Eismondland - Marie Merbach - E-Book

Eismondland E-Book

Marie Merbach

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Beschreibung

Ein nächliches Wetterleuchten entpuppt sich als Beginn jahrelanger Wetteranomalien, denen die Bewohner der Grafschaft Fallham in England hilflos ausgeliefert sind. Während sich die Herrschaft auf der Burg darauf verlassen kann, auch bei größter Not nicht hungern zu müssen, kämpfen die Menschen in den Dörfern, aber auch in London ums Überleben. Hilfe erhalten sie dabei auch von unerwarteter Seite. Und dann verschwindet eines Abends der Vollmond vor den Augen der entsetzten Beobachter...

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Seitenzahl: 1140

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Marie Merbach

Eismondland

Jahre ohne Sommer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 - Fallham Manor, Spätherbst 1256

Kapitel 2 - Woodmore Castle, Januar 1243

Kapitel 3 - Fallham Manor, Winter 1256/57

Kapitel 4 – Woodmore Castle, Winter 1245/1246

Kapitel 5 - Fallham Manor, Frühjahr und Sommer 1257

Kapitel 6 - Bermondsay Abbey, Southwark, Herbst 1257

Kapitel 7 - Bermondsey Abbey, Winter 1257/1258

Kapitel 8 - Fallham, Frühjahr und Sommer 1258

Kapitel 9 - Bermondsey Abbey, Herbst und Winter 1258/1259

Kapitel 10 - Fallham, Herbst und Winter 1258/1259

Kapitel 11 - Bermondsey Abbey, Frühjahr 1259

Kapitel 12 - Fallham, Frühjahr 1259

Kapitel 13 - Fallham, Sommer 1259

Kapitel 14 - Bramber Castle, Sommer 1259

Kapitel 15 - Fallham, Hochsommer 1259

Kapitel 16 - Bramber Castle, Spätsommer 1259

Kapitel 17 - Fallham, August 1259

Kapitel 18 - Fallham, Spätsommer 1259

Kapitel 19 - Barking Abbey, Herbst und Winter 1259/1260

Kapitel 20 - Bermondsey Abbey, Winter 1259/1260

Kapitel 21 - Fallham, Sommer und Herbst 1260

Kapitel 22 - Bermondsey Abbey, Winter 1260/1261

Kapitel 23 - Fallham, Frühjahr und Sommer 1261

Kapitel 24 - Fallham, Frühjahr und Sommer 1262

Kapitel 25 - Gower, Herbst 1262

Kapitel 26 - Fallham, Frühjahr 1263

Kapitel 27 - Fernhurst, Herbst und Winter 1265

Kapitel 28 - Westminster, Winter 1267/1268

Schluss - Barking Abbey, Herbst 1291

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1 - Fallham Manor, Spätherbst 1256

Margaret rannte. So schnell sie konnte. Obwohl sie sich beide Ohren zuhielt, drangen die markerschütternden Schreie zu ihr durch. Sie konnte es nicht mehr ertragen. Das schmerzverzerrte Gesicht der Mutter, ihr Stöhnen, die Angst in ihren Augen, die Krämpfe, die sie schüttelten. Unter Schmerzen sollst du gebären, so stand es in der Bibel, das wusste Margaret. Aber stand da nicht auch, seid fruchtbar und mehret euch? Und hatte ihre Mutter nicht Gottes Gebot befolgt? Zum zehnten Mal gebar sie ein Kind, und Gott hielt es immer noch für nötig, ihr derartige Qualen zu bereiten?

Seit zwei Tagen litt sie nun schon, und die Hebamme konnte nicht sagen, wie lange es noch gehen würde. Margaret hatte der Mutter die Hand gehalten, ihren Rücken massiert, die schweißnasse Stirn gekühlt, doch all das trug nicht dazu bei, dem Kind auf die Welt zu helfen. Wenn es nicht bald geboren würde, würden ihre Mutter die Kräfte verlassen, und dann... Margaret hielt inne.

Seit sie denken konnte, hatte ihre Mutter fast jedes Jahr ein Kind geboren, und sie hatte immer überlebt. Das war mehr, als man von den Kindern sagen konnte. Margaret selbst war zwar das älteste, nicht aber das erste Kind ihrer Eltern. Das war ein Sohn gewesen, hatte die Köchin ihr erzählt. Der kleine Junge sei erst nach drei Tagen Wehen zur Welt gekommen, dunkelblau und mit der Nabelschnur um den Hals. Der eilig herbeigerufene Priester hatte ihn getauft und ihm die Sterbesakramente erteilt, so dass er in geweihter Erde bestattet werden konnte. Das war das erste Kindergrab in einer langen Reihe, die noch folgen sollte. Die Mutter, damals gerade vierzehn Jahre alt, hatte furchtbar geblutet, und alle dachte, sie werde sterben.

Der Vater, Edward Hinley, dritter Earl of Fallham, tobte vor Wut. Nicht weil seine jugendliche Frau offenbar im Sterben lag. So etwas passierte alle Tage, und junge Mädchen, die gern Countess of Fallham werden würden, gab es genug. Nein, sie war ersetzbar. Aber sie hatte den Erben, seinen Sohn, tot geboren, und das war unverzeihlich.

Der alten Hild verdankte es die Mutter, dass sie sich erholte, wenn auch sehr langsam. Die weise Frau hatte alles in ihrer Macht stehende getan, um der jungen Gebärenden beizustehen, und als sie für das Neugeborene nichts mehr tun konnte, kümmerte sie sich hingebungsvoll um die fiebernde Vierzehnjährige, die nach ihrem Kind rief und untröstlich war.

Hild hatte der Mutter noch durch viele weitere Entbindungen geholfen. Einige Kinder hatten nicht überlebt, aber Margaret hatte inzwischen drei Brüder und eine Schwester.

Doch dann, im letzten Winter, hatte die alte Frau plötzlich angefangen zu husten und zu fiebern. Kurz darauf war sie tot.

Vielleicht hätte die alte Hebamme jetzt Rat gewusst und der Mutter helfen können. Annobel, die an ihre Stelle getreten war, war jung, viel zu jung für ihre Aufgabe. Sie hatte selbst keine Kinder, und wenn Margaret daran dachte, wie viele von den Kindern, bei deren Geburt das junge Mädchen dabei gewesen war, gestorben waren, und wie wenige der Mütter die Entbindung überlebt hatten, stieg Verzweiflung in ihr auf. Wer sollte sich um sie und vor allem um ihre vier Geschwister kümmern, wenn die Mutter nicht mehr da wäre? Nein, das durfte auf keinen Fall geschehen.

Entschlossen kehrte Margaret um. Sie war die Älteste, immerhin schon fast zwölf Jahre alt und damit in den Augen einiger schon beinahe erwachsen. Sie würde die Dinge jetzt in die Hand nehmen.

„Edward, lauf ins Dorf und hol Bertha, schnell!“, wies sie ihren Bruder an, der im Stall den Knechten beim Ausmisten zusah.

„Die Frau vom Schmied? Aber wieso?“

„Bist du etwa taub? Tu es, und beeil dich!“, entgegnete Margaret scharf. Ihre Miene war unmissverständlich, und Edward fügte sich. Durch den strömenden Regen rannte er den Hügel hinab, auf dem die Burg stand, und platzte völlig durchnässt und schmutzstarrend in die Werkstatt des Schmieds.

„Master Edward, was...“ Weiter kam der alte Robert nicht.

“Deine Frau, wo ist die? Sie soll hinauf zur Burg kommen, sagt meine Schwester, sofort!“

„Sie ist drüben im Haus, Master.“

Edward stürzte grußlos davon und ebenso Hals über Kopf in die Hütte des Schmieds. Noch bevor Bertha etwas sagen konnte, ergriff er ihre Hand und zog sie Richtung Tür. „Bertha, komm mit, meine Schwester braucht dich in der Burg!“

„Was soll ich denn in der Burg, Grundgütiger?“

„Das hat sie mir nicht gesagt, aber mit ihr ist nicht zu spaßen, glaub mir. Wie sie mich angesehen hat, ich glaube, sie hat Angst.“

„Angst?“ Bertha sah ihn argwöhnisch an. „Angst wovor? Was hat sie dir denn gesagt?“ Die Frau des Schmieds war eine stattliche und resolute Person, die ihren Mann und ihre Schar von acht Kindern fest im Griff hatte und sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen ließ, auch dann nicht, wenn der Sohn und Erbe des Grundherrn in ihrer Hütte stand und etwas befahl. Der reichte ihr gerade einmal bis zur Schulter und plusterte sich auf.

„Sie hat mich gefragt, ob ich taub bin“, antwortete Edward treuherzig.

„Wieso denn taub?“ Bertha war verwirrt. „Ist denn Lärm bei euch?“

„Nein, also nicht so richtig“, stotterte Edward, „aber Mutter schreit. Seit gestern Morgen schon. Annobel ist bei ihr, aber sie schreit immer schlimmer.“

Bertha schwante, wobei die junge Margaret ihre Hilfe haben wollte. Annobel gab sich alle Mühe, aber sie hatte nichts von der Erfahrung und Kunstfertigkeit, mit der Hild so viele Kinder ins Leben geholt hatte, die schon verloren geglaubt waren, und die auch den Müttern oft das Leben gerettet hatte.

