Elfter September hoch Eins oder die überlangen Schatten des Verbrechens - Remo Iten - E-Book

Elfter September hoch Eins oder die überlangen Schatten des Verbrechens E-Book

Remo Iten

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Beschreibung

Neu York, Elfter September 2001 - dieses Datum brannte sich nicht nur unwiderruflich in unser aller Gedächtnis ein, es bewegt bis heute die Gemüter wie vermutlich kaum ein anderes in der neueren Geschichte. Während mittlerweile zahlreiche Verschwörungstheorien darum herumschwirren, dringt dieses Buch in romanhafter Erzählung in die tiefsten Schichten ein, welche dem Elften September 2001 in Wirklichkeit zugrunde liegen. Am Beispiel der Familie Sanders mit Christina im Mittelpunkt beginnt der Lesende die tragischen Mechanismen zu erkennen, welche die Menschheit seit jeher antreiben und in ihrer Gültigkeit bis zum heutigen Tag nicht ein Jota verloren haben, im Gegenteil. Raub und Ausbeutung, so die unheilvolle latente Maxime, lässt sich im heutigen Weltgeschehen auf Schritt und Tritt verfolgen. Ein nahezu vergessenes, weil wohlverdrängtes Verbrechen historischen Ausmasses aus den USA, wenngleich nur eines von vielen, dient beispielshaft zur Veranschaulichung dieser mittlerweile global stattfindenden Entwicklung. Als treibende Kraft hinter diesem Buch entpuppte sich von Beginn weg der schwedisch sowie russisch-jüdisch stämmige Schauspieler Jake Gyllenhaal aus Kalifornien, welcher mit seiner unvergleichlichen Art, bärtige Männlichkeit und Empathiefähigkeit in einer Person zu vereinen, nahezu einen Mythos schuf, welcher seinesgleichen sucht.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Erster Akt des Dramas

Mama, er war wieder da!

Christinas früheste Traumbegegnung mit Terra Inkognita oder wie der ganze Wahnsinn seinen Anfang nahm

Schmerzliche Erinnerungen und offene Wunden

11. September 2001: Wenn dies nicht das Ende der Welt ist!

Inneres Verdunkelungsgebot

Seltsame Blicke und eine erste Vorahnung, dass da was nicht stimmt

11. September 2001: Fahrt zum Höllenturm

Versuch einer Rückkehr zur Normalität oder was immer das ist

Wenn alles unmittelbar wieder hochkommt

11. September 2001: Todesangst um 09.59 Uhr!

Wenn Welten auseinanderklaffen oder aufeinanderprallen

Der Tag jenseits aller Vorstellungen

11. September 2001: 1000 Uhr, Hintern und Ellbogen voraus!

Das Geheimnis des fernen Elchbergs

Es kam einfach niemand

11. September 2001: Wenn die Decke in jeder Hinsicht auf den Kopf fällt

Claudias schlimmster Tag

Krämpfe und Tänze im Hause Sanders in Nyack

Jim Schönberg

Wir sehen uns dann beim GANZ GROSSEN!

Terroralarm! Wir werden auf eigenem Grund und Boden angegriffen!

Die aufgestörte Beschaulichkeit von Suffern in Neu Yorks Hinterland

Unerlaubtes Eindringen ins Sperrgebiet

Weitere geheimnisvolle Türen öffnen sich

Literatur- und Quellenverzeichnis

Erster Akt des Dramas

Mama, er war wieder da!

Wiederum hatte Christina Sanders diesen fürchterlichen Albtraum. Ein seelenverdichtetes Traumgebilde, welches sie seit frühester Kindheit in drögen Nachtphasen unversehens heimsuchte. Wenn sie aufgewühlt von der Macht der unerklärlichen Traumwalze um zwei Uhr morgens ins elterliche Bett kroch. Weinend, am ganzen Körper zitternd, die kindliche Seele tief erschüttert. ›Mama, er war wieder da!‹, war alles, wozu sich zu äußern sie imstande war, während Claudias mütterlichen Arme sie umschlossen und an sich zogen. ›Du meinst, der böse Fisch?‹, flüsterte Claudia, wohlwissend, was ihrer kleinen Christina zusetzte.

Obgleich die Vierjährige kaum vielmehr als bruchstückartig fähig war, ihre belastenden Traumbilder in Worte zu fassen, stieg in Claudias Mutterherzen unmittelbar dieses elende Gefühl der Ohnmacht auf, wiewohl ein Verdacht, welchen sie gleich von Anbeginn gehegt hatte. Jedes Mal durchfuhr sie dieses Erschauern ob Christinas Traumspiegelungen, welche diese in ihrem zarten Alter lediglich unbewusst empfing. ›Wie ist dies nur möglich, Thomas? Mein Gott, wie um Himmels Willen ist dies erklärbar?‹, sagte sie bisweilen zu ihrem Mann. ›Wir tun doch alles, was in unserer Macht steht, und dennoch reicht es nicht! Tun wir vielleicht zu wenig, oder machen wir was falsch?‹ Ihr Ehemann Thomas, als Feuerwehrmann auf einer Wache in Neu York von der ungastlichen Seite des Lebens mehr als geeicht, nahm sie in seine schützenden Arme, spendete Trost, sagte: ›Nein, Claudia, wir haben uns gar nichts vorzuwerfen. Wir machen alles richtig, glaub mir, Liebes, zumindest, was in unserer Macht steht. Wenn Christina mal grösser ist, wird sie dies bestimmt überwinden. Dieser Zustand kann ja nicht ewig dauern. Abgesehen davon hatten wir doch als Kinder alle unseren Albtraum.‹ Jeweils verstört entgegnete ihm Claudia: ›Ja, schon, Thomas, aber doch nicht diesen!‹

