Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein kluges, stolzes Bauernmädchen kämpft für ihr Glück - und für ihr Pferd Brunka. Nachdem der finstere Ritter Adalbert Eliane gefährlich verletzt, rettet sie ihr neuer Freund Willi und bringt sie aufs königliche Schloss. Dort findet das Mädchen Unterstützung durch ihn und seine Freunde, Ritter Johann und die Köchin Luise. Auch wenn Johann und Wilhelm sie auf das große Turnier vorbereiten, erscheint die Situation aussichtslos, als sie im Schwertkampf gegen ihren Kontrahenten antreten soll. Kann Eliane mithilfe ihrer Freunde Ritter Adalbert tatsächlich besiegen und Brunka für sich gewinnen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
A.M. Winter lebt in Süddeutschland und arbeitet hauptberuflich mit Pferden. Seit ihrer Schulzeit begeistert sie sich außerdem für das Schreiben. Ihre Geschichten veröffentlicht sie unter Pseudonym. Mit der Eliane-Reihe vereinigt sie ihre beiden Leidenschaften: Ein einfühlsamer Umgang mit Pferden in nicht minder gefühlvollen Abenteuern, die zum Mitfiebern und Träumen einladen.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
ANHANG
Die Sonne würde schon bald untergehen und Eliane wurde sich dessen bewusst, dass sie bereits viel zu lange einfach nur dagesessen und vor sich hin geträumt hatte. Langsam wurde es Zeit, ihren Lieblingsplatz im Wald zu verlassen und ins Dorf zurückzukehren, auch wenn sie lieber hier draußen in der freien Natur geblieben wäre. Aber schließlich wollte sie nicht noch befremdlicher auf die Bewohner des kleinen Dorfes wirken, als sie es ohnehin schon tat.
Eliane wusste, dass die übrigen Einwohner hier geboren worden waren und vermutlich auch hier sterben würden, ohne jemals den Ort verlassen zu haben. Wie kurzsichtig und trostlos solch ein Leben sein musste. Fast taten ihr die Menschen leid, die in dieser Enge gefangen waren, und damit meinte sie nicht allein die Enge des Dorfes, sondern jene Enge, die in den Köpfen der Leute herrschen musste. Andererseits war Eliane selbst nun schon lange genug hier, kannte alles und jeden und konnte mit der für sie unbegründeten Furcht der Menschen umgehen. Aber sich selbst diesem Verhalten anzupassen, wäre wirklich zu viel verlangt gewesen, auch wenn ihre Ziehmutter Hilde es natürlich gern gesehen hätte.
Trotz der großen Unterschiede, die unüberwindbar schienen und schon oft für Diskussionen gesorgt hatten, liebte sie ihre Zieheltern Hilde und Olaf sehr. Sie war diesen Menschen unendlich dankbar, die sie vor vielen Jahren quasi an Kindes statt in ihre Familie aufgenommen hatten und immer gut zu ihr gewesen waren. Damals war sie ungefähr acht Jahre alt gewesen, als sie ihre leiblichen Eltern durch eine grassierende Seuche verloren hatte.
Auch wenn Eliane damals ein kleines Mädchen gewesen war, konnte sie sich noch gut an ihre leiblichen Eltern erinnern und dachte gern daran, was sie alles zusammen erlebt hatten. Ihre Eltern waren anders gewesen als die Dorfbewohner. Eliane selbst hatte viel davon geerbt, worüber sie sehr glücklich war und was sie jetzt ein wenig schmunzeln ließ, als sie so darüber nachdachte.
Sie wusste nicht, woher ihre Eltern ursprünglich stammten, und auch ihre Großeltern hatte Eliane nie kennengelernt. Aber das hatte sie damals nie als wichtig empfunden. Sie hatte mit ihren Eltern zusammen ein interessantes und abwechslungsreiches Leben geführt. Dabei war Eliane viel herumgekommen und hatte weit entfernt liegende Orte gesehen, die im Vergleich zu ihrem jetzigen Wohnort einen aufregenden, ja geradezu exotischen Eindruck bei dem Mädchen hinterlassen hatten. Auch die unterschiedlichsten interessanten Menschen hatte Eliane im Laufe ihres noch jungen Lebens kennengelernt.
Es hatte sie ebenfalls nie gewundert, dass ihre Eltern die Kunst des Lesens und Schreibens beherrschten. Die meisten der Dorfbewohner konnten dies entweder gar nicht oder nur schlecht. Natürlich gab es in dem kleinen Ort keine Schule, wo die Kinder das Lesen hätten erlernen können. Andererseits hatte Eliane selbst in ihrem Leben nie eine Schule besucht. Sie hatte das Lesen und Schreiben von ihren Eltern beigebracht bekommen und war stolz darauf, selbst wenn dieses Können nun einen weiteren Punkt darstellte, der sie von den übrigen Einwohnern unterschied und wegen dem sie hin und wieder misstrauisch beäugt wurde.
Als ein kühler Windhauch die nackte Haut ihrer Unterarme streifte, ließ das darauffolgende Frösteln Eliane augenblicklich in die Gegenwart zurückkehren. Die Tatsache, dass sie gleichzeitig ein Aufstellen ihrer Nackenhaare spüren konnte, verstärkte das ungute Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmen konnte. Eliane hatte den Eindruck, heimlich beobachtet zu werden. Sie registrierte, dass ihr Herz plötzlich schneller schlug, und erhob sich von ihrem Sitzplatz, bereit, sofort wegzurennen, falls dies nötig sein sollte.
Vorsichtig sah Eliane sich nach allen Seiten um, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken, das ihr hätte gefährlich werden können. Womöglich waren es nur ihre eigenen Gedanken gewesen, als sie über die Unterschiede zwischen ihren Eltern und den Dorfbewohnern gegrübelt hatte, die ihr einen Streich gespielt hatten? Oder wurde sie tatsächlich von jemandem beobachtet, der sich gut verborgen hielt?