„Agnes, kümmere dich um die Suppe und pass auf, dass nichts anbrennt“, befahl sie ihrer jüngsten Tochter. „Wenn sie gar ist, nimm sie vom Feuer und hol deinen Vater und deine Geschwister. Ihr braucht nicht auf mich zu warten.“

Damit griff sie nach ihrem Umhang, und gemeinsam mit Edward machte sie sich auf den Weg zur Halle.

Es war Mitte November, seit Wochen hatte es beinahe ununterbrochen geregnet. Felder, Wiesen und Weiden waren schwammig und konnten keine Nässe mehr aufnehmen, Bäche und Flüsse liefen über, Straßen und Wege waren unpassierbar geworden. Die Bauern waren kaum mit der Ernte fertig geworden, einiges hatte der einsetzende Regen vernichtet. Sie konnten nur hoffen, dass die Vorräte sie über den Winter bringen würden, doch sicher war das keineswegs. Es reichte, wenn der König Geld brauchte, wofür auch immer. Dann schröpfte er seinen Adel, der sich das Geld postwendend bei den Bauern zurückholte. Und war es nicht der König, dann die Kirche oder der Grundherr. Sie alle brauchten immer für irgendetwas Geld, und sie alle wussten, wo sie es sich holen konnten.

Auch Lord Fallham war da nicht zimperlich. Er presste aus seinen Leibeigenen heraus, was nur zu holen war, und seine Steuereintreiber waren gefürchtet. Bertha erinnerte sich daran, wie Edwin, einer der skrupellosesten Männer und Sheriff des Lords, vor Jahren in ihr Dorf gekommen war, um wieder einmal Abgaben einzutreiben. Der Sommer war kühl und nass gewesen, die Ernte daher schlecht, und allen war bewusst, dass ihnen ein Hungerwinter bevorstand. Woher sollten sie das Korn und das Fleisch nehmen, von dem Edwin behauptete, dass sie es ihrem Herrn schuldeten?

Die junge Anne hatte es gewagt, Edwin entgegen zu treten.

„Habt doch ein Einsehen, Sheriff“, bat sie. „Ich habe fünf Kinder, bald sind es sechs, und ich weiß jetzt schon nicht, wie ich sie alle satt bekommen soll.“

„Dann fresst drei davon, ihr habt doch genug. Das löst dein Problem gleich zweifach.“ Der grauenhafte Satz und das höhnische Grinsen des Steuereintreibers hatten sich in Berthas Seele gebrannt. Er hatte kein Einsehen gehabt.

Gott schon. Während des folgenden, eisigen Winters, als vier der sechs Kinder Annes verhungerten, das gerade geborene zuerst, war Edwin von einem vereisten Ast erschlagen worden, als er im Wald zur Jagd war. Niemandem sonst aus der Jagdgesellschaft war auch nur ein Haar gekrümmt worden, Edwins Gaul hatte nicht einmal einen Kratzer. Edwins Schädel hatte die ungeheure Wucht des fallenden Astes ganz allein gebremst.

Wie war sie jetzt darauf gekommen?

Ach richtig. Die Mutter des kleinen Edward, dessen Vater ihnen allen das letzte Hemd auszog, lag in den Wehen. Auch sie hatte fünf Kinder begraben müssen, wenn sie auch nicht verhungert waren. Auch sie litt unter Lord Fallham, auf eine Weise, wie nur eine Ehefrau unter ihrem Ehemann leiden konnte. Sie tat ihr leid.

Lady Mary war eine gute Frau. Während des furchtbaren Winters damals hatte sie, wenn ihr Gatte nicht zu Hause war, was zum Glück oft der Fall war, ihr Pferd mit Brot, Bier und frischer Ziegenmilch beladen lassen, manchmal sogar etwas Schinken, war in die Dörfer gekommen und hatte dafür gesorgt, dass die Ärmsten der Armen etwas weniger hungern mussten. Einige der neugeborenen Kinder dieses Winters verdankten ihr ihr Leben, da ihre ausgezehrten Mütter sie nicht mehr stillen konnten. So hatte ein guter Teil der von Edwin eingetriebenen Steuern seinen Weg zurück ins Dorf gefunden. Es wäre ein großer Verlust nicht nur für die Kinder Lady Marys, wenn sie sterben sollte, dessen war Bertha sich sicher.

Sie sah Edward an. Der Junge trabte still neben ihr her, offenbar auch in Gedanken versunken.

„Dem Himmel sei Dank, es fängt an zu schneien“, unterbrach sie die Stille.

„Warum soll das gut sein? Erst der ewige Regen, und jetzt der Schnee“, fragte Edward unwirsch.

„Nun, es wird kälter, mein Junge“, erklärte ihm Bertha das Offensichtliche. „Und wenn es kälter wird, gefriert der Boden. Die Wege werden trocken, Mensch und Tier versinken nicht mehr knietief im Schlamm. Das Wasser fließt nicht mehr in die Flüsse, sondern wird zu Schnee und liegt als wärmende und schützende Decke auf den Pflanzen im Wald und auf den Wiesen.“

„Aber letzten Winter sind wir nicht nur bis zu den Knien, sondern bis zum Hintern im Schnee versunken,“ erwiderte der Junge. „Da waren nicht nur alle Wege versperrt, es war auch noch klirrend kalt. Ich versinke lieber in warmem Matsch als in eisigem Schnee.“

„Nun, du versinkst eigentlich in gar nichts, kleiner Herr. Höchstens dein Pferd.“

„Ach ja?“ Der beleidigte Ton in Edwards Stimme war nicht zu überhören. „Was geht es dich an? Und wo ist mein Pferd jetzt? Ich wate durch den Schlamm wie du. Sieh mich an. Der Dreck reicht mir fast bis zum Bauch. Wenn mich die Leute so sehen, denken sie vielleicht noch, ich wäre dein Sohn!“

Wenn du mein Sohn wärst, dachte Bertha, hätte ich dir diesen Ton schon lange ausgetrieben. Aber sie sagte nichts. Verglichen mit seinem Vater war der junge Herr geradezu ein Engel. Apropos.

„Wo ist denn der Earl?“, fragte sie den Jungen. Nicht dass sie erwartet hätte, dass er am Bett seiner sich schindenden Frau wacht. Nein, was er von Frauen im Allgemeinen und seiner im Besonderen hielt, hatte er nicht erst mit dem Tag seiner Hochzeit mit Lady Mary jedem klar gemacht. Einzig seine Frau war ahnungslos gewesen und das Erwachen daher umso schlimmer.

„Zur Jagd.“

„Bei dem Wetter?“ Bertha glaubte Edward kein Wort.

„Wenn ich’s dir sage! Er ist vor zwei Tagen nach dem Nachtmahl los geritten.“

Aha. Wahrscheinlich, nachdem seine Frau ihm gesagt hatte, dass das Kind auf dem Weg sei.

„Er wollte nach Epping Forest, hat er gesagt. Wenn das Kind da ist, sollen wir Ralph hinschicken.“

Epping war ein Royal Forest, ein königlicher Wald, in dem nur der König und seine Gäste jagen durften. Und obwohl der junge Edward Hinley, bevor er nach dem Tod seines Vaters Earl of Fallham wurde, dem König ein- oder zweimal begegnet war, so war er mit Sicherheit nicht Teil des Gefolges Henry III. oder auf so vertrautem Fuß mit ihm, dass er zur Jagd eingeladen worden wäre. Bertha vermutete, dass er sich in den Wirtshäusern Dorchesters vergnügte und dort auf die Jagd ging, allerdings weniger nach Hirschen.

Es schneite immer heftiger, und die Dämmerung senkte sich über Fallham Manor. Wenn sie sich nicht beeilten, würden sie bald keine zwei Schritte weit mehr sehen können. Bertha spornte den Jungen an.

„Nun, junger Herr, wenn wir uns hier draußen nicht verirren und jämmerlich erfrieren wollen, müssen wir die Beine in die Hand nehmen. Gib mir deine Hand, dann geht es schneller.“ Edwards hochmütiger Blick und sein verächtliches Schnauben hätten Bertha zu jedem anderen Zeitpunkt veranlasst, ihn einfach stehen zu lassen und sich selbst zu überlassen. Aber die Lady hatte schon genug Kummer und Leid zu ertragen. Ihren Erben verschollen im Schneesturm wollte Bertha ihr nicht auch noch zumuten.

„Keine Sorge, ich lasse dich rechtzeitig los, ehe wir in Sichtweite der Burg kommen“, versicherte sie dem jungen Hinley und hakte ihn unter.

Edward ließ sie gewähren und sich von ihr den Hügel hinaufziehen.

Margaret war ruhelos in der Halle und im Hof umhergeirrt. Sie war immer wieder zum Tor gehastet, um nach ihrem Bruder Ausschau zu halten, und als es begonnen hatte zu schneien, war sie sogar versucht gewesen, selbst noch ins Dorf zu laufen und nachzusehen, wo Edward blieb. Als die Dunkelheit hereinbrach, konnten sie nur ihre kleinen Brüder William und Richard davon abhalten, indem sie sich heulend an ihren Rock klammerten. Richard war erst drei Jahre alt und hatte sehr spät, erst kurz vor seinem Geburtstag, mit dem Sprechen angefangen. Sein erstes Wort war Ma gewesen, damit meinte er sowohl seine Mutter als auch Margaret, die an diesem jüngsten ihrer Geschwister mit abgöttischer Liebe hing. Und so nahm sie ihn hoch, wiegte ihn, sang ihm vor und tröstete ihn und William, als die Schreie ihrer Mutter die Kleinen, wie schon so oft an diesem Tag, wieder zum Weinen brachten.