Elterliche Zuversicht, darunter zäh sich aufrechterhaltende Illusionen, vermochte mitunter unglaublich verwegen sein, stärker als jede Bindung zur Realität und zum Leben.

Ψ Ψ Ψ

Schweißdurchnässt lag Christina in ihrem Bett im Studentenheim in Neu York; von draußen drang das konstante Rauschen und Hupen der Nacht der Nächte in ihr kleines Zimmer ein. Ein versichernder Blick auf die grünliche Digitalanzeige ihres Radioweckers zeigte 0305 Uhr an. Wie sie feststellte, war sie, was den Horrortraum anbetraf, absolut im Zeitplan. Lange nun schon hatte sie davor Ruhe gehabt, vermochte sich eigentlich kaum mehr daran zu erinnern, wann er das letzte Mal zugebissen hatte. Doch nun meldete er sich offenbar wieder zurück, vollwuchtig. Nun ja, zum Glück ist in wenigen Stunden Sonntagmorgen, Zeit, aufzubrechen, sagte sie sich, denn sie beabsichtigte, sich mit Mama und Biggi dort draußen am Strand zu treffen. Endlich wieder mal! Für einen sonntäglichen Spaziergang. Eric, ihr Freund, wäre auch dabei, sagte er am Telefon, käme wohl gleich von der Nachtschicht.

Immerhin hatten sich mittlerweile die Traumnebel gelichtet, das Abbild ihrer kleinkindlichen Ängste sich erkennbar gemacht. Als selbstbewusste junge Frau stand sie heute grundsätzlich darüber, fand es gar ein wenig peinlich, wenn sie darüber nachdachte. Und dennoch. Was drang denn da – offenbar nach wie vor – Mysteriöses in ihren Sinn ein, versuchte sich auf hartnäckige Weise Zugang zu ihrem Bewusstsein zu verschaffen? Fast schon einbruchartig. Überhaupt, woher kriegte sie als Kleinkind diese Bilder in den Kopf? Denn über einen Fernsehapparat verfügten sie damals noch keinen, da war Mama ausnahmsweise pickelhart. ›Solange die Mädels noch klein sind, kommt mir kein solches Unding ins Haus!‹, meinte sie bestimmt, ›dies ist nachweislich schädlich für deren Hirnentwicklung, und überhaupt.‹ ›Na ja‹, gab Papa anfänglich noch nach, wenn auch etwas unverständlich ob dieser, wie er dazu sagte, deutschen Schnapsidee.

Doch vielleicht war es ja gerade umgekehrt, besann sich Christina in unruhevollen Momenten! Versinnbildlichte der Traumhorror letztlich keinen unerwünschten Eindringling, der hartnäckig versuchte ihre Seele zu knacken, sondern stellte den wiederholten Ausbruchsversuch eines dunklen Teils ihres ureigenen Ichs dar?! Ein höchst unangenehmer Gedanke! In dieser Beziehung war sie sich auch als Erwachsene noch keineswegs klar darüber geworden, zumal sie diese Vorstellung fast noch mehr aufschreckte als der Traum selber, falls diese so zuträfe.

Tief ein- und dann wieder ausatmend, so wie sie es sich mal in einem Yoga-Einführungskurs an der Uni zu eigen gemacht hatte, schloss Christina ihre Augenlider, öffnete zugleich ihren Sinn sowie Geist, ließ abermals den skurrilen Traumfilm über die Leinwand ihrer frühsten Erinnerungen flimmern. Irgendwann komme ich dahinter, sagte sie sich zuversichtlich, irgendwann und irgendwie komme ich diesem ganzen Horror und Terror auf die Schliche, denn es muss ja ein tieferer Sinn, eine Erklärung, dahinterstecken! Offenbar war bis jetzt die Zeit noch nicht reif dafür, ähnlich wie ihre Semesterarbeit, welche antriebslos vor sich her dümpelte.

