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Die fortschreitende Umweltzerstörung fordert in einer nicht allzu fernen Zukunft ihren Tribut: Luftverschmutzung und Insektensterben haben ein nie gekanntes Ausmaß erreicht. Doch der junge Ingenieur Charlie Butterblum ist der festen Überzeugung: Seine geniale Erfindung kann die Lösung zur Bewältigung der Krise sein. Er macht sich auf den Weg nach Berlin, um sich dort an einflussreicher Stelle Gehör zu verschaffen. Unterwegs muss er jedoch erkennen: Selbst mit den besten Absichten kann man auf Widerstand stoßen. Wird seine Mission gelingen?
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2022
W. E. Toelpel
Eklektikus liber
Eine Essenz
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Über die Grauheit der Welt
Gestreifte Kameraden
Und so beginnt es
Susi
Die ganze Pracht der Ingenieurskunst
Die alte Dame
My home is my heimische Unterbringung
Eine hilfreiche Begegnung
Eine komplizierte Bekanntschaft
Hagen
Die Familie in ihrer ganzen Großartigkeit
Berlin
Eine andere komplizierte Bekanntschaft
Ein Karl-Peter Liszt-Schwein, wie es im Buche steht
Toxische Männlichkeit
Ein unerwartetes Wiedersehen
Oberwüstheim, wie es leibt und lebt
Ein alter Freund eilt zu Hilfe
Über sexuelle Befreiung und eine intolerante Reaktion
Ein neuer Freund
Abschiede
Das Ende?
Impressum neobooks
Die Welt war grau geworden. Charlie Butterblum sah durch das verschmierte Fenster seiner Wohnung hinaus auf die Dächer und Straßen, die unter ihm lagen, und seufzte. Was er sah war trist und beklemmend, denn der Schmutz, der jede sichtbare Oberfläche überzog, unterschied sich von Ort zu Ort nur durch seine Textur. So war das Grau der asphaltierten Straßen unruhiger und gröber als das feinere und fast sandkörnige Grau der Betonplatten, die den Gehweg pflasterten, und wieder ganz anders als die graue Glätte der Fensterscheiben ringsum. So weit er seinen Blick auch schweifen ließ, es gab in seinem Sichtfeld keine wahrhaft lebende Pflanze zu entdecken. Nur weil er genau wusste, wo seine Augen danach suchen mussten, konnte er erahnen, dass sich ein schmutzig grünes, filziges Kraut mit dünnen, weiß wuchernden Wurzeln um die wenigen Erdklümpchen klammerte, die sich in den Fugen zwischen Betonplatten, unter Schotter oder in Ritzen zwischen Wege und Häuser verfangen hatten. Wer konnte schon wissen, welcher übel gelaunte Windstoß diese Klümpchen einst an ihre finsteren Ruhestätten gefegt hatte. Sie blieben der einzig nahrhafte Schmutz. Das selbe Kraut kroch an verschiedenen Fassaden mutig in die Senkrechte, so wie Schimmel, der sich seinen Weg bahnte. Bis sich der Putz in großen, pelzig befallenen Stücken von dem Mauerwerk löste und eine offene Stelle, wie eine frische Läsion, zurückließ. Und da lag er dann zu Füßen des Hauses, dem diese Wunde zugefügt worden war, als der abgeblätterte, ekelhaft grünliche Schorf, der einmal Teil von etwas wertvollem gewesen war und nun nur mehr abgestorbene Materie. Es lag an der Säure, die in der Luft hing. Die sich den Menschen und Tieren sofort wie faseriger Schleim auf die Lungen legte, selbst wenn diese noch so kurz in der ungeschützten Atmosphäre der Straße verweilten, und auf ihren Zungen ein Knistern wie von Brausepulver aufschäumen ließ, mal mehr, mal weniger und doch beständig. Die Säure sickerte in den Beton, in die Minerale, in Holz und Metall und ließ die Bausubstanz von innen heraus und oft lange unerkannt morsch werden. Die Stadt fraß sich vor seinen Augen selbst auf. Die Straßen waren leer und dadurch umso trostloser. Aber natürlich waren um ihn herum Menschen und Tiere, die nur eben in diesem Moment bevorzugten so wenig gesehen zu werden wie er selbst. Fast wünschte er, einen kurzen Blick auf einen Nachbarn erhaschen zu können, der mit gehetzten Schritten über das Pflaster der Wege sprang, um so rasch wie möglich wieder in einem der dunklen Hauseingänge zu verschwinden. Oder einen der halbwilden Hunde, die in der Stadt niemandem mehr gehörten seit Haustiere zu einem kaum erschwinglichen Luxusgut geworden waren und die nun in unterschiedlich großen Rudeln ihre jeweiligen Territorien behaupteten. Sie fraßen was sie fanden und weil dies üblicherweise mehr Müll als wirkliche Nahrung war, hatte dies zumindest den Effekt, dass die Wege insofern sauber und begehbar blieben und sich die Anzahl an Tieren selbst regulierte.