Wie dem auch sei, Eliane beschloss, sich nun lieber auf den Heimweg zu machen. Sie zwang sich, dabei betont langsam zu gehen, denn durch eine schnelle Flucht würde sie die Aufmerksamkeit eines etwaigen Angreifers weit mehr erregen, als ihr lieb sein konnte, mutmaßte sie.
Während Eliane den schmalen Pfad entlangschritt, hielt sie unauffällig nach verdächtigen Bewegungen Ausschau und lauschte angestrengt, konnte aber nur die üblichen Geräusche des Waldes wahrnehmen. Als ihre Anspannung sich so langsam wieder legte, musste sie sich unweigerlich die Frage stellen, ob die Ängste der Dorfbewohner vor dem finsteren und unheimlichen Wald nicht doch langsam auf sie abfärbten.
Was hätten ihre Eltern Eliane wohl in solch einem Fall geraten? Sie hatten sich selbst als aufgeklärte Menschen bezeichnet und wussten über die Zusammenhänge der Abläufe in der Natur ebenso gut Bescheid wie sie die Schrift beherrschten oder rechnen konnten. Für Eliane als gebildetes Mädchen war das Lernen deshalb seit jeher etwas Selbstverständliches gewesen. Es hatte sie schon immer begeistert, wenn sie Neues dazulernen konnte, und deshalb hatte sie sich angewöhnt, die Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern zu hinterfragen und ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Am liebsten hätte Eliane auch jetzt auf der Stelle kehrtgemacht, um sich auf der Lichtung noch einmal davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war und es dort nichts gab, wovor sie sich fürchten musste. Doch der bereits tiefe Stand der Sonne am Horizont ließ schließlich die Vernunft über die Neugier des Forscherdrangs siegen.
Während sie ihren Heimweg fortsetzte, kehrten ihre Gedanken erneut in die abenteuerliche Vergangenheit zurück, die sie geprägt hatte. Dabei musste sie sich wehmütig eingestehen, dass ihr das Herumziehen über die Lande, wie sie es mit ihren Eltern getan hatte, im Grunde sehr fehlte.
Ihr Vater war ein geschickter Handwerker gewesen, der in den Orten, wo sie Halt gemacht hatten, vor allem als Kesselflicker gearbeitet hatte. Er hatte das nötige Werkzeug besessen und ebenso die Fertigkeit, Dinge zu reparieren. Wenn es nötig war, hatte er auch bei anderen Arbeiten geholfen, zum Beispiel wenn Reparaturen an Häusern zu verrichten gewesen waren.
Auch die Mutter hatte die unterschiedlichsten Arbeiten angenommen. Sie konnte geschickt Kleider ausbessern, ändern oder auch herstellen, wenn sie das Tuch dafür bekam. Aber auch Garten-, Haus- oder Feldarbeit verrichtete sie oft und gern. Und für Eliane als Mädchen war es selbstverständlich gewesen, Mutter oder Vater bei deren Arbeitsgängen zu begleiten und selbst Hand anzulegen. So war ihre Familie in jenen Orten, in denen sie Station machten, immer ein gern gesehener Gast und durch die Unterstützung, die sie den Leuten anboten, konnten sie auch gut ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wie sie für ihre Arbeit entlohnt wurden, hing zumeist davon ab, wie vermögend die Auftraggeber waren. In ärmeren Dörfern bestand die Entlohnung oft aus Naturalien, beispielsweise Obst und Gemüse oder Eier sowie andere Nahrungsmittel, welche die Menschen entbehren konnten. In größeren Städten wurde aber auch mit richtigen Münzen bezahlt.
Besondern gern erinnerte sich Eliane an das Maultier, das ihre Familie ihr Eigen genannt hatte und das auf ihren Wanderungen den Karren mit den Habseligkeiten gezogen hatte. Sie hatte das Tier sehr geliebt und war auch gern ein Stück des Weges neben ihm hergegangen, anstatt sich einfach nur im Karren ziehen zu lassen. Wie sehr wünschte sie sich doch, wieder ein Maultier, ein Pferd oder einen Esel zu haben!
Die vielen Orte, die Eliane im Laufe der Jahre gesehen hatte, hätte sie gar nicht alle aufzählen können. Es kam aber auch hin und wieder vor, dass einzelne Ziele im Laufe der Zeit wiederholt angesteuert wurden und sich die Menschen dort sehr freuten, ihre Helfer vom Vorjahr wiederzusehen. Es waren daraus gelegentlich richtige Freundschaften zwischen ihren Eltern und einzelnen Kunden entstanden, die die umherziehende Familie dann gern bei sich aufnahmen.
So war es auch in dem kleinen Dorf, das nun zu ihrem festen Wohnsitz geworden war. Der Schmied Olaf hatte die Hilfe ihres Vaters immer mit Freude in Anspruch genommen, denn abgesehen von den Reparaturen, die er in dessen Werkstatt durchführen musste, konnte er ihm auch bei seiner täglichen Arbeit behilflich sein. Mutter hatte den Frauen im Dorf geholfen und daher viele Menschen gut gekannt. Und wenn sie abends ins Haus des Schmieds zurückkehrte, hatte sie für dessen Frau Hilde oft noch die Gartenarbeit übernommen. Besonders im hinteren Teil des Gartens hielt sich Hilde nicht gern auf, weil die Schmiede am Ortsrand lag und der Garten dort direkt an den für sie unheimlichen Wald angrenzte. Elianes Mutter hatte das nichts ausgemacht, im Gegenteil: Der Wald mit seinen Vögeln, Wildtieren und Pflanzen war ihr ein Quell der Erholung nach der Arbeit mit den Menschen gewesen. Als kleines Mädchen hatte Eliane gern dabeigesessen, wenn die Mutter im Garten gearbeitet und ihr Geschichten erzählt hatte. Später hatte sie dann auch selbst mithelfen dürfen, wo immer es möglich war. Sie hatte es damals schon geliebt, wie ihre Eltern den Menschen zur Hand zu gehen, und hatte diese Arbeit dann schließlich für Hilde und Olaf fortgeführt, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Auch wenn mittlerweile bereits zehn Jahre vergangen waren, spürte sie immer noch eine tiefe Traurigkeit, sobald sie an den schmerzhaften Verlust dieser geliebten Menschen erinnert wurde.
