2,99 €
Marc, Ex-Journalist, Läufer und Tagträumer, ist ausgestiegen. Geflohen aus Wien vor einem Haufen Schulden, quälenden Schuldgefühlen und Panikattacken, die sich in mörderischen Hustenanfällen äußern. In Südspanien taucht er bei dem Einsiedler Diego unter. Seine einsamen Läufe durch die Sierra und die Besuche in Turón bleiben nicht unbemerkt. Die Einheimischen taufen ihn "El Corredor". Marcs Anwesenheit stellt das Leben von Diego und Cristina, der Botticelli-Venus aus der Caja Regional, vollkommen auf den Kopf. Cristina beweist Marc, dass man vor nichts davonlaufen kann; schon gar nicht vor der Liebe.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2019
WOLFGANG R. ZISSLER
El Corredor
© 2019 Wolfgang R. Zissler
2. Auflage
Umschlaggestaltung: El Corredor / Studio für Text & Ton e.U.
Illustration: skeeze / Pixabay License
Lektorat: Mag. Irmgard Dober
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-7497-2733-9
ISBN Hardcover: 978-3-7497-2734-6
ISBN e-Book: 978-3-7497-2735-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Gewidmet:
Gudrun
Gefährtin in guten wie in schlechten Zeiten
meiner Tochter
Sarah
und meinem Sohn
Jakob
dem
Volk der Saharaui,
das auch nach Jahrzehnten unter unvorstellbarenLebensbedingungen seine Würde bewahrt hat
und allen Läuferinnen und Läufern
Dank gebührt meiner Lektorin:
Mag. Irmgard Dober
Inspiration und Begleiter durch viele Stunden:
Joaquin Rodrigo – Concierto de AranjuezBob Seger – Like A RockMarillion – This Strange EngineIndigo Girls – 1200 CurfewsRick Emmett – Ten Invitations From The Mistress Of Mr. E.
I
Dieser Husten. Dieser verdammte Husten! Er verfluchte seinen innerlichen Peiniger, als die Welle aus trockenem, kratzendem Reiz aus seiner Kehle brach und als rasselndes Keuchen den Raum überflutete. Seine Linke fuhr an den Hals, drückte in einer fahrigen Abwärtsbewegung an die Seiten, als wollte er sich selbst erwürgen. Er krümmte seinen Rücken, zog sich zusammen, spannte seine Muskeln, als wäre das Pfeifen seines Atems ein Signal, aufzuspringen und loszurennen. Die Hand fiel auf den wackeligen Tisch aus Stahlrohr und Blech, suchte nach dem halb geleerten Glas. Hastig kippte er den Rest des Mineralwassers in sich hinein.
Münzen schepperten über die lockere Tischplatte mit ihren unzähligen kleinen Dellen. Dann stand er auf, fasste nach seiner Tasche … und mit einer Handbewegung, die alles oder auch gar nichts bedeuten konnte, und einem gemurmelten »Gracias« ging er zur Tür. Der alte Kellner, der seinen Gast schon kannte, hatte von Marc ohnedies kaum Notiz genommen. Er war Schweigen offenbar gewöhnt und hatte noch nie Anstalten gemacht ein Gespräch zu beginnen. Das war wohl auch der wichtigste Grund, warum Marc gerne hierher kam. Erst der Hustenanfall des einsamen Gastes hatte den Kellner besorgt hinter der Theke hervorkommen lassen. Jetzt schlurfte er hinter Marc zur Tür und öffnete sie höflich. Wahrscheinlich war er froh darüber, endlich seine Ruhe zu haben.
Draußen fuhr Marc die Hitze ins Gesicht. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, setzte seine Brille auf und spannte sich. Langsam überquerte er die belebte Plaza. Am Brunnen standen die Frauen beieinander, ein paar Kinder tollten umher und spielten mit einem Straßenköter fangen. Das Mistvieh rannte ihm beinah zwischen die Beine, als es sich mit einem kleinen Gummiball im Maul aus dem Staub machen wollte.
»Blöder Hund!« Marcs Tasche war bei dem Versuch auszuweichen verrutscht. Er zog die Schnalle kürzer und blickte kurz auf die Turmuhr an der alten Kirche. Er machte einen plötzlichen Ausfallschritt, als der scheckige Kläffer wieder an ihm vorbeihechelte und vor Schreck einen Sprung seitwärts vollführte, der einem Ziegenbock alle Ehre gemacht hätte. Hola! Die Kinder klatschten vor Begeisterung und tobten hinter der Promenadenmischung her.
Der Hund ließ den Ball fallen, sauste los, kläffte aus sicherer Entfernung zwei, drei Mal zu Marc herüber und trollte sich anschließend beleidigt in Richtung Kirche. Neben dem Portal schnupperte er kurz an einer der mächtigen Säulen, die von irgendeinem Heiligen gekrönt war, stellte sich mit gehobenem Hinterbein in Positur und pinkelte im hohen Bogen an die ehrwürdigen Mauern. Marc grinste plötzlich: »Von wegen blöder Hund.«
Er verglich noch einmal die Zeit auf der Turmuhr mit jener auf seinem Pulsmesser. Es war drei Uhr geworden. Marc setzte sich in Richtung der Caja Regional in Bewegung. Die getönten Scheiben der Bankfiliale lagen schon auf der Schattenseite. Sie wirkten im Kontrast zu den sonnenbeleuchteten Steinen auf der Plaza und den bunten Fenstern der Kirche noch dunkler, als sie ohnehin waren. Marc sah sich noch einmal kurz um, erwischte noch eine Momentaufnahme des kleinen Straßenköters, der sich soeben mit possierlichen Trippelschritten um die nächste Straßenecke trollte.
Ein Kolonne Autos, vorwiegend mit nicht-spanischen Kennzeichen, rauschte vorbei. Dann querte Marc die Fahrbahn und betrat nach einem kurzen Blick auf die verschiedenen Slogans, mit der die Caja ihre Rentenvorsorge bewarb, die Bank.
Er hasste Banken. Ihre Eigentümer waren seiner Meinung nach die Reinkarnation des Raubrittertums. Halsabschneider allesamt, wie die rüstungsbewehrten Adeligen des Mittelalters. Subtiler zwar, aber um rein gar nichts besser oder weniger brutal in ihrer Vorgangsweise.
