Elf Masken - Christoph J. Neumann - E-Book

Elf Masken E-Book

Christoph J. Neumann

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Beschreibung

Eine Reihe befremdlich-surrealer, angsteinflößender Ereignisse bewegt Elias J. Wendelin, sich in die Psychiatrie der Stadt Ulmenau zu begeben. Dort hofft er vergeblich auf ein Ende von Wahn und Halluzination. Vermehrt verändert sich seine Umwelt auf unvorhergesehene, mit konventionellen Vorstellungen nicht vereinbare Art und Weise. Eine kuriose Abfolge surrealer Ereignisse führt Elias J. Wendelin in immer höhere Stockwerke der Institution, in denen sich der Irrsinn noch zu steigern scheint. Traum und Erinnerungen mischen sich in das Erleben des Patienten, der sich die Frage stellt, ob er oder die Psychiatrie in Ulmenau den Verstand verloren hat.

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Christoph J. Neumann

Elf Masken

© 2021 Christoph J. Neumann

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-40255-3

Hardcover:

978-3-347-40256-0

e-Book:

978-3-347-40257-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Laura - Schatten meiner Tage und Licht meiner Nächte - und die Verlorenen in den Psychiatrien dieser Welt

1

„Wie wundervoll der Farbauftrag gelungen ist auf diesem Gemälde.“, sagte der ältere Patient. „An manchen Stellen ist kein Pinselstrich sichtbar. An anderen ist der Farbauftrag sehr pastös, vielleicht wurde die Farbe sogar mit einem Spachtel aufgetragen. Manche Konturen sind durch einen dunklen Strich hervorgehoben, andere gehen unmerklich ineinander über.“

Elias sah von seinem Buch auf, griff nach der Postkarte, die er als Lesezeichen verwendete, und markierte damit die Seite 49. Er schloss das Buch und wandte sich dem älteren Mann zu, der immer noch das Gemälde an einer Wand des Speisezimmers betrachtete. Dünnes weißes Haar fiel diesem unordentlich und in Wellen auf die Schultern. Er war von hoher und hagerer Statur. Sein Gesicht war fein gezeichnet und zugleich ausgeprägt. Seine Nase war lang und ein wenig gekrümmt. Das interessanteste Detail waren jedoch die Augen des älteren Patienten. Sie waren überdurchschnittlich groß und von türkiser Färbung. Dünne, grüne Fäden durchzogen die Iris und ein paar kleinere Blutgefäße waren geplatzt und färbten einen kleinen Teil des Augapfels rot. Und wie so oft lief eine Träne an der linken Wange des Mannes herab. Elias hatte diese Eigenart schon mehrfach beobachtet und war sich über die Ursache nicht klar. In den Augen des älteren Patienten war keine Traurigkeit, kein Entsetzen und keine andere intensive Emotion. Dennoch rannen immer wieder Tränen an seinen Gesichtszügen herab.

Elias Gegenüber hatte seinen forschenden Blick bemerkt, sah ihm in die Augen und sagte: „In Italien nannte man diese Technik Sfumato. Die Formen gehen ohne klare Abgrenzung ineinander über und es sind keine Pinselstriche sichtbar. Das Motiv erscheint dadurch besonders realistisch. Mir ist entfallen, wer der Urheber dieser Methode war, aber sie muss in der Renaissance entwickelt worden sein.“

In den letzten Minuten hatte sich ein Duft nach Zitronen im Speisesaal ausgebreitet. Elias sah sich um, konnte die Quelle des aufdringlichen Geruchs jedoch nicht ausfindig machen. In einer Schale lagen zwei Äpfel, eine Birne und eine Kiwi. Von Zitrusfrüchten fehlte jede Spur und ein Putzmittel konnte nicht die Quelle sein, da der Geruch natürlich wirkte. Er hatte nicht die Eigenart eines chemischen Produkts.

Elias deutete ein Lächeln an und der Mann fuhr fort: „Ich kann kaum beschreiben, wie sehr ich die italienische Malerei dieser Zeit liebe. Überhaupt war die Renaissance eine goldene Morgenröte. Voller Hoffnung und Versprechungen. Der Mensch wurde sich selbst bewusst und versuchte sich nach seinem ästhetischen Sinn zu formen.“

Der ältere Patient schlug die Augen nieder und sprach mehr zu sich selbst als zu Elias: „Sieh Dir an, was seit diesen Tagen geschehen ist. Man kann nicht behaupten, die Menschheit hätte noch eine Wandlung zum Besseren durchgemacht. Und was die Kunst betrifft: Schon im 16. Jahrhundert begann der Verfall. Und auf Umwegen gelangten wir in das Chaos, das wir heute in der Malerei sehen und das bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert begann. Der grandiose Irrtum zeigte sich bereits bei den Impressionisten. Und dann wirf einen Blick auf die folgenden Strömungen. Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus – alles Irrwege die nur ins Nichts führen. Maß und Kunstfertigkeit spielen keine Rolle mehr. Alles wird überzeichnet, verwandelt und sinnentleert. Kandinsky und seine Mitstreiter der Abstraktion hatten die Stirn, die Kritzeleien eines Gelangweilten auf die Leinwand zu bringen und sie mit dem Etikett Kunst zu versehen.“

Es folgte eine Pause, in der der ältere Mann in sich suchte. Elias betrachtete erneut das Gemälde. Es war eine sehr schlichte Szene. Im Vordergrund breitete sich eine Wiese aus. Einige Tulpen und andere im Frühling blühende Blumen versahen die Fläche mit etwas Leben und Farbe. Begrenzt wurde der offene Bereich von stattlichen Bäumen. In einiger Entfernung wand sich ein Weg durch Bäume und Sträucher. Die Szene spielte sich vor einem dramatischen Wolkenhimmel ab, der Regen ankündigte. Elias glaubte einen Moment eine Bewegung in den Wolken zu sehen, aber der Eindruck verging schnell.

Während Elias das Gemälde studierte begann der ältere Mann wichtige Maler der Moderne und Postmoderne und deren umfassende Reihe an Fehlern aufzuzählen, ihnen jegliche Kunstfertigkeit und Bedeutung abzusprechen. Elias verließ mehr und mehr das Interesse an den Ausführungen. Er wendete sich wieder seiner Lektüre zu. Das Buch, das vor ihm auf dem Tisch lag, hatte einige besondere Eigenschaften. Wenn es je einen Schutzumschlag besessen hatte, war er verloren gegangen. Es war auf altmodische Art und Weise gebunden. Der tiefrote Einband zeigte an mehreren Stellen Zeichen starken Gebrauchs. Immer wieder war Elias von dem verwendeten Rot fasziniert. Es hatte ein eigenartiges Charisma, ohne wirklich schön zu sein und ohne das Auge wirklich zu erfreuen. Auf der Vorderseite prangte in schwarzen Buchstaben der Titel: „Erscheinungsformen und Wege des Teufels“. Aber ein Autor wurde nicht genannt. Und auch ein Impressum suchte man vergeblich. Auf eine erste, leere Seite folgte eine Widmung, die mit einem dicken, schwarzen Marker vollständig übermalt worden war. Zumindest vermutete Elias, dass es sich um eine Widmung gehandelt haben müsse. Aber aus welchem Grund man eine Widmung schwärzen würde, konnte er sich nicht erklären.

Elias schlug die Seite auf, die er mit der Postkarte markiert hatte. Sie zeigte einen Pierrot in Gesellschaft einer in altertümliche Kleidung gehüllten Gruppe an Männern und Frauen. Es war unklar, ob die Szene auf einer Theaterbühne oder in einem Festsaal aufgenommen worden war. Das Schwarzweiß des Fotos und andere Details führten Elias zu der Vermutung, dass das Bild aus den 50er- oder 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts stammte. Er legte die Karte zur Seite und las erneut den Absatz, bei dem er unterbrochen worden war.