Sie wollte sich gerade mit den Kindern ans wärmende Feuer setzen, als die Tür aufflog und Bertha mit Edward im Schlepptau die Halle betrat, eingehüllt in einen weißen Flockenwirbel.

„Oh, Gott sei gedankt, dass ihr da seid!“ Margaret übergab die Jungen der Amme, während sie schon auf Bertha einredete.

„Meine Mutter liegt in den Wehen, schon seit gestern Morgen, vielleicht auch länger, ich weiß es nicht genau. Annobel ist bei ihr, aber sie tut gar nichts, um Mutter zu helfen. Sie sagt nur immer, das Kind werde schon kommen, aber es kommt nicht. Weißt du nicht einen Rat, Bertha? Du hast acht, das weiß ich, und...“

Bertha warf ihren durchnässten, schneebedeckten Umhang neben das Feuer und antwortete knapp: „Lass mir einen sauberen Kittel bringen, junge Lady. Und ich muss mir Hände und Arme gründlich waschen.“ Nachdem Bertha sich gesäubert hatte, führte Margaret sie zu ihrer Mutter.

Lady Marys Zimmer war dunkel und stickig. Kaum konnte man die Gebärende erkennen. Annobel hockte hilflos in einer Ecke; offenbar hatte sie jeden Versuch aufgegeben, etwas für die werdende Mutter zu tun.

„Wir brauchen hier drin Luft und Licht“, konstatierte Bertha. Dann wandte sie sich an Margaret: „Hol Wachslichter, so viele du bekommen kannst, und bring mir frisches heißes Wasser und saubere Tücher. Die schmutzigen nimm mit.“ Damit schlug sie die schweren Vorhänge beiseite, die die Winterkälte abhalten sollten, und ein Schwall kühler, aber frischer Luft drang in den Raum.

Als Margaret mit den Lichtern zurückkam, erschrak sie. Ihre Mutter war kreidebleich und schweißgebadet und wand sich vor Schmerzen. Bertha befahl Annobel zu sich.

„Hilf mir, die Lady aufzurichten. Sie muss aufrecht sitzen, besser noch knien, damit das Kind nach unten rutscht. Liegt es denn richtig?“

„Ich glaube schon.“ Annobels Antwort klang alles andere als überzeugend, aber nach einem Blick unter die Laken war Bertha etwas beruhigt; das, was sie sehen konnte, war ein Kinderköpfchen, kein Hintern oder, noch schlimmer, Arm oder Bein.

Leise sprach sie auf Lady Mary ein und legte ihr beruhigend die Hand auf die mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn. „Mylady, ich bin es, Bertha, die Frau des Schmieds aus dem Dorf. Eure Tochter hat mich rufen lassen, um Euch zu helfen, Euer Kind zur Welt zu bringen. Annobel und ich werden Euch jetzt aufrichten, und wenn die nächste Wehe kommt, müsst Ihr mitpressen, so stark Ihr könnt, hört Ihr mich?“ Ein kaum wahrnehmbares Nicken war die Antwort.

Die beiden Frauen legten sich je einen Arm der Lady um die Schultern und hoben ihren Oberkörper vorsichtig an. Margaret zog das verschwitzte und befleckte Laken ab und breitete ein frisches über das Bett der Mutter, auf das sie sich nun mit Hilfe Berthas und Annobels kniete. Wieder wurde ihr Körper von Wehen geschüttelt, wieder stöhnte sie, doch zum Schreien hatte sie keine Kraft mehr. Margaret wischte ihr mit einem kühlen, feuchten Tuch behutsam die Stirn.

Dann, endlich, kam der Kopf zum Vorschein. „Gleich habt Ihr es geschafft, Mylady“, ermunterte Bertha die schwer atmende Frau. „Nur noch einmal pressen, bitte.“

Kurz darauf hallte ein schwacher Schrei durch die nächtliche Stille der Burg. Ein kleiner Junge war geboren worden, schwach, von dunkelblauer Hautfarbe, mit der Nabelschnur um den Hals. Wieder einmal. Aber er lebte.

Bertha und Annobel kümmerten sich um ihn und die Wöchnerin, während Margaret Pater Sixtus holte, den Beichtvater ihrer Mutter, der ihnen in den letzten Wochen Gesellschaft geleistet hatte. Der Neuankömmling sollte noch in der Nacht in den Schoß der heiligen Mutter Kirche aufgenommen werden, nur für alle Fälle. Nach der kurzen Zeremonie legte Annobel den kleinen Edmund an die Brust seiner Mutter, und sie und Bertha verließen das Zimmer. Margaret rollte sich in einer Ecke in ihre Decken. Sie wollte bei ihrer Mutter und dem Kleinen wachen.

Als die Sonne über der tief verschneiten Winterlandschaft von Fallham Manor aufging, war Edmund tot. Irgendwann in der Nacht hatte er aufgehört zu atmen. Kalt und bläulich blass lag er da, noch immer an seine Mutter geschmiegt, die regungslos und mit leerem Blick auf ihr Kind starrte. Erst als ihr Bertha das tote Neugeborene behutsam aus dem Arm nehmen wollte, erwachte Lady Mary aus ihrer Starre und begann zu schreien.

Nichts, was Margaret in den Tagen und Stunden davor gehört hatte, war auch nur annähernd so furchtbar wie dieses Schreien ihrer Mutter. Wie ein waidwundes Tier klang sie, hoffnungslos, verzweifelt, voller Sehnsucht nach ihrem Kind.

„Edmund, wach auf! Du musst aufwachen! Alles wird gut!“

Doch Edmund wachte nicht auf. Nichts wurde gut.

Margaret nahm ihre Mutter in die Arme und hielt sie ganz fest, aber wer konnte schon eine Frau trösten, die gerade ihren kleinen Jungen verloren hatte, das sechste Kind, das sie nicht behalten durfte. Niemand.

„Ralph, reite los und hol Vater heim“, befahl Margaret. Ralph war einer der Söhne des so tragisch dahingeschiedenen Sheriffs Edwin und hatte das gleiche einnehmende Wesen wie weiland sein Vater.

„Bei dem Schnee? Bist du verrückt? Ich nicht!“, blaffte er Margaret an.

„Aber Vater hat es so befohlen. Wenn das Kind da ist, sollen wir nach ihm schicken.“

„Da ist? Tot ist es! Und ich will ums Verrecken nicht derjenige sein, der deinem Vater die frohe Botschaft überbringt.“ Damit ließ er sie stehen.

Margaret konnte Ralph so wenig leiden wie damals seinen Vater, aber in diesem Punkt konnte sie ihn verstehen. Niemand riss sich um die undankbare Aufgabe, Lord Fallham davon in Kenntnis zu setzten, dass das sechste Kind gestorben war, der vierte Sohn. Sie alle konnten sich noch sehr gut an die Reaktion des Earls erinnern, als zwei Jahre zuvor der kleine Thomas gestorben war, der es schon bis ins sechste Lebensjahr geschafft hatte, und eine Woche darauf seine neugeborene Schwester, die er noch angesteckt haben musste. Damals hatten sie einen Priester zum Vater geschickt, der aus Angst vor Ansteckung aus Fallham geflüchtet war und es sich in der Stadt gut gehen ließ.

Nur Edward Hinleys ausgeprägte Furcht vor dem ewigen Höllenfeuer hatte ihn seinerzeit davon abgehalten, den Überbringer der Botschaft halbtot zu schlagen. Seine Wut, seinen Hass, vielleicht auch seine Trauer ließ er dafür an dem erstbesten Knecht aus, dem er nach seiner Rückkehr begegnete, und an seiner Frau.

Lady Mary sprach nie darüber, was er hinter der verschlossenen, aber nicht schalldichten Tür des elterlichen Zimmers mit ihr getan hatte. Doch sie war eine Woche bettlägerig, konnte sich eine weitere Woche kaum bewegen und verhüllte sich trotz der milden Temperaturen von Kopf bis Fuß.

Margaret zog Edward zu Rate.

„So lange Vater nicht hier ist, bist du das Oberhaupt der Familie, Edward. Wenn du es Ralph befiehlst, muss er Vater holen“, beschwor sie ihren Bruder. Doch Edward hatte die Hosen voll.

„Ich? Ralph etwas befehlen? Der lacht mich aus. Wenn ich Glück habe.“

„Aber was sollen wir tun? Vater muss es wissen, und er muss nach Hause kommen. Wir müssen Edmund beerdigen.“

„Warum sagt Mutter ihm nicht, dass er Vater holen soll?“, fragte Edward.

„Mutter ist noch sehr schwach und so voller Trauer, dass sie kaum isst oder trinkt, geschweige denn jemanden wie Ralph sehen will. Sie liegt außerdem im Wochenbett, wo sich so etwas auch kaum schicken würde.“

„Kennst du nicht jemanden anders, den wir schicken könnten?“

Nein, Margaret kannte niemanden. Draußen schneite es wieder dicke Flocken und ein eisiger Wind pfiff um die Halle und rüttelte an den Fensterläden. Edward sprach aus, was seine Schwester dachte:

„Ich denke, Ralph hat Recht. Bei dem Wetter kann niemand hier raus oder gar bis zum Epping Forest reiten.“ Margaret ersparte ihrem Bruder die Information, dass sich ihr Vater mit Sicherheit nicht dort aufhielt. Es spielte auch keine Rolle. Dorchester war nicht weniger weit entfernt, und niemand, der nicht dazu gezwungen war oder wurde, ging bei diesem Schneesturm auch nur einen Schritt vor die Tür.