Es rührte nicht daher, dass Charlie sich einsam fühlte. Es war nur von Zeit zu Zeit erfreulich, einen Beweis dafür zu erhalten, dass man nicht allein zurück geblieben war auf dieser Welt. Dass sich die Stadt nicht geleert hatte, ohne dass man es selbst mitbekommen hätte, und dass bis auf weiteres eben alles so weiter lief, wie man es kannte und gewohnt war. Die Bewohner traten nun einmal nicht sehr häufig miteinander in Kontakt. Es konnte daher nie ganz ausgeschlossen werden, dass das Ende aller Tage begonnen hatte und man einfach die Information darüber noch nicht erhalten hatte.
Er wandte sich ab von seinem Fenster und querte den Raum. Es war dunkel, wie üblich, da seit Monaten nur ausgesprochen selten Sonnenstrahlen ihren Weg bis hinab auf die sehnsüchtig wartende, ausgehungerte Erde fanden. Die während eines solchen raren Augenblicks dann jedoch mittels eines Aufgebotes größter Kräfte wie gleißende Lanzen die graue Wand durchstießen, in einem beinahe heroischen Akt, der Ehrfurcht in jedem säte, der davon Zeuge werden durfte. Der Himmel war ein zäher, dickflüssiger Brei, anders konnte man ihn kaum mehr beschreiben. Und er brachte nichts außer Schatten, säuerlich schmeckendem Regen und gelegentlichen Schauern von schmutzig weißen Flöckchen, die nicht schmolzen und deren Ursprung nicht bekannt war. Genauso wenig wie der Grund der unauflöslichen und unaufhörlichen Bewölkung, die alle Jahreszeiten vereinheitlichte und alle Lebewesen in einem orientierungsbefreiten Schwebezustand zwischen den dahinsiechenden Wochen hielt. Er schaltete im Vorübergehen die Lampe auf einem runden, hölzernen Tischchen an, die neben einer kleinen Menora ihren Platz gefunden hatte, und betrachtete sein eigenes Bild in dem altmodischen, goldgerahmten Spiegel an der von feinen Rissen durchzogenen Wand des schmalen Flurs. Das Licht der Lampe erhellte nur eine Seite seines Gesichtes teilweise, so dass sich in der Reflexion seines Selbst eine Vielzahl von Schatten über seine dunkle Haut legte. Mit den Fingerspitzen fuhr er vorsichtig über seinen Afro, bis hinauf an die Stelle, an der er seine Kippa trug, die fast versunken zwischen seinen dichten Haaren lag, prüfte ihren Sitz und strich dann sanft über seine kurzen Schläfenlocken, um sie sorgsam vom übrigen Haar zu trennen.
Draußen hatte es begonnen zu regnen und Charlie ließ noch einmal einen kurzen, müden Blick über die nun fleckig grauen Straßen schweifen, bevor er großformatige Baupläne und technische Zeichnungen, die kreuz und quer über dem riesigen Schreibtisch verteilt lagen, zusammenraffte und in einem ordentlichen Stapel am Rand der Tischplatte ablegte. Dieser Raum war um seinen Schreibtisch, der den Großteil der Fläche einnahm, herum organisiert und der Raum selbst war das Herzstück seiner Wohnung. Denn hier befand sich nicht nur eine kleine Zeile mit wild und uneinheitlich zusammen gewürfelten, fast altertümlich anmutenden Küchengeräten, sondern auf der gegenüberliegenden Seite auch die schmale Pritsche, auf der er schlief. Bis auf den dunklen Flur und ein kleines, aufgrund einer fehlenden Wärmequelle nicht anders als durch Warmwasser zu beheizendes Badezimmer, hatte er keine weiteren Räumlichkeiten zur Verfügung. Es kam Charlie nicht in den Sinn, sich jemals zu beklagen, denn die Wohnung war für ihn völlig ausreichend. Die meisten seiner Bedürfnisse konnte er ohnehin in seinem Hauptraum befriedigen, wozu also hätte er mehr gebraucht. Er hatte zudem einen sehr anständigen Vermieter gefunden, der ihm gänzlich seine Ruhe ließ und die Miete seit seinem Einzug nicht mehr erhöht hatte, auch dies war ja noch ein weiterer erfreulicher Aspekt seiner Wohnsituation. Er wusste eigentlich auch gar nicht, ob sein Vermieter noch lebte oder nicht, war ihm einmal aufgefallen. Denn er hatte ihn nur einmal zu seinem Einzug gesehen und seither nie wieder. Aber was konnte man da machen?
Charlie holte aus dem Kochbereich des Raumes eine Schüssel mit Gemüse und einen Korb mit weiteren Lebensmitteln und setzte sich an den Schreibtisch. Er wurde langsam hungrig und wusste, dass er noch kleinere Vorbereitungen treffen musste, bevor er beginnen konnte zu kochen. Die Zutaten, die er verwenden wollte, reihte er ordentlich vor sich auf und war bereits währenddessen darauf bedacht das Gemüse und die Verpackungen so zu sich zu drehen, dass ein Strichcode auf einem Etikett oder eingelasert in die Schale gut sichtbar war. Nachdem er die App DataGourmet auf seinem Smartphone geöffnet hatte, las er nach und nach die Codes ein. Sobald die Zutat erkannt worden war, erschien eine gut strukturierte Übersicht, aus der er entnehmen konnte, wo das Produkt angebaut und verarbeitet worden war und in welchem Ausmaß mit den Top 50 folgenreichsten Giftstoffen und recht allgemein mit Mikroplastikanteilen zu rechnen war. Er verfolgte die Entwicklung ganz interessiert aus einer eigenen Neigung zu Statistiken und Diagrammen heraus und versuchte daher im Großen und Ganzen seine Nahrungszufuhr immer auf die gleichen Lebensmittel zu beschränken. Die Belastung schwankte von Woche zu Woche, aber noch war kein eindeutiger Trend nach oben zu erkennen und das war doch schon ein beruhigender Gedanke. Den Entwicklern der App zollte er bei jeder Verwendung aufs Neue gedanklich seinen tiefen Respekt, denn ihre Funktionen waren gut durchdacht und machten die Anwendung tatsächlich nützlich und gewinnbringend. Er trug ein, in welcher Menge er die jeweilige Zutat verwenden wollte, gab an, wie er sie verarbeiten würde, und erhielt am Ende eine Zusammenfassung und Bewertung seiner angestrebten Mahlzeit. Er konnte zufrieden sein. Sein Rezept wurde in seinen Auswirkungen noch als gut eingestuft und auch nachdem er die Gesamtbelastung dieser Mahlzeit auf seinen tagesaktuell bereits akkumulierten Belastungswert addieren ließ und den neuen Datensatz abspeicherte, war er noch auf der sicheren Seite und wurde mit dem Symbol eines grünen, nach oben gerichteten Daumens belohnt. Noch keine Grenzwerte überschritten an diesem Tag.
Der interessierte Nutzer konnte in der Auswertung bis an den Tag zurück reisen, an dem er die Datenerfassung begonnen hatte. So zog sich eine entsprechende Linie über das Display für den aktuellen Tag, den begonnenen Monat, das vergangene Quartal, Jahr, drei Jahre, fünf Jahre bis hin zum Gesamtzeitraum. Fast wie bei der Auskunft über die Börsendaten, wenn man so wollte, wobei natürlich an der Börse niemand möglichst niedrige Werte bevorzugte. Ein bisschen Zocken gehörte wohl immer mit dazu, egal in welchem Bereich des Lebens. Der Gedanke an die Datenbank, die im Hintergrund mit der App verknüpft sein musste, ließ Charlie wohlig erschauern. Sie musste so umfangreich sein, so gut und sinnig gepflegt, so wunderschön. Der Ursprung dieser Daten lag natürlich weiter zurück als die Entwicklung der App. Er fand sich in einem Transparenzgesetz, das die Produzenten und auch die Zwischenhändler von rein in Europa hergestellten Lebensmitteln zu umfangreichen Analysen und Kontrollen, zu Übermittlung der Ergebnisse und Kenntlichmachung der Produkte selbst zwang und bewehrt war mit empfindlichen Geld- wie auch häufig genug drastischen Freiheitsstrafen. Es war nach den ersten aufgedeckten Skandalen mit Todesfolge deutlich nachgeschärft worden. Denn wie eine Blumenzwiebel, die unsichtbar unter der Erde liegt, unter Umständen nicht nur einen einzigen ersehnten Spross hervorbringen kann, der geradlinig nach oben strebt, sondern auf verzweigten Pfaden mehrere unterschiedliche Triebe, die an verschiedenen Stellen die Erde durchbrechen und zum Vorschein kommen, so hatte auch das Gesetz zunächst neben den angeordneten Kontrollen auch zu Betrug und Fälschung geführt und viele zwielichtige Gestalten auf den Plan gerufen. Nachdem die ersten arglosen Bürger sich versehentlich mit umetikettierten Lebensmitteln, die sie ganz unbedarft in zu großen Mengen konsumiert hatten, selbst vergiftet hatten, waren für viele Beobachter überraschend die entsprechenden Überwachungseinheiten in den Behörden massiv personell aufgestockt und Sanktionen ernsthaft umgesetzt worden.
So hatte sich der Lebensmittelmarkt bald aufgespalten. Denn die Kontrolle und Dokumentation betraf ja nur rein europäische Erzeugnisse und konnte nicht auf eingeführte Waren angewandt werden. Rasch entstanden staatlich lizenzierte Handlungen, die entsprechend stark kontrolliert und abgesichert die Produkte zu folglich erhöhten Preisen anboten. Hier kaufte auch Charlie ein, denn er konnte es sich noch leisten und er brauchte seinen Körper und Verstand in möglichst guter Verfassung, möglichst leistungsstark und verlässlich, so dass er sich geschworen hatte, bei den Lebensmitteln, die er sich zur Aufrechterhaltung dieses Zustandes zuführte, erst als letztmögliche Option, als finaler Ausweg einzusparen. Die Raumtemperatur konnte er reduzieren, auf Kleidung legte er ohnehin keinen übersteigerten Wert, seine Wohngegend war nur äußerst zurückhaltend elegant und er verzichtete vollständig auf Reisen, aber seine Nahrungsmittel durften ihn nicht schädigen.
Daneben gab es die nicht-lizenzierten, günstigeren Geschäfte, die weniger Kontrollen unterlagen und eine bunte, aufregende Palette nach Europa importierter Güter anboten. Manche Hersteller machten auf freiwilliger Basis Angaben zur Schadstoffbelastung, doch diesen konnte man nur bedingt vertrauen und überprüfen konnte man sie ohnehin nicht. Es war dennoch ein großes Geschäft, denn viele Kunden griffen trotz allem zu diesen Produkten, nicht vollständig überzeugt zwar aber mit einem besseren Gefühl, das aus der Tatsache resultierte, dass sie doch eigentlich gerne glauben wollten. Besonders verlockend scheinende Angebote waren allerdings nur mit Vorsicht zu genießen und es war nie von Nachteil gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Denn hinter preiswertem Reis verbarg sich oft Kunststoffgranulat, vorgekochter, portionierter Spinat erwies sich genauso als gewöhnlicher Gartenabfall wie so manches Pesto und es war immer, immer ratsam von Tütensuppen die Finger zu lassen. Diese Geschäfte wurden von einer sehr heterogenen Gruppe aufgesucht: Von Menschen, die sich ausnahmsweise in einer wirtschaftlich schwierigen Phase befanden, von Gelegenheitskunden, die ihre Teller zu besonderen Anlässen, zu Jahrestagen oder hohen Geburtstagen, mit ein wenig mehr Exotik schmücken wollten, als die europäische Landwirtschaft üblicherweise hervorbringen konnte, von solchen die sich schon immer am Rand der Gesellschaft befunden hatten und immer dort verweilen würden und von Menschen, die leugneten, dass es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit geben könne und lizenzierte Handlungen als Firlefanz abtaten, in denen sich dumme Menschen reihenweise ausnehmen ließen.
Und dann gab es noch die armen Seelen, die schon so weit abgehängt worden waren, dass sie selbst den Rand der Gesellschaft noch tief ausfransten. Sie waren glücklicherweise wenige, aber es gab sie und diese bedauernswerten Menschen waren so befreit von jedem abstrakten Gedanken über einen gesunden Körper, so abgestumpft gegenüber Sorgen, die nicht das blanke Überleben selbst betrafen, so verzweifelt in ihrem Hunger, dass sie die herrenlosen Tiere in den Straßen der Stadt bejagten. Dies erwies sich regelmäßig als fatal, denn auch ihre Beute war üblicherweise bereits eher verendet als noch lebendig und dementsprechend schwer belastet. Das war nicht schön, aber es war jedem klar, dass dies nur ein einzelnes Symptom einer viel größeren Problematik darstellte, die nicht von heute auf morgen abgestellt werden konnte. Zumal mit dem Abstellen zunächst überhaupt erst hätte begonnen werden müssen.
Nach seinem Mahl griff Charlie nach einer Kunststoffflasche, die er neben seiner Pritsche aufbewahrte und verließ die Wohnung. Er schüttelte die klare Flüssigkeit, die sich darin befand, einige Male auf, während er langsam dem schummrigen, nur schwach grünlich beleuchteten und gänzlich fensterlosen Flur folgte. Denn kaum sichtbar hatte sich ein schleimiger Bodensatz gebildet, der sich nun in feine Schlieren auflöste. Der Flur war ein Kuriosum, denn nicht nur konnte niemand erklären, warum das Licht darin stets grünlich wirkte, noch wieso an seinen jeweiligen Enden in die Mauern keine Fenster eingelassen worden waren, wie es zu erwarten gewesen wäre. Es konnte auch nicht mehr sicher nachvollzogen werden, zu welchem Zweck genau dieser Flur mit weißen Fließen ausgelegt worden war, statt mit Linoleum wie die meisten anderen Flure des Hauses und erst recht nicht, wie es sein konnte, dass er aus mehr abgehenden Türen zu bestehen schien, als aus Wandstücken dazwischen. Die Bewohner hatten sich schnell an den Anblick gewöhnt und hinterfragten ihn nicht mehr, wie eine optische Täuschung, die man sich auch nach der dritten Erläuterung insgeheim immer noch nicht erschließen konnte, aber die allgemeingültige Erklärung hinnahm, dass die Wahrheit anders war als ihr Anschein vermuten ließ. Sein Weg führte ihn bis unter das Dach des Hauses und er setzte seine Schritte sehr vorsichtig auf die alten Holzbalken unter seinen Füßen, um sich nicht durch knarzende Laute oder womöglich in die Wohnung unter dem Boden leise hinab rieselndes Holzmehl zu verraten. Er wusste nicht, ob der Zugang unter die Schrägen erlaubt war, aber er nutzte diesen von allen anderen Bewohnern sonst unbeachteten Raum seit Monaten eifrig, nachdem er zufällig bemerkt hatte, dass die alte Tür, die den Zugang zur letzten Treppe hinauf versperren sollte, stets unverschlossen blieb. Zuvor hatte er noch in langen Gedankenspielen abgewägt, ob er das halb verrostete Schloss, das kein wirkliches Hindernis darstellte, aufbrechen sollte, und war erleichtert, als er feststellte, dass dies nicht nötig sein würde. Er war zugegebenermaßen wirklich kein Mensch, der gerne gegen Regeln verstieß, und noch viel weniger verfügte er über irgendeine Form krimineller Energie.
Das warme Licht der uralten Glühbirne, die hier an einem Kabel hängend als Zeuge vergangener Zeiten übrig geblieben war, funzelte matt durch die staubgetrübte Luft des Bodens, die wunderschön anzusehen war, sobald einer der seltenen, vereinzelten Lichtstrahlen das Dach traf und der durch Ritzen einfallende Schein sie glitzern ließ. Charlie atmete den Staub schwer ein und teilweise wieder aus, schritt wirbelnd durch ihn hindurch und spürte ihn beinahe wie einen Film auf seinem Gesicht, auf seinen Haaren und selbst seinen Wimpern. Es war der Staub, der die Luft zum Stehen brachte, der den Sauerstoff aus der Atmosphäre des Raumes zu fällen schien und ihm stattdessen den Geruch schlechter Erinnerungen angedeihen ließ. Und dennoch war dies hier der beste Ort, den Charlie sich nur irgendwie vorstellen konnte und er frohlockte über jeden weiteren Tag, an dem sein Handeln unentdeckt blieb. Dass dies bislang geglückt war, wirkte auf ihn umso erstaunlicher je tiefer er in den Raum vordrang. Denn ein leises Summen, das zunächst noch für das Resultat irgendeiner technischen Leitung hätte gehalten werden können, die hier unsichtbar verlief, schwoll Meter für Meter weiter an bis es eine eindrucksvolle Lautstärke erreicht hatte und jedes noch so winzige Partikel um sich herum zu zittern gebracht zu haben schien. Dennoch: Schwächer als er erhofft hatte und es erinnerte. Charlie durchschritt eine provisorische Schleuse aus zwei langen Vorhängen zusammengeklebter Bahnen Plastikfolie, die den hinteren Teil des Bodens abtrennte. Und dann stand er mit einem Schlag mitten in seinem geliebten Schwarm, wurde ununterbrochen angeflogen, auch gestochen, und war dennoch glücklich. Das vibrierende Geräusch direkt um den Bienenstock war noch einmal lauter als vor der Schleuse und er war erneut verwundert, dass sich niemand in den Wohnungen unter ihm daran zu stören schien.
Doch nach dem ersten aufwallenden Glücksgefühl entfuhr ihm ein tiefer Seufzer der Erschütterung und Gram legte sich über sein noch fast jugendliches Gesicht. Das Elend der Insekten auf den Straßen der Stadt, in der verpesteten Luft ihres grauen Leibes, setzte sich auch hier in seinem geheimen Refugium fort, das er allein für die Bienen geschaffen hatte. So fand er wie an jedem Tag wieder zahlreiche gestreifte Kameraden auf dem Rücken liegend vor, den Augenblick für immer eingefroren, in dem sie ihre dünnen Beinchen schmerzerfüllt zitternd von sich gestreckt hatten, während sie mit einem letzten Hauch ihren Lebensgeist ausgeatmet hatten. Charlie senkte den Kopf und gedachte ihrer. Doch dann musste er sich den Lebenden widmen, er befüllte eine kleine Schüssel mit der Nährlösung aus seiner Flasche und begutachtete den Zustand des Stocks. Seine Bienen wurden von Tag zu Tag schwächer und es brach ihm fast das Herz sie so zu sehen, er glaubte ihre Erschöpfung, die so sichtbar an ihnen zehrte, beinahe selbst in seinem Körper spüren zu können. Sie bewegten sich nur mehr langsam, behäbig und kraftlos, bewegten mutlos ihre Flügel und längst nicht alle, die vor Wochen noch arbeitsam gewesen waren, schwärmten nun noch aus. Die Zeit lief ihnen davon, ihm und den Bienen. Während er die Toten einsammelte, wusste er, dass er nicht länger würde warten können. Es musste etwas geschehen. Es war ja schon beinahe ein Wunder, dass sein Versuch die Bienen unter dem Dach zu halten, bislang geglückt war. Es hatte Wochen gedauert sie überhaupt aufzuspüren. In der Stadt fanden sich seit Jahren kaum mehr Insekten, zumindest nur noch sehr wenige Nützlinge. Sowie sich eine Biene zwischen die Häuserzeilen verirrt hatte, regnete sie beinahe zuverlässig noch vor dem Zentrum erledigt vom Himmel. Besonders grauenvoll war ein jährliches Spektakel in den Wochen zwischen spätem Frühling und Sommer, wenn ungünstige Strömungen und hinterlistige Luftdruckunterschiede zwischen urbanem und ländlichem Raum kleine, in der Schwebe zittrig tanzende Inseln aus tausenden beflügelten Kreaturen aller Arten in die schmutzigen Flüsse der Straßen schwemmten. Das Schicksal der Tiere war besiegelt und es dauerte nicht lange, bevor sie an ihrem eigenen verpesteten Atem erstickten und ihre filigranen Leiber vom Himmel schauerten. Teilnahmslose Windstöße spülten ihre armen, toten Körper über den Asphalt in die Schlaglöcher und ließen diese so zu schrecklichen Pfützen anwachsen, die von Reinigungskräften mit stumpfen Gesichtern weg gekehrt wurden, während Passanten, die Zeuge hiervon wurden, daneben standen und weinten. Hätte er diese Tragödie doch nur einmal verhindern können!