Jedes belebte Ding kann als Maske dienen. Beziehungsweise ist es die Eigenschaft jedes Körpers und jeder Form unter bestimmten Bedingungen eine Maske zu sein. Diese Eigenart macht sich der Teufel zunutze. Der Abgefallene verbirgt sich in den eigenen Eltern, in den Geschwistern oder sogar dem geliebten Partner. Zu einer anderen Zeit vielleicht in einer zufälligen Bekanntschaft oder einem Fremden. Für einen Augenblick ist sich der Besessene seiner Situation bewusst, empfindet sogar Lust dabei. Das ist nichts anderes als die Lust des Teufels an der Verwerflichkeit seines Wesens und seiner Existenz. Zieht er sich aus einer Form zurück – dies kann schnell und unvermittelt geschehen – schwindet in dem Gefäß auch das Bewusstsein und in den meisten Fällen auch die Erinnerung an die Situation. Es ist aber schon mehrfach beobachtet worden, dass ein wenig Eigenart des Abtrünnigen in einer einmal genutzten Hülle verbleibt. Anzeichen der Dämonisierung treten dann immer wieder in unterschiedlicher Intensität zu Tage. Um das Bild zu vervollständigen ist zu erwähnen, dass teils auch scheinbar unbelebte Objekte als Maske dienen können. Besonders eignen sich figürliche Darstellungen des Menschen, Fotografien und realistische Statuen und Reliefs. Hinweise auf einen solchen Vorgang sind unerklärliche Veränderungen der Darstellung, scheinbare Bewegung von abgebildeten Objektenund vereinzelt Lippenbewegungen eines abgebildeten Charakters und vernehmbare Sprache. Solche Vorfälle werden häufig im Zusammenhang mit moderner und postmoderner Kunst berichtet. Expressives, Absurdes, Skizzenhaftes und Surreales scheinen die Inbesitznahme durch den Teufel zu begünstigen.

Eine große Traurigkeit breitete sich in Elias aus, so dass er die Seite erneut markierte und das Buch ein wenig zu seiner Linken ablegte. Mit einem eindringlichen Geräusch wurde der Speisewagen geschlossen, in dem das Mittagessen der Patienten auf Station gebracht worden war, und dann den Flur entlang geschoben. Das Speisezimmer grenzte an einen mit Tischen und Stühlen versehenen Bereich, in dem sich die Patienten aufhalten und wenig sinnvollen Beschäftigungen nachgehen konnten. In Regalen stand eine erbärmliche Auswahl an Büchern bereit. Zusätzlich einige Brettspiele, Karten unterschiedlicher Machart und ein Schachbrett. In einem hölzernen Kästchen warteten Schachfiguren auf kundige Spieler. Drei schwarze und ein weißer Bauer waren aus Plastik geformt und kleiner als die restlichen Figuren. Und es gab zwei weiße Königinnen, von denen eine kunstvoll aus Speckstein herausgearbeitet worden war. Die Möblierung der Station war uneinheitlich. Viele der Möbel waren aus einem unschönen, gelblichen Holz. Nur wenige waren weiß gestrichen. Die Bezüge der Stühle und Bänke waren abgewetzt und nach ihrer Machart schon mehrere Jahrzehnte alt.

Der ältere Patient starrte auf seine Hände und erneut lief ihm eine Träne über eine Wange. Er war einige Momente still gewesen, setzte aber dann seinen Monolog fort: „Auch wenn Klimt noch dem 19. Jahrhundert verpflichtet ist, zeigt sein Werk schon Anzeichen von Dekadenz. Viele bemerken es nicht, aber seine Kunst hat einen großen Makel. Vielleicht sogar mehr als einen. Betrachtet man seine Portraits längere Zeit, ermüdet man schnell. Und ich sehe auch keinen Grund für den übermäßigen Einsatz von Gold.“

Der Blick des älteren Mannes gewann an Intensität. Er sah Elias sehr eindringlich an und sagte: „Und dann dieser Irrsinn, Vereinigungen und Künstlergruppen zu bilden. Nichts als Wichtigtuerei und Eitelkeiten. Welcher vernünftige Mensch verspürt das Verlangen Manifeste zu verfassen?“

Er stand ruckartig auf, wirkte kurz irritiert und hilflos und ging dann zur Kaffeemaschine. Er murmelte einige undeutliche Sätze, dann sagte er laut und deutlich: „Kann und will mich denn niemand verstehen?“. Nach kurzer Zeit kam er mit seiner Tasse zurück zu Elias. Mehrmals öffnete er den Mund, als wolle er sprechen. Nach einigen Momenten sagte er mit gesenkter Stimme und in einem vertrauensvollen Ton: „Ich habe noch ein viel wichtigeres Anliegen.“ Der ältere Mann forschte in Elias Gesicht nach einer Reaktion und fügte dann an: „Es ist mir etwas unangenehm.“ Während er seine Hände knetete sagte er: „Vielleicht kannst Du mir in dieser Sache helfen. Ich wüsste gerne was das hier für ein Ort ist. Wo bin ich hier?“

Es gelang Elias nicht, seine Überraschung zu verbergen. Ihm war klar gewesen, dass der ältere Mann Schwierigkeiten hatte, sich zu orientieren, aber seine völlige Hilflosigkeit schockierte Elias. Er hatte schon eine Weile nichts gesagt, weswegen es Elias Mühe bereitete seine Stimme zu finden. Schließlich antwortete er: „Du bist auf der Station C0West der Psychiatrie Ulmenau. Es ist eine geschlossene Station ausschließlich für Männer.“

Der ältere Patient nickte einige Male und sagte dann: „Eine Psychiatrie also.“

Elias erwiderte: „Eine Klinik für seelische Erkrankungen.“

Einige Momente herrschte Schweigen zwischen den beiden. Elias bemerkte, dass der Sonnenschein nachgelassen hatte und deutlich weniger Licht durch die Fenster drang. Außer dem älteren Mann und ihm saß noch ein Jüngling im Speisesaal. Er war schön anzusehen, schlank und hatte ausdrucksstarke Züge. Sein Gesicht wurde durch schwarze Locken gerahmt und auch seine Augen schienen beinahe schwarz. Nur bei genauerem Hinsehen bemerkte man das dunkle Braun der Iris. Er war erst an diesem Morgen eingewiesen worden, so dass Elias nichts über ihn wusste, noch nicht einmal seinen Namen kannte. Plötzlich wurde sich Elias bewusst, dass er den Namen des älteren Patienten kannte. Er hatte sich vorgestellt, als er auf die Station kam. Es war für Elias schmerzlich festzustellen, in was für einer schlechten Verfassung sein Gedächtnis war. Auch um seine Konzentration stand es nicht gut. Es fiel ihm schwer längere Zeit bei einer Sache zu bleiben.

Der ältere Patient suchte die Aufmerksamkeit seines Gegenübers und sagte: „Es ist mir sehr peinlich, aber ich kann mich nicht mehr an meinen Familiennamen erinnern.“

Elias antwortete: „Maigrün. Dein Familienname ist Maigrün.“

Der ältere Mann lachte auf und sagte: „Natürlich. Jakob Maigrün. Es hat mir immer gut gefallen, zu wissen, dass es eine Sorte Ölfarbe gibt, die meinen Nachnamen trägt.“

Die Szene war erneut düsterer geworden. Beinahe schwarze Wolken standen am Himmel und erste Regentropfen fielen. Der Jüngling, der etwas abseits saß, bewegte sich in seinem Stuhl und redete leise mit sich selbst. Jakob lachte einige Male. Er schien von einer großen Last befreit. Er trank seinen Kaffee, lachte erneut auf und sagte dann: „Ich erscheine verwirrter als ich bin. Natürlich kenne ich die Psychiatrie in Ulmenau. Ich war 22 Jahre alt, als ich hier zum ersten Mal Patient war.“

„Du hast noch nicht erzählt woran du leidest. Was wurde bei Dir diagnostiziert?“, fragte Elias.

Jakob antwortete: „Ich leide seit meinem 21. Lebensjahr an einer paranoiden Schizophrenie.“

Er trank seinen Kaffee aus, stellte die leere Tasse in die Spüle der Küchenzeile und setzte sich wieder an seinen Platz. Die Freude war aus seinem Gesicht gewichen und er senkte ein wenig den Kopf. Mit halblauter Stimme sagte er: „Das Leben eines Malers hätte mir gefallen. Aber die Erkrankung hat es nicht zugelassen.“

Jakob betrachtete seine Hände, drehte und wendete sie. Elias bemerkte ein starkes Zittern an Jakobs rechter Hand. Dieser nahm eine aufrechte Haltung an und sagte: „Meine motorischen Fähigkeiten haben im Lauf der Jahre sehr gelitten. Ich nehme seit mehr als 40 Jahren Antipsychotika. Und meine Konzentration ist nicht gut.“

Inzwischen prasselte Regen gegen die Fenster der Station und in unregelmäßigen Abständen zerrte der Wind an Fenstern und Türen. Dennoch drang ab und zu ein Sonnenstrahl durch die Regenwolken. Eine eigenartige Stimmung breitete sich im Speisesaal aus. In dem angrenzenden Aufenthaltsraum und dem Flur war gedämpftes Gespräch zu hören, selten von einem Lachen oder anderen Lautäußerungen unterbrochen.