Gedanklich schlüpfte sie bereits in ihren ungewöhnlichen Schwimmanzug, neongelb mit grellrosa Streifenmuster, etwas, was jedes Mal den Hohn und Spott ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Biggi erregte: ›Na, darin siehst du doch aus wie eine bekloppte Barbiepuppe! Damit schreckst du jeden ab!‹ Fast jeden, außer IHN, müsste man präziserweise ergänzen. Nun, der Auftakt war der immer gleiche, nämlich dann, wenn im Traum, ihre kleine Familie mit dem Wohnmobil in den Strandurlaub fuhr, ans nahgelegene Meer, vorzugsweise auf Marthas Weinberg in Massachusetts, und zunächst diese geheimnisvoll schönen Urbilder auftauchten und sie in den Bann zogen …

Christinas früheste Traumbegegnung mit Terra Inkognita oder wie der ganze Wahnsinn seinen Anfang nahm

Samtweich stachen Sonnenstrahlen ins Meerwasser, durchdrangen mit spielerischer Leichtigkeit die Schichten von anfänglichem Malachit bis hin zum gesättigten Azurit. Unentwegt tauchten sie in die Tiefe ein, warfen nunmehr schummerndes Licht auf eine unerkannte, abgeschirmte Welt; ein verästeltes Reich der Sinne, eine Terra Inkognita, ein Neuland ungelüfteter Geheimnisse wie erstaunlicher Wunder.

Lange Zeit dem Weltauge unbemerkt geblieben, denn sorgsam gehütet im Schosse der globalen Abgeschiedenheit im einst scheinbar unergründlichen Weltgefüge, hielt sie sich verborgen, war wie versteckt in den schwer zugänglichen Tiefen der Zeitabfolgen, oder wie als ob ihre Zeit noch nicht gekommen wäre. Wie sich nach ihrer sogenannten ›Entdeckung‹ fortlaufend herausstellte, eröffnete sich dem Erstbesucher eine Welt mit kaum fassbaren Ausdehnungen und Charakteristiken, die schlicht und einfach überwältigten.

Bei genauerem Augenschein erwies sie sich mitnichten als eine schnell begreifbare Welt, denn es war ein Kosmos, so leblos und leer wie dann wiederum voller bunter, knalliger Gegensätze. In dessen unübertrefflicher Vielfalt sowie auf europäische Augen exotisch wirkender Neuartigkeit sich ein außen stehender Betrachter unversehens verlieren musste. Ein Zauber.

Im krassen Gegensatz zur morbiden Ordnung in der alten Übersee war diese Welt überaus beseelt, galt alles darin Geschaffene als lebendig und wahrhaft; fest verankert zwischen den vier Himmelsbögen sowie dem Oben und dem Unten, Vater Himmel und Mutter Erde. Untrennbar miteinander verbunden wurde alles darin von der gleichen Heiligen Kraft gleichermaßen durchströmt, ungeachtet ob im Wasser, an Land, in der Luft, in der geheimnisvollen Frau, dem Feuer, in lebendigen wie scheinbar toten Objekten, egal, ob in Pflanzen, Mensch oder Tier.

Für sich alleine betrachtet bestimmt eine überschaubare Welt mit einer ganzen Anzahl sich selbst regulierender Kreisläufe. In welcher das unvermeidliche Kräftemessen in der Regel mit mehr oder weniger gleich langen Spießen ausgetragen und das zerbrechliche Gleichgewicht der Kräfte, falls erforderlich, immerfort wieder hergestellt wurde. Ehedem das System ungewollt umgekrempelt wurde, vielmehr von der willfährigen Zufälligkeit unterworfen, als es in die fatalen Wildstrudel weltweiter Gezeiten geriet und lange Zeit darin nahezu vollständig unterzugehen drohte.

War es eine perfekte Welt, drängt sich die Frage auf? Das heiß ersehnte Paradies, der Garten Eden, so wie dies vereinzelte Zeitzeugen bei ihrer Landung auf den karibischen Inselstränden einmütig bezeugten?

Nun denn, der unverklärte Blick enthüllte damals schon wie heute eine gleichermaßen von allerlei Makeln behaftete Welt, so wie jede menschliche Gesellschaft dies seit alters her kennt. Eine Welt, wo zwar an Wirkstätten kultureller Hochblüte überragende naturwissenschaftliche und architektonische Errungenschaften zutage gefördert wurden. Gleichzeitig wieder unvorstellbar ausladende Grausamkeit stattfand, in Form abscheulicher Menschenopferungen – und derer nicht wenige – und das Bild jedes Idealisten und Weltenträumers unmittelbar wieder zunichtemachte.

Fälschlicherweise immer wieder als Neue Welt bezeichnet, da es sich genau genommen um eine Uralte Welt handelte, weckte diese doch durch ihren naturgegebenen Reichtum, den vereinnahmenden Zauber des reizvoll Neuen, unzählige Hoffnungen wie Begehrlichkeiten in der Alten Welt: die ewige Gier nach dem gelbglänzenden Metall! Dem scheinbar unberührten Erdteil, der vermeintlich hoffnungsvollen Terra Inkognita, stand mit dem Auftauchen weißen Segeltuchs eine der mächtigsten orkanartigen Umwälzungen bevor, welche nicht nur der entblößte Kontinent, sondern die Welt bis anhin noch nie erfahren hatte. Zweifelsfrei fand eine stattliche Anzahl Begegnungen der befruchtenden Art statt; die Mehrheit der nachfolgenden Erfahrungen indes erwies sich in der Regel vielmehr furchtbarer Natur: das endlose Morden, das blutige Abschlachten und Ausrotten ganzer Völker, der Startschuss zu Raub und Ausbeutung ohne Ende.