„Wenn es nicht wieder angefangen hätte zu schneien...", dachte sie laut, als eine warme, freundliche Stimme die Kinder unterbrach.

„Kleine Lady, Master Edward, verzeiht mir, dass ich euer Gespräch gehört habe.“

Pater Sixtus hatte unbemerkt den Raum betreten.

„Ich weiß, dass ihr gehorsame Kinder seid und dem Willen eures Vaters unbedingt folgt. Doch wollt ihr sicher nicht, dass ihm oder dem Boten etwas zustößt, was sicher geschehen würde, wenn ihr jetzt jemanden los schicktet. Und der kleine Edmund muss beerdigt werden, damit seine arme Kinderseele ihren Frieden im Schoß Gottes finden kann.“

Und damit der Totengräber sich nicht durch metertief gefrorenen Boden schaufeln muss, schoss es Margaret durch den Kopf. Ihr Sinn für das Praktische ließ sie selten im Stich, auch wenn er unpassend war, wie gerade jetzt. Edmund war ihr Bruder, das unschuldigste kleine Wesen der Welt, und es tat ihr nicht nur seinetwegen leid, sondern auch wegen ihrer schwer getroffenen Mutter.

„Vielleicht sollten wir mit Lady Mary reden“, sprach der Pater weiter, „und das Begräbnis für, sagen wir, morgen vorbereiten. Dem toten Kind wird der Vater nicht fehlen, und Lord Fallham hat sicher Verständnis für unser Vorgehen.“

Mit Sicherheit nicht, dachte Margaret, doch sie schluckte den Gedanken hinunter. Gemeinsam mit Sixtus und ihrem Bruder ging sie zu ihrer Mutter, um mit ihr den endgültigen Abschied von ihrem jüngsten Sohn zu besprechen.

Die Nacht hatte weiteren Schnee und bittere Kälte gebracht. Trotzdem war es dem Totengräber gelungen, ein ausreichend tiefes Grab auf dem kleinen Familienfriedhof hinter der Kapelle der Burg zu schaufeln.

Tom, der Sohn des Schreiners aus dem Dorf, hatte die Nacht durchgearbeitet und nicht nur einen passenden Sarg für den winzigen Leichnam gezimmert, sondern auch Blumen und Ornamente hinein geschnitzt und in die Innenseite des Deckels zwei Engel.

„Damit er nicht so allein ist und sich nicht fürchten muss, bis er im Himmel ist“, war seine Erklärung, als Margaret ihn dankbar ansah.

Edmund war in wollene Tücher gehüllt. „Es ist so furchtbar kalt draußen“, hatte Lady Mary geweint, als Pater Sixtus mit ihr über das Begräbnis gesprochen hatte.

Zusammen mit ihrer Tochter bettete sie nun das Kind in die kleine Kiste, gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn, und Tom schloss den Deckel.

Die kleine Prozession bestand nur aus Lady Mary, ihrem Beichtvater, der auch den Sarg trug, und Margaret. Eigentlich sollte auch sie in der Halle bleiben wie die anderen Kinder, um sich bei dem eisigen Frost nicht zu erkälten, doch sie hatte darauf bestanden, ihre Mutter auf diesem unendlich schweren Gang zu begleiten.

Nachdem der Pater ein langes Gebet gesprochen und Edmund gesegnet hatte, wurde der Sarg in die Grube gelassen und mit Erde bedeckt. Margaret nahm sich vor, auch dieses Grab mit bunten Blumen und einem Bäumchen zu bepflanzen, so wie sie es mit den anderen fünf Kindergräbern getan hatte, sobald sie groß genug gewesen war. Auch wenn ihre Mutter nie etwas gesagt hatte, so verbrachte sie in der warmen Jahreszeit doch oft Zeit bei ihren toten Kindern, seit der kleine Friedhof nicht mehr so ein trostloser Ort war. Irgendjemand hatte ihr vor ein paar Jahren auch eine kleine Bank gezimmert, sogar mit Lehne, und unter den Apfelbaum gestellt. Margaret hatte nie herausfinden können, wer der gute Geist gewesen war. Aber es war ein Trost für sie zu sehen, dass ihre Mutter nun nicht mehr stundenlang bei den Gräbern kniete, sondern auf ihrer Bank im Halbschatten saß und gelegentlich sogar dabei in einem der Bücher las, die sie als Teil ihrer Mitgift erhalten hatte und die ihr die ersten Schläge ihres Ehemannes eingetragen hatten.

Kapitel 2 - Woodmore Castle, Januar 1243

„Oh wie wundervoll! Danke, Großmutter!“ Mary fiel der alten Dame stürmisch um den Hals und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange.

Stürmisch war überhaupt ein Wort, das die kleine Lady Mary sehr treffend beschrieb. Obwohl ihre Mutter immer wieder versuchte, ihr weibliche Demut und vornehme Zurückhaltung beizubringen, gingen doch immer wieder die Pferde mit dem Mädchen durch. Auslöser des jetzigen Gefühlsausbruchs war ein kunstvoll mit Blütenranken und Minuskeln bemaltes Buch, das ihr die Großmutter geschenkt hatte. ‚Lais’ hieß es und war von einer Frau geschrieben worden, Marie de France. Mary konnte es kaum erwarten, endlich darin lesen zu dürfen. Sie hatte schon von dem Buch gehört und von seiner Autorin, die so gern über die Liebe schrieb. So lange jedoch Besuch im Haus war, ging das natürlich nicht. Und sich mit der Großmutter zu unterhalten, ihren Geschichten aus längst vergangenen Zeiten zu lauschen, war auch hundertmal besser als selbst das schönste Buch.

Die Großmutter war alt, so alt, dass es Mary fast unwirklich vorkam. Das lag vielleicht daran, dass Großmutter eigentlich die Großmutter ihres Vaters war und damit genau genommen ihre Urgroßmutter. Doch das hörte sie nicht so gern, da war die alte Dame empfindlich. Sie war zu einer Zeit geboren, als die Jahreszahlen noch mit einer elf begannen, hatte sie ihr erzählt, also vor mehr als vierzig Jahren. Und als wäre das nicht schon ein schönes Alter, so hatte sie ihr auch von einer Begegnung mit dem mächtigen König Henry II. berichtet, der auf der Burg ihrer Eltern zu Besuch weilte, als sie noch ein kleines Mädchen war.

König Henry II., das wusste Mary, war 1189 gestorben und hatte seine Königin, die berühmte und berüchtigte Alienor, so doch nicht bis an ihr Lebensende gefangen halten können. Als er sie damals, vor bald hundert Jahren, einsperren ließ, hatte er ihr genau das angedroht, doch die stolze Alienor erwiderte: „Nun, Sire, vielleicht bis an Euer Lebensende.“ Und sie behielt Recht.

Mary strengte ihren Kopf an, um auszurechnen, wie alt ihre Großmutter war, und schließlich wusste sie es. Dreiundsechzig Jahre! Ein unglaubliches Alter. Kaum jemand wurde auch nur annähernd so alt, von Königin Alienor einmal abgesehen, die vor lauter Entschlossenheit, ihren Gemahl und damit ihre Gefangenschaft zu überleben, über achtzig Jahre alt wurde, bis sie schließlich 1202 starb. Großmutters älteste Tochter, die mit einem mächtigen Lord weit oben im Norden verheiratet worden war, war bereits mit einundzwanzig Jahren im Kindbett gestorben, wie so viele Frauen, egal ob arm oder reich, adlig oder gemein. Und auch die Männer, selbst wenn sie keine Kinder in die Welt setzen mussten, wurden meist nicht sehr alt. Falls sie nicht in einem der zahllosen Kriege und Scharmützel um Land und Macht ihr Leben ließen, wurden sie irgendwann träge und fett und es traf sie der Schlagfluss. Oder sie schufteten sich auf den Feldern zu Tode, starben am Fieber, an entzündeten Wunden, einem vereiterten Zahn... Früh zu sterben war sehr einfach und ganz normal.

Großmutter war etwas Besonderes. Sie kannte die wunderbarsten Geschichten, nicht nur von skandalösen Königinnen und ihren düpierten Ehemännern.

Während langer, verregneter Herbstwochen und dunkler, eisiger Winterabende erzählte sie der Enkelin von ihrer Jugend, als sie mit ihren Geschwistern an sonnigen Wintertagen auf glatt polierten Brettern einen Schneehügel hinab gerutscht war und sich die Jungen mit Schneebällen beworfen hatten. Auch die Knechte waren vor den weißen Geschossen nicht sicher, und manch einer hatte abends einen blauen Fleck auf dem Gesäß, weil es, wie die hochwohlgeborenen Flegel es nannten, die Zielscheibe des Tages gewesen war.

Noch lieber aber hörte Mary Großmutters Berichte aus der warmen Jahreszeit. Ganz offensichtlich musste es damals wirklich noch richtig warm gewesen sein, nicht so durchwachsen wie jetzt oft. In den lauen Frühlingsmonaten, wenn die Natur zum Leben erwachte, die Tage immer länger wurden und alles grünte und blühte, wurde die Saat ausgebracht, die in den warmen, trockenen Sommern aufging und reifte und im Herbst für volle Scheunen sorgte. Zum Erntedankfest bogen sich die Tische unter der Last der Köstlichkeiten, und die Menschen hatten allen Grund, dankbar zu sein. Man musste nicht adliger Herkunft sein, um die Winter überstehen zu können. Auch die einfachen Menschen, Bauern und Handwerker, hatten meist genug zum Überleben.

