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Zitat des Wächters Esrael: „Einen Menschen zu töten ist doch OK, wenn es unbedingt sein muss. Oder? Aber wie sieht es aus bei 10 Menschen? Oder 100? Was ist mit 10000 Individuen? Und wie sieht es aus, wenn man ein ganzes Volk vernichten soll? Wir behüten den normalen Lauf der Ereignisse. Das ist unsere Aufgabe als Wächter...“ Eleya ist mit gerade mal zwölf Jahren die jüngste der Wächter und hatte daher noch nie einen eigenen Auftrag. Umso verwunderlicher ist es, dass ausgerechnet sie diesen wichtigen Auftrag erhält, bei dem es darum geht, das Gute zu neutralisieren. Zusammen mit einem sogenannten Partnerwesen bereitet sie sich auf den kritischen Kampf vor. Doch die Wächter verschweigen, dass es dieses Mal darum geht, eine ganze Rasse auszulöschen. Als Eleya die Ausmaße ihres Auftrags erkennt, entwickelt sich alles ganz anders als geplant ...
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Eleya – Die Wächterin
Ralf T. Oswald
Copyright © 2015 Ralf T. Oswald
All rights reserved.
ISBN: 9783757905767
Impressum
Eine Geschichte von Ralf Oswald
Ersterscheinung: 2006
Lektorat: Ralf Oswald
Covergestaltung: Ralf Oswald
Webseite: www. os-1. de
Email: Info(at)os-1.de
Wohnort: Hauptstraße 72a – 55758 Kempfeld
Die Geschichte sollte ursprünglich als Manga umgesetzt werden, aus dieser Zeit stammen die Zeichnungen. Die erste Idee wurde als Roman „Azraels Auftrag“ 2006 im Celeron Verlag veröffentlicht.
Der Roman „Eleya – Die Wächterin“ nimmt diese überarbeitete Grundidee auf, entfernt alles, was zu sehr nach Fachjargon, Technik und ZEN klingt und konzentriert sich auf Eleya, die jüngste der Wächter, die ihren ersten Auftrag erhält.
„Achtung! Rakete im Anflug auf zehn Uhr!“
Ich zuckte zusammen. Schon wieder diese bescheuerten Tagträume. Die verwirrenden Bilder, die ich sah, waren wie ein schneller Flug durch Wolken, die nervige Stimme klang rau und schnarrend – und überhaupt, was war eine Rakete oder eine Uhr?
„Habe ich es Dir nicht hundertmal gesagt?“, dröhnte eine Stimme durch die Hallen des Klosters. Die Steinkacheln des Bodens schimmerten in einem dunklen Grau, auf dem der Morgennebel einen nassen Film hinterlassen hatte. Wie üblich blieben die schweren Holztore auch in der kalten Jahreszeit geöffnet. Ich zuckte zusammen. Durch halbgeschlossene Augen erkannte ich, dass er sich näherte. Ob er mich meinte oder einen meiner Mitschüler?
„ESRAEL.“
Na klar, er hatte es auf mich abgesehen.
„Antworte mir: Was tust du da?“
Mein Herz raste. Nun stand er direkt vor mir. Mit einem kurzen Blick auf den Optiksensor erhöhte ich die Raumhelligkeit, wollte vom Meditationsbänkchen aufstehen, doch meine Beine waren taub. Ein Stechen lief durch die Oberschenkel, als ich versuchte, zu knien. Mit beiden Händen griff ich an die Waden und begann sie zu massieren.
„Üben, mein Lehrer“, antwortete ich hastig. „Ich habe meditiert!“
Er stand direkt vor mir und sah auf mich herab. Seine dunkelbraune Kutte wurde von einer bronzefarbenen Schärpe zusammengehalten, die ihn als einen Meister auszeichnete. Seine Kiefern mahlten aufeinander, dann sagte er mit ruhiger Stimme: „Lüg’ mich nicht an. Du hast mit offenen Augen geträumt, mehr nicht!“
„Aber nein“, ich spürte die stechenden Schmerzen in den Beinen, als das Blut zu zirkulieren anfing, „ich habe gedacht, ich könnte …“
„Knie’ dich aufrecht hin!“, fiel er mir ins Wort. Mit der geöffneten Hand deutete er nach oben, auf seinem Gesicht zeigte sich erstmals ein Lächeln.
„Esrael, meinst du, irgendwelche Sonderrechte zu haben, weil du der jüngste Schüler bist?“
Erneut zuckte ich zusammen und kniete so aufrecht es ging, während der Zentralcomputer die Tempelglocke dreimal läutete.
„Du dachtest?“, ergänzte er. „Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nicht denken? Beobachte deinen Geist. Achte darauf, was er macht. Wohin er geht. Schau nur zu, aber begleite ihn nicht.“
„Meister Talan, das versuche ich doch“. Meine Beine brannten mittlerweile wie Feuer, ich traute mich nicht, aufzustehen.
„Esrael, merkst du es denn nicht?“, schüttelte er den Kopf. „Genau das ist es ja. Du versuchst es, du machst es aber nicht“, fuhr er fort, hob seine linke Hand und griff nach dem lederumwickelten Stab, der hinter seinem Rücken hervorragte.
„Genau das ist dein Problem. Mach, was ich sage. Stelle die Gedanken ab, hör mit dem inneren Geplapper auf. Konzentrier dich. Erst dann wirst du die Bausteine des Lebens erkennen.“
Mit diesen Worten zog er den Züchtigungsstab aus der Rückentasche und hielt den Griff andächtig mit beiden Händen. Sein Mundwinkel zuckte, seine Augen nahmen einen verklärten Glanz an.
„Esrael“, ergänzte er scheinbar warmherzig, „ich möchte dir helfen. Sitz’ still!“
Dabei sah er mir in die Augen. Ich begann zu zittern, doch ich würde ihm nicht den Gefallen erfüllen und jammern. Fünfmal sauste der biegsame Stab durch die Luft und klatschte auf meine Oberschenkel. „Das wird dir helfen, mit mehr Sorgfalt zu meditieren“, ergänzte er mit diabolischem Grinsen.