Ψ Ψ Ψ

Verwundert hob Christina ihren Kopf, bemerkte wie ein Schatten an der lichtdurchfluteten Wasseroberfläche kurzzeitig das Strahlen des Sonnenlichts beeinträchtigte. Mit scheinbarer Leichtigkeit wie Eleganz durchpflügte eine Lederschildkröte das nasse Element. In kraftvollen Ruderzügen und dennoch in Gelassenheit trugen ihre vier exponierten Ruderfüße den stromlinienförmigen Leib in jede gewünschte Richtung. Bei einer beachtlichen Panzerlänge von bis zu zweieinhalb Metern wie siebenhundert Kilogramm Eigengewicht alles andere als ein Klacks!

Seit Gedenken hegte Christina eine besondere Liebe zu diesen Tieren, bewunderte die Eleganz mit welcher sie sich vorwärtsbewegten, sobald sie sich im richtigen, das heißt, in ihrem Element befanden. Ihr biblisches Alter, welches sie im Idealfall erreichten, beeindruckte sie nicht minder. Einmal den Erwachsenenstatus erreicht und dies mochte im Einzelfall ein Alter von nahezu zwei Jahrhunderten bedeuten, trotzte sie als eine der ältesten Erscheinungsformen auf diesem Planeten nahezu feindlos dem Unbill der Gezeiten. Einzig die Frühzeit des Gelege und der Sandbrut stellte die empfindlichste Phase dar, war der Nachwuchs hochgradig durch vielerlei Nesträuber wie beispielsweise Strandvögel, Wildschweine oder Schakale gefährdet. Dies hinderte sie indes nicht daran, sich in sämtlichen tropischen wie subtropischen Gewässern zu beheimaten. Zuweilen stieß sie den Sommer über in kühlere gemäßigte Zonen vor, bis an die Küsten Schottlands.

Ursprünglich angeregt durch einen Fund auf einem ihrer Familienstrandausflüge – ein versehrtes totes Jungexemplar – stieß Christina bei der Vorbereitung eines Naturkundevortrages in der Schule über eine Fülle interessanter Details bezüglich dieser bemerkenswerten Tierart. So zum Beispiel, wie eine Unterart dieweil auf der Jagd nach ihrer begehrten Hauptnahrungsquelle, den Quallen, bisweilen für Tauchgänge bis zu tausend Metern in finstere Tiefe hinabstieg. Dieses Spektrum ermöglichte ihr das Fehlen eines eigentlichen Knochenpanzers, wie dieser sonst üblicherweise bei Schildkröten anzutreffen war.

›Ich glaube, du fühlst dich selbst ein bisschen wie eine dieser Schildkröten, Christina, nicht?‹, sagte ihre Lehrerin bei der Rückmeldung am Ende der Stunde. ›Wie meinen Sie das?‹, hakte Christina etwas verunsichert nach. ›Ja, ich denke, diese Schildkröten haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dir, Christina. Sie sind flink, bewegen sich geschmeidig, sobald sie in ihrem Element sind. Überdies sind sie klug, verhalten sich instinktiv richtig, eigentlich so wie du!‹ Christinas zehnjährige Augen blickten strahlend auf, dann fragte sie: ›Sie meinen, Frau Miller, es ist kein Zufall, dass mir diese Tiere gefallen?‹ ›Nein, ist es wahrscheinlich nicht. Vermutlich spiegelst du dich in ihnen, oder sie in dir. So wie diese Tiere in unglaubliche Tiefen vordringen können, um Nahrung zu finden, stichst auch du tief runter, wenn du etwas suchst. Dein Vortrag war wirklich hervorragend! Diese Details!‹ Mit ihrer wohl eher randläufigen Bemerkung traf sie die Sache im Kern und hinterließ bei der kleinen Christina weit mehr als einen mächtigen Eindruck, welchen diese ihr Leben lang nicht mehr vergessen sollte. Zum damaligen Zeitpunkt vermochte Frau Miller kaum zu erahnen, welch treffende Feststellung sie gemacht hatte. Ja, beinahe schon eine Vision anberaumte!

Wiederum wandte sich Christinas Blick der Meeresschildkröte zu, welche über ihr durchs sonnenerwärmte Wasser glitt. Im Traum erforderte sie kein Sauerstoffgerät, sondern war imstande, stundenlang unter Wasser mit ihrer ledrigen Freundin zu spielen. Unvermittelt wurde diese nun durch einen mächtigen Stoß auf die Seite geschleudert, ließ sie kurzzeitig wie benommen im reißenden Strudel herumwirbeln. Unmittelbar schoss ein Blutstrom hervor, tränkte die Umgebung in Dunkelrot. Fetzen quollen hervor, da wo sich kurz zuvor noch ihr rechter Vorderfuß befunden hatte. Kaum hatte sich Christina von diesem Schrecken gefangen, erfolgte in unmittelbarer Abfolge ein zweiter Schlag, dieses Mal von unten. Neues Blut floss hervor, färbte das türkisfarbene Wasser erneut schwarzrot und hinterließ ein klaffendes Loch an der Stelle, wo soeben ihr linker Hinterfuß abgerissen worden war. Erheblich in der Manövrierfähigkeit beeinträchtigt taumelte ihr versehrter Körper in den gefärbten Schwaden ihres eigenen Körpersaftes, ließ die verbliebenen zwei Gliedmaßen mehr hilflos als nützlich zappeln.