Beim Gedanken daran bekam Eliane feuchte Augen. Obwohl sie an diesem schönen Sommerabend keinesfalls weinen wollte, schaffte sie es nicht, die aufkommende Trübsal aus ihrem Kopf zu verbannen.
Kurz nachdem sie damals hier im Dorf angekommen waren und wie üblich in der Schmiede Quartier bezogen hatten, hatten sie von einzelnen Krankheitsfällen erfahren. Ihre Mutter, die sich gut mit Kräutern und Hausmitteln auskannte, hatte schon oft geholfen, Kranke zu pflegen.
Auch diesmal hatte sie sich bemüht und manche kamen dank ihrer Unterstützung tatsächlich wieder auf die Beine. Nur leider musste sie sich selbst bei einem der Kranken angesteckt haben.
Kurz nach ihr war auch Vater erkrankt und sogar Eliane war von dem Fieber heimgesucht worden. Vielleicht hatte sie deswegen so wenig klare Erinnerung an diese schreckliche Zeit. Sie musste mehrere Tage im Bett verbracht haben, erinnerte sich bloß an einzelne Momente, wenn Hilde oder Olaf bei ihr waren und ihr etwas zu trinken eingeflößt hatten, bevor sie wieder in einen monotonen Dämmerzustand gefallen war.
Als sie schließlich zu sich kam, war nur noch sie allein von ihrer Familie übrig geblieben. Ihre Eltern waren bereits begraben. Etwa die Hälfte der Dorfbewohner waren von der Seuche hinweggerafft worden. Es hatte lange gedauert, bis Eliane begriffen hatte, was geschehen war. Seitdem lebte sie nun bei Hilde und Olaf und war für die beiden, die keine eigenen Kinder hatten, wie eine Tochter geworden.
Hilde und Olaf … Bei diesem Gedanken fiel Eliane ein, dass sie sich beeilen musste, wenn sie zu Hause eintreffen wollte, bevor es gänzlich dunkel war. Wie üblich hatte sie den Garten hinter der Schmiede, der von der Straße und den anderen Häusern aus nicht einzusehen war, auf nur ihr bekannten Wegen über den Zaun verlassen und war die Waldböschung hinaufgestiegen und zu der kleinen Lichtung gegangen. Nun lief sie denselben Weg zurück, um möglichst bald zurück zu sein, sodass sich ihre Zieheltern nicht unnötig Sorgen machten.
Sie gelangte durch den Hintereingang in den Vorratsraum und ging in die daran angrenzende Küche, wo Hilde gerade dabei war, das Abendessen zuzubereiten. Dort begann sie wie selbstverständlich, den Tisch zu decken. Sie war dankbar dafür, dass Hilde fast nie Fragen stellte, wo sie gewesen war und was sie getan hatte. Es war ihr unmöglich zu ergründen, ob Hilde überhaupt davon wusste, dass sie im Wald unterwegs gewesen war. Da ihre Ziehmutter den Garten nach Möglichkeit mied, hätte sie auch vermuten können, dass Eliane bis eben dort gearbeitet hatte.
»Eliane, könntest du noch schnell einen Kopf Salat von draußen holen?«, bat Hilde sie.
Diesem Wunsch kam Eliane gern sofort nach und stellte dabei fest, dass es tatsächlich bereits Nacht geworden war. Ehe sie ins Haus zurückkehrte, hielt sie noch einmal kurz inne und lauschte in die Dunkelheit auf die Geräusche des Waldes. Der Gedanke daran, dass irgendjemand oder irgendetwas sie heute auf der Lichtung beobachtet hatte und ihr womöglich vielleicht sogar gefolgt war, verursachte Eliane eine Gänsehaut.
Es war eine überaus wichtige Reparatur, die der Schmied heute zu erledigen hatte: An dem Karren des Schäfers, den dieser stets mit all seinem Hab und Gut bei der Herde mitführte, war die Achse gebrochen und an ein Fortkommen war so natürlich nicht zu denken.
Nach dem Frühstück würde sich Eliane zusammen mit Olaf auf den Weg begeben, um ihn zu den Weiden zu begleiten, da er das ganze Werkzeug nicht allein tragen konnte. Eliane freute sich auf den Ausflug, der Abwechslung vom Alltag versprach, auch wenn viel Arbeit damit verbunden war. Es würde bestimmt den ganzen Tag dauern, bis sie wieder zu Hause eintrafen, zumal jetzt im Sommer jene Weiden genutzt wurden, die am weitesten vom Ort entfernt lagen.
Als sie aufbrachen, drückte Hilde ihr daher auch noch einen Beutel mit Proviant in die Hand, damit sie bis zum Abend versorgt waren. Ihre Ziehmutter blickte besorgt wie immer, wenn eine solche Arbeit anstand, und mahnte sie zur Vorsicht. Eliane musste ein Lachen unterdrücken. Sie wusste, dass Hilde im Glauben lebte, die Welt außerhalb des Dorfes sei vollgestopft mit allerlei Gefahren. Sie stellte sich sicher Dämonen und menschenfressende Bestien vor, die im Wald hausten und nur darauf warteten, unvorsichtige Schmiede und ihre Gehilfen anzugreifen.
Eliane blickte zu Olaf. Er war zwar nicht von Panik ergriffen wie seine Frau, aber auch ihm schien nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein. Er würde vermutlich aufatmen, wenn er nach getaner Arbeit in das schützende Dorf zurückgekehrt war. Leider waren Hilde und Olaf mit dieser Einstellung kein Einzelfall. Auch die übrigen Dorfbewohner lebten wegen ihres Aberglaubens in ständiger Furcht.