Die prunkvollen Bankgebäude waren ihre Raubritterburgen. Anstelle einer Zugbrücke gab es verräterischerweise sich zumeist automatisch öffnende und schließende Türen. Auch in der Caja von Turón hatte dieser Fortschritt bereits Einzug gehalten, war mit seiner Automatisierung zum Symbol für den Erfolg geworden. Wem der Fortschritt zuallererst zugute kam, war wohl klar: Die Banken verringerten den Kundendienst … dafür erhöhten sie im selben Atemzug die Gebühren.
Im Foyer grinsten ihn die zusammengekniffenen Mäuler Karten fressender Automaten hämisch an. Diese Automaten spuckten Belege aus wie Zensuren. Soll und Haben waren die Noten, die Urteile über Aufstieg und Fall in der Gesellschaft.
Brustwehr und gleichzeitig Schießscharten der Raubritter waren die gepanzerten Glasscheiben an den Kassen. Hinter ihnen hielten sie sich verschanzt: die hehren Ritter der Börsenspekulation, die Schildknappen des Kapitals und die Burgfräuleins der Kreditvergabe.
Wer einmal eintrat, war Gefangener ihrer Welt. Man zahlte sein Geld ein, tätigte Überweisungen, freute sich an ein paar müden Kröten Gewinn am Jahresende oder jammerte über die gestiegenen Verzugszinsen.
Dabei fiel einem gar nicht auf, dass sie rasch ein Netz gespannt hatten. Ein Netz, das gerade so fest geknüpft war, damit man darin noch zappeln konnte. Sie ließen den Menschen das Gefühl, sie hätten Bewegungsfreiheit. Sie könnten entscheiden über ihr Leben, mit all ihren Bankomat- und Kreditkarten, mit ihren Schecks und Anleihepapieren.
Die Wahrheit, fand Marc, war so simpel wie verstörend: War man einmal in ihre Fänge geraten, hieß die Wahl nur noch: gefedert oder geteert. Mit jeder Plastikkarte, mit jedem Kredit, mit jeder Transaktion verlor man ein Stück an Bewegungsfreiheit. Am Ende hatten sich die Fäden des Netzes zu Marionettenschnüren verwandelt und man tanzte nach ihrem Takt.
Das Burgfräulein hinter der Brustwehr lächelte entgegenkommend, als er etwas umständlich in seiner kleinen Tasche kramte und ein Kuvert hervorholte. Was sie wohl heute sagen würde? Er legte das sauber zugeklebte Papier auf die Schießscharte und ignorierte ihre Begrüßung … hatte sie ihn diesmal doch glatt wieder auf Deutsch angesprochen. Sehr freundlich, immerhin! Aber auf Deutsch.
Schon bei seinem ersten Besuch hatte sie es probiert und mit der Sicherheit einer im Umgang mit Touristen geschulten Kraft in der Sprachlotterie einen Volltreffer gelandet. Nicht mit mir, hatte Marc im Stillen geschworen. Stur wie er nun einmal war, hatte er ein paar Bemerkungen auf Spanisch fallen lassen und darüber hinaus auf taube Ohren gemacht. Beim zweiten Mal hatte sie ihre Englischkenntnisse ausgepackt und beim dritten Mal war sie an seiner Ignoranz im Bezug auf ihre französischen Konversationsversuche gescheitert.
In ausgesuchtem Spanisch bat er auch heute wieder um die Erledigung des im Kuvert angeführten Auftrages. Er wusste, das Burgfräulein platzte beinah vor Neugier. Ihr Lächeln prallte scheinbar an Marc ab. Er tat so, als studiere er die kleinen Werbefolder mit all ihren Verheißungen zukünftigen Reichtums und materieller Sicherheit. Er sah auch heute nicht hin, wie sie das Geld herauszählte, bat um die Übergabe der Quittung in einem zugeklebten Kuvert und steckte das Papier anschließend ein.
»Und Sie? Benötigen Sie kein Konto? Ein Prämiensparbuch vielleicht? Unser Institut bietet günstige Konditionen, auch bei kleinen Summen.«
Ha! Das war wohl die neue Masche, aus ihm etwas mehr als die knappsten Floskeln herauszuholen. Sicher ein Trick den man ihr in einem der Raubritter-Seminare für moderne Banken-Burgfräulein eingetrichtert hatte. Marc schüttelte den Kopf. »Nein. Kein Bedarf. So was«, und er betonte das »so was« als drehe sich ihr Gespräch um eine gefährliche, Ekel erregende Krankheit, »brauche ich schlicht und einfach nicht.«
Sie sah ihn mit ihren großen Augen an. Scheiße! Heute war er wieder besonders charmant. Was konnte sie schon dafür, dass es in seiner Welt keine »guten« Banken gab.
Er verzog kurz das Gesicht, deutete damit eine Gemütsregung an, die man bei wohlwollender Auslegung als Versuch eines Lächeln bezeichnen konnte und verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung: »Buenas tardes, señora.«
Er ging gemessenen Schrittes in Richtung Ausgang. Wohl wissend, dass sie ihm wieder nachsehen würde. Er hatte das gleich bei seinem ersten Besuch entdeckt, da man ihre Schießscharte im Spiegeln der getönten Scheiben überblicken konnte. Sie sah ihm nach! Den Kopf leicht zur Seite geneigt saß sie da und sah ihm nach. Plötzlich fiel ihm ein, dass sie ihn bei jedem seiner Besuche bedient hatte, dass sie jedes Mal hinter dem Pult saß, wenn er für seinen Gastgeber die Bankgeschäfte erledigte. Sie war hübsch, sogar sehr hübsch. Mit kurzen, dunkelbraunen Haaren, hellen, vielleicht graugrünen Augen und einem äußerst ebenmäßigen, eher schmalen Gesicht. Genau genommen sah sie aus wie Botticellis Venus … nur weniger blond. Aber darüber wollte er sich schon gar keine Gedanken machen.
Er marschierte vorbei an den Karten fressenden, Belege spuckenden Automaten, vorbei an einem Werbeständer mit einem Plakat für Prämiensparbücher mit besonders günstigen Konditionen. Dann öffneten sich die automatischen Türen … und draußen war er.