Was sich nun vor Christinas aufgerissenen Augen auftat, war ein ihr bis dato unbekannter Schattenriss, eine Erscheinung, welche sich ruhig auf gleicher Höhe hielt wie sie und ihre angeschlagene Freundin. Der Anblick war so gespenstig: Ein riesiger Fisch, gewaltig in seinen körperlichen Ausmaßen, geschätzte acht Meter lang wie geschätzte vier Tonnen schwer! In seiner Gesamtwirkung gedrungen verlief die Linie seines spindelförmigen Körpers von der konisch zulaufenden, stumpf endenden Schnauze über das Hellgrau seines Rückens zur mondsichelförmigen Rückenflosse. Beschleunigung binnen weniger Sekunden sowie anspruchsvolle Manöver, ja, sogar Sprünge aus dem Wasser, um Seehunde zu packen und im Anschluss zu zerfleischen, gehörten in sein Repertoire. Was Christina sogleich ins Auge sprang, war die Bauchseite, markant weiß, strahlend weiß, grenzte sich in einer unregelmäßigen Linie scharf von der Flankenfärbung ab. Lange Kiemenschlitze auf der Seite verstärkten den Eindruck eines Kraftprotzes um ein Vielfaches. Die vernehmlich sichtbaren, wenn auch relativ kleinen Augen stachen wie pechschwarze giftspritzende Perlen hervor, niemals Gutes verheißend.

Doch, was augenscheinlich überwog und alles weit in den Schatten stellte, war das augenfällige Gebiss. Dieses prägte umso mehr das Bild, als dass die kräftigen Kiefer keine Lippenfalten aufwiesen. Unübersehbar fiel Christina die geschlossene Schneidekante auf, welche mit breiten, dreieckförmigen sowie mit gesägtem Rand versehenen Reißzähnen, quer übers längliche Maul, bestückt war. Dies war unleugbar, wie in der Fachsprache als Revolvergebiss bekannt, die perfekte Maschinerie oder Ausstattung eines Jägers, eines Räubers, ja, Großräubers!

Minutenlang geschah nichts, beängstigend nichts.

Einmal zog der lauernde Raubfisch seine Kreise beklemmend eng, dann wiederum aufatmend grösser; immerzu sein gefräßiges Maul zur Schau stellend.

Dann, plötzlich,

war er

weg!

So schnell wie er vorhin aufgetaucht war, so schnell war er wieder verschwunden.

Aus dem Nichts.

Zurück ins Nichts.

Entweder war sein Hunger gestillt oder sein Interesse erloschen, dachte Christina, die nervenaufreibende Stille, welche einsetzte, kaum aushaltend. Was soll ich jetzt nur tun, schoss es ihr durch den Sinn. Rasch auftauchen? Dadurch wäre sie jedoch noch längst nicht in Sicherheit! Sicher möglichst schnell weg von hier, wie immer dies gehen sollte! Denn eines war ihr mehr als klar: das bislang anmutige Meer, ihre unbescholtene Welt, war binnen Kürze in eine unberechenbare Todeszone verwandelt worden, der Meereslustgarten in eine todbringende Falle!

Nun ja, allzu viel Zeit zum Zaudern blieb ihr nicht. Denn, wie ein geräuschloser Blitz aus der Schwärze der Tiefsee schoss der böse Fisch, das Weiße Ungeheuer, wieder empor, ein erneuter Hieb, schärfer als hundert Rasierklingen. Ein betäubender Schlag; und der dritte Ruderfuß der Lederschildkröte wurde abgebissen und sogleich zur Speisung verschlungen, ein erneutes Häppchen vor dem Hauptakt! Dieser ließ nicht lange auf sich warten. Den letzten Akt des absehbaren Dramas kündigte nun ein starker Sog, der die Wassermassen heftig durcheinander wirbelte, an. Augenblicklich tat sich nun vor Christina ein meterhoch aufgesperrtes blitzendes Klingengebiss auf. Literweise Blutflüssigkeit versprengte in den wild sprudelnden Blasen, als sich die zwei Zahnreihen von oben wie unten her kommend, mit 1 Atmosphäre Druck, durch die Weichschale des wehrlosen Opfers bohrten, es packten, unentwegt heftig schüttelten, bis es ihm den Großteil seines Fleisches aus dem Leib gerissen hatte. Benommen vom grausigen Anblick hielt Christina beide Hände vors Gesicht, schluchzte bittere Tränen ins salzige Wasser. Was war dies nur für ein bösartiges, schreckliches Ungetüm, das ihre Freundin vor ihren Augen bei lebendigem Leibe zerfleischte?!

Zweifelsfrei war dies der perfekte Angriff; die überaus geschickt angelegte Taktik eines verdeckt agierenden Strategen, der sich von vornherein einen Plan seiner Vorgehensweise zurechtgelegt hatte. Dabei die Gesamtheit der Faktoren, die einen ungünstigen Einfluss auf seine Aktion haben könnten, mit einkalkulierte. Nun denn, die Rechnung ging ihm mehr als auf: Planung, Aufstellung wie rasche Umsetzung seiner räuberisch veranlagten Konzeption waren geglückt.

