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Alejandro Rodriguez Escorial ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der üblicherweise das bekommt, was er haben will. Doch an dem smarten Kevin Bachmann beißt er sich fast die Zähne aus. Bis er einen Schwachpunkt in Kevins Vergangenheit entdeckt und beschließt, diesen eiskalt für seine Zwecke zu nutzen. Denn er will Kevin um jeden Preis.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Birgit Karliczek
© dead soft verlag, Mettingen 2012
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: M. Hanke
Motiv: © Yuri Arcurs – fotolia.com
1. Auflage
ISBN 978-3-943678-33-8 (print)
ISBN 978-3-943678-34-5 (epub)
Orte und Personen sind frei erfunden. Romanfiguren können darauf verzichten, im richtigen Leben gilt: safer sex!
Als Alejandro Rodriguez Escorial das Kieler Büro des Notars verließ, konnte er nur knapp ein Lächeln unterdrücken. Ja, das Geschäft war voll und ganz zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Zwar war das gerade erworbene Hotel etwas teurer als eingeplant gewesen, es würde diese Mehrausgaben allerdings bald wieder einbringen. Die Vorbesitzer, ein älteres Ehepaar, konnten sich von dem Erlös auf jeden Fall ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Sein in Deutschland tätiger Anwalt und Notar Dominik Müller würde die restlichen Formalitäten erledigen und überwachen.
Nun galt es, die Architekten mit den vorgesehenen Umbaumaßnahmen zu beauftragen. Das um 1900 erbaute Hotel lag am Rande des Stadtzentrums und bot einen wunderschönen Ausblick auf die Kieler Förde. Die große Eingangshalle war in hellem Marmor gehalten und wirkte einladend auf die Besucher. Die Zimmer waren allesamt großzügig eingerichtet und gaben ihren Bewohnern das Gefühl von Luxus. Was hier jedoch fehlte, waren eine Sauna und ein Wellness-Bereich. Das vorhandene kleine Fitness-Studio würde er umbauen und erweitern lassen. Gleiches galt für das hoteleigene Restaurant. Zwei weitere Pools waren vorgesehen, einer davon auf einer der oberen Terrassen. Genauso wie seine anderen Hotels würde auch dieses hier bald zu den Exklusivsten in Europa gehören.
Alejandro war es gewohnt zu bekommen, was er haben wollte. Der dreiunddreißigjährige Spanier besaß nicht nur die finanziellen Mittel hierzu, sondern auch eine gute Herkunft und hervorragende Umgangsformen. Mit einer Größe von einmeterfünfundachzig, schwarzen kurzen Haaren, tiefbraunen Augen und einer sportlichen Figur strahlte er zudem Eleganz und Macht aus. Eine Mischung, die nicht nur im Geschäftsleben von Vorteil war.
Als er das Notar-Gebäude verlassen hatte, stieg er in seinen Leihwagen ein und fuhr zu seinem neuen Hotel zurück, in dem er sich auch hatte einquartieren lassen. Die besten Ideen kamen ihm beim Essen; ein Mittagessen mit dem Hotelmanager und den Architekten war daher jetzt genau das Richtige.
Kevin und die anderen Teilnehmer der Veranstaltung verließen den Sitzungssaal des Hotels. Als Reiseleiter war er einiges gewöhnt, aber den ganzen Vormittag lang Vorträge über Gruppendynamik über sich ergehen zu lassen, war an ihm nicht spurlos vorbei gegangen. Wie den anderen stand auch ihm die Müdigkeit tief ins Gesicht geschrieben.
„Wenn das so weiter geht, wird es eine verdammt lange Woche werden“, grummelte Marcel.
„Dein Optimismus ist mal wieder grenzenlos“, bemerkte Anne.
Kevin lächelte. „Lasst uns was essen gehen, die Kost wird vermutlich leichter verdaulich sein als der Vortrag.“
Die drei besuchten eine internationale Fortbildungsveranstaltung für Reiseleiter in Kiel. Das Hotel, in dem sie untergebracht waren, gehörte zur gehobenen Klasse und das Restaurant bot einen herrlichen Ausblick auf das Meer. Kevin hatte sich sehr gefreut seine beiden Freunde und Berufskollegen nach längerer Zeit wieder in Fleisch und Blut zu sehen. Sie waren am gestrigen Tag angereist und hatten den Abend gemeinsam bei einem Glas Wein verbracht. Marcel kam aus München, Anne aus Paris. Da sie sich seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hatten und auch für E-Mails nur wenig Zeit geblieben war, hatten sich die drei viel zu erzählen, und es war spät geworden.
Die knappe Zeit brachte der Beruf mit sich. Kevin reiste viel, und wenn er nicht unterwegs war, arbeitete er als freier Mitarbeiter in einem Koblenzer Reisebüro oder verfasste Reiseberichte. Anne erging es nicht anders. Marcel hingegen überließ das Reisen bald anderen, denn in knapp vier Monaten würde er stolzer Vater eines kleinen Wesens sein. Jenny und er freuten sich auf ihren Nachwuchs und Marcel hatte angekündigt, nach der Geburt des Kindes mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu wollen. Manchmal fragte sich Kevin, wie Marcel überhaupt eine Frau wie Jenny hatte kennenlernen und gar heiraten können. Als sich die beiden Männer vor sechs Jahren auf einer Auslandsreise zum ersten Mal trafen, war Marcel der typische Junggeselle gewesen: immer auf Achse, frei wie ein Vogel und ein berüchtigter Frauenheld.
