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Ein gewöhnlicher Sommerurlaub verändert das Leben der dreizehnjährigen Elena für immer. Durch eine geheimnisvolle Vision eröffnet sich ihr die Welt der Magie und Elena wird unerwartet zu einer Hüterin der Elemente auserkoren. Gemeinsam mit ihrem Element Tamer, einer mächtigen Kette, wird Elena auf eine schwierige Mission geschickt. Zusammen mit drei weiteren Elementhüterinnen soll sie das Böse aufhalten, das im Schatten des Verborgenen zunehmend an Stärke gewinnt. Elena findet sich in einem Wettlauf gegen die Zeit wieder und wird vor eine Herausforderung gestellt, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hat. Wird sie diese Prüfung bestehen und es schaffen, den dunklen Mächten Einhalt zu gebieten?
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 3
Prolog 4
1. Kapitel 6
2. Kapitel 10
3. Kapitel 13
4. Kapitel 16
5. Kapitel 19
6. Kapitel 21
7. Kapitel 25
8. Kapitel 28
9. Kapitel 32
10. Kapitel 36
11. Kapitel 39
12. Kapitel 42
13. Kapitel 45
14. Kapitel 49
15. Kapitel 52
16. Kapitel 55
17. Kapitel 58
18. Kapitel 62
19. Kapitel 67
20. Kapitel 70
21. Kapitel 74
22. Kapitel 78
23. Kapitel 82
24. Kapitel 86
25. Kapitel 90
26. Kapitel 96
27. Kapitel 100
28. Kapitel 107
29. Kapitel 119
30. Kapitel 127
31. Kapitel 136
32. Kapitel 144
33. Kapitel 155
34. Kapitel 162
35. Kapitel 170
36. Kapitel 179
37. Kapitel 192
38. Kapitel 208
39. Kapitel 227
40. Kapitel 245
41. Kapitel 259
42. Kapitel 275
Epilog 295
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-480-6
ISBN e-book: 978-3-99131-481-3
Lektorat: Hannah Lackner
Umschlagfoto: Simon Rosenmüller
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Prolog
Es war die Nacht der Sommersonnenwende. Der Vollmond stand hoch am Himmel und auf der Waldlichtung am See war alles still. Doch diese Nacht war keine gewöhnliche Nacht. Es war die Nacht des ersten Kristallmondes. Die Nacht, in der alles begann.
In der Mitte dieser Waldlichtung stand ein großer Steinblock aus Rosenquarz. Er schimmerte rosafarben im Mondlicht. Daneben war ein kleiner Hügel und am unteren Rand dieses Hügels befand sich eine kleine Ansammlung von Bäumen. Einige davon waren ein wenig vertrocknet, andere trugen ein grünes Blätterdach. Auf der glatten Wasseroberfläche des Sees spiegelten sich die Sterne.
Plötzlich kam Wind auf. Er ließ die Bäume rascheln und kräuselte die Oberfläche des Sees. Der Mond hatte nun seine höchste Position erreicht. Er leuchtete hell auf und ein Mondstrahl fiel auf den Rosenquarz. Er brach sich in dem Stein und vier gleißend weiße Lichtblitze schossen zu dem Hügel, zu den Bäumen und in den See; das vierte Licht wurde in den Himmel reflektiert.
Dann war wieder Stille – jedoch nur für wenige Sekunden, bis plötzlich einer der Bäume mit einem lauten Zischen Feuer fing. Kaum dass er brannte, erloschen die Flammen wieder und etwas Kleines fiel zu Boden. Es war ein Paar feuerroter Ohrringe, in denen die Flammen noch immer züngelten. Als sie erloschen waren, wurden die Wellen im Wasser allmählich immer stärker und es entstand ein riesiger Wasserstrudel in der Mitte des kleinen Sees. Doch einen Herzschlag später hatte sich auch hier das Wasser wieder beruhigt und eine sanfte Welle spülte eine weiße Muschel ans Ufer. Die Muschel klappte auf und eine Kette mit rundem, blau leuchtenden Anhänger und einem Loch in der Mitte kam zum Vorschein.
Dann begann die Erde zu beben und in der Mitte des Hügels tat sich ein Loch auf. Mit lautem Donnern wuchs daraus ein Felsblock empor, auf dessen Spitze ein Armband mit kleinen, grünen Blättern lag. Als der Wind schließlich verebbte, fiel eine schneeweiße Taubenfeder sachte gleitend vom Himmel.
In dieser Nacht waren vier Schmuckstücke entstanden, die die Macht hatten, ihre Ursprungselemente zu kontrollieren.
Die Element Tamers.
1. Kapitel
Elena seufzte und drehte sich auf den Rücken, um sich die warme Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Es war das Ende der Sommerferien. In vier Tagen fing die Schule wieder an und dann begann auch wieder ihr langweiliger Schulalltag. Nur, dass sie dann eine Achtklässlerin sein würde. Bei der Erinnerung daran wurde ihr ein bisschen mulmig. Sie schob sie schnell beiseite und konzentrierte sich lieber auf das sanfte Rauschen der Wellen, die einige Meter unterhalb von ihr auf den weichen Sand schwappten.
Elena war dreizehn Jahre alt, lag am Strand von Sardinien auf ihrem Handtuch und ließ ihre Gedanken wandern. Morgen früh um halb acht würde sie in den Flieger Richtung München steigen und am späten Nachmittag wieder zuhause sein. Sie wohnte in einem kleinen Dorf südlich der bayerischen Metropole und ging in ihrer Nachbarstadt zur Schule. Auch wenn man bei diesem Bundesland für gewöhnlich ein sehr traditionelles Bild im Kopf hatte, traf das auf Elenas Umfeld nicht wirklich zu. Sie und ihre Familie waren vor einigen Jahren zugezogen und somit keine „echten“ Urbayern. Das war dem Mädchen allerdings auch ganz recht so.
Jetzt ging es bald wieder in das große Gebäude mit den vielen Klassenzimmern zurück. Das Mädchen seufzte ein zweites Mal, rief sich dann aber die schönen Seiten des bevorstehenden Ereignisses wieder in den Sinn. Zwar sehnte Elena das Ende der Ferien nicht gerade herbei, aber sie freute sich auch auf ihre Freundinnen, die sie lange nicht gesehen hatte.
„Wobei“, dachte Elena und musste dabei schmunzeln, „ich war ja nicht einsam hier. Zum Glück ist Tamara mitgekommen, sonst wäre es vermutlich ziemlich langweilig geworden, so ganz allein mit meiner Familie!“
Tamara war ihre beste Freundin. Sie war eine selbsternannte Expertin für Mangas und alte Legenden und besaß viele kryptische Dinge, wobei man bei manchen davon ohne nähere Erklärung beim besten Willen nicht darauf kam, was es war. Irgendwie war das Mädchen schon eine schräge Persönlichkeit, ein bisschen abgedreht und manchmal ein wenig überbegeistert von den Vorstellungen ihrer Fantasie. Aber sie war sehr nett, hatte ein großes Herz und Elena mochte sie gern. Elenas Familie bestand aus ihren Eltern und ihren zwei kleinen Schwestern, Anna und Luisa. Die beiden waren acht und zehn Jahre alt und sehr neugierig.
Urplötzlich wurde Elena aus ihren Gedanken gerissen, als ihr etwas Kaltes ins Gesicht spritzte. Tamara stand über ihr und grinste sie an. Sie schüttelte noch einmal ihre nassen Haare und ein weiterer Tropfenregen ergoss sich auf Elenas Bauch, dessen sonnengewärmte Haut sich von einem Moment auf den anderen anfühlte, als hätte man sie jäh schockgefroren. Das bis eben noch tiefenentspannte Mädchen sprang jetzt kreischend auf und starrte die Übeltäterin drohend an, welche daraufhin nur frech kicherte. Tamara ergriff die Flucht in Richtung Meer und Elena jagte ihr halb lachend, halb zeternd hinterher. Sie sprang federnd vom Sand ab, warf sich direkt neben ihrer Freundin ins Wasser und spritzte Tamara von oben bis unten nass. Prustend kniff das Mädchen die Augen zusammen und begann dann noch im selben Moment, es ihrer Freundin doppelt heimzuzahlen. Diese bekam einen großen Schwall Wasser ins Gesicht ab. Schließlich waren beide außer Atem und wateten tiefer ins Meer, wobei sie immer wieder vor Kälte zischten und gleich darauf lachen mussten. Elena wollte gerade etwas sagen, als wie aus dem Nichts eine riesige Welle vor ihr auftauchte und sie verschluckte. Panisch ruderte sie mit Armen und Beinen und versuchte an die Oberfläche zu kommen, doch sie bekam nicht genügend Luft. Dann wurde alles schwarz.
