Elfenrache - Julia Fränkle - E-Book

Elfenrache E-Book

Julia Fränkle

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Beschreibung

Der hart erkämpfte Frieden zwischen Menschen und Elfen erscheint brüchiger denn je, denn die Schreckensherrschaft des Menschenkönigs Thakeno dient einem einzigen Zweck: mit Hilfe dunkler Elementenmagie die Herrschaft über ganz Lethain an sich zu reißen. Um Beweise für Thakenos gefährliche Machenschaften zu finden, reist der elfische Assassine Reïfalas im Auftrag der Feuerelfen in die Königsstadt. Dort trifft er auf keinen Geringeren als Leyunar, einen der mächtigsten Luftmagier und persönlichen Lustdiener seines Fürsten. Wie viel Vertrauen kann Reïfalas diesem angeblichen Verbündeten schenken, der innerhalb kürzester Zeit zum engsten Vertrauten Thakenos aufgestiegen ist? Ein Bündnis zwischen Luftelfen und Menschen könnte einen erneuten Krieg bedeuten, der das Gleichgewicht der Elemente in seinen Grundfesten erschüttern würde. Doch trotz allen Misstrauens kann Reïfalas Leyunars Anziehungskraft nicht lange widerstehen – obwohl er weiß, dass sich Feuer und Luft niemals zu nahe kommen sollten.

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Inhalt
Impressum
Was bisher geschah
I. Von Opium und Drachenflügeln
II. Von Trugbildern und anderen Sinnverwirrungen
III. Delûwans Muse
Intermezzo – Bastardkind
IV. Von Heiratsplänen und Todesfällen
Intermezzo – Auf den Pfaden der Welten
V. Die Hure mit den Katzenaugen
VI. Von Sturm und Gestein
VII. Auf den Stadtmauern
VIII. Von Verbündeten und Verrätern
IX. Gestank und andere Unannehmlichkeiten
X. Von Blut und Scham
XI. Elfenintrigen
XII. Geständnisse und Geheimnisse
XIII. Alte Wunden
XIV. Fürstentreue
XV. Eine Frage des Preises
XVI. Geschändet
Intermezzo – Entfesselt
XVII. Bittere Schmach
XVIII. Über Schuld und die Kunst, diese abzutragen
XIX. Gejagt
XX. Von Verrätern und Verratenen
Intermezzo – Auf Geheiß des Königs
XXI. Delûwans Hure
XXII. Von Treppenstürzen und nackten Prinzen
XXIII. Opfergabe
XXIV. Traue niemals einem Ildýr
XXV. Entscheidungen und Zweifel
XXVI. Falkenschreie
Intermezzo – Rechtfertigung
XXVII. Vorboten
XXVIII. Die Hinterbliebenen
XXIX. Feuer in der Königsstadt
XXX. Von Irrtümern und falschen Entscheidungen
XXXI. Von den unterschiedlichen Arten zu sterben
Intermezzo – Kapitulation
XXXII. Die Farben von Blut und Tränen
XXXIII. Flammen im Wind
XXXIV. Asche und Schuld
Epilog
Danksagung
Glossar
Über die Autorin und weitere Werke
Leseprobe »Elfendiener«
Leseprobe »Sheltered in blue«

 

Elfenrache – Flammen im Wind

 

Ein Roman von Julia Fränkle

Inhalt

 

Der hart erkämpfte Frieden zwischen Menschen und Elfen erscheint brüchiger denn je, denn die Schreckensherrschaft des Menschenkönigs Thakeno dient einem einzigen Zweck: mit Hilfe dunkler Elementenmagie die Herrschaft über ganz Lethain an sich zu reißen.

Um Beweise für Thakenos gefährliche Machenschaften zu finden, reist der elfische Assassine Reïfalas im Auftrag der Feuerelfen in die Königsstadt. Dort trifft er auf keinen Geringeren als Leyunar, einen der mächtigsten Luftmagier und persönlichen Lustdiener seines Fürsten. Wie viel Vertrauen kann Reïfalas diesem angeblichen Verbündeten schenken, der innerhalb kürzester Zeit zum engsten Vertrauten Thakenos aufgestiegen ist?

Ein Bündnis zwischen Luftelfen und Menschen könnte einen erneuten Krieg bedeuten, der das Gleichgewicht der Elemente in seinen Grundfesten erschüttern würde. Doch trotz allen Misstrauens kann Reïfalas Leyunars Anziehungskraft nicht lange widerstehen – obwohl er weiß, dass sich Feuer und Luft niemals zu nahe kommen sollten.

Impressum

 

Copyright © 2018 Julia Fränkle

 

Julia Fränkle-Cholewa

Zwerchweg 54

75305 Neuenbürg

[email protected]

www.juliafraenkle.net

 

Lektorat: Natalie Anders

 

Covergestaltung:

Irene Repp/www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© bint87/fotolia.com

© Fotokostic/shutterstock.com

© smash338/shutterstock.com

Was bisher geschah

 

»Elfenrache« spielt rund sechs Jahre nach dem Zweiteiler »Elfendiener«, kann jedoch unabhängig davon gelesen werden. Für Interessierte sei hier dennoch die Handlung der beiden Vorgängerbände kurz umrissen.

Elfendiener – Der Krieger und die Mätresse:

 

Von jeher sah König Thakeno III. die Unsterblichkeit als ein Mittel an, die Herrschaft des Menschengeschlechts zu sichern. Daher lud er Abgesandte der Erdelfen in seine Königsstadt ein, in der Hoffnung, durch geschicktes Intrigenspiel und Schmeicheleien das Geheimnis um die Unsterblichkeit der Elfenvölker zu lüften.

Aethel, Prinz der Erdelfen, und sein bester Freund Ranvé reisten auf Geheiß ihres Fürsten nach Boatná. Dort landeten sie mitten in den Verwirrungen des Königshofes.

Thakeno versuchte nicht nur, das Rätsel der Unsterblichkeit zu lösen, sondern strebte aus Liebe zu seiner Mätresse Saihra die Scheidung von seiner Ehefrau, Königin Kaia I., an. Zu Thakenos Verdruss hüllten sich Aethel und Ranvé in Schweigen. Denn wie alle Elfen waren sie an den Eid gebunden, niemals zu offenbaren, wie sie durch den magischen Göttertrank die Alterslosigkeit erlangten. Den Schwur zu brechen, würde einen grausamen Tod bedeuten.

Weiterhin lenkte Ranvé den Hass des Königs auf sich, indem er dessen Mätresse nachstellte und sie schließlich mit in seine Heimat nahm. Doch Ranvé und Saihra mussten schnell einsehen, wie schmerzvoll die Liebe eines Elfen zu einer Sterblichen sein kann – würde Saihra sterben, würde sie Ranvés Lebenslicht mit sich ins Dunkel ziehen. Um ihn noch rechtzeitig vor einem gebrochenen Herzen zu bewahren, verließ Saihra ihn.

Thakenos Intrigen gegen die Elfen gipfelten in einem Krieg gegen das Waldlandreich. Er verbündete sich mit den letzten Trollen Lethains und rief mit Hilfe eines Weltenspiegels, eines uralten magischen Artefakts, dunkle Kreaturen von den anderen Welteninseln nach Lethain. So entfesselte er nicht nur einen Krieg, sondern brachte auch die Elemente aus dem Gleichgewicht.