Jakob fuhr fort: „Mir ist ein wenig, als würde ich aus einem Traum aufwachen. Ich kann noch nicht lange hier sein.“

Elias antwortete: „Vor zwei Tagen kamst du in Begleitung einer jungen Frau auf Station. Sie fiel mir durch ihr rot gelocktes Haar auf. Ihr hattet zwei Reisetaschen bei euch.“

„Emilia hat mich also hierher gebracht. Sie ist meine jüngste Tochter und diejenige, die es als Aufgabe sieht, sich um mich zu sorgen.“

Der Jüngling im Speisesaal wurde zunehmend unruhiger. Er sah sich im Saal um, rutschte auf seinem Stuhl hin und her und knetete seine Hände. Es war unmöglich zu erraten, was sich in ihm abspielte. Er seufzte, dann fiel er in sich zusammen und jammerte: „Nein. Nein. Nein. So soll es nicht sein.“

Jakob beobachtete den Mitpatienten ebenfalls, wandte sich dann wieder Elias zu und sagte mit klarer Stimme: „Ich erinnere mich. Es ging mir in den letzten Wochen immer schlechter. Zuletzt habe ich viel halluziniert und kam auf merkwürdige Ideen. Alles schien wie verwunschen. Das war wahrscheinlich der Grund für Emilia, mich hierher zu bringen.“

„Ich kann nicht sagen, dass es mir selbst in den letzten Tagen gut ging.“

Jakob spielte mit den Gegenständen, die auf dem Tisch vor ihm standen. Neben einem gebrauchten Glas standen zwei Portionen Kondensmilch und einige Bonbons lagen achtlos auf der Fläche verstreut. Der Regen hatte erneut an Intensität gewonnen, der Wind hatte sich ebenfalls verstärkt. Sogar Donnergrollen war in der Ferne zu hören.

Jakob zögerte, schien nach einer passenden Formulierung zu suchen und sagte dann: „Willst Du mir verraten, weswegen du hier bist? Ich kann es nicht erraten.“

Elias überkam eine große Scham. Er hatte sich noch nicht daran gewöhnt, als geisteskrank diagnostiziert zu sein. Er spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Er nahm verschiedene Positionen ein, fand aber keine, in der er sich wohlfühlte. Er griff nach seinen Lippen und zuckte unsicher mit den Schultern. Er war unschlüssig, was er Jakob preisgeben wollte.

Der Geruch nach Zitronen war inzwischen überdeutlich. Er irritierte Elias immer mehr. Es roch als hätte jemand pralle, reife Früchte direkt von einem Zitrusbaum gepflückte, sie vielleicht sogar angeschnitten und in der Mitte des Raumes platziert.

Sein Blick fand das Gemälde an einer Wand des Speisesaals. Der wolkenverhangene Himmel im Hintergrund hatte sich verändert. So unmöglich es schien, er war in stetiger Bewegung. Auch im Gemälde rüttelte der Wind an Bäumen und Sträuchern und fuhr deutlich sichtbar durch die Halme und Blumen der Wiese im Vordergrund. Einige Regentropfen liefen in der Gestalt dickflüssiger, blauer Ölfarbe an der Fläche herab, als wäre es eine Glasscheibe.

Jakob hatte die Veränderung ebenfalls bemerkt und sagte: „Aber es ist doch ein Gemälde - eine künstliche Schöpfung.“

Elias war von der Unmöglichkeit dessen, was er sah, völlig in Anspruch genommen. Der Spaziergänger in der Tiefe der Szene spannte einen Regenschirm auf und setzte seinen Spaziergang fort. Innerhalb weniger Augenblicke verschwand er aus der Szene. Dafür erschien inmitten der Wiese der Kopf einer schwarzen Katze, die vom Unwetter überrascht worden war. Sie huschte ebenfalls aus dem abgebildeten Ausschnitt. Inzwischen waren Regen und Wind noch stärker geworden. Beides zerrte an der Natur.

Innerhalb einiger Augenblicke verschwand der Eindruck, die Szene wäre eine Abbildung in Ölfarbe. Elias stand auf und ging einige Schritte auf das Gemälde zu. Einige Sekunden war es wieder eine gemalte Szene, die realistisch auf Sturm und Regen reagierte. Dann war der Eindruck verschwunden und es handelte sich um einen Ausblick durch ein Fenster. Einige Male wechselte das Objekt mit großer Geschwindigkeit zwischen Gemälde und Fenster.

Elias stand inzwischen direkt vor dem Fenster und sah nur noch ein Detail, das der Wirklichkeit widersprach. Der Rahmen des Fensters war noch geschwungenes, verziertes und weiß lackiertes Holz. Jakob war mit verwirrtem Blick und unschlüssiger Geste aufgestanden und sagte: „Aber wir haben es alle gesehen.“

Nach kurzem Zögern führte Elias die linke Hand zu dem Rahmen, berührte ihn aber nicht. Der Jüngling machte mit einem Schmerzenslaut auf sich aufmerksam. Er stand mit wildem Blick auf und schrie beinahe: „Nicht. Dann ist die schöne Illusion endgültig dahin.“

Doch noch bevor er den Satz vollendet hatte, griff Elias nach dem Rahmen. Er spürte kaltes, ebenes Plastik. Das Fenster umgab ein herkömmlicher, weißer Rahmen, wie er an allen Fenstern des Raums angebracht war. Auch das Format des Fensters hatte sich der Norm des Raumes angepasst. Der sichtbare Ausschnitt fügte sich nahtlos an die Sicht durch die anderen Fenster der gleichen Wand. Jakob stand mittlerweile direkt hinter Elias und veränderte immer wieder seinen Blickwinkel. Auch er griff nach dem Fensterrahmen und berührte die Glasscheibe des Fensters. Nach einiger Zeit ließ er von dem Fenster ab und bereitete sich erneut einen Kaffee zu. Während er mit der Kaffeemaschine hantierte sagte er: „Hätte ich Eure Reaktion nicht gesehen, ich würde glauben, ihr treibt ein Spiel mit einem älteren Mann. Es wäre nur eine unter vielen Halluzinationen.“

Elias saß bereits wieder an seinem Platz und betrachtete den roten Einband seines Buches aus allen Perspektiven. Es waren Gebrauchsspuren sichtbar, aber keine Beschädigungen. An einigen Stellen war das Rot des Einbands etwas heller und die Vorderseite machte den Eindruck, als hätte man das Buch längere Zeit in der Sonne liegen lassen. Elias öffnete das Buch und blätterte schnell durch die Seiten. Der Druck schien fehlerlos und er sah keinerlei Knicke oder andere Beschädigungen der Seiten. Die letzte bedruckte Seite zeigte die Seitenzahl 357.

Er erinnerte sich, auf welche kuriose Art und Weise er in den Besitz des Buches gekommen war. An einem Samstag stand er von Langeweile gequält vor einem der Regale der Station C0West und nahm die achtlos einsortierten Bücher in Augenschein. An den Wochenenden verbreitete sich eine eigentümliche Stimmung auf der Station. Es fanden keine Aktivitäten statt und ein Großteil der Patienten war zu Hause oder einem anderen Ort ihrer Wahl. Elias hatte alle vier Regale, die teils mit Büchern gefüllt waren, vor wenigen Tagen oberflächlich untersucht. Die meisten Titel waren alt, ihm völlig unbekannt und von minderer Qualität. Er hatte nach einem zufälligen Muster Abschnitte zahlloser Bücher gelesen und noch keines gefunden, das nähere Beschäftigung rechtfertigte.

Elias trat überrascht einen Schritt zurück. In der Zusammensetzung der Bücher hatte sich etwas verändert. Er entdeckte mühelos mehrere Klassiker von Hesse, Max Frisch und französischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Einige Philosophen waren ebenso vertreten, wie Theaterstücke von Sartre, Dürrenmatt, Sophokles, Virginia Wolf, Tennessee Williams und Brecht. Ohne sich über den Grund bewusst zu sein, griff Elias nach dem Titel „Eristische Dialektik“ von Arthur Schopenhauer. An den Einband war ein pfeilförmiger Zettel befestigt, auf dem Stand: „Schon so nahe… allzu nahe.“ Elias bemerkte eine weitere Markierung auf der Seite 19 des schmalen Buches. Auf diesem sinnlos, beinahe albern kleinen, rosa Zettel stand: „Es ist ein Ausgangspunkt.“ Und auf der gleichen Seite fand sich ein weiterer Hinweis. In sehr kleinen Buchstaben, mit einem Bleistift geschrieben, fand sich dort die Anmerkung: „1939 – 1945, Seite 51“

Aus einem an den Aufenthaltsraum angrenzenden Raum drang Gelächter an Elias Ohr. Zwei Patienten betraten die Szene und gingen mit eiligem Schritt in den Speisesaal. Kurz darauf war die Kaffeemaschine zu hören und die beiden führten ihr Gespräch fort.