Zutiefst geschockt gewahrte Christina wie der Rumpfteil des Opfers wie ein weggeworfener Blutklumpen Fleisch regungslos durch das Wasser schwebte. Der einzig übriggebliebene Ruderfuß zuckte dabei mehr unbeholfen im unverändert lieblichen Schein einfallender Sonnenstrahlen. Der Kopf, im ganzen Drama erstaunlich unversehrt geblieben, hing halb benommen am Reststück der Schale. Von welcher Bedeutung, welchem Nutzen, er nunmehr noch war, denn die Substanz, der Leib, war weg, war nicht abzusehen. Eins war hingegen unverzüglich klar: der Raub, die anschließende Ausbeutung, waren damit vollzogen, das Überleben des Großjägers der Meere, zumindest zeitweilig, gesichert.

Unmittelbar die Kälte des Wassers spürend, riss sich Christina selbst wieder zurück zu Sinnen. Mit einem Schlag wurde ihr bewusst, in welch großen Gefahr sie sich befand! Ein Jäger dieses Großkalibers gibt sich bestimmt nicht mit Häppchen zufrieden, schoss es ihr so spontan wie richtig durch den Kopf. Ihre Kalkulationen, welche sämtliche Fluchtinstinkte in ihr als Kind weckten, sollten sich nicht als unbegründet erweisen. Kaum hatte sich das rotverfärbte Wasser einigermaßen wieder geklärt, blickte sie dem Silberpfeil frontal ins Angesicht. Keinerlei Zeit verschwendend hatte sich dieser in Stellung gebracht, schoss nunmehr wie ein Wassertorpedo auf sie zu. In äußerster Bedrängnis schrie Christina jeweils: ›Mama, Papa! So helft mir doch! Warum guckt ihr denn nur zu?!‹ Dies waren ihre letzten Worte, ehe sie im Schlund des bösen Fisches verschwand und derweil sich dessen spitzen Zahnreihen in ihren Leib bohrten. Sogleich umhüllte jeweils dichte Finsternis ihr Bewusstsein. ›Mama, Papa! Warum helft ihr mir denn nicht?! Mein Gott, warum hilft mir denn niemand?!‹, hallte es noch eine Weile schluchzend nach, ehe sie schweißgebadet aus ihrem Traum erwachte.

Ψ Ψ Ψ

Schmerzliche Erinnerungen und offene Wunden

»Ich habe wieder von ihm geträumt, Mama!«, sagte Christina mit traurigen Augen, blickte zu Mutter, derweil die Novemberböe ihr langes schwarzes Haar wild um ihre koreanischen Gesichtszüge, ein Erbstück väterlicherseits, flattern ließ. Ihre Mähne, welche sie in der Regel als Pferdeschwanz trug, hatte sie zwar unter ihrer roten Wollmütze mit Elchmuster festgemacht, zum x-Mal, doch die entfesselten Elemente am Strand des Jakob Riis Parks, in Neu Yorks östlichem Stadtteil Queens gelegen, ließen sich an diesem Sonntagmorgen nicht bändigen. Rechts bei ihrer Mutter eingehakt, Biggi links, stemmten sich die drei Frauen gegen den eisigen Polarwind, welcher ihnen unablässig ins Gesicht schnitt.

»Du meinst, der böse Fisch?«, fragte Claudia, strich sich dabei eine Strähne ihres aschblonden schulterlangen Haares aus dem Gesicht. Ihr ansonsten tiefblaues Augenblau schien unter dem derzeit rabenschwarzen Wolkendach seine Wirkung verloren zu haben. Oder waren es vielmehr die Umstände, die sie vor gut zwei Monaten aus der Bahn geworfen hatten, auf brutale Weise, ohne Vorwarnung, und ihr Leben seither in düstere Grautöne tauchte? Grauer noch als das ungestüme Meer da draußen! »Nein, ja, also, ich meine«, sagte Christina, verwundert darüber, dass ihre Mutter umgehend an ihre seelische Altlast dachte. Eigentlich hatte sie seit Jahren nicht mehr darüber gesprochen, bewusst verschwiegen. Und jetzt fragte Mutter spontan danach? »Nein, von diesem habe ich tatsächlich heute Nacht geträumt! Aber eigentlich habe ich an Papa gedacht, in der Regel träume ich von ihm!«

Seufzend, und mit betrübtem Gesichtsausdruck, strich sich Claudia erneut eine lose Strähne weg, während ihr ruheloser Blick übers dunkle Wasser streifte, sagte dann: »Papa, ach ja. Da geht es uns vermutlich allen gleich. Ich hatte heute Nacht auch einen Traum, wo er auftauchte. Immer die gleichen Szenen! Wie sie von der Wache losziehen, den Turm raufstürmen, bis er ….«