 

Elfendiener – die Feuertochter und ihr Diener:

 

Saihra wusste nicht, dass in ihr die Kraft einer Herrscherin der Elemente schlummert. Sie wurde vom Herrscher-Orden zu einer neuen Novizin bestimmt und im Turm von Laphlanya zu einer Feuermagierin ausgebildet.

Indessen kämpften die Erdelfen gegen Thakenos Heerscharen. Nicht nur Saihras älterer Bruder Vilmos kam den Erdelfen zu Hilfe, auch die Feuerelfen Yaxaras griffen in die Schlacht ein und schlugen letztendlich das Menschenheer.

Thakeno kehrte als gebrochener Mann nach Boatná zurück, wo er um die Aufrechterhaltung seiner Herrschaft fürchten musste. Im Westen tobten Volksaufstände und die Trolle, die um ihren Sieg betrogen wurden, forderten Entschädigungen. So wendete sich Thakeno hilfesuchend an den Fürsten der Wasserelfen. Da Sesshu selbst die letzten Trolle Lethains vernichtet sehen wollte, eilte er den Menschen überraschend zu Hilfe und verübte gemeinsam mit ihnen einen grausamen Anschlag auf die Festung der Trolle, bei dem alle Weibchen und Welpen ums Leben kamen.

Währenddessen zog Ranvé mit Aethel und Saihras Brüdern Vilmos und Wigmar gen Süden, um Saihra zurückzugewinnen. Gemeinsam bestanden Ranvé und Saihra eine Prüfung, die sie zur vollwertigen Herrscherin des Feuers machte. Saihra erlangte den Göttertrank und führt seitdem ein altersloses Leben an Ranvés Seite.

Elfenrache
Teil 1
Die Muse und der König

I. Von Opium und Drachenflügeln

 

Welteninsel Lethain, Reich der Feuerelfen von Yaxara, Jahr 929, Frühling

 

Der Sturm, der seit dem vergangenen Abend wütete und in den Felsspalten heulte, hielt an und zerrte unbarmherzig an Reïfalas’ langem Haar, als er die schwere Eisentür zu seinem Heim aufstieß und den Kopf durch den Spalt streckte. Er musste sich regelrecht gegen die Tür stemmen, damit der Wind sie ihm nicht aus den Händen riss und gegen die Steinwand schleuderte. Die Chancen standen gut, dass das Gebirgsgestein statt der massiven Tür zu Bruch gehen würde.

Fluchend zurrte Reïfalas mit einer Hand die Schließen seines Waffengurtes fester, an dem auch der Stoffbeutel mit Wechselkleidung befestigt war und schlüpfte durch den Türspalt. Eilte bedächtigen Schrittes den schmalen Pfad, entgegengesetzt der Sturmrichtung, an den in den Fels gehauenen Behausungen entlang. Rechts fiel die Steinwand steil nach unten ab. Die unterste Reihe der Felswohnungen lag gute zwanzig Fuß über dem Boden, hoch genug, damit einem nicht die Lava bis zum Hals stand, sobald der Vulkan alle paar Jahrzehnte ausbrach. Aber eben auch hoch genug, um sich das Genick zu brechen, wenn man vom Sturm mitgerissen wurde.

Vorsichtig tastete Reïfalas sich an der Felswand entlang, bis hin zur nächsten in das Gestein gehauenen Treppe, die ihn auf ein Wegplateau höher führte. Noch sieben dieser Treppen musste er zurücklegen, ehe er endlich den Felsenring erreichte, in welchen die Behausung seines Fürsten hineingeschlagen worden war.

Äußerlich unterschied sich Daerions Heim in keinster Weise von den Steinhöhlen seiner Gefolgsleute, doch stieß man erst die massive Metalltür auf und trat einige Schritte in den Fels hinein, fand man sich in einem wahren Palast wieder. Einem Herrschaftssitz mitten im Herzen des Gebirges von Yaxara.

Die schweren Stoffbahnen aus schwarzem und dunkelrotem Samt, die Decken und Wände verkleideten, drückten wie bei jedem Besuch schwer wie breite Totenbanner auf Reïfalas’ Gemüt. Er selbst mochte es, nach einem anstrengenden Tag die Stirn gegen die kühle Steinwand zu lehnen und so das Feuer in seinem Inneren hinunterzukühlen. Müsste er sich länger als nur wenige Stunden in Daerions Gemächern aufhalten, würde er all die Stoffe in Brand setzen.

»Daerion!«, rief er und erschauderte, als sein Echo seltsam dumpf von den gepolsterten Wänden zurückgeworfen wurde. »Seid Ihr bereit zum Aufbruch?«

Er erhielt keine Antwort. Natürlich nicht.

Reïfalas stieß die Luft zwischen den Zähnen aus. Erst gestern noch, hatte Daerion ihm einzubläuen versucht, wie wichtig die bevorstehende Versammlung des Hohen Rates war und dass sie auf keinen Fall zu spät im Waldlandreich der Erdelfen erscheinen durften – weil es sich nicht geziemte. Ein Grollen kroch bei diesem Gedanken Reïfalas’ Kehle hoch. Als ob Daerion sich jemals dafür interessierte, wie man sich unter seinesgleichen benahm!

Reïfalas machte sich nicht die Mühe, ein weiteres Mal nach dem Fürsten zu rufen. Stattdessen eilte er durch die langen Flure zum Schlafgemach. Er schlug den schweren Teppich zurück, welcher den Eingang verhüllte und trat einen Schritt in den Raum hinein. Sogleich wallte ihm der Geruch von Sandelholz, Dunkelrosen, Schweiß und Erregung entgegen und ließ ihn abrupt in der Bewegung innehalten. Er brauchte seinen Blick nicht auf die Schlafstätte zu lenken, nahm diese doch beinahe den gesamten Raum ein. Gebettet auf tiefroten Seidenlaken und schweren Pantherfellen fand er seinen Fürsten, wobei auf den ersten Blick nicht mit Sicherheit auszumachen war, welche Gliedmaßen zu Daerion und welche zu den beiden Elfenmaiden gehörten, die halb auf und halb neben ihm ruhten.

Reïfalas legte die Stirn in Falten und sog den Atem tief durch die Nase ein. Zu dem schweren Duftgemisch mischte sich ein anderer erdiger Geruch.

»Warum wundert mich das nicht?«, stieß er zwischen den Zähnen hervor und trat an den Rand des Bettes, um Daerion aus dem Traumland zu zerren. Vehement und vielleicht ein wenig gröber, als es notwendig gewesen wäre, schob Reïfalas die brünette Elfe zur Seite und legte so den blanken Hintern seines Fürsten frei.

»Daerion!«, zischte er und vermied es, beim Versuch auch die rotblonde Dame fortzudrängen, tunlichst, den Fürsten zu berühren. Nur zur Sicherheit, um beim Kontakt mit der blassen Haut nicht auch noch dem im Raum hängenden Duft der Opiate zu erliegen.

»Daerion«, wiederholte er, drängender dieses Mal, doch er erntete nur einen weiteren tiefen Atemzug und einen zufriedenen Laut, der mit ein wenig Fantasie und Opium in der Nase auch ein Stöhnen hätte sein können.

»Verflucht nochmal!«

Ohne länger zu zögern, griff Reïfalas in Daerions nachtschwarzes Haar und bog dessen Kopf so weit in den Nacken, bis der Feuerfürst schmerzvoll nach Luft schnappte. Aus dessen dunklen Augen traf Reïfalas ein verhangener Blick, der sich nur langsam klärte, bevor er jedoch stechend wurde.