Er bog schnurstracks nach links auf den Hauptplatz ein und machte, dass er davonkam. Er wanderte das kurze Stück am Hafen entlang. Vorbei an den voll besetzten Lokalen mit ihren bunten Sonnenschirmen, ihren Kunststoffsesseln, den plastiktischtuchbedeckten Tischen, von Kellnern beladen mit den unvermeidbaren Errungenschaften der »Ich will alles und das jetzt«-Gesellschaft, wie Cola, Pommes, Hamburgern. Im Sommer regierte auch hier König Junk, ohne den der moderne Tourist nicht auszukommen glaubte.
Er überlegte kurz, wie es wohl sein müsste, in einem der Cafés mit dem Burgfräulein zu sitzen und zu plaudern. Dann dachte er an seine Freundin und die Sehnsucht nach ihrer Wärme und ihrer weichen Haut machte sich auch nach mehreren Monaten seiner Abwesenheit noch immer schmerzhaft bemerkbar.
Marc blickte sich hastig um. Er fühlte sich ertappt, beobachtet von den zahlreichen Gästen in den Sitzgärten.
Seit ein paar Wochen war die ruhige Zeit am Meer vorbei. Die ersten Heuschreckenschwärme der Touristen hatten sich in Turón breit gemacht, klebten an dem kleinen Ort wie Hundescheiße an einer Schuhsohle.
Sie klebten auch aneinander, als könnten sie nicht genug bekommen von jenem Wirbel, dem sie angeblich im Urlaub entfliehen wollten. Wie sonst konnte es möglich sein, dass alle genau in den Bars hockten, die von Helsinki bis Lissabon gleich aussahen? Wie war es sonst zu erklären, dass man sich hier gegenseitig auf die Füße trampelte, während Marc in dem kleinen Café am Ende der Plaza der einzige Gast gewesen war? Das Stimmengewirr aus den Bodegas und Cafés klang beruhigend und alarmierend zugleich. Zu leicht konnte er auf jemanden treffen, den er kannte … und das war das Allerletzte, was Marc wollte. Wobei »wollte« wohl der falsche Begriff war. Er konnte es nur schlicht und einfach nicht brauchen. Menschenansammlungen bereiteten Marc körperliches Unwohlsein. Beim bloßen Gedanken daran stieg der Hustenreiz in ihm wieder auf.
Hypermercado! Am untersten Eck der Mole, dort wo früher Platz zum Atmen gewesen war, hatte eine Kaufhauskette einen Laden hingerotzt. Kein normales Kaufhaus. Auch kein Supermarkt. Nein. Ein Hypermercado musste es sein. Marc hatte zwar noch keinen gefunden, der ihm den Unterschied erklärt hätte, aber das Schild über dem Laden amüsierte ihn jedes Mal. Wer geht noch in den Supermarkt, wenn es einen Hypermarkt gibt? Hier bekommst du alles. Wirklich alles. Die Regale sind voll und du brauchst nur zu nehmen. Komm … und vor allem … kauf!!! Du kriegst auch einen schnuckeligen Einkaufswagen. Darfst ihn sogar selbst schieben. Keine Angst! Zwischen Bierkisten, Hundefutter, Schokolade und Damenbinden, zwischen plärrenden Kindern und genervten Erwachsenen findest auch du noch eine Gasse.
Nimm nur! Nimm! Greif zu und denk nicht nach.
Und dann stehst du da. In einer Schlange vor der Kasse. Dein Vordermann stinkt wie fünf Tage nicht gewaschen, die Bürolady hinter dir analysiert via Handy ihr Liebesleben und du denkst dir: Was um alles in der Welt tu ich hier eigentlich? Renne wie ein Idiot mit einem saublöden Wagen durch die Gegend und lass mir den Quatsch noch als Erlebniseinkauf andrehen. Du rechnest zusammen, ob die letzten Scheine in der Geldtasche noch reichen, während dir irgendein Arsch zum dritten Mal mit seinem Hypermarkt-Einkaufswagen ins Kreuz fährt.
Arsch! Arsch ist gut … du wünscht sie allesamt dorthin, deine lieben Mitmenschen. Zu spät merkst du, dass dieser Wunsch nach hinten losgeht, weil du selbst die ganze Zeit schon mitten drin steckst.
Er ging rascher in Richtung der alten Gassen, die an das untere Ende der Mole anschlossen. Die kleine Tasche um die Hüfte geschnallt, blickte er sich noch einmal um und bog abrupt in einen schmalen Durchgang ab.
Hier drinnen, zwischen den Jahrhunderte alten Steinmauern, war es kühl und dunkel … und es roch nach prallem Leben. Der Duft von Zwiebeln, Gemüse und gebratenem Fisch drang aus allen Fenstern. Töpfe klapperten. Gesprächsfetzen und das Aroma der verschiedenen Speisen vermischten sich zu einem klangvollen und duftenden Menü. Marc entspannte sich, atmete tief durch und spürte dem abklingenden Hustenreiz in seinem Hals nach.
Geschafft. Wieder einmal geschafft. Er reckte den Kopf. Die eiserne Klammer, die sich um seinen Nacken gelegt hatte, war verschwunden. Irgendwie hatte er das Gefühl, seinen Husten, den lästigen Begleiter unruhiger Tage und durchwachter Nächte, langsam doch noch unterzukriegen. Dieses Gefühl vermochten auch heftige Attacken wie jene von vorher nicht auszulöschen.
Am Ende des Durchgangs öffnete sich der Blick auf die Sierra. Er musterte das großzügige Halbrund der Berge, ehe sein Blick der kleinen staubigen Straße folgte. Die Bezeichnung Straße war gut, ein guter Witz bestenfalls, wenn man es nicht als maßlose Übertreibung sehen wollte. Aber genau das war es, was ihm an ihr gefiel. Dass die Straße eigentlich nur ein Weg war, ein besserer Feldweg, der sich da hinaufwand und an einem steilen Felsvorsprung mit einem gewagten Knick ins Hinterland abbog. Fahrspuren hatten sich in den harten Boden gegraben, auf dem der Asphalt nur mehr in sporadischen Resten zu erkennen war, ehe er ein Stück weiter oben ganz verschwand.
