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Auf den ersten Blick ist die einundzwanzigjährige Viv eine ganz normale, naturverbundene Studentin aus Graz. Doch normal ist bei Viv genau genommen nichts. Ihre überirdisch schöne Mutter hat die Geheimnisse ihrer Herkunft mit ins Grab genommen und seither hat Vivs eigenbrötlerischer Vater stets versucht, seine Tochter von allem Mystischen und Unerklärlichen fernzuhalten. Ihr Leben ändert sich drastisch, als sie entdeckt, dass sie in eine magische Welt namens Anwynn reisen kann. Während sie beginnt, alles, was sie zu wissen glaubt, in Frage zu stellen, ahnt sie nichts von der Gefahr, die im Verborgenen auf sie lauert: Es gibt jemanden, der sich ihre Fähigkeit zunutze machen will und nur darauf wartet, endlich zuzuschlagen...
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Komm, komm mit mir, mein Kind.
Ich zeig dir, wo die Feen wohnen.
Viv
Das Meer war stürmisch heute und dennoch hatte es, in all seiner Wildheit, etwas bemerkenswert Vertrautes in sich. Irgendwie mütterlich. Ur-mütterlich.
Ich atmete tief ein und saugte den Duft von Salz und Pinien in mich auf. Dann schloss ich kurz die Augen und lauschte den Wellen, die tosend an den Klippen brachen. Der Wind wirbelte meine Haare auf und peitschte sie mir ins Gesicht. Ich hatte es aufgegeben, sie mir hinters Ohr zu streichen. Mit weit von mir gestreckten Armen stand ich auf der Veranda, die Hände am Geländer abgestützt, und blickte über die Baumwipfel hinweg aufs Meer. In mir lag eine merkwürdige Mischung von Gefühlen. Einerseits war ich vorfreudig und gespannt. Andererseits fühlte ich mich wie ein kleines Kind, das etwas Verbotenes tut. Eigentlich war das lächerlich. Ich war einundzwanzig Jahre alt und hatte weder vor, wilde Orgien zu feiern, noch, das Gesetz zu brechen. Ich war hier in Kroatien, um eine Schamanin zu treffen. Aber mein Vater hätte vermutlich weniger Probleme damit gehabt, mich im Drogenrausch auf einer Party zu wissen, als auch nur ein Wort von einer Schamanin zu hören. Das Unfassbare machte ihm Angst. Und alles, was auch nur im Entferntesten mit Mystik oder Esoterik zu tun hatte, war ihm ein Dorn im Auge – ganz besonders, wenn er mich damit in Verbindung brachte. Das alles hatte mit meiner Mutter zu tun, mit ihrem frühen Tod und den vielen Geheimnissen, die sie umgaben. So richtig durchschaut hatte ich diese Zusammenhänge zwar nie, aber ich wollte nicht, dass Vater sich sorgte. Deshalb hatte ich ihm nur die halbe Wahrheit erzählt: Ich würde mit meiner Freundin Lore nach Kroatien fahren, auf die Insel Murter, und dort im Haus von Lores Tante Urlaub machen. Das Haus gehörte tatsächlich Lores Tante, aber wir waren nicht hier, um Urlaub zu machen – nicht nur.
Lore trat von hinten an mich heran und zugleich bemerkte ich den schwarzen BMW, der unten vor der Einfahrt anhielt. Er hatte österreichische Kennzeichen.
„Das muss sie sein!“, sagte Lore. Sie klang aufgeregt. „Ich geh runter und mach ihr auf!“ Mit diesen Worten war sie auch schon wieder verschwunden. Ich blieb stehen, die Augen weiterhin auf den BMW gerichtet.
Da war sie also – Kaja, die Seherin. Ich beobachtete Lore, wie sie unten über den Hof lief und sich daran machte, das schwere Eisentor aufzuschieben. Es quietschte laut, knarrte, bewegte sich aber kaum von der Stelle. Innerlich hörte ich meinen Vater sagen: Das gehört dringend geölt!
Schmunzelnd wandte ich die Augen ab und eilte die vielen Treppen nach unten, um Lore zu helfen.
Aber bis ich sie erreicht hatte, war das Tor schon wieder zugeschoben und Kaja stieg gerade aus ihrem schwarzen Wagen aus. Ein breites Lächeln ließ weiße Zähne aufblitzen. Kaja strich sich ihr schwarzes, langes Haar hinter die Ohren und nahm ihre Sonnenbrille von der Nase. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Älter, mit bereits ergrauten Haaren. Nicht so jugendlich und auch nicht so attraktiv.
„Du bist also Viv, die Hundesitterin?“, fragte sie und während sie breit grinste, schien es mir, als würden ihre dunklen Augen mitgrinsen. „Ich muss dir gleich sagen, dass Rocky wirklich kein einfacher Hund ist.“ Als sie die Wagentür öffnete, sprang mir eine geballte Ladung Boxer entgegen. Er wog bestimmt fünfzig Kilo und diese fünfzig Kilo hatte er absolut nicht unter Kontrolle. Kaja erwischte in letzter Sekunde das Ende seiner Leine, aber da war es schon zu spät. Fünfzig Kilo Boxer stemmten sich unerwartet gegen meine Brust und rissen mich von den Beinen.
„Rocky, nein!“, rief Kaja, als mein Hintern auf den Boden knallte, aber anstatt auf sein Frauchen zu hören, leckte Rocky überschwänglich über mein Gesicht. Kaja zog ihn mit aller Kraft zurück. „Siehst du, das mein ich“, stöhnte sie. „Er liebt Menschen, er liebt sie viel zu sehr. Die meisten haben Angst vor ihm!“
Endlich hatte sie es geschafft, ihn von mir zu hieven.
„Ich hätte auch Angst“, hörte ich Lore sagen. „Gott sei Dank ist er dich angesprungen und nicht mich!“ Sie kicherte und reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. Ich musste auch schmunzeln, während ich den ungestümen Riesen dabei beobachtete, wie er aufgebracht die Agaven- und Olivenbäume des Gartens beschnupperte und dabei so versessen war, dass er gar nicht merkte, wie er Kaja hinter sich herzog.
Ja – Rocky würde zweifelsfrei eine Herausforderung werden. Erst im Haus leinte Kaja ihren Hund ab und streckte den Rücken schnaubend durch. Rocky nützte die Freiheit und stürmte auf die Veranda, wo er laut zu bellen begann.
Kaja wischte den Ärger über sein Verhalten mit einer Handbewegung weg und sah sich im Eingangsbereich um. „Wow“, sagte sie.
Mir war es gestern, bei unserer Ankunft, genauso ergangen. Von außen wirkte das Haus wie ein unscheinbarer, viereckiger Betonklotz, aber innen hatte es wirklich Charme. Die hohen, hellen Räume, das viele Glas und die dunklen Holzmöbel … Irgendwie erinnerte mich die Stimmung im Raum an den Kolonialzeitstil.