»Bei allen Göttern«, knirschte Daerion, »dafür sollte ich dich meucheln lassen.«

Reïfalas schnaufte und ließ den Haarschopf so abrupt los, dass Daerion wenig elegant in die Kissen zurückfiel.

»Ihr würdet Euren besten und treuesten Auftragsmörder töten lassen? Wohl kaum.« Reïfalas hatte seine kurze Ansprache noch nicht beendet, da wandte er sich bereits ab und schlug den Vorhang am Eingang zurück.

»Ich rufe Rúneya und warte am Fuße Yaxaras auf Euch. Ich gebe Euch eine Stunde. Seid ihr bis dahin nicht erschienen, fliege ich ohne Euch.« Hastig trat er in den Flur zurück und atmete tief durch. Luft! Er brauchte dringend frische Luft!

»Das würdest du nicht wagen!« Daerions Stimme hallte dumpf durch die schweren Stoffe hindurch.

»Oh, doch«, knurrte Reïfalas, »ich würde!«

 

~°~°~°~°~°~

 

Tatsächlich stieß Daerion zu ihm, noch ehe die Sonne die Bergkette Yaxaras gänzlich überschritten hatte. Im rötlichen Licht des eben erwachten Tages breitete Rúneya ihre silberweißen Schwingen aus und schirmte die beiden Elfen so von dem anhaltenden Sturm ab. Reïfalas zog sich die Kapuze seines Reisemantels tief in die Stirn und zurrte seinen Waffengurt fest. Es würde ein ungemütlicher Ritt auf dem Rücken des Drachen werden. Blieb nur zu hoffen, dass Daerion sich die Gerüche der Nacht gründlich abgewaschen hatte. Doch anstelle von Opium und Schweiß zog Reïfalas nur der Duft von Waffenfett und der leise Nachhall von erkaltetem Rauch in die Nase – eine nicht weniger anregende Mischung, aber um Längen beruhigender.

Kurz erlaubte er es sich, die Augen zu schließen und die Kraft des Drachenkörpers unter sich zu genießen. Mit kräftigen Flügelschlägen strebte Rúneya dem Himmel entgegen und ließ Yaxara und die brodelnde Lava meilenweit unter sich zurück. Sie gewannen stetig an Höhe, bis der Drache in einen leichten Gleitflug sank.

Reïfalas ließ die Halteriemen, die um den blanken Drachenleib geschlungen waren, los und lehnte sich ein wenig zurück, streckte die angespannten Glieder. Erst jetzt wandte Daerion sich halb zu ihm um. Aus nun wachen, dunklen Augen begegnete er Reïfalas’ fragendem Blick.

»Was denkt Ihr, was uns beim Ratstreffen erwartet?«

Daerion musste einfach ahnen, dass es sich mehr um eine rhetorische denn um eine tatsächliche Frage handelte. Zu oft hatten sie in den vergangenen Tagen darüber diskutiert, ob sie sich das Ratstreffen nicht ebenso gut sparen könnten. Reïfalas’ eigener Standpunkt war klar, aber Daerion schien noch immer Hoffnungen in die anderen Fürsten zu setzen. Der harte Zug um seinen Mund ließ die Lippen noch schmäler erscheinen.

»Das übliche Geplänkel, fürchte ich. Weder Delûwan noch Hrothgar werden es wagen, offen gegen die Menschen des Westens vorzugehen.«

»Und Ihr würdet es tun?«

»Was soll die Frage?«, entgegnete Daerion knapp und wandte sich wieder um. Rúneya gewann mit einigen Flügelschlägen erneut an Höhe, um dem Kamm einer schmalen, aber hohen Gebirgskette auszuweichen. Die beiden Elfen duckten sich tief auf den Drachenrücken.

»Aber würde Terion sich uns anschließen?«, rief Reïfalas gegen den Wind an.

»Natürlich würde er das.« Aus Daerions Stimme sprach Sicherheit, doch Reïfalas war sich der Unterstützung des Steppenfürsten weit weniger gewiss. Es war kein Geheimnis, dass Terion gerne Schlachten anzettelte, um seine Blutgier zu stillen. Aber die Feuerelfen Terions lebten bereits seit Jahrhunderten in den südlichen Wüstenlanden jenseits des Gebirges von Styrk ‘aven und ihr Fürst kümmerte sich wenig um die Belange der nördlicheren Lande.

Reïfalas vermied es jedoch, eine Grundsatzdiskussion mit Daerion über Terions Zuverlässigkeit und Hilfsbereitschaft anzuregen. Obwohl er die Antwort längst kannte, hakte er stattdessen nach: »Sarûndin?«

Selbst über das Rauschen des Flugwindes hinweg vernahm er Daerions verächtliches Schnaufen.

»Der Fürst der Wellenreiter traut sich selbst zu einer Ratssitzung kaum von seinem Schiff hinunter. Schlügen wir eine Seeschlacht, würde Sarûndin unsere Feinde umklammern, als sei er ein Riesenkrake; dagegen könnten die Lande Lethains lichterloh brennen und er würde nicht von seinem Kahn steigen, um diese zu löschen.«

Auch auf diese Tirade entgegnete Reïfalas nichts. Was Sarûndin und sein Volk der Wasserelfen betraf, teilten er und sein Fürst dieselbe Meinung. Bei Terion jedoch …

Insgeheim setzte Reïfalas seine nur spärliche Hoffnung auf Delûwan. Der Fürst der Luftelfen hatte sich seit jeher aus den großen Schlachten Lethains herausgehalten. Hatte lieber die anderen, in seinen Augen niedrigeren, Elfenvölker Blut und Dreck zusammenkehren lassen. Doch irgendetwas sagte Reïfalas, dass es dieses Mal nicht so sein würde. König Thakenos Verrat reichte zu tief, als dass Delûwan die Augen davor verschließen konnte. Spätestens seit Thakeno den Wasserfürsten Sesshu auf seine Seite gezogen und mit ihm ein blutiges Exempel an den Trollen Lethains statuiert hatte, schwelte der Rachedurst auch in Delûwan – dessen war Reïfalas sich sicher. Blieb nur die Frage, ob es gelingen würde, alle Elfenvölker unter einem Banner zu vereinen, um gemeinsam gegen die Menschen des Westens zu marschieren. Reïfalas meinte, auch diese Antwort zu kennen.

Zwar herrschte seit Jahrtausenden Frieden – oder wenigstens ein friedlich anmutender Waffenstillstand – zwischen den Völkern des Feuers, der Lüfte, des Wassers und der Erde, doch sie waren zu unterschiedlich. Zu verschieden, um sich nicht bei jedem Aufeinandertreffen in hitzige Debatten zu verstricken.

Reïfalas seufzte tief, schlang eine Hand um den Halteriemen und lehnte die Stirn leicht gegen die Schulter seines Fürsten. Mit geschlossenen Augen lauschte er dem leisen Summen der Luft unter Rúneyas ausgebreiteten Schwingen. Der Drache hatte sich wieder in den Gleitflug fallen lassen und Reïfalas beschloss, die brütenden Gedanken von sich zu schieben und ein Nickerchen zu halten.