Anne wurde langsam ungeduldig und bugsierte ihre beiden Begleiter zielstrebig an einen freien Tisch. „Habt ihr euch eigentlich schon einen Namen für den Kleinen überlegt?“, fragte Anne, nachdem sie sich gesetzt hatten.
Es war offensichtlich, dass Marcel auf diese Frage gewartet hatte, seine Augen strahlten förmlich. „Also, wenn es ein Mädchen wird, wollen wir sie Laura nennen. Bei einem Jungen sind wir uns noch nicht einig geworden. Jenny gefällt der Name Julian, mir wäre Barnabas lieber.“
Kevin und Anne wechselten einen besorgten Blick, manchmal hatte Marcel wirklich katastrophale Vorstellungen. Und nun waren sie auf gefährliches Eis gelaufen, denn Marcel würde an ihnen seine Überredungskünste testen.
„Wenn du später mit deinem Kind ein friedvolles Leben ohne Vorwürfe haben möchtest, dann nennt den Jungen Julian“, sagte Kevin. Er konnte sich daran erinnern, dass der Schäferhund seines verstorbenen Großvaters den Namen Barnabas getragen hatte. Zu dem gutmütigen und ruhigen Tier hatte der Name auch gepasst, aber einem Säugling im einundzwanzigsten Jahrhundert einen solchen Namen zu geben, grenzte, seiner Meinung nach, an eine seelische Folter. Anne war offensichtlich seiner Meinung, denn ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.
„Ich weiß gar nicht, was ihr habt, das ist ein ganz normaler Name“, begehrte Marcel auf.
Kevin und Anne wussten aus Erfahrung, dass es aussichtslos war, mit Marcel zu diskutieren. Diesen Kampf musste Jenny alleine austragen, und wie Kevin sie kannte, würde sie als Siegerin hervorgehen.
Zum Glück kam in diesem Moment die Bedienung an ihren Tisch und nahm ihre Bestellung auf. Kevin nutzte die Gelegenheit, um das Thema zu wechseln. „Habe ich euch eigentlich schon gesagt, dass ich jetzt zeitweise als Hoteltester arbeite?“
„Wie?“, sprang Anne sofort auf sein Ausweichmanöver an. „Ich dachte, du arbeitest nebenher noch im Reisebüro und als Autor?“
„Arbeite ich auch weiterhin. Ein Unternehmen hat mich vor Kurzem angesprochen und nachgefragt, ob ich für sie Hotels testen und auch Tagesreisen und Reiserouten ausarbeiten könnte. Naja, da habe ich zugesagt.“
„Super, so etwas kann auch nur dir passieren, du Glückspilz“, meinte Marcel überrascht. „Das klingt nach einem Traumjob. Wann geht’s denn los und vor allem, wohin?“ Marcels Reisefieber war ungebrochen. Es stand außer Frage, dass ihn, sobald Frau und Kind reisefähig waren, wieder das Fernweh ergreifen und er mit seiner Familie die schönsten Orte der Welt erkunden würde.
„In einem Monat geht es nach Paris, danach nach London. Wenn ich wieder zurück bin, arbeite ich eine Reiseroute in Spanien aus. Mal sehen, was danach kommt“, antwortete Kevin.
„Und was sagt Matthias dazu?“, kam es von Anne. Auch Marcel sah ihn fragend an.
„Das geht ihn nichts mehr an“, sagte Kevin kurz angebunden und betrachtete dabei abweisend den Fisch auf seinem Teller. Er wollte jetzt nicht über seinen ehemaligen Gefährten und die Probleme vor seiner Ankunft sprechen. Offensichtlich war sein Wunsch seinen Freunden nicht entgangen. Zwar blickten sich die zwei kurz verunsichert an, gingen aber nicht näher auf das Thema ein. Kevin war ihnen dafür dankbar. Er wusste, dass er mit Anne und Marcel über alles reden konnte, wenn er es wollte. Und die beiden wussten, dass er sich ihnen zu gegebener Zeit anvertrauen würde. Das war mit das Besondere an ihrer Freundschaft. Sie konnten einander alles anvertrauen, und wenn sie sich auch manchmal wochen- oder gar monatelang nicht sahen, wieder dort anknüpfen, wo sie zuletzt aufgehört hatten.
Während des Essens unterhielten sie sich über verschiedene Länder, Menschen und Kulturen. Ein Thema, das ihnen nie langweilig wurde.
Alejandro bestellte gerade einen Kaffee, als er seinen Blick wiederholt zu der Dreiergruppe neben sich schweifen ließ. Da sich die Gäste auf Englisch unterhielten, konnte er ihrem Gespräch folgen. Normalerweise gehörte er nicht zu der Art von Menschen, die gerne lauschten, aber irgendetwas reizte ihn bei der Gruppe dazu. Dabei war weniger das Gespräch selbst der Anreiz, es war viel mehr einer der beiden Männer, welcher seine Aufmerksamkeit erregte. Er war ihm bereits aufgefallen, als er das Restaurant betreten hatte. Der junge Mann war etwas kleiner als er selbst, hatte hellbraunes Haar, einen schlanken Körper und unendlich lange Beine. Aber das Faszinierendste waren die braunen rehgleichen Augen und seine Gesichtszüge. Alejandro fiel es schwer, sich auf das Gespräch mit den Architekten zu konzentrieren und seine Konzentration wurde nicht gerade dadurch gefördert, dass sich die Gruppe direkt an einen der Nachbartische gesetzt hatte.