»Wir träumen doch alle von nichts anderem mehr!«, äußerte sich nun Biggi verdrossen, biss sich auf ihre rosa Lippen, bis sie rot waren. Die Kälte war wirklich kaum auszuhalten heute Morgen, und doch hatten sie sie bewusst gesucht, als wollten sie dadurch ihre Wunden kühlen, im Augenblick der einzige Weg, den Irrsinn und Schmerz auszuhalten. »Ehrlich gesagt, kann ich kaum mehr an etwas anderes denken. Es verfolgt mich Tag und Nacht! Papa ist mir nonstop präsent!«

»Wem nicht«, fügte Claudia leise an, vermied es bewusst ihren Töchtern zu sagen, was sich für sie täglich zu einer Gewissheit verfestigte, nämlich, dass ihre Familie fortan unvollständig weiterbestehen musste. Dann zu Christina blickend: »Glaubst du, dass dies Zufall ist?«

»Was Zufall, Mama?«

»Dein Traum vom bösen Fisch. Ich meine, in einem gewissen Sinn hat uns am 11. September alle ein bösartiger Fisch überfallen. Auf ganz rabiate Art und Weise!«

Christinas Antwort ließ einen Augenblick auf sich warten, dann: »Hm, weiß nicht, könnte sein, eine gewisse Parallele steckt durchaus drin.« Weiter draußen tobte unentwegt der aufgewühlte Atlantik, schien noch lange nicht zur Ruhe zu kommen. Mächtige Wellen wurden in der Ferne von sturmartigen Böen aufgepeitscht, mit lautem Krachen an den flachen Sandstrand geworfen. Zischende Schaumkronen drangen in ihren letzten Ausläufern bis nahe an Christina heran. Es war ihr, als könnte sie die unbändige Kraft des Meeres förmlich riechen, sein Salz, seine feine Gischt, welche es weit in den Flachstrand hineinspritzte. »Was wir vor zwei Monaten Schreckliches erlebt haben, würde eigentlich ganz gut ins Schema passen. Da ist ja auch wie aus dem Nichts ein monströses Ungeheuer aufgetaucht und hat in dem Fall Papa verschlungen.«

»Dies würde alles zusammenpassen«, sagte Claudia, zupfte sich ihren seidenen Schal zurecht. Allmählich wurde es ungemütlich, wenngleich sie das ausklingende Sturmwetter in vollen Zügen genoss. Irgendwie paradox. Aber was war nicht paradox zurzeit? Alles war paradox, machte keinen Sinn!

»Vielleicht versucht mein Unterbewusstsein mit eigenen Mustern damit fertig zu werden, überträgt es dabei auf Altbekanntes«, sinnierte Christina weiter, mit den Schultern zuckend, wischte sich die leicht klebrige Schicht von ihren Wangen. »Mensch, klebt das!«

»Oder vielleicht ist es gerade umgekehrt, gar ein Omen!«, meldete sich nun Biggi, als ob ihr soeben eine neue Erkenntnis eingegeben worden wäre. Ihr ganzes Äußeres bildete das perfekte Kontrastprogramm zu ihrer älteren Schwester, schlug in vielerlei Hinsicht ihrer Mutter nach und erfüllte körperlich nahezu jedes Klischee einer Germanin: straffes blondes Haar, wie Mutter Mittelscheitel, stahlblaue Iris, strackgewachsen nach dem Vorbild ihres deutschen Großvaters, der auch in Konstanz, seiner süddeutschen Heimatstadt am Bodensee, aus der Menge ragte.

»Wie ein Omen?«, fragte Christina, überrascht und neugierig, drehte den Kopf zu ihrer Schwester. Bisweilen bestach ihre Schwester durch interessante Äußerungen und Vergleiche, die ihr nie gekommen wären.

»Ja, sozusagen eine Vorahnung, eine Vorwegnahme, was eines Tages mal mit Papa geschehen würde.«

»Hm«, stutzten Claudia und Christina gleichzeitig, sich gegenseitig mit rätselndem Blick musternd; Claudias Stirn legte sich unmittelbar in Falten. »Meinst du wirklich? Ist dies nicht ein bisschen weit hergeholt? Ich meine, Christina verfolgt dieser Albtraum, seit sie auf der Welt ist. Da einen Zusammenhang zu sehen …«

»Aber solche Phänomene gibt es doch«, wendete Biggi sogleich ein, einen leichten Unmut in sich verspürend, da ihr schien, dass ihr – nicht zum ersten Mal – niemand Glauben schenken wollte. Unmittelbar löste sie sich von Mutters Arm, begutachtete ihre in zwei konträren Farben bestrichenen Fingernägel. Alles noch in Ordnung, nahm sie mit Erleichterung zur Kenntnis. Florina, ihre beste Freundin aus der Nachbarschaft, würde ihr nicht die Show stehlen. Noch nicht!