Nur von Marcs Standort aus konnte man den Weg ausmachen. Weder von der Plaza noch vom Hafen hatte man direkte Sicht auf seine Pista, wie er die Straße nannte. Die ersten paar Mal war er der Hauptstraße aus dem Ort gefolgt, hatte den normalen Weg genommen, ehe er zu der unscheinbaren Abzweigung gekommen war. Zu viele Autos, zu viele Menschen gab’s bis dorthin. Er hatte es jedes Mal beinahe mit der Stoppuhr bestimmen können, wann er seinen nächsten Hustenanfall bekommen würde.
Er war froh, als er die kleine Abkürzung zwischen den alten Häusern von Turón gefunden hatte. Ein paar fröhlich schnatternde Schulkinder waren seine Lotsen gewesen. Sie nahmen ganz selbstverständlich die Abkürzung über die Hinterhöfe des Ortes, kürzten ihren kilometerlangen Fußmarsch von den verstreut in der Sierra liegenden Häusern in die Schule etwas ab; und Marc machte es seither auch so. Niemand nahm davon Notiz; und wenn auch, dann hatte wohl niemand etwas dagegen, dass er ihren kleinen schattigen Hof als Durchgang benützte.
Er beschloss noch etwas zu warten, bis sich die drückendste Hitze gelegt hatte und setzte sich auf die Stufen eines Hintereinganges. Die kühle Luft aus dem Gewölbe spielte angenehm um seine Haut. Er lehnte sich an die meterdicke Mauer, schloss die Augen und begann sich auf die kommenden Kilometer zu konzentrieren.
Inzwischen kannte er jede Kurve, jeden Stein auf der Strecke. Er sah den Lauf des Weges mit geschlossenen Augen vor sich, kannte den knorrigen Busch am Ende des ersten Anstieges. So wie die Olivenbäume der Gärtnerei Molinero, die er jedes Mal im Vorbeilaufen zu zählen versuchte. Er hatte es bisher einfach nicht geschafft, mit dem Zählen ganz durchzukommen, wiewohl sie in sauberer Ordnung dastanden. Es waren einfach zu viele der uralten knorrigen Bäume. Aber vielleicht würde es ihm heute gelingen. Marc hatte sich vor ein paar Tagen während eines seiner Trainingsläufe ein neues Zählsystem ausgedacht. Er war fast sicher, seine Rechenaufgabe damit lösen zu können.
Er fragte sich manchmal selbst, was ihn an den Bäumen so faszinierte. Imposante Größe war ihre Sache nicht. Verglichen mit den majestätischen Tannen- oder Fichtenwäldern wie sie in den Alpen überall vorkamen, machten sie wirklich nicht viel her. Sie hatten das wohl nicht nötig in ihrer schlichten Schönheit. Ihre Beharrlichkeit, sich in der sonnendurchglühten Landschaft über Jahrhunderte zu behaupten, das war es schon weit eher, was ihm imponierte. Je älter sie waren, desto stärker glichen sie den Bildern jener Alten, die auf die Höfe in der Umgebung achteten, während ihre Kinder in Turón, in Almería oder gar in Malaga ihrer Arbeit nachgingen. Am meisten … bildete er sich ein … ähnelten sie Diego, seinem Hausherren am Mas de Colón.
Vor ein paar Wochen noch hatten Molineros Gärtner und Landarbeiter Marc nur stumm beobachtet. Sie hatten in ihrer Arbeit kurz innegehalten und leise über den sonderbaren Mann gesprochen, der da schwitzend und staubig an ihnen vorbeilief. Inzwischen gehörte er für sie offenbar ebenso zum Landschaftsbild wie die Kämme der Sierra de Gádor oder die Ziegen auf der Nachbarwiese. Mit dem Unterschied, dass sie ihm nun zuwinkten oder zunickten.
»El Corredor«, der Läufer, hatten sie ihn ganz selbstverständlich getauft. Dinge, Ereignisse und vor allem Menschen mussten einen Namen haben, um einen Platz in ihren Köpfen zu bekommen. »El Corredor« war ihnen praktisch und passend erschienen für den zirka 40-jährigen Mann, dessen Geschichte sie nicht kannten. Von dessen Leben sie nur so viel wussten, dass er seit einigen Monaten jede Woche ein, zwei Mal aus der Sierra kommend in Richtung Turón lief und ein paar Stunden später vom Dorf in Richtung Sierra. Kraftvoll und konzentriert, den Blick auf Molineros Olivenbäume gerichtet. »So, als wollte er sie zählen«, tuschelten sie untereinander und hatten ohne es zu wissen den kleinen Spleen des Fremden erraten.
Marc hatte beinah selbst nicht bemerkt, dass er aufgestanden war und sich in Bewegung gesetzt hatte. Er stieg über die Umfassung aus aufeinander geschichteten Steinen und trat dabei einen mittleren Brocken los. Er bückte sich und legte den Stein sorgfältig an seinen Platz zurück. Irgendwie erschien es ihm wichtig, das Ensemble nicht zu verändern, möglichst keine Spuren zu hinterlassen. So, als wäre er nie da gewesen.
II
Langsam trabte er los. Er liebte es, wenn er seine Füße wie in der Schwerelosigkeit eines Traumes voreinander setzte. Den Blick auf die Straße gerichtet, beobachtete er eine Weile die Spitzen seiner Joggingschuhe, die abwechselnd auftauchten und verschwanden, auftauchten und verschwanden, auftauchten und verschwanden.
Dann spürte er seine Beine, erkannte dieses leichte Ziehen, das sich in seinen Unterschenkeln ausbreitete. Eine stete Mahnung, nicht zu schnell loszurennen. Marc hatte sich daran gewöhnt. Es machte ihm nichts aus. Keine drei Minuten und es war verschwunden und einem angenehmen Gefühl der Wärme und der Leichtigkeit gewichen.
»Laufen ist Meditation« hatte ihm seinerzeit irgendein Selbsterfahrungsguru einreden wollen. Marc hatte nichts gegen den Gedanken an sich, aber er hatte alles gegen selbst ernannte Gurus, die mit ihren bunt zusammengewürfelten Halbweisheiten und sektiererischem Getöne ihr Geschäft machten. Ja, ja. Laufen war auch Meditation, seinetwegen sogar eine transzendente Erfahrung. Aber er hielt es für wichtig, dabei seine eigenen Filme abspulen zu können, seinen eigenen Weisheiten nachzuhängen.