II. Von Trugbildern und anderen Sinnverwirrungen

 

Welteninsel Lethain, Waldlandreich Ereh Eren, Jahr 929, Frühling

 

»Du kannst nicht dorthin gehen!«

Gerade im Begriff, sich das blassrote Kleid von den fellbesetzten Schultern zu streifen, stoppte Nîfra in der Bewegung und wandte sich abrupt zu ihrem Cousin um. »Und warum nicht?«

Daiki starrte sie an, als habe sie ihn soeben gefragt, weshalb das Gras grün war. »Du darfst nicht dorthin gehen.«

Nîfra schnaufte verächtlich und wollte sich schon wieder abwenden, als Daikis Skunkgestalt zu flackern begann. Offensichtlich versetzte ihr Vorhaben, dem Hohen Rat beizuwohnen, ihn so sehr in Rage, dass er nicht fähig war, den lächerlich einfachen Zauber des Gestaltwandelns aufrechtzuerhalten.

Nîfra seufzte und noch ehe der Laut gänzlich ihre Schnauze verlassen hatte, stand Daiki schon wieder in seiner hässlichen, runzeligen Koboldgestalt vor ihr.

»Was soll das denn?« Ihre Schwanzspitze plusterte sich. »Verwandel dich gefälligst zurück! Wir sind hier unter Elfen.«

»Ich weiß«, gab Daiki maulend und ein wenig geknickt zurück und senkte den nun gänzlich kahlen Kopf.

Nîfra seufzte erneut. Sie wusste ja, wie sehr Daiki es verabscheute, sich in der für einen Ildýr typischen Skunkgestalt zu zeigen. Auch wenn sie bis heute nicht verstand, weshalb er die hässliche Koboldgestalt vorzog. Die meisten Ildýr waren stolz darauf, sich durch ihren skunkähnlichen Körper und das dichte, schwarz-weiße Fell von ihren Artverwandten zu unterscheiden. Zeigen zu können, dass sie mehr waren als ein durchschnittlich magiebegabter Kobold. Aber Daiki …

»Also«, nahm Nîfra den Faden wieder auf, »weshalb hast du so ein Problem damit, dass ich dem Hohen Rat beiwohnen möchte?«

»Beiwohnen, pah!« Daiki schnaufte. »Hineinschleichen trifft es wohl eher. Der Rat ist für die Elfenfürsten bestimmt – und nur für die.«

»Na und?« Nîfra zuckte mit den Schultern und streifte sich endgültig ihr Kleid vom Körper. Während sie nach einer edlen, himmelblauen Tunika griff, die sie aus dem Inventar des Elfenprinzen Aethel entwendet hatte, erklärte sie: »Nur weil ich kein Fürst bin, heißt das noch lange nicht, dass mich die Belange der Elfen nichts angehen. Immerhin gehöre ich inzwischen zu den besten Blutmagiern in ganz Ereh Eren.«

Wieder ein Schnaufen Daikis, welches offensichtlich anzweifeln sollte, dass ihr magisches Talent sie in irgendeiner Weise befugte, dem Rat beizuwohnen.

»Und im Übrigen«, setzte sie hinzu, »werden nicht nur Fürsten an der Versammlung teilnehmen.«

»Ach nein?« Daiki ließ sich auf einen Strohbüschel nahe der Feuerstelle fallen und streckte die Beine in Richtung der Glut.

Sollte das getrocknete Gras Feuer fangen und ihre ganze Baumhöhle abfackeln, würde sie ihn eigenhändig erwürgen und danach – sollte sie es schaffen, sich in einen Waldlöwen zu wandeln – auffressen! Denn es gehörte zu den Aufgaben eines Blutmagiers, sich in seiner gewandelten Gestalt sämtlichen Eigenarten des in Besitz genommenen Körpers anzupassen und so ein kleiner, stinkender Ildýr wäre dann ein nettes Häppchen.

»Jetzt sag schon«, drängelte Daiki und riss sie damit aus ihren mordlüstigen Gedanken. »Wer ist zum Rat geladen worden?«

»Der Bruder der Königsschlampe.«

»Wer?« Daiki glotzte nur verständnislos.

Wieso war ihr Cousin nur so beschränkt? Und warum, Himmel nochmal, hatte sie ihn selbst nach über sieben Jahren im Reich der Elfen noch immer am Rockzipfel hängen? Es gab genug Ildýr in den umliegenden Koboldkolonien. Konnte sich keines der Weibchen Daikis erbarmen?

»Saihra – die ehemalige Mätresse des Königs. Vilmos – ihr Bruder. Kapiert?«, erklärte Nîfra und klemmte sich neben der Tunika noch ein paar Lederstiefel in Elfengröße unter die Arme.

»Welcher König?«

Sie rollte die Augen. »König Thakeno, seines Zeichens Herrscher über die Menschen des Westens.«

»Ach, du meinst unseren König?«

»Unser König?«, wiederholte Nîfra und ärgerte sich darüber, wie schrill ihre Stimme dabei klang. »Ich muss dich wohl nicht ernstlich daran erinnern, weshalb Thakeno nicht mehr unser König ist – sollte er es überhaupt jemals gewesen sein.«

Provozierend verschränkte Daiki die runzeligen Ärmchen vor der Brust. »Du warst immerhin mal sein Spitzel.«

»Ja«, giftete Nîfra, »bis er mich hochkant aus seinem Palast geworfen hat. Und alles nur, weil diese kleine Schlampe mit ihrem verdammten Elfen durchgebrannt war.«

»Ich dachte, du magst die Elfen.«

»Bitte? Ich mag diese hochnäsigen Wichte nicht. Ebenso wenig, wie ich die Menschen mag.« Hoch erhobener Schnauze marschierte Nîfra in das angrenzende Badezimmer, um sich in Ruhe verwandeln zu können.

»Magst du überhaupt irgendjemanden?«, murrte Daiki ihr nach.

»Nein«, zischte sie, warf die Kleider und Stiefel auf den Boden und kehrte dem offenen Durchgang den Rücken zu. Rasch zog sie ihren buschigen Schwanz eng an den Körper, um zu verhindern, dass Daiki das zunehmend heftige Zittern der Spitze sah.

»Warum laden die Elfenfürsten denn diesen Menschen zu ihrer Ratssitzung ein?«

Nîfra entgegnete nichts und tat so, als habe sie ihren Cousin nicht gehört. Magst du überhaupt irgendjemanden? – Kaito, gestand sie in Gedanken ein, ach, Kaito, wenn du damals nur mit uns gekommen wärst.

 

~°~°~°~°~°~

Einige Herzschläge lang verharrte Vilmos auf den letzten Stufen, nahm sich Zeit, zweimal tief durchzuatmen, ehe er das aus Holzgeflechten gefertigte Plateau in den obersten Wipfeln des fürstlichen Ahorns betrat. Weder vor sich selbst noch vor Akandîr hatte er am Morgen leugnen können, dass es ihm Unbehagen bereitete, vor dem Hohen Rat sprechen zu müssen – zumal er keinen blassen Schimmer hatte, weshalb er geladen worden war.

»Vielleicht haben sie einen weitreichenden Entschluss gefasst – dich betreffend.« Das waren am Morgen Akandîrs Worte gewesen, die nicht gerade dazu beigetragen hatten, Vilmos zu beruhigen. Ebenso wenig wie das gespielt unbekümmerte Schmunzeln des Elfen.