Elias las den eben gefundenen Hinweis erneut. Vielleicht handelte es sich um einen Verweis auf ein anderes Buch. Zumindest sprach die Nennung einer Seitenzahl dafür. Aber Elias konnte kein Buch mit dem Titel „1939 – 1945“ finden. Er sah sich alle vorhandenen Titel mehrmals an. Dann fiel sein Blick auf einen Bildband mit dem Titel „Illustration des Grauens. Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg.“ Er holte das große und schwere Buch aus dem Regal. Ein großes Unbehagen überfiel ihn, als er durch die Seiten blätterte. Jede Fotografie illustrierte die Folgen unbegreiflicher Grausamkeit. Ausgezehrte Insassen standen an Zäunen aus Stacheldraht, nur notdürftig bekleidet und so mager, dass man kaum begreifen konnte, wie sie sich noch auf ihren Beinen halten konnten. Auf anderen Darstellungen waren Anhäufungen geschundener, lebloser Körper zu sehen. Kinder standen inmitten der abscheulichen Szene. Auf der Seite 51 war eine Kritzelei: „Wer überall ist, ist nirgendwo. Seite 102.“

Elias stellte den Bildband zurück, mit der festen Absicht, ihn nicht wieder anzurühren. Scheinbar war der Satz ein weiterer Hinweis auf ein Buch, aber Elias wurde nicht schlau daraus. Die Worte klangen vertraut, aber er konnte sie keiner Quelle zuschreiben. Einen Moment war er versucht, sich einer anderen Beschäftigung zuzuwenden. Dann erlebte er einen Moment der Klarheit. Er kannte die Worte tatsächlich. Es war ein Zitat von Seneca, das ihm vor Jahren in einer Abhandlung über die Geschichte der Philosophie begegnet war. Er brauchte nur einen Moment, dann hielt er das Buch mit dem Titel „Seneca – Leben und Werk“ in den Händen. Er blätterte schnell durch die Einordnung von Senecas Schriften und fand auf der Seite 102 des Werks einen weiteren Hinweis. Oberhalb des Textes stand in beinahe unlesbarer Schrift: „Ein Clown auf hoher See, Seite 21“

Erneut frustrierte Elias der vage Hinweis. Nach mehr als einer Minute angestrengten Nachdenkens, griff er nach einem Klassiker der fantastischen Literatur. Dann fiel ihm ein Titel auf, der in direkter Nähe zu dem ausgewählten Buch stand. Auf einem Einband, der bereits arg gelitten hatte, standen die Worte: „Das Narrenschiff“

Elias nahm das „Narrenschiff“ zur Hand und schlug die Seite 21 auf. Ein mittelalterlicher Holzschnitt zeigte eine ganze Reihe an Charakteren auf einem schmalen Segelschiff. Die Darstellung der Narren unterschied sich in Details, in der Kleidung und dem Alter der Figuren. Weitere Symbolgegenstände und Ausdruck variierten stark. Etwas abseits saß ein junger, außerordentlich schlanker Mann, der eine Narrenkappe mit Glöckchen trug. Er hielt eine Flöte in der Hand, spielte aber in dem skizzierten Moment nicht. Unterhalb dieser Illustration stand in Druckbuchstaben: „Lasur-Orange, Seite 63“

Dieses Rätsel war schnell gelöst. Elias fiel auf, dass nur ein einziges Buch einen orangen Einband aufwies. Es war „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire. Er nahm den Band aus dem Regal und studierte den Hinweis auf Seite 63. Er besagte: „Wer kann schon wissen, was Realität tatsächlich ist? Seite 18“

Ohne den genauen Grund zu kennen, nahm Elias das Manifest der Surrealisten zur Hand und suchte die Seite 18 heraus. In deutlicher Schrift stand hier in großen Buchstaben: „Er ist in der Matrjoschka.“

Aus dem Speisesaal drang aufgeregtes Gespräch, dann ein lautes Klirren. Es wurde geflucht und im nächsten Moment gelacht. Etwas musste zu Bruch gegangen sein.

Elias war verwirrt und einen Moment so in Gedanken, dass ihm nicht mehr klar war, was er gerade tat bzw. noch vor wenigen Augenblicken im Begriff war zu tun. Leise sagte er vor sich hin: „Er ist in der Matrjoschka. Aber was ist eine Matrjoschka?“

Plötzlich erinnerte er sich, was mit einer Matrjoschka gemeint sein musste. Und er sah, dass auf dem Regal eine solche russische Puppe einsam und vergessen stand. Er nahm schnell einen der Stühle, kletterte auf ihn und holte die hölzerne Puppe vom Regal. Er stellte den Stuhl wieder an seine Stelle und begann die Matrjoschka in ihre Hüllen zu zerlegen. Es war ein besonders schönes Exemplar und vielleicht sogar von Hand gefertigt. Als er die sechste Figur öffnete, fiel ihm keine weitere Puppe, sondern ein Schlüssel entgegen. Es war ein kupferfarbener, altmodisch gearbeiteter Schlüssel, der seinen Zweck nicht sofort verriet.

Elias lachte auf und trat erneut an das Regal. Unterhalb der Bücher befand sich eine Schublade ohne Griff. Nur ein Schlüsselloch war in der Mitte des Objekts angebracht. Elias führte den Schlüssel ein und drehte ihn nach Links. Dann öffnete er mit sanftem Druck die Schublade. Sie war beinahe leer. Ein kleiner Notizblock und ein beschädigter Kugelschreiber lagen neben zwei Würfeln unterschiedlicher Farbe. In der Tiefe der Schublade lag ein gebundenes Buch mit dem Titel: „Erscheinungsformen und Wege des Teufels“

Der Sturm hatte seinen Höhepunkt erreicht. Mehr als eine halbe Minute lang war heftiges Donnergrollen zu hören. Der Regen peitschte gegen die Fenster und der Wind fuhr mit großer Kraft durch die Vegetation. In großer Eile flüchteten Spaziergänger und Passanten in die Häuser des Klinikums. Ein durchdringender Doppelschlag war noch zu hören, dann ließ die Kraft des Unwetters deutlich nach. Der Regen hörte abrupt auf. Ein starker Wind trieb die dunklen, regenschwangeren Wolken schnell voran und damit aus der Szene. Der letzte Windstoß des Unwetters rüttelte an Bäumen und Sträuchern. Danach trat eine wunderliche Stille ein. Nach ein paar Minuten begann ein friedvoller, nur leicht prasselnder Regen. Der Himmel zeigte immer mehr blaue Stellen und immer wieder durchdrang Sonnenlicht die Wolken und tauchte die nasse Vegetation in ein traumhaftes Licht. Tausende Tropfen auf Gräsern, Blumen, Sträuchern, Gehölz und Bäumen glänzten dann wie goldene Perlen.

Jakob hatte seine Kaffeetasse zur Seite gestellt und war ganz in die Untersuchung der Fenster vertieft. Er berührte die Fensterrahmen an allen erdenklichen Stellen. Er klopfte gegen das Plastik und die gläsernen Flächen. Dann fixierte er ein Objekt in der Ferne und betrachtete es durch alle Fenster. Von Zeit zu Zeit trat er einige Schritte zurück, scheinbar um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann fiel ihm eine neue Art ein, den Realismus der Objekte zu überprüfen. Mehrmals forderte er Elias auf, ihm Details der Aussicht zu beschreiben. Er wollte wohl prüfen, ob ihre Wahrnehmung identisch war.