Immer wieder tat er so, als schaue er aus dem Fenster auf das Meer, doch tatsächlich blickte er in das Gesicht dieses Mannes, dessen Namen er leider nicht verstanden hatte.
„Was halten Sie von dieser Idee, Mr. Escorial?“
Die Frage des Hotelmanagers holte Alejandro an seinen Tisch zurück. Mittlerweile reagierte er ganz gut darauf, nur mit dem zweiten Teil seines Nachnamens, den er von seiner Mutter geerbt hatte, angesprochen zu werden, denn in Deutschland waren Doppelnamen bei Männern wohl eher unüblich.
Verdammt, dachte Alejandro bei sich, du solltest mit deinem Kopf bei den Planungen sein und nicht am Nachbartisch. „Entschuldigen Sie bitte, Mr. Klein, ich war gerade mit meinen Gedanken woanders. Was hatten Sie gesagt?“
„Die geplante Poolanlage. Eine der Dachterrassen ist so groß, dass neben dem Pool noch genügend Platz für eine Bar wäre. Wenn man einen Teil der Außenwand durch Glas ersetzen würde, hätte man einen besonders schönen Blick über die Stadt“, wiederholte der Manager.
„Das wäre durchaus umsetzbar“, erörterte der Ältere der beiden Architekten. „Wenn zusätzlich das Dach und die Terrassentür durch transparente Schiebeelemente ersetzt werden, kann die Trennwand zum Schwimmbecken hin mit einer Steinwand blickdicht abgeschlossen werden, ohne dass man das Gefühl von Enge bekäme. Allerdings sollten dann Pool und Bar nach vorne noch etwas Freifläche haben, damit die Gäste auch die Möglichkeit haben draußen zu sitzen.“
Alejandro überlegte kurz. „Die Idee gefällt mir. Arbeiten Sie mir hierzu bitte mehrere Gestaltungsmöglichkeiten aus“, erklärte er an die Architekten gewandt. „Außerdem möchte ich, dass die vorhandenen Terrassentüren in allen Zimmern mit Balkon durch Schiebeelemente ersetzt werden. Das Restaurant bekommt ebenfalls eine neue Verglasung. Die Mittelwand soll rausgerissen werden, ebenso der Toilettenbereich. Planen Sie den Raum so, dass er gut zu überblicken ist, aber gleichzeitig die Privatsphäre an den einzelnen Tischen gewahrt bleibt. Keine hohen Wände, lediglich mittelhohe Mauern. Und diese fürchterliche Wandverkleidung da hinten kommt auch weg. Ersetzen Sie sie durch ein Aquarium.“ Die Liste ging immer weiter. Während sich der ältere Architekt die Wünsche seines Mandanten geduldig aufschrieb, schien der andere Schwierigkeiten zu haben, Alejandro zu folgen. Sein Pech, er wiederholte sich nicht gerne.
Während sich die Architekten verabschiedeten, bat Alejandro den Hotelmanager noch einen Augenblick zu warten. Es entging ihm nicht, dass sich der Mann daraufhin verspannte, weshalb er sofort zum Thema kam, als sie alleine am Tisch saßen. „Um Ihre unausgesprochene Frage zu beantworten: Nein, ich beabsichtige nicht das Hotelpersonal zu entlassen.“
Sofort entspannte sich sein Gegenüber merklich.
Alejandro fuhr fort: „Im Laufe der Woche werden Sie sich mit einer Bekleidungsfirma beraten, deren Adresse ich Ihnen später noch geben werde. Die Bediensteten in meinen Hotels tragen alle Dienstuniformen. Die vorläufige Auswahl der einzelnen Kombinationen für die jeweiligen Einsatzbereiche überlasse ich Ihnen.“ Danach erhob sich Alejandro und verabschiedete den Manager. „Und falls Sie noch weitere Ideen wie die von eben haben, teilen Sie sie mir bitte mit.“
Robert Klein verließ das Restaurant entgegen seiner Gewohnheit durch die Küche. Dabei warf er dem Personal ein Lächeln zu und nickte kurz. In kurzer Zeit würde das gesamte Hotelpersonal darüber informiert sein, dass sie ihre Jobs behalten konnten. Die Anspannung der letzten Wochen wäre dann endlich vorbei. Er hatte von der Härte und der Unnachgiebigkeit dieses Alejandro Rodriguez Escorial gehört. Wie eine Zusammenarbeit mit dem Mann funktionieren sollte, hatte er sich bisher nicht vorstellen können. Jetzt wusste er, dass Rodriguez Escorial viel verlangte. Es hieß aber auch, er sei ein fairer Mann. „Mal sehen, was kommt“, grummelte er leise in sich hinein.
Nachdem Alejandro den Hotelmanager aus dem Gespräch entlassen hatte, schaute er erneut zum Nachbartisch. Er war verwaist.
An diesem Abend fand vor der Hotelanlage eine Strandfeier statt. Anne, Kevin und Marcel hatten sich bereits einen Platz ausgesucht, von dem aus alles gut zu überblicken war. Die Anzüge vom Tag hatten sie gegen bequeme Jeans und Pullover eingetauscht. Nun saßen die Freunde auf großen schwarzen Kissen im beigen Sand, tranken leckere Cocktails und schauten auf das Meer hinaus. Eine leichte Brise wehte vom Wasser her und am Horizont konnte man noch die Segel einiger Boote erkennen. Ganz in der Nähe waren Kinder zu hören, die ihrem entflogenen Drachen nachjagten.