Dies war auch der Grund, weshalb der Schäfer und der Jäger als die mutigsten Männer des Ortes galten. Beide ließen für ihre Arbeit die schützende Nähe der Hütten hinter sich, und was sie taten, kam dem ganzen Dorf zugute. Während der Jäger zwar im Ort schlief und sich täglich von Neuem aufmachte, um im Wald für Ordnung zu sorgen, verbrachte der Schäfer die meiste Zeit des Jahres draußen bei den Herden.
Zu dem Dorf gehörte eine beachtliche Fläche an Weideland, aufgeteilt auf mehrere einzelne Weiden. Die Aufgabe des Schäfers war nun, neben der Bewachung der Tiere, die Herde jeweils auf eine Fläche zu führen, auf der reichlich Nahrung zu finden war. Daraus hatte sich dann wohl jenes System ergeben, wonach die Herde im Sommer die am weitesten entfernten Weiden besuchte, während sie im Winter näher an den Ort gebracht wurde.
Eliane und Olaf waren nun schon einige Zeit zu Fuß unterwegs und hatten die staubigen Gassen des Dorfes hinter sich gelassen. Ihre Wanderung entlang der Wiesenwege war nicht ganz einfach, da beide mit Olafs Werkzeugen ziemlich zu schleppen hatten. So waren sie froh, als sie in der Ferne die ersten Schafe entdeckten. Eliane freute sich darauf, den Schäfer wiederzutreffen, mit dem sie sich gut verstand. Mit ihm konnte sie etwas freier sprechen als mit den anderen Dorfbewohnern, da auch er die Ängste der meisten übertrieben fand und insgeheim wie Eliane als Aberglauben abtat. Es belustigte ihn daher sogar, dass sie ihn für »mutig« hielten, nur weil er seinen Dienst tat.
Als sich Eliane und Olaf der Herde näherten, wurden sie sofort des vorliegenden Problems ansichtig: Der Schäferkarren, ein einachsiges Gefährt aus Holz mit einer Plane zum Abdecken, musste irgendwie am Abhang zum Bach ins Rutschen gekommen sein und sich vielleicht sogar überschlagen haben. Jedenfalls lag er nun wie ein Häuflein Elend auf der Seite, sodass man freie Sicht auf die gebrochene Achse hatte. Auch Florian, der Schäfer, hatte die beiden mittlerweile entdeckt und begrüßte sie nun freudig. Der Unfall hatte sich schon vor drei Tagen ereignet, aber da Florian die Tiere nicht hatte allein lassen können, hatte er auf seinen Bruder warten müssen, der ihn regelmäßig mit Proviant versorgte. Florian hatte den Karren ausgeräumt und seinen Besitz unter einem dichten Busch in Sicherheit gebracht, wo er selbst zurzeit behelfsmäßig schlief. Glücklicherweise hatte es seither nicht geregnet, sodass dieser Umstand einigermaßen erträglich für ihn war.
Während sich Olaf das Problem genauer ansah, beobachtete Eliane die Herde. Es handelte sich größtenteils um Schafe; ein paar Ziegen sowie ein Esel waren aber auch darunter. Die Lämmer, die dieses Frühjahr geboren worden waren, waren schon zu richtigen Rackern herangewachsen und spielten lebhaft miteinander. Der Hund, den Florian stets dabeihatte, saß daneben und ließ die Herde nicht aus den Augen.
Olaf hatte sich mittlerweile überlegt, wie er die gebrochene Achse am besten reparieren könnte, und begann damit, das entsprechende Werkzeug auszupacken. In weiser Voraussicht hatte er einige längere Metallstäbe und zylinderförmige Eisenteile mitgenommen, aus denen er die passenden Stücke auswählte. Florian und Eliane wurden als Helfer benötigt, um Werkzeuge zu reichen und die Achse zur Reparatur festzuhalten, während Olaf eine Art Metallschelle um die Bruchstelle legte und dabei die Holzachse zwischen den Rädern mit den Metallstäben verstärkte.
Endlich war die Arbeit getan und sie schafften es zu dritt, den Karren aufzurichten und aus der Senke zu ziehen. Florian strahlte und war sichtlich froh darüber, dass er in der kommenden Nacht auf einen trockenen Schlafplatz hoffen konnte, denn am Himmel waren mittlerweile dunkle Wolken aufgezogen, die zumindest Regen, wenn nicht sogar Gewitter bringen würden.
Da ihnen allen mittlerweile der Magen knurrte, setzten sie sich zusammen und packten aus, was sie zum Essen hatten. Hilde hatte ihnen Brot und Käse mitgegeben, was sie nun bereitwillig mit dem Schäfer teilten. Im Gegenzug spendierte Florian für alle Milch, die er frisch bei einer Ziege gemolken hatte. Eliane genoss das für sie seltene Getränk in vollen Zügen. Die würzige Ziegenmilch schmeckte ihr besonders gut.
Der Schäfer bekam selten Besuch und daher freute er sich sehr über die Gesellschaft; abgesehen davon, dass sein Karren nun wieder funktionstüchtig war. Sie unterhielten sich beim Essen über alle Neuigkeiten und Geschehnisse, die sich in letzter Zeit im Dorf zugetragen hatten.
Florian erzählte im Gegenzug von seinen Tieren und ganz nebenbei erwähnte er, dass vor Kurzem der Jäger bei ihm vorbeigeschaut hätte. Dieser sei auf der Suche nach einer reißenden Bestie gewesen; einem riesigen Tier, das ihn im Wald fast umgerannt hätte und mit enorm hoher Geschwindigkeit zwischen den Bäumen und Büschen verschwunden sei, sodass er ihm unmöglich habe folgen können. Florian lächelte und wirkte ob der Beschreibung, die der Jäger ihm gegeben hatte, leicht amüsiert. Er hatte den Worten wegen all des kursierenden Aberglaubens kaum Bedeutung beigemessen. Eliane wäre es an seiner Stelle sicher genauso ergangen. Nun aber horchte sie auf. Die Stimme des Schäfers wurde plötzlich ernster und er sprach auch leiser, sodass es fast ein Flüstern wurde.