„Du wirst dich wesentlich besser auf deine Übung konzentrieren.“ Er drehte sich um und ging mit langsamen Schritten in Richtung des Altarraums davon. „Esrael, glaub’ mir, später wirst du dankbar sein. Du beginnst von vorne. In einer Stunde bin ich wieder bei dir.“
Ich sagte kein Wort, starrte stur auf den Brunnen, der im Innenhof des Klosters von Nebelschwaden umhüllt wurde. Das beständige Gurgeln des Wasserstrahls war das einzige Geräusch, was im Moment zu hören war. Doch das bekam ich nur am Rande mit. Mein Geist sammelte sich und beobachtete. Eisiger Wind von den schneebedeckten Gipfeln wehte durch meine dünne Kleidung, doch ich kniete weiter und konzentrierte mich. Meister Talan hatte recht, denn nach einiger Zeit beruhigte sich mein Geist. Nur ein einziger Gedanke ging mir durch den Kopf: „Das werde ich ihm heimzahlen -- ich bringe ihn um“.
Im nächsten Frühjahr wurde ich sieben. Ich kann mich gut daran erinnern, weil unsere Mönche entdeckten, dass Uwa, die größere der beiden Sonnen, sich in den nächsten vierzigtausend Jahren in eine Supernova verwandeln würde. Ja, wir hatten zwei Sonnen. Uwa, der bläulich schimmernde Riese und Dena, eine kleinere, rote Sonne.
„Na gut“, dachte ich, „vierzigtausend Jahre sind eine lange Zeit, ein paar schlaue Leute werden sich da was einfallen lassen.“
Irgendwann, in ferner Zukunft, denn es war ja noch viel Zeit.
Doch die Mönche hatten sich geirrt.
Wenn sich Uwa in eine Supernova verwandelt, wird dies einen Zeitriss verursachen. Es wird noch verrückter: die Auswirkungen des Risses würden rückwärts durch die Zeit wandern und unser Sonnensystem in wenigen Jahren erreichen. Ja, ich weiß, das klingt total absurd.
Keine vierzigtausend Jahre. Nur noch sieben Jahre, dann wird die Sonne explodieren. Die Katastrophe wird alle neun Planeten unseres Systems verschlingen.
Ich verstand es nicht. Alleine der Gedanke an dieses Zeitparadox verwirrte mich.
Man hatte mir erklärt, dass es irgendetwas mit der Umkehrung von Ursache und Wirkung zu tun hatte.
Dann folgten Worte wie Quanten und Raum-Zeit-Blase, doch auch das verstand ich nicht. Aber eines war sicher - sollte es überhaupt eine Lösung zu diesem Problem geben, blieben uns nur wenige Jahre.
Könnt Ihr Euch vorstellen, wie es ist nach etwas zu suchen, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, wo man anfangen soll? Nach zwei Jahren geschah es, dass eine Entdeckung gemacht wurde, indem wir Magie und Wissenschaft gleichzeitig nutzten, das veränderte alles.
Die Lösung wurde nicht in den Weiten des Universums entdeckt, sondern im Kleinsten, direkt vor unseren Augen. In den kleinsten Teilchen, aus denen sich unser Universum zusammensetzt. Atome bestanden aus Baryonen, diese aus Photonen, diese wiederum aus Quarks, so ging es weiter mit immer kleineren Teilchen. Es war reiner Zufall, dass wir im Allerkleinsten die Lösung fanden, die uns alle retten würde.
Drei Monate später, gerade als die Hoffnung auf Rettung zum Greifen nah war, geschah das Unglaubliche und die kleine Sonne Dena explodierte in einer Wolke aus Licht. Vollkommen unerwartet. In wenigen Sekunden füllte der gleißende Ball den gesamten Himmel, das Licht wurde immer greller und heißer, in Gedanken hörte ich ein Aufschreien von vielen hunderttausend Stimmen, dann war alles vorbei. Ich hatte keine Zeit mehr, mich von Dad oder Eleya zu verabschieden, es ging einfach viel zu schnell.
Dann veränderte sich alles. Zeit spielte keine Rolle mehr. Eine Sekunde später, oder waren eintausend Jahre vergangen, spürte ich, dass ich nicht tot war. Ich erwachte. Ich konnte nichts sehen, mich nicht bewegen, doch da war etwas Neues, was ich vorher nie erlebt hatte – ich spürte all die Anderen. Welche Anderen? Nun, das war mir anfangs nicht klar. Ich spürte nur: Sie waren da!
Ich konnte mit allen gleichzeitig reden. Wenn ich wollte. Ich hörte auch alle gleichzeitig reden, doch bald konnte ich mich auf einzelne Stimmen konzentrieren. Viele kannte ich von früher, nach einiger Zeit wusste ich, dass es insgesamt zweihundertdreißig Männer, Frauen und Kinder waren, welche die Katastrophe überstanden hatten. Wir hatten überlebt, bestanden jedoch nur noch aus unseren Gedanken. Wir waren in unserem jetzigen Zustand körperlos. Ja, ihr hört richtig. Wir hatten keine Hände mehr, mit denen wir etwas anfassen konnten, dafür sehr viele neue Sinne und Fähigkeiten, mit denen wir Dinge bewegen konnten. Wir hatten keine Augen mehr, aber wir erkannten so viel mehr als je zuvor.
Wir hatten Zugriff auf ein riesiges Wissen, das es vorher nicht gab. Dadurch erkannten wir, dass die Katastrophe, die uns hierher brachte, kein Zufall gewesen war. Irgendetwas oder irgendjemand hat uns gerufen und hierhergebracht. Das gehörte zum großen Plan.
Warum? Wieso?
Ein paar Fragen wurden automatisch beantwortet, sobald man nur an die Frage dachte. Andere Antworten sickerten sehr viel langsamer ein. Doch dafür hauten sie einen regelrecht um, wie zum Beispiel folgende Erkenntnis:
Wir waren ab sofort die WÄCHTER!
Uns allen war ab diesem Moment bewusst, welche Aufgabe wir zu erfüllen hatten. Natürlich hatten wir tausende Fragen. Wieso gerade wir? Gibt es noch andere Wächter? Gab es vor uns schon welche? Wer steckt hinter dieser Bestimmung?
Gibt es einen Gott? Sind wir nun in seinem Auftrag tätig? Oder ist da eine ganz andere Macht im Spiel?
Ich kann mich gut erinnern, dass die Diskussion lange andauerte, letztendlich kamen wir zur Überzeugung, dass eine Antwort auf diese Fragen nebensächlich ist. Es würde niemandem etwas nutzen. Aber uns allen war absolut klar, dass unsere neuen Kräfte dringend benötigt werden.
Unser gesamtes Universum wird von den beiden tobenden Urkräften beherrscht, die um die jeweilige Vorherrschaft ringen. Zerstörung und Erschaffung, Hitze und Kälte, Liebe und Hass. Ich glaube, ihr nennt sie Yin und Yang. Das Gleichgewicht der Gegensätze.
Immer, wenn die Kräfte des Universums im Ungleichgewicht sind, ist es notwendig, dass wir eingreifen müssen. Immer, wenn etwas Extremes eintritt und die galaktische Ordnung stört, gehört es nun zu unseren Aufgaben einzugreifen. Wir bringen Ordnung in das Chaos. Wir behüten den normalen Lauf der Ereignisse. Das ist unsere Aufgabe als Wächter.
Niemand erklärte uns unsere Aufträge, sie waren mit einem Male da, einfach so, jeder wusste, was zu tun war. Jeweils vier von uns waren für einen Auftrag als Team zuständig, jeder der vier hatte eine andere Aufgabe. Da gab es den Koordinator, einen Behüter, einen Destruktor und einen Macher, damit ließen sich die meisten Probleme korrigieren.
Der Koordinator leitete das Team und hielt alle Fäden in der Hand. Der Behüter und der Destruktor waren so etwas wie ein Staatsanwalt und ein Verteidiger, während dem Macher eine besondere Rolle zukam. Der Macher war derjenige, der vor Ort eingesetzt wurde. Für die Dauer des Auftrags hatte er wieder einen Körper, ganz ähnlich dem, den er vor der Katastrophe mit der Sonne hatte. Der Macher arbeitete zusammen mit einem „Einheimischen“ vor Ort im Team. Dieser Einheimische, egal ob Mann, Frau oder Kind, wurde grob in den Plan eingewiesen und erhielt seine Anweisungen.
Wie zwei Seiten einer Münze bildeten sie eine Einheit, um die fehlerhaften Ereignisse zu reparieren und zum ursprünglichen Lauf zurückzuführen. Nach dem Einsatz trennten sich die Wege, und die Erinnerung an uns und den Auftrag verlosch. Das klappte aber nicht immer, manchmal war es schwierig, verdeckt zu arbeiten, daher gabt es Berichte über Wesen wie Engel, Feen, Elfen, aber auch Dämonen, Trolle oder Luzifer.
Es kam ganz darauf an, ob wir für das Gute, also für das Yin tätig waren, oder für das Böse. Beides war notwendig, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.
Arbeiteten wir für das Yin, dann hieß es oft „Ein Engel hat mir geholfen“. Anders sah es aus, wenn wir für das Yang einen Auftrag hatten, dann gab es Berichte über Dämonen, Schwarze Elfen oder den Teufel.
Natürlich hatten diese Augenzeugenberichte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit uns, zum Glück wurden die meisten der Berichte ins Reich der Fabeln und Geschichten verdrängt.
Die Zeit zwischen unseren Einsätzen verbrachten wir in einer Art Dämmerschlaf, so vergingen schnell mehrere hundert Jahre, bis der nächste Auftrag kam. Daher arbeite ich seit vielen tausend Jahren als Wächter, obwohl ich im Prinzip erst knapp fünfzehn Jahre alt bin.
Es ist immer wichtig, einen Auftrag schnell und effektiv auszuführen. Gefühlsduselei ist hier nicht angebracht, immerhin geht es um das Wohl des Universums.
Manchmal bedeutet das, Dinge zu tun, die auf den ersten Blick grausam und schrecklich erscheinen.
Aber das ist nicht so.
Vor vielen tausend Jahren war es wichtig, den Stamm der neuen Menschen mit Waffen zu versorgen, damit sie sich gegen den wesentlich kräftigeren Neandertaler durchsetzen konnten, das war echt notwendig.
Mit der Sintflut gehen die Meinungen auseinander, ob es wirklich notwendig war.
Wichtig war die Zerstörung des ägyptischen Reiches, die Alternativen hierzu waren unglaublich. Der Untergang der Mayas durch die vierzehnmonatige Dürrekatastrophe war nicht geplant, dafür war die Schwarze Pest im Mittelalter ein voller Erfolg.
Das sind ein paar Beispiele, die sich auf einem Planeten zugetragen haben, der sich in meinem Verantwortungsbereich befand. Wären wir gescheitert, hätte dies schreckliche Konsequenzen nach sich gezogen.
Doch seit einiger Zeit mache ich mir echt Gedanken, ob das, was ich mache, wirklich in Ordnung ist.
Ist es in Ordnung, sich auf diese Art und Weise in die normalen Geschehnisse einzumischen?
Ja, gut, diesmal ist es extrem, denn das Ungleichgewicht ist stärker als je zuvor. Die Folge wären gigantische Konsequenzen für das gesamte Universum.
Meistens war die Kraft, welche ich persönlich als „Das Böse“ bezeichne, die Ursache für eine Störung, die wir zu bereinigen hatten.
Heute ist es anders.
Diesmal ist es „Das Gute“, was die Entwicklung des Universums gefährdet.
Und wir sollen in unserem nächsten Auftrag das Gute bekämpfen, damit alles ins Lot kommt. Wie gesagt, ich habe Zweifel. Nein, mehr noch, ich bin mir meiner Sache nicht mehr sicher. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass dies im Sinne des Universums sein soll, daher habe ich mir in den letzten Monaten einen Plan zurechtgelegt. Der Zeitpunkt, ihn zu verwirklichen, war gekommen. Ich würde vorsichtig vorgehen müssen, denn ich stand mit meiner Überzeugung alleine da.
Ich merke, ihr habt viele Fragen. Ja, es ist verwirrend. Am besten erzähle ich euch, wie die Geschichte mit meiner Schwester weitergeht, denn ihre Geschichte hat auch mit mir zu tun.
Eleya ist die Jüngste von uns allen, von Ihrem Wesen her zwölf Jahre alt. Daher wurde sie bisher niemals mit einer wichtigen Aufgabe betraut. Umso mehr wunderten wir uns, dass jetzt bei diesem bedeutsamen Auftrag Eleya die Rolle als Macher bekam. Ausgerechnet Eleya, also wirklich! Zum Glück sind wir meistens körperlos, sonst würde ich bezweifeln, dass sie ihre Schuhe richtig zubinden kann. Aber egal, diesmal passt es mir gut in meinen Plan, denn ich bezweifele, das Eleya den Auftrag bewältigen kann. Dies ist ganz in meinem Sinn. Ich muss sie nur in ihrer tapsigen Art unterstützen, damit sie diesen Auftrag in den Sand setzt, denn dann habe ich auch mein Ziel erreicht. Mein Plan ist es, dass das Gute hier gewinnen sollte. Das Böse darf nicht siegen!
Ich bin als Destruktor eingeteilt, meine Aufgabe ist es, den Macher, also Eleya zu unterstützen und gleichzeitig mit allem zu versorgen, damit sie den Auftrag ausführen kann. Außerdem ist es meine Aufgabe, den Einheimischen, also das Partnerwesen, wie wir es nennen, auf seinen Auftrag vorzubereiten. Normalerweise geht man dabei sehr behutsam vor, doch ich denke, diesmal kann es etwas schneller gehen. Ich habe auch schon eine Idee, was ich machen soll, und beginne mit der Kontaktaufnahme. Mit einem Mal fielen mir auch wieder meine seltsamen Tagträume ein, und ich erkannte eine gewisse Ähnlichkeit, daher kann das, was jetzt kommt, nur richtig sein. Also los!
WHAM!
Eine gewaltige Erschütterung erfasste das Cockpit, das gleichzeitig von einem blendend hellen Blitz begleitet wurde. Ein dreifaches Piepen erklang und eine unsichtbare Stimme schnarrte monoton: „Rakete im Anflug.“
„Verfluchter Mist“, rief Mika, riss den Steuerknüppel nach links und brachte dadurch den Kampfjet in die Rückenlage. Gleichzeitig zog er den Steuerknüppel scharf zu sich heran und leitete damit einen Sturzflug ein.
„Entfernung achthundert Meter, schnell näherkommend“, meldete Carlos.
Er blickte über seine Schulter nach hinten. Was er sah, ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen.
„Cara del curo, verdammt!“
Die fremde Rakete klebte noch an ihren Fersen.
Carlos drückte einige Schalter auf der rechten Konsole. Mehrmals war ein dumpfes Klack-Boff zu hören.
Carlos wusste, dass in diesem Moment kleine Kartuschen aus dem Spender in der rechten Tragfläche nach hinten ausgestoßen wurden. Drei Sekunden später würden mehrere kleine Magnesiumsonnen mit über dreitausend Grad für die Rakete ein neues Ziel darstellen. Carlos zählte mit: „Drei, Zwei, Eins …“, eine kurze Pause erfolgte, in der ein blendendes Licht entstand. „Mierda!“
Abrupt änderte Mika erneut die Flugrichtung und schob gleichzeitig den Schubregler bis zum Anschlag nach vorne. Donnernd erwachten die Nachbrenner zum Leben und leiteten einen rasanten Steilflug ein. Der fremde Lenkflugkörper war immer noch hinter ihnen.
„Rakete noch auf Verfolgungskurs. Abstand dreihundert Meter.“
Carlos schluckte.
„Noch zweihundert Meter, ACHTUNG, KONTAKT IN FÜNF SEKUNDEN!“
Mika riss den Steuerknüppel nach hinten. Sofort bäumte sich der Jet auf und begann, senkrecht nach oben zu steigen.
„Kontakt in DREI …, ZWEI …, EINS …“
Die sich schnell nähernde Rakete erkannte den heißen Triebwerksausstoß des Jets und errechnete, dass sie nun nahe genug war. Sie explodierte. Eine kleine Sonne erstrahlte und eine gewaltige Glutwolke bereitete sich aus.
Das Letzte, was Mika sah, war das Licht! Doch kurz vorher erkannte er noch, wie sich in den Glutwolken ein Gesicht zu formen begann. Große, längsgeschlitzte Pupillen blickten ihn an. Weißes Haar wurde von glühenden Turbulenzen durcheinandergewirbelt.
Blaue Lippen wurden aufgerissen und formten die letzten Worte, bevor die lodernde Glutwolke alles zerriss:
„MIKA, HILF MIR!“
Mika zuckte zusammen, als die letzten Ausläufer eines gewaltigen Blitzes sein Zimmer erhellten. Schweiß stand auf seiner Stirn, sein Atem ging rasselnd, und während sich seine Hand am Tisch festkrallte, versuchte er zu erkennen, wo er sich befand.
„Was für ein Albtraum“, dachte er.
Mika war an seinem Schreibtisch eingeschlafen. Nun ja, der Staffelarzt hatte gesagt, dass sich seine Albträume bald ändern würden.
Im Prinzip hatte er Recht, sie sind schlimmer geworden!
Ein gedämpfter Donner grollte über den Stützpunkt. Mika war am Tisch eingeschlafen, noch immer hielt er die Fotos in der Hand.
Die Kerze spendete viel zu wenig Licht, um irgendwelche Details zu erkennen, doch das war nicht notwendig. Schon hundert Mal zuvor hatte er die Bilder gesehen, er kannte jede Einzelheit, jedes kleine Detail.
Mikas Atem wurde ruhiger.
Sehr langsam, beinahe schon andächtig, griff er nach dem obersten Bild des Stapels, den er in der linken Hand hielt, und steckte es nach hinten.
Die Eiswürfel in dem Glas waren schon lange geschmolzen. Das aufwändig verzierte Glas bildete in diesem schmucklosen Raum ein Fremdkörper. Es handelte sich um ein geschliffenes, achteckiges Kristallglas, in dessen Boden von unten der Kopf einer Meduse eingraviert war. Das flackernde Kerzenlicht bewirkte, dass sich goldgelbe Lichtreflexe in den Facetten des Gesichts der Meduse brachen, und es hatte den Anschein, als ob der Kopf von einem lodernden Flammenkranz umrahmt wurde. Hin und wieder brachen sich violette Reflexionen einiger entfernter Blitze des Gewitters im Glas, doch außer der Meduse schien dies keiner zu bemerken.
Der alte Player in der Ecke trällerte den Oldie „Behind Blue Eyes“, doch das nahm Mika nicht wahr.
Er hob den Kopf an und sah durch das kleine Fenster nach draußen. Am Horizont war ein leuchtendes Band zu sehen, begrenzt von Gewitterwolken. Bald würde die Sonne aufgehen, doch wie es aussah, würde man durch das aufziehende Gewitter davon nichts sehen. Wieder zeigte sich am Horizont für mehrere Sekunden das ungewöhnliche Wetterleuchten. Es wird einen Sturm geben, dachte Mika. Wie damals.
Erneut nahm er das oberste Foto und steckte es bedächtig nach hinten.
„Wie lange war es her? Heute ist … Dienstag, nein, schon Mittwoch. Also ist es dreihundert … achtundsiebzig Tage her.“
Ein verzerrtes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.
Er griff nach dem Glas und hielt es in der Hand.
„Alles ist weg! Und das hier ist nun mein Zuhause“, stellte er fest.