Jakob griff nach seiner Tasse und sah Elias verwirrt und fragend ins Gesicht. Von den beiden unbemerkt, war der Jüngling aufgestanden und stand jetzt nur drei Schritte hinter Elias. Elias wandte sich ihm zu. Er trug eine schwarze Hose und einen gestrickten, schwarzen Pullover, aus dem der Kragen eines schwarzen Hemdes herausragte. Der Kontrast zu seiner sehr hellen Haut war reizvoll. Er wiegte sich hin und her und murmelte mehrmals Sätze wie: „Jetzt ist es dahin.“ oder: „Endgültig dahin. Wer will es jetzt wiederfinden?“

Jakob bemerkte dies und sagte mit eindrücklicher Stimme: „Er hat es auch gesehen. Und ich habe noch nie von einer kollektiven Halluzination gehört.“

Der Jüngling bemerkte, dass von ihm gesprochen wurde, sah erst Jakob an und dann Elias ins Gesicht und sagte: „Natürlich habe ich es gesehen. Aber es gibt hier vieles zu sehen und meine Konzentration reicht kaum dafür aus.“

Sein Gesicht nahm einen leidenden Ausdruck an und er fuhr fort: „Man hat mir gesagt, dass ein Unterschied besteht, zwischen dem, was ich wahrnehme, und dem, was wirklich ist. Ich glaube es war keine Falschheit oder Bosheit in dieser Aussage. Nur bedeutet das, dass ich erlernen muss zu erkennen, was wirklich ist und was nur in meinem Geist geschieht.“

Während dieser Worte forschte Elias im Erscheinungsbild des Jünglings. Seine Züge waren weich und die Lippen ungewöhnlich rot. Die helle Haut kontrastierte mit den schwarzen Locken. Er hätte ein passendes Modell für einen Maler der Renaissance abgegeben. Ganz in den Anblick vertieft, wurde sich Elias bewusst, dass der Duft nach frischen Zitronen verschwunden war. Der etwas unangenehme Geruch eines beliebigen Speisesaals in einer beliebigen Klinik war zurückgekehrt.

Der Jüngling hatte vergeblich auf eine Antwort gewartet und sagte: „Anfangs dachte ich nur, ich wäre in eine ganz unbegreifliche, absurde und leider auch bedrohliche Sache verwickelt. Ich könnte es kaum erklären, da ich es noch nicht einmal ganz begreife. Dann bringt man mich an diesen Ort und erklärt mir, dass ich an einer Krankheit leide. Eine Krankheit, die mich verwirrt und mir irrsinnige Dinge vorgaukelt.“

Jakob hatte seine Untersuchungen beendet und war an die beiden herangetreten. Er stand nur einige Zentimeter hinter Elias und zupfte ihn an der Schulter. Er räusperte sich und sagte dann mit dringlicher Stimme: „Wir müssen nochmals über den Einfluss der Abstraktion auf Wahrnehmung und Bewusstsein im 20. Jahrhundert sprechen. Ich denke dabei besonders an den Blauen Reiter und die sogenannten Künstler in seinem Umfeld. Ganz sicher wird von Macke und Franz Marc zu sprechen sein.“

Der Jüngling blickte Elias mit trübem Ausdruck in die Augen und sagte: „Wenn nur das Fluchen und Zetern ein Ende nehmen würde. Ich höre es die ganze Zeit.“

Elias wurde sich plötzlich bewusst, dass in den Fluren und dem Aufenthaltsraum der Station aufgeregtes Gespräch zu hören war. Es hatte vor wenigen Minuten begonnen und steigerte sich seitdem stetig. Mehrere Männer- und Frauenstimmen riefen in großer Aufregung durcheinander. Immer wieder wurden zweistellige Zahlen gerufen und oft folgte eine emotionale Reaktion. Einige der Stimmen wirkten vertraut, aber Elias konnte sie weder Patienten, noch Pflegern oder Ärzten zuordnen. Es konnte sich nur um Besucher handeln. Elias zuckte mit der rechten Schulter und stellte fest: „Fluchen und Zetern kann ich nicht hören. Sie spielen ein Spiel, würde ich annehmen.“

„Ich höre nur beschämende Beleidigungen und üblen Spott.“, antwortete der Jüngling. „Und ich kenne diese Stimmen. Nur kann ich mir nicht erklären, weshalb man ihnen Zutritt zu dieser Station gewährt.“

Jakob hatte derweil einen neuen Monolog begonnen, in dem er sich mit Marianne von Werefkin und anderen Malerinnen unterschiedlicher Epochen und Stilrichtungen befasste. Er schritt dabei immer wieder einen kleinen Kreis ab. Manchmal blieb er stehen und machte eine übertriebene Geste.

Inzwischen war das Rufen auf der Station noch aufgeregter geworden. Mehrfach wurde die Zahl 21 genannt und Aufregung breitete sich hörbar aus. Das Spiel schien einem Höhepunkt entgegen zu streben. Neugier überfiel Elias und ihm kam eine Idee. Er nahm den Jüngling am Arm und zog ihn sanft in Richtung der Tür des Speisesaals. Dieser war verwirrt, folgte aber unschlüssig dem Drängen des Mitpatienten. Gerade als sie durch die Tür des Speisesaals schritten, verschwand das aufgeregte Rufen und Schreien. Elias blickte sich um. Sie standen im Zentrum der Station, gegenüber des Stationszimmers mit gläserner Tür und Wand. Zu beiden Seiten erstreckten sich parallele Flure, an die Zimmer angrenzten. Sanitär- und Wirtschaftsräume befanden sich im mittleren Teil der Flure. In einiger Entfernung öffnete ein junger Mann eine Tür und verschwand in seinem Raum. Ansonsten war niemand zu sehen. Scham und Verzweiflung überfluteten Elias. Ihm erging es nicht anders als Jakob oder dem Jüngling. Auch seine Wahrnehmung unterschied sich offensichtlich von dem, was man Realität nannte, was Wirklichkeit war.

Während er sich in Erwägungen und Hypothesen verlor, veränderte Elias seine Position, suchte in jedem Winkel der einsehbaren Flure nach Besuchern und versuchte sich die fehlerhafte Wahrnehmung zu erklären. Der Jüngling stand regungslos neben der Tür zum Speisesaal und sagte: „Diesen Versuch habe ich schon oft unternommen. Man hört sie in aller Deutlichkeit, aber wenn man nach der Quelle sucht, ist keine auffindbar.“

Er fiel in sich zusammen, ließ die Schultern hängen, suchte einen bequemen Stuhl und setzte sich. Dann sagte er: „Es wird nur kurz dauern, dann höre ich ihre Stimmen aus dem Speisesaal oder dem Stationszimmer, oder einem anderen Winkel, den ich nicht einsehen kann.“

Elias studierte sein Gegenüber. Dann fiel sein Blick auf die gerahmte Fotografie, die über dem Stuhl aufgehängt war, in den sich der Jüngling niedergelassen hatte. Sie geriet einen Moment in Bewegung. Elias trat näher heran und betrachtete das Motiv, das in schwarzweiß festgehalten war. Zwei Figuren standen vor einem altmodischen, stromlinienförmigen Automobil. Offensichtlich ein Luxusprodukt, wie man es vielleicht in den 1930ern für vermögende Kunden hergestellt hatte. Ein hochgewachsener, dunkelhäutiger Mann auf der linken Seite der Fotografie trug ein dunkles Livree und auffällige, weiße Handschuhe. Er zeigte eine ausdruckslose Miene und hielt einen weißen Schirm über die Person in der rechten Hälfte der Abbildung. Eine ältere Dame lächelte unverfroren in die Kamera. Sie trug den altmodischen Putz des späten 19. Jahrhunderts und hielt Pinsel und Palette in den Händen. Neben ihr stand eine Staffelei und darauf eine Leinwand, auf der sich einige skizzenhafte Striche fanden. Zu ihren Füßen und in einem geöffneten Holzkästchen lagen Hilfsmittel wie beispielsweise ein Lappen, Farbtuben und Terpentin in einem gläsernen Fläschchen.

Einige Momente war Elias ganz von der Fotografie in Anspruch genommen, dann fiel ihm auf, dass auch das nächstliegende gerahmte Bild einen alten Kontaktabzug zeigte. Er betrat einen Flur der Station und näherte sich dem gerahmten Foto. Es zeigte zwei schlanke Frauen in eleganter Kleidung. Sie standen in einer nicht näher definierbaren Naturszene und schützten sich beide mit Regenschirmen vor der Sonneneinstrahlung, die die Szene erfüllte. Zwischen den Frauen stand ein Kind in der absurden Aufmachung eines Matrosen. Es lächelte unsicher in die Kamera und hielt ihr einen Pilz entgegen, den es nur wenige Momente zuvor gefunden haben musste.