Die Großmutter nahm Mary in ihren Schilderungen mit an ihren Lieblingsort, eine wunderschöne, von einem klaren Bach durchflossene Wiese, wo sie mit ihren Kindern an warmen Oktobertagen Beeren und Herbstblumen gepflückt und in der Herbstsonne getrocknet hatte.

Wenn Mary an die nasskalten Schneetage manchmal bis in den Mai und die heftigen Herbststürme der letzten Jahre dachte, kamen ihr die Berichte der Großmutter fast märchenhaft vor.

„Mary, begrüße unseren Gast“, weckte die strenge Stimme ihrer Mutter das Mädchen aus seinen Träumereien. Erschrocken sprang sie auf. Vor ihr stand eine hochgewachsene, würdevoll auf sie herabschauende Dame, die in ihrer Nonnentracht deutlich älter wirkte, als sie wohl war, und hielt ihr ihre behandschuhte Rechte hin. Mary knickste und küsste die ihr dargebotene Hand, hatte jedoch vor lauter Schwelgen in warmen Herbstfarben gar nicht gehört, wer die furchteinflößende Frau war, zu der sie gehörte. Fragend sah sie ihre Mutter an.

„Mary, geh und rücke den Sessel ans Feuer, damit Mutter Alice sich wärmen kann. Und hol auch eine wollene Decke und breite sie ihr über die Beine.“

Mary legte ihr Buch neben sich auf die Bank und tat, wie ihr befohlen worden war.

Mutter Alice machte es sich ohne ein Wort des Dankes bequem in dem großen Sessel, der eigentlich der Großmutter zustand, ließ sich genauso stumm einen Becher heißen Würzwein von Lady Mathilda reichen und winkte der Schwester, die sie begleitete und offensichtlich für ihre Bedienung zuständig war, damit ihr diese auch noch die Fußbank zurecht rückte. Dann musterte sie Mary wortlos von oben bis unten, bedeutete ihr, dass sie sich drehen solle, und blickte ihr schließlich aus stechend blauen Augen unverwandt ins Gesicht. Sie brauchte gar nichts zu sagen, damit dem Mädchen das Blut in den Adern gefror. Mary kam sich vor wie das sprichwörtliche Lamm, das zur Schlachtbank geführt werden sollte. Kaum traute sie sich zu atmen, aber sie versuchte tapfer, dem eisigen Blick standzuhalten.

„Nun, Mary“, sprach die Äbtissin sie schließlich an, „du wirst also dein Leben Gott, unserem Herrn, weihen.“ Das war keine Frage, es war eine Feststellung. Entgeistert starrte Mary von ihrer Mutter zu der Nonne, die sich Mutter nannte, aber so gar nichts Mütterliches an sich hatte.

„Verehrte Mutter Alice, unsere Mary wird nun bald dreizehn Jahre alt. Sie ist ein kluges Kind, spricht sogar etwas Latein und Französisch, und sie kann lesen. Sie ...“

„Lesen?“, unterbrach die Äbtissin die Lady rüde, „Französisch?! Was für Hirngespinste!“ Mary hielt die Luft an vor Schreck und Empörung.

„Vergebt mir, ehrwürdige Mutter, wenn ich wohl zu Ende sprechen dürfte?“, versuchte Lady Mathilda ihren Satz zu beenden und die Höflichkeit zu wahren. Vergeblich.

„Ist sie gehorsam und demütig? Bereit, sich unterzuordnen und zu fügen? Sich einen Platz in unserer Gemeinschaft zu erarbeiten und zu verdienen?“, fiel die Äbtissin ihr erneut ins Wort.

Nein! Nein, nein, nein, wollte Mary schreien, doch sie brachte kein Wort heraus. Die Wucht der Ereignisse und das ungeheuerliche Benehmen der Nonne, Äbtissin hin oder her, hatten ihr die Sprache verschlagen. Flehentlich sah sie ihre Großmutter an, deren Blick sie jedoch nicht zu deuten vermochte.

Lady Woodmore versuchte es ein drittes Mal.

„Mutter Alice,...“

Doch die ignorierte sie einfach und wandte sich wieder an Mary.

„Was ist das überhaupt für ein Buch, in dem du wohl gerade gelesen hast?“, fragte sie, das Wort ‚gelesen’ abschätzig betonend. „Bring es mir."

Mit spitzen Fingern nahm sie den kostbaren Band in die Hand.

"Die Lais von Marie de France?! Das ist wohl kaum eine angemessene Lektüre für ein Mädchen, noch dazu eines, das eine Braut Christi werden will! Woher hast du das?“

Das war zu viel.

„Ich will keine Braut Christi werden!“

Mary hatte ihre Stimme wiedergefunden.

„Ich will eine richtige Braut werden, einen richtigen Mann heiraten und Kinder haben, wie meine Mutter und meine Schwestern und meine Großmutter“, begehrte sie auf. „Und woher wisst Ihr überhaupt, was in den Lais geschrieben steht, wenn sie doch so unangebracht für Mädchen und Nonnen sind, wie Ihr sagt?“ Diesmal war sie es, die ihrer Stimme einen geringschätzigen Ton verlieh.

Jetzt war es an der Äbtissin, sprachlos zu sein. Noch nie, niemals hatte es irgendjemand gewagt, so mit ihr zu reden. Mary wollte gerade wieder Luft holen und zu einem weiteren verbalen Schlag ausholen.

„Schweig still!“ Der Befehl ihrer Mutter duldete keinen Widerspruch.

Lady Mathilda war fassungslos und versuchte vergeblich, sich bei Mutter Alice für das Verhalten ihrer Tochter zu entschuldigen. Nur die Großmutter schien die Szene unbeschadet überstanden zu haben. Um ihre Lippen spielte sogar ein kleines Lächeln, das sie jedoch zu unterdrücken versuchte. Dass Mary die Frage der Mutter Oberin nach der Herkunft des skandalösen Buches einfach ignoriert hatte, war ihr sehr wohl aufgefallen, wahrscheinlich um sie vor dem Zorn der heiligen Heuchlerin zu beschützen, auch wenn das nicht nötig gewesen wäre.

„Mylady, ich denke nicht, dass Eure Tochter eine geeignete und willkommene Ergänzung unserer klösterlichen Gemeinschaft ist, oder irgendeiner anderen. Und so, wie sie sich aufführt, ist auch jeder ehrbare Mann gut beraten, die Finger von ihr zu lassen, wenn Ihr meine Meinung hören wollt.“

Das wollte Lady Mathilda ganz und gar nicht. Hatte sie gerade noch demütig um Vergebung gebeten, so weckte der letzte Satz, der die Ehrbarkeit ihrer Tochter und damit ihrer ganzen Familie in Zweifel zog, ihren Kampfgeist.

„Verehrte Mutter, ich möchte Eure Meinung nicht hören“, entgegnete sie mit fester Stimme. „Mein Gemahl und ich haben alle unsere Kinder nach bestem Wissen und den Grundsätzen unseres christlichen Glaubens erzogen, und ich kann mich nicht erinnern, in einem der zehn Gebote gelesen zu haben ‚Du sollst deine Töchter dumm halten’. Auch ich kann lesen und wurde in Sprachen unterwiesen, und der Earl hat niemals daran Anstoß genommen. Ich glaube sogar, dass es ihn beruhigte zu wissen, dass seine Gemahlin ihm in Gesellschaft keine Schande machen würde. Seid versichert, Mutter Alice, dass wir einen geeigneten Orden für unsere Tochter finden werden, oder auch einen Ehemann, und dass er ehrbar sein wird. Ich wünsche Euch einen guten Tag.“ Damit drehte sie sich zur Tür, um ihren Gast hinauszubegleiten.

Die Äbtissin war bleich vor Zorn. Langsam erhob sie sich, ließ die Decke und das wertvolle Buch einfach zu Boden gleiten und ging auf die Lady zu. Mary dachte für einen kurzen Augenblick, sie wolle ihre Mutter umrennen, doch Alice blieb vor ihr stehen, so dicht, dass Mary ob der Ungehörigkeit den Atem anhielt.

„Hochmut kommt vor dem Fall“, gab die Nonne schneidend zurück, bevor sie hoch erhobenen Hauptes die Halle verließ.

Mary plagte das schlechte Gewissen. Wie hatte sie sich nur so benehmen können? Ja, Mutter Alice war anmaßend und herablassend gewesen, nicht nur zu ihr, was sie wahrscheinlich für ihr gutes Recht gehalten hatte, sondern auch zu ihrer Mutter, und das war einfach nur unverschämt. Doch Kinder, besonders Mädchen, hatten kein Recht aufzubegehren, das wusste sie. Keine ihrer Schwestern hatte das gewagt, sie alle hatten getan, was die Eltern für sie beschlossen hatten, was in ihrem Fall hieß, den Mann zu ehelichen, den Mutter und Vater für geeignet hielten. Und sie waren gut damit gefahren.