Es war zu offensichtlich gewesen, wovon Akandîr sprach und Vilmos wusste immer noch nicht, was er von dem Gedankengang halten sollte. Es war unmöglich! Der Hohe Rat würde ihm nicht die Gunst der Alterslosigkeit zukommen lassen. Weshalb auch? Was hatte er schon getan, außer der ältere Bruder einer Feuermagierin zu sein? Außer in der Schlacht gegen die Menschen des Westens an Seiten der Elfen gestanden zu haben?

Gut, ein wenig hatte er schon geleistet, aber dennoch …

Was Vilmos beunruhigte und zum Grübeln brachte, war nicht die längst beantwortete Frage, ob er alterslos werden würde. Das würde er sicher nicht! Sondern allein das Wissen, dass Akandîr darüber nachdachte. Sie waren schließlich keine Gefährten. Keine Liebenden. Sie hatten nicht ihre Herzen aneinander gebunden. Zumindest hatte Vilmos das bis zu jenem unbedachten Kommentar geglaubt.

Mit einem innerlichen Seufzen straffte er die Schultern. Vor den hohen Elfenfürsten wollte er sich seine Nervosität nicht anmerken lassen. Es reichte schon, wenn Akandîr nicht entgangen war, wie sein Hirn arbeitete, seit er die Ladung zum Ratstreffen erhalten hatte.

»Tretet näher, Vilmos, Aistulfs Sohn, Elfenfreund.« Die Stimme des Luftelfenfürsten schwang melodisch zwischen dem grünen Blätterdach hin und her. Delûwan stand inmitten der um ihn im Halbkreis sitzenden Fürsten und schaute Vilmos scheinbar wohlwollend entgegen. Zumindest deutete er den Blick aus den kühlen grauen Augen als wohlwollend. Auch wenn den obersten der Elfenfürsten eine machtvolle, nach Verehrung heischende Aura umgab, so wirkte Delûwan auf ihn doch weit weniger überheblich und unnahbar, als er es befürchtet hatte. Möglicherweise lag dies jedoch auch nur daran, dass er den Elfen nicht mehr so ehrfürchtig entgegentrat, wie er es einst getan hatte. Nicht zuletzt, weil er seit Jahren mit einem von ihnen das Bett teilte – mehr oder minder regelmäßig wenigstens.

Wie hatte seine Schwester bei ihrem letzten Wiedersehen mit einem Schmunzeln erklärt? »Ach, weißt du, Bruderherz, Elfen sind doch auch nur hübsche Menschen.«

Der Anflug eines Grinsens huschte bei der Erinnerung über seine Lippen, doch rasch wischte Vilmos es fort und folgte Delûwans stummer Einladung, sich neben Aethel auf einer der beiden freien Sitzgelegenheiten niederzulassen. Moment, zwei?

Flüchtig ließ er den Blick über die anwesenden Fürsten und ihre Begleiter wandern. Er erkannte Reïfalas, Saihras Lehrmeister in der Feuerkunst, und war sich sicher, dass der ganz in Rot und Schwarz gewandete, finster dreinblickende Elf neben ihm Daerion sein musste. Über ihn hatte er, ebenso wie über den daneben sitzenden Terion, bereits viele Geschichten gehört. Die beiden Feuerfürsten umwogten mehr Legenden als so manchen toten Helden. Besonders Terion, das Oberhaupt der Steppenreiter, hätte wunderbar als böser Stiefbruder der Prinzessin in einem Menschenmärchen herhalten können. Beinahe schien es, als hafte dem Elfen der Geruch von erkalteter Asche und warmem Blut an, doch Vilmos zwang sich, an etwas anderes zu denken, als Terions durchdringender Blick ihn traf. Besser war es, jedweden Gedanken vor diesem Kerl geheim zu halten, auch wenn es unwahrscheinlich war, dass das Eisblau seiner Augen durch Gehirnwände schneiden konnte.

Rasch wandte Vilmos sich ab und wisperte dem neben ihm sitzenden Aethel ins Ohr: »Wer ist das?«

Der Erdelfenprinz folgte seiner Blickrichtung zu einem in auffällig bunte Gewänder gekleideten Elfen mit hüftlangem, goldblonden Haar und murmelte ebenso leise zurück: »Das ist Sarûndin, Fürst der Wellenreiter.«

Vilmos nickte und schielte möglichst unauffällig zu dem förmlich schillernden Elfen hinüber. Offenbar nicht unauffällig genug, denn kaum sah er in dessen Richtung, wandte Sarûndin den Kopf und bedachte ihn mit einem überaus charmanten, aber aufgesetzt wirkenden Lächeln und einem koketten Augenzwinkern, das Vilmos eigentlich von einer edlen Dame erwartet hätte. Er blinzelte irritiert und drehte sich betont unbeteiligt wieder weg. Selbst nach über sechs Jahren im Reich der Erdelfen hatte er sich noch nicht daran gewöhnt, dass es keine Rolle spielte, welchem Geschlecht man zugewandt war und dass man seine Präferenzen offen zeigen durfte. Aber doch nicht bei einem Ratstreffen!

Rasch lenkte Vilmos seine Gedanken in andere Bahnen und fragte sich, wie es zusammenpassen mochte, dass sich die scheuen Wasserelfen Yettars nach dem Tod ihres Fürsten Sesshu den Wellenreitern Sarûndins angeschlossen hatten. Der Fürst schien schlichtweg zu bunt, zu aufgeschlossen und zu laut für einen elfischen Adelsmann zu sein – auch wenn Vilmos noch keinen Ton aus seinem Mund vernommen hatte. Was Akandîr ihm im Vorfeld erzählt hatte, reichte aus, um insgeheim ein Urteil zu fällen.

Kurz nickte Vilmos Hrothgar und dessen Berater Aicamár zu. Der Erdelfenfürst beantwortete die Geste mit einem aufrichtigen Lächeln, während Aicamár gewohnt verkniffen dreinschaute.

»Wer …?«, setzte Vilmos leise an Aethel gewandt an, um die Frage nach der leergebliebenen Sitzgelegenheit zu klären. Möglicherweise hatte einer der Fürsten einen Vertrauten mitzubringen gedacht, aber dieser war nun verhindert?

Doch ehe Vilmos seine Vermutung formulieren konnte, nahm Daerion das Wort an sich: »Ich habe dieses Treffen des Hohen Rates einberufen, um erneut über das Schicksal der Menschen des Westens zu debattieren. Acht Jahre sind vergangen, seit der Hohe Rat zum letzten Mal hier in Ereh Eren tagte. Eine Schlacht vor den Toren dieses Waldlandreiches entzweite Elfen und Menschen. Seither scheint Ruhe in den Städten des Westens eingekehrt zu sein, aber ich traue dem Frieden nicht. Seit König Thakeno mit Hilfe des Fürsten Sesshu die Trolle Lethains meucheln ließ, können wir uns selbst dem Verrat in den eigenen Reihen nicht mehr entziehen. Ich weiß, dass manche von euch denken, Sesshu habe sich auf Thakenos Seite geschlagen, um uns einen Grund zu geben, den König ein für alle Mal zu stürzen, doch daran glaube ich nicht. Ebenso wenig wie ich daran glaube, dass Thakeno seinen Hass auf unsere Völker tief in sich begraben hat. Noch immer schwelt seine Herrschaft über den Südwesten wie ein ungutes Geschwür im Herzen Lethains und es ist an uns, unsere Welt zu heilen.«

Daerion machte eine kunstvolle Pause, in der sich ein angespanntes Schweigen über die Baumwipfel legte. Vilmos hielt den Atem an. So unerbittlich die Worte des Feuerfürsten auch klangen, und so sehr sie Vilmos auch an die Hassparolen Thakenos und Malvins gegen die Elfen erinnerten, so vermochte er sich deren Wirkung doch nicht zu entziehen. Zu sehr verlangte es ihn selbst nach Rache für das, was Thakeno ihm und seiner Familie angetan hatte.