Vielleicht wechselten auch andere ganz nach Laune das Programm, das Kopfkino, so wie er es schon früher in Wien immer getan hatte. Es war vorgekommen, dass er über seine Arbeit nachdachte, irgendein Problem von allen Seiten beleuchtete und sein Gehirn nach Lösungsmöglichkeiten zermarterte. Nein! Nicht zermarterte. Er durchforstete es, durchstöberte sein Hinterstübchen nach brauchbaren Gedanken. »Ganz ehrlich, viel eingefallen ist dir dabei nie«, knurrte er nun in sich hinein. Aber wozu auch. Zumeist hatte es schon genügt, sich mit der Sache selbst auseinander zu setzen, Varianten durchzuspielen; und er hatte schon dadurch seinen Nutzen daraus gezogen.
Oft hatte er an seinen Vater gedacht. Die Sorge um den lange Zeit schwer kranken Mann hatte ihm am Anfang die Energie zum Laufen gegeben. Er hatte versucht, für ihn zu atmen, einen Teil seiner Lebenskraft auf ihn zu übertragen, ihn mit seinen Gedanken zu erreichen und ihm damit einen Teil seiner Todesangst zu nehmen. Ob es genützt hatte? Er wusste es nicht wirklich, aber damals hatte es ihn zumindest hoffen lassen.
Manchmal hatte er auch über seine Kinder nachgedacht und was sie wohl gerade so treiben würden. 200 Kilometer waren schon eine große Distanz gewesen. Aber damals hatten seine Tochter und sein Sohn gewusst, wo ihr Vater sich aufhielt, und es hatte einen halbwegs regelmäßigen Kontakt gegeben. Heute wussten sie nichts mehr von ihm, außer dass er verschwunden war. Sie wussten auch nicht, dass er seinen Namen abgelegt hatte, dass Marc aus ihm geworden war.
Seine Freundin würde es wohl auch gar nicht mehr wissen wollen. Es hätte ihn jedenfalls ganz und gar nicht verwundert. Man konnte nicht Menschen, die man vorgab zu lieben, so einfach aus seinem Leben kippen wie abgestandenes Waschwasser aus einer Schüssel.
Er verbuchte es schon als Erfolg, dass er sich inzwischen wieder fragen konnte, wie er das hatte tun können, ohne gleich einen Hustenanfall zu bekommen, der ihn beinah erwürgte. Er verstand es zwar noch immer nicht, aber als er untertauchte, hatte er sich nicht einmal mehr diese Frage gestellt.
Manchmal hatte er beim Laufen überlegt, wie er die Figuren seiner erfolglosen Drehbücher verbessern könnte, hatte über Szenen gegrübelt um ihnen mehr Kontur zu verleihen oder einfach irgendeine kleine, sinnlose Story erfunden und sie vor seinem geistigen Auge ausgesponnen. Es waren bunte Geschichten. Mal dramatisch, mal heroisch, mal kitschig und manchmal auch pornografisch. Er schrieb sie niemals auf, erzählte sie auch niemandem. Sie erschienen ihm nur so lange nützlich, wie sie seinen Geist auf Trab hielten und die Freiheit seiner Gedanken nicht einschränkten.
Trotzdem war eine dieser kleinen, wie er meinte sinnlosen, Stories der Auslöser für die dramatischen Veränderungen in seinem Leben gewesen, hatte ihn auf den Gedanken gebracht, die Zelte hinter sich abzubrechen und zu verschwinden.
Irgendetwas in der Hüfttasche klapperte leicht. Er schob die Tasche zurecht, klopfte ein paar Mal drauf, so als wollte er dem klappernden Inhalt sein Missfallen kundtun, als wollte er in seiner Konzentration durch nichts und niemanden gestört werden.
Er blickte auf und sah den knorrigen Busch vor sich, der dastand, als würde er ihm seine graubraunen stacheligen Äste zum Gruß entgegenstrecken.
Marc musste nicht nachsehen um zu wissen, dass er gerade zehn Minuten unterwegs war. Seine innere Uhr hatte ihn auch in der Sierra noch nie verlassen. Er konnte jeden Abschnitt des Weges in genaue zeitliche Etappen einteilen, wusste ganz genau, wie lange er von einer seiner persönlichen Wegmarken zur nächsten benötigte.
Er lief die 17 Kilometer von Turón nach Mas de Colón inzwischen in etwas mehr als eineinviertel Stunden. Am Anfang war die Strecke eine Hürde gewesen. Immer wieder gequält von Hustenanfällen, hatte er mehr als einmal geglaubt nicht mehr weiter zu können. Nicht einen Schritt weiter.
Der Stachelbusch gab den Blick auf Molineros Olivenhain frei. Er lag auf einem annähernd rechteckigen Plateau, das sich zur Mitte hin leicht absenkte. Von hier hatte man einen grandiosen Blick auf Turón und das Meer. Marc unterdrückte trotzdem den Wunsch, stehen zu bleiben und sich umzusehen. Er wollte nicht zurückschauen, nicht Halt machen, sondern rasch in das silbrig-grün glänzende Meer aus Olivenbäumen eintauchen.
Der weiche erdige Weg über das Plateau durchtrennte das Gelände in zwei etwa gleich große Hälften. Im Näherkommen versuchte er, die erste Kolonne der Bäume, die sich in einem sanften Bogen vom Weg ab in das Gelände schwang, durchzuzählen. Er hatte sich einige optische Bezugspunkte gesetzt um exakt zählen zu können. 27 Kolonnen, doch, doch. 27! Diesmal war er sicher, richtig zu liegen.
Multipliziert mit den Bäumen entlang des Wegrandes mussten sie ziemlich genau Aufschluss darüber geben, wie viele Olivenbäume auf dem Plateau standen. 17, 18, 19, 20 … er registrierte, dass die Arbeiter wie immer ihre Tätigkeit unterbrachen und ihn beobachteten. Einige winkten. 21, 22, 23, 24, 25 Bäume, mit jedem dritten Schritt kam ein neuer Baum hinzu … 26, 27, 28.