Auch die beiden Brüder waren dem von den Eltern und der Tradition vorgezeichneten Lebensweg gefolgt, waren als Knappen an den Hof gegangen, um eines Tages Ritter zu sein und ihr Leben in den Dienst des Königs zu stellen. Alfred, der älteste, würde nach dem Tod des Vaters dessen Titel und Land erben.

Mary als jüngstem Kind war das Kloster vorbestimmt. Darüber wurde nicht gesprochen, es war einfach so. Sie hätte es wissen oder zumindest ahnen können. Einige der jüngeren Töchter der Ritter ihres Vaters waren inzwischen Novizinnen in verschiedenen Klöstern. Wenn sie Glück hatten oder dem Glück in Form einer reichen Mitgift nachgeholfen wurde, konnten sie in ein wohlhabendes Kloster eintreten, wo sie zwar ein Leben in Abgeschiedenheit und nach strengen Regeln erwartete, sie aber dennoch nicht auf alle Annehmlichkeiten verzichten mussten und die Arbeiten in Küche, Garten und auf den Feldern von Laienschwestern oder Leibeigenen verrichtet wurden.

Waren die Eltern nicht gewillt oder in der Lage, eine in den Augen des Klosters angemessene Mitgift zu zahlen, mussten die Mädchen mit einem Konvent vorlieb nehmen, der bereit war, mittellose überzählige Töchter aufzunehmen. Dann erwartete sie ein Leben voller Entbehrungen und harter körperlicher Arbeit, das nur durch die Hoffnung auf Erlösung im Paradies erträglich war.

Mary hatte Angst. Was würden ihre Eltern jetzt tun? Sie hatte Strafe verdient, das wusste sie, aber wie würde sie aussehen? Ein ärmliches Leben, eingesperrt in einem ärmlichen Kloster?

Vielleicht konnte die Großmutter helfen.

Als die Tafel am Abend aufgehoben war, die Großmutter im Sessel über ihrer Lektüre döste und alles schlief, legte Lady Mathilda den Stickrahmen beiseite und sah ihren Mann an.

Lord Woodmore hatte bereits von seiner Großmutter gehört, was vorgefallen war, hegte aber den Verdacht, dass die alte Dame die Ereignisse etwas verharmlost hatte, besonders was das Benehmen seiner Tochter betraf. Dafür hatte sie an der Mutter Oberin kein gutes Haar gelassen.

„Mutter Alice scheint ein wahrer Drachen zu sein“, eröffnete der Earl das Gespräch. „Großmutter sagt, sie habe dich wie ein dummes Kind behandelt, von Mary ganz zu schweigen.“

„Nicht nur das. Sie hat die Ehre der Familie angezweifelt, und das ist unverzeihlich. Wie ich sie kenne, sitzt sie gerade in ihrem Gemach und schreibt Briefe an die Äbtissinnen der umliegenden Klöster, um sie vor unserer Tochter zu warnen. Sie kommt aus einflussreicher Familie, wir müssen also vorsichtig sein. Es scheint mir nicht ratsam, eine solche Frau zur Feindin zu haben.“

„Wenn ich Großmutter richtig verstanden habe, haben wir das bereits. Und wenn du Recht hast, wird es sehr schwierig werden, jetzt noch einen Konvent zu finden, der Mary aufnimmt und nicht bettelarm ist. Vielleicht verdient sie ja ein Leben der Buße und des Dienens, nach all den Freiheiten, die ihr bis jetzt gewährt wurden oder die sie sich einfach genommen hat, nicht zuletzt gegenüber Mutter Alice und damit auch uns.“

„Natürlich verdient sie Strafe, John, doch bitte ich dich zu überlegen, was angemessen wäre. Es gibt sicher einen anderen Weg, unserer Tochter das Ausmaß ihrer Verfehlung deutlich zu machen.

„Entschuldigt bitte, Kinder.“

Hatte die Großmutter wirklich geschlafen oder sie nicht doch belauscht? Die Antwort kam prompt.

„Ich weiß, es ist eure Entscheidung. Aber bevor ihr Mary zu einem Leben im Elend verdammt, nur weil sie die Klugheit ihrer Mutter und den Mut ihres Vaters geerbt hat, überdenkt die Alternativen. Auch wenn das bedeutet, Mary noch einmal nachzugeben. Sie möchte heiraten. Warum nicht? Ist es wirklich so schwierig, einen passenden Ehemann für sie zu finden? Und was die Heilige Mutter Kirche betrifft: Unsere Familie hat nun wirklich genügend Mönche und Nonnen hervorgebracht, als dass wir der Kirche etwas schuldig wären, vom Erbe meines seligen Gatten ganz zu schweigen, das zur Hälfte in dem kunstvoll geschnitzten Chorgestühl der Kathedrale von Winchester steckt.“

„Denkst du an jemand Bestimmten, Großmutter?“ Das war eine rhetorische Frage des Earls, er kannte die alte Lady viel zu gut.

„Nun, was haltet ihr von Alfreds Freund, dem jungen Hinley?“

„Wir wissen kaum etwas über ihn“, entgegnete Lady Mathila, „außer dass er kürzlich mit Alfred in Frankreich in dieser furchtbaren Schlacht gekämpft hat, als der König vergeblich versucht hat, das Poitou zurückzuerobern.“

„Laut Alfred ist er ein tapferer Bursche, manchmal etwas verwegen und wenig zimperlich in der Wahl seiner Waffen, wenn es darum geht, die Feinde das Fürchten zu lehren. Sein Vater ist der alte Earl of Fallham, Herr auf Fallham Manor, und da seine beiden älteren Brüder tot sind, wird er ihn zu gegebener Zeit beerben. Wenn meine Informationen stimmen, wird die Zeit sehr bald gegeben sein, denn den alten Lord plagen schon seit längerem unschöne Geschwüre am ganzen Körper. Mary würde also einen guten Fang machen.“

„Mylady, höre ich da eine gewisse, ich will nicht sagen, freudige Erwartung ob des baldigen Erbfalls?“ Die Empörung des Earls war schlecht gespielt.

„Nun, wir sind alle in Gottes Hand“, war die lakonische Antwort. „Und wie es das Schicksal will, werden er und Alfred in den nächsten Tagen zur Jagd hier erwartet, nicht wahr, Mathilda?“

„Du bist wie immer hervorragend im Bild, liebe Großmutter. Wo habe ich Alfreds Brief nur liegen gelassen?“ Die beiden Frauen tauschten ein wissendes Lächeln.

„Er war aus deinem Nähkästchen gefallen, und ich habe mir erlaubt, ihn wieder hinein zu tun, mein Kind. Wie dem auch sei, was haltet ihr davon, wenn ich mich einmal zwanglos mit dem jungen Hinley unterhalten würde? Ihr könnt gern dazu kommen, schließlich müsst ihr entscheiden.“

„Einverstanden.“ Lord und Lady Woodmore reichten der Großmutter die Hand, wünschten ihr eine gute Nacht und zogen sich zurück.

Am nächsten Morgen befahl der Earl seine Tochter zu sich.

Mary war leichenblass und versuchte angestrengt, die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken, hielt sich jedoch aufrecht, wie es sich für eine junge Lady gehörte.

Als sie die Halle betrat, sah sie zu ihrer Erleichterung nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Großmutter, die ihr einen aufmunternden Blick zuwarf, gerade als ihr Vater zu sprechen begann:

„Erinnerst du dich an Gisla, mit der du als Kind oft gespielt und in der Küche Leckereien gestohlen hast?“

Natürlich erinnerte sich Mary an ihre Freundin Gisla. Sie war die Tochter eines der Ritter ihres Vaters und mit elf Jahren hinter Klostermauern verschwunden, nachdem sie von zu Hause weggelaufen war. Nicht hinter irgendwelchen Klostermauern oder gar hinter denen eines gut situierten Konvents, dessen Schwestern aus adligen Familien stammten und im Schoß der Kirche den Gefahren des Kindbetts entkamen. Nein, Gisla war von ihrer Familie in das ärmlichste, abgeschiedenste Kloster diesseits der Themse abgeschoben worden. Nur einmal hatte sie es geschafft, einen Brief hinauszuschmuggeln, und beim Lesen waren Mary die Tränen gekommen. Ihre Freundin schrieb von Hunger, Kälte, vor Schmutz starrenden Habits, dem Verbot zu sprechen und täglicher Arbeit auf dem Feld oder im Garten. Glück hatte, wer Gott in der Küche oder der Schreibstube dienen durfte, aber das waren die wenigsten. Und wer, wie Gisla, als Strafe für Ungehorsam dorthin geschickt worden war, hatte keinerlei Nachsicht zu erwarten.

„Ich habe dich etwas gefragt“. Die Wut des Vaters war nicht zu überhören.

„Ja, Vater“, mehr brachte Mary nicht heraus.

„Vielleicht möchtest du ihr Gesellschaft leisten. Ihr habt euch ja lange nicht gesehen.“

Mary konnte nichts erwidern. Die zynische Drohung hatte sie sehr wohl verstanden. Ihr Magen meldete sich immer drängender.