»Ihr redet von König Thakeno, als sei er eine Fäulnis, die man einfach herausschneiden könnte«, erhob Aethel seine Stimme. Alle Augenpaare richteten sich auf den Prinzen des Waldlandreiches und auch Vilmos lauschte ihm gebannt. Auf seltsame Weise fühlte er sich, da er direkt neben Aethel saß, von den Blicken der Fürsten mit ins Visier genommen.

»Doch bedenkt, dass sich seine Lehren über Jahre in den Köpfen der Menschen festsetzen konnten. Die Menschen des Westens vertrauen ihrem König – selbst jetzt noch, nachdem er sie mit der Schlacht um unser Reich an den Rand des Abgrundes trieb. Was wollt Ihr mit all seinen Anhängern tun? Wie wollt Ihr Lethain von ihnen … heilen?«

Daerion reagierte auf die implizierte Anschuldigung, an einen Massenmord zu denken, mit einem glatten Lächeln. Er wandte sich um und mit einem Mal traf sein Blick den Vilmos’.

»Was sagt Ihr dazu? Ihr kanntet den König besser als jeder andere hier. Immerhin wart ihr ein Mitglied seiner Garde. Und wenn ich recht informiert bin, unterhielt Eure Schwester eine Liaison mit seiner Majestät. Wie würdet Ihr vorgehen, um Thakenos Machtspielen Einhalt zu gebieten?«

Ohne es zu wollen, richtete Vilmos sich auf und versteifte sich. Natürlich war es kein Geheimnis, was einst in den Menschenstädten vorgefallen war, dennoch bereitete es ihm Unwohlsein, seine Schwester in ihrer Abwesenheit und auch sich selbst derart an den Pranger gestellt zu sehen. Und gleichsam hatte er sich in den vergangenen Jahren so oft gefragt, was er tun würde – tun könnte – um Thakeno für das büßen zu lassen, was er getan hatte. Aber er hatte bis jetzt keine plausible Antwort gefunden.

Er schluckte trocken und öffnete den Mund, doch ein Aufraunen der Ratsteilnehmer erkaufte ihm eine Schonfrist. Plötzlich waren alle Augen auf den Elf gerichtet, der soeben das Hochplateau betreten hatte. Auf Aethel, der dort stand und gleichzeitig …

Vilmos’ Kopf flog herum.

… neben ihm saß!

Mit offenem Mund starrte Vilmos den Prinzen an. Oder doch sein Trugbild? Aus Reflex zuckte seine Hand zu einer der schmalen Klingen in seinem Ledergürtel.

Dann durchbrach ein zutiefst entnervtes Schnaufen die atemlose Stille. Der am Rand des Plateaus stehende Prinz hatte es ausgestoßen. Mit versteinerter Miene stierte er sein ihm gegenübersitzendes Ebenbild an und mit einem Mal murmelte er: »Ich hätte es ahnen müssen. Ich hätte …«

»Nîfra?«

Aethel – oder sein Abbild – fuhr zu einem grauhaarigen, in ein bodenlanges Gewand gekleideten, Elfen herum, der soeben die letzten Treppenstufen emporhastete.

»Bei allem Göttern, Nîfra!«, stieß der hervor und packte den Prinzen in einer ihm nicht würdigen Geste am Arm, versuchte ihn mit sich zu zerren. Vilmos zog seinen Dolch, sah aus dem Augenwinkel, dass auch Reïfalas und Terion sich erhoben und ihre Waffen gezogen hatten. Aethel – der echte Aethel? – jedoch rührte sich nicht.

Ein erneutes Raunen ging durch die Baumwipfel, als das Abbild des Prinzen einfach verschwand. Die Kleider sackten leer in sich zusammen, blieben auf einem Haufen liegen, aus dem plötzlich ein schwarz-weißes Skunkgesicht auftauchte. Vilmos schnappte nach Atem. Er kannte diese Ildýr und mit einem Mal schoss auch ihr Name wieder in seine Erinnerung.

»Verzeiht vielmals die Störung«, bat der ältere Elf und packte die Ildýr kurzerhand am Nackenfell. Ungeachtet ihres Strampelns und Keifens trug er sie einfach fort. Die elfischen Kleider blieben achtlos auf dem Boden des Plateaus liegen.

»Sind das Eure?« Terion deutete auf den Haufen aus Stoff und Seide. Aethel nickte mit einem schiefen Lächeln und der Feuerelf kommentierte knapp: »Die würde ich gründlich waschen.«

Vilmos ließ sich wieder neben Aethel fallen und schob seinen Dolch zurück in die Leserscheide. »Was war das denn?«, wisperte er dem Prinzen zu.

»Blutmagie«, murmelte dieser. »Erkläre ich dir später.«

Vilmos nickte stumm und schaute Aethel dabei zu, wie er rasch seine Kleidung und Stiefel aufhob und hinter seiner Sitzgelegenheit aus geflochtenen Ästen verschwinden ließ.

»Schön«, setzte Daerion an, »nachdem dieses Missgeschick beseitigt wäre, könntet Ihr, Vilmos, bitte damit anfangen zu …«

Doch weiter kam der Fürst nicht, denn erneut stürmte ein Elf das Plateau. Weniger aufwirbelnd und wesentlich würdevoller als der vermeintliche Prinz zuvor, aber dennoch nicht weniger verstörend. Nur am Rande gewahrte Vilmos das verärgerte Murmeln über die neuerliche Störung neben sich. Zu sehr war er mit einem Mal eingenommen von dem Mann, der lautlos und mit raubkatzenhafter Gewandtheit die letzte Stufe hinter sich ließ und nun neben Delûwan stand – mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre genau dies sein Platz.

Wie die meisten Elfen trug er schlichte, aber edel wirkende Kleidung, die sein ätherisches, makelloses Äußeres unterstrich. Seine Gesichtszüge zeigten die typische ebenmäßige Symmetrie, die von den meisten Menschen bewundernd mit Schönheit umschrieben wurde. Im Vergleich zu den meisten Elfen war sein Äußeres nicht überragend und auch der Karamellton seiner Haare rechtfertigte nicht, dass sich Vilmos’ Pulsschlag erhöhte. Es war nichts äußerlich Auffälliges an ihm. Nicht sein Haar, nicht seine Augen, nicht das weiche und gleichsam markante Gesicht. Und doch hatte er etwas an sich, das Vilmos binnen eines Atemzuges gänzlich in seinen Bann zog.

»Leyunar!« Terions Stimme riss Vilmos unsanft aus seinen Betrachtungen. »Ihr kommt reichlich spät.«

Statt etwas auf Terions Tadel zu erwidern, wandte sich Leyunar Delûwan zu. Die Blicke der beiden Elfen streiften sich, hielten sich einen Moment fest und Vilmos’ Herz trommelte heftiger gegen seinen Brustkorb.