Kaja nickte zufrieden. „Also hier lässt es sich aushalten. Wirklich cooles Haus.“
Sie hatte das Haus von Lores Tante gemietet, weil sie in Murter einen Workshop veranstaltete. Lore und ich waren da, um Kajas Aufenthalt zu erleichtern. Wir sollten uns um das Haus kümmern, um Essen und auch (oder vor allem) um den Hund.
Im Gegenzug würde Kaja uns ein wenig von ihrer Arbeitsweise zeigen. Ein guter Deal, wie ich fand. Und nicht nur ich – Lore hatte, gemeinsam mit ihrer Tante, diesen Deal für uns eingefädelt. Sie und ich waren nämlich nicht nur Studien- und Wohnungskolleginnen – uns verband auch der Hang zu allem Mystischen, Transzendenten. Der Unterschied war nur, dass ich diese Vorliebe geheim halten musste, während Lore von ihrer Familie dazu bestärkt wurde.
Kaja wollte sich nach der langen Fahrt erst mal ein wenig ausruhen. Deshalb beschlossen Lore und ich, auswärts essen zu gehen. Nette Restaurants gab es in der Umgebung genug. Wir entschieden uns für ein kleines Lokal, direkt am Meer. Der Wind war immer noch lebhaft, deshalb setzten wir uns ins Innere, an ein großes Fenster mit Blick auf die entfernt liegenden Kornaten. Im Lichte der untergehenden Sonne wirkten die kahlen Umrisse der Inselketten rot.
„Was hältst du von Kaja?“, fragte Lore, sowie wir Platz genommen hatten.
„Ich hätte sie mir nicht so jung vorgestellt und auch nicht so hübsch. Aber ich find sie richtig cool. Sehr sympathisch!“
„Meine Tante meint, sie ist die beste Schamanin, die ihr je begegnet ist.“
„Ich bin echt schon gespannt. Kann es kaum erwarten, bis sie mit uns etwas macht.“
Der Kellner kam an den Tisch und nahm unsere Bestellung auf, im selben Moment betraten zwei Männer das Lokal. Sie setzten sich abseits von uns ganz hinten in die Ecke. Der Ältere und Größere hatte mir den Rücken zugewandt, der jüngere Typ sah mich ziemlich finster an, während er Platz nahm. Ich wandte meinen Blick von ihm ab und bestellte mein Essen.
Später, als ich schon genüsslich an meinem Djuvec-Reis aß, spürte ich plötzlich das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden. Ich richtete den Kopf auf und wurde augenblicklich von zwei grauen Augen gefangen genommen. Es durchzuckte mich, als hätte ich in einen Stromkreis gefasst. Mir wurde heiß. Doch der junge Typ guckte rasch, fast erschreckt, zur Seite und wandte sich, scheinbar unbekümmert, wieder seinem Essen zu.
Verwirrt über die plötzliche Hitze, die in mir aufgestiegen war, musterte ich den Typen so unauffällig ich nur konnte. Über seinem linken Auge hatte er eine seltsam geformte Narbe. Sie war gezackt wie ein Blitz. Die Farbe seiner Linsen war eine Mischung aus Grau und Braun und das Weiß seiner Augen strahlte ungewöhnlich intensiv. Es verlieh seinem Gesicht etwas Lebhaftes, Feuriges. Nach einer Weile zwang ich mich, meinen Blick von ihm abzuwenden und bemerkte, dass er diese Gelegenheit sogleich nutzte, um mich noch einmal flüchtig zu inspizieren. Dann sagte er etwas zu seinem Kollegen, dem breitschultrigen Typen, von dem ich nur den Rücken sah. Es war eine fremde Sprache.
„Sprechen die Kroatisch?“, fragte ich Lore.
Sie hörte auf zu kauen und horchte mit aufmerksamer Miene zurück. „Nein“, sagte sie schließlich und verzog nachdenklich die Lippen. „Vielleicht Tschechisch.“ Auf ihr Gesicht trat ein unerwartetes Grinsen. „Wieso? Gefällt dir da jemand?“ Sie warf einen Blick über die Schulter zurück. Ihre dunklen Locken sprangen lebhaft der Bewegung nach, als sie den Kopf wieder nach vorne drehte. Das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde breiter.
Ich ließ meinen Blick noch einmal über den Fremden streifen. Er hatte etwas Raues, Unzugängliches an sich und so verstörend es auch war – es kam mir vor, als könnte ich seine Aura auf meiner Zunge schmecken: Irgendwie gefährlich, und irgendwie … interessant. „Ich bin mir nicht ganz sicher“, sagte ich.
Bald darauf bezahlten die beiden Männer. Als sie sich aufmachten und an unserem Tisch vorbeigingen, sah mich der Typ mit der Blitznarbe nicht mehr an. Dafür nutzte Lore die Gelegenheit und musterte ihn akribisch. „Wusste gar nicht, dass du auf Bad Boys stehst“, sagte sie.
„Findest du echt, der sah wie ein Bad Boy aus?“, fragte ich erstaunt.
Sie grinste. „Irgendwie schon.“
„Hm“, machte ich und als ihr Grinsen noch breiter wurde, stellte ich schnell klar: „Er ist mir nur … irgendwie aufgefallen.“
Als wir ins Haus zurückkehrten, startete Rocky einen zweiten Versuch, mich aufs Kreuz zu legen. Aber diesmal war ich schneller und wehrte seinen Freudenangriff ab.
Kaja saß im Wohnzimmer. Am Boden hatte sie weißen Stoff und Decken ausgebreitet. Rundherum brannten Kerzen. Es roch nach Salbei und anderen Kräutern, wie ein feiner Schleier hatte sich der Rauch im Raum verteilt. Kaja lächelte uns offenherzig zu, ihre dunklen Augen funkelten. „Habt ihr schon einmal eine Trommelreise gemacht?“
Wojtek
„Und? Nimmst du den Job jetzt an oder nicht?“ Pavel sah mich ungeduldig an.
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Das alles ist doch schon merkwürdig, oder?“
„Merkwürdig, merkwürdig … Scheiß drauf, ob es merkwürdig ist! Denk an die Kohle!“
Sein Argument war überzeugend. Die Bezahlung war tatsächlich gut. Unglaublich gut, um genau zu sein. Dieser Umstand machte mich allerdings nur noch misstrauischer.
„Ich denke nicht, dass ich der Richtige für so etwas bin!“
Pavel stieß verständnislos Luft durch die Zähne.