Elias eilte zum nächsten Rahmen in der Tiefe des Flurs und fand erneut ein schwarzweißes Foto. Vor einer Treppe, die zu einer schweren Tür führte, stand eine Gruppe von hübsch anzusehenden Menschen. Es war eine städtische Szene. Es gab aber keinen Hinweis, um welche Stadt es sich handelte. Die Abgebildeten trugen geschmackvolle Kleidung im Stil der 50er-Jahre, die Männer Hüte und die Frauen abstrakte Konstrukte auf ihren komplizierten Frisuren. Zwei Pärchen schmiegten sich aneinander und ein älterer, weißhaariger Mann stand ein wenig abseits. Eine große Traurigkeit war in seinem Gesicht zu sehen. Sie alle hielten Regenschirme in den Händen. Regen tropfte an allen Details der Fotografie herab.

Auf der nächsten Fotografie standen die Artisten eines altmodischen Zirkus. Sie trugen absurde, teils eng anliegend Kostüme. Zwei Clowns mit aufgeblähten, fantasievoll gestalteten Kostümen waren vertreten, ebenso wie eine schlanke, kleine Frau in einem eng anliegenden Anzug. Zusätzlich ein Feuerschlucker und ein Mann mit ausgeprägten Muskeln. Am rechten Rand der Gruppe stand eine korpulente Frau mit einem gepflegtem Bart und in der Mitte stand ein recht kleiner Mann in einer Fantasieuniform. Nach Elias Zählung waren es sieben abgebildete Personen. Jeder Einzelne hielt einen Regenschirm über sich. Undeutlich war im Hintergrund ein Elefant zu sehen.

In tiefer Verwirrung blieb Elias vor der Fotografie stehen. Obwohl er schon einige Tage auf der Station C0West verbracht hatte, hatte er den gerahmten Abbildungen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Er suchte in seinen Erinnerungen, ob die Fotografien bereits zu einem früheren Zeitpunkt an den Wänden hingen. Er löste sich von der Zirkusszene und lief den Flur entlang. Er fand drei weitere schwarzweiße Fotos mittleren Formats in schwarzen Holzrahmen. Dann wendete er sich den anderen Fluren der Station zu. Insgesamt hingen beinahe 20 Fotos an den Wänden. Sie alle zeigten Momente längst vergangener Zeiten. Manche Szenen waren offensichtlich inszeniert, andere wirkten wie spontane Aufnahmen. Es fand sich kein Portrait einer einzelnen Person und auch Gruppen von 4, 6, 8, 9 oder 10 Personen fehlten völlig. Jede abgebildete Figur hielt einen Regenschirm über sich. Auch in absurden Situationen, wie beispielsweise in einem Saal sitzend, vor einem reich gedeckten Tisch oder beim morgendlichen Ankleiden in einer düsteren Kammer. Insgesamt zählte Elias 19 schwarzweiße Fotos.

Er kehrte zu dem Ausgangspunkt seiner Entdeckung zurück. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Ausdruck der Zirkusartisten. Einige schienen euphorisch, andere erschreckt oder ertappt. Nur der muskulöse Mann und der Direktor im Zentrum des Kontaktabzugs zeigten Selbstsicherheit und eine ungerichtete Aggressivität.

Elias ging einige Schritte weiter und betrachtete die folgende Fotografie. Sie zeigte die Backsteinmauer eines beliebigen Gebäudes einer nicht näher definierten Stadt. Im Fokus der Abbildung waren drei horizontale Reihen zu je 4 Fenstern, die bis auf eines in der rechten, oberen Ecke geöffnet waren. 5 Frauen stützten sich auf die Fensterrahmen und reckten ihren Oberkörper und das Gesicht ins Freie. 3 Männer und 2 Kinder, deren Geschlecht nicht genau zu bestimmen war, taten es ihnen gleich. Alle trugen eine Form von Maske und hielten einen Regenschirm über sich. Die Masken unterschieden sich deutlich in Größe, Form und Ausgestaltung. Manche hätte man im venezianischen Karneval finden können, andere waren von minderer Qualität und sehr gewöhnlich in ihrer Ausführung. Alle Abgebildeten zeigten ein Lächeln. Aber nicht jedes davon schient echt, manches sogar ablehnend und bedrohlich. Dann fiel Elias Blick auf eines der Fenster in der obersten Reihe. Hinter der Frau mit dunklem Haar und einer beinahe schwarzen, schmalen Maske stand eine nur undeutlich festgehaltene Figur. Sie trug eine Pestmaske und einen dunklen Hut. Dies bedeutete, dass sich im Motiv 11 statt der oberflächlich erkennbaren 10 Menschen befanden.

Noch in die Fotografie vertieft, bemerkte Elias, dass sich eine der Zimmertüren in seiner Nähe geöffnet hatte. Marschmusik drang aus dem Raum. Die Aufnahme klang jedoch sehr blechern und rauschte stark. Etwas aus rotem Stoff war durch die halb geöffnete Tür zu sehen. Dann wurde die Tür schnell und kräftig geschlossen.

2

Johann, ein stämmiger Mann in den 50ern, und Lorenz saßen sich an einem langen Tisch im zentralen Raum von C0West gegenüber. Johann trug eine schlichte weiße Hose und ein beinahe weißes Shirt, das einmal mit einem Aufdruck verziert gewesen sein musste. Inzwischen war er jedoch bis zur Unleserlichkeit ausgeblichen. Der massige Bauch füllte das T-Shirt und auch Arme und Beine waren stämmig und plump. Johanns runder, kahl rasierter Kopf saß auf einem kurzen Hals und wirkte unproportional klein.

Lorenz trug ein blaues Trikot der New York Knicks mit der aufgedruckten Nummer 51. Er war von hagerer Gestalt, sehr viel jünger als Johann und trug einen dichten, dunklen Bart zu halblangen, ein wenig ungepflegten Haaren. Auf einem der leeren Stühle zu Lorenz Rechten lag eine blaue Kappe, die ebenfalls das Logo der New York Knicks zeigte.

Zwischen Johann und Lorenz stand das Schachbrett der Station und darauf eine Partie, die beide vor mehr als einer Stunde begonnen hatten. Elias stütze sich mit der rechten Hand auf den Tisch, direkt hinter Johann stehend, und sah ihm über die Schulter. Lorenz hatte schon einige Figuren eingebüßt, verfügte aber noch über seine Dame, zwei Springer, einen Turm und eine kleine Anzahl an Bauern. Johanns Situation war deutlich besser, aber er schien keine offensichtliche Möglichkeit zu finden, seinen Gegner schachmatt zu setzen. Johann war seit mehr als drei Minuten am Zug und berührte immer wieder einen Turm, eine Dame und einen Springer. Elias hatte inzwischen eine Möglichkeit gefunden, Lorenz innerhalb von 7 Zügen zu schlagen, wenn dieser nur eine einzige Unachtsamkeit beging.

Johann gab ein frustriertes Stöhnen von sich, wendete sich Elias zu und sagte: „Klug genug, es zu beenden, bin ich nicht.“

Lorenz rückte seine überdimensionale, mit einem schmalen Metallrahmen versehen Brille zurecht. Er kreiste mit der Hand über den Schachfiguren und sagte: „Reinste Agonie. Es ist ein Todeskampf in der letzten Viertelstunde.“

Elias nickte und Lorenz fuhr fort: „Er hat schon zwei Gelegenheiten verpasst, mich schachmatt zu setzen.“

Etwas regte sich in Johann. Mit einer hektischen Bewegung nahm er einen Springer und schob ihn an eine neue Position. Er bedrohte nun die Dame seines Gegners und setzte zugleich seinen König schach.

Lorenz seufzte. Er nahm die weiße Kappe neben sich zur Hand und setzte sie schief auf seinen Kopf. Sie hatte die gleiche Farbe und Machart seines Trikots. Elias war irritiert und fragte sich, ob das Trikot nicht noch vor wenigen Sekunden blau gewesen war. Auch die Kappe erregte seinen Argwohn. Etwas an ihr hatte sich unnatürlich verändert.