***
Als sie wieder zu sich kam, konnte sie sich im ersten Moment nicht erinnern, wo sie war. Dann fiel ihr schlagartig wieder ein, was passiert war, und sie setzte sich auf. Einen solchen Ort hatte Elena noch nie gesehen. Die Wände um sie waren aus Stein und überall mit glitschigen grünen Pflanzen bewachsen. Alles in allem war es sehr dunkel. Die einzige Lichtquelle bildeten die schwachen Sonnenstrahlen, die durch ein Loch in der Decke in die Mitte des Raums fielen. Auf einmal schwamm ein Fisch an Elenas Nase vorbei. Das blonde Mädchen hob verwirrt die Augenbrauen und starrte das Tier an.
„Fliegende Fische? Nein, da ist sogar eine Meeresströmung! Ich bin unter Wasser! Aber wieso kann ich dann atmen?“
Dieser Ort war ihr unheimlich. Elena wollte so schnell wie möglich zurück an den Strand, zurück an die Sonne und zurück zu ihrer Familie und Tamara. Aber wie sollte sie das anstellen?
„Ich muss wohl durch das Loch schwimmen – einen anderen Ausweg gibt es ja nicht! Aber wie bin ich bloß hierher gelangt?“, überlegte Elena verzweifelt und verkrampfte angespannt die Finger, während ihr Kopf arbeitete und fieberhaft versuchte, sich einen Reim auf das Geschehene zu machen. Nach einigen Sekunden des Zögerns stand sie auf und gelangte sofort wieder in die Schwerelosigkeit des Wassers. Mit kräftigen Zügen schwamm sie auf das Loch in der Decke zu. Doch je weiter sie schwamm, desto weiter schien sich der Ausgang zu entfernen. Elena ruderte schneller und schneller mit Armen und Beinen, doch es war zwecklos. Sie konnte das Loch nicht erreichen. Irgendwann hatte sie keine Kraft mehr und sank zu Boden. Ihre Verzweiflung wuchs. Wo war sie nur? Wie konnte sie hier herauskommen?
„Hallo? Ist da jemand?“ Elenas Stimme hallte schwach in der Höhle wider und zog dabei eine Spur aus kleinen Luftblasen hinter sich her. Ansonsten geschah gar nichts. „Bitte, ich brauche Hilfe!“ Dumpfes Schweigen. „Irgendjemand?“ Panik durchfuhr Elena und sie biss die Zähne zusammen, um nicht laut loszuheulen. Das konnte sie jetzt wirklich nicht brauchen. Ihre übrigen drei Gehirnzellen mussten bei Verstand bleiben. Aber wie sollte das möglich sein, wenn sie vollkommen orientierungslos im Nirgendwo alleine war?
In ihrer Angst und ihrem Frust prellte sie mit der Hand gegen die Wand, zuckte aber sogleich wieder zurück, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Sie starrte die Felsmauer entgeistert an. Elena traute ihren Augen nicht: Die Wand war nicht einmal hart!
Sie tastete erneut danach, doch die Felsen, die so fest aussahen, verschwammen unter ihrem Blick und sandten kreisförmige Wellen aus. Es sah aus, als hätte jemand einen Stein ins Wasser geworfen. Ungläubig und verängstigt taumelte Elena rückwärts und sank wieder zu Boden. In ihrem Kopf drehte sich alles. Schließlich konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen und spürte in ihrer anschwellenden Verzweiflung kaum noch, wie ihr überfordertes Bewusstsein unter der zunehmenden Erschöpfung zum zweiten Mal nachgab.
2. Kapitel
Als Elena wieder erwachte, war es in der Höhle heller geworden. Zuerst glaubte sie, der Morgen wäre angebrochen, doch durch das Loch in der Höhlendecke fiel kein Licht. Es war offensichtlich noch Nacht, denn auch das Wasser hatte sich abgekühlt.
„Es könnte aber genauso gut Mittag sein – an diesem seltsamen Ort lässt sich nichts mit Sicherheit sagen!“, dachte das Mädchen verbittert. Sie schlang die Arme um ihren Körper, um sich zumindest ein wenig gegen die eisige Kälte abzuschirmen. Dann fiel ihr das geheimnisvolle Licht wieder ein, das sie aus ihrem unerholsamen Schlaf geweckt hatte und ein Hauch von Neugier erfasste ihr unwissendes Herz. Elena blickte sich um und entdeckte schnell, dass es von einer weißen Klappmuschel zu kommen schien, die in der Mitte des Raums schwebte. Noch bevor sie Zeit hatte, weiter darüber nachzudenken, nahm sie hinter sich im Wasser eine Bewegung wahr und wandte sich um, so schnell es ihr unter dem Widerstand des trägen Wassers möglich war. Ein halb durchsichtiger, silbrig schimmernder Delfin blickte ihr direkt ins Gesicht. Er sah ein bisschen aus wie ein Geist und Elena bildete sich eine Sekunde lang ein, er würde lächeln, bevor sie den Gedanken verwarf. Es kam ihr einfach zu absurd vor.
Da ertönte plötzlich eine Stimme.
„Hallo, Elena.“
Elenas Verwirrung wuchs von Sekunde zu Sekunde und damit auch ihr Unbehagen. Suchend blickte sie über ihre rechte und danach über ihre linke Schulter, doch außer ihr und dem seltsamen Delfin war niemand da.
Wieder ertönte die Stimme: „Ich bin hier, Elena.“
Dieses Mal hatte sie es deutlich gesehen, es gab keinen Zweifel. Diese Worte kamen von dem Delfin!
„D-D-Du kannst sprechen?“, stotterte Elena und fühlte sich ein wenig schwindelig. Die ungewohnte Lage überfordert sie. Das geisterhafte Säugetier lächelte weiterhin sein wohlwollendes, ein wenig seltsames Delfinlächeln und betrachtete die hilflose Jugendliche vor sich aus dunklen Knopfaugen.
„Ja, das kann ich wohl. Habe keine Angst, Elena. Ich bin hier, um dir eine wichtige Nachricht zu überbringen.“
„Was ist das hier für ein Ort?“, fragte Elena, die ihre Stimme nun endlich einigermaßen unter Kontrolle gebracht hatte.
„Und wie kann ich wieder zurück?“
Der Delfin blinzelte liebevoll, dann antwortete er: „Das hier ist deine Vision, Elena. Ich habe eine wichtige Mission für dich. Du wurdest auserwählt, eines der vier Element Tamers zu hüten und zu gebrauchen. Du bist die einzige, die es kontrollieren kann. Ich vertraue dir, dass du es nicht eigennützig oder für Böses verwenden wirst.“
„I-Ich verstehe nicht ganz. Was ist ein Element Tamer? Wer hat mich auserwählt und warum gerade mich?“
In Elenas Kopf drehte sich alles, doch sie strengte sich an und hörte aufmerksam zu, um nichts zu versäumen, was später noch wichtig für sie sein könnte.
„Die Element Tamers sind Schmuckstücke, die die Macht haben, ihre Ursprungselemente zu kontrollieren. Es gibt vier davon. Die Ohrringe des Feuers, das Erdenarmband, die Windfeder und die Kette des Wassers. Diese wurde dir anvertraut. Zu jedem der vier Element Tamers gehört ein Geist. Ich bin Nimo, der Geist der Wasserkette. Ich habe dich eine Weile beobachtet und ich denke, du bist so weit, dass du deine Aufgabe meistern kannst.“, erklärte der Delfin weiter mit geduldiger, freudiger Stimme und wackelte dabei leicht mit seinen beiden Seitenflossen. Es schien, als habe er tatsächlich eine ganze Weile sehnsüchtig auf diesen Moment gewartet und könne es nun kaum abwarten, das zutiefst verunsicherte Mädchen über seine eigene Bedeutsamkeit zu informieren.
Elena selbst konnte es kaum glauben. Das war doch sicher nur ein verrückter Traum!
Trotzdem war sie ein bisschen neugierig geworden und beschloss, ein wenig weiter nachzuhaken.
„Und was soll ich jetzt tun?“, wollte sie mit zögerndem, aber neugierigem Blick von Nimo wissen.
„Du musst die drei anderen Element Tamers und ihre Hüter finden. Nur zusammen könnt ihr das große Unheil abwenden.“
Bevor Elena darauf irgendetwas erwidern konnte, wozu sie allerdings ohnehin viel zu perplex gewesen wäre, begann die bis dahin ruhig schwebende weiße Muschel mit einem Mal ohne Vorwarnung zu pulsieren und mit jeder Sekunde stärker werdende Wellen auszusenden. Der Delfingeist wurde nun ebenfalls unruhig und fuhr hastig fort, wobei er die Stimme etwas gegen das schwappende Geräusch des Wassers erheben musste.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit. Triff mich in der Nacht des nächsten Vollmondes wieder, am Ursprungsort der Element Tamers. Jetzt nimm die Muschel und geh! Und vergiss nicht die Mission!“
Gerade, als er diese Worte zu Ende gesprochen hatte, hallte Nimos Stimme mit einem Mal tausendfach in der Höhle wider und er verblasste. Die Muschel befand sich plötzlich in Elenas Hand, und einen Herzschlag später begann die Vision zu verschwimmen. Das Mädchen wurde wieder bewusstlos, noch bevor es begriffen hatte, was mit ihm geschah.
3. Kapitel
„Elena! Elena, wach auf!“
„Schon gut, Tamara. Es geht ihr gut. Das war bloß ein kleiner Unfall.“
Als Elena langsam wieder zu Bewusstsein kam, hörte sie vertraute Stimmen.
„Das sind Tamara und Dad. Und sie sind ganz nah! Bin ich wirklich wieder zurück?“, war das Erste, was sie dachte. Vorsichtig öffnete sie die Augen und kniff sie gleich wieder zusammen, als sie von grellem Sonnenlicht geblendet wurde.
Das blonde Mädchen lag wieder am Strand auf seinem Handtuch. Um Elena herum saßen ihre Eltern, Schwestern und Tamara. Alle blickten sie besorgt an.
„Du bist ja wach, meine Süße! Wie geht es dir?“ Das war ihre Mutter, die ihr mit behutsamer Stimme zuredete.
Ja, wie ging es ihr eigentlich?
Elena schluckte. Ihr war gerade etwas geschehen, das verrückter war als alles, was sie zuvor erlebt hatte. Sicher, sie war nach wie vor verwirrt und hatte auch ein bisschen Angst, doch irgendwie fühlte es sich trotzdem richtig an, fast so, als ob sie auf ein solches Ereignis gewartet hätte. Plötzlich fiel ihr die seltsame Muschel wieder ein, die, wie sie nach hastigem Nachfühlen erleichtert feststellte, immer noch in ihrer Hand lag. Schnell schloss Elena die Finger darum, bevor sie antwortete: „Alles in Ordnung, mir geht’sgut. Aber was ist passiert?“
„Du wurdest beim Baden von einer etwas stärkeren Welle umgeworfen und bist bewusstlos geworden. Aber das war bloß ein kleiner Unfall. Einer der Rettungsschwimmer hat uns geholfen. Dir fehlt zum Glück nichts.“, meinte ihre Mutter, der die Erleichterung offen ins Gesicht geschrieben stand.
„Ich dachte schon, es wäre weiß Gott was passiert, als ich dich da am Uferrand liegen sah!“, erzählte Elenas Vater leicht schmunzelnd und musterte seine Tochter mit einem Ausdruck von Zufriedenheit darüber, dass diese das Missgeschick scheinbar gut weggesteckt hatte.
„Wenn du nur wüsstest!“, dachte Elena bei sich und musste dabei unwillkürlich ein bisschen grinsen.
„Na also, dir geht es doch schon wieder besser!“, bemerkte Tamara erfreut und boxte ihrer Freundin leicht gegen die Schulter, als der letzte Rest des Schreckens aus ihren Knochen wich.
„Mach das nicht nochmal!“, warnte sie das Mädchen dann mit gespielt streng erhobenem Zeigefinger und erntete lediglich ein Augenrollen und ein leichtes Schmunzeln seitens der soeben wieder Erwachten. Elena kam mit einem Mal ein Gedanke und sie grinste schelmisch. Urplötzlich setzte sie sich auf und schüttelte sich wie ein nasser Hund das Wasser aus den Haaren, wobei sie ihre Freundin von oben bis unten vollspritzte. Tamara sprang mit einem entsetzten Quietschen zur Seite.
„Nicht schon wieder!“, schimpfte sie zwischen Kicheranfällen und auch Elena konnte ein ehrlich frohes Lachen nun nicht mehr zurückhalten. Die Anspannung fiel mit einem Mal wie eine Last von ihr ab und Erleichterung machte sich wohlig-warm in ihr breit. Endlich war sie nicht mehr in dieser kalten, gruseligen Meereshöhle, sondern wieder zurück bei ihrer Familie!
Ihr Vater räusperte sich. „Wie wäre es, wenn wir nach der ganzen Aufregung ein Eis essen gehen? Ich habe vorhin ein paar Meter weiter unten am Strand ein Eiscafé gesehen, das sah ganz nett aus!“
Die Antwort war einstimmig, und so saßen sie eine halbe Stunde später alle vor riesigen Fruchteisbechern und genossen gemeinsam den letzten Urlaubstag.
***
9 Uhr morgens. Elena saß jetzt seit einer Stunde im Flieger nach München. Geistesabwesend starrte sie aus dem Fenster und versuchte, die Gedanken an ihr seltsames Erlebnis in der Wasserhöhle zu verdrängen. Trotz aller Anstrengungen wollte es ihr partout nicht gelingen, also gab sie nach einer Weile seufzend auf und ließ den Grübeleien freien Lauf. War denn wirklich etwas Wahres an Nimos Geschichte? Irgendwie konnte sie das nicht ganz glauben. Und doch konnte sie nicht aufhören, ständig daran zu denken. Es war einfach zum Verrücktwerden!
Stöhnend drehte sich Elena auf die Seite. Sie versuchte, ein bisschen zu schlafen, ohne Erfolg. Schließlich zog sie ihr Notizbuch aus ihrer Reisetasche und schrieb alles auf, was sie von ihrer Vision in Erinnerung hatte. Als sie fertig war, las sie sich noch einmal alles durch, was sie notiert hatte, und runzelte dabei nachdenklich die Stirn.
Sie sollte die anderen Hüter der Element Tamers finden und mit ihnen das Böse besiegen. Aber wie sollte sie das anstellen? Theoretisch könnte jeder ein Hüter sein!
Und dann war da noch der zweite Teil der Mission. Der Gedanke daran reichte aus, um sie erschaudern zu lassen.Das unbekannte Böse …Was das wohl sein könnte? Elena hatte keine Ahnung. Mit einem ratlosen Seufzer gab sie ihre Überlegungen fürs Erste auf und konzentrierte sich lieber wieder auf die Wolken, die faszinierend schnell an ihrem Fenster vorbeizogen. Sie erinnerten sie dabei ein wenig an das Bild einer fliehenden Schafherde. Das brachte sie zum Lächeln. Über ihr mysteriöses Problem würde sie später weiter nachdenken. Das Flugzeug setzte schließlich zur Landung an und so genoss Elena in den wenigen abschließenden Minuten noch ein letztes Mal das herrliche Urlaubsgefühl, bevor sie wieder in ihre altbekannte Umgebung zurückkam.
4. Kapitel
Noch ein Tag bis zum Schulanfang, Elena stöhnte innerlich und vergrub das Gesicht in einem Kissen, das neben ihr auf der Matratze lag. Bereits in der zweiten Woche würden sie einen Jahrgangsstufentest in Französisch schreiben, und allein bei dem Gedanken daran verging ihr jegliche gute Laune. Sie hasste den Französischunterricht, oder besser gesagt die Art und Weise, wie ihre bisherige Lehrerin ihn gestaltet hatte. Das Fach war erfahrungsgemäß die meiste Zeit sterbenslangweilig, und wenn es dann einmal wirklich wichtig wurde, war es allzu oft unnötig kompliziert. Jetzt war es endgültig vorbei mit dem Faulenzen. Elena rappelte sich auf und begann bemüht positiv gestimmt, ihren Schulrucksack zu packen. Das hieß, wenn man das überhaupt so nennen konnte, viel brauchte sie ja nicht, sie hatte ja noch nicht einmal einen Stundenplan. Als Elena alles Nötige in ihrer Schultasche verstaut hatte, ließ sie sich wieder aufs Bett fallen und holte die weiße Klappmuschel aus ihrem Reisegepäck hervor. Sie versuchte probehalber die Muschel zu öffnen, doch diese war fest verschlossen, obwohl sie nicht verklebt oder bewachsen war. Elena betrachtete die Kalkschale eingehend von allen Seiten und ließ ihre Finger nachdenklich über die harte, ein wenig raue Oberfläche gleiten. Die Muschel war wirklich schön. Aber sie musste einen Weg finden, sie zu öffnen. Mit einem beiläufigen Seufzer legte Elena sich auf den Rücken und faltete die Hände über ihrem Herzen, ganz so wie sie es öfter tat, wenn sie abends vor dem Schlafen noch ihre Gedanken durch alle möglichen Themen wandern ließ. Dem bei dieser gemütlichen Position aufkommenden Anflug von Müdigkeit nachgebend schloss das Mädchen die Augen und ließ seinen Atem tiefer fließen. Alles war so schön friedlich, und es fühlte sich einen Moment lang rund um geborgen und entspannt. Plötzlich wurde es hinter Elenas Augenlidern heller. Leicht verwirrt öffnete sie die Augen und schnappte dann erstaunt und ein wenig erschrocken nach Luft, als sie das Geschehen vor sich wahrnahm. Von der Muschel, die noch immer über ihrem Herzen lag, ging ein warmes, goldenes Licht aus, das zwischen den beiden Schalenhälften aus deren Innerem heraus zu strahlen schien. Eigentlich hätte Elena jetzt Angst haben oder zumindest eine gewisse Unsicherheit verspüren müssen, doch dem war nicht so. Im Gegenteil, beim Anblick des glühenden Objektes durchströmte sie mit einem Mal ein angenehm beruhigendes Gefühl von Sicherheit und Kraft und die Muschel begann wieder zu pulsieren, als wäre sie sich der Aufmerksamkeit des Mädchens nun bewusst geworden. Fast schien es, als würde sie nach der blonden Schülerin rufen. Elena drehte sich wieder auf den Bauch und starrte die Muschel mit neugierig zusammengekniffenen Augen an. Die Muschel drückte vor ihr eine kleine Mulde in das Kissen und Elena legte leicht zitternd ihre Hand auf die weiße Kalkschale. Exakt in dem Moment, in dem ihre Fingerkuppen die Klappmuschel berührten, begann diese plötzlich noch heller zu leuchten und sie gab ein leises knackendes Geräusch von sich. Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig versuchte Elena erneut, die Muschel zu öffnen, und dieses Mal hatte sie überraschenderweise Erfolg. In dem strahlenden Licht, das ihr ganzes Gesicht benetzte, konnte sie sehen, dass auf dem weißen Perlmutt der Innenseite der Muschel eine Kette mit einem schwarzen Band und einem kreisförmigen, blau leuchtenden Anhänger lag. In der Mitte dieses Steins befand sich ein Loch. Das war die Stelle, von der das Pulsieren auszugehen schien. Elena hielt fasziniert den Atem an und verlor sich für einen Augenblick in der außergewöhnlichen Schönheit des Schmuckstücks, welche sie von der ersten Sekunde an in den Bann gezogen hatte. Dann hörte sie plötzlich ihre Mutter von unten rufen und der magische Moment war vorbei. Kurz blinzelte sie, verwirrt über die abrupte Unterbrechung ihrer Trance, und schüttelte dann den Kopf, um wieder klare Gedanken zu bekommen. Behutsam klappte das Mädchen die Muschel zu, verstaute sie sicher in dem Geheimfach seines Bücherschranks und machte sich anschließend auf den Weg nach unten. Während sie beschwingt die steinernen Stufen hinuntersprang, schlich sich unbeabsichtigt ein zufriedenes Lächeln auf Elenas Lippen. Sie hatte noch immer keine Ahnung, wie sie die anderen Hüter finden sollte, doch jetzt da es ihr gelungen war, die Muschel zu öffnen, war sie viel zuversichtlicher auch die übrigen Rätsel ihrer mysteriösen Vision lösen zu können. Glücklich nahm sie mit einem Satz die letzten Stufen und lief dann mit neuer Energie zu ihrer Mutter in die Küche, um diese nach dem Grund ihres Rufens zu fragen.
5. Kapitel
Piep! Piep! Piep! Pi …
An dieser Stelle landete Elenas Hand unsanft auf dem Wecker und warf ihn mit einem scheppernden Geräusch vom Nachttisch. Gähnend setzte sich die Jugendliche auf und sah sich verschlafen um.
„Komisch“, dachte Elena, „hab ich vergessen, das Teil abzustellen?“
Dann fiel ihr wieder ein, was für ein Tag heute war und mit einem lauten Stöhnen ließ sie sich wieder zurück auf ihr Bett fallen.
Montag! Womit hatte sie das nur verdient?
Schließlich stand Elena gezwungenermaßen doch auf und schlurfte langsam ins Badezimmer. Ihre Kleidung, die sie bereits am Tag zuvor herausgesucht hatte, ein schwarz-weiß getupftes Top und ein dazu passender, schlichter schwarzer Rock, lag bereits auf einem Hocker. In altbekannter Routine zog Elena sich an, kämmte und frisierte ihre Haare und ging dann schon etwas wacher hinunter zum Frühstück. Dabei summte sieHave it allvon Jason Mraz vor sich hin, ihr aktuelles Lieblingslied. Mittlerweile hatte sich ihre Laune etwas gebessert und sie freute sich sogar ein wenig auf den kommenden Tag.
„Schon wach? Ich dachte, ich müsste dich heute aus dem Bett ziehen“, begrüßte ihre Mutter sie lächelnd, als sie im Esszimmer ankam. Elena umarmte sie kurz und setzte sich dann an den Tisch, den ihre Mutter bereits gedeckt hatte. Die blonde Frau Mitte vierzig war, abgesehen von ihrem Mann, meistens die Erste, die unter der Woche den Tag begann. Elena nahm sich ein Brot und fing an, Marmelade darauf zu streichen. Während ihre Mutter ihre Schwestern wecken ging, überlegte Elena, was sich wohl dieses Jahr alles verändern würde. Von welchen neuen Lehrern würden sie unterrichtet werden? Ob die Klassenleitung wieder dieselbe sein würde? Vielleicht bekamen sie ja sogar ein paar neue Klassenkameraden!
In diesem Moment stürmte Luisa mit lautem Gepolter die Treppe herunter, grinste ihre aufblickende große Schwester breit an und hockte sich dann ebenfalls an den Tisch, um sofort mit hungrigem Blick den Brotkorb zu durchstöbern. Anna folgte ihr etwas langsamer und rieb sich verschlafen die Augen, sodass sie in ihrem hellblauen Schlafanzug beinahe wieder den Anschein eines Kleinkindes machte.
Als die Älteste musste Elena lächeln, als sie die beiden so sah. Im Gegensatz zu ihr selbst war ihre sportliche, zehnjährige Schwester auch früh morgens schon ein richtiges Energiebündel. Und auch Anna war wirklich süß, wenn auch manchmal etwas morgenmuffelig. Nach einem Blick auf die Uhr begann die neuerkorene Achtklässlerin nun endlich zu essen und sammelte all ihre Energie für den ersten Schultag, auf den sie sich mit jeder verstreichenden Sekunde mehr freute.
Nach dem Frühstück und als sie soweit fertig vorbereitet war, kehrte sie noch einmal in ihr Zimmer zurück, um ihr Handy zu holen und bei der Gelegenheit aus Gewohnheit kurz den neuen Instagramfeed zu checken. Als sie die App wieder schloss, stellte sie fest, dass ihr Zug in fünfzehn Minuten am Gleis sein würde. Mit einem leisen Seufzen schaltete Elena das Display aus und wollte gerade wieder nach unten gehen, als ihr Blick an ihrem Bücherschrank hängen blieb. Sie dachte an die geheimnisvolle Kette, die sie darin versteckt hatte, und hielt zögernd in ihrer Bewegung inne. War das Schmuckstück dort wirklich sicher? Sie holte die Muschel aus ihrem Versteck hervor und legte sich die Kette kurzerhand um den Hals. So würde sie nicht verloren gehen. Elena überprüfte ein letztes Mal ihr Spiegelbild und machte sich dann mit klopfendem Herzen auf den Weg zur Schule.
6. Kapitel
Als Elena das Schulhaus betrat, war sie beinahe augenblicklich von einer drängelnden und laut durcheinanderredenden Menge von Schülern umgeben. Obwohl sie natürlich auch vorher schon darüber nachgedacht hatte, wurde ihr erst in diesem Moment wieder richtig bewusst, dass die Ferien vorbei waren und jetzt ihr gewohnter Alltag wieder beginnen würde, mit Tests und Hausaufgaben und anstrengenden Lehrern und dem ein oder anderen Teenagerdrama. Aber sie war nicht traurig, denn mit all den mehr oder weniger stressigen Aspekten kam auch erneut Vorfreude auf das neue Schuljahr und natürlich vor allem auf ihre Freundinnen in ihr hoch. Mit federnden Schritten und mit offenen Augen nach bekannten Gestalten Ausschau haltend, bahnte Elena sich einen Weg zu ihrem Spind, der praktischerweise im Erdgeschoss stationiert war. Sie tippte mit geübten Fingern die altbekannte Zahlenkombination in das Tastenfeld. Der graue Kasten war so ziemlich das Einzige, von dem sie sich sicher sein konnte, dass es noch genauso war wie im letzten Jahr. Da sie sonst nichts Überflüssiges dabei hatte, stopfte Elena ihre Jacke hinein und hatte den Spind gerade wieder geschlossen, als sich plötzlich von hinten Hände auf ihre Augen legten und ihr die Sicht nahmen. Kurz erstarrte Elena und tastete verwirrt nach den fremden Fingern, doch als sie diese berührte, war ihr die Identität der herangetretenen Person sofort klar und ein breites Grinsen bildete sich auf ihrem Gesicht. Dieses Spiel kannte sie doch!
„Laura!“, rief die Überfallene lachend und drehte sich mit einem Ruck um, wobei die Hände sich von selbst von ihr lösten. Das dunkelhaarige Mädchen vor ihr erwiderte ihr Strahlen und die beiden Freundinnen umarmten sich freudig. Elenas Herz hüpfte vor Glück über dieses Wiedersehen. Zu Laura hatte sie zwar keine ganz so enge Verbindung wie zu Tamara, aber sie waren schon seit mehreren Jahren in einer Klasse und Elena hatte sie sehr gern, auch wenn sie manchmal ein wenig verrückt spielte. Laura war nahezu immer guter Laune, brachte wann immer es passte einen frechen Witz und Elena hatte sie eigentlich noch nie besonders ernst gesehen, was in Anbetracht der langen Zeit, die sie sich nun schon kannten, wirklich beachtlich war.
„Hey!“, begrüßte Laura sie jetzt auch mit Worten und löste sich immer noch dauergrinsend aus der Umarmung.
„Ist echt cool, dich wiederzusehen! Hast du schon einen von den anderen getroffen?“
Dieanderen, das waren ihre Klassenkameraden, die restlichen Schüler der 7e.
„Nein warte, 8e“, korrigierte Elena sich innerlich. Bei dem Gedanken kam ihre Aufregung zurück und sie wippte leicht auf den Fußballen hin und her, ohne sich dessen bewusst zu sein. Laura hatte es offensichtlich bemerkt und meinte daraufhin mit wissendem Lächeln: „Bist du auch so aufgeregt? Ich frage mich die ganze Zeit, welche Lehrer wir wohl kriegen! Hoffentlich nicht wieder den Müller, sonst kann ich nicht garantieren, dass ich das Jahr überlebe!“
Herr Müller war ihr Geschichtslehrer vom letzten Jahr und wirklich nicht besonders umgänglich. Der ältere Mann war sehr streng und die quirlige Laura schien er besonders auf der Schippe zu haben, da sie sich nicht die Bohne für Geschichte und Jahreszahlen interessierte. Trotzdem, in diesem Fall musste Elena ihrer Freundin rechtgeben, Herr Müller war wirklich unerträglich!
Plötzlich entdeckten die beiden Mädchen ein paar Meter entfernt einige weitere Klassenkameradinnen, die sich vor dem Mehrzweckraum versammelt hatten. Sie unterhielten sich angeregt und mit fröhlichen Stimmen über die Geschehnisse der Ferien und tauschten die neuesten Neuigkeiten aus, wobei ihre Geschichten nicht selten von lebhaften Gesten untermalt und ab und an mit verblüfftem Lachen kommentiert wurden. Eine der Personen war Tanja, eine eher kleine, sommersprossige und sehr aufgeweckte Brünette, deren lange glatte Haare einen leichten Rotstich aufwiesen und regelrecht um ihren Kopf durch die Luft wirbelten, da sie mit ihrer aktiven Art in ständiger Bewegung war. Genau sie drehte sich jetzt als Erste der Gruppe zufällig um und streifte die Schülermasse mit beiläufigem Blick. Ihre Augen leuchteten gleich darauf begeistert auf, als sie an Elena und Laura hängen blieb. Freudig winkte sie wie wild mit den Händen und machte so nun auch den Rest der plaudernden Mädchen auf die beiden neu eingetroffenen Schülerinnen aufmerksam.
Lachend spurteten Laura und Elena gemeinsam los und schlossen sich der Versammlung ihrer Klassenkameradinnen an, welche sie mit großem Hallo und herzlichen Umarmungen willkommen hießen. Als Tanja Elena in die Arme schloss, umwehte die Hüterin ein frischer Geruch von Sonnencreme und Tanjas ganz persönlicher Note, deren Vertrautheit das Mädchen unbewusst lächeln ließ.
„Hi!“, begrüßte Fiona, Tanjas beste Freundin, Elena nun etwas weniger stürmisch, aber doch auf ihre spezielle Weise nicht minder liebevoll, und lächelte sie an, was die neu Hinzugestoßene glücklich erwiderte. Fionas Haare hatten einen ähnlichen Rotton wie Tanjas, ansonsten waren die beiden Mädchen allerdings ziemlich unterschiedlich. Gegenüber der eher kleinen, lebhaften Tanja war die hochgewachsene Fiona sehr ruhig. Sie war freundlich und beeindruckend einfühlsam, konnte sich aber durchaus auch für ihre eigenen Ansichten stark machen, wenn ihr etwas nicht passte. Außerdem war sie ein Mensch, der meistens optimistisch dachte, wählte ihre Worte stets mit Bedacht und war immer für Elena da, wenn diese einen guten Rat oder auch einfach nur ein offenes Ohr brauchte, ohne verurteilt zu werden. Fiona lächelte die soeben angekommene Blondine warm an und strahlte damit eine Entspannung aus, die die Nervosität der Wasserbändigerin angenehm linderte.
„Habt ihr schon die Neuen gesehen?“, meldete Tanja sich nun zu Wort, nachdem sie Elena endlich losgelassen hatte, und musterte die beiden Ankömmlinge abwechselnd mit neugierig fragendem Blick.
„Ne, bis jetzt noch nicht. Wer ist es denn?“, antwortete Laura und sah sich interessiert nach unbekannten Gesichtern um. Elena machte sich diese Mühe gar nicht erst. Sie kannte ohnehin aufgrund ihres eher kleinen, wenn auch engen Freundeskreises viel zu wenige ihrer Mitschüler, als dass sie jemanden außerhalb ihrer Klasse alsneuhätte identifizieren können, eine Tatsache, die sie selbst regelmäßig bereute.
„Die beiden da drüben“, gab Tanja bereitwillig Auskunft und zeigte mit dem Finger in Richtung Aula, die sich langsam aber sicher mit Jugendlichen füllte. Am oberen Ende der wenigen hinabführenden Stufen standen zwei Mädchen in ihrem Alter, die sich dadurch von der Masse abhoben, dass sie ein wenig verloren wirkten und damit zu Elenas insgeheimer Faszination sehr unterschiedlich umgingen.
Die eine hatte feines braunes Haar und trug ein sommerliches Kleid von leuchtend orangener Farbe. Sie überspielte ihre Unsicherheit ziemlich gut, indem sie locker und voller Interesse mit einer anderen Schülerin quatschte. Die andere Neue dagegen machte auf den ersten Blick einen eher verschlossenen und mürrischen Eindruck. Sie stand steif an eine Säule gelehnt und starrte angestrengt auf ihr Handy. Ihre langen, blonden Haare lagen über ihren Schultern. Sie trug eine leicht zerrissene Jeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift:Sorry, I don’t talk to idiots!
Laura verzog das Gesicht.
„Und die soll in unsere Klasse kommen? Das kann ja noch was werden!“, raunte sie Elena ins Ohr und hob skeptisch eine Augenbraue. Sie war im Allgemeinen ein sehr aufgeschlossener Mensch, doch der erste Eindruck, den jemand bei ihr hinterließ, zählte durchaus eine Menge. Fiel dieser schlecht aus, so bedurfte es einiger Gegenbeweise, um sich in ihrer Weltordnung wieder gut zu stellen. Gerade in diesem Moment gongte es zur großen Versammlung, die immer am Anfang des Schuljahres stattfand, und die Gruppe setzte sich allmählich in Bewegung, um den anderen Schülern in die Aula zu folgen. Elena zögerte kurz und sah sich noch einmal suchend um. Es waren immer noch nicht alle Klassenkameraden da, aber die würden sie ja dann spätestens im Klassenzimmer treffen. Die blonde Teenagerin holte ein letztes Mal tief Luft und beruhigte ihr nun wieder aufgeregt klopfendes Herz, bevor sie losging, um ihre Freundinnen einzuholen und sie nicht in der Masse der Menschen zu verlieren.
7. Kapitel
„Herzlich willkommen zurück, beziehungsweise herzlich willkommen an alle unsere Fünftklässler und Neuzugänge! Ich freue mich, dass die meisten von euch auch dieses Jahr wieder an unserer Schule sind und ich hoffe auf ein weiteres erfolgreiches Schuljahr“, begrüßte der Direktor die Schüler und blickte von seiner Position auf der Bühne stolz auf die Menge hinab. Er verlor noch ein paar hochtrabende Lobesworte über die Schulgemeinschaft und die in diesem Jahr anstehenden Projekte und kam dann, als die Aufmerksamkeit der Jugendlichen langsam zu schwinden drohte, endlich zum wichtigen Part: „Die Klassenlehrer werden gleich vorkommen und die Klassenlisten vorlesen, danach sammeln sie ihre Schüler zusammen und gehen in die entsprechenden Räume, wo ihr euch ein bisschen kennenlernen und Organisatorisches besprechen werdet. Aber bevor wir damit beginnen, darf ich das Wort an meinen Stellvertreter Herrn Falk weitergeben. Bitteschön!“
Herr Falk nahm das Mikrofon entgegen und räusperte sich kurz.
„Dankeschön. Wie Herr Amberger eben schon sagte …“, ab dieser Stelle hörte Elena nicht mehr zu. Ihre Aufmerksamkeit galt stattdessen der Kette, die sie immer noch um den Hals trug und die auf einmal wie aus dem Nichts zu leuchten begonnen hatte. Schnell schloss Elena ihre Finger darum und drehte ihren Freundinnen den Rücken zu, damit diese nichts von ihrem kleinen Dilemma bemerkten. Als sie ihre Hand wieder öffnete, hatte die Kette aufgehört zu leuchten und lag so kühl und leblos da wie zuvor. Elena atmete unmerklich auf und wandte sich wieder dem Geschehen auf der Bühne zu. Doch in ihrem Hinterkopf rumorte immer noch die Erinnerung an das, was gerade geschehen war. Sie schüttelte sich kurz, um den Gedanken zu vertreiben, bereute es allerdings schon im nächsten Moment, als sie von der Schülerin links von ihr einen fragenden Blick kassierte.
„Alles in Ordnung mit dir?“, wisperte Tanja ihr ins Ohr und musterte sie skeptisch.
„Jaja, alles okay. Ich habe bloß schlecht geträumt heute Nacht und musste gerade daran denken.“, log Elena und setzte eine entschuldigende Miene auf. Die wirkte zu ihrem Glück recht überzeugend.
„Dann ist ja gut“, lächelte Tanja, wandte sich nach vorne und schaute weiter Herrn Falk bei seiner Rede zu.
„So, genug der Worte. Dann darf ich jetzt die Lehrer auf die Bühne bitten. Frau Tannhofer, kommen sie bitte nach vorne!“
Frau Tannhofer stand auf und ging zur Bühne. Die erfahrene Lehrerin unterrichtete Deutsch und war sehr konsequent, aber niemals unfair. Sie stieg auf die Bühne und wandte sich selbstbewusst an die Menge, bevor sie sprach: „Also dann. Ich übernehme dieses Jahr die Klasse 5a. Das sind: Adelhofer, Maximilian; Bauer, Emma; Daigner, Sonja; Dirschl, Simon; Einhammer, Luisa; Fritz, Felix; Hirsch, Thomas; Hohenberg, Christian; Krüger, Anna; Lindmann, Teresa; Maurer, Marc; Martin, Franziska; Müller, Tom; Mainhart, Klara; Neumann, Philipp; Otto, Philomena; Parker, Nils; Quinn, Lily; Reusch, Jana; Schreiber, Jan; Ungerer, Kilian; Winter, Timo und Zeller, Xenia. Ihr kommt bitte mit mir in Raum G009.“
Danach kamen vier weitere fünfte Klassen, die verständlicherweise alle erfahrenen Lehrern zugewiesen wurden. Als die 5e Herrn Roth als Klassenleitung bekam und dieser angesichts seiner erstmalig verstärkten Einflussmöglichkeit auf die neue Schülergenerartion triumphierend den Kopf reckte, wandte sich Herr König in der Ecke des Lehrerkollegiums ab und bemühte sich kläglich um einen neutralen Gesichtsausdruck, woraufhin einige der älteren Schüler belustigt zu grinsen begannen. Auch Elena musste schmunzeln. Der Wettstreit zwischen den beiden Beamten, wem zuerst eine eigene Klasse zugeteilt werden würde, war eine Art Insidergag, der sich seit Eröffnung der Schule vor einigen Jahren bis heute gehalten hatte. Die zwei Männer waren beide Religionslehrer, Herr Roth für Katholisch und Herr König für Evangelisch, und sie hegten eine beinahe leidenschaftliche Abneigung gegeneinander, was manchmal sehr lustig anzusehen war, wenn sie aufeinandertrafen. Jetzt allerdings war die Namensliste fertig verlesen und die 5e verließ gemeinsam mit ihrer neuen Lehrkraft die Bühne, wobei diese den Blick inzwischen bemüht gelassen geradeaus gerichtet hatte und den noch immer amüsierten Gesichtern der Jugendlichen keine Beachtung schenkte. Weiter ging es mit den sechsten und siebten Klassen, dann kamen endlich die achten Klassen an die Reihe. Elena hörte gespannt zu und wartete darauf, dass einer ihrer Klassenkameraden genannt werden würde. Sie wussten nicht sicher, ob sie wirklich der 8e zugeteilt werden würden, aber sie hatten es einfach vermutet, da sie vorher in der 7e gewesen waren. Diese Vermutung stellte sich wenige Sekunden später tatsächlich als falsch heraus als der Direktor Frau Knopf für die 8c nach vorne bat und sie den NamenAigner, Tanjanannte. Tanja marschierte los in Richtung Rednerpult und nach und nach wurden auch ihre anderen Mitschüler aus der ehemaligen 7e vorgelesen. Elenas Name wurde schließlich ebenfalls aufgerufen. Sie folgte ihren Freundinnen nach vorne und stellte sich neben ihren bereits versammelten Kollegen am unteren Rand der Bühne auf. Aufmerksam hörte die Wasserbändigerin der Ansage weiter zu, bis endlich die Information preisgegeben wurde, die sie so brennend interessierte. Die beiden Neuen hießen offenbar Lisa Schuster und Emily Lorenz.
„Schöne Namen!“, dachte Elena bei sich. „Nicht besonders ungewöhnlich, aber es klingt gut.“
Als die Klasse schließlich komplett war, verließen sie in einer geschlossenen Gruppe die Aula und machten sich auf den Weg zu ihrem Klassenraum G024. Der erste Schultag hatte begonnen.
8. Kapitel
„Hallo, mein Name ist Annika Knopf und ich bin ab jetzt eure Klassenleitung. Ich unterrichte euch in Englisch und ich hoffe, dass wir alle ein schönes Jahr zusammen verbringen werden. Wenn ihr irgendwelche Probleme habt, könnt ihr gerne zu mir kommen. Ich würde sagen, wir fangen jetzt erstmal mit einem kleinen Spiel an, damit ihr euch besser kennenlernt.“, so begrüßte Frau Knopf ihre Schüler, nachdem sie im Klassenzimmer Platz genommen hatten.
Elena mochte die junge Lehrerin, aber solche Kennenlernspiele fand sie wirklich unnötig. Sie waren immerhin in der achten Klasse! Und abgesehen davon kannten sich ohnehin fast alle, die beiden Neuen mal ausgenommen. Aber es half nichts, sie mussten da ja sowieso durch.
„Bei diesem Spiel sagt jeder von euch der Reihe nach seinen Namen, sein Alter und eine Sache, die ihn oder sie besonders macht oder die er oder sie gerne tut. Dabei gebt ihr diesen Ball herum. Wenn alle durch sind, wirft der Letzte den Ball jemandem zu und muss dabei dessen Namen und die Sache sagen, die derjenige gerne mag oder die ihn besonders macht. Klar soweit?“, erklärte Frau Knopf und blickte ermunternd in die Runde. Die Klasse nickte und die Lehrerin fing mit zufriedener Miene an und erhob die Stimme: „Also, mein Name ist Annika Knopf, ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und ich fahre in meiner Freizeit gerne Ski.“
Sie gab den Ball weiter an den Jungen neben sich und sah ihn erwartungsvoll lächelnd an.
„Ich bin Lars, ich bin dreizehn Jahre alt und ich fahre gerne Rad.“
„Ich heiße Jonas, bin dreizehn und fahre Skateboard.“
„Ich bin Tim, bin auch dreizehn und ich spiele gerne Basketball.“
„Ich heiße Tanja, bin auch dreizehn Jahre alt, ich spiele gerne Fußball und mache Karate.“
„Tatsächlich?“, hakte Frau Knopf interessiert nach und schenkte dem Mädchen neugierig ihre Aufmerksamkeit.
„Macht das Spaß?“
„Ja, meistens.“, antwortete Tanja und grinste.
Sie gaben den Ball immer weiter durch und dann war schließlich Elena an der Reihe.
„Ich bin Elena, bin dreizehn Jahre alt und ich tanze gerne.“, sagte sie und räusperte sich anschließend kurz und verlegen. Ihre Stimme klang etwas rau, sie hasste es, vor Publikum zu sprechen. Schnell gab sie den Ball weiter an Fiona, die neben ihr saß und ihr das Objekt mit unauffälligem, mitfühlendem Lächeln sofort abnahm.
„Ich heiße Fiona, ich bin vierzehn Jahre alt und ich verbringe meine freie Zeit gerne draußen.“, sagte sie in ruhigem, freundlichem Ton und mit einem so natürlichen Selbstbewusstsein, dass Elena sie insgeheim dafür bewunderte. Fiona hatte den Ball gerade an Florian, der neben ihr saß, weitergegeben, als sich mit einem Mal die Tür öffnete und ein schlankes, blondes Mädchen eintrat. Es war relativ groß und hatte hellblaue Augen, deren Farbe durch ein wenig Mascara strahlend betont wurde. Das war Sofia, in all ihrer klassischen Extravaganz und typischerweise mit einem Sonderauftritt. Sie war schon seit der Grundschule in Elenas Klasse und so ziemlich das komplette Gegenteil von ihr, wenn man die beiden Mädchen überhaupt vergleichen konnte. Von außen sahen sie eigentlich gar nicht einmal so unähnlich aus, aber sie verhielten sich in beinahe jedem Aspekt komplett unterschiedlich und betrachteten die Dinge aus völlig verschiedenen Blickwinkeln.
„Entschuldigung, dass ich zu spät bin!“, wandte sich die neu angekommene Blondine nun etwas außer Atem an die Lehrerin, in deren Blick eine Spur von Missfallen über das unangekündigte Hereinplatzen der Schülerin zu erkennen war.
„Das ist heute ausnahmsweise in Ordnung, Sofia. Deine Eltern haben mir bereits Bescheid gesagt, dass euer Flugzeug erst kurz vor Schulbeginn wieder in München gelandet ist. Dieses eine Mal lasse ich es dir durchgehen, aber sorge dafür, dass es nicht wieder passiert!“, antwortete Frau Knopf mit einem Seufzen und sah sie dann noch einmal streng an.
„Danke, wird nicht wieder vorkommen!“, versprach Sofia mit dem Hauch eines Grinsens, was Elena unfassbar unverschämt fand, und setzte sich auf den freien Platz zwischen Jannis und Sebastian, zwei ihrer Bewunderer. Sofia hatte keine wirklich guten Freunde in der Klasse; die einzige, die man ernsthaft als ihre Freundin bezeichnen konnte, war ihre Nachbarin. Doch die ging auf eine andere Schule und war somit die meiste Zeit nicht in der Nähe. Stattdessen hatte sie allerdings sehr viele Bewunderer, vor allem unter den Jungs, von denen sie sich jedoch nur mit wenigen wirklich abgab. Sofia trug stets die angesagtesten und stylischsten Klamotten und schien alles daran zu legen, cool zu wirken. Auch heute war ihr Outfit perfekt zusammengestellt. Sie trug einen weißen Rüschenrock, eine leichte, rote Bluse mit kurzen Ärmeln, funkelnde, rote Ohrringe und einen dazu passenden roten Armreif, der bei jeder Bewegung leise klirrte. Man hätte sie, so klischeehaft das klang, durchaus als Klassenstar, oder manchmal auch als Klassenzicke, bezeichnen können. Elena konnte sie nicht leiden und Sofia wiederum ließ sie fühlen, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte. Aus Gründen der Einfachheit gingen sich die beiden meistens aus dem Weg. Nun, da alle saßen, wurde die Kennenlernrunde wieder aufgenommen und fortgesetzt. Jannis drückte Sofia den Ball in die Hand und sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, woraufhin er verlegen grinste. Elena ihrerseits verdrehte die Augen, was zum Glück jedoch niemand sah.
„Hi, ich bin Sofia, dreizehn Jahre alt und ich liebe es, Urlaub zu machen.“, erzählte Sofia selbstbewusst, nachdem ihr ihr linker Sitznachbar rasch die Regeln zugeflüstert hatte. Mit zufriedener Miene gab sie den Ball weiter an den rechts von ihr hockenden Sebastian und strahlte ihn ebenfalls an, so wie davor Jannis, dem das Grinsen augenblicklich aus dem Gesicht rutschte.
Als sich alle vorgestellt hatten, warfen sie den Ball auf die besprochene Art und Weise wieder zurück, was ziemlich schnell ging, da sie sich ja fast alle schon vom letzten Jahr kannten. Nach einer Weile kam die kleine Stoffkugel auch zu Elena geflogen, sie fing sie auf und warf sie aus spontanem Impuls Emily zu. Dabei sagte sie: „Emily, hört gerne Musik.“
„Ja, stimmt“, erwiderte die schweigsame Blondine leise und etwas widerwillig und warf den Ball dann schnell weiter zu Lisa.