„Der Richtige? Jeder dahergelaufene Lump ist der Richtige für diesen Job! Jedes kleine Kind könnte das machen, was du tun sollst. Was denkst du überhaupt noch drüber nach?“ Als ich nichts erwiderte, schüttelte er verständnislos den Kopf. „Ich geh jetzt schlafen! Gib mir morgen Bescheid, wie du dich entscheidest. Ich hab mindestens fünf Mann an der Hand, die ich noch fragen kann!“
Ich blickte ihm nach, wie er aus der Tür verschwand. Jetzt kannten wir uns bestimmt schon sieben Jahre und trotzdem traute ich Pavel nicht über den Weg. Der Job, den er mir vermitteln wollte, war mehr als nur fadenscheinig. Ich hatte ein schlechtes Gefühl. Dennoch war das Angebot verlockend. Nachdenklich rieb ich mir die Augen und bemerkte dabei, wie müde ich war. Die lange Fahrt, das seltsame Angebot und jetzt dieses Hin-und-her-Überlegen. Ich brauchte dringend Schlaf. Und den sollte ich auch kurz darauf finden. Allerdings brachte er mir keine Erholung, denn ich träumte vom Riesengebirge und von Rzepiór.
Wie lange hatte ich eigentlich nicht mehr an diese geisterhafte Gestalt gedacht? Sieben Jahre, oder länger? Warum tauchte er ausgerechnet jetzt, in dieser Nacht, wieder auf?
Er kam unerwartet, ganz nach seiner Art und in derselben schaurigen Gestalt, wie er mir auch damals erschienen war. Aufrecht gehend, auf Pferdehufen, mit den Flügeln eines Greifs, langen Hörnern am Kopf und einem Reptilienschwanz. Der Kristall in seinem langen Stab leuchtete hell und der Strahl schmeckte nach fernen Welten und nach einem uralten Vertrag. Die Stimme des Berggeistes hallte wie tausend Winde durch mein Inneres, als er sagte: „Nimm das Angebot an! Es ist wichtig!“
Viv
Plötzlich war er neben mir. Zu meiner Rechten. Ein schwarzer Wolf. Durch braune, intelligente Augen blickte er mich an. Und dabei wirkte er, als wäre er schon immer bei mir gewesen.
„Komm!“, sagte er. „Komm mit mir!“
Er ging voran und ich folgte ihm, als würde ein unsichtbarer Faden uns verbinden. Steinerne Stiegen schlängelten sich kreisförmig nach unten. Mir wurde schwindlig.
„Wo führst du mich hin?“, fragte ich den Wolf.
„Nach unten, in die Tiefen.“
Vor mir tauchte ein Bach aus Lava auf, ein schmaler Pfad führte an ihm entlang.
„Und wozu?“, fragte ich.
„Damit du begreifst, wer du bist!“
Redete der Wolf wirklich oder hörte ich nur seine Stimme in meinem Kopf? Und warum war sie mir so vertraut?
Unser Weg führte uns weiter, vorbei an einer Gruppe Zwergen, die am Lagerfeuer tanzte. Weiter, vorbei an Elfen, die im Mondlicht flatterten.
„Bleib nicht stehen, geh weiter!“, sagte der Wolf.
Er brachte mich vor eine hölzerne, schwere Tür. Sie war mit einem eisernen Schloss verriegelt.
„Öffne die Tür. Geh hindurch!“, sagte er.
„Aber ich kann nicht!“
Das eiserne Schloss schien unüberwindbar. Vergeblich blickte ich mich um. Kein Schlüssel.
„Der Schlüssel ist in dir!“ Die Stimme des Wolfes brachte mein Inneres zum Erbeben. Ich fühlte in mir eine Explosion. So, als würde man eine Felswand wegsprengen. Licht schoss in festen Strahlen aus meinem Herzen und langsam, ganz langsam, öffnete sich die Tür.
„Viv, Viv, wach auf!“ Als ich die Augen aufschlug, sah ich Lore. Sie lächelte. „Komm schon, oben hast du es bequemer!“
Ich brauchte mehrere Atemzüge lang, um mich zu orientieren. Ich lag am Boden, auf den Decken. Es war bereits dunkel. Und still. Keine Trommelschläge waren mehr zu hören, nur noch die Jalousien, die leise im Wind klapperten, und das Rauschen des Meeres. Kaja war auch nicht mehr da.
„Du bist eingeschlafen!“, sagte Lore.
Merkwürdige Bilder drangen in mein Bewusstsein. Der Wolf, die Tür, das Licht.
Hatte ich geträumt? Oder war ich gereist, so wie Kaja es nannte?
Ich war zu müde, um Lore zu fragen, deshalb folgte ich ihr schweigend über die Marmortreppe nach oben und fiel schwer ins Bett.
Am nächsten Morgen erwachte ich ungewöhnlich früh. Auf Zehenspitzen schlich ich aus dem Zimmer, ich wollte Lore nicht wecken. Zu meiner Überraschung war Kaja schon wach. Sie saß am Esstisch, beide Hände um eine Kaffeetasse geschlossen.
„Auch schon wach?“, fragte sie und schenkte mir ihr sympathisches Lächeln.
Ich nickte und schnalzte leicht verlegen mit der Zunge. „Hab ja ziemlich früh geschlafen gestern!“
„Das macht nichts“, sagte Kaja. „Vielleicht war es wichtig, dass deine Reise ins Träumen übergegangen ist!“
„Ja, wie Träumen hat es sich angefühlt“, murmelte ich. „Ich weiß nur noch, dass ich anfangs diesen Oberton gehört habe. Zwischen den Schlägen, oder eher über ihnen. Und dann war ich weg. Oder wie weg. Es ist schwer zu beschreiben.“
„Das musst du auch nicht. Es ist für dich wichtig, nicht für mich!“ Kaja grinste breit. „Kaffee?“ Sie deutete mit dem Kopf auf die Kanne zu ihrer Linken. Guter, alter Filterkaffe. Ich schnappte mir die größte Tasse, die ich finden konnte, und schenkte sie voll.
Kaja war, wie sie mir später berichtete, eigentlich nur deshalb so früh aufgestanden, weil sie mit Rocky spazieren gehen wollte, und während ich sie begleitete, verstand ich auch warum. Ich schwor mir sogar, in Zukunft, wenn ich mit ihm gehen sollte, noch früher aufzustehen, am besten im Dunklen, wenn kaum Menschen oder andere Hunde unterwegs waren. Rocky reagierte nämlich auf alles, das unseren Weg kreuzte, mit stürmischer Nervosität. Zweimal, als uns Spaziergänger mit Hunden begegneten, musste Kaja sich an einer Laterne festkrallen, um nicht von ihm mitgerissen zu werden. Sie führte ihn sowieso die meiste Zeit mit beiden Händen und hatte alle Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Ich hatte selten einen so überdrehten Hund gesehen. Sein Verstand schien überzugehen von all den Eindrücken um ihn herum.