„Was würde ich darum geben, jeden Abend so am Meer sitzen und den Sonnenuntergang genießen zu können“, seufzte Kevin.
Anne schien der Gedanke zu gefallen. „Ja, das wäre schön. Es ist schon komisch. Da reisen wir mit Gruppen durch die halbe Welt, haben die schönsten Städte gesehen und doch zieht es uns immer wieder an ruhige Orte wie diesen.“ Sie folgte Kevins Blick über das Wasser und band sich dann die Haare zu einem Zopf zusammen.
„Nicht, lass deine Haare offen, das steht dir viel besser“, protestierte Marcel energisch, als er bemerkte, was Anne da tat. Und damit hatte er recht, wie Anne wusste. Sie hatte eine blonde Lockenpracht, die ihr in großen Wellen über die Schultern fiel, ein fein geschnittenes Gesicht mit einem sinnlichen Mund, glasklare blaue Augen und eine zierliche Figur.
„Ich möchte aber gerne meine Umgebung sehen und das geht schlecht mit offenen Haaren bei dem Wind.“
„Wieso? Ich trage mein Haar doch auch offen“, sagte Marcel und fuhr sich währenddessen mit der rechten Hand über den Kopf.
„Fünf-Millimeter-Frisuren zählen nicht“, entgegnete Kevin, der mit seinen Haaren ähnliche Probleme hatte wie Anne, nur dass er sie nicht zusammenbinden konnte.
„Du bist doch nur neidisch auf mich“, kam auch prompt die Antwort. Marcel war mit seinen dunkelbraunen Haaren, den grauen Augen in dem etwas runden Gesicht und der stattlichen Figur eine angenehme Erscheinung, allerdings hatte er in letzter Zeit sein Schwimmtraining vernachlässigt, was nicht ganz zu übersehen war.
„Nur auf deine gebräunte Haut.“
„Aber natürlich!“
„Wirklich, aber bei dem südländischen Kerl dort drüben, da könnte man neidisch werden. Vor allem …“, schwärmte Kevin neckend und deutete dabei auf einen am Eingang zur Bar stehenden Mann.
„Ist ja schon gut“, unterbrach ihn Marcel gespielt beleidigt und drehte demonstrativ seinen Kopf zur Seite. „Ich habe schon verstanden.“
„Ihr zwei benehmt euch wie Teenager, und noch dazu wie weibliche“, ging Anne lachend dazwischen.
„Bei mir ist das nicht so schlimm, aber bei Marcel. Bist du wirklich sicher hetero zu sein?“, fragte Kevin seinen Freund.
„Frag das mal meine Frau“, konterte Marcel schmunzelnd. Immerhin hatte er sich wieder zu ihnen umgedreht.
„Hast recht. Wenn du Vater wirst und nur noch Augen für Jenny hast, abgesehen von meinen Haaren, dann muss es wohl so sein“, überlegte Anne laut.
„Ich glaube, ich brauche ein Taschentuch“, jammerte Kevin und warf Anne dabei einen mitleiderregenden Blick zu. „Aber sagt meinem Chef bloß nichts davon, er würde mir sonst vor jeder Reise noch heimlich eine Packung Küchenrolle einpacken.“
Keiner der drei konnte sich das Lachen länger verkneifen.
Kevin genoss den Abend sichtlich, nach so langer Zeit konnte er sich endlich wieder entspannen. Das letzte Jahr war anstrengend gewesen. Sein Privatleben hatte kopfgestanden und er hatte sich in die Arbeit gestürzt, um sich abzulenken. Aber darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Der Abend war zu schön, um ihn sich mit Erinnerungen an Vergangenes zu verderben.
„Also, ich gehe mir noch etwas zu trinken holen. Wollt ihr auch noch was?“
„Ja, ein Bier wäre jetzt nicht verkehrt“, gab Marcel seine Bestellung auf.
„Für mich bitte noch eine Pina Colada“, sagte Anne und schwenkte dabei kurz mit ihrem leeren Glas. Kevin nahm es ihr ab und ging hinüber zum Eingang der Bar.
Alejandro lehnte am Türrahmen und beobachtete den jungen Mann vom Mittagessen, der sich nun von seiner Gruppe absonderte und mit drei leeren Gläsern in den Händen geradewegs auf ihn zukam. Er drehte sich etwas zur Seite, um den Mann durchzulassen, und ließ dabei kurz anerkennend seine Augen über dessen Körper schweifen. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Die rehbraunen Augen lachten ihn an und er konnte einen leicht schelmischen Glanz darin erkennen. Die Erkenntnis verschlug ihm fast den Atem, nicht nur er hatte den jungen Mann von oben bis unten quasi mit den Augen verschlungen, sondern der junge Mann ihn ebenso.
Und der Ausdruck in ihren Augen verriet beiden, dass sie vom jeweils anderen dabei ertappt worden waren. Dennoch war es kein unangenehmes Gefühl, es war eher anregend.
Allerdings verging dieser Augenblick, nach Alejandros Meinung, viel zu schnell. Der Unbekannte hatte keinen Grund länger als nötig in der Tür neben ihm zu verweilen und so drehte er sich, nachdem er an Alejandro vorbeigegangen war, von ihm weg.