»Tja, die ganze Geschichte des Jägers schien mir doch recht unglaubwürdig zu sein. Als ich dann aber am Abend wie jeden Tag ein Feuerchen entfacht hatte und gemütlich im Schein der Flammen saß, bemerkte ich, dass meine Tiere plötzlich sehr unruhig wurden. Die Schafe und Ziegen und auch der Esel hoben ihre Köpfe und blickten in meine Richtung. Ich wunderte mich und fragte mich, was heute wohl anders war als an den unzähligen Abenden zuvor. Mein Hund Maxi, der neben der Herde wachte wie üblich, schaute ebenfalls und hielt seine Nase witternd in die Luft. Da wurde mir bewusst, dass nicht ich oder mein Feuer von den Tieren angestarrt wurde, sondern dass sie einen Punkt hinter mir anvisierten. Mir wurde ganz mulmig. Ich konnte fast schon spüren, wie ich von hinten beobachtet wurde.«
Augenblicklich fühlte Eliane sich an jenen Moment erinnert, den sie tags zuvor selbst im Wald erlebt hatte. Ein Schauer überlief sie bei dem Gedanken, dass sie sich den heimlichen Beobachter ganz sicher nicht nur eingebildet haben konnte, wenn Florian genau dasselbe erlebt hatte. Mit vor Spannung angehaltenem Atem lauschte Eliane der weiteren Erzählung des Schäfers.
»Langsam beugte ich mich nach vorne zum Feuer und zog einen an einem Ende glimmenden Stock aus der Glut. Bereit, einen möglichen Angreifer abzuwehren, stand ich schnell auf und drehte mich gleichzeitig mit einem plötzlichen Ruck herum, wobei ich meine Fackel schützend vor mich hielt. Im selben Moment sah ich ganz kurz hinter einem Gebüsch ein großes Auge im Schein des Feuers aufblitzen und hörte ein Krachen von Ästen, als das Ding schnell im Dickicht verschwand. Für einen Moment kam es mir so vor, als würde die Erde beben, als es davonschoss.
Durch den Zwischenfall aufgeschreckt, fing nun auch meine Herde an zu rennen, sodass ich mich nun erst mal diesem neuen Problem stellen musste. Maxi und ich hatten alle Hände voll zu tun, um die Herde wieder unter Kontrolle zu bekommen, und danach dauerte es auch noch eine ganze Weile, bis alle sich wieder beruhigt hatten. Zum Glück ist mir kein Tier dabei verloren gegangen. Jedenfalls ließ mich dieser Zwischenfall die ganze Nacht nicht mehr schlafen. Das, was mich aber am meisten dabei verwundert hatte, war, dass dieses Ding wohl zwar von allen Herdentieren bemerkt worden ist, aber kein einziges davon schien wirklich verängstigt deswegen gewesen zu sein. Selbst Maxi hatte nur geschaut und gewittert, aber als Bedrohung hatte er das Ding anscheinend zunächst nicht identifiziert, sonst wäre es für ihn das Wichtigste gewesen, die Herde zu beschützen und den Angreifer fortzujagen, wie er es schon oft mit Wölfen getan hat.«
»Aber du hast doch auch erzählt, dass deine Herde deswegen durchgegangen ist?«, wandte Eliane ein.
»Das schon«, bestätigte Florian. »Allerdings ist mir im Nachhinein aufgefallen, dass mein eigenes Verhalten und das darauffolgende Fliehen des vermeintlichen Angreifers die Panik unter meinen Tieren ausgelöst haben muss. Also entweder das Ding im Wald ist tatsächlich nicht ganz so gefährlich, wie der Jäger es mir beschrieben hat, oder aber es ist sehr raffiniert und verfügt über Mittel, sich gut zu tarnen oder zu verstellen, dass es von den Tieren nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.
Ich habe lange darüber nachgedacht, bin aber zu keinem Schluss gekommen. Jedenfalls scheint die Geschichte des Jägers nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein. Passt auf eurem Heimweg also gut auf euch auf, wer weiß, was da im Wald sein Unwesen treibt.«
»Und was ist mit dir?«, erkundigte sich Olaf besorgt. »Sollte man nicht einen zweiten Mann bereitstellen, sodass du hier draußen nicht ganz alleine bist?«
»Das hat mir gerade noch gefehlt!«, antwortete Florian. »Einer dieser überängstlichen Männer aus dem Dorf würde mich hier doch glatt in den Wahnsinn treiben. Dann käme ich wohl überhaupt nicht mehr zum Schlafen. Nein, nein, ich bin nun schon einmal damit fertig geworden und würde das mithilfe von Maxi auch wieder schaffen.«
Damit war das Thema für Florian beendet.
Der Himmel hatte sich unterdessen immer weiter zugezogen. Dunkle Wolken hingen am Firmament und verhießen baldigen Regen. Unter Umständen würden sie sogar ein heftiges Gewitter bringen. Für Eliane und Olaf wurde es daher höchste Zeit aufzubrechen.
Auf dem Heimweg liefen sie die meiste Zeit schweigend nebeneinander. Eliane dachte über die Geschichte von Florian nach. Dieser würde nie irgendwelchen Aberglauben verbreiten, also hatte sich das Ganze tatsächlich so zugetragen. Sie war in diesem Moment heilfroh, dass Olaf bei ihr und sie nicht allein unterwegs war. Ob am Ende an den Märchen, die man sich im Dorf von bösen Geistern, Trollen oder sonstigen Ungeheuern, die im Wald hausen sollten, erzählte, doch etwas dran war? Papperlapapp! Eliane ärgerte sich kurz über sich selbst, dass sie sich wider besseres Wissen dadurch ins Bockshorn jagen ließ. Aber trotzdem … Hier gab es nun etwas, das sie sich nicht erklären konnte.