„Lisa, klettert gerne“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor und wandte sich anschließend rasch ab, sodass sie das fröhliche Nicken der Angesprochenen nur aus dem Augenwinkel wahrnahm. Elena beobachtete die Neue, Emily, einen Moment lang unauffällig und war zu ihrer eigenen milden Überraschung ein wenig enttäuscht darüber, dass das fremde Mädchen sich so verschlossen zeigte.
Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, den Stundenplan abzuschreiben, und dann war es auch schon Zeit für die erste Pause.
9. Kapitel
Am Nachmittag verabredete sich Elena mit ihren Freundinnen im Freibad, um noch einmal die freie Zeit und das bald seltener werdende sommerliche Wetter zu genießen. Es sollte sozusagen eine Eröffnungsfeier für das neue Schuljahr werden. So waren Tanja, Fiona, Laura und sogar Verena und Sarah, zwei weitere Klassenkameradinnen, mit von der Partie. Im Bad angekommen, ließen sie ihre Sachen halb im Schatten eines großen Baumes auf der Liegewiese stehen und sausten dann lachend auf direktem Wege zum Pool, in den Tanja erst einmal unter erschrockenem Kreischen hineingeschubst wurde. Die neuernannten Achtklässlerinnen tobten eine Weile ausgelassen wie kleine Kinder durch das erfrischende Wasser, bis sie die Erschöpfung schließlich einholte und sie sich nach und nach glücklich, aber vollkommen nass und vor Kälte bibbernd auf ihre Handtücher zurückzogen. Die kleine Gruppe hatte gerade etwas gegessen und sich zum Ausruhen in der wärmenden Sonne ausgebreitet, als plötzlich Sofia auftauchte. Sie legte sich auf die gegenüberliegende Seite des Schwimmbeckens, setzte ihre pinke Sonnenbrille auf und holte eine Zeitschrift aus ihrer Tasche, um damit demonstrativ ihr Gesicht zu verdecken. Die Mädchen beachteten sie nicht. Irgendwann, als sie wieder genug zu Kräften gekommen waren und beschlossen hatten, ein Verhalten an den Tag zu legen, das mehr ihrem Alter entsprach, zeigte ihnen Laura, die im Schwimmverein war, wie sie ohne Luft zu holen bis zum anderen Beckenrand tauchen konnte. Als sie dort wieder hochgekommen war, strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und rief zurück: „Versuch es doch auch mal, Elena! Ist ganz leicht!“
„Tzzz …“, kam es auf einmal ungefragt von der Seite, „das schafft sie doch nie!“
Sofia, natürlich musste sie wieder ihren Kommentar dazu abgeben! Wütend ballte Elena die Hände zu Fäusten und nahm unmerklich einen tiefen Atemzug in dem Versuch, sich zu beruhigen. Immer musste diese Zicke sich einmischen! Sie würde es ihr zeigen, dieser verdammten Angeberin!
Ohne weiter zu überlegen holte Elena tief Luft und sprang kopfüber ins Wasser. Sie tauchte unter und tat ein paar kräftige Schwimmzüge, bei denen sie unerwartet ein elektrisierender Schwall von Energie durchfloss und ihr einen Geschwindigkeits-Boost versetzte. Es fühlte sich gut an, und sie war selbst überrascht, wie schnell sie vorankam. Man konnte sagen, sie schoss förmlich durch das Wasser. Als Elena auf der anderen Seite die Oberfläche durchbrach, entstand eine riesig große Welle und Sofia und ihr Magazin wurden klatschnass.
„Spinnst du?“, fauchte die triefende Blondine erschrocken und sprang auf.
„Du kannst gerne das Abo bezahlen, das Heft war nicht grade billig!“
Damit schnappte sie sich ihre Tasche und rauschte davon in Richtung Fahrradständer. Elena war viel zu verblüfft, als dass sie ihr etwas hinterhergerufen hätte. Was war denn gerade bloß passiert? Bevor sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, schaltete sich Laura ein: „Wie hast du denn das gemacht? So habe ich dich ja noch nie schwimmen sehen! Trainierst du etwa heimlich?“
„Was? Nein, Quatsch, wieso sollte ich denn sowas tun?“, entgegnete Elena verwirrt.
„Und wie hast du das mit der Welle gemacht? Mann, das war cool, wie Sofia abgegangen ist! Hat sie verdient, die blöde Ziege!“, meinte auch Sarah und klang dabei sowohl begeistert als auch ziemlich schadenfroh. Elena selbst hatte mittlerweile den starken Verdacht, dass ihr plötzliches Talent etwas mit der Kette zu tun hatte, aber das konnte sie ihren Freundinnen natürlich nicht sagen.
„Ich weiß auch nicht, was los war. Wahrscheinlich hatte ich einfach zu viel Schwung, als ich aufgetaucht bin. Aber jetzt bin ich echt kaputt. Spielt irgendwer mit UNO?“, versuchte sie schnell vom Thema abzulenken und sah mit erwartungsvollem Blick und innerlich noch immer heftig klopfendem Herzen in die Runde. Zu ihrem Glück klappte es.
„Ja gerne! Sollen wir danach nochmal ins Wasser?“, fragte Tanja und schüttelte sich einige Tropfen aus den Haaren, welche Verena besprenkelten, die neben ihr noch außerhalb des Pools stand und nun schaudernd zurückzuckte.
„Klar doch!“, lachte Laura und stieß sich vom Beckenrand ab, um Schwung für den Rückweg zu holen.
Der Rest des Nachmittags verlief ohne weitere Vorfälle und bald hatten sie alle den komischen Zwischenfall wieder vergessen.
„Wirklich alle?“
Darüber machte sich Elena Gedanken, als sie am Abend im Bett lag. Die Kette ruhte neben ihr auf dem Nachttisch und schimmerte sanft im Mondlicht, das durch die Lücke zwischen den geschlossenen Fensterläden in ihr Zimmer fiel. Was war, wenn es doch nicht alle als unwichtig erachtet hatten? Was, wenn sich jemand wunderte und seine Schlüsse daraus zog?
Aber andererseits, welche Schlüsse konnte man daraus als Außenstehender denn bitte ziehen? Es war ja nicht so, dass man jeden Tag von magischen Fähigkeiten hörte oder so etwas überhaupt für plausibel hielt!
„Magische Fähigkeiten… Aber was kann ich denn eigentlich damit machen? Wenn die Sache mit dem Bösen stimmt, dann sollte ich mir vielleicht langsam mal überlegen, wie ich die anderen Bändiger finde …“, dachte sie. Wie es typisch für sie war, schlich sich augenblicklich Sorge in ihren Kopf. Elena spielte alle möglichen Bloßstellungsszenarien durch, bis sie über diesen Grübeleien schließlich unruhig einschlief.
Als Elena die Augen wieder aufschlug, war sie mit einem Mal zurück in der Wasserhöhle, die sie aus ihrer Vision vom Urlaub kannte. Verwirrt drehte sie sich um und entdeckte Nimo, der mit kräftigen Flossenschlägen auf sie zuzuschwimmen schien. Doch aus irgendeinem Grund konnte er sie nicht erreichen, es sah fast so aus, als ob er gegen eine starke Strömung ankämpfte. Elena erschrak, als sie die Panik in seinen Augen sah und der scheinbare Ernst, der ihr noch unbegreiflichen Lage, in ihr Bewusstsein sickerte. Nimo versuchte mit aller Kraft, ihr etwas zuzurufen, doch es war kein Laut zu hören. Sein Gesicht zeigte Verzweiflung und ängstliche Ratlosigkeit, angesichts derer die gewaltige Verunsicherung der Wasserbändigerin sich nur noch weiter verstärkte. Elena wollte zu ihm eilen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Stumm und mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen musste sie zusehen, wie sich plötzlich scheinbar aus dem Nichts ein schwarzes Loch hinter dem Delfingeist auftat und ihn verschluckte.
„Aaaahhh!“, Elena schrie automatisch auf, als ihre Stimme wiederkehrte und saß von einer Sekunde auf die andere kerzengerade in ihrem Bett. Sie hatte das alles nur geträumt!