Kevin lief weiter zum Tresen und bestellte die Getränke – ein Bier, eine Pina Colada und einen Mojito. Während er dort stand und wartete, konnte er die Blicke des Fremden in seinem Rücken spüren. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, allerdings widerstand er der Versuchung sich umzudrehen und erneut den Blicken des Südländers zu begegnen.
Verdammt, sieht der gut aus, ging es Kevin durch den Kopf. Der Fremde war mindestens eins achzig groß, hatte kurze schwarze Haare und dunkelbraune Augen. Er trug eine schwarze Hose und ein weißes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt waren. Die Unterarme waren muskulös und seine großen Hände endeten in langen schlanken Fingern. Der olivfarbene Teint hob ihn deutlich von den weißen Europäern hervor und durch sein gepflegtes Äußeres zog er zudem das Interesse vieler weiblicher Wesen auf sich.
Aber Aussehen war nicht alles, wie Kevin wusste. Matthias sah ebenfalls gut aus, aber er hätte nie gedacht, mit ihm solch eine Enttäuschung zu erleben.
Nein, dachte Kevin, nicht hier und nicht jetzt. Schalt einfach mal ab, das hast du dir verdient.
Er nahm die Getränke und drehte sich zur Tür. Der Fremde war nun in ein Gespräch mit einem Hotelangestellten vertieft und so konnte Kevin ihn im Vorbeigehen unbemerkt noch einmal ausgiebig ansehen.
Ein paar Tage später saß Kevin nachmittags alleine an einem Tisch auf der Terrasse des Hotels und blätterte gerade in einer Zeitung, als sich neben ihm jemand räusperte.
„Darf ich?“, fragte der fremde Südländer auf Englisch und deutete mit einer Hand auf den Stuhl gegenüber von ihm.
„Bitte“, antwortete Kevin, unschlüssig, ob er ein Gespräch mit dem Mann anfangen oder lieber in Ruhe seine Zeitung weiterlesen sollte. Diese Entscheidung wurde ihm abgenommen.
„Darf ich mich vorstellen? Alejandro Rodriguez Escorial“, sagte sein Gegenüber und reichte ihm die rechte Hand.
„Kevin Bachmann“, nahm dieser sie an. Einen anderen Namen zu nennen wäre sinnlos gewesen, das Namensschild von der Veranstaltung hing noch an der Brusttasche seines Hemds.
Eine junge Kellnerin kam an ihren Tisch und stellte einen Milchkaffee vor Kevin ab. „Möchten Sie auch etwas bestellen?“, wandte sie sich dann in deutscher Sprache an Alejandro. Der zog tadelnd die Augenbraue nach oben, weil er kein Wort verstanden hatte.
Verdammt, dachte Alejandro, muss das ausgerechnet jetzt sein?
Kevin schien, im Gegensatz zur Kellnerin, seine Gedanken gelesen zu haben und übersetzte ihre Frage ins Englische. „Die Dame fragt, ob Sie etwas bestellen möchten.“
„Einen Espresso, bitte“, antwortete Alejandro an die Kellnerin gewandt, woraufhin diese etwas verlegen zurück zur Bar eilte, um dem vermeintlichen Hotelgast seinen Wunsch zu erfüllen. Innerhalb weniger Augenblicke stand der Espresso vor ihnen auf dem Tisch.
„Danke für die Übersetzung.“
„Gerne geschehen“, sagte Kevin, der das Verhalten der Kellnerin als übertrieben empfand. Nur weil man die falsche Sprache gesprochen hatte, musste man nicht gleich in einen Laufschritt verfallen und Hektik verbreiten.
„Sie nehmen also an einer internationalen Veranstaltung teil“, holte Alejandro ihn gedanklich an den Tisch zurück und deutete auf das in Englisch geschriebene Namensschild. „Worum geht es denn?“
„Um Reiseleitung. Nur leider ist die Fortbildung nicht ganz so interessant wie die Tätigkeit selbst.“
„Reiseleiter. Also Stadtführungen und Busreisen?“ Alejandro hatte sich in dem Stuhl zurückgelehnt und schaute Kevin fragend an. Unter Reiseleitung konnte er sich tatsächlich nichts anderes vorstellen als einen Reisebus voller Rentner, die sich die Sehenswürdigkeiten der Städte in Rekordzeit zeigen und erklären ließen.
„Ach ja, das typische Berufsbild. Quengelnde Schulklassen, die vom Lehrer gezwungen werden Kirchen zu besichtigen oder die Altstadt abzulaufen, ohne dabei dem enormen Shopping-Drang nachgeben zu dürfen. Grausige Vorstellung. Sie müssen wirklich schlechte Erfahrungen gemacht haben“, konterte Kevin scherzhaft, woraufhin sein Gegenüber den Blick lächelnd senkte.