Die ersten Tropfen begannen zu fallen und binnen Sekunden goss es wie aus Kübeln. Eliane und Olaf beschleunigten ihre Schritte, so gut es das mitgeführte Werkzeug zuließ. Als sie endlich die ersten Häuser erreichten, waren sie völlig durchnässt und am Himmel zuckten bereits die ersten Blitze. Sie hatten nun noch das Dorf zu durchqueren. Allerdings bedeutete das keine große Wegstrecke, denn es gab insgesamt etwa an die vierzig Häuser, daher war ihr Ort eher klein und die Schmiede nicht sehr weit entfernt.
Als sie an ihrer Behausung angekommen und eingetreten waren, lief ihnen schon eine vor Angst aufgelöste Hilde entgegen. Gewitter und Unwetter hatte sie ohnehin noch nie leiden können, und da Olaf und Eliane so lange gebraucht hatten, hatte sie sich sicher schon wer weiß was für ein Unglück ausgedacht, das ihnen geschehen sein musste.
Eliane jedenfalls war froh, endlich aus den durchnässten Kleidern herauszukommen, und hörte dabei, wie Hilde ihrem Mann unten Vorwürfe machte und ihn fragte, wo sie so lange gesteckt hatten.
Beim Abendessen hatten sich die Wogen glücklicherweise wieder geglättet und das Gewitter draußen war ebenfalls abgezogen. Trotzdem regnete es noch immer Bindfäden. Olaf hatte von den Ereignissen beim Schäfer berichtet. Er hatte auch dessen Geschichte wiedergegeben, dabei allerdings tunlichst darauf geachtet, sie weit weniger dramatisch zu schildern, um Hildes Furcht nicht noch mehr zu schüren.
Eliane war derweil ungewöhnlich still und hing ihren eigenen Gedanken nach. Ob es wohl einen Zusammenhang gab zwischen den seltsamen Erlebnissen des Schäfers und ihrem unguten Gefühl, beobachtet zu werden, das sie gestern im Wald gehabt hatte?
Jetzt reicht’s! Ich halte das nicht mehr aus«, sagte Eliane zu sich selbst. Sie ärgerte sich darüber, dass sie sich von der Geschichte über das Untier eine solche Angst hatte machen lassen, dass sie in den vergangenen Tagen die Schmiede und das Haus kaum verlassen hatte.
Nun wurde ihr die Enge zuwider. Das konnte so nicht weitergehen, wenn sie nicht noch hier versauern wollte. Elianes Ärger über sich selbst war nun so groß geworden, dass sie jegliches Angstgefühl verdrängte. Sie entschied sich, einen Ausflug in den Wald zu unternehmen, ehe ihre Furcht doch wieder die Oberhand bekam und sie zurückhielt. Der Zeitpunkt war günstig: Hilde und Olaf waren bei Freunden im Ort eingeladen und niemand würde merken, dass sie für einige Zeit nicht zu Hause war.
Eliane machte sich auf den Weg und durchquerte den gepflegten Garten, in dem die Rosen gerade so schön blühten, stieg über den Holzzaun und zog sich den Abhang nach oben, wo sie schnell zwischen den dichten Büschen verschwand.
Sie hatte es tatsächlich gewagt und triumphierte innerlich über diesen Sieg. Ein Gefühl grenzenloser Freiheit überkam sie. Nichts und niemand konnte sie nun mehr aufhalten. Sogar die Gedanken an irgendwelche Ungeheuer waren im Schein der wärmenden Sonne verflogen.
Eliane merkte plötzlich, dass sie vor sich hin lächelte, und genoss es, sich ihren Weg zwischen den Bäumen und Sträuchern zu suchen. Wie sehr hatte ihr das alles während der vergangenen Tage gefehlt. Sie wurde so übermütig, dass sie anfing zu rennen. Immer schneller und schneller wurde sie. Der stetige Wind, der ihr entgegenwehte, vermittelte ihr den Eindruck, als ob sie fliegen könnte. Ihre Füße machten auf dem weichen Waldboden kaum ein Geräusch. Die welligen Mooshügel federten jeden ihrer Schritte ab.
Eliane lief am kleinen Waldbach entlang, der sich weiter unten mit dem größeren Bach vereinigte, welcher entlang der Weiden weiterfloss. Sie war schon ganz aus der Puste, wollte es aber noch bis zum Mündungspunkt schaffen, wo die Bäume des Waldes einer üppigen Wiese wichen, die heute sicher in strahlendem Sonnenschein lag. Nur noch ein paar Meter und Eliane verließ das sie umgebende Dunkel des Waldes mit einem Sprung auf die erhoffte Blumenwiese.
Fast wäre sie vor Schreck in Ohnmacht gefallen. Noch während sie sprang, sah sie es: ein Tier, groß und braun und nur wenige Meter von ihr entfernt. Im selben Moment nahm das Tier Eliane wahr. Es warf den Kopf herum und floh in Sekundenbruchteilen in den an die offene Wiesenfläche angrenzenden Wald.
Eliane blieb an dem Fleck stehen, wo sie gelandet war, und blickte dem mächtigen Tier nach. Sie wurde sich bewusst darüber, dass sie die Luft angehalten hatte. Nun stützte sie sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab und rang nach Atem, den sie nach dem flotten Lauf durch den Wald dringend brauchte. Alles war so schnell gegangen! Sie wusste zunächst nicht, ob sie nur geträumt hatte.
Nein, sie stand hier fest auf dem Boden inmitten der Blütenpracht der Wiese, hinter ihr der dunkle Wald, den sie eben erst verlassen hatte. Und da vorn, da hatte es eben noch gestanden, groß und dunkel.
