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»Die Dinge sind bei Weitem nicht immer so klar, wie sie uns auf den ersten Blick erscheinen.« Fokko Bray träumt seit seiner Kindheit davon, dem eintönigen Bauernleben zu entfliehen und wünscht sich nichts sehnlicher, als der sagenumwobenen Magiergilde in der fernen Hauptstadt beizutreten. Die anstehende Initiation, bei der der Gott Lyr Auserwählte mit einem Elementar segnet, ist seine Chance. Inzwischen werden an der Grenze Altagos Anzeichen monströser Gestalten gesichtet. Wesen, von denen es hieß, sie seien längst verdrängt und vernichtet. Und sie scheinen mächtige Verbündete zu haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
03/2021
© by Michael Meiser
© by Hybrid Verlag, Westring 1, 66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2021 by Jana Puffay
Lektorat: Paul Lung, Robien Schmidt
Korrektorat: Nola Reiber
Buchsatz: Anna-Lena Diel
Autorenfoto: privat
Illustration Karte: Jana Puffay
Die Wächter der blauen Rose
@ 2020 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco
Baronica – Aufbruch zur Letzten Wacht
@ 2020 by Jon Barnis
Das Geheimnis von Talmi‘il
@ 2019 by Creativ Work Design, Homburg; Artwork @ by Mika Jänisen
Shevon – Die Flüchtlings-Chroniken I
© 2019 by Andrea Gunschera; magi digitalis | media production;
www.magi-digitalis.de
ISBN: 978-3-96741-093-8
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Printed in Germany
Michael Meiser
ELEMENTUM
Verschlungene Pfade
Wer sie nicht kennteDie Elemente,Ihre KraftUnd Eigenschaft,Wäre kein MeisterUeber die Geister.
Johann Wolfgang von Goethe
Faust - Der Tragödie erster Teil
Für Jana
Gutmans Hof
Die Initiation
Die Lawine
Zum Schwertdegen
Entführt
Der Aufbruch
Willkommene Abwechslung
Der Beginn der Reise
Auf Abwegen
Fokko
Nachforschungen
Unterricht
Spionage
Stimmen
Gefangen
Flucht
In Feindeshand
Ein neuer Auftrag
Unterm Berg
Heimatgefühle
Am Ufer des Arbonsees
Wahnsinn
Die Legende lebt
Nachbeben
Wiedersehen
Namensverzeichnis
Danksagung
Über den Autor
Hybrid Verlag …
Gutmans Hof
Bray öffnete die Augen und fremde Bilder stürzten auf ihn ein. Über ihm jagte ein rauer, böiger Wind dunkle Wolken über den Himmel.
Ungelenk erhob er sich und schaute sich um. Er stand hoch oben auf der Spitze eines Turms, während sich unter ihm eine düstere Landschaft ausbreitete. Eilig wich er von der steinernen Brüstung zurück, der er gefährlich nahegekommen war, und brachte Abstand zwischen sich und den gähnenden Abgrund.
Nachdem er sich von seinem ersten Schock erholt hatte, nahm er die Mauern um sich herum wahr, die aus knisternder Energie zu bestehen schienen. Sie schimmerten leicht bläulich und waren nahezu durchsichtig.
Obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, trieb ihn seine Neugier zurück an den Rand des Turms. Unter ihm erstreckte sich eine schier endlos weite Ebene. Winzige, schwarze Punkte bevölkerten das Tiefland und bildeten pulsierende Muster. Blitze, die in allen Farben des Regenbogens erstrahlten, zuckten über den Himmel und malten ein farbenfrohes Gemälde in die Dämmerung. Der Wind frischte auf und trug durchdringende, martialische Schreie voller Todesangst mit sich. Zu seinen Füßen wütete eine schreckliche Schlacht.
Eine bleierne Müdigkeit überfiel Bray und trieb alle Kraft aus seinen Beinen. Seine Knie gaben nach und er fiel vornüber. Verzweifelt versuchte er, sich an der Brüstung abzustützen, doch bevor seine Hände Halt finden konnten, stürzte er hinab.
Als Bray wieder zu sich kam, stand er inmitten des Schlachtfelds, das zuvor in weiter Ferne gelegen hatte. Die kleinen schwarzen Punkte entpuppten sich aus der Nähe als kämpfende Krieger.
Vor ihm versuchte eine Gruppe gepanzerter Lanzenträger, dem Ansturm einer Kavallerieeinheit standzuhalten. Zwei Reiter wurden von den Spitzen der Lanzen aus dem Sattel gehoben und fielen krachend zu Boden. Einer der Reiter durchbrach die Verteidigung, begrub einen der Lanzenträger unter sich und streckte den nächsten mit einem gewaltigen Hieb nieder. Einen Augenblick später fegte ihn der Bolzen einer Armbrust vom Pferd.
Metall traf klirrend auf Metall und vermischte sich mit unzähligen wütenden und wimmernden Schreien zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie des Todes und der Verwüstung.
Nur wenige Schritte von Bray entfernt stand eine Gestalt, die in eine, mit leuchtenden Symbolen übersäte Robe gehüllt war, während eine weite Kapuze ihr Antlitz verbarg. Ihr gegenüber befand sich ein gesichtsloser Schatten, der aus vollkommener Dunkelheit zu bestehen schien, die jegliches Licht absorbierte. Der riesenhafte Schatten setzte sich in Bewegung und stapfte bedrohlich langsam auf die Gestalt zu.
Über dem Träger der leuchtenden Robe schwebte eine nahezu durchscheinende, rot schimmernde Kugel. Er schrie etwas in einer Bray unbekannten Sprache und die Lichtkugel schoss nach vorne, während sie sich vergrößerte und verformte. Im nächsten Augenblick löste sich ein greller Lichtblitz aus ihr, der zuckend auf den herbeieilenden Schatten zuflog.
Doch bevor der Blitz ihn erreichte, schälten sich rasend schnell die Umrisse einer Streitaxt aus dem Dunkel. Der helle Blitz traf krachend gegen sie, wurde zurückgeworfen und flog wirkungslos in den wolkenverhangenen Himmel.
Der riesige Schatten sprang heran und schwang die mächtige Waffe. Der Angriff erfolgte derart schnell, dass die wachsende Lichtkugel keine Chance bekam, auszuweichen. Die Schneide der Axt flog unerbittlich durch das Leuchten hindurch und teilte es mühelos in zwei Hälften.
Die beiden Halbkugeln schwebten einen Moment regungslos in der Luft, während ihre Ränder zerfaserten. Dann verlor ihr Leuchten innerhalb weniger Augenblicke an Intensität, bevor es sich schließlich auflöste und nichts mehr an seine Existenz erinnerte.
Mit dem Verlust der Lichtkugel schienen auch die leuchtenden Symbole auf der Robe ihre Strahlkraft zu verlieren. Die Gestalt unter der Kapuze warf ihren Kopf in den Nacken und stieß einen wehklagenden Schrei aus, der sich in den lauten Geräuschen der Schlacht verlor. Obwohl sie keine andere Waffe bei sich trug, stürzte sie sich wie von Sinnen auf den hünenhaften Schatten.
Diesen schien der überhastete Angriff jedoch nicht im Mindesten zu beeindrucken. Das Wesen holte aus und fegte den Kapuzenträger mit einem gewaltigen Axthieb von den Beinen. Die Waffe traf den Rücken der Gestalt, der sich mit einem lauten Knacken unnatürlich verformte. Regungslos blieb sie mit verdrehtem Körper am Boden liegen.