„Ich wollte dich sofort zu den Bettelschwestern schicken, als ich von deinem unerhörten Auftritt gestern gehört habe. Zu deinem Glück hast du eine Mutter und eine Großmutter, die dich mehr lieben, als dir gut tut. Nur ihnen hast du es zu verdanken, dass du die Gelegenheit erhältst, mir und uns allen zu zeigen, dass du uns nie wieder Schande machen wirst. Höre ich auch nur ein einziges Widerwort oder eine einzige Klage über dich, bis du unser Haus verlässt, um das zu tun, was deine Mutter und ich bestimmen werden, wirst du noch am selben Tag der Welt entsagen und Gisla beim Pflugziehen helfen dürfen.“

„Danke, Vater. Ich...“

„Geh. Bevor ich es mir noch einmal überlege.“

Mary drehte sich zur Tür und versuchte, auf dem Weg nach draußen nicht zu rennen. Sie durchquerte die Halle, stürzte nach draußen und übergab sich hinter dem ersten Busch, den sie erreichte.

Kaum vier Wochen später saß Mary bei eisiger Kälte in einer Kutsche neben ihrem Ehemann, Edward Hinley, seit kurzem Earl of Fallham. Ihre Eltern hatten keine Zeit verloren. Bevor Mutter Alices Geschichten von der missratenen jüngsten Tochter des Earls of Woodmore die Runde machen und jeden potentiellen Bräutigam in die Flucht schlagen konnten, hatten sie Nägel mit Köpfen gemacht. Behilflich war ihnen dabei nicht nur die Großmutter gewesen, die dem künftigen Schwieger-Enkel die Vorzüge seiner Braut in den schillerndsten Farben ausmalte, sondern auch ein Kästchen aus dunklem Ebenholz, das Lord Woodmore Edward Hinley überreichte. Es enthielt die märchenhafte Summe von fünfzig Pfund in Silber und sollte dafür sorgen, dass der junge Mann sein Wort nicht zurückzog, falls der Klatsch der Äbtissin schneller war, als der Priester die Trauung vornehmen konnte.

Natürlich war Mary nicht gefragt worden, was sie von ihrem Künftigen hielt. Aber angesichts der Alternative schätzte sie sich glücklich und bemühte sich um Zuversicht, was ihr neues Leben als Lady Hinley betraf. Sicher würde ihr Gemahl die Grobheiten unterlassen, mit denen er sie in der Hochzeitsnacht verschreckt hatte, sobald sie nur genau wusste, was von ihr erwartet wurde. Vielleicht konnte sie ihm ja aus ihren Büchern vorlesen, zum Beispiel Les deux amanz, die Geschichte der beiden Liebenden aus dem wundervollen Buch der Marie de France. Sie sprach Edward darauf an.

„Was? Du willst mir vorlesen? Eine französische Liebesgeschichte? Bist du noch bei Trost? Glaubst du ernsthaft, mich interessiert dieses Weibergeschwätz und ich würde auch nur einen Penny für so etwas Nutzloses wie Bücher ausgeben?“ Den geringschätzigen Ton kannte Mary, er klang ihr noch in den Ohren, nur dass diesmal nicht nur ihre Bücher gemeint waren, sondern auch sie selbst, Mary Woodmore, frisch verheiratete Countess of Fallham. Sie versuchte, die Wogen etwas zu glätten.

„Nein, natürlich nicht, Edward. Das brauchst du auch gar nicht. Ich habe Bücher, wundervolle, kunstvoll verzierte Werke. Mein Vater hat sie mir als Teil meiner Mitgift gegeben.“

„Bücher? Als Mitgift? Was zum Teufel soll ich mit einem Haufen Pergament anfangen? Wollt ihr mich betrügen, du und deine verlogene Sippe?“ Bevor Mary ihrem Mann den durchaus beträchtlichen Wert ihres Bücherschatzes erklären konnte, holte Edward aus und schlug ihr mit voller Wucht ins Gesicht.

Als sie wieder klar denken konnte, schoss ihr der Satz durch den Kopf, den die Äbtissin Alice ihrer Mutter ins Gesicht geschleudert hatte. Hochmut kommt vor dem Fall.

Kapitel 3 - Fallham Manor, Winter 1256/57

Lady Mary fieberte. Seit Tagen schon. Das Begräbnis ihres Jungen hatte sie stumm und starr ertragen, ihr Gesicht versteinert, die Augen ausdruckslos. Nachdem das kleine Grab zugeschüttet worden war, hatte Margaret ihre Mutter vorsichtig untergehakt, um sie ins Haus zu führen. Sie war von der unendlich langen Entbindung noch sehr geschwächt und musste sich unbedingt ausruhen. Widerstandslos ließ sie sich von ihrer Tochter in ihre Kemenate begleiten und zu Bett bringen.

Als Margaret ihr abends eine Schale heiße Suppe bringen wollte, war das Zimmer der Eltern verlassen. Die Mutter war nirgends zu finden. Am beunruhigendsten jedoch war, dass auch die fellgefütterten Stiefel unauffindbar waren, die Lady Mary am Morgen getragen hatte, ihr Mantel jedoch auf der Kleidertruhe lag. Sie war doch nicht etwa bei der beißenden Kälte...

Margaret stürmte in die Halle.

„Edward, Mutter ist draußen!“

„Unsinn, sie schläft“, entgegnete ihr Bruder gleichgültig.

„Nein, tut sie nicht, ihre Stiefel sind auch weg. Aber den Mantel hat sie liegen lassen.“

Das Mädchen zog seinen Bruder von der warmen Bank am Feuer, warf ihm eine Wolldecke zu, die er sich umlegen musste, und schob ihn durch die Tür der Halle ins Freie.

„Du suchst im Hof und in den Ställen, ich im Garten und auf dem Friedhof!“

„Was sollte Mutter im Stall wollen?“, widersprach der Junge.

„Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir sie schnell finden und deshalb alles absuchen müssen.“ Und damit gab sie ihm einen Schubs und rannte davon.

Der Garten war menschenleer, doch auf dem dahinter liegenden Friedhof erkannte Margaret einen dunklen Flecken im Schnee. Zusammengesunken kniete ihre Mutter am Grab ihres Jüngsten. Die Tränen, die ihr über Wangen und Hände gelaufen waren, bildeten kleine Eistropfen auf ihrer Haut.

„Mutter, um Gottes Willen, du musst aufstehen!, Bitte, komm ins Haus. Denk doch auch an Edward, an William, Richard und Alienor.“

Sie schüttelte ihre Mutter und versuchte verzweifelt, sie hoch zu ziehen.

Woher auch immer er gekommen war, plötzlich war Pater Sixtus da.

„Steht auf, meine Tochter, die kleine Seele hat ihren Frieden. Ihr könnt nichts mehr für sie tun“, versuchte er, die Lady zu trösten. „Eure anderen Kinder brauchen Euch. Versündigt Euch nicht an Gott und an Eurer Familie! Kommt nach drinnen!“, mahnte er eindringlich. Gemeinsam zogen sie Lady Mary auf die Füße, führten sie zurück ins Haus und in ihren Raum.

Margaret packte die Mutter in warme Decken ein und befahl, das Feuer noch einmal anzufachen. Dann legte sie sich neben sie, nahm sie in den Arm und hielt sie fest, bis sie schließlich eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen glühte die Mutter und redete wirr. Annobel und Bertha hatten die Halle schon vor dem Begräbnis verlassen und sich in ihr Dorf zurück gekämpft. Nach Lord Fallham war noch gar nicht geschickt worden, aber er wäre auch keine Hilfe gewesen, im Gegenteil.

Margaret war auf sich gestellt. So wie es aussah, würde das auch noch eine Weile so bleiben. Inzwischen lag der Schnee gut drei Fuß hoch, so dass man auch zu Pferd kaum noch vorankam. Der eisige Sturm tat sein übriges und machte jeden Versuch, die Burg zu verlassen und Hilfe zu holen, unmöglich.

Margaret rief nach einer Magd und befahl ihr, Kamillensud, saubere Leinentücher und Wasser zu bringen, nicht zu heiß und nicht zu kalt.

Wenn sie oder ihre Geschwister fieberten, machte die Mutter ihnen immer lauwarme Wickel um Arme und Beine und stellte siedende Kamillenblüten auf einen Rost über dem Kohlebecken. Der Duft der Kräuter erfüllte den ganzen Raum. Selbst wenn man nur eine Triefnase oder Husten hatte, war die lindernde Wirkung deutlich zu spüren. Thomas und Philippa hatte sie so zwar nicht helfen können; der Sechsjährige und seine neugeborene Schwester waren innerhalb weniger Tage an einem furchtbaren Fieber gestorben, übersät mit roten Pusteln. Doch daran durfte Margaret jetzt nicht denken.

Sie deckte ihre Mutter soweit auf, dass sie die feuchten Tücher um Arme und Beine schlagen konnte, tupfte ihr behutsam die schweißnasse Stirn und flößte ihr auch etwas abgekühlten Kamillensud ein. Wieder und wieder tauchte sie die Tücher ins handwarme Wasser, gab der Mutter mit einem Löffel von dem Kräutersud, und schließlich, als es schon begann zu dunkeln, ließ das Fieber etwas nach. Doch Margaret wusste, dass das nur eine Atempause war und die Temperatur in der Nacht wieder steigen würde.

Nach drei durchwachten Nächten schließlich hatte Lady Mary das Schlimmste überstanden. Zum ersten Mal seit dem Tag der Beerdigung war sie wach und erkannte die Menschen um sich herum.

„Wo ist Edmund?“, fragte sie.

„Mutter, erinnerst du dich nicht?“ Margaret graute vor dem, was nun kommen würde, zum zweiten Mal. Lady Mary schaute sie verständnislos an.