„Ich hoffe, das legt sich, wenn er älter wird“, meinte Kaja ziemlich außer Atem. „Ich hab echt alles versucht. Hundeschule. Leckerlis. Streng sein. Lieb sein. Ignorieren. Aber alles ohne Erfolg. Er ist nicht erreichbar für mich, sobald er irgendeine Form von Ablenkung hat!“
Ablenkung hatte Rocky genug. Dennoch war ich mir sicher, dass es einen Weg geben musste, ihn zu erreichen. Ich hatte von Natur aus ein gutes Gespür dafür, was Tiere brauchten, und ich hoffte, es würde mich auch bei diesem ungestümen Boxer nicht verlassen. „Vielleicht kann ich ihm helfen, ein bisschen ruhiger zu werden“, sagte ich.
Kaja sah mich lächelnd an. „Ja, das wäre schön. Lore hat mir schon erzählt, dass du ein gutes Händchen für Tiere hast. Also, wer weiß …“ So richtig zuversichtlich klang sie nicht, und wenn ich mir Rocky genauer ansah, war ich mir selbst nicht sicher, ob ich fähig war, diesen Hund auf irgendeine Weise zu beeinflussen.
Als wir von unserem Spaziergang zurückkehrten, war es erst sieben Uhr morgens und immer noch still im Haus. Lore schlief. Ganz leise verschloss ich die Eingangstür und dann beobachtete ich verwundert, wie Rocky schnurstracks unter den Tisch ging, sich ablegte und fast ängstlich zusammenrollte.
„Der Regen“, sagte Kaja. „Er mag keinen Regen.“
Erst jetzt fiel mir auf, dass der Wind nachgelassen hatte und anstelle der klappernden Jalousien ein feines Prasseln am Dach zu hören war. Allmählich wurde es lauter. Ich ging an die Verandatür und blickte nach draußen. Regen am Meer – das liebte ich. Es offenbarte die wahre Urkraft und Stärke der See.
„Eigentlich mache ich selten Trommelreisen, so wie wir es gestern getan haben“, sagte Kaja, die von hinten an mich herantrat. „Mit meinen Klienten arbeite ich normalerweise immer in Einzelsitzungen und auch ein bisschen anders.“ Ich wandte mich um und da erwischten mich ihre funkelnden Augen. „Wenn du Bock hast, dann könnten wir eine kurze Sitzung machen. Ich bin neugierig auf dich.“
Und ob ich Bock hatte.
Wir zogen uns diesmal in das kleine Arbeitszimmer zurück, in dem Kaja eine Liege aufgestellt hatte. Auf Kajas Bitte hin legte ich mich mit dem Rücken auf der Liege ab. Währenddessen entzündete sie Räucherkohle, und als sie zu funken begann, platzierte sie sie inmitten einer massiven Schale, zerrieb Kräuter in ihren Fingern und verstreute sie behutsam über der Kohle. Dann trat Kaja an mich heran, in der einen Hand hielt sie die Räucherschale, in der anderen eine Feder. Mit rhythmischer Bewegung verteilte sie den Rauch. Der Duft von Salbei und anderen Kräutern legte sich über mich wie eine warme Decke und entspannte meine Muskeln. Kaja stellte die Räucherutensilien zur Seite und breitete ihre Hände über meinen Körper aus.
„Oh, du hast eine ganz feine, sensible Ausstrahlung“, sagte sie, die Augen hielt sie dabei geschlossen. „Ich kann dich kaum greifen, du flatterst mir immer wieder davon. Fast wie eine Elfe.“ Sie kicherte leise. „Du bist nicht ganz vollständig“, fuhr sie fort. Kaja hatte ihre Augen immer noch geschlossen, sie wirkte hochkonzentriert. „Es ist offenbar sehr wichtig für dich, dass wir deine Ahnen zu uns rufen. Bitte schließ die Augen.“
Ich wunderte mich, ob sie gesehen hatte, dass meine Augen offen waren, tat aber sogleich, was sie sagte.
„Als Erstes rufen wir deine männliche Ahnenreihe. Stell dir deinen Vater vor. Stell ihn dir vor, wie er vor dir steht.“
Vor meinem inneren Auge tauchte ein Bild meines Vaters auf. Er stand vor mir, wie er es auch im echten Leben getan hätte, mit verschränkten Armen und argwöhnischem Gesichtsausdruck.
„Nun sprich mir nach“, sagte Kaja. Und dann redete sie von Energien und Bündnissen, von Ausgleich, Dankbarkeit und Vergebung. Mein Vater verzog das Gesicht, als würde ihm schlecht. Plötzlich lachte Kaja laut auf. „Dein Vater ist lustig!“, sagte sie. „Der kann ja gar nicht damit umgehen!“
Hatte sie etwa dasselbe Bild wie ich vor Augen? Spätestens jetzt war ich von ihren Fähigkeiten überzeugt.
„Wir müssen ihn austauschen. So wird das nichts. Er ist zu misstrauisch. Lassen wir lieber deinen Großvater die Sache übernehmen.“
Mein Großvater war vor neun Jahren gestorben. Dennoch war es leicht, ein Bild von ihm in meinem Inneren zu erzeugen.
Kaja fuhr mit dem Prozedere fort. Sie sprach mir vor, und ich wiederholte ihre Worte. Bald hatte ich das Gefühl, als würden wir gemeinsam sprechen, als würden wir überhaupt zu einer einzigen Person verschmelzen.
Als es Zeit wurde, sich meiner weiblichen Ahnenreihe zuzuwenden, fragte Kaja: „Lebt deine Mutter noch?“ Diese Worte katapultierten mich gewaltvoll zurück. Mit einem Mal war ich hellwach und schlug die Augen auf. Kaja hatte die Lider immer noch geschlossen, die Hände hielt sie über meinen Körper ausgebreitet, ihr Gesicht wirkte sonderbarerweise ebenso entspannt wie konzentriert.
„Nein“, antwortete ich und schloss die Augen wieder.
„Deshalb“, hörte ich sie leise sagen. Dann wurde es für lange Zeit still. Ich versuchte, ein Bild meiner Mutter hervorzurufen und dachte an die Fotos, die ich von ihr hatte. Meine eigenen Erinnerungen an sie waren zu unklar, viel zu verblasst.
„Deine Mutter ist noch viel schwieriger zu fassen als du“, sagte Kaja schließlich. „Aber sie will dir etwas sagen. Es ist wichtig. Wir müssen das jetzt anders machen.“ Kaja legte ihre Hand auf meine Brust. Sie war warm und auf merkwürdige Weise elektrisierend. Kaum hatte sie mich berührt, überkam mich ein heftiger Schwindel. Und plötzlich war da wieder dieser Oberton. Genau derselbe, den ich gestern über den Trommelschlägen gehört hatte. Ein Bild meiner Mutter schoss in meinen Kopf. Ein ganz klares Bild – keine Erinnerung an ein Foto. Sie stand vor mir, fast greifbar und absolut echt, der Inbegriff von Schönheit. Langsam und geschmeidig trat sie auf mich zu, ihr Blick war fest auf mich gerichtet. Eine Armeslänge vor mir blieb sie stehen und legte in einer entschlossenen Bewegung ihre Hand auf mein Herz. Sowie sie mich berührte, spürte ich einen heftigen Schauer durch mein Inneres jagen.
Mutter öffnete ihren Mund und begann zu sprechen: „Du bist in Gefahr, Viviana! Er hat dich gefunden!“
War das Kajas Stimme?
Ich fuhr stöhnend hoch und riss die Augen auf.
Kaja zog ihre Hand schnell von mir zurück, und sah mich verdattert an.
„Geht’s dir gut?“, fragte sie.
Ich brauchte eine Weile, bis ich nicken konnte.
„So etwas ist mir noch nicht passiert“, sagte Kaja. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Sowie ich dir die Hand aufgelegt habe, war ich weg. Hab ich irgendetwas gesagt?“
Mein Körper versteifte sich. Hatte sie etwas gesagt, oder war es nur eine Stimme in meinem Kopf gewesen?
„Ich bin mir nicht ganz sicher …“, antwortete ich.
Kaja blinzelte mich verblüfft an, lächelte und zuckte mit den Schultern. „Es ist für dich wichtig, nicht für mich. Du wirst die Botschaft noch verstehen, früher oder später.“
Ich nickte stumm und sah Kaja dabei zu, wie sie nach ihrem Räucherwerk griff und die letzten Rauchschwaden mit der Feder aufwirbelte, um sie auf mir und ihr zu verteilen.
„Es war schön, mit dir zu arbeiten“, sagte sie abschließend. „Ich habe nicht jeden Tag eine Elfe bei mir. Normalerweise kommen nur Menschen.“
Viv
Es gibt Frauen, die ganz gewiss etwas Elfengleiches an sich haben, etwas Ätherisches und Zartes. Meine Mutter war so eine Frau. Die Erinnerungen an sie waren verblasst – und dennoch war ich mir sicher, dass sie die schönste Frau auf Erden war.
Vielleicht denken alle kleinen Kinder so über ihre Mutter. Ihre Schönheit war allerdings nicht nur eine kindliche Erinnerung in meinem Kopf, sie war mir, immer wieder und von allen Seiten, bestätigt worden. Jeder, der sie gekannt hatte, sprach von ihrer nahezu überirdischen Schönheit. Und auf den alten Fotos, die Vater aufbewahrt hatte, fand ich es ebenso bestätigt: Langes, glänzend schwarzes Haar. Die Augen strahlend blau und mit einem Schimmer, der nicht von dieser Welt zu sein schien. Feine, ebenmäßige Gesichtszüge. Ein schlanker, eleganter Körper …
Von der erhabenen Schönheit meiner Mutter hatte ich nicht viel geerbt. Jedes „Du siehst deiner Mutter gar nicht ähnlich“ oder „Du kommst mehr nach deinem Vater“ war für mich wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Aber die Leute hatten recht. Ich hatte zwar auch lange Haare, aber meine waren braun, jetzt, nach dem Sommer, von einigen hellen, sonnengebleichten Strähnen durchzogen. Und sie waren bei Weitem nicht so glänzend und dicht wie die meiner Mutter. Meine Augenfarbe? Eine ziemlich unbeeindruckende Mischung aus Braun und Grün. Ich hatte nicht so lange, schlanke Arme und Beine, keinen so grazilen, feinen Körperbau. Ich war durch und durch mein Vater. Eher sportlich gebaut. Durchschnittlich in der Erscheinung. Vielleicht nicht unsauber, aber bestimmt niemand, den man wegen seiner Besonderheit bewundert.
Dass Kaja in mir eine Elfe sah, verwunderte mich zutiefst.
Ich wandte meinen Kopf zur Seite und betrachtete mein linkes Ohr im Spiegel. Es war nach oben hin zugespitzt. Das Einzige an mir, das auf irgendeine Weise elfenhaft wirkte. In der Volksschule hatten sie mich deshalb aufgezogen und „Mr. Spock“ genannt. Laut Angaben meines Vaters waren Mutters Ohren beide spitz gewesen. Ich selbst konnte mich nicht mehr daran erinnern. Sie war gestorben, als ich vier war. Und bei den wenigen Erinnerungen, die ich an sie hatte, war ich mir nicht mehr sicher, ob diese nicht von Erzählungen anderer und alten Fotos stammten. Die einzige ganz klare Erinnerung in mir war ihre Stimme, als sie sagte: „Komm, komm mit mir, mein Kind. Ich zeig dir, wo die Feen wohnen.“
Mein Kind – das klang ungewöhnlich, aber Vater hatte mir erzählt, sie hätte eine sehr eigentümliche Art gehabt, sich auszudrücken, und eine ebenso eigentümliche Affinität für magische Wesen und alte Legenden. War Mutter vielleicht wirklich eine …
Ich musste schnauben und schüttelte den Kopf, bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte. Was glaubte ich eigentlich? Tatsächlich eine Elfe zu sein? Ausgeschlossen!
Kajas Fähigkeiten hatten mich zwar überzeugt, aber mit einem magischen Wesen konnte ich mich nicht identifizieren. Sie hatte das sicher nicht ernst gemeint.
Ich wandte den Blick vom Spiegel ab und verließ das Badezimmer. Draußen war es noch dunkel, lediglich ein sanftes Grau kündigte den beginnenden Morgen an – genau so, wie ich es geplant hatte. Ich schnappte mir Rockys Brustgeschirr, legte es ihm an und griff nach der Leine. Mein Plan war es, ausgiebig mit ihm spazieren zu gehen und darauf zu hoffen, dass mir währenddessen die zündende Idee kam, wie ich ihm helfen konnte zu entspannen.
Sowie ich durch das eiserne Gartentor hinaus war, riss Rocky die Nase zu Boden und zog mich hinter sich her, als wäre ich gar nicht da. Fürs Erste ließ ich ihn gewähren und mühte mich ab, mit seinem Tempo Schritt zu halten. Noch hatte ich keine bessere Idee, als ihn gründlich auszupowern.
Wir erreichten einen schmalen Pfad, er führte am Meer entlang, durch kleine Pinienwälder hindurch und an schier endlosen Steinmauern vorbei. Allmählich färbte sich der Himmel und als ich die aufgehende Sonne als roten Ball am östlichen Horizont erkannte, waren Rocky und ich bestimmt schon eine Stunde unterwegs und dieser gigantische Boxer zeigte nicht das leiseste Anzeichen von Erschöpfung.
Ich schon!
Mein Atem war laut und hastig und meine Kehle staubtrocken. Leise verfluchte ich mich selbst dafür, nicht daran gedacht zu haben, Wasser mitzunehmen. Der beginnende Morgen kündete davon, dass es zum ersten Mal seit unserer Ankunft richtig heiß werden würde. Der lebhafte Wind hatte nachgelassen und die Kraft der Sonne war schon jetzt zu spüren.
Schon bald musste ich verschwitzt und schnaufend Rast machen. Eine große Kiefer, die schützend ihre Äste über uns ausbreitete, schien mir dazu genau richtig. Rocky wollte sich nicht setzen. Er war viel zu aufgewühlt von all den Eindrücken. Ich setzte mich dennoch hin, wartete, bis mein Atem sich beruhigt hatte, und bemühte mich daraufhin, meinen Körper völlig still zu halten. Genauestens betrachtete ich meine inneren Gefühle und Gedanken. Wenn ich eines von den Tieren gelernt hatte, dann, wie wichtig innere Gelassenheit war. Jeder Zweifel, jede kleine Form von Stress war hinderlich für eine gute Kommunikation. Was Rocky brauchte, dessen war ich mir absolut sicher, war Ruhe. Und so bemühte ich mich selbst, ruhig zu werden. Und tatsächlich – nach wenigen Minuten war er zumindest dazu bereit, sich hinzusetzen. Ich sah davon ab, ihn zu streicheln oder zu loben. Diese Gesten hätten ihn nur wieder aufgewühlt. Stattdessen genoss ich gemeinsam mit ihm die Stille. Ich lauschte auf das leise, gleichmäßige Rauschen des Meeres und auf den Wind, der sanft durch die Äste strich. Rocky gähnte erleichternd und legte sich neben mir ab. Ein Gefühl von innerem Frieden umfing mich und schien uns beide miteinander zu verbinden. Einige Minuten verbrachten wir in dieser Stille. Dann beschloss ich, dass es an der Zeit war, sich auf den Rückweg zu machen. Die Sonne hatte bereits enorme Kraft und sie würde die letzten Urlauber der Saison bestimmt bald ans Meer locken. Begegnungen mit anderen Spaziergängern wollte ich, so gut es ging, vermeiden. Während der ersten paar Meter schien Rocky tatsächlich entspannter zu sein, kurz lief er sogar mit durchhängender Leine neben mir her. Bald aber hatten die vielen Eindrücke und Gerüche ihn wieder fest im Griff. Er streckte die Nase zu Boden, schnüffelte aufgebracht und gab ein Tempo vor, dem ich kaum folgen konnte.
Was hatte ich auch erwartet? Eine anhaltende Veränderung nach dieser kurzen Einheit wäre wohl zu schön gewesen.
Also lief ich wieder schnaufend hinter ihm her. Die salzige Luft mischte sich mit dem Schweiß auf meiner Haut und verklebte mir die Haare. Vor uns tauchte eine malerische, menschenleere Bucht auf: Weiße Steine, eingerahmt vom Grün der Pinien und dem türkisblauen Meer. Ich entschied mich kurzerhand, ein Bad zu nehmen. Wenn ich schon aufs Trinken vergessen hatte – an einen Bikini hatte ich zumindest gedacht. Ich trug ihn unter meiner Kleidung.
Der heutige Spaziergang hatte Rocky und mich zwar ein klein wenig zusammengeschweißt, dennoch erschien es mir sicherer, ihn an einen Baum zu binden, während ich ins Wasser ging. Nachdem ich meine Kleider neben ihm abgelegt hatte, tapste ich vorsichtig über die Steine, bis meine Zehenspitzen endlich das Meer berührten. Es war viel wärmer, als ich angenommen hatte, immerhin hatten wir schon Mitte September. Vorsichtig trat ich noch einen Schritt nach vorne. Rocky bellte ungeduldig. Ein Blick über die Schulter zeigte ihn mir mit aller Kraft gegen die Leine gelehnt. Ich musste kichern. „Nur kurz, Rocky, okay? Ich will nur kurz ins Wasser, dann bin ich gleich wieder bei dir“, murmelte ich und wandte meinen Blick wieder auf meine Füße, um zu sehen, wo ich hintrat. Ein Stein fiel mir ins Auge. Er trug ein ebenmäßiges, rundes Loch in sich. „Das sind Feensteine“, hörte ich die Stimme meiner Mutter im Kopf und eine unerwartete Erinnerung überkam mich: Wir waren bei uns zuhause im Wald, Mutter und ich. Sie übergab mir einen Stein, der ein Loch in sich hatte – genauso wie dieser Stein. „Feensteine bringen Glück“, sagte sie.
Ich schüttelte mich ab.
Wo hatte mein Bewusstsein nur diese Erinnerung plötzlich ausgegraben?
Verwundert sah ich aufs weite Meer hinaus und schritt tiefer ins Wasser. Dann hob ich die Arme an, holte tief Luft und köpfelte in das kühle Nass. Es war erfrischend, richtig belebend. Als ich wieder auftauchte, rief ich genussvoll: „Ah!“ und paddelte weiter hinaus. Plötzlich, ganz unerwartet, wurde ich von einem heftigen Schwindel erfasst. Der merkwürdige Oberton, den ich auch beim Trommeln gehört hatte, drang in mein Ohr. Oder war es diesmal doch ein Singen? Eine ganz sanfte Frauenstimme? Alles um mich herum begann sich zu drehen, zu verschwimmen, mir zu entgleiten, und ich hatte das Gefühl, als würde eine andere Welt an die Pforten meiner Wahrnehmung klopfen. Ich wollte mich fallen lassen, spürte, wie mein Körper schwer wurde, da drang ein lautes, aufgeregtes Bellen in mein Ohr.
Rocky!
Mit einem Mal war ich hellwach. Panik jagte durch meine Zellen. Ich realisierte, dass ich im Wasser war.
Was war nur los mit mir?
Hastig paddelte ich ans Ufer zurück. Als ich aus dem Wasser stieg, waren meine Knie weich und mein Herz raste. Rocky schmiss sich mit voller Wucht gegen die Leine und hätte mich zweifellos erneut vor Freude umgerissen, wäre er nicht angebunden gewesen. Ich hatte alle Mühe, mich an ihm vorbei zu schlängeln und an den Baum zu gelangen. Als ich die Schlinge löste, riss er so unerwartet an der Leine, dass ich das Gleichgewicht verlor und mit den Knien am felsigen Boden aufschlug. Die Leine entglitt meiner Hand und Rocky stürmte davon. „Rocky!“ Da hinten im Gebüsch … da bewegte sich etwas. Oh, mein Gott – ein Mensch!
„VORSICHT!“, schrie ich.
Es war zu spät. Rocky setzte zum Sprung an, wie ein Kanonengeschoss sauste er durch die Luft und rammte, mit vollem Karacho, den Fremden zu Boden. Ich sprang auf die Beine, spürte nicht einmal mehr das Brennen der aufgeschürften Knie und betete, während ich rannte, so schnell ich konnte, dass nichts Schlimmes passiert war.
Als ich näherkam, hörte ich ein Lachen. Vergeblich versuchte der Mann am Boden, Rocky von sich zu stemmen.
Gott sei Dank! Ein Hundefreund! Oder zumindest jemand mit Humor!
Schuldbewusst packte ich Rocky am Brustgeschirr und zog ihn mit aller Kraft zurück. „Es tut mir wirklich lei…“ Weiter kam ich nicht, denn ich erkannte die Augen. Das feurige Graubraun, die blitzähnliche Narbe auf der Stirn. Es war der Typ, den ich gestern im Restaurant bemerkt hatte.
Er riss die Augenbrauen bis zum Anschlag nach oben. Dann rappelte er sich auf, schüttelte den Kopf mehrmals und begann herzhaft zu lachen.
„I am so sorry“, versuchte ich es nochmals auf Englisch.
„Keine Sorge, mir ist nichts passiert“, sagte er – zu meiner Überraschung in akzentfreiem Deutsch. „Ich hab mich nur erschreckt.“ Er schüttelte den Kopf und prustete erneut los. So herzhaft, dass er sich vor lauter Lachen den Bauch halten musste. Es war ansteckend. Leise stimmte ich mit ein. Der Fremde tätschelte liebevoll über Rockys Gesicht. „Du hast mich jetzt echt erwischt, mein Großer!“, sagte er und konnte dabei nicht aufhören, in sich hinein zu kichern und den Kopf zu schütteln.
Wirklich sympathisch, dachte ich mir. Ich hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Viv“, sagte ich.
Er zögerte einen Moment und sah mich mit unergründlicher Miene an. Dann ergriff er meine Hand. „Milo“, erwiderte er.
Einen Herzschlag lang schaute er mir so tief in die Augen, dass ich aufhörte zu atmen. Dann ließ er meine Hand los. Viel zu schnell, viel zu abrupt. Er kratzte sich am Hinterkopf und blickte sich verstohlen um.
„Ich hoffe, du hast dich wirklich nicht verletzt!“, sagte ich.
Er schüttelte den Kopf. „Nein, alles bestens!“ Während er das sagte, drehte er sich auch schon wieder um. „Ich muss los, hat mich gefreut, Viviana!“
Warte mal! Hatte ich ihm gerade wirklich meinen vollen Namen genannt?
Bevor ich etwas erwidern konnte, war Milo im Pinienwald verschwunden und ich blieb mit Rocky zurück und starrte verwirrt ins Leere.
Viv
Die nächsten Tage verbrachte ich damit, meine Beziehung zu Rocky zu vertiefen. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge und ich übte mehrmals am Tag mit ihm, in die Ruhe und Stille zu gehen, so, wie wir es unter der Kiefer getan hatten. Allmählich bemerkte ich kleine Erfolge. Er zog weniger an der Leine. Richtete seine Aufmerksamkeit mehr auf mich. Beruhigte sich schneller, nachdem irgendetwas (oder irgendwer) ihn aufgeregt hatte. Zu weiteren peinlichen Zwischenfällen kam es nicht mehr.
Aber immer wieder, ganz unerwartet während der Tage, drängten neue Erinnerungen von meiner Mutter in mein Bewusstsein: Das Gefühl, von ihr gehalten zu werden. Ihr Duft und ihre magisch blauen Augen. Ich fragte mich, woher all das plötzlich kam und inwieweit Kaja damit in Verbindung stand. Ich fand keine Zeit, mit ihr darüber zu sprechen, weil sie frühmorgens, wenn ich noch mit Rocky unterwegs war, das Haus verließ und erst spät am Abend zurückkam.
„Wie ist es dir eigentlich ergangen, bei der Reise?“, fragte ich stattdessen Lore aus.
Aber sie war unschlüssig: „Hm. Weiß nicht so recht. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mir alles nur einbilden, als würden die Bilder nur meiner Fantasie entspringen … Du nicht auch?“
„Bei mir war es eher wie ein Traum. Ein ziemlich realer Traum, wo man überzeugt ist, mittendrin zu sein.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich eingeschlafen bin.“
„Hm“, machte Lore wieder.
„Und die Einzelsitzung mit Kaja, wie war die?“, hakte ich weiter nach.
Keine Unschlüssigkeit mehr. „Die war genial“, sagte sie. „Keine Ahnung, was sie mit mir gemacht hat, aber ich fühl mich seitdem wirklich anders. So vollständig.“
„Hat sie auch deine Ahnen gerufen?“
Lore runzelte die Stirn. „Nein, das nicht. Bei dir etwa?“
Aus einem Grund, der mir nicht greifbar war, erwähnte ich nichts von meiner Mutter und erzählte Lore nur davon, wie Kaja meinen Vater gesehen hatte – genau gleich wie ich: mürrisch, misstrauisch, regelrecht angewidert.
Sie musste laut auflachen. Sie kannte Vater.
„Wir mussten ihn austauschen. Gegen meinen Opa“, fuhr ich fort.
Lore kicherte. Ich hätte ihr bestimmt von Mutter erzählt, wenn sie gefragt hätte, aber das tat sie nicht und irgendwie war ich froh darüber. Das Ganze brachte mich ziemlich durcheinander.
„Gehen wir heute wieder irgendwohin essen?“, fragte ich schließlich. Diese Frage kam nicht von ungefähr. Schon während der Spaziergänge mit Rocky hatte ich mich dabei ertappt, wie ich mich nach Milo umsah. Und nun überredete ich Lore, ein zweites Mal in das Lokal zu gehen, in dem wir waren, als er mir das erste Mal aufgefallen war. Aber mein Bemühen blieb erfolglos. Entweder war sein Urlaub vorbei, oder ich hatte einfach kein Glück. Ich bekam Milo nicht mehr zu Gesicht.
Vor unserer Abreise setzte ich mich mit Kaja zusammen und zeigte ihr, wie ich es geschafft hatte, Rocky zu beruhigen. Ich empfahl ihr, diese gemeinsame Stille jeden Tag mit ihm zu praktizieren. Sie war begeistert. „Das ist so einfach! Und so wirksam!“, sagte sie. „Dass ich selbst nicht drauf gekommen bin!“ Sie schüttelte ihren Kopf und grinste. Einen Moment lang überlegte ich, sie zu fragen, was die Worte meiner Mutter zu bedeuten hatten. Du bist in Gefahr, Viviana! Er hat dich gefunden! Wie Geister spukten sie durch meinen Kopf und hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Schlussendlich entschied ich mich jedoch dagegen. Kaja hatte mir gesagt, die Botschaft wäre für mich wichtig, nicht für sie. Es lag wohl an mir selbst, sie zu verstehen. Außerdem herrschte Aufbruchsstimmung und die bot nicht den Raum für längere Erklärungen. Also streichelte ich Rocky über den Rücken – ganz ruhig, um ihn nicht damit aufzuwühlen, und umarmte Kaja zur Verabschiedung. „Danke noch mal!“, flüsterte ich ihr ins Ohr.
„Ich sag danke“, erwiderte sie.
Nachdem Kaja abgereist war, half ich Lore, das Haus zu putzen und ordnungsgemäß zu verschließen. Dann machten auch wir uns auf den Weg nach Hause und stoppten nur noch in Zagreb, um dort den Hausschlüssel an Lores Tante zu übergeben.
Egal wo ich auch war, ich freute mich immer, nach Hause zu kommen. Je näher wir an die österreichische Grenze gelangten, desto mehr wuchs die Freude, meinen Vater und die Tiere wiederzusehen. Vor unserer Wohnung in Graz wartete mein verlässlicher Audi Quattro auf mich. Mit seinem verblichenen Orange – ich nannte es spaßhaft Sonnenuntergangsbeige – und den vielen Kratzern fiel er wirklich auf, mitten in der Stadt.
„Dass der immer noch fährt!“, sagte Lore, die meinen Blicken gefolgt war. Sie schüttelte lachend den Kopf. Ihre Locken hüpften.
„Ein bisschen mehr Respekt bitte“, mahnte ich sie spaßhaft. „Der Audi ist sogar ein Jahr älter als wir. Man spricht nicht so über einen alten Herren!“
Beim Aussteigen fröstelte ich. Es hatte in Graz bestimmt zehn Grad weniger als in Murter, und zum ersten Mal in diesem Jahr roch es nach Herbst. Lore drückte mich zur Verabschiedung und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Wir sehen uns in einer Woche“, sagte sie, bevor ich einstieg. In einer Woche würde unser Germanistikstudium nach der Sommerpause wieder beginnen. Die letzten Tage der Ferien wollte ich unbedingt bei Papa verbringen.
Im Auto drehte ich schnell die Heizung an. Mein Weg führte mich durch die Stadt, weiter über die Autobahn nach Übelbach und von dort direkt, über steile Schotterstraßen, den Berg hinauf zum Hof meines Vaters. Wie ich diesen Flecken Erde liebte: Den sanften Schwung der Wiesen. Die Wälder, die den Hof umrandeten. Unser Holzhaus. Die alte, mächtige Linde gleich davor. Und natürlich: die Tiere.
Ich parkte unten am Stall und bekam ein breites Lächeln im Gesicht, als ich die Pferde auf der Wiese erblickte. Alle die Köpfe nach unten gerichtet, zufrieden beim Grasen. Die Pferde – das waren El Dorado, der zwanzigjährige braune Wallach meines Vaters, Sisko, mein junger, schöner Falbe, und Joy – die weiße Stute meiner Mutter. Sie war bereits vierundzwanzig und zeigte dennoch keinerlei Alterserscheinungen. Lange blieb mein Blick auf Joy ruhen. Sie war ein besonderes Pferd. So sanft und feinfühlig, oft hatte ich das Gefühl, sie könnte meine Gedanken verstehen.
Papa hatte mir erzählt, dass meine Mutter eines Tages an seinem Hof vorbeigeritten war. So hatten sie sich kennengelernt. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht und ihm war sie wie ein Engel erschienen. Er konnte bis heute nicht verstehen, was eine derart schöne Frau von ihm gewollt hatte, warum sie sich ausgerechnet in ihn verliebte.
Ich schon.
Mein Vater war zwar eigenbrötlerisch, stur und unkonventionell, aber gerade darin lag sein Charme. Ich nannte ihn spaßhaft den Agrar-Freiheitskämpfer, weil er sich in dieser Hinsicht von niemandem etwas sagen ließ. Er konzentrierte sich auf nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, experimentierte mit altem Saatgut und Permakultur und gab sein Bestes, den Hof so zu führen, dass das Land keinen Schaden davon trug. Er scherte sich einen Dreck darüber, dass viele ihn belächelten, dass sie sein Konzept „unwirtschaftlich“ nannten oder die Augen verdrehten, wenn er von Nachhaltigkeit sprach.
Unter Papas mürrischer, unzugänglicher Art lagen ein großes Herz, Unabhängigkeit und sehr viel Mut. Und ich war mir sicher, dass es genau diese Dinge waren, die meine Mutter an ihm geliebt hatte.
Meine Gedanken wurden unterbrochen von einer nassen Hundeschnauze an meiner Hand. Schnell wandte ich den Blick von Joy ab und kniete mich auf den Boden. Rolfi – unsere Hündin. (Sie hatte ihren männlichen Namen einer Geschlechtsverwechslung meines Vaters zu verdanken. Er hatte, als er sie sich als Welpe zu uns genommen hatte, geglaubt, sie wäre ein Rüde, und bis er den Irrtum erkannt hatte, hatte er sich schon zu sehr an den Namen gewöhnt, um ihn noch zu tauschen. Hin und wieder nannten wir sie spaßhaft Rolfine.) Ausgiebig streichelte ich über das schwarze Fell der Hündin. Rolfi hatte ein ruhiges Wesen und drehte nicht gleich durch, wenn man ihr Aufmerksamkeit schenkte, nicht so wie Rocky. Deshalb genoss ich es nun so richtig, mit ihr zu kuscheln. Als ich mich wieder aufrichtete, stach mir die Gestalt meines Vaters ins Auge. Er stand auf der Veranda, die Arme voreinander verschränkt, den Rücken an die Holzwand gelehnt, und wirkte dabei so reglos wie eine Statue. Während ich zu ihm nach oben ging, verfolgte er mich mit seinen Blicken. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Schon wieder fühlte ich mich wie ein Kind, das etwas Verbotenes getan hatte.
Meine Güte – ich bin einundzwanzig und außerdem kann er gar nichts wissen von Kaja!
„Wie war dein Urlaub?“, fragte Vater, als ich vor ihm stand.
„Schön.“
„Was habt ihr gemacht?“
Bildete ich es mir ein, oder schwang tatsächlich Misstrauen in seiner Stimme?
„Baden, spazieren, lesen. Was man eben auf Urlaub so macht.“ Ich rieb mir über die Arme. „Es ist kalt, lass uns reingehen.“
Er folgte mir schweigend ins Haus. Im Ofen knisterte Feuer, es war wohlig warm in der Stube und es duftete herrlich vertraut nach altem Holz und Wald. Papa setzte sich an den Tisch und beobachtete mich dabei, wie ich die Hände vorm Ofen ausstreckte und dem Feuer zusah, das leise züngelnd das Holz verschlang. Dieses Schauspiel war jedes Mal aufs Neue faszinierend.