»Ihr wisst doch, Terion, dass meine Muse stets vielbeschäftigt ist«, sprach Delûwan, ohne sich jedoch an den Angesprochenen zu wenden. Stattdessen deutete er auf den freien Platz neben sich und sagte mit wesentlich weicherer Stimme als zuvor: »Setz dich bitte, Leyunar.«

 

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»Nichts?« Mit einer Mischung aus Unglauben und unterdrücktem Zorn in der Stimme, wiederholte Reïfalas dieses schlichte Wort des Luftfürsten. Delûwan begegnete seinem durchdringenden Blick mit stoischer Ruhe.

»Ihr wollt tatsächlich nichts weiter tun? Nichts soll genügen, um Thakeno Einhalt zu gebieten?«

»Ihn in Sicherheit zu wiegen und ebenso vor ihm sicher zu sein«, korrigierte Delûwan kühl. »Ich habe nicht vor, mit einem Schlachtbeil in die Königsstadt einzumarschieren und alles kurz und klein zu schlagen. Mir scheint, dies seien eher die Methoden des Feuervolkes, nicht die meinen.«

»Dann solltet Ihr …«, brauste Reïfalas auf, doch Daerions Hand auf seinem Arm ließ ihn innehalten.

»Möglicherweise habt Ihr recht, Delûwan«, sprach Daerion an seiner statt und überging damit den Seitenhieb auf sein eigenes Volk. Reïfalas presste die Lippen fest aufeinander, schwieg jedoch. All das, was er befürchtet hatte, trat gerade ein. Unzählige Male hatte er versucht, Daerion davon zu überzeugen, dass es sinnlos war, die übrigen Fürsten um Hilfe zu bitten. Aber Daerion hatte sich der bevorstehenden Schmach unbedingt aussetzen wollen und nun, da es soweit war, tat er nichts, erhob keine Widerworte. Würde Daerion nun tatsächlich vor Delûwan kuschen, würde Reïfalas seinem Fürsten in einer ruhigen Stunde das opiumbenebelte Hirn zurechtrücken. Doch zu seiner Verwunderung schwieg sich auch Terion aus. Nicht, dass es den Steppenfürsten interessieren würde, was der Hohe Rat in Sachen Thakeno zu unternehmen gedachte, aber einen Seitenhieb ließ Terion in der Regel nicht auf sich sitzen. Wahrscheinlicher war es, dass er aufspringen und eine Feuerfontäne in Richtung Delûwan schleudern würde. Aber nichts dergleichen geschah.

»Wie schön, dass Ihr mir zustimmt.« Delûwan schenkte Daerion ein schneidendes Lächeln, ehe er sich wieder an alle versammelten Fürsten und deren Ratgeber wandte.

»Wir sind uns also einig, dass zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Gefahr von den Menschen des Westens ausgeht. Solange Thakeno und sein Volk in der Königsstadt verbleiben, werden wir uns nicht in deren Belange einmischen.«

»Keine Gefahr«, knurrte Reïfalas, jedoch so leise, dass vermutlich nur Daerion es hören konnte. Er spürte den tadelnden Blick seines Fürsten auf sich ruhen, starrte jedoch stur geradeaus. Und fing dabei Vilmos’ Blick ein. Die Miene des Menschen wirkte ähnlich verkniffen, wie seine eigene sich anfühlte.

Reïfalas konnte sich noch allzu gut an Nächte erinnern, in denen er mit Saihra auf den hohen Zinnen des Turmes von Laphlanya gesessen und sie ihm ihr Herz ausgeschüttet hatte. Ihm gebeichtet hatte, wie sehr sie sich nach Rache sehnte. Danach, Thakeno für all die Jahre bluten zu lassen, in denen er ihr seelische Schmerzen zugefügt und ihr letztlich einen Teil ihrer Familie genommen hatte. Weshalb sollte es ihrem Bruder anders gehen?

Für Vilmos musste es eine Schmach sein, mit anzuhören, wie niemand auch nur einen Versuch unternahm, Thakeno ein für alle Mal in seine Schranken zu weisen. Im Klartext: ihm seinen verfluchten Kopf abzuschlagen. Reïfalas hätte diese Aufgabe nur zu gerne übernommen – notfalls auch ohne die Zustimmung der übrigen Fürsten. Es wäre nicht die erste Meucheltat, die er im Daerions Auftrag übernähme. Für jede einzelne von ihnen hätte der Hohe Rat das Recht, ihn in die kargen Lande von Groh ’farin zu verbannen. Aber sie hatten es nie getan, obwohl er sich sicher war, dass sie zumindest eine geringe Zahl seiner Adelsmorde ihm – oder wenigstens seinem Fürsten – zusprechen könnten.

Delûwan hatte die Ratsversammlung stillschweigend für beendet erklärt. Die übrigen Fürsten und ihre Berater erhoben sich und verließen mit mehr oder minder zufriedenen Mienen, teils schweigend, teils leise debattierend, das Plateau.

Daerions Blick streifte kurz Reïfalas’, ließ ihn deutlich den unterdrückten Zorn darin lesen. Dann wandte sich der Feuerfürst um und eilte seinem Volksgenossen hinterher.

»Terion, auf ein Wort!«

Reïfalas beobachtete die beiden Fürsten, wie sie nebeneinander die Stufen hinabstiegen. Sie wirkten beinahe einträchtig, wie aus Dunkelheit geborene Zwillinge. Man hätte die beiden Feuerelfen leichthin für Brüder halten können, doch Reïfalas war sich sicher, dass die beiden kaum mehr verband, als die Liebe zu Feuer und Schmerz.

Reïfalas war nun alleine auf dem Plateau, mit Ausnahme von Delûwans Muse. Selbst nur gedacht weckte die Bezeichnung ein müdes Lächeln auf seinen Lippen.

Leyunar stand am Rande des Plateaus und schaute anscheinend über das volle Blätterdach Ereh Erens hinweg in die Ferne. Ein kühler Luftzug umspielte die schlanke Gestalt, verfing sich im karamellblonden Haar und ließ die Blätter ringsum erzittern. Sogleich flackerte das Feuer in Reïfalas auf, offenbar genötigt, den Hauch von Kühle im Keim zu ersticken.

»Es wird ein Festbankett am Hof des Fürsten Hrothgar geben«, erklärte Reïfalas, ohne recht zu wissen, weshalb er das tat und gleichwohl in der Annahme, dass sein Gegenüber dies längst wusste.

»Das ist mir bekannt«, entgegnete der Luftelf – Leyunar, wenn Reïfalas sein Gedächtnis nicht täuschte – ohne sich dabei umzudrehen.

»Dann solltet Ihr nicht länger die Aussicht genießen, zumal es in meinen Augen eine nicht erstrebenswerte Aussicht ist, sondern Eurem Fürsten zum Großen Ahorn folgen. Oder …« Reïfalas war versucht, sich auf die Zunge zu beißen, verkniff sich die Spitze dann doch nicht. »Oder ist es Eure Art, zu wichtigen Anlässen zu spät zu erscheinen?«

Leyunar fuhr herum, jedoch in einer weder hektisch noch ertappt anmutenden Geste. Auf seinem Gesicht lag ein schmales, seltsam erzwungenes Lächeln.

»Es ist meine Art, überhaupt nicht zu Banketten zu erscheinen.«

Bei seinen Worten zuckten Reïfalas’ Brauen in die Höhe. Beinahe hätte er gefragt, was Leyunar stattdessen den Abend über zu tun gedachte. Doch er verkniff sich die Frage, nickte seinem Gegenüber nur kurz zu und verließ das Plateau, ohne ein weiteres Wort mit Leyunar zu wechseln. Mit Luftelfen konnte man sich ohnehin nicht sinnvoll unterhalten.