Johann zeigte ein Lächeln und sagte: „Schach.“

Lorenz erwiderte: „Das habe ich tatsächlich nicht gesehen.“ Er rieb sich die Stirn, nahm dann die Dame und schlug den Springer, der seinen König bedrohte. Sogleich schlug Johann die Dame mit einem Bauern. Er schien mit dieser Entwicklung sehr zufrieden und betrachtete die Spielfigur in seiner Hand. Lorenz nahm die Kappe vom Kopf, fuhr sich mit der Hand durch das wirre Haar und sagte erneut: „Das habe ich schlicht nicht gesehen. Und jetzt ist meine Dame dahin.“

Johann betrachtete in aller Ausführlichkeit die schwarze Dame in seiner Hand und wendete sich an Elias: „Vielleicht interessiert dich das.“

Er streckte Elias die Figur entgegen und sagte: „Sieh Dir die Krone an, die sie trägt. Sie ist nicht nur ungewöhnlich geformt, wie man annehmen könnte. Es ist eine Tiara, wie sie die Päpste tragen. Eine Papstkrone. Du siehst vor dir eine dunkelhäutige Päpstin.“

Elias nahm die Spielfigur aus seiner Hand und betrachtete ihre Krone. Sie hatte tatsächlich Form und Struktur einer sogenannten Tiara, einer päpstlichen Krone. Elias ging zwei Schritte zu seinem Stuhl, stellte die schwarze Dame auf den Tisch und setzte sich. Regen prasselte wieder gegen die Fenster der Station. Seit mehreren Stunden folgten kurze Schauer auf Sonnenschein. C0West schien an diesem Tag sehr geschäftig. Patienten und Besucher gingen ihren Beschäftigungen nach und Elias hatte sogar einen Pfleger und in seiner Begleitung eine Ärztin gesehen. Ein sehr kontaktscheuer junger Mann, den Elias kurz nach seiner Einlieferung kennengelernt hatte, war entlassen worden. Er hatte sich wortreich und sehr einfühlsam verabschiedet und damit Elias und die anderen Patienten in Erstaunen versetzt.

Elias öffnete das Buch „Erscheinungsformen und Wege des Teufels“ auf der Seite 57, legte die Postkarte zur Seite und setzte seine Lektüre fort.

Im weiteren Verlauf werde ich den Begriff der Schönheit verwenden, wie er alltäglich und intuitiv gebraucht wird. Eine genauere Definition scheint mir nicht notwendig.

Warum ist die Schönheit des Teufels wichtig? Welche Auswirkungen hat diese Eigenschaft?

Schönheit schafft Sympathie. Wir schreiben schönen Menschen positive Eigenschaften zu und sind schneller bereit uns für sie einzusetzen. Schönheit wirkt anziehend und überzeugend. Schönheit kann täuschen und verführen. Auch weil die Idee der Schönheit mit der Idee der Wahrheit verknüpft ist. Schönes erscheint wahr und die Wahrheit schön. Außerdem liegt auch in der Lüge, der Verkehrung aller Dinge, ein besonderer Reiz. Wer beeinflussen möchte, sollte sich bemühen, schön zu erscheinen. Es gibt in unserer postmodernen Kultur zahllose Beispiele, die dies illustrieren. Eine reizvolle Hülle ist also auch für den Teufel empfehlenswert.

Aber Schönheit ist auch eine abstrakte Eigenschaft, die mit dem Bild des Teufels schon immer verknüpft war. Sie war ihm vor dem Abfall von Gott eigen und ist damit mehr als nützliches Werkzeug. Durch die Verneinung Gottes und andere Taten wurde sie verwandelt, aber nicht getilgt. Lust, Sünde, Enthemmung, Verrat, Täuschung und unmäßige Eigenliebe haben einen eigentümlichen Reiz. Sie spiegeln unerfüllte Wünsche, verdrängte Neigungen und eine Haltung dem Leben gegenüber, die keinerlei Grenzen und Regeln kennt.

Welche Formen und Darstellungen des Teufels kennen wir?

Neben dem gefallenen Engel wird er oft durch einen verderbten Menschen dargestellt. Als Satyr trägt er Zotteln und Hörner und hat teils den Unterleib eines Tieres. Manchmal ist er ein Menschen verschlingendes Monstrum, zu anderen Zeiten eine gehörnte Ziege. Schwanz, Hörner, Dreizack und pervertierte Flügel sind herkömmliche Symbole. Der Gesichtsausdruck der Darstellung zeugt oft von Rausch oder Vergiftung. Auch aus alten Kulturen, wie beispielsweise dem persischen Reich, und östlichen Religionen kennen wir Darstellungen des Teufels.

Die bärtige, gehörnte Ziege findet sich in zahlreichen medialen Produkten, die in unserer Zeit unser Denken prägen. Eigenheiten der Figur oder das angedeutete Gesamte zieht uns nach wie vor an. Die Versuche dem Teufel Hässlichkeit aufzuprägen, waren zahlreich und nicht immer erfolgreich. Der Abtrünnige transzendiert alle Hässlichkeit und behält seinen Reiz.

Die Hässlichkeit des Teufels werden wir an anderer Stelle erforschen.

Lorenz war an Elias herangetreten und griff nach der schwarzen Königin. Er hielt einen Moment inne, dann nahm er das rote Buch aus Elias Händen. Es faszinierte ihn sichtlich und er sagte: „Zuletzt ist es ihm doch noch gelungen mich Schachmatt zu setzen.“

Währenddessen vervollständigte Johann die Aufstellung der Schachfiguren vor ihm. Scheinbar hatten sie sich auf eine zweite Partie geeinigt und zugleich die Farben getauscht. Johann schnaufte ab und zu, als würde sogar diese Tätigkeit ihm Mühe bereiten. Er wog seinen massigen Bauch hin und her. Manchmal schaute er vom Schachbrett auf und musterte seine Umgebung, insbesondere die anderen Patienten. Nach einigen Augenblicken fehlte nur noch die schwarze Königin. Johann drehte sich Elias und Lorenz zu. Derweil klappte Lorenz das rot gebundene Buch zu und las den Titel. Er verrückte die schwarze, mit dem Logo der New York Knicks versehene Kappe auf seinem Kopf und sagte: „Johann, sieh Dir an, was Elias liest.“

Er sah Johann lange ins Gesicht und fügte an: „Erscheinungsformen und Wege des Teufels. Ich wusste nicht, dass solche Werke auf dieser Station toleriert werden.“

Dann wendete er sich wieder Elias zu. Dieser nahm ihm das Buch aus der Hand und sagte: „Ich habe es in einem Moment der Langeweile auf dieser Station gefunden. Ich hege kein krankhaftes Interesse am Teufel, Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er existiert.“

Lorenz antwortete mitfühlend: „Du leidest an einer floriden Psychose. Das ist nicht die Literatur, die ich Dir empfehlen würde.“

„Ich hatte selbst meine Zweifel. Ich fürchtete die beschriebenen Bildwelten könnten mich beeinflussen, in meine Gedankenwelt eindringen. Aber ich kann es nicht mehr für lange Zeit zur Seite legen. Und es bietet mir Zerstreuung. Und Zerstreuung bedeutet Trost.“

Lorenz nickte, setzte sich wieder Johann gegenüber und stellte die schwarze Königin an ihren Platz.

Der Wind hatte die noch vor wenigen Minuten dichten Wolken vertrieben und die Sonne brach hindurch. Ein intensives, gelbliches Licht flutete durch die Station. In Elias Sichtfeld schob ein Mann mittleren Alters einen eisernen Wagen vor sich her. Er trug einen orangen Arbeitsoverall, hatte eine deutlich sichtbare Glatze und machte einen eher plumpen Eindruck. Er scherzte mit einer Pflegerin, die eilig die Station verließ und kehrte dann zu seiner Aufgabe zurück. Er nahm nach und nach alle gerahmten, schwarzweißen Fotografien von den Wänden und stapelte sie auf einem stichig grün gestrichenen Metallwagen.

In diesem Augenblick öffnete Jakob die Tür seines Zimmers, trat in den Flur und ging eiligen Schrittes auf Elias zu. Unter einem Arm trug er einige Bücher, die er neben Elias anordnete. Er wirkte vergnügt und sagte: „Es gibt noch einige Zusammenhänge zu erforschen. Du hast einen wachen Geist und niemand scheint mir geeigneter, mir behilflich zu sein.“

Jakob forschte in Elias Ausdruck. Dieser deutete auf sein Buch und antwortete: „Meine Lektüre nimmt mich ganz in Anspruch.“

Jakobs Blick verdüsterte sich. Er veränderte die Anordnung der Bücher und sagte: „Ich schaffe es nicht allein, Ordnung in all das zu bringen.“

Elias sah sich die Titel der teils stark gealterten Bücher genauer an. Es fanden sich Werke wie Phantastik in Wort und Bild, Spannungsfeld Renaissance und Postmoderne, Imagination und Projektion, Wie werde ich ein Surrealist? und Hieronymus Bosch im Detail. Mehrere der Titel mussten bereits ein bewegtes Leben hinter sich haben, wenn man ihren Zustand genau betrachtete.