Sie standen in einem Abstand, als hätte er sie selbst im Rhythmus seines Laufes dorthin gepflanzt. 29, drei Schritte Abstand, 30, drei Schritte Abstand, 31, drei Schritte Abstand, 32. Vielleicht war es das, was ihm an diesem Garten so gefiel? Er hatte tatsächlich den Rhythmus seines Laufes, der Abstand der Bäume spiegelte den Rhythmus seines Atems.
Sein Lauf- und Atemrhythmus war, wenn er nicht gerade eine seiner langsamen Touren abspulte, jener eines Drei-Viertel-Taktes. Das hatte ihn früher oft irritiert und davon abgehalten, mit dem Walkman joggen zu gehen. Welcher vernünftige Mensch konnte schon zu Walzerklängen laufen?
Er hatte 67 Bäume entlang des Weges gezählt. Exakt die gleiche Anzahl wie auf der linken Seite. 67 mal 27, das waren immerhin, das waren, 20 mal 60 und … 1.809 Olivenbäume auf der rechten Seite. Links hatte er 29 Reihen in die Tiefe gezählt. Mal 67 ergab, verdammt, so etwas im Kopf zu rechnen (und das im Laufen) war gar nicht so leicht. 1.943. Richtig. Molinero war also Herr über 3.752 Olivenbäume. Oder besser gesagt, er hatte das Privileg, der Hüter und Pfleger von 3.752 Bäumen zu sein, die seit über hundert Jahren köstliche Früchte spendeten.
Zufrieden mit dem Ergebnis seiner Berechnungen wischte sich Marc ein paar Schweißtropfen aus dem Gesicht. Während er weiterlief sagte er sich die Zahl immer wieder vor: »3.752, 3.752, 3.752.« Er wollte sie nicht vergessen. Sie war ihm wichtiger geworden, als es jeder Bankomat-Code jemals wieder sein könnte. Er fand zwar keine logische Erklärung dafür, aber das war ihm in diesem Augenblick völlig egal.
III
Am Ende des Plateaus wurde der Weg zunehmend steiniger und begann wieder anzusteigen. In kurzen Windungen, gesäumt von dornigem Buschwerk, führte er an einem Felsvorsprung vorbei, der es von weiter unten so aussehen ließ, als wäre der Weg hier zu Ende. Die Straße führte weiter durch einen schmalen Einschnitt in nordwestlicher Richtung entlang des Berghanges. Der steile Fels bot nur wenigen Pflanzen Halt.
Diego hatte sich erst daran gewöhnen müssen, dass Marc den Weg zu Fuß zurücklegte. Er hatte ihn eindringlich vor Felsstürzen gewarnt und ihm sein altes Motorrad angeboten. Eine Mühle aus den 40er-Jahren, die unter Liebhabern wohl einiges Geld wert gewesen wäre. Gerade deshalb hatte Marc abgelehnt. Die schwere Maschine sollte zwar, nachdem er sie inzwischen vollkommen zerlegt hatte, bald wieder durchaus fahrtüchtig sein, aber sie schien ihm bei weitem zu auffällig. Zu Fuß konnte man sich der Neugier der Menschen leichter entziehen als auf einem Motorrad, das so verwegen aussah, als sei es unversehens aus dem Fundus eines Bürgerkriegsfilmes übrig geblieben und vergessen worden.
Marc war es gewöhnt, die meisten Wege zu Fuß zurückzulegen. Er hatte sich daran gewöhnen müssen, als sein Auto kaputt und das Geld zu Ende war. Ende der 80er war das noch anders gewesen.
Er hatte damals wohl ungefähr so viele Zeitungsseiten vollgeschrieben gehabt wie Molinero Bäume besaß, als er seinen Traum von der eigenen Zeitung verwirklichte. Am Anfang schien es gut zu laufen. Aber irgendwann begann es im Räderwerk bedenklich zu knirschen. Und dann stand er da: Vollkommen blank.
»Hören Sie: Wir verhandeln sechs Monate über den Verkauf meiner Zeitung. Sie haben von mir alle Daten bekommen, die Sie gefordert haben. Ich habe Ihnen nichts verschwiegen. Und jetzt sagen Sie mir, Sie wären nicht interessiert. Wissen Sie was: Verarschen kann ich mich selber. Dazu brauche ich weder Sie, noch Ihr schwachsinniges Direktorium.«
Direktor Kandl, Karl-Wilhelm Kandl, die gewichtige Hälfte des Verlagshauses Kandl & Co., sog die Luft hörbar ein. Er schwang sich aus seinem Sessel hoch, rückte seine Krawatte zurecht, zupfte an seinem Sakko, wie er es immer tat, wenn er sich über etwas aufregen musste: »Mein lieber Herr Marten. Ich …«
»Sie können sich Ihren lieben Herren schenken oder meinetwegen stecken Sie ihn sich sonst wo hin«, fiel Stefan Marten dem Herausgeber des Tagblatt ins Wort. »An Grabreden bin ich nicht interessiert.«
»Also ich muss schon bitten«, setzte Kandl an. »Wir haben immer versucht ihnen zu helfen. Aber meine Berater glauben nicht an die Lebensfähigkeit eines Magazins wie dem Ihren auf diesem Markt. Sie sind der Ansicht, dass die Investition zu hoch ist. Und ich treffe keine Entscheidungen gegen meine Fachleute oder über deren Köpfe hinweg.«
Kandl schnaufte kurz, schnappte mit einer ruckartigen Handbewegung die Besprechungsunterlagen vom Tisch und hielt sie Marten unter die Nase. »Sie konnten uns leider nicht überzeugen.«
Stefan drehte die Unterlagen zu einer papierenen Röhre. »Ich weiß, dass Sie nicht die Wahrheit sagen. Ich kenne die Pläne Ihres Hauses. Ihre Argumente sind bei weitem weniger überzeugend, als es meine waren. Adieu.«
Mit einer ironisch überzeichneten Verbeugung machte Stefan Marten am Absatz kehrt. Er übersah Kandls ausgestreckte Hand und marschierte aus dem Büro.