„Doch. Er wollte nicht geboren werden, und ich hatte solche Schmerzen. Dann kam Bertha und hat mir geholfen. Sie hat ihn mir in den Arm gelegt, und er ist eingeschlafen.“

„Ja, das ist er, Mutter. Edmund ist eingeschlafen, und wir haben ihn begraben. Du warst dabei. Er ist bei Thomas, Philippa und den Zwillingen.“ Und dem kleinen Edward, hätte sie noch sagen müssen, dem ersten Kind ihrer Eltern, das nach einer ebenso qualvollen Entbindung wie der letzten tot zur Welt gekommen war, blau, mit der Nabelschnur um den Hals. Doch sie wollte den Schmerz der Mutter nicht noch schlimmer machen, indem sie sie daran erinnerte, dass sie denselben Alptraum schon einmal durchlitten hatte. Nur dank Pater Sixtus, der den offensichtlich toten kleinen Jungen dennoch getauft hatte, musste dieser erste Sohn und Erbe namens Edward nicht in ungeweihter Erde liegen, sondern war nun, zwölf Jahre später, mit fünf seiner Geschwister vereint.

„Soll ich dir etwas vorlesen?“ Margaret versuchte, ihre Mutter etwas abzulenken, die jedoch nur geistesabwesend nickte. „Vielleicht eine der Lais?“, schlug sie vor und war sich nicht sicher, ob nicht gerade so etwas wie ein Lächeln über das blasse, eingefallene Gesicht gehuscht war.

Das Weihnachtsfest war sehr still in diesem Jahr. Lord Fallham war noch nicht zurückgekehrt, und niemand vermisste ihn. Obwohl es Mitte des Monats einmal soweit getaut hatte, dass die Straßen passierbar gewesen wären, guter Wille vorausgesetzt, hatte der Herr des Hauses es vorgezogen, dort zu bleiben, wo er war. Auch kein Brief hatte Fallham Manor erreicht, kein Bote, keine Frage, wie es Frau und Kindern geht.

Dabei hatte Lady Mary den sich heftig sträubenden Ralph geschickt, um ihrem Mann von den Ereignissen der letzten Wochen zu berichten. Der hatte es doch ernsthaft gewagt, sich dem Befehl der Lady zu widersetzen. Doch Lady Mary war soweit wiederhergestellt, dass sie den Kampf nicht nur aufnahm, sondern auch gewann. Hilfreich war dabei die Information über ein geheimes Versteck gewesen, in dem ihr Gatte am König und dessen Steuereintreibern vorbei Geld hortete, und von dem bis dato nur Ralph gewusst hatte. Dummerweise hatte der sich von der kleinen Alienor erwischen lassen, als er sich daran zu schaffen machte. Die Kleine lief zu Margaret, die es ihrer Mutter steckte, und nun saß Ralph am kürzeren Hebel.

„Ich weiß, dass sich dort fast 14 Pfund befinden, so wie mein Gemahl, der glaubt, außer ihm wüsstest nur du davon. Wenn ich nun also, sagen wir, die Hälfte davon verschwinden ließe, zusätzlich zu dem Geld, das du dir wohl schon genommen hast, wen, glaubst du, würde der Earl verdächtigen? Und was, glaubst du, würde er tun mit jemandem, der ihm eine solche Summe gestohlen hat?“

Ralph war nicht der Schlaueste, doch dieser Argumentation konnte er folgen. Da Lady Mary gerade die Oberhand hatte, konnte sie auf diesem Wege auch noch in Erfahrung bringen, wo ihr Gemahl sich wirklich aufhielt.

„Bevor du aufbrichst, will ich wissen, wohin du reitest. Und erzähl mir nichts vom Epping Forest!“

„Dorchester, Mylady“, gestand Ralph kleinlaut.

Damit war er entlassen. Noch am selben Morgen machte er sich auf den Weg, jedoch nicht, bevor Lady Mary vor seinen Augen den Inhalt des Verstecks noch einmal durchgezählt und Ralph das gestohlene Geld wieder abgenommen hatte.

Zehn Tage waren seitdem vergangen, ohne dass sie irgendeine Nachricht von Lord Fallham erhalten hatten. Die Kinder hatten in der Küche Martha, der Köchin, beim Backen helfen dürfen, natürlich von den süßen Gewürzküchlein genascht und die Finger in den Honigtopf getunkt, so bald sie sich unbeobachtet glaubten. Richard, der Kleinste, war einmal in flagranti erwischt worden, und die Köchin schimpfte ihn augenzwinkernd:

„Mylord Richard, hast du etwa deine Schmutzfinger im Honig gehabt?“

„Nein“, kam die prompte Antwort, und nach einer kurzen Pause: „Sie waren nicht schmutzig.“

„Aber als du eben hier reingekommen bist, waren sie schwarz wie die Füße eines Bären“, entgegnete die Köchin.

„Ich hab sie sauber geleckt, guck!“ Und damit streckte er Martha seine klebrigen, aber nicht mehr so schmuddeligen Händchen entgegen, die diese postwendend in eine Schüssel warmes Wasser tauchte und schrubbte. Dann drückte sie dem kleinen Mann einen extra großen und noch warmen Gewürzkuchen in die Hand und schickte ihn mit einem sanften Klaps auf den edlen Allerwertesten hinauf in die Halle zu seinen Geschwistern.

Am ersten Weihnachtstag versammelten sich die Familie und das Gesinde in der kleinen Kapelle der Burg, und Pater Sixtus hielt einen kurzen – es war eisig kalt – aber sehr andächtigen Gottesdienst. Er sprach von Maria und Josef und dem Jesuskind und wie Gott, der Herr, besonders die kleinen unschuldigen Seelen der Kinder in sein himmlisches Reich aufnehme, wo es keine Schmerzen, keinen Hunger und keinen Kummer gebe, nur Liebe und Geborgenheit. Dabei sah er Lady Mary aus seinen gütigen Augen an, bis sie aufhörte zu weinen und das Bild ihrer Kinder in Gottes Schoß fest in sich trug.

Nach der Andacht versammelten sich alle, Herrschaft und Gesinde, in der großen Halle an der Tafel und ließen sich das Weihnachtsmahl schmecken. Martha hatte sich selbst übertroffen. Es gab gebratenen Schwan und Spanferkel, frisches, helles, duftendes Brot und als Nachtisch Gewürzküchlein, eingelegte Birnen und Pflaumen und in Honig gebratene Apfelscheiben. Die Kinder schlugen sich den Bauch voll, dass es eine wahre Freude war, ihnen dabei zuzusehen; Alienor lief sogar zu Martha und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, „weil du die allerbeste Köchin bist“, und ließ sich dafür von ihrer Mutter ausschimpfen. Die saß am Kopf der Tafel und sah ihren verbliebenen fünf Kindern zu, wie sie glücklich und unbeschwert die festliche Stimmung und die Leckereien genossen, und zum ersten Mal seit Wochen überkam sie so etwas wie Frieden.

Nachdem die Tafel abgetragen war und das Gesinde die Halle verlassen hatte, rückte die Familie am Feuer zusammen. Margaret nahm ihren Bruder Richard auf den Schoß und die Mutter Alienor und William. Auch Edward und Pater Sixtus gesellten sich zu ihnen.

„Wann wird es endlich aufhören zu schneien?“, unterbrach Alienor die Stille. „Ich will wieder rausgehen, in den Hof und in den Garten und in den Stall.“

„Weißt du, mein Kind“, antwortete Sixtus, „Gott hat die Natur so eingerichtet, dass wir Menschen uns im Winter ausruhen können von all der harten Arbeit auf den Feldern, die wir im Frühling, Sommer und Herbst tun müssen. Er deckt alles mit Schnee zu, so dass wir in unseren Häusern bleiben, uns wärmen und neue Kraft schöpfen, um im Frühjahr, wenn alles zum Leben erwacht, wieder pflügen und sähen können.“

„Aber ich bin gar nicht erschöpft“, wandte Alienor ein, „ich arbeite nicht auf dem Feld, und du auch nicht!“ Der Pater schmunzelte in sich hinein. Ein kluges Kind, dachte er bei sich, doch laut sagte er: „Dafür solltest du deinem Schöpfer dankbar sein, kleine Lady. Die meisten Menschen und auch die meisten Kinder haben nicht so viel Glück wie du. Ihnen solltest du es gönnen, sich von ihrer schweren Arbeit auch einmal auszuruhen.“

„Alienor hat doch Recht“, mischte sich Edward in das Gespräch. „Ich sterbe fast vor Langeweile.“

„Nein, hat sie nicht“, widersprach Margaret. „Ihr wisst wirklich nicht, wie gut ihr es habt. Wann warst du zum letzten Mal im Dorf?“

„Bei Wintereinbruch, als ich Bertha geholt habe, damit sie...

Verflixt! Margaret biss sich auf die Zunge. Das letzte, was sie gewollt hatte, war, ihre Mutter an das Drama um ihr jüngstes Kind zu erinnern. Jetzt half nur Weiterreden, um von dem unseligen Thema wegzukommen.

„Das meine ich nicht. Wann hast du dich das letzte Mal im Dorf umgesehen, vielleicht mit den Leuten gesprochen, sie dir einmal genauer angesehen?“

„Noch gar nicht. Warum sollte ich? Das sind Bauern, unsere Bauern. Sie bestellen unser Land, und wir geben ihnen von unserer Ernte etwas ab, damit sie zu essen haben.“

„Ja, aber nur, wenn es uns, also unserem Vater, beliebt.“