Jakob fuhr nach wenigen Augenblick fort: „Vielleicht finden wir auch Beispiele für das Thema deines Buches. Das Dämonisierte war schon immer ein Gegenstand der Kunst.“

Er trat noch näher an Elias heran und sagte halblaut: „Von den modernen Kunstschaffenden sind mir die Surrealisten die Liebsten. Es steckt ein Fünkchen Wahrheit in einem bedacht angefertigten Surrealismus.“

Johann und Lorenz lachten mehrmals. Sie stritten darüber, welche Eröffnung die Aussichtsreichste wäre und was aus der letzten Partie zu lernen sei. Sie beleidigten sich im Scherz. Zuletzt ging es darum, wer die derbste Beleidigung ausstoßen konnte.

An Jakobs Wange lief eine Träne hinab. Er hatte die Schachspieler für einen Moment beobachtet, wandte sich dann wieder Elias zu und sagte: „Es geht mir nicht gut. Ich halluziniere viel und habe den Eindruck, meine Medikamente wirken nicht wie gewünscht.“

Er sank ein wenig in sich zusammen und fügte an: „In meinem Kopf ist so viel Lärmen und Schreien. Die ganze Zeit Häme und Spott.“

In diesem Moment geschahen viele Dinge gleichzeitig. Dem Mann im orangen Overall fiel ein Rahmen aus der Hand. Das Glas klirrte und brach. Aus einem der Zimmer drang ein Schrei und heftiges Fluchen. Ein Patient, der vor einem der Regale der Station stand, ließ ein geöffnetes Brettspiel fallen. Spielfiguren, Karten und Würfel verteilten sich vor ihm auf dem Linoleum. Die Tür des Raucherzimmers wurde mit großer Gewalt zugeworfen. Aus dem Speisesaal drang aufgeregtes Rufen. Verschiedene Stimmen riefen Zahlenreihen und erfreuten sich an Hektik und Unvorhersehbarkeit eines Spiels.

Jakob griff Elias an der Schulter und fragte eindringlich: „Hast Du in den letzten 2 Tagen einen Pfleger oder eine Ärztin gesehen?“

Elias schüttelte den Kopf und erwiderte: „Wenn, dann nur aus der Ferne.“

„Ich finde den Namen meiner Ärztin nicht mehr in meinem Gedächtnis. Er ist wie ausgelöscht. Und meine Situation ist verzweifelt.“

„Es gibt nur zwei Ärztinnen auf dieser Station. Zumindest sind mir ansonsten keine begegnet. Leider erinnere ich mich nicht an ihre Namen.“

„Was nützt mir ein Name, wenn es mir nicht gelingt, diejenige zu sprechen?“

Elias bemerkte, dass Johann und Lorenz ihr Spiel unterbrochen und sich ihnen zugewandt hatten. Johann machte den Versuch etwas zu sagen, wurde aber von Lorenz unterbrochen und mit einer schnellen Geste zum Schweigen gebracht. Lorenz hantierte mit seiner Kappe und legte sie schließlich auf den Stuhl neben sich. Jakob schien unbeeindruckt und sagte: „Wenn ich darüber nachdenke… Ich habe schon lange keine Frau mehr gesehen. Und wenn war der Moment sehr flüchtig.“

Er machte eine vielsagende Geste und fuhr fort: „Es war immer eine Wohltat in der Nähe – vielleicht sogar in der Gesellschaft – einer Frau zu sein. Insbesondere wenn sie schön anzusehen war. Besonders gefiel es mir, wenn sie noch jung waren, sich ihre Schönheit gerade entfaltete.“

Er richtete sich ein wenig auf, griff nach dem Buch „Phantastik in Wort und Bild“ und sagte: „Hier ist eine Referenz zu diesem Thema. Das Kapitel nennt sich: „Traum, Erotik und das Problem der Frau“ Ich habe es bisher nur einmal überflogen.“

Auf einen besonderen Reiz hin, den Elias nicht genau benennen konnte, erinnerte er sich, wie er einen seiner letzten Tage vor der Einweisung in die Psychiatrie verbracht hatte.

„Das Ereignis selbst war… Es war ein ganz herkömmliches Ereignis. Es hätte kein Aufsehen erregt, wären nicht die Begleitumstände so kurios gewesen. Ich würde sagen bizarr.“, dröhnte es aus dem Radio. Elias schaltete das Gerät entnervt aus. Es hatte einen Defekt und änderte die Lautstärke sprunghaft und ohne Einwirkung des Hörers. Mal wurde es unhörbar leise, mal unerträglich laut. Außerdem hatte der Moderator der laufenden Sendung mehrmals seinen Namen in das Gespräch eingeflochten. Einmal hatte Elias sogar seinen vollen Namen gehört: Elias Jakobus Wendelin.

Elias legte angewidert das angebissene Honigbrot auf den Teller vor sich. Er ernährte sich schon seit mehr als einer Woche ausschließlich von dunklem Brot, Marmelade und Honig. Sogar für Butter fehlte ihm das nötige Geld. Er hatte sehr unruhig geschlafen, tatsächlich kaum tiefe Ruhe gefunden. Er war gegen 5 Uhr morgens in einen leichten Schlaf gefallen, aber bereits um 7 Uhr wieder aufgewacht. In den Nachtstunden hatte er an einigen architektonischen Zeichnungen gearbeitet, war aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Sie lagen größtenteils unfertig auf seinem Arbeitstisch neben den hohen Fenstern der Altbauwohnung. Daneben standen achtlos übereinander gestapelt alte Modelle aus Pappe, Holz, Styropor und anderen Materialien. Viele stammten aus der Zeit, als Elias noch Architektur studierte. Seine anfängliche Euphorie war groß gewesen und hatte ihn einige Wochen getragen. Nach einigen Monaten stellte sich eine Erschöpfung ein, die Elias dazu zwang, das Studium abzubrechen. Seitdem lebte er in bitterer Armut, fand keine angemessene Tätigkeit, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Elias trank seinen Kaffee aus, brachte die Tasse und den Teller mit dem übrig gelassenen Frühstück in die Küche und legte beides in die Spüle. Er ging in den Flur und nahm seine lange Lederjacke von der Garderobe. Dann kehrte er in das Wohn- und Schlafzimmer zurück. Sein altmodischer Wecker zeigte die Uhrzeit 9:03. Die Stadtbibliothek würde in weniger als einer Stunde ihre Türen öffnen und ein ausgedehnter Spaziergang schien Elias eine gute Idee. Er trat zu seinem Arbeitstisch und begutachtete die Ergebnisse der letzten Nacht. Es waren Variationen, Vereinfachungen und Abwandlungen von Formen, die man in der Natur fand. Beispielsweise den Windungen von Schneckenhäusern oder der Form von Muscheln. Immer wieder fand sich der goldene Schnitt in diesen natürlichen Schöpfungen. Elias untersuchte schon beinahe zwanghaft das Auftreten des goldenen Schnitts und welche Anwendungsmöglichkeiten sich in der Architektur finden ließen.

Er wandte sich den Fenstern zu. Auf der Straße herrschte eine alltägliche Hektik. Passanten strebten unbekannten Zielen entgegen, verschwanden in einem Treppenhaus, das zu einer Ubahn-Station führte oder in dem Café „Tatzelwurm“. Einige Lieferwagen und gewöhnliche PKWs waren unterwegs, Eine junge Frau in dunkler Kleidung suchte etwas in ihrer Handtasche. Elias konnte niemanden entdecken, der seinen Argwohn erregte. Niemand beobachtete die Straßenecke oder das Haus, in dem er wohnte. Er traf letzte Vorbereitungen und verließ die Wohnung.

Eine Viertelstunde später betrat er den Stadtpark Ost. Elias zog seine Jacke enger und stellte die Schultern auf, um sich gegen den kalten Wind zu schützen. Die Vegetation war von nächtlichem Regen noch nass. Der modrige Geruch von nassem Laub, Borke und Gras lag in der Luft. Es war Anfang März und der Frühling versuchte einen besonders kalten Winter zu verdrängen.

Der Weg, dem er folgte, führte in Windungen durch eine Baumgruppe besonders alter und stämmiger Eichen. Im Geäst saß eine Krähe und rief mit kehliger Stimme. Elias verlangsamte seinen Schritt und betrachtete die Bäume näher. In alten Wunden und Verwachsungen der Bäume formten sich Gesichter mit teils grotesken Zügen, langen, gekrümmten Nasen, ausgeprägten Wangen und übergroßen, starren Augen. Sie schienen einer