Das war’s! Aus! Ende! Diese Leichenfledderer. Stimmte es also doch, was ihm sein Anwalt geflüstert hatte. Kandl hatte mit ihm nur deshalb so intensive Verhandlungen geführt, um Gespräche mit anderen Interessenten zu hintertreiben: »Blödes Schwein. Das passt zu euch Pfaffen. Salbungsvolles Geschwafel, Mitleidspose, aber hintenrum die knallharten Abzocker.«
Er hatte nicht auf die Uhr geschaut. Stefan Marten war durch die Stadt gelaufen. Ziel- und planlos. Die Füße schmerzten, aber sein Kopf arbeitete auf Hochtouren. »Scheiße. Warum kann ich mich nicht niedersaufen, so wie es wahrscheinlich jeder normale Mensch in meiner Situation machen würde?« Er hatte sich in die hinterste Ecke eines Cafés zurückgezogen. Die Unterlagen auf dem Tisch, versuchte Stefan einen geraden Gedanken zu fassen, versuchte einzelne Fäden zu einem tragfähigen Rettungsseil zu flechten. Sinnlos! Es wurde jedes Mal ein unentwirrbarer Knäuel daraus. Ein gordischer Knoten aus Schulden, Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfen. Aber er hatte kein Schwert bei sich wie Alexander der Große. Nach ein paar Stunden gab er auf.
Der Hustenanfall überfiel ihn wie ein Straßenräuber einen harmlosen Passanten. Der Stich in seinem Hals kam ohne Vorwarnung. Er ließ ihm nicht einmal mehr die Chance wenigstens auf die Toilette des Cafés zu flüchten. Ja! Doch! Er hatte noch den Impuls, aufzustehen und zur Toilette zu laufen. Aber die Attacke nagelte ihn auf seinem Sitz fest. Würgend und krampfend klebte er auf dem abgebrauchten Sofa.
Zuerst versuchte er noch den kratzenden Reiz zu unterdrücken, der sich wie ein Flächenbrand in seiner Lunge ausbreitete. Sein Keuchen wurde dabei immer lauter, immer hastiger. Das Gefühl, dem Erstickungstod nahe zu sein, ließ ihn zwischendurch verzweifelt nach Luft schnappen. Sein Ringen, dieses ohnmächtige Japsen nach Luft, schien den Hustenreiz aber nur weiter anzufachen. Als würde man versuchen, Feuer durch die Zufuhr von möglichst viel Sauerstoff zu löschen.
»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?« Die Worte des Kellners, der mit einem Glas Wasser herbeigeeilt war, drangen nur langsam durch die Nebel seines getrübten Wahrnehmungsvermögens. »Soll ich einen Arzt rufen … oder die Rettung. Sagen Sie mir, was ich tun soll?« Stefan konnte nicht antworten. Er winkte hastig ab, schnappte nach dem Glas und versuchte, einige Schluck zu trinken. Das Wasser rann an seinem Kinn herunter. Er war nicht fähig zu schlucken, aber dieses Gefühl der Trockenheit musste verschwinden; und wenn er daran erstickte. Langsam ließ der Anfall nach. Schwer atmend lehnte er sich zurück und versuchte, die Blicke der neugierigen Gäste zu ignorieren. »Alles o.k.« Er schluckte schwer. »Danke. Wirklich, alles o.k. Alles o.k.«
In Wirklichkeit war gar nichts o.k. Er hätte am liebsten mit der Faust auf den Tisch gedroschen, seine Wut hinausgeschrieen. Ein paar Touristen glotzten und tuschelten. Die hatten wohl noch nie wen husten gesehen? Er würgte den aufkeimenden Ärger über die unverschämten Gaffer hinunter. Die Angst vor einem neuen Anfall hielt ihn davon ab, auch nur irgendetwas zu sagen.
Von diesem Zeitpunkt an kamen die Attacken immer wieder. Er hatte keine Chance sich dagegen zu wehren. Nachdem er die Schlüssel seines Büros und das darin befindliche Inventar an den Masseverwalter übergeben hatte, hustete er sich beinah die Seele aus dem Leib.
Einmal kam der Husten während einer Gerichtsverhandlung, als es darum ging, die von ihm zu zahlende Quote festzulegen. Der Richter, er hatte den Namen des schmallippigen und mit Ausdauer unfreundlichen Kerls vergessen oder zumindest verdrängt, hatte gemeint, er würde damit nur Eindruck schinden wollen.
Stefan wäre ihm gerne ins Gesicht gesprungen. Aber was konnte man schon tun gegen ein derartiges Unmaß an berufsmäßiger Rechthaberei, gepaart mit der Ignoranz eines Beamtenarsches, der nie, niemals in seinem Leben, so etwas wie ein unternehmerisches Risiko eingegangen war.
Meistens erwischten ihn seine Anfälle jedoch zu Hause … wenn er Zeit zum Grübeln hatte und die Enttäuschung über seine Niederlage mit der Sorge vor einer ungewissen Zukunft zur bitteren Melange wurde.
Stefans Magazin war kaum eingestellt, als Kandl und Co. mit einem neuen Produkt auf den Markt kamen. Auf seinen Markt. Auf jenen Markt, von dem Karl-Wilhelm Kandl vorgegeben hatte, ihn nicht sehen zu können.
Sie hatten sogar die Chuzpe besessen, seine Leute in Bausch und Bogen abzuwerben. Später erfuhr er, dass die Verhandlungen bereits liefen, während man ihm noch mit dem Kaufangebot Hoffnungen gemacht hatte. Er trug es seinen ehemaligen Mitarbeitern nicht nach, dass sie das Angebot annahmen. Sie mussten sehen, dass sie nicht überblieben.
Bei Kandl, da war es etwas anderes. Ihm wünschte er mehr als einmal eine seiner Hustenattacken. Oder irgendetwas anderes, woran auch seine Psyche zu würgen hatte. Und wenn es ein Geschwür an seinem Schwanz war.
IV
Marc war bei dem Einschnitt angelangt. Die wenigen Büsche an den Hängen schienen sich vor der Sonne verkriechen zu wollen. Hier drinnen brütete im Hochsommer die Hitze auf jedem Stein. Sie legte sich tagsüber auf die Straße, stach ihre brennenden Strahlen in den Staub. Sie pflanzte sich auf wie Roca, Diegos riesiger schwarzer Hund, wenn er eines der Autos verbellte, die hin und wieder wie eine Fata Morgana auf der Straße unterhalb des Bauernhauses auftauchten und eine in der Hitze flirrende Staubfahne hinter sich nachzogen, bis sie hinter dem nächsten Hügel verschwanden.