„Ganz so schlimm ist es nicht“, fuhr Kevin fort. „Stadtführungen gehören zwar auch zu meinem Beruf, aber die meisten Leute, die daran teilnehmen, entscheiden sich freiwillig dazu.“
„Okay, ich habe verstanden.“ Alejandro hob gespielt beschwichtigend die Arme. „Ich musste nur an die Gruppen denken, die mit Fotoapparaten bewaffnet einem Leiter mit merkwürdigen Utensilien in der Hand hinterherrennen und eine Sehenswürdigkeit nach der anderen abklappern. Zumindest sieht man das häufiger in den Metropolen.“
„Stimmt. Ich selbst bevorzuge Sonnenblumen als Hilfsmittel.“
„Also doch Gruppenmarathon, oder gibt es noch mehr?“, neckte Alejandro ihn weiter. Ihm gefiel es sich mit diesem Kevin zu unterhalten. Er hatte eine angenehme Stimme, die ebenso attraktiv war wie seine äußere Erscheinung. Und Kevin brachte ihn zum Lachen. Irgendetwas an dem Mann berührte ihn auf eine Art und Weise, wie es noch kein anderer Mensch zuvor geschafft hatte. Dabei kannte er ihn doch nicht.
„Naja“, sagte Kevin und überlegte schnell, wie er so neutral wie möglich bleiben konnte. „Da ich mich auf Fernreisen spezialisiert habe, ist der Beruf recht abwechslungsreich. Überwiegend unternehme ich Motorradreisen. Manchmal begleite ich auch Flug- oder Busreisen mit Gruppen, ab und an mal Kongressreisen. Und je nach Interesse der Teilnehmer werden die Reiseziele und Routen geplant. Da ist von kurzen Städtereisen über lange Motorradtouren bis hin zu Aktionsreisen alles möglich. Und Sie?“, lenkte Kevin das Gespräch von sich weg. Er hatte seiner Meinung nach genug über sich preisgegeben, jetzt war es an der Zeit auch etwas über seinen Gegenüber zu erfahren.
„Unternehmensberatung“, schwindelte Alejandro. Es war nie gut einem Fremden zu erzählen, dass er der Besitzer einer europaweit bekannten Hotelkette war, und am allerwenigsten dann, wenn er sich gerade in einem seiner eigenen Hotels aufhielt. Und etwas Wahrheit steckte schon in seiner Berufsbezeichnung, immerhin wurden die Hotels nach seinem Erwerb noch erfolgreicher, als sie es vorher schon waren.
„Also ein Bürojob mit Sekretärin, Stress pur, mangelnder Bewegung und Fast Food als Ernährungskonzept. Klingt verlockend“, fasste Kevin revanchierend zusammen.
Das hat gesessen, dachte Alejandro. „Touché.“
„Danke“, nahm Kevin das Kompliment an.
„Nur zur Verteidigung, ich reise ebenfalls viel, wenn auch aus anderen Gründen. Die Unternehmen, die ich betreue, sind in ganz Europa verteilt. Dass mit dem Stress stimmt, ebenso die Sekretärin. Aber mangelnde Bewegung und Fast Food muss ich entschieden zurückweisen.“
„Ihre Nationalität?“
„Spanier.“
„Alter?“
„Dreiunddreißig. Warum?“, antwortete Alejandro, diesmal jedoch sichtlich irritiert.
„Es gibt genügend freie Tische auf dieser Terrasse. Warum sich also zu einem Fremden setzen, der noch dazu in eine Zeitung vertieft ist und dadurch alles andere, als eine einladende Körperhaltung aufweist?“ Warum Kevin das sagte, wusste er selbst nicht genau. Er wusste nur, dass er keinen Small Talk führen wollte. Entweder er hatte sich in Alejandro geirrt, was den Montagabend anging und der würde sich jetzt zurückziehen, oder aber der Fremde ergriff die Initiative und sprach aus, was er von ihm, Kevin, wollte.
Alejandros Mimik zeigte für einen kurzen Augenblick eine Mischung aus Überraschung und Respekt, bevor er seine Gefühle wieder unter Kontrolle hatte. Keiner seiner bisherigen Gefährten hatte ihn je herausgefordert oder ihn mit einer derartigen Bemerkung so aus der Fassung gebracht. Zudem befanden sie sich an einem Ort, wo man nicht sicher sein konnte auf Gleichgesinnte zu treffen. Wenn er aber diesen für ihn aus unerklärlichen Gründen so interessanten Hotelgast besser kennenlernen wollte, würde er das nicht mit einer vorgehaltenen Maske tun können, das wurde ihm nun klar.
Er schaute tief in Kevins rehbraune Augen und lächelte ihn charmant an. „Es gestaltet sich als ausgesprochen schwierig, jemanden schweigend vom Nachbartisch aus zu fragen, ob er sich mit einem Fremden auf ein Abendessen einlässt.“
Es war bereits kurz nach Mitternacht, als Alejandro sein Hotelzimmer betrat und sich eine ausgiebige Dusche gönnte.
Kevin hatte ihn nach seiner Bemerkung am Nachmittag für einen Augenblick lediglich schweigend und mit unergründlichem Gesichtsausdruck angesehen, nach kurzer Zeit jedoch zu seiner Überraschung die Einladung angenommen. Gegen sieben Uhr abends waren sie dann in der Kieler Innenstadt in ein kleines Restaurant gegangen.
Alejandro hatte Kevins Gesellschaft mehr als nur genossen. Ihre Gesprächsthemen waren zwar alle in Bereichen geblieben, bei denen eine gewisse Anonymität gewahrt wurde, die aber die Zeit wie im Fluge hatten vergehen lassen.
Die meisten Menschen begannen Alejandro bereits nach kurzer Zeit zu langweilen. Häufig waren seine Bekanntschaften, wenn er sie sich neben Kevin in Erinnerung rief, sehr materialistisch und selbstverliebt. Seine Beziehungen waren daher, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen konnte, stets von kurzer Dauer. Sein momentaner Gefährte Eduardo bildete da keine Ausnahme, auch seine Zeit war fast abgelaufen.