 

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In einem Punkt musste Reïfalas Leyunar recht geben: Es war auch nicht seine Art, zu Banketten zu erscheinen. Was letztlich daran liegen mochte, dass Feuerelfen im Allgemeinen nur sehr, sehr selten – möglicherweise alle eintausend Jahre – eine derartige Feierlichkeit veranstalteten.

»Was hast du eigentlich gegen ein Banke… argh … verflucht!« Die letzten Laute kamen nur gekeucht über die Lippen des Erdelfen und wandelten sich in ein schmerzliches Stöhnen, als Reïfalas seinen Griff in den haselnussbraunen Haaren verstärkte. Er bog den Kopf des Kriegers nach hinten und raunte nahe an dessen Ohr: »Nichts. Ich mag eure Bankette. Insbesondere die Auswahl an frischem Fleisch.«

Der Elf vor ihm knurrte unwillig. Trotz blitzte in den sonst so sanftblauen Augen auf. Der kräftige Körper spannte sich, dennoch hielt Reïfalas ihn mühelos vor sich fixiert. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er einen bockenden Krieger gefügig machen musste. Und es machte nicht gerade den Anschein, als missfiele es dem Mann. Heiß und eng schloss sich sein Innerstes um Reïfalas’ pulsierendes Glied.

»Eines muss ich dir lassen, Feuerelf, du hast Schneid. Vor dir hat mich keiner als Frischfleisch bezeichnet.« Der hastige Atem des Erdelfen streifte Reïfalas’ Kehle, ließ ihn wohlig erschaudern. Er konnte spüren, wie sein Lächeln beinahe sanft wurde.

»Dann hast du bislang wohl mit den falschen Männern das Lager geteilt«, raunte er seinem Gespielen ins Ohr, zögerte kurz und flüsterte dann: »Oder sollte ich mich präziser ausdrücken: die Waffenkammer deines Fürsten?«

Er genoss das erschrockene Luftholen des Elfen vor ihm. Fast schien es, als hätte dieser sich erst jetzt daran erinnert, wo sie sich befanden. Aber rasch wurde der Körper vor ihm locker, der Krieger anschmiegsam unter seinen Händen.

»Redest du immer so viel oder bringst du mich heute noch irgendwann dazu, den Palast zusammenzuschreien?«

Ein Grollen bahnte sich seinen Weg aus Reïfalas’ Kehle. Mit Lippen und Zähnen streifte er die Kehle des Erdelfen.

»Es wird mir …«

Die schwere Tür der Waffenkammer knallte gegen die Wand. Klingen klirrten. Mit einem Fluch auf den Lippen fuhren Reïfalas und sein Gespiele auseinander und tasteten nach ihren Waffen, die irgendwo auf dem Erdboden lagen. Als Reïfalas sich wieder aufrichtete, blickte er direkt in das halb tadelnde, halb amüsierte Antlitz Daerions.

»Die Waffenkammer«, stellte dieser mit einem anerkennenden Zungenschnalzen fest, »eine gute Wahl. Wenn auch ich selbst mir eine andere Gesellschaft ausgesucht hätte.« Er ließ den Blick über den Krieger wandern, der nackt, aber keineswegs verschämt neben Reïfalas stand und dem prüfenden Blick des Feuerfürsten eisern standhielt. Reïfalas seufzte innerlich bei dem Anblick des gestählten, von Schweiß glänzenden Körpers, den er nun wohl unverrichteter Dinge würde ziehen lassen müssen.

»Daerion«, wandte er sich zerknirscht an seinen Fürsten, »Ihr habt mich gesucht?«

»Und gefunden.« Binnen eines Herzschlages verlor Daerions Stimme jegliche amüsierte Leichtigkeit. »Ich muss dich sprechen, Reïfalas. Jetzt.«

III. Delûwans Muse

 

Welteninsel Lethain, Waldlandreich Ereh Eren, Jahr 929, Frühling

 

Vilmos warf einen letzten Blick zurück auf die Schafe, die genüsslich das frisch sprießende Frühlingsgras rupften und dabei hin und wieder zufrieden blökten. Mit einem Seufzen schüttelte er den Kopf, wunderte sich über sich selbst und darüber, wie rasch sich derartige Wesen in ein Menschenherz schleichen konnten. Und das, obwohl er doch in seinem bisherigen Leben so gar nichts mit Schafen oder irgendwelchem anderen Nutzvieh hatte anfangen können.

Sicher, seine Eltern hatten einen kleinen Hof bewirtschaftet und er und seine Geschwister hatten in Kindertagen regelmäßig bei der Stallarbeit und auf den Feldern geholfen. Doch im Gegensatz zu Saihra und Wigmar hatte diese Arbeit Vilmos nie sonderlich viel Spaß bereitet. Stattdessen hatte er immer davon geträumt, als Gardist der Königsgarde für Recht und Ordnung in Boatnás Straßen zu sorgen.

Noch einmal seufzte er, etwas wehmütig dieses Mal, trat in die wohlige Wärme seines kleinen Häuschens und zog die Tür hinter sich zu. Wie rasch und vehement sich Dinge doch ändern konnten …

Er streifte sich die Lederstiefel von den Füßen und ging durch den schmalen Wohnraum mit der kleinen Feuerstelle hinüber in sein Schlafgemach. Oh ja, die Dinge konnten sich sogar ganz rasant und unvorhergesehen ändern, stellte er fest, als sein Blick auf das breite Bett aus Kirschbaumholz fiel – und auf den Mann, der darin lag.

Das dünne Laken bedeckte Akandîrs Körper nur unzureichend. Sehr unzureichend. Genüsslich ließ Vilmos seinen Blick über die vom Stoff verhüllten, langen Beine, hinauf zu dem festen, runden Hintern wandern, der gerade so gar nicht von der Decke verborgen wurde. Weiter hinauf über den schlanken, aber muskulösen Rücken, an der Wirbelsäule entlang – genau so wie seine Lippen in der vergangenen Nacht diesen Pfad aus Wirbeln und weicher Haut verfolgt hatten.

Bei Akandîrs Schultern angekommen, verweilte er kurz mit seinen Blicken, ehe er den Fächer aus glänzend braunem Haar betrachtete, der auf dem Kissen ruhte. Vilmos erinnerte sich an das Gefühl der weichen Strähnen unter seinen Fingern und an den salzig-herben Geschmack von Akandîrs schweißfeuchter Haut. An den rauen Klang seiner Stimme, an den Anblick des gespannten, vor Erregung zitternden Körpers unter sich und an das Gefühl, Eins mit diesem Mann zu sein.

Vilmos hielt einen Moment in seiner Betrachtung inne.

Eins zu sein.

Körperlich.

Nur körperlich?

Zu deutlich klangen Akandîrs leicht dahingesagte Worte des vergangenen Tages in seinen Ohren nach. Sollte der Elf enttäuscht darüber sein, dass der Hohe Rat Vilmos lediglich geladen hatte, um über Thakenos Machenschaften zu debattieren, so hatte er es in der Nacht gut zu verbergen gewusst.

Rasch wischte Vilmos die Gedanken fort – ebenso wie das aufkeimende Gefühl des Zornes darüber, dass Thakeno wieder einmal ungeschoren davonkommen würde.

---ENDE DER LESEPROBE---