»Schon, aber …«

»Wieso ›aber‹, Mama? Hast du vergessen, was du uns immer erzählt hast?«

Unmittelbar machte sich Verlegenheit in Claudias stark unterkühlten Wangen breit, ließ ihre gerötete Stupsnase kräuseln, als ob sie mit einer Feder gekitzelt würde. Obgleich ihr Biggi bislang mehr Kopfzerbrechen bereitet hatte als Christina, welche immerzu über mehr Selbstsicherheit verfügte, so entlockte ihr Papas blonder Engel mehr Schmunzeln. »Du meinst die Geschichte von Onkel Jans Kanarienvogel?«

»Ja.«

»Aber, ich glaube, dies kannst du kaum vergleichen, Biggi. Das war harmlos im Vergleich zu dem, was Papa widerfahren ist.«

»Warum denn nicht? Der arme Vogel ist auch verdurstet und tot vom Stängel gefallen. Wie du immer gesagt hast, muss das ziemlich zeitgleich geschehen sein, oder kurz bevor die Beduinen Onkel Jan fanden. Gewissermaßen ein Omen!«

»Ja, schon, aber das hatte vielleicht vielmehr mit Omas Nachlässigkeit zu tun, weil sie vergessen hatte, den Trinkbehälter aufzufüllen. Und es war eine ungewöhnliche Hitzewelle in jenem Sommer. Dass mein eigenwilliger großer Bruder unbedingt alleine mit dem Fahrrad durch die Sahara pilgern wollte, nur um sich etwas zu beweisen, hat ja damit nicht direkt zu tun. Abgesehen davon hat er überlebt, wenngleich stark hydriert und mit unglaublich viel Glück! Oma hat ihn bereits abgeschrieben. Ich weiß noch: das war ein Drama zuhause!«

»Trotzdem. Oma hat doch erzählt, dass sie als Kind auch immer einen seltsamen Traum gehabt hatte. Auch mit einem Kanarienvogel interessanterweise. Der wurde zwar von Nachbars Katze gefressen, aber so ein Omen steckte doch auch drin, auch wenn’s dann glücklich endete mit Jan.«

»Was bei Papa wohl kaum der Fall sein wird. Ich nehme nicht an, dass er eines Tages vor der Türe stehen wird. Nein! Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Die Realität hier ist eine andere.« Thomas kommt nicht mehr zurück, dachte sie leise für sich, so hart dies war!

Halb Ohr lauschte Christina der Konversation von Claudia und Biggi, kannte diese Familienanektote in- und auswendig. Was derzeit ihr Gemüt bewegte, war weniger das Schicksal eines lapidaren Kanarienvogels und seines abenteuerdurstigen Besitzers. Oder die Frage, ob ihrem Albtraum aus der Kindheit eine tiefere Bedeutung innewohnte. Vielmehr umtrieb sie die quälende Ungewissheit, wo Papa sich befand, als ES passierte, wie es ihm wohl in den letzten Stunden und Minuten seines mutmaßlichen Ablebens ergangen war. Ob er sich bewusst war, was vor sich ging? Musste er noch lange leiden oder ging es kurz und schmerzlos? Ja, und überhaupt, WO war er eigentlich?! Gehörte er zur Gruppe der Feuerwehrleute, welche beim Einsturz des Südturmes ums Leben kamen, dabei gleichermaßen überrascht wurde wie die ganze Welt, welche am Bildschirm das Unfassbare fassungslos mitverfolgte? Oder schaffte er es vielleicht im letzten Zwick vorher raus, wurde dann aber von herabstürzenden Teilen getroffen oder darunter begraben? Gemäß Auskunft des Departements, wenngleich mit Vorsicht zu genießen, befand sich seine Einheit im Südturm, stürmte eines der Treppenhäuser hinauf, auf der Suche nach gefährdeten Menschen, um sie zu evakuieren? Doch war dem wirklich so? Schließlich sagte sie zu Mutter und Schwester, fast etwas vorwurfsvoll: »Wisst ihr was? Ich erfriere bald! Können wir nicht langsam umkehren? Ehrlich gesagt, mag ich jetzt nicht über alberne Kanarienvögel und Onkels auf ihren skurrilen Selbstfindungstrips nachdenken.«

Überrascht starrten beide sie an. Unmittelbar erkannte Claudia die Banalität ihres Themas, realisierte, dass sie gegenwärtig doch ganz anderer Kummer in Beschlag nahm! Andererseits, wie der Spaziergang bei ungewöhnlichen Witterungsverhältnissen wie heute, so tat es doch gut, wieder mal auf andere Themen sprechen zu kommen als immerzu um die gleiche Ödnis zu kreisen. Die seit zwei Monaten tiefklaffende Wunde in ihren Seelen würde noch lange Ursache des Schmerzes sein. Dieser Horror und Terror war unauslöschlich Teil ihrer Lebensgeschichte geworden, ob sie diese Vorstellung nun mochten oder nicht. Etwas Ablenkung und Verdrängung war bisweilen gar keine schlechte Strategie, um sich selbst nicht noch verrückt zu machen. Das hatte ihnen Oma Gerlinde nahezu eingehämmert, aus guter Erfahrung.

»Weißt du, Mama«, sagte Christina, ihren Blick auf die wohlbekannte Sandpiste vor ihnen gerichtet, »dies hier erinnert mich an allen Ecken und Enden an Papa, an früher. An unsere Ausflüge hierher, im Sommer, wenn’s richtig heiß wurde, und der Badestrand knallvoll war. Weißt du noch?«