Eliete. Das Normale Leben - Dulce Maria Cardoso - E-Book

Eliete. Das Normale Leben E-Book

Dulce Maria Cardoso

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Beschreibung

Cascais in der Gegenwart ist nicht mehr das, was es einmal war: ein glamouröser Ort, wo die Reichen sich zum Spiel trafen und die Mächtigen große Politik machten. Eliete, eine gewöhnliche Portugiesin in ihren Vierzigern, hat ihr ganzes Leben dort verbracht, hat die Tragödie ihres Vaters erlebt, der mitten in der Nelkenrevolution einen tödlichen Autounfall erlitt, die Spannungen zwischen ihrer verwitweten Mutter und ihrer Großmutter, die den einzigen Sohn verlor, die Armut, die erst endete, als Portugal Teil der EWG wurde. Wir erleben den inneren Monolog einer Frau, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Einsam und unverstanden inmitten von Menschen, die sie liebt, für die sie sorgt, begibt sie sich auf die Suche nach Leidenschaft und landet doch nur bei online arrangiertem Geschlechtsverkehr. Doch da geschieht etwas: Die Großmutter lüftet in ihrer fortschreitenden Demenz ein Geheimnis, das Elietes Leben über das Unmittelbare hinaushebt: Der tote Vater war Sohn des Diktators Salazar. Mit Eliete hat Cardoso nicht bloß einen Portugal-Roman geschrieben, sondern einen großen Gesellschaftsroman, der weit über die Grenzen ihres Landes hinaus Gewicht hat, ein Buch, das zwischen schockierender Ehrlichkeit und entwaffnender Selbstironie pendelt und doch immer eine drängende Frage verfolgt: Woher kommt diese große Verirrung, in der wir alle leben, die Einsamkeit, die Verunsicherung, der Verlust des Selbstverständlichen? Einzelschicksal und kollektive Geschichte verweben sich auf ebenso zwanglose wie brillante Weise in diesem komplexen Roman, dessen Sprache so leicht daherkommt, und der einmal mehr zeigt, dass Cardoso eine der großen portugiesischen Erzählerinnen der Gegenwart ist.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dulce Maria Cardoso

Eliete. Das normale Leben

Roman

Dulce Maria Cardoso

Eliete. Das normale Leben

Roman

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Steven Uhly

Funded by the DGLAB/Culture and the Camões, IP – Portugal

Titel des portugiesischen Originals: Eliete. A Vida Normal

© Dulce Maria Cardoso, 2018.

By arrangement with Literarische Agentur Mertin, Inh. Nicole Witt e. K., Frankfurt am Main, Germany.

Erste Auflage

© 2023 by Secession Verlag Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Steven Uhly

Lektorat: Christian Ruzicska

Korrektorat: Peter Natter

www.secession-verlag.com

Gestaltung und Satz: Eva Mutter, Barcelona

Gesetzt aus Cormorant Garamond

Printed in Germany

ISBN 978-3-96639-071-2

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Ich bin ich und Salazar kann mich mal. Ein Diktator regiert Portugal fast ein halbes Jahrhundert lang, fast weitere fünfzig Jahre vergehen seit seinem Tod, und dann taucht er in meinem Leben auf. Plötzlich war es so, als wäre er schon immer hier gewesen und hätte sich um alles gekümmert. Das konnte ich nicht zulassen.

Als das Krankenhaus wegen Großmutter anrief, war das mehr als fünf Monate vor der Sturmnacht, aber ich habe das Gefühl, dass Salazar in jenem Moment begann, sich in mein Leben einzuschleichen.

Im Krankenhaus betonte Mama, Meine Schwiegermutter wusste immer, was sie wollte, ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Dass Mama Großmutter nicht mochte, war allen klar. Unsere Heiligen begegnen sich nicht, erklärte sie, wenn sie gut gelaunt war, an anderen Tagen fluchte sie nur, Blitze sollen die Alte in Stücke reißen, weit weg soll sie sterben, als ob es mich interessiert. Aber im Krankenhaus schien Mamas Besorgnis aufrichtig zu sein, und es überraschte mich, wie schwer es ihr fiel, zu akzeptieren, dass Großmutter im Alter von 81 Jahren so schlimm gestürzt war, Das kann nicht sein, meine Schwiegermutter kann nicht gesund sein und im nächsten Moment so werden, sagte sie zum Arzt, als ob die Zurschaustellung ihrer Ungläubigkeit eine magische Tür zum Verständnis dessen öffnen könnte, was vor sich ging. Der Arzt ignorierte höflich Mamas Bemerkungen, wandte sich an mich und fragte, Ist Ihnen vor dieser Episode eine Veränderung im Verhalten Ihrer Großmutter aufgefallen? Episode war das Wort, das der Arzt benutzte, um so skurrile Tatsachen zu umreißen wie Großmutter, die im Nachthemd und in feinen Schuhen das Haus verlassen hatte, in dieser Aufmachung in Cascais herumgelaufen war, in einem Souvenirladen in der Rua Direita stürzte, sich die Stirn aufschlug und weinte, als Mama und ich im Krankenhaