönem brauchte niemand auf der Welt Angst zu haben. Sein Leuchten war stärker geworden. Vom Bett hätte sie es jetzt sofort gesehen, auch mit verheulten Augen. Nele streckte einen Finger aus. Langsam und sehr vorsichtig näherte sie sich. Kurz bevor sie das blaue Licht berühren konnte, wich es zurück und verschwand über den Dächern von Troldhule. Nele erschrak, das war nicht ihre Absicht gewesen. Sie sah sich nach allen Seiten um. Doch sosehr sie über den Häusern der Stadt suchte, das Licht blieb verschwunden.

Es dauerte lange, bis sie aufgab. Nele schloss das Fenster und setzte sich aufs Bett. Was das wohl gewesen war? Sie hatte keine Erklärung. Eine Weile saß Nele da, seltsam unbeschwert, fast wie betäubt. Nur allmählich schlich sich zu ihr zurück, wo sie sich befand, nämlich in einem grauen, schäbigen Zimmer im Haus eines verschrobenen Fremden, weit weg von ihrer Mutter und noch weiter weg von ihrem Vater. Für einen Moment hatte sie tatsächlich vergessen, welche Enttäuschung sie erwartet hatte. Anstatt mit anderen Kindern eine erste fröhliche Nacht zu verbringen, war sie in einer Abstellkammer gelandet. Kurz davor erneut zu weinen, riss sich Nele diesmal zusammen. Sie wusste, an der Situation konnte sie heute Nacht nichts mehr ändern. Nele sah zum Fenster. Das blaue Licht ging ihr nicht aus dem Kopf.

Der erste Tag

Leise summte Snyyre ein Lied, während sie zeichnete. Früh am Morgen gab es niemand der sie störte, die anderen schliefen. Snyyre war die Jüngste unter den Heimkindern. Noch bevor sie ein Jahr alt war, hatte man sie zu Schwester Agnella gebracht. Heute, mit fünf, konnte sie sich schon gar nicht mehr an ihre Mutter oder ihren Vater erinnern. Ihre Familie bestand aus Schwester Agnella und den anderen Heimkindern. Außer Bork, Bork war böse. Keine Gelegenheit ließ er aus, ihr etwas wegzunehmen oder eine andere Gemeinheit anzutun. Jedenfalls solange Schwester Agnella nicht in der Nähe war. Bork war nämlich mindestens genauso feige, wie er böse war. Die anderen mochte Snyyre. Mikke und Lars waren harmlos, Merke ein wenig seltsam, aber nett, und Torben zählte nicht, der war schon fast vierzehn und nie da.

Nur noch etwas Blau für die Wellen und das Bild war fertig. Wie alle Bilder wollte sie es in ihrer geheimen Schachtel aufbewahren. Niemand kannte das Versteck dieses wertvollen Schatzes. Unter einem losen Bodenbrett in einer Ecke des Spielzimmers, gut getarnt durch einen Teppich, war gerade genug Platz, um die beklebte Zigarrenkiste mit ihren Zeichnungen sicher vor allen anderen, insbesondere Bork, zu verbergen.

Snyyre horchte auf, draußen auf dem Flur schien jemand zu sein. Sie schaute sich um. Offenbar hatte sie vergessen, die Tür zu schließen, sie stand einen Spalt offen. Schnell faltete Snyyre das Bild zusammen. Weil sie ahnte, wer da draußen sein könnte, schloss sie die Tür. Sie würde ihn enttäuschen, die Geheimschachtel war nicht ihr einziges Geheimnis.

Als Nele ihre Augen öffnete, blickte sie in einen strahlend blauen Himmel. Sie hatte tief und fest geschlafen. Von ihrem Bett aus sah sie das Meer in der Sonne glitzern. Ein schöner Morgen, Nele fühlte sich besser. Selbst das Zimmer wirkte an diesem Morgen weniger arm und trostlos. Sofort dachte Nele an das Licht vor ihrem Fenster. Noch lange hatte sie gestern Nacht wachgelegen, weil sie hoffte es würde zurückkehren. Vielleicht an diesem Abend? Sie wusste natürlich, das würde bedeuten, eine weitere Nacht zu bleiben. Nele sprang aus dem Bett und zog sich an. Sie wollte Troldhule eine Chance geben.

Unten im Laden traf sie auf Sander, der damit beschäftigt war, Bücher zu stapeln.

„Guten Morgen!“, rief Nele fröhlich.