Lange hatte Charlie sich für seine Berechnungen mit einzelnen Bienen begnügen können, die er Woche für Woche wieder auf dem Land gefangen und somit entführt hatte, mit gequältem Gewissen und in der Überzeugung, dass ihr großes Opfer letztendlich einem Zweck dienen würde, der es wert war zu sterben. Doch schließlich musste der wirkliche Prototyp gebaut werden und er brauchte mehr. Er hatte die Wälder durchstreift, die er am leichtesten erreichen konnte, hatte zwischen den Bäumen geschlafen, sogar das Wasser aus einem Bachlauf getrunken als es unabwendbar wurde, wenngleich es auch dann widerlich blieb. Und dann hatte er sie gefunden, in einem viel besseren Zustand, viel vitaler, als er es sich je hätte träumen lassen. Er hatte sie geduldig für seinen Plan optimiert, nicht weil sie nicht schon perfekt gewesen waren wie die Natur in ihrer Weisheit sie erschaffen hatte, sondern weil er wusste, dass es schlicht notwendig war. Durch verschiedene gut dokumentierte Einkreuzungen hatte er schließlich erreicht, dass das Volk sowohl aus tag- als auch aus nachtaktiven Mitgliedern bestand, die sich in Ruhe- und Flugzeiten abwechselten. Seither hatte er sie gehütet wie seinen Augapfel, hatte versucht ihnen alles zu geben, was sie brauchten und drohte nun doch zu scheitern.
„Haltet durch“, sprach er zu ihnen, bevor er sich mit traurigem Blick von ihnen abwandte und sich wieder allein in seiner Wohnung einschloss.
Das rote Licht schreckte ihn auf wie das warnende Blinken eines Signals am Bahnübergang und riss ihn aus seinen Gedanken, wie das Makrofon der Lokomotive, dessen lauter, nebelhornartiger Klang den Zug ankündigte, der alsbald die Straße queren sollte. Es dauerte eine Weile bis sich ein neuer Gedanke in der plötzlich entstandenen Leere formte, während der er unbewegt mitten im Raum stand und mit offenem Mund die kleine Birne anstarrte. Das Licht… Konnte es sein? Kurz nach seinem Einzug in das Haus hatte Charlie eine winzige Lichtschranke und einen Sender an der Innenseite seines Briefkastens montiert, direkt hinter dem Einwurf, und erfolgreich auf zwei Empfänger eingestellt. Einer davon befand sich in seiner Werkstatt, der zweite in der Wohnung, und beide informierten ihn mit ihrem roten Schimmer über eine soeben stattgefundene Aktivität des Postboten, die seine Adresse betraf. Da er meist an einem der beiden Orte zugange war, erreichte ihn diese Tatsache recht zuverlässig und ersparte ihm überflüssige Wege bis hinunter in das unsinnig große und unterschwellig unheimliche Foyer des Hauses, an dessen einer Seite die Postfächer zweckmäßig und hässlich aufgetürmt worden waren.