Alejandro hatte irgendwie gehofft, dass Kevin während des Abendessens die gleiche langweilende Wirkung auf ihn ausüben würde. Dann hätte er sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren können, anstatt nur noch an diese Schönheit zu denken, und er könnte sich nach seiner Rückkehr nach Spanien um Eduardo kümmern.
Aber genau das Gegenteil war der Fall. Kevin zog ihn immer mehr in seinen Bann, je länger Alejandro mit ihm zusammen war. Er wollte unbedingt mehr über den Menschen erfahren, über sein Leben, seine Träume, einfach alles. Und er hatte gerade einmal anderthalb Tage Zeit, ehe Kevin das Hotel verlassen würde und damit aus seinem Leben zu treten drohte.
Zur selben Zeit lag Kevin bereits in seinem Bett und versuchte vergebens einzuschlafen.
Das heutige Essen war das Erste seit vielen Jahren gewesen, das keinen beruflichen Hintergrund hatte. Matthias hatte es nicht geduldet, dass er eine private Einladung eines anderen Menschen, egal ob männlich oder weiblich, ohne ihn wahrnahm.
Aber diese Zeiten waren jetzt vorbei, genau genommen seit etwas über zwei Monaten. Kevin hatte sich von Matthias getrennt, ihn quasi vor die Tür gesetzt, und trotzdem fühlte er sich nach diesem wundervollen Abend in Alejandros Gesellschaft schuldig. Dabei hatten sie sich nur unterhalten, also nichts, wofür man Rechenschaft ablegen musste.
Kevin merkte, wie seine Gedanken in die Vergangenheit abschweiften und er konnte sich nicht mehr dagegen wehren.
„Lass es zu“, hallten Bruder Michaels Worte in seinem Kopf wider, „Du wirst dich danach besser fühlen.“ Und er ließ sich endlich fallen:
Ende letzten Jahres hatte alles angefangen. Kevin kam an einem Freitag früher als Matthias nach Hause und holte die Post aus dem Briefkasten. In der Wohnung fiel ihm beim Durchsehen ein Brief auf, den eine Anwaltskanzlei abgeschickt hatte und der an Matthias gerichtet war.
Merkwürdig, dachte Kevin, solche Briefe sind in den letzten Wochen öfter angekommen und dabei hat Matthias hier doch nur den Zweitwohnsitz. Sein Erster befindet sich in Köln, warum werden die Briefe nicht dorthin geschickt?
Matthias, Kevins damaliger Lebensgefährte, war Lehrer an einem Gymnasium in Köln. Um nicht täglich zwischen Koblenz und Köln hin und her pendeln zu müssen, verfügte er in Köln über eine kleine möblierte Wohnung und kam nur übers Wochenende nach Koblenz.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in Kevins Magengegend aus. Verheimlichte Matthias etwa was vor ihm?
Bisher hatte er keinen dieser merkwürdigen Briefe geöffnet, sondern sie einfach auf den Küchentisch gelegt, sodass Matthias sie sich wegnehmen konnte, sobald er sie sah. Aber an dem Tag war es ihm schwergefallen die Post aus seinen Gedanken zu bekommen.
Matthias wirkte in letzter Zeit verschlossener. Hatte sein Freund vielleicht Probleme und traute sich nicht, sie ihm anzuvertrauen? Sie beide waren nun seit drei Jahren ein Paar und lebten davon seit einem Jahr gemeinsam in dieser Wohnung, warum sollte es da Geheimnisse voreinander geben?
Kevin ging in die Küche, um sich einen Tee zuzubereiten, nachdem er den verschlossenen Brief auf die Kommode gelegt hatte. Damals wollte er Matthias nicht hintergehen, indem er seine Post ohne dessen Erlaubnis öffnete, aber das ungute Gefühl wurde immer stärker. So stark, dass er den Brief letztendlich doch aufriss.
Als Kevin die ersten Zeilen las, musste er sich vor Überraschung auf die Couch setzen. In dem Anwaltsschreiben stand irgendetwas von Schuldscheinen und dass der Zahlungstermin abgelaufen sei. Ebenso wären die letzten beiden Ratenzahlungen unvollständig und verspätet gewesen, sodass der Gläubiger nun die gesamte Summe einfordere. Am Schluss wurde Matthias gedroht, mit rechtlichen Maßnahmen rechnen zu müssen, falls er den ausstehenden Betrag nicht innerhalb eines Monats auf das unten angegebene Konto einzahlen würde.
Kevin schwirrte der Kopf.
Schuldscheine? Was denn für Schuldscheine? Und woher kamen die Schulden? Weder er noch Matthias hatten über die Verhältnisse gelebt und beide verdienten sie genug Geld, um sich auch mal was leisten zu können. Warum und wofür also Schulden aufnehmen? Was war hier los?
„Ist etwas nicht in Ordnung mit dir, du bist ja weiß wie eine Wand?“ Matthias ging sofort neben Kevin in die Hocke und schaute ihn besorgt an. Kevin, der ihn nicht hatte in die Wohnung kommen hören, schob Matthias nur wortlos das Schreiben entgegen.
Als dieser erkannte, was sein Gefährte da in den Händen hielt, lief sein Gesicht rot vor Zorn an. „Seit wann geht dich meine Post etwas an? Kontrollierst du mich jetzt etwa?“, schrie er Kevin entgegen und entriss ihm den Brief.