Das schweißnasse T-Shirt klebte auf Marcs Brust wie eine zweite Haut. Er wedelte wie ein flügellahmer Enterich kurz mit seinen Armen um eine leichte Verspannung zu lösen, die sich von seinem Nacken her ausbreitete. Ein Gefühl, das ihn immer wieder heimsuchte, wenn er zu schnell unterwegs war. Wie ein Schattenboxer schlug er im Rhythmus seiner Schritte kurze Haken in die Luft. Bei jedem Schlag atmete er abwechselnd ein und aus. Es war ein Trick, den er einem anderen Läufer abgeschaut hatte. Ein Trick, der tatsächlich immer funktionierte. Er spürte nach jedem Schlag, wie die Brust wieder frei wurde und die Lunge sich entspannte.
Vier Monate war es nun her, dass Marc diese Straße zum ersten Mal hinaufgewandert war. Nach drei Wochen des ziellosen Umherirrens hatte es ihn nach Turón verschlagen. Er war per Autostopp nach Barcelona gefahren und von dort mit dem Zug in den Süden. In Murcia war er ausgestiegen.
Ein Lkw-Fahrer nahm ihn mit nach Almería. Die Stadt hatte ihm gefallen, bis auf die Tatsache, dass dort einfach zu viele Leute waren. Er wollte Ruhe. Niemanden sehen und niemanden hören und schon gar niemanden treffen, den er eventuell kannte … oder besser gesagt, der ihn kannte.
Zwei Wochen lang hatte er die Küste abgewandert. El Cabo de Gata, Agua Amarga, La Isleta de Escullos und San José, ein Kaff am Arsch der spanischen Welt. Zugegeben: Es war ein netter spanischer Arsch. Mit alten Häusern, ein paar kleinen Pensionen und freundlichen Fischern, die den Austríaco ein paar Mal mitnahmen zum Fang.
In aller Früh waren sie hinausgefahren. Auf alten Booten, denen Marc zunächst nur wenig Vertrauen entgegenbrachte. Dabei hatten die bunt bemalten Fischkutter wohl schon mehr als einen heftigen Sturm überstanden. Die Fischer waren zudem durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Für sie hatte ein Begriff wie »schlechtes Wetter« keine Bedeutung. Entweder gab es Wetter zum Hinausfahren, oder es gab Wetter, bei dem man eben nicht hinausfuhr.
Stoisch verrichteten sie ihre Arbeit auf den Booten. Sie warfen die oftmals und sorgsam geflickten Netze aus, die mit leisem Plätschern in das Wasser glitten und dabei den Schimmer des ersten Morgenlichtes brachen, um sie kurz darauf mit mehr oder weniger reicher Beute wieder hochzuziehen. Ein leeres Netz, ohne Fang heimzukehren, das wäre wohl das Einzige, was den Männern Angst gemacht hätte.
Marc hätte sich an das Leben in San José gewöhnen mögen. Aber seine innere Unruhe brach immer wieder durch. Er konnte nicht dagegen ankämpfen. Er durfte es nicht. Jedes Mal wenn er es versuchte, wurde er von seinen Hustenanfällen überrumpelt.
Als es ihn einmal auf einem Fischkutter erwischte, beschloss er, weiterzuziehen und weiter zu suchen. Er wollte jenen Ort finden, an dem er zur Ruhe kommen konnte. Jenen Ort, an dem er sich von dieser verdammten Qual befreien konnte.
V
Marc fuhr zurück nach Almería. Er arbeitete ein paar Tage als Aushilfe in einem Lokal. Dort waren ihm die Dosen mit den wunderschön glänzenden Oliven aufgefallen. Molinero, Turón … schon die Aufschrift auf den Behältnissen klang verheißungsvoll.
»Das ist gar nicht weit von hier«, hatte Felix, der Wirt, erzählt. »Ein Katzensprung, 40 Kilometer, oder so.«
Beinah war Marc ein bisschen enttäuscht gewesen. So ein klangvoller Name und dann sollte das alles nur 40 Kilometer entfernt, also gleichsam in der Nachbarschaft, sein? Nicht versteckt irgendwo im Hinterland?
Felix schwadronierte drauflos. Von den Ernteerfolgen oder Misserfolgen in der Region, von Olivenpreisen und Ölsorten. Er erzählte mit einer Euphorie, als hinge sein zukünftiges Schicksal von der Qualität der nächsten Ernte ab. Marc wollte schon abwinken, aber wenn Felix mit dem Erzählen in Fahrt kam, war der nicht so leicht zu bremsen. »Molinero hat einen wunderschönen Olivenhain. Den bei weitem schönsten, den ich kenne. Und glaub mir: Ich kenne viele. Ich war nur einmal dort. Aber seither kaufe ich bei ihm. Ich hab schon beim Alten gekauft … und beim Jungen sind die Oliven auch nicht schlechter geworden.«
Felix schwärmte weiter von den Tausenden Olivenbäumen. Uralt seien sie, manche schon 200 Jahre und älter: »Sieh sie dir an, wenn du mir nicht glaubst.«
Marc hatte ein paar Tage nachgedacht. Es gab nicht allzu viel zu tun in »Felix´ Cervezeria«, die Saison hatte noch nicht voll eingesetzt. Also machte er sich auf nach Turón.
Felix war also schuld daran, dass er nun hier war. Marc musste über den kleinen Dicken lächeln. Er war ein netter Kerl gewesen. Hatte ihn anstandslos bezahlt und ziehen lassen, obwohl Marc erst zugesagt hatte, länger zu bleiben.
Auf einem Felsbrocken am Wegrand sonnte sich eine gut eineinhalb Meter lange Schlange. Ein schwarz-scheckiges Vieh, dem Marc nicht gerne zu nahe kam. Unwillkürlich schlug er einen leichten Bogen. Er zuckte zurück, als er beinahe auf einen harmlosen Feuersalamander trat, der blitzschnell unter seinen Füßen hinweg in seinen Unterschlupf huschte.
Wozu der Umweg? Das schlafende Reptil auf dem Felsen nahm ohnehin keine Notiz von dem schwitzenden Verrückten, der für einige Meter sein Tempo beschleunigte und in der Nachmittagssonne eine schwache Imitation von Paavo Nurmi zum Besten gab.