Das Tier, das nun schon einigen Leuten einen Schrecken eingejagt hatte, war nichts anderes als ein Pferd, dessen war sich Eliane sicher. Und es war ein riesiges Glück gewesen, dass es sie nicht schon früher bemerkt und sich versteckt hatte. Dank des Windes, der Eliane beim Laufen entgegengeweht war, war ihr Geruch von der empfindlichen Pferdenase unentdeckt geblieben. Und das Geplätscher des Baches musste die Geräusche ihrer Schritte überdeckt haben, zumal diese ohnehin durch das Moos gedämpft worden waren.
Eliane konnte es kaum fassen: ein Pferd allein in freier Wildbahn! Im ganzen Land gab es bekanntermaßen keine Wildpferde. Und nun war es schon wieder verschwunden. Sie wünschte sich, sie hätte seinen Anblick etwas länger genießen können. Sollte sie ihm nachlaufen? Nein, das wäre sinnlos. Es war bestimmt schon meilenweit weg. Außerdem schien es Angst vor ihr gehabt zu haben.
Langsam überquerte Eliane die Wiese und suchte die Stelle, an der das Pferd gestanden hatte. Sie entdeckte tatsächlich Hufspuren, die vom Wald an den Bach führten. Es hatte wohl getrunken und anschließend gegrast, als es von ihr aufgeschreckt worden war. Vielleicht kam es öfter hierher? Eliane beschloss, weiter entfernt eine Weile still zu warten. Sie ging zum Wald zurück, wo sie diesen verlassen hatte, und ließ sich auf einem umgekippten Baumstamm nieder.
Geduldig wartete sie regungslos und beobachtete den Waldrand. Eliane konnte nicht in Worte fassen, wie sehr sie hoffte, dass das Pferd zurückkehren würde. Dann, nach einer Weile, hörte sie ein Knacken im Unterholz. Sie war gespannt, was nun passieren würde. Zwischen den Bäumen hindurch konnte sie sehen, dass sich etwas langsam bewegte. War es tatsächlich möglich, dass das Pferd wiederkam? Nun sah sie es genauer: Ein eleganter Kopf schaute zwischen den Hecken hervor. Das Tier schien sichergehen zu wollen, dass keine Bedrohung in der Nähe war. Dann endlich wagte sich das Pferd aus den Schatten hervor.
Wie geschmeidig und elegant es sich bewegte, dachte Eliane bei sich. Sie war geradezu fasziniert von dem Anblick. Das braune Fell glänzte in der Sonne, Mähne und Schweif waren schwarz. Das Pferd fühlte sich nun so sicher, dass es begann zu grasen. Eliane verhielt sich ganz still und vermied jede unnötige Bewegung. Bei genauerer Betrachtung wirkte das Fell des Pferdes an manchen Stellen ein bisschen ungepflegt. Wo auch immer es hergekommen sein mochte, sicher war es schon lange nicht mehr geputzt worden.
Während das Tier vor sich hin weidete, hatte es sich langsam Elianes Sitzplatz bis auf etwa fünfzig Meter genähert. Eliane konnte nicht genug von seinem Anblick bekommen. Trotzdem sollte sie nun doch langsam an den Heimweg denken, wenn sie sichergehen wollte, dass ihr Ausflug unbemerkt blieb. Andererseits wollte sie das Pferd auch nicht wieder verjagen.
So beschloss Eliane, sich ganz langsam zu bewegen, in der Hoffnung, das Tier würde sie dann nicht als Bedrohung wahrnehmen. Als sie sachte von ihrem Sitzplatz aufstand, hob das Pferd den Kopf, sah in ihre Richtung und schien jede ihrer Bewegungen zu beobachten. Aufmerksam hatte es die Ohren gespitzt und stand ganz still. Eliane wagte kaum zu atmen, ging langsam Schritt für Schritt tiefer in den Wald und drehte sich noch einmal in Richtung des Pferdes um. Dieses stand nach wie vor unbeweglich auf demselben Platz und sah ihr nach.
Eliane freute sich sehr darüber, das Tier durch ihre Bewegungen nicht verängstigt zu haben, und war stolz darauf, dass es ihre Anwesenheit am Rande der Wiese so gelassen hinnahm. So vorsichtig wie zuvor setzte Eliane nun ihren Weg fort, bis sie sich sicher sein konnte, dass sie sich weit genug von der Wiese entfernt hatte. Erst dann entspannte sie sich und wagte es wieder, sich in einer normalen Geschwindigkeit zu bewegen.
Eliane hatte für den Heimweg denselben Pfad am Bach entlang gewählt, den sie zuvor genommen hatte. Nun malte die Sonne, die durch das Blätterdach des Waldes fiel, helle Kringel auf den Waldboden. Das beeindruckende Lichterspiel wurde von Eliane allerdings heute kaum wahrgenommen, weil ihre Gedanken immer noch um die Begegnung mit dem Pferd kreisten. Je weiter sie sich von der Wiese entfernte, umso unglaublicher kam ihr ihre Entdeckung vor.
Als Eliane zu Hause angekommen war, stellte sie beruhigt fest, dass sie noch vor Hilde und Olaf eingetroffen war. Allerdings dauerte es nicht lange, bis diese die Haustür öffneten. Beim Abendbrot hatten sie viel zu erzählen von ihrem heutigen Besuch und den anderen Gästen. Natürlich war das Ungeheuer im Wald eines der Hauptgesprächsthemen gewesen.
Eliane grinste bei diesen Geschichten, die im Dorf die Runde machten und wohl von jedem, der sie weitergab, mit immer mehr und furchtbareren Details ausgeschmückt wurden, in sich hinein. Dass auch der Jäger eingeladen gewesen war und versprochen hatte, das Untier zur Strecke zu bringen, ließ sie erschreckt aufhorchen. Den ganzen Abend überlegte Eliane, wie sie sich verhalten sollte. Erzählen konnte sie natürlich keinem von ihrer Entdeckung, so viel war klar. Sie würde damit sich selbst und ihre heimlichen Ausflüge verraten und das Tier noch mehr in Gefahr bringen, wenn sie preisgab, wo es sich aufhielt. Andererseits musste sie davon ausgehen, dass das Pferd früher oder später vielleicht doch vom Jäger aufgespürt wurde. Es wäre furchtbar, wenn es erschossen würde! Vielleicht würde es aber auch eingefangen. Doch in einer dieser dunklen, engen Boxen stehen zu müssen, wie die meisten Menschen im Ort ihre Esel oder Maultiere hielten, wäre für dieses stolze Tier der Freiheit eventuell eine noch schlimmere Aussicht.