Auf eine derart heftige Reaktion war Kevin nicht vorbereitet. Normalerweise war Matthias eher ein ruhiger und geduldiger Mensch, dem Schreien mehr als fremd war. Was regte ihn nur so sehr auf? „Ich habe mir Sorgen gemacht“, versuchte Kevin sich zu erklären. „Du bist in letzter Zeit immer verschlossener geworden und hast dich immer mehr zurückgezogen. Ich wollte endlich den Grund dafür wissen.“
„Du hättest mich fragen können.“
„Habe ich, aber du hast abgeblockt.“
„Ach, jetzt bin ich also noch schuld.“ Matthias war zwischenzeitlich aufgesprungen und hatte begonnen im Wohnzimmer auf und ab zu laufen.
„Matthias, was ist hier los?“
„Das geht dich verdammt noch mal nichts an!“, kam die wütende Antwort.
„Oh doch, ich denke schon. Du läufst die letzte Zeit rum, als stünde der Weltuntergang bevor, bist ständig gereizt und drängst mich beziehungsmäßig buchstäblich von einer Ecke in die andere. Ich habe darauf keine Lust mehr, also sag mir endlich, was los ist“, entgegnete Kevin scharf. Er war zu dem Zeitpunkt ebenfalls sauer und wollte sich nicht als Bösewicht hinstellen lassen, nur weil er nicht mehr mit ansehen konnte, wie Matthias sich selbst und ihre Beziehung langsam aber sicher ruinierte.
„Ach, lasst mich doch alle einfach in Ruhe!“, begehrte Matthias auf, bevor er sich umgedrehte und die Wohnung stürmisch verließ. Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss. Wenige Minuten darauf war der Motor von Matthias‘ Wagen zu hören.
Nachdem Kevin geduscht hatte, ging eine kurze, aber deutliche SMS auf seinem Handy ein. „Bin und bleibe in Köln.“ Als er Matthias daraufhin anrufen wollte, ging nur die Mailbox dran – das Handy war ausgeschaltet.
Kevin fühlte sich an dem Abend schrecklich. Er konnte seinem Freund nicht nach Köln folgen, da er am nächsten Morgen von Koblenz aus mit einer Reisegruppe nach Bristol aufbrach, und er konnte ihn auch nicht anrufen, um alles zu klären. Was für ein Dilemma.
Doch das war nichts gegenüber dem Drama, das ihn nach seiner Rückkehr erwartete.
Kevin betrat die gemeinsame Wohnung in Koblenz, zog seine Jacke im Flur aus und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer. In der Tür dorthin blieb er jedoch wie angewurzelt stehen.
Matthias saß am Wohnzimmertisch, den Kopf auf seine Hände gestützt. Vor ihm ausgebreitet lag eine Flut von Papieren, die die Oberfläche des Tisches gänzlich bedeckte. Als er Kevin bemerkte, drehte er sich zu ihm um. Matthias sah zu dem Zeitpunkt erschöpft aus mit den dunklen Ringen unter den Augen. Sein Gesicht war blass und er wirkte niedergeschlagen. Kevin schaute seinen Freund nur schweigend an und wartete auf eine Reaktion.
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, ehe Matthias die Stille brach. Keine laute Äußerung, keine Vorwürfe, lediglich ein verzweifeltes Flüstern. „Ich habe Mist gebaut, Kevin. Und ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen soll.“
Immer noch schweigend durchquerte Kevin den Raum und setzte sich auf den letzten leeren Stuhl am Tisch, seinen Blick weiterhin auf Matthias‘ Gesicht gerichtet. Es war nicht zu übersehen, wie schwer es seinem Freund fiel mit ihm über seine Probleme zu sprechen und er ließ Matthias daher die Zeit sich etwas zu sammeln.
„Ich bin …“, begann Matthias und senkte danach seinen Blick. Er fühlte sich nicht einmal mehr in der Lage Kevin in die Augen zu sehen, so sehr schämte er sich. „Ich bin spielsüchtig. Der Brief, den du gelesen hast, der betrifft gerade mal ein Drittel meiner Schulden.“ Damit war es endlich raus.
„Wie lange spielst du schon?“, fragte Kevin monoton.
„Sieben Jahre.“
Sieben Jahre, ging es Kevin durch den Kopf. Sieben Jahre und in den drei Jahren, die wir zusammen sind, habe ich nichts bemerkt. Wie sehr ihn die Enttäuschung schmerzte.
An dem Abend führten sie ein langes Gespräch. Kevin hörte geduldig zu, und Matthias war ihm dankbar, dass er ihm keine Vorwürfe machte.
Die darauf folgenden Tage waren damit ausgefüllt, alle Schulden aufzulisten und die Gläubiger anzuschreiben. Sie einigten sich darauf, dass Kevin sie beide in den nächsten Monaten finanziell unterhielt und Matthias sein Gehalt vollständig an die Gläubiger auszahlte. Auch musste Matthias versprechen nicht mehr zu spielen und sich professionelle Hilfe zu holen. Dieses Versprechen kostete Matthias viel Überwindung, was er Kevin allerdings nicht sagte, da er ihn nicht verlieren wollte.
Eine ganze Weile funktionierte ihre Vereinbarung. Zwar war ihre Beziehung etwas angespannt, aber auch das, so hoffte Kevin damals, ließ sich wieder einrenken.
Pustekuchen!