Mikas Blick löste sich von dem Lichtspiel am Horizont und begann, im Zimmer umherzustreifen. Schmucklose, funktionelle Vierkantstahlmöbel, wie sie in der gesamten Armee benutzt wurden. Zumindest hatte er nie etwas gravierend Anderes gesehen. In der Ecke stand eine selbst gekaufte Ikea-Kommode, auf dem die Tag und Nacht eingeschaltete Kaffeemaschine wartete. Längst hatte sich der letzte Kaffee in einen braunen Belag verwandelt, der in einer weiteren Schicht die Glaskanne überzog. Über der Kommode hatte Mika ein paar Filmposter aufgehängt, das größte davon war eine seltene Version des Films GLADIATOR, welches er auf einer Filmbörse in München erstanden hatte.
Damals war er mit Anne dort gewesen. Wieder musste Mika schlucken, um die aufsteigende Enge im Hals loszuwerden. Anne!
Sein glasiger Blick starrte ins Leere, als sich vor seinem inneren Auge das Bild einer dunkelhaarigen Frau zeigte. Er begann zu lächeln. Braune Augen blickten ihm entgegen. Wie vermisste er diese Augen.
In seinen Gedanken hielt sie zwei Eintrittskarten für die Bavaria Filmstudios hoch und wedelte damit vor seiner Nase, um sie grinsend hinter ihrem Rücken zu verstecken. Bei dem Gedanken erschien ein schwaches Lächeln auf Mikas Lippen und sein Blick wanderte weiter durch den Raum in die entgegengesetzte Ecke des Raumes, wo sein Stubenkamerad sich etwas individueller eingerichtet hatte. Ein kompletter, lederner Brustharnisch und ein aufwändig verzierter Helm eines Samurais hingen an der Wand. Darunter funkelte ein dreifach geteilter Waffenständer, in dem jedoch nur zwei Schwerter abgelegt waren – Katanas, wie er sie nannte. Den Abschluss bildete eine kleine Kommode, dasselbe Ikea–Modell wie Mika selbst eine hatte, nur in Schwarz, die er in so eine Art Schrein verwandelt hatte: - zig bunte Teelichter, Buddha Statuen, Blütenblätter, Teeschalen, aus denen er einen ungenießbaren grünen Pulvertee trank und Essstäbchen von Wongs Heimservice dekorierten die flache Kommode.
Mikas Gedanken gingen zurück zu Anne, zu dem Wochenende, das sie zusammen in München verbracht hatten. Die Kiddies bei der Oma zu lassen, um seit Langem mal alleine zu sein, war eine tolle Idee gewesen. Mika blätterte in seinem Bilderstapel weiter.
Zwei blonde Mädchen im Alter von fünf und sieben blickten ihm aus dem Bild entgegen.
Das Foto hatte Anne ihm gemailt, als sie zusammen mit den Kids am 10. Juni ihre Eltern in Madrid besuchte. Mikas Lächeln hatte sich in eine starre Maske verwandelt, als er an das Datum dachte. Riesig erschienen die Schlagzeilen vor seinen Augen: 11. JUNI, TAG DES UNTERGANGS.
Mika starrte auf das Foto.
Vor seinem inneren Auge bildete sich im Hintergrund des Fotos eine leuchtende Kugel. Grell, so weiß, dass sie alles überstrahlte, sah er, wie seine beiden Töchter im Vordergrund wie auf einem Röntgenbild durchleuchtet wurden, faustgroße Blasen entstanden in Sekundenbruchteilen auf ihren Körpern, bis ein gewaltiger Sturm einsetzte.
Fleischfetzen wurden von dem Glutsturm weggerissen und verdampften, das übrig gebliebene Skelett glühte auf und fiel in einer Aschewolke zusammen.
Mikas Fingerknöchel traten hervor, als sich sein Griff um das Glas verstärkte. Sein Gesicht hatte sich in eine wütende Grimasse verwandelt, als er im Geist auf dem Foto im abklingenden Licht den riesigen Atompilz aufsteigen sah. Abermals spürte eine unbändige Wut in sich.
Anne, Rachel, Gabrielle! TOT!
Sie wurden ihm genommen - innerhalb einer Sekunde. Nie wieder würde er sie in den Armen halten können. Es gab doch noch so viel, was er mit ihnen vorhatte. Ja, er hatte sich fest vorgenommen, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Die Kleine war schon so aufgeregt auf ihren ersten Schultag. Anne wollte dazu etwas ganz Besonderes vorbereiten. Und dann planten sie nächsten Sommer zusammen in die Toskana zu fahren, eventuell noch weiter. Und er würde ihnen Rom zeigen. Das Kolosseum, das Amphitheater, er würde Anne zeigen, wo die Gladiatoren wirklich gekämpft hatten. Und wenn die Kinder im Bett wären, würde er mit ihr noch ein Glas Rotwein genießen, mit Blick von der sommerlichen Terrasse über die gesamte Stadt.
„Anne, ich wollte, ich könnte das alles ganz neu anfangen. Zurückdrehen. Ich würde alles tun, um es ungeschehen zu machen!“
Mikas Augen wurden glasig.
„Anne, du fehlst mir so sehr!“
Die Flamme der Kerze begann zu flackern, als die Tür geöffnet wurde, doch Mika merkte nichts von all dem. Im Türrahmen zeichneten sich gegen den erleuchteten Flur die Konturen eines Mannes ab, der ein Schwert in der Hand hielt. Leise schloss er die Tür hinter sich, dann bewegte er sich ebenso geräuschlos durch das Zimmer. In einer fließenden Bewegung führte er das Schwert nach vorne, verharrte in dieser Stellung für Sekunden, dann nickte er und legte das Schwert behutsam in den Halter. Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte er sich um. Noch immer saß Mika bewegungslos da, nur seine linke Hand mit den Fotos zitterte.
„Hey, Amigo, quäl’ dich doch nicht länger“, sagte eine sanfte Stimme. „Du kannst daran nichts mehr ändern.“
Mika spürte eine Hand auf seiner Schulter.
„Carlos – was weißt du schon! Lass mich einfach in Ruhe, ja? Du hast keine Ahnung und verstehst das nicht“, entgegnete Mika mit rauer Stimme. Er spürte ein Brennen in seiner Kehle.
Der Griff auf Mikas Schulter wurde stärker.
„Doch, Amigo – doch, ich denke schon, dass ich es verstehe. Meine Schwester lebte in Madrid. Das war meine eigene, kleine Familie. Ich hatte sonst niemanden.“
Ein verzerrtes Grinsen überzog Carlos’ Lippen und seine Augen schienen in große Ferne zu blicken.
„Komm, ruh dich doch ein wenig aus. Du weißt nicht, wann es wieder weitergeht.“
Carlos ging um den Tisch herum und stand Mika gegenüber. Große, braune Augen sahen Mika verschmitzt an.
„Sag mal, Amigo, wird dein Alkoholproblem langsam nicht eine teure Sache?“
„Was meinst du damit“, fragte Mika gelangweilt und sah von seinen Fotos auf.
„Na ja, jeden Abend kippst du dir einen Mordsbecher Whiskey ein, hältst ihn den ganzen Abend fest und schüttest ihn morgens in den Ausguss. Also, wenn das mal kein Alkoholproblem ist, dann weiß ich nicht!“
Mika sah Carlos an und musste zum ersten Mal seit längerer Zeit grinsen.
„Also, ich lege mich auf jeden Fall noch hin“, entgegnete Carlos mit übertriebener Geste, „ich bin im Moment echt geschafft!“
„Du? Geschafft? Was war denn los?“, feixte Mika.
Auf diesen Moment hatte Carlos nur gewartet.
„Mika, du glaubst gar nicht, was mir eben passiert ist“, begann Carlos mit überschlagender Stimme. Schnell zog er den zweiten Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.
„Als ich mit der Schwertübung fertig war, habe ich wie immer noch meditiert, und dann … BAFF …, Mika, das war absolut ungewöhnlich!“
Dabei fuchtelte er mit beiden Händen. Er war zwar oft eine richtige Nervensäge, aber Mika mochte diesen kleinen Spanier. Kurzgeschnittene schwarze Haare und der dunkle Teint ließen ihn zu einem Musterbild eines Südländers werden, wenn nicht da seine fernöstliche Leidenschaft wäre, die dieses Klischee sofort wieder zerstört. Carlos wurde zu Anfang des europäischen Krieges als Kadett ins neue NATO Luftwaffen-Hauptquartier in Ramstein eingezogen um als Jetpilot ausgebildet zu werden.
Mika war sein Ausbilder, der ihn nun seit vielen Monaten auf dem Eurofighter ausbildete.
Ein weiterer Blitz erhellte das gesamte Zimmer.
Erschrocken zuckte Carlos hoch und sagte: „Ja, und genau damit hatte es auch zu tun!“
Mika dachte erschrocken an seinen Albtraum. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn. Neugierig beugte er sich nach vorne, als plötzlich auf dem gesamten Stützpunkt der Alarm losheulte.
Wenn ihr in einer sternenklaren Sommernacht kurz vor Mitternacht genau nach oben schaut, erkennt ihr dort einen kleinen, hellen Fleck.
Ich könnte vermutlich mit bloßem Auge erfassen, dass dieser Fleck die Form eines Pferdekopfes hat, doch ihr benötigt höchstwahrscheinlich eines eurer großen Teleskope, um das rote und blaue Wogen in seiner ganzen Pracht zu erkennen.
Genau dieser Nebel ist nun unser Zuhause. Unsere Gedanken verteilten sich über den gesamten Nebel. In gewissem Sinn waren wir der Nebel. Und wir nannten den Bereich AI, was so viel wie Unendlich bedeutet. Doch obwohl wir sehr viele Möglichkeiten hatten, untereinander Informationen auszutauschen, gingen die meisten der Wächter aus nostalgischer Gewohnheit dazu über, einfach nur mit einer Art körperlosen Sprache zu reden. Und so erfüllte eine tiefe Stimme das Kontinuum.
„Es ist wieder so weit. Wir müssen einen von uns aussenden“, begann der Koordinator.
Keiner von uns erwiderte ein Wort. Es stand auch niemanden zu, die rituellen Worte des Wächters zu kommentieren.
„Eleya, du bist zum Macher erwählt worden, du wirst gehen.“ Der Koordinator nickte, um seine Bestimmung zu unterstreichen.
Zuerst dachte ich an einen Fehler. Mir war, als ob mich der Schlag trifft. Ausgerechnet Eleya!
„Es wird sehr komplex werden, daher schicken wir dich zuerst auf die Zwischenwelt. Dein Auftrag ist zu umfangreich, daher können wir nichts dem Zufall überlassen. Auf der Zwischenwelt wirst du alles lernen, was noch notwendig ist.“
Eleya sah zu Boden und zitierte monoton: „Ich verstehe. Ich werde den Kontakt zu den anderen Wächtern verlieren. Ich werde zusammen mit meinem Partnerwesen alleine handeln müssen, um den Fluss der Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen.“
„He Dad“, hakte ich ein, „Eleya ist doch noch ganz unerfahren, das wird zu hart für sie werden. Ich habe das schon öfters gemacht, da wird es keine Probleme geben.“
Der Koordinator beachtete mich nicht und fuhr fort: „Ja, und bei diesem speziellen Auftrag würde jedes Wissen über die Folgen unweigerlich zum Scheitern führen. Genau aus diesem Grund ist es diesmal notwendig, jemanden zu schicken, der rein aus seiner Intuition handelt.“
Ich erkannte meine Chance:
„Dad, genau aus dem Grund wäre es doch besser, wenn ich gehe. Intuition ist mein zweiter Name, ich weiß genau, wie das geht. Ich kann das!“
Der Erste beachtete mich nicht.
„Eleya, du wirst lernen müssen“, leitete der Koordinator die rituellen Worte ein. „Du wirst deine Fähigkeiten schrittweise entdecken. Wir dürfen dir nichts über deinen Auftrag mitteilen. Rein gefühlsmäßig erkennst du, was zu tun ist. Das ist die einzige Basis, die wir dir mitgeben können. Und, Eleya, wir werden bei dir sein. Du wirst zuerst nach Zwischenwelt gebracht, wo du deine Fähigkeiten trainierst. Wenn du damit fertig bist, wird dein Partnerwesen ebenfalls nach Zwischenwelt gebracht, wo ihr beide zusammen auf euren Einsatz vorbereitet werdet, bis ihr in der Lage seid, im richtigen Universum den Auftrag auszuführen. Du wirst derjenige sein, der entscheiden wird, was genau gemacht wird und wie es getan wird.
Du und dein Partnerwesen bildet zwei Seiten einer Münze, die als eine einzige Einheit funktionieren.“
Man sah Eleya deutlich an, dass sie sich mit dieser Entscheidung nicht wohl fühlte.
„Der Yang-Zerfall liegt bei 38 Prozent und ist immer noch fallend. Die Yin-Komponente hat einen Höchststand erreicht, Koordinator“, meldete sich eine Stimme, der ich all meinen Hass entgegenbrachte. Ausgerechnet Talan war diesmal ein Teil unserer Gruppe, er hatte die Rolle des Behüters.
Dad wirbelte herum. „Hmm. Ist denn die Anreicherung des Chi in der Zwischenwelt-Blase noch nicht abgeschlossen, Esrael?“
Wieder dachte ich daran, was mich seit Jahren beschäftigte. „Ist es richtig, was wir da machen?Was wäre, wenn wir uns nicht einmischen würden oder wenn es uns nicht gäbe? Würde jemand anderes diese Aufgabe ausführen? Wie kann ich Gewissheit bekommen?“
„Esrael!“, dröhnte die Stimme des Behüters durch den Raum. „Esrael, träumst du wieder? Der Koordinator hat dich etwas gefragt. Was macht die Zwischenwelt Blase? Und wie weit ist das Gedankenkonzentrat?“
Ich schreckte aus meinen Gedanken auf. Als Destruktor war es meine Aufgabe, den Macher mit allem Notwendigen zu unterstützen. In diesem Fall bedeutete es, dass ich die Vorbereitungen zu treffen hatte, um Eleya in ihren Körper zu schicken und dass ich die Zwischenwelt erschaffen soll, auf der Eleya üben würde. Grundsätzlich waren diese Dinge nicht neu für mich.
Doch diesmal musste ich darauf achten, dass Eleya auf gar keinen Fall den Auftrag erfüllen würde, sie musste versagen! Am besten würde es klappen, indem ich ihr im entscheidenden Moment so wenig wie möglich Energie bereitstelle, ohne dass die Anderen es merken.
Damit es nicht auffällt, war mein Plan, im Vorfeld so viel Energie wie möglich zu verschwenden, damit in dem Moment, wenn sie die Energie am dringensten benötigte nicht mehr genug übrig sein würde. Ja, die Idee gefiel mir!
Ich stammelte: „Das Gedankenkonzentrat? Es … es ist gleich fertig. Es steht bereit, Talan. Doch ich habe Probleme mit der Zwischenwelt Blase. Das liegt am geringen Yin-Yang Verhältnis. Ich denke, wenn ich etwas von den Reserven abziehe, sollte es reichen.“
„Es sollte reichen? Sollte? Könnte? Ist das Alles, was du zu sagen hast?“
Sein verzerrtes Grinsen strömte mir entgegen.
„Kannst du dich etwas gewählter ausdrücken? Jetzt sag nur nicht, dass du den Speicher anzapfen möchtest!“
Seine Grimasse stierte mich an.
„Es reicht, Talan“, schaltete sich Dad ein. „Du siehst doch, das Esrael alles macht, was notwendig ist. Und er hat Recht. Die Werte, die uns Esrael zeigt, sprechen für sich. Unter diesen Umständen ist es in der Tat mehr als notwendig, dass wir den Chi-Speicher anzapfen. Das solltest du doch auch erkannt haben.“
Talans Erscheinungsbild nahm einen diabolischen Ausdruck an.
„Möchtest Du den Plan gefährden?“, ergänzte er schleimend. „Ja, für die Erschaffung von Zwischenwelt benötigen wir ausreichend Energie. Doch wir dürfen auf keinen Fall die Reserven anpacken. Wir müssen nur jetzt schnell genug handeln. Wir machen es direkt und unkompliziert.“
Dad nickte. Es entstand eine Pause von mehreren Sekunden, dann warf er ein: „In einem hast du Recht, Talan. Es geht offenbar viel zu langsam. Aber wir müssen Eleya mehr Energie zur Verfügung stellen als sonst üblich.“
„Aber wir dürfen nicht noch mehr Chi abzweigen. Auf gar keinen Fall“, stöhnte Talan. „Das Tao beginnt schon sich zu verändern. Noch mehr, und wir bekommen es nicht mehr in den Griff.“
„Dieser Idiot merkt gar nicht, wie sehr er sich selbst widerspricht. Im Gegenteil, mit dem, was er sagt, spielt er mir nur in die Hände“, dachte ich und las monoton meine gedanklichen Instrumente ab: „Der Yin-Aufbau ist weiterhin fortschreitend. Der Yang-Verfall liegt bei unter 33 Prozent. Wir benötigen einfach mehr Chi, dann kann ich die Blase erstellen.“
Talan ballte seine Hände zu Fäusten und fletschte seine Zähne. „Seht ihr es denn nicht? Wir dürfen die Reserven nicht anzapfen.“, zeterte der Behüter und warf die Arme nach oben. „Es reicht, das Maß ist jetzt voll, Schluss mit diesem Spiel“, brüllte er. „Esrael schafft das niemals, er hat einfach nicht das Potenzial für diese Aufgabe. Ich übernehme seine Aufgabe und wir beginnen sofort, jetzt!“
„TALAN“, rief der Koordinator und fuhr mit gefährlich ruhiger Stimme fort: „Das hast du nicht zu entscheiden. Esrael, zapfe die Chi-Reserven an und beeil dich mit der Zwischenwelt Blase. Und du, Talan, überprüfst nochmals das Gedankenkonzentrat für den sofortigen Übergang.“
„Ich spüre förmlich, das Eleya dazu nicht in der Lage ist. Das hat es auch noch nie gegeben, jemanden komplett unvorbereitet zu schicken“, gab Talan zu bedenken.
Der Koordinator nickte ernst. „Ich weiß. Und genau aus diesem Grund geht sie auch zuerst nach Zwischenwelt. Und sie wird lernen müssen – sehr schnell! Sie benötigt unsere gesamte Unterstützung.“
Ich schloss meine Augen. „Koordinator, die Yin-Komponente liegt bereits bei über 69 Prozent. Es wird eng.“
Mit einem Nicken gab der Koordinator die benötigten Energien frei.
Wieder erhellte ein gewaltiger Blitz die gesamte Basis.
„Ich sehe auch, dass es die einzige Alternative ist. Doch ich habe dabei kein gutes Gefühl.“
Graue Augen blickten über den Rand der Lesebrille.
„Ob dir dabei wohl ist oder nicht, spielt im Moment leider keine Rolle“, kam die Antwort aus der Richtung des Kaffeeautomaten. General Clark Taylor stand mit einem dampfenden Kaffeebecher in der Hand mit dem Rücken zum Einsatzleiter und blickte hinaus auf den nächtlichen Flugbetrieb.
Am Horizont zeichnete sich blutrot ein dünner Streifen des ersten Tageslichts ab, doch der restliche Himmel war von tiefschwarzen Wolken bedeckt. Ein Wetterleuchten beleuchtete den gesamten Horizont rot-violett. Hin und wieder zuckten gewaltige Blitze und ließen für einen Moment die Nacht zum Tag werden.
„Clark, wie lange kennen wir uns jetzt? Zehn Jahre, oder etwa schon elf? Du willst mir doch etwa nicht vormachen, dass es dir egal ist!“
Es entstand eine kurze Pause. General Taylor führte den klobigen Becher zum Mund, setzte dann ab, ohne einen Schluck zu trinken. Er drehte sich um.
„Oh nein, mein Freund. Das habe ich nicht gesagt. Tatsache ist, dass sich mir bei dieser Vorstellung die Nackenhaare sträuben.“
Oberst Massimo verstand recht gut, was sein langjähriger Freund damit ausdrücken wollte. Doch wie immer bei solchen Gelegenheiten war er sich nicht sicher, ob die nach Außen getragene Ruhe seines Stützpunktkommandanten echt oder nur aufgesetzt war.
„Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass wir keine andere Möglichkeit haben.“
Er nahm einen tiefen Schluck Kaffee aus dem Becher, der das blau-gelbe Wappen eines längst geschlossenen Geschwaderstützpunktes in Pferdsfeld zeigte.
„Und das bedeutet, dass wir alle verfügbaren Kräfte zusammenschließen müssen. Sofort. Ich möchte, dass jede Maschine rausgeht. Ich werde keine Zeit mit irgendwelchen Diskussionen verschwenden.“
Die Tür flog auf und zwei Personen kamen herein.
„Moin.“
„Hi zusammen.“
Stumm, mit einem höflichen Lächeln wies General Taylor mit ausgestreckter Hand auf zwei Stühle am Ende des Tisches.
Mit zerzausten Haaren nahmen die beiden Offiziere am Tisch Platz. Der Mann knöpfte einen vergessenen Knopf an seinem Hemd zu und die Frau versuchte, einige widerspenstige Strähnen hinters Ohr zu klemmen.
Mit einem kurzen Nicken bemerkte Oberst Gallinaro: „Major Lagrange, Major Bringmann.“ Auch die anderen fünf Männer am Tisch nickten ihnen stumm zu.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich ihre Schichtruhe unterbrochen habe“, begann General Taylor lächelnd. „Kaffee?“
Massimos italienisches Temperament sorgte dafür, das er sich zu verkrampften begann. Er fragte sich, wie sein Freund in dieser Situation so ruhig bleiben konnte. Die neuesten Informationen deuteten darauf hin, dass sie wahrscheinlich kurz vor dem Untergang des bekannten Europa standen, und dieser Mann bietet seinen Offizieren Kaffee an. Seine Finger trommelten nervös auf den Tisch, doch ein kurzer Seitenblick General Taylors ließ ihn sofort damit aufhören.
„Meine Damen, meine Herren“, begann er, „wir sind hier zu dieser ungewöhnlichen Stabsversammlung, weil wir vor 20 Minuten vom Bundesnachrichtendienst eine höchst alarmierende und beängstigende Information erhalten haben. Die Stützpunkte in Madrid und Sizilien sind ebenfalls informiert und im Moment über unser SkyCom-Netz zugeschaltet.“
Mit diesen Worten deutete er auf die zwei 78 Zoll TFT Displays an den Wänden, auf denen jeweils fünf bis sechs Personen zu sehen waren. Mit einer kaum merklichen Verzögerung sah man die Beteiligten nicken oder die Hand heben. General Taylor ging einen Schritt auf den Tisch zu und deutete mit ausladender Geste auf den Einsatzleiter.
„Meinen Stellvertreter, Oberst Gallinaro, brauche ich niemandem mehr vorzustellen.“
Sein Nicken begleitete seine Worte.
„Oberst, würden Sie bitte die Ergebnisse zusammenfassen?“ Oberst Gallinaro betätigte kurz einen Knopf am Steuerpult der COM-Anlage. Automatisch schwenkten die Kamera in seine Richtung und veränderte den Zoom. Der auf dem Tisch stehende Kontrollmonitor zeigte das Bild eines hageren Mannes, Mitte fünfzig, mit lebhaften Augen.
„Guten Morgen. Wir haben um exakt Null-Vierhundert Uhr eine Meldung vom BND weitergereicht bekommen. Die Nachricht hat uns nicht mehr vollständig erreicht, irgendeine unbekannte elektromagnetische Störfront scheint sämtliche Signale aus dieser Richtung zu verschlucken. Trotzdem konnten wir das Wichtigste entschlüsseln. Einem unserer Mitarbeiter, die seit Jahren im Ausland tätig sind, ist es gelungen, in Kontakt zu einer Zelle der Gotteskrieger in Indien zu kommen.
Er hat es geschafft, sich einer Aktivistenzelle anzuschließen, und ist durch Zufall auf eine unglaubliche Sache gestoßen.“
Oberst Gallinaro legte eine dramatische Pause ein und fuhr eine Sekunden später mit seinem Bericht fort.
„Wir werden angegriffen. In diesem Moment ist eine unbekannten Flotte mit atomarer Bewaffnung auf dem Weg nach Europa. Machen wir uns nichts vor, meine Herren. Die primären Ziele sind die größten Städte und Industriegebiete in Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien. Und um es deutlich zu sagen: Sollte unser Feind Erfolg haben, befinden wir uns in der nächsten Woche in der Steinzeit. Zumindest diejenigen, die es überleben werden.“
Ein Raunen ging durch die Menge, erste Ausrufe wurden laut und innerhalb der nächsten Sekunden begann eine unkontrollierte, lautstarke Diskussion.
„Meine Herren“, begann General Taylor, und seine Worte beendeten augenblicklich den Tumult.
Er faltete seine Hände hinterm Rücken zusammen und ging zwei Schritte näher an den Tisch heran.
„Ich habe sie hier versammeln lassen, um sie mit den aktuellen Informationen vertraut zu machen. Wir werden ab sofort nur noch einen einzigen Plan verfolgen. Alles, was zur Verfügung steht, geht in die Luft. Die Geschwader, die sich bereits in der Luft befinden, bleiben oben. Schicken sie jedes Tankflugzeug rauf und versorgen sie den Rest aus der Luft.