So oder so, Eliane musste handeln. Sie war die Einzige, die das wahre Gesicht des »Ungeheuers« kannte, und sah sich in der Pflicht zu helfen. Elianes Plan sah vor, sich mit dem Pferd anzufreunden, sodass es sich von ihr anfassen ließ und sie damit den Dorfbewohnern seine Ungefährlichkeit demonstrieren konnte. Eines jedoch war klar: Das Vorhaben würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb konnte sie nur darauf vertrauen, dass sich das Tier auch weiterhin so gut wie bisher im Wald verbarg. Gleich morgen würde sie wieder nach dem Pferd suchen gehen.
Endlich konnte Wilhelm die Bücher zuklappen und er freute sich darüber, dass er die Bibliothek verlassen durfte, in der der Magister die Lateinstunde mit ihm abgehalten hatte. Quälend langsam war ihm die Zeit vergangen, in der sein Blick immer wieder aus dem kleinen Fenster gewandert war, durch welches das nötige Licht fiel, das das Pult erhellte.
Eigentlich hätte Wilhelm nach dem Unterricht umgehend in seine Gemächer zurückkehren sollen. Doch er sehnte sich so danach, an die frische Luft zu kommen, dass er den Termin mit dem Hofschneider einfach sausen ließ und stattdessen nun den Schlosshof überquerte und dem Stallgebäude zustrebte.
Dort war um diese Zeit ein ziemlicher Umtrieb. Die Pferdeboxen wurden gerade von den Stallburschen gemistet, Knappen putzten und sattelten Pferde für ihre Ritter und der Stallmeister hatte ein wachsames Auge darauf, dass alles seine Richtigkeit hatte.
Alle, an denen Wilhelm vorbeikam, machten ihm höflich mit einer Verbeugung Platz und senkten ehrfürchtig den Blick gen Boden. Am liebsten wäre er in Anbetracht der vielen Menschen sofort wieder gegangen, doch da er nun schon einmal hier war, konnte er auch schnell nach seinem Pferd sehen. Der Schimmel stand in seiner Box und begrüßte ihn mit einem freudigen Brummeln.
»Na, wenigstens du brauchst dich nicht an höfische Regeln zu halten«, meinte Wilhelm, während er seinen Wallach liebevoll kraulte.
Für heute jedenfalls hatten sich schon genug Leute vor ihm verbeugt, entschied er. Darum ging er vom Stall aus zur Kammer von Ritter Johann. Diesen hatten ihm seine Eltern als Lehrmeister ausgewählt, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Johann hatte ihm alles beigebracht, was ein Ritter wissen und können musste. Doch abgesehen davon pflegten sie ein vertrauliches, fast familiäres Verhältnis.
Weil er Johann aber nicht wie erhofft in seiner Kammer antraf, kam Wilhelm spontan eine andere Idee.
Schon vor vielen Jahren, als er alt genug dafür gewesen war, hatte Johann ihm beigebracht, dass er sich am besten unauffällig überall bewegen konnte, wenn er nicht als Prinz zu erkennen war. Aus diesem Grund hatte Johann hier Kleidung für ihn deponiert, die ihn optisch zu einem gewöhnlichen Bediensteten des Schlosses machte. Damit konnte er sich dann als Johanns Knappe ausgeben. Die meisten der Schlossbewohner hatten sowieso keinen persönlichen Kontakt zur Königsfamilie, sodass ihnen die Ähnlichkeit des Prinzen mit dem Knappen des Ritters nicht weiter auffiel.
Wilhelm hatte schnell bemerkt, dass er sich nur auf diese Weise den Menschen, die innerhalb der Schlossmauern lebten, annähern konnte. Als Prinz wurde er überall mit tiefen Verbeugungen gegrüßt, die Leute wagten kaum, ihn anzusehen, geschweige denn anzusprechen. Es war ein Leben in Prunk und Pracht – verehrt, aber sehr einsam. So hatte Wilhelm die Vorzüge schätzen gelernt, die daraus resultierten, wenn er als jemand auftreten konnte, der der Dienerschaft oder den Knappen gleichgestellt war, und daher seit Jahren sein Aussehen der jeweiligen Situation entsprechend angepasst.
Nachdem er sich umgezogen hatte, erlaubte Wilhelm sich den Spaß, noch einmal den Stall aufzusuchen. Nach wie vor herrschte dort rege Betriebsamkeit. Dieses Mal jedoch machte ihm niemand höflicherweise Platz, als er durch die Boxengasse ging. Er selbst musste sogar hin und wieder ausweichen, was ihm jedoch ein zufriedenes Grinsen entlockte. Einzig sein treues Pferd schien sich nicht täuschen zu lassen: Auch als Knappe getarnt wurde Wilhelm mit dem vertrauten Brummeln begrüßt.
Während Wilhelm danach weiter über den Schlosshof schlenderte und darüber nachsann, wohin er als Nächstes gehen sollte, vernahm er die Stimmen zweier Männer, die sich vor dem Eingang zum Weinkeller unterhielten. In einem davon erkannte er den Diener, der für gewöhnlich im Thronsaal beschäftigt war. Den anderen konnte er aufgrund dessen Kleidung als Schreiner identifizieren. Als er seinen Namen vernahm, war Wilhelms Neugier geweckt und er wollte nun genau hören, um was es bei dem Gespräch ging.