Auf der Suche nach einem neuen Ziel bewegten sich die schwarzen Umrisse des Kopfes ruhelos umher. Mit einem Ruck kam er zum Stehen und die konturlosen Züge fixierten Bray. Das Wesen stieg achtlos über den Besiegten zu seinen Füßen und stapfte zielstrebig auf ihn zu.
Panik nahm von Brays Körper Besitz. Jede Faser seines Verstandes riet ihm, sich schleunigst umzudrehen und wegzulaufen, doch seine Füße reagierten nicht auf die flehentlichen Ratschläge.
Die Geräusche der umliegenden Schlacht verklangen und alles um ihn herum verlor an Wichtigkeit. Sein Gegner ließ sich Zeit und schien den Moment auszukosten, ganz so als wüsste er, dass sein Opfer ihm nicht entkommen konnte.
Bray schrie um Hilfe, doch kein Ton entwich seiner Kehle. Wehrlos musste er mitansehen, wie der tiefschwarze Schatten vor ihm aufragte und ausdrucklos auf ihn hinabblickte. Mit beiden Händen hob die Gestalt die riesige Streitaxt über ihren Kopf.
Einen kurzen Moment schwebte die blitzende Waffe bewegungslos vor den unheilvollen Wolken, dann sauste sie auf Bray hinab.
»Wach endlich auf, du Faulpelz!«
Bray schlug die Augen auf und stemmte sich mühsam auf den Ellenbogen. Schlaftrunken schaute er seinen Vater an, der vor seinem Bett stand und die Arme in die Hüfte stemmte.
Er klang so, als hätte er diese Worte heute Morgen nicht zum ersten Mal gerufen.
»Komm schon, du musst heute früh aufstehen. Frühstück steht schon bereit.« Sein Vater warf Bray einen letzten strengen Blick zu und verließ den Schlafraum.
»Ist ja gut«, murmelte Bray und rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Ich komme.«
Einen Moment überlegte er, unter der gemütlichen Decke liegen zu bleiben, entschied sich dann aber dagegen. Die drängende Stimme seines Vaters duldete keinen Widerspruch. Seufzend schlug er die Decke zurück und sofort blies ihm eisige Luft entgegen.
Bray verzog unwillig das Gesicht, rutschte vom Bett herunter und zog eilig seine Kleider an, die neben dem Bett lagen – eine dicke, abgetragene Hose, ein ebenso abgetragenes Hemd und zu guter Letzt seine Stiefel, deren raues und stellenweise geflicktes Leder zum Rest seiner Kleidung passte.
Währenddessen dachte Bray über seinen Traum nach. Bereits seit einer Weile durchlebte er diese seltsamen Alpträume, in denen er nur knapp dem Tod entrann. Er konnte sich nicht erklären, woher sie kamen, denn Schlachten kannte er lediglich aus den Geschichten der alten Männer.
Wohl ebenfalls durch den Lärm ihres Vaters geweckt worden, streckte Brays jüngerer Bruder Alrick verschlafen den Kopf unter seiner Decke hervor.
»Morgen«, murmelte Bray und schlurfte mit zusammengekniffenen Augen aus dem Raum, wobei ihm ein köstlicher Geruch in die Nase stieg.
Sein Vater saß im Wohnraum, dem zweiten und zugleich letzten Raum des kleinen Hauses der Familie Gutman, dessen Einrichtung aus einem Tisch, einer Feuerstelle und einem kleinen Kamin bestand.
Bray setzte sich zu seinem Vater. Auf dem Tisch warteten bereits ein Spiegelei mit einem Haufen Speck und ein Glas Milch auf ihn.
»Wir haben heute viel zu tun, wir müssen runter ins Dorf«, sagte sein Vater zwischen zwei Bissen. »Du weißt doch, heute ist das große Fest.«
»Was für ein Fest?«, fragte Alrick gähnend, der hinter Bray aus dem kleinen Schlafraum schlenderte und sich zu ihnen an den Tisch setzte.
»Sag mal, schläfst du noch?«, rief Bray und strahlte seinen Bruder an. »Heute ist doch die Initiation. Heute bekomme ich endlich mein Elementar!«
Gierig machte er sich über das Essen her.
»Immer langsam, Bray«, mahnte sein Vater und legte klirrend seine Gabel auf den leeren Teller. »Noch ist es nicht sicher, ob du überhaupt eine Begabung zeigst und bei dem Ritual auserwählt wirst.«
Wie um seine Aussage zu bestätigen, glomm das pulsierende, dunkelgrüne Licht, das über seinem Kopf schwebte, leicht auf.
»Aber Lyr hat dich doch auch auserwählt«, protestierte Bray. Aufgeregt fuchtelte er seinem Vater mit dem Besteck vor der Nase herum. »Also wird mir das auch gelingen. Ich brauche schließlich Hilfe, wenn du irgendwann nicht mehr da bist und unsere Felder bestellt werden müssen. Ich kann den großen Hof nicht allein betreiben.«
»Auserwählt zu werden, ist eine große Ehre, die nicht jedem zuteilwird.« Mahnend hob sein Vater einen fleischigen Zeigefinger. »Nur weil mir damals das Glück zuteilwurde und du mein Sohn bist, darfst du nicht davon ausgehen, dass es bei dir genauso sein wird. Außerdem ist dein Bruder da, der dich immer unterstützen wird, wenn ich einmal nicht mehr bin.« Sein Vater schüttelte entschieden den Kopf. »Aber genug davon. Ich werde noch lange euer Vater sein. Jetzt sei ein guter Junge, geh in den Stall und bereite die Schafe und Hühner für den Markt vor. Alrick wird dir helfen, sobald er mit dem Frühstück fertig ist.«
Mit diesen Worten stand er vom Tisch auf und wandte sich dem Aufräumen der Küche zu. Sein Zeichen dafür, dass für ihn die Diskussion beendet war und er nicht mehr über dieses Thema reden wollte.
Bray aß auf, nahm seine Handschuhe und die Wollmütze vom Kleiderständer neben der Tür und ging hinaus zum Stall, der im Winter die Schafe und Hühner der Familie beherbergte.
Als er aus der Tür ins Freie trat, bildeten sich beim Ausatmen vor seinem Mund weiße Wolken. Der Schnee lag beinahe kniehoch, doch seit dem gestrigen Tag hatte es aufgehört zu schneien.
Dieser Schnee läutete den fünfzehnten Winter ein, den Bray erlebte. In all der Zeit hatte sein Vater nie erlaubt, dass er sich weiter vom Hof entfernte als bis zum nahegelegenen Dorf Trico, das nicht ganz einen halben Tagesmarsch entfernt in den Bergen lag.
Den Weg hinunter ins Dorf nahm die Familie für gewöhnlich nur auf sich, wenn sie ihre selbst hergestellten Waren auf dem Dorfplatz gegen dringend benötigte Gegenstände eintauschen wollte. Oder eben dann, wenn ein besonderes Fest vor der Tür stand, wie am heutigen Tage die Initiation.
Zu diesem Anlass wählte Bray ein Schaf und einige Hühner aus, die sie gegen einige Säcke Getreide und ein paar Fässer gutes Bier eintauschen wollten.
Während er die Tiere in einem hölzernen Transportkäfig auf dem Schlitten mit dicken Gurten sicher verzurrte, hielt Bray für einen Moment inne und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen.
Zu seiner Rechten zog sich die mächtige Bergkette des Baldrusgebirges in einem leichten Bogen bis zu ihrem Hof und verschwand dann gen Osten aus seinem Blickfeld. Durch die klare Luft des klirrend kalten Wintertags erkannte Bray sogar am Horizont den weit entfernten Arbonsee und die dunkelgrünen Baumwipfel des Fenguunwaldes, der bis zu den Ausläufern des Gebirges heranreichte.
Wie so oft rief die Weite mit drängender Stimme nach Bray und forderte ihn leise, doch unmissverständlich auf, zu ihr zu kommen. Auch wenn ihn bei dem Gedanken an die Ferne ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Vater plagte, träumte er seit langer Zeit davon, eines Tages das Land zu bereisen und die Berge hinter sich zu lassen. Er brannte darauf, endlich herauszufinden, ob die mythischen Geschichten, welche die Alten abends am Feuer erzählten, auch nur einen Funken Wahrheit enthielten oder ob sie nur ihrem wirren Verstand entsprangen.
Sein Vater schien mit dem eintönigen und abgeschiedenen Leben auf dem Hof überaus zufrieden – etwas, das Bray nicht nachvollziehen konnte. Nicht, dass es ihm auf dem Hof der Familie jemals schlecht ergangen wäre, das Gegenteil war der Fall. Er liebte seinen Vater und auch seinen Bruder von ganzem Herzen, doch tief in seinem Innern spürte er ein starkes Verlangen, das er nicht leugnen konnte.
Im Laufe des Vormittags schloss die Familie die nötigen Vorbereitungen ab, sodass alles Notwendige für den Abstieg ins Dorf bereitstand.
Alrick und Bray saßen beide auf dem Schlitten, als ihr Vater aus der Tür trat, sie sorgfältig mit einem schweren Schlüssel verschloss und durch den Schnee auf sie zustapfte. Dabei verfolgte ihn das magische, dunkelgrüne Leuchten, das, solange Bray zurückdenken konnte, über seinem Vater schwebte und ihn auf Schritt und Tritt begleitete.
Auf halbem Weg murmelte sein Vater etwas und die leuchtende Sphäre über ihm schoss völlig lautlos auf den Schlitten zu. Je näher sie ihm kam, desto mehr wuchs der leuchtende Magieball und verformte sich.
Im nächsten Augenblick explodierte die Schneedecke vor dem Schlitten und gab den Blick auf ein mannshohes Erdelementar frei – ein magisches Wesen, welches vom Aussehen her am ehesten noch an einen Menschen erinnerte.
Es besaß zwei Arme und Beine, während auf seinem Körper ein klobiger Kopf thronte. Die gesamte Erscheinung des Wesens war ausgesprochen grobschlächtig. Es wirkte, als hätte ein Steinmetz hastig eine menschliche Figur aus einem Bergmassiv schlagen wollen, ohne sich Zeit für Details zu nehmen. In den tiefen Augenhöhlen des stämmigen, vor Kraft nur so strotzenden Wesens, glommen zwei dunkelgrün leuchtende Augen, die Bray und seinen Bruder aufmerksam musterten.
Bray hatte diese, für Magieunkundige doch sehr ungewöhnliche Szenerie, nun schon unzählige Male beobachtet. Trotzdem übte sie immer wieder aufs Neue eine unglaubliche Faszination auf ihn aus. Wie er wusste, durfte sich sein Vater bereits seit langer Zeit Magiekundiger, einen magisch Begabten, nennen.
Gebannt beobachtete Bray die Kreatur, die sich vor dem Schlitten positionierte. Mit erstaunlich flinken Bewegungen der dicken Finger begann Ertior, wie sein Vater das Wesen nannte, sich das Geschirr um die massigen Schultern zu legen. Nachdem das Elementar zufrieden schien, setzte es sich ohne sichtbare Mühe in Bewegung und stapfte los. Mit weiten Schritten hielt Ertior auf das Tor zu, das den Eingang zum Hof der Gutmans markierte.
Während Ertior den Schlitten durch das Eingangstor und den zugeschneiten Pfad hinunterzog, dachte Bray über das nach, was sein Vater ihm über die Elementare und die Magie erzählt hatte. Zugegeben, es war nicht besonders viel, denn sein Vater sprach mit ihm und Alrick nicht sehr oft über diese Themen. Vielleicht fand Bray genau aus diesem Grund alles Magische so interessant.
Sein Vater hatte ihm erzählt, dass zwischen Magier und Elementar eine besondere Verbindung bestand. Zusammen bildeten sie eine starke Einheit, was sie dazu befähigte, in Gedanken miteinander zu kommunizieren. Durch das Erdelementar konnte sein Vater außerdem kleine, praktische Zauber wirken, die mit dem Element Erde in Zusammenhang standen. Ertior bewies äußerstes Geschick beim Umgang mit den unterschiedlichsten Pflanzen und Kräutern, die seinetwegen trotz des kahlen, felsigen Bodens auf dem Hof gediehen.
Bray ging davon aus, dass sein Vater selbst nicht viel mehr über die Magie wusste. Ihm schien völlig auszureichen, dass sein Elementar ihm die Arbeit auf dem Hof erleichterte. Mit den Dingen, die darüber hinausgingen, wollte er sich scheinbar nicht auseinandersetzen. Dabei wusste Bray, dass es noch so viel mehr über die Magie zu entdecken gab.
Im Gegensatz zu seinem Vater liebten Bray und sein Bruder die magischen Geschichten, die die Alten in Trico abends am Lagerfeuer erzählten. Erzählungen, die von den Zauberern und den Alten Kriegen handelten.
Eine dieser Geschichten handelte von der Legende vom Ersten Krieg, die in Altago jedes Kind kannte. Sie gehörte zu Brays Lieblingsgeschichten und berichtete davon, wie die Menschen zum ersten Mal die Dunox zurückgeschlagen und das Land beschützt hatten.
Bei den Dunox handelte es sich um abscheuliche Wesen, eine groteske Mischung aus Tier und Mensch, welche die Menschen bereits seit Urzeiten abgrundtief hassten. Seit Anbeginn der Zeit verfolgten sie unermüdlich das Ziel, Altago zu erobern, doch den Magiern war es immer gelungen, die Kreaturen zurückzuschlagen.
Während des dritten, dem letzten der großen Kriege, wurden die Dunox vernichtend geschlagen. Danach hörten die Angriffe jäh auf und die Tierwesen wurden in Altago nie wieder gesehen. Die Magier ließen sich von der Bevölkerung feiern und rühmten sich seither damit, dass sich die Kreaturen niemals mehr von ihrer Niederlage erholen würden. So endete das Zeitalter der Dunoxkriege und das Zeitalter des Friedens begann.
Genauso wenig wie sein Vater über magische Dinge sprach, verlor er jemals ein Wort über Brays und Alricks Mutter. Sie war bereits sehr früh, nicht lange nach der Geburt seines Bruders, verstorben und Bray erinnerte sich nur noch schemenhaft an sie.
Das Schweigen seines Vaters hinsichtlich seiner Mutter setzte Bray besonders zu. Immer wenn er seinen Vater in dieser Richtung etwas fragte, vertröstete dieser ihn. Meist hieß es, er sei noch zu jung für eine solche Geschichte, aber eines Tages würde sein Vater mit ihm über all die Dinge sprechen, die er wissen wollte. Die Ausflucht bekam Bray so oft zu hören, dass ihn allmählich das Gefühl beschlich, sein Vater würde ihm niemals etwas erzählen.
Derart in Gedanken versunken, bemerkte Bray nicht, wie schnell die Zeit an ihm vorbeiflog. Erst als der Schlitten um eine Kurve bog und die schneebedeckten Gipfel des Baldrusgebirges den Blick auf ein kleines Tal freigaben, erwachte er aus seinen Tagträumen. Zwischen den Bergen drängten sich die vertrauten Häuser des Bergdorfes Trico, deren aufsteigende Rauchfahnen sie willkommen hießen.
Ertior legte noch einmal an Geschwindigkeit zu und zog den Schlitten unermüdlich hinunter ins Tal.
Die Initiation
An diesem besonderen Tag drängten sich viele Menschen auf dem, ansonsten eher spärlich besuchten, Marktplatz von Trico. Alle Familien aus dem Umkreis schienen mit ihren Kindern gekommen zu sein, um dem Ritus beizuwohnen, der am Abend stattfand. Die meisten von ihnen hatten offenbar die Gelegenheit genutzt, um sich zu diesem feierlichen Anlass ganz besonders herauszuputzen und ihre besten Kleider überzustreifen. Überall auf dem Marktplatz drängten sich allerlei Arten von Verkaufsständen. Die Stimmen der Händler, die lautstark ihre Waren anboten und erbittert um ihre Preise feilschten, erfüllten den Platz.
Männer tranken zusammen Bier, brachten sich gegenseitig auf den neusten Stand und scherzten ausgelassen miteinander. Währenddessen streiften ihre Frauen mit den Kindern über den Markt und erledigten die Einkäufe.
Kleine Kinder blickten fasziniert den wenigen Elementaren, hinterher, die lautlos über den Köpfen vereinzelter Magier schwebten. Die pulsierenden, magischen Lichter waren eine wahre Attraktion, die selten in Trico beobachtet werden konnte.
Die kalte Luft über dem Marktplatz knisterte und wurde von der Vorfreude auf die Zeremonie am Abend erfüllt.
Am kleinen Verkaufsstand der Familie Marsrat blieb Brays Vater stehen und musterte mit großem Interesse die dargebotenen Auslagen. An einem Markttag war dieser Stand für gewöhnlich der erste, den die Familie Gutman besuchte.
Bei den Marsrats handelte es sich um eine der alteingesessenen Familien Tricos. Sie betrieb die kleine Brauerei, die das Dorf mit allerlei Spirituosen versorgte. Über die Zeit entwickelte sich eine echte Freundschaft – die einzige, die Brays Vater wirklich pflegte.
»Hallo Cunrat!«, grüßte Adalie Marsrat, als sie seinen Vater vor ihrem Stand erkannte. »Ich habe mich heute schon den ganzen Tag gefragt, wann du endlich auftauchen würdest.« Sie schenkte ihm ein breites Lächeln. »Du hast ein wenig auf dich warten lassen.«
Gut gelaunt erwiderte Brays Vater Adalies Begrüßung. »Ach ja? Die Jungs haben heute Morgen wieder getrödelt, deshalb bin ich etwas spät dran.«
Er zwinkerte Adalie zu.
Während sein Vater mit Adalie über die neusten Kreationen der Brauerei plauderte und diese auch umgehend verkostete, schweifte Brays Blick zu Eila. Die Tochter von Adalie befand sich im gleichen Alter wie er und Bray kannte sie seit ihrer Kindheit.
Wie er sich eingestehen musste, hatte sich Eila über die Zeit hinweg zu einem hübschen Mädchen entwickelt. Lange, dunkelblonde Haare rahmten ihre blassen, ebenmäßigen Züge ein und sie trug ein Kleid, das ihre schlanke Gestalt betonte. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und ihre hellblauen Augen strahlten, als sie Bray erkannte.
»Hallo Eila«, begrüßte er sie. »Nimmst du heute Abend auch an der Zeremonie teil?«
Was für eine dumme Frage, dachte Bray sofort nachdem er es ausgesprochen hatte. Jeder in unserem Alter wird dort sein.
»Hallo Bray! Natürlich werde ich heute Abend auf dem Marktplatz sein«, entgegnete Eila, ohne ihm seine Frage übel zu nehmen. »Das ist alles so aufregend.« Sie kam hinter dem Stand hervor und steuerte mit einem breiten Lächeln auf Bray zu. »Hast du schon gehört? Der Magier Fenmas soll heute in Trico sein, um uns zu prüfen!«
»Fenmas, der berühmte Magier?«, antwortete Bray und zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. »Der Held aus den Geschichten am Lagerfeuer? Hast du gewusst, dass er das magische Turnier schon mehrmals gewonnen hat?«
Bei dem magischen Turnier handelte es sich um einen berühmten, prestigeträchtigen Wettkampf, den die Gilde alljährlich in der Hauptstadt des Landes austrug und an dem jeder Magier teilnehmen konnte. Die Magier lieferten sich packende Duelle, in denen der Gewinner eine Runde weiterkam, während der Verlierer aus dem Turnier ausschied.
Die Magier duellierten sich, um in den Zeiten des Friedens in der Übung zu bleiben und ihre Fähigkeiten zu vervollkommnen. Jeder Magier träumte davon, einmal das große Turnier zu gewinnen, denn der Sieger des Wettstreits erhielt grenzenlosen Ruhm und Ehre.
Wie Bray wusste, gehörte Fenmas zu den wenigen Magiern, die dieses Turnier mehrere Male gewonnen hatten, was eine außerordentliche Leistung darstellte.
»Es ist eine Ehre, ein so berühmtes Mitglied der Gilde zu treffen«, sagte Bray ehrfürchtig. »Ich freue mich, dass die Initiation von einem so bedeutenden Magier wie Fenmas durchgeführt wird. Ich kann mich noch gut an die letzte Initiation erinnern.« Er rollte mit den Augen. »Der Magier, der damals die Zeremonie in Trico geleitet hat, war ehrlich gesagt ein echter Reinfall. Er hat ausgesehen, als würde er jeden Moment auf seinem Stuhl einschlafen.«
Eila nickte zustimmend.
»Ich hoffe nur, ich werde heute Abend ausgewählt«, sagte Bray voller Vorfreude. »Dann kann ich endlich in die Hauptstadt, um dort die Magie zu erforschen! Nach allem was ich über die Gilde gehört habe, soll die magische Fakultät von Port Rem sehr beeindruckend sein!« Aufgeregt trat er von einem Fuß auf den anderen. »Allein die große Bibliothek der Magier soll überall in Altago ihresgleichen suchen.«
»Warte erst einmal den heutigen Abend ab, Bray«, antwortete Eila besorgt. »Du weißt, in letzter Zeit wurden nur wenige ausgewählt. Die Magie ist nicht mehr so stark, wie sie einmal war und auch die Elementare sind nicht annähernd so zahlreich wie früher – das hat zumindest der Magier bei der letzten Initiation behauptet.«
In der Zwischenzeit verabschiedete sich sein Vater von Adalie und schlenderte weiter zum nächsten Stand.
»Du wirst schon sehen, ich werde ein Elementar bekommen«, prophezeite Bray gut gelaunt, bevor er sich seinem Vater anschloss. »Wir treffen uns heute Abend auf der Bühne wieder!«
Anlässlich der Feierlichkeiten hatten die Dörfler an einem Ende des Marktplatzes eine kleine Bühne errichtet. Die Häuser von Trico umschlossen den Platz, sodass eine ovale Fläche entstand. In ihrer Mitte befand sich ein alter Brunnen, der das Herzstück des Dorfes bildete.
Als an diesem Tag die Dunkelheit hereinbrach, versammelten sich die Menschen dicht gedrängt vor der Bühne. Unter ihnen befanden sich auch Bray, sein Bruder und sein Vater, die sich frühzeitig einen Platz unmittelbar vor dem Podest sichern wollten.
Über den Köpfen der Menschenmenge schwebten vereinzelte magische Lichter, die grün und blau pulsierten, doch der Großteil der Menge wies keine magische Begabung auf. Die Familien, deren Angehörige heute geprüft werden sollten, standen in den vorderen Reihen, um diesen Moment aus nächster Nähe zu erleben.
Wie Bray sehr zu seiner Freude bemerkte, hatte Eila mit ihrer Familie ganz in der Nähe einen Platz gefunden. Er winkte ihr zu, nachdem auch sie ihn bemerkt hatte. Mit einem unsicheren Lächeln versuchte er, die Nervosität zu überspielen, die allmählich Besitz von ihm ergriff. Er fühlte sich nicht wohl bei der Vorstellung, gleich vor so vielen Leuten zu stehen, die ihn alle gleichzeitig angafften.
Nach einiger Zeit stieg die Person auf das Podest, auf die alle sehnsüchtig warteten.
Fenmas war ein Mann in seinen späten Dreißigern und eine beeindruckende Erscheinung. Der Magier war von hohem Wuchs, breit gebaut und sah so gar nicht aus, als säße er den gesamten Tag nur in einem Zimmer und verbrächte seine Zeit mit dem Studium von Büchern. Er sah eher so aus, als würde er tagein, tagaus riesige Baumstämme stemmen. Kurze, rötliche Haare und ein ebenso kurzgetrimmter Bart der gleichen Farbe rahmten seine markanten Züge ein.
Fenmas schien noch nicht lange in Trico zu sein, denn er trug noch immer seine feine Reisekleidung. Passend zu seinem Element, schmückten aufwendige, rote Verzierungen den dunklen Stoff.
Über seinem Kopf pulsierte ein orange-rotes Licht, was ihn als Feuermagier auswies – eine starke und zugleich besonders gefährliche Form der Elementarmagie.
Brays Aufregung stieg ins Unermessliche. Sein Herz klopfte wie wild. Jemand, der sonst Gegenstand der aufregenden Geschichten am Lagerfeuer war, stand nun vor ihm.
Fenmas zog die Augen der Menschenmenge wie ein Magnet an, keiner der Anwesenden konnte den Blick von ihm lösen. Dem Feuermagier machte die große Anzahl an Menschen vor ihm scheinbar überhaupt nichts aus. Mit ausgebreiteten Armen und selbstbewusstem Gang stolzierte er aufreizend langsam an den vorderen Rand der Bühne. Dort blieb er stehen und ließ den Blick herrisch über die Menge schweifen, die sich vor ihm ausbreitete.
Bray hielt den Atem an und wartete darauf, dass der Magier die gebannte Stille auf dem Marktplatz durchbrach.
»Guten Abend, Menschen von Trico«, erhob Fenmas schließlich die Stimme. »Ich begrüße euch alle ganz herzlich zur Initiation. Wir sind heute hier, mitten im schönen Baldrusgebirge versammelt, um wieder einige junge Begabte aus eurer Mitte zu erwählen. Diese angehenden Novizen bekommen die einmalige Chance von der Gilde in der Kunst der Magie ausgebildet zu werden.« Er schlenderte von einer Seite der Bühne zur anderen. »Ich weiß, seit dem letzten großen Krieg mit den Tiermenschen scheint es so, dass die Magie in Altago schwächer wird. Lyr schenkte uns nicht mehr so viele Erwählungen wie zuvor. Einige der schlausten Köpfe wurden darauf angesetzt, das Problem zu untersuchen, aber sie können sich das Phänomen nicht erklären. So wie es aussieht, gibt es keine Erklärung für den Magieverlust in Altago. Lyr scheint davon auszugehen, dass er in nächster Zeit nicht mehr viele Magier braucht.«
Bei diesen Worten ging ein beunruhigtes Raunen durch die Menge.
Doch Fenmas sprach weiter und überging damit gekonnt die aufkeimenden Bedenken. »Gerade, weil es immer weniger Erwählungen gibt, benötigt die Gilde talentierte Novizen. Die Dunox wurden schon vor langer Zeit vernichtend geschlagen und werden so schnell nicht wiederkommen. Nichtsdestotrotz muss der Fortbestand der Gilde gesichert werden, damit auch die zukünftigen Generationen in Altago sicher leben können. Damit die Magier das Land beschützen können, wie es bereits seit jeher unsere Bestimmung ist!« Fenmas wartete geduldig, bis vereinzelte, zustimmende Rufe verklangen. »Doch genug davon. Kommen wir nun zu dem Teil des Abends, dessentwegen wir heute alle hier versammelt sind. Ich bitte nun diejenigen von euch zu mir nach vorne auf die Bühne, die bereit sind, von mir geprüft zu werden.«
Zögerlich lösten sich einige Jungen und Mädchen aus der Menge, unter denen sich auch Eila befand. Bray nahm all seinen Mut zusammen und beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen. Nacheinander stiegen neben Bray neun weitere Jungen und Mädchen auf das Podest und stellten sich nebeneinander in eine Reihe, die Gesichter zur Menge gewandt.
Bray befand sich ganz links in der Reihe und blickte mit einem mulmigen Gefühl auf die Menschenmenge vor ihm, während Eila direkt neben ihm stand. Er fühlte sich zunehmend unbehaglich, während die Nervosität vollends von ihm Besitz ergriff. Als er zu schlucken versuchte, bemerkte er den unangenehmen Kloß, der in seinem Hals festsaß. Zu allem Überfluss fingen auch noch seine Hände an zu schwitzen. Unauffällig rieb er sie am rauen Stoff seiner Kleidung trocken.
Unsicher drehte Bray den Kopf zur Seite und sah in die Gesichter von Eila und den anderen Teilnehmern der Initiation, die ebenso aufgeregt aussahen wie er. Abermals schluckte er krampfhaft und wünschte sich, die Initiation schnell hinter sich zu bringen, um wieder von der Bühne verschwinden zu können.
Fenmas schritt langsam die Reihe der Anwärter ab und besah mit kritischer Miene jeden einzelnen Kandidaten, der auf der Bühne stand.
»Ihr wisst um die Geschichte zur Entstehung der ersten Magier?«
Bray schaute sich verunsichert in der Reihe der Prüflinge um, in der es keiner wagte, den Magier direkt anzusprechen.
Nachdem Fenmas eine Weile gewartet hatte, schüttelte er enttäuscht den Kopf und räusperte sich.
»Vor langer Zeit schufen zwei Götter unser wunderschönes Land Altago, den Himmel, die Sterne, die Gebirge, die Flüsse, die Pflanzen und all das Leben um uns herum. Die beiden Götter waren Brüder, der eine von ihnen hieß Lyr, der andere Sreng.
Um Altago mit Leben zu füllen, erdachten sich die beiden alle erdenklichen Arten von Tieren und entsandten sie in dieses Land. Darunter befanden sich sehr mächtige Tiere, wie zum Beispiel die Löwen, Tiger und die Nashörner, um einige wenige beim Namen zu nennen. Die Götter erschufen aber auch kleinere Tiere, wie die Insekten, die auf den ersten Blick schwach erscheinen, in großer Zahl jedoch unglaubliche Stärke aufweisen.
Doch trotz dieser unglaublichen Vielfalt befanden sich die Natur und die Schöpfungen der Götter im Gleichgewicht. Die beiden blickten auf die Welt herab und waren mit sich und der erschaffenen Welt außerordentlich zufrieden.«
Fenmas verstummte und ließ den Blick über die Menge schweifen, bevor er weitersprach.
»Nachdem die beiden Götter einige Zeit lang das Interesse an Altago verloren hatten, schenkte Lyr unserer Welt eines Tages seine neueste Schöpfung. Behutsam entwickelte er die Tiere weiter und stattete sie mit einem größeren Verstand aus. Er war unendlich stolz auf die neue Art, erwiesen sich die Menschen doch als um einiges schlauer als die Tiere, die auf Altago lebten. Voller Freude präsentierte Lyr seinem Bruder Sreng sein neustes Werk. Dieser war jedoch außer sich vor Wut, weil Lyr eigenmächtig gehandelt hatte. Sreng blickte voller Hass auf die neue Schöpfung und befürchtete, dass Altago nun sein Gleichgewicht verlieren würde.«
Fenmas senkte die Stimme und umkreiste Bray und die anderen Anwärter, die mit ihm auf der Bühne ausharrten, lauernd. Der Magier schien jeden Moment auszukosten und die Spannung, die in der Luft lag, zu genießen.
»Aus diesem Grund erschuf Sreng mit all der magischen Kraft, über die er gebot, eine neue Rasse, die den Menschen in nichts nachstand. Mehr noch, die Wesen sollten besser sein und Lyr vor Neid erblassen lassen. Sreng nannte sie Dunox. Bei dieser neuen Art handelte es sich um magische Mischwesen aus den mächtigsten Tieren, die sich auf Altago befanden, und den Menschen. Aber da Sreng sie im Hass erschuf, übertrug sich der Hass des Gottes unglücklicherweise auf seine Schöpfung. Das brachte die Dunox dazu, die Menschen ebenfalls abgrundtief zu verachten.«
Während dieser imposanten Erzählung herrschte auf dem Marktplatz von Trico Totenstille. Alle schienen gebannt der alten Legende zu lauschen, die Fenmas mit Inbrunst und all seiner flammenden Leidenschaft vortrug.
»Die Menschen waren den eindrucksvollen Dunox körperlich weit unterlegen, das erkannte Lyr sofort. Die Magie, die Sreng verwendete, um sie zu erschaffen, erwies sich als ein mächtiges Werkzeug. Lyr bekam Angst um seine Schöpfung und aus diesem Grund beschloss er, auch den Menschen die Magie zu schenken. Er übertrug einigen ausgewählten Menschen die Magie in Form von Elementaren, wie wir sie heute kennen. Mit dieser mächtigen Gabe sollten die Auserwählten sich und die übrigen Menschen vor den Dunox und allen Gefahren, die ihnen drohten, beschützen.« Fenmas wanderte an den Rand der Bühne und breitete die Arme aus. »Nun liebe Anwärter, liebe Bewohner von Trico und den umliegenden Weilern, ich will euch nicht länger auf die Folter spannen.«
Auf sein Kommando hin brachten zwei Helfer einen Stuhl auf die kleine Bühne. Einige aufwändige Verzierungen und Intarsien schmückten das dunkle Holz, aus dem die hohe Rückenlehne und die breiten Armlehnen gearbeitet waren. Den beiden Helfern bereitete es einige Mühe, ihn auf das Podest zu hieven.
»Nun ist es soweit. Wir wollen endlich erfahren, wen Lyr als würdig erachtet, uns und unser Land zu beschützen.«
Die Menge brach in freudigen Jubel aus.
Nachdem die Helfer den Stuhl in Stellung gebracht hatten, bedeutete Fenmas dem ersten Anwärter, der ganz rechts in der Reihe stand, sich zu setzen.
Daraufhin nahm ein kleiner, etwas untersetzter Junge vor dem Magier Platz. Er wirkte auf dem großen, prunkvollen Stuhl etwas verloren.
Alle Augen der Menge richteten sich gespannt auf den Jungen, der zusammengesunken und mit hängenden Schultern auf dem Stuhl saß. Seine Augen huschten nervös umher, bevor er sich seinem Schicksal zu ergeben schien und tiefer in die dicken Sitzpolster sank.
Fenmas stellte sich neben den eingeschüchterten Anwärter.
»Wie heißt du, mein Junge? Wen soll Lyr heute als Ersten prüfen?«
»Mein Name ist Germo«, würgte dieser mit einiger Mühe hervor.
Bray sah ihm deutlich an, dass er sich in seiner Haut nicht wohlfühlte. Die gesamte Situation schien ihn unglaublich nervös zu machen.
Im Gegensatz zu Germo wirkte Fenmas wie die Ruhe in Person. Vielleicht gefiel es ihm sogar, die Jungen und Mädchen auf der Bühne hinzuhalten und sie ein wenig zu beeindrucken.
»Willkommen, Germo. Heute werden wir mit Hilfe von Lyr herausfinden, ob du dich als würdig erweisen und somit fortan mit einem Elementar gesegnet sein wirst.« Fenmas senkte seinen Kopf und schloss die Augen.
»Und nun, lasst uns alle zu Lyr beten. Preiset ihn und bittet ihn im Namen von Germo um sein Wohlwollen«, forderte er die Menge auf.
Die Menschen auf dem Dorfplatz taten es dem Magier gleich und senkten ebenfalls die Häupter. Ein vielstimmiges Geflüster erfüllte die Luft.
Bray wusste, dass von ihm ebenfalls erwartet wurde, zu beten, doch er konnte nicht den Blick von Fenmas abwenden. Verstohlen beobachtete er den Magier und das leuchtende Elementar über seinem Kopf.
Bitte Lyr, lass mich nicht im Stich und schenke mir auch ein Elementar, bat Bray. Ich würde alles dafür tun!
Fenmas beendete sein Gebet, hob den Kopf und trat hinter Germo. Abermals schloss er die Augen und streckte die Arme auf Schulterhöhe nach beiden Seiten weit von sich. Dabei murmelte er unablässig Worte in einer Bray unbekannten Sprache. Das Feuerelementar verließ seinen Platz über Fenmas‘ Kopf und kreiste um den Magier herum. Immer schneller flog es um seine Arme und seinen Körper, sodass der Magier alsbald in einem magischen, roten Licht erstrahlte.
Immer höher hob Fenmas die Arme, bis er ruckartig seine Augen wieder aufriss. Die Iris verschwand und das Weiß der Augäpfel trat an ihre Stelle.
Bray und die Anwärter, die auf der Bühne warteten, wichen eingeschüchtert einen Schritt vor dem Magier zurück.
Währenddessen blickte Germo weiter stur auf die Menschenmenge vor ihm und schien nicht zu bemerken, was sich hinter seinem Rücken abspielte.
Allmählich senkte Fenmas die Arme über die Stuhllehne, bis seine Hände die Schultern von Germo berührten. Durch die unerwartete Berührung zuckte dieser zusammen und riss ruckartig die Augen weit auf.
Rote, magische Energie floss durch die Hände des Magiers und durchströmte Germos Körper, dessen Muskeln unkontrolliert zuckten. Bereits nach wenigen Momenten trat die Magie als farblose Schlieren aus den Poren von Germos Haut wieder aus.
Dieser krallte krampfhaft die Hände in die Seitenlehnen des Stuhls, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Doch kein Laut entwich seinen zusammengepressten Lippen.
Die Magiebahnen zuckten einige endlos lange Augenblicke über Germos Haut. Dann wandelte sich ihre Farbe von farblos ins bläuliche.
Sofort nahm Fenmas die Hände von Germos Schultern und unterbrach ihre Verbindung.
Die blau schimmernde Magie trat weiterhin über die Haut des Jungen aus und waberte in zähen Schlieren gen Himmel. Dort, knapp über seinem Kopf, sammelte sie sich und verdichtete sich zu einer Sphäre, die immer weiter anwuchs. Einige Momente vergingen, während die zähen Magiefäden zerfaserten, sich auflösten und schließlich gänzlich in einer blau leuchtenden Kugel verschwanden.
Germo löste die Finger aus dem Seitenpolster des Stuhles, während seine Knie unentwegt zitterten. Er holte tief Luft und blickte zu dem leuchtenden Ball aus blauer Magie hinauf, der über ihm schwebte.
Fenmas trat neben den geschmückten Stuhl und bedeutete ihm mit einer Geste, aufzustehen. »Lyr hat deinen Weg erleuchtet. Erhebe dich als Novize der Magie. Feiert einen der zukünftigen Beschützer von Altago!«
Als sich Germo vorsichtig erhob, jubelte ihm die Menge begeistert zu. Sichtlich erschöpft hob er beide Arme und lächelte unsicher.
Nachdem der Jubel für Germo verebbt war, wiederholte Fenmas das Ritual neun weitere Male. Dabei fiel die Wahl Lyrs auf Eila und einen Jungen namens Rion, den Bray nicht kannte. Eila bekam wie Germo ein Wasserelementar, Rion dagegen ein Erdelementar. Mit vor Stolz geschwellter Brust standen die von Lyr Erwählten auf dem Podest und präsentierten sich der Menge. Die Jungen und Mädchen, die der Gott enttäuscht hatte, mussten die Bühne verlassen.
Bray betete unentwegt zu Lyr, dass er auch ihn segnen würde, während sich die Reihen der Anwärter immer weiter lichteten.
Zuletzt bat Fenmas Bray, auf dem Stuhl Platz zu nehmen. Auf seinem Weg dorthin schenkte ihm Eila einen aufmunternden Blick, der seine Nervosität jedoch nicht lindern konnte.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen setzte er sich auf den Stuhl und atmete tief ein. Seiner Familie zuliebe, versuchte er nicht zu zeigen, wie er sich fühlte und rang sich ein Lächeln ab.
»Kommen wir zum letzten Anwärter des heutigen Abends. Wie heißt du, mein Junge? Wen soll Lyr zum Abschluss prüfen?«, fragte ihn Fenmas, während er sich hinter ihm positionierte.
»Mein Name ist Bray«, verkündete Bray mit fester Stimme, was ihn selbst überraschte.
»Auch dich heiße ich zu deiner Initiation willkommen, Bray. Lyr wird gleich auf dich hinabblicken und entscheiden, ob du dich als würdig erweist. Bist du dazu bereit?«
Bray nickte entschlossen und bemerkte, dass sich die Hände des Magiers auf seine Schultern legten.
Sofort spürte er, wie die magischen Energien durch ihn hindurchflossen. Wie er den Anwärtern zuvor bereits angesehen hatte, erwies sich die Prozedur wirklich nicht als angenehm.
Bray fühlte sich, als wäre er nicht länger Herr über seinen Körper. Während ihn die Magie durchströmte, kribbelte sein gesamter Körper und zuckte immer wieder unkontrolliert. Es bereitete ihm einige Mühe, die Augen offen zu halten und nicht laut aufzustöhnen.
Unterdessen begann allmählich farblose Magie über seine Haut auszutreten.
Bitte Lyr, lass die Magie eine Farbe annehmen, hoffte Bray und biss die Zähne zusammen. Egal, welche.
Bray spürte, wie Fenmas die Hände fest auf seine Schultern presste. Ebenso wie der Druck der Finger verstärkte sich auch der Magiestrom, der durch seinen Körper floss.
Doch zu seiner Enttäuschung färbte sich die austretende Magie nicht ein, sondern behielt ihre Farblosigkeit bei.
Fenmas nahm die Hände von seinen Schultern und der Magiestrom verebbte.
Bray wusste, was das bedeutete. Er hatte es am heutigen Abend bereits einige Male beobachtet. Lyr schien ihn trotz seiner unzähligen Stoßgebete im Stich gelassen zu haben.
Sein Traum, ein Magier zu werden, war endgültig ausgeträumt.
Auf dem Marktplatz herrschte vollkommene Stille. Jeder der Anwesenden schien zu spüren, wie sehr Lyrs Entscheidung Bray enttäuschte.
»Leider hat Lyr dir nicht den Weg gewiesen«, sprach Fenmas zur Menge gewandt und würdigte Bray keines Blickes. »Du kannst jetzt gehen.«
In seiner Stimme befand sich keine Spur von Enttäuschung, es war eine einfache Feststellung. Durch die Ablehnung des Gottes hatte Bray für ihn scheinbar seinen Wert verloren.
»Liebe Menschen aus Trico, damit sind wir am Ende der Zeremonie angekommen«, verkündete Fenmas. »Wir haben heute beobachtet, wie Lyr drei junge Menschen aus eurer Mitte auserwählt hat. Das ist ausgesprochen viel. Die letzte Initiation, die ich durchführen durfte, brachte für keinen der Anwärter Erfolg. Doch umso mehr freue ich mich heute für die drei, die mit einem Elementar gesegnet wurden. Lyr war uns heute gewogen.« Fenmas klatschte begeistert in die Hände. »Nun lasst uns unseren Gott ehren und gemeinsam mit den Erwählten ein Fest feiern, das dem Anlass angemessen ist!«
Nach diesen Worten wurden unter lautem Jubel Tische und Bänke auf den Marktplatz gebracht. Ihnen folgten Essen und Getränke, mit denen die Menge die Initiation ausgelassen feierte. Die Menschen ließen Eila, Rion und Germo hochleben und überhäuften die drei Erwählten mit den herzlichsten Glückwünschen. Das Trio wurde zusammen mit Fenmas zum Ehrenplatz geleitet, wo die Dörfler die Erwählten aufgeregt umringten.
Niedergeschlagen senkte Bray den Blick und schlich abseits der Feiernden von der Bühne. In ihm breitete sich eine seltsame Leere aus.
»Warte«, rief eine Stimme hinter ihm, als er sich zum Gehen wenden wollte, und kurz darauf umschlangen ihn die starken Arme seines Vaters. Auch sein Bruder schloss sich der Umarmung an und drückte ihn fest an sich.
Eine Weile stand Bray da und genoss die trostspendende Nähe seiner Familie, bevor er sich von ihnen löste. Er wusste, dass sie es nur gut meinten, aber sie konnten seine Enttäuschung nicht im Mindesten lindern.
»Kommt, lasst uns gehen«, sagte sein Vater und lächelte Bray verständnisvoll zu. »Ich habe heute Nachmittag mit einem Freund gesprochen, bei dem wir übernachten können. Morgen in aller Frühe kehren wir zum Hof zurück.«
Dankbar, dass er das Fest und die Bühne hinter sich lassen konnte, nickte Bray zustimmend. Schweigend folgte er seinem Vater und seinem Bruder durch die leeren Straßen Tricos.
Die Lawine
Bray lag rücklings auf seiner Schlafstätte und starrte an die dunkle Decke. Unzählige Fragen schwirrten in seinem Kopf herum, auf die er keine Antwort wusste.
Ist es mein Schicksal, für immer das eintönige Leben auf dem Hof meines Vaters zu führen?
Alles was er sich je gewünscht hatte, war, von Lyr auserwählt zu werden. Doch eine zweite Chance für eine magische Prüfung gab es nicht. Wen die Magie einmal ablehnte, erwies sich als nicht geeignet und musste sich damit abfinden.
Durch das Fenster, das nicht richtig schloss, hörte Bray, wie der Lärm der Feiernden nachließ. Das Fest zu Ehren der Initiierten schien bereits auszuklingen.
Neben sich vernahm er das leise Schnarchen seines Vaters und das regelmäßige Atmen seines Bruders. Doch im Gegensatz zu ihnen fand Bray keine Ruhe. Das Zimmer kam ihm viel zu klein vor, obwohl sie zu dritt bequem darin Platz fanden.
Bray beschloss an die frische Luft zu gehen, um sich die schlaflose Zeit zu vertreiben. Leise zog er seine Kleider wieder an und schlüpfte aus dem Zimmer. Er durchquerte einen schmalen, dunklen Flur und stand bald darauf unter freiem Himmel. Tief atmete er die eisige Luft ein und spürte, wie gut sie ihm tat.
Ohne ein Ziel schlenderte Bray durch die kalte Nacht und ließ gedankenversunken die letzten Häuser des Dorfes hinter sich. Rastlos folgte er dem kleinen Pfad, der weg vom Dorf und weiter in die Berge hineinführte. Die Gegend um ihn herum war herrlich abgelegen und still.
Nach einer Weile gelangte er zu einem Felsvorsprung, mit dem er besonders schöne Erinnerungen an seine Kindheit verband. Auf ihm hatte er früher stundenlang mit Eila gesessen und sich Abenteuer ausgedacht, die meist von Magiern und Elementaren handelten.
Ihre Ausflüge hatten so lange gedauert, dass sie die Zeit vergessen hatten. Irgendwann waren ihre besorgten Eltern gekommen, um sie wieder einzusammeln und sie hatten sich anhören müssen, dass sie noch zu klein für solche Abenteuer gewesen waren.
Der Felsvorsprung ragte mehrere Armlängen in eine ausladende Schlucht hinein und bot tagsüber einen traumhaften Blick über die Berge und das Tal. Nun, in der Nacht, konnte Bray die Landschaft, die sich im sanften Schein unzähliger Sterne am Fuße der Berge ausbreitete, nur erahnen.
Als er sich dem Vorsprung näherte, bemerkte er ein schwaches Flimmern, das die Umgebung in ein blaues Licht tauchte. Eine zierliche Silhouette zeichnete sich vor dem düsteren Nachthimmel ab, über ihr nichts als die funkelnden Sterne.
Mit klopfendem Herzen und angehaltenem Atem näherte sich Bray vorsichtig der Gestalt. Eine dünne Schicht Schnee knarzte leise unter jedem seiner Schritte.
Wer mag das sein?
»Hallo Bray!«, durchbrach die Gestalt die Stille, ohne ihn anzusehen. »Hör auf mit dem albernen Anschleichen und setz dich zu mir. Kannst du auch nicht schlafen?«
Bray hielt mitten in der Bewegung inne und erstarrte. Diese Stimme würde er unter tausenden wiedererkennen – sie gehörte Eila.
Er fühlte sich ertappt und schämte sich, dass sie ihn so einfach enttarnte hatte.
»Woher weißt du …«, fragte Bray leise.
»Yela hat’s mir gesagt«, erwiderte Eila.
Wie zur Bestätigung schwebte ein blaues Licht über ihren Kopf und leuchtete in einem satten Blauton auf.
Fasziniert betrachtete Bray das magische Licht, das ihn schmerzhaft an die Initiation auf dem Marktplatz erinnerte. Eigentlich hatte er gehofft, dass er nach dem heutigen Abend ebenfalls einen solchen Magieball besitzen würde.
»Yela ist dein …«, begann Bray ein weiteres Mal.
»Ja, sie ist mein Elementar.« Seine Freundin schaute hinauf und beobachtete ihn, als wolle sie abschätzen, wie er reagieren würde. Bray versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
»Ich wusste gar nicht, dass es auch weibliche Elementare gibt«, brummte er verdrossen, weil ihm nichts Besseres einfallen wollte.
Eila antwortete nichts darauf und blickte stattdessen auf die Berge vor ihnen.
»Warum bist du nicht auf dem Fest und feierst deine Initiation?«, fuhr Bray nach einer Weile mit dem Gespräch fort. »Du solltest eine der Letzten sein, die heute Abend nach Hause geht!«
»Ich weiß nicht genau«, antwortete Eila leise und zeichnete nachdenklich mit ihrem Zeigefinger ein Muster in den frischen Schnee. »Auf einmal waren so viele Leute um mich herum. Jeder hat mich beglückwünscht und wollte mit mir reden. Das wurde mir einfach zu viel. Sie haben mich beinahe erdrückt.« Sie seufzte. »Ich habe Zeit für mich gebraucht, um nachzudenken und das alles zu verarbeiten.«
Bray setzte sich im Schneidersitz neben Eila in den kalten Schnee. Die Stille und dieser Ort wirkten beruhigend auf ihn.
Beide schauten hinauf in die dunkle Nacht, eingehüllt in das zarte, leicht pulsierende Leuchten, das den ansonsten blütenweißen Schnee in ein blaues Licht tauchte.
»Wie ist es, ein Elementar zu haben?«, fragte Bray in die Stille hinein. »Wie fühlst du dich nach der Initiation?«
»Seltsam.« Ratlos zuckte Eila mit den Achseln. »Ich weiß nicht, wie ich es am besten beschreiben soll.« Sie hielt abermals inne und schien nach den passenden Worten zu suchen, bevor sie fortfuhr. »Sie spricht mit mir, Bray. Yela ist in meinem Kopf und meinen Gedanken. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Sie will, dass ich nach Port Rem reise und der Gilde beitrete, damit ich meine Magie zu beherrschen lerne und sie weiterentwickeln kann.«
Das magische Licht, das schräg über Eilas Kopf schwebte, leuchtete wie zur Bestätigung einen Moment ein wenig heller.
»Dein Elementar hat Recht. Das würde ich auch tun, hätte ich so viel Glück wie du«, erwiderte Bray mit unverhohlener Bitterkeit. »Im Gegensatz zu dir kann ich mir diesen Traum nicht erfüllen. Was willst du sonst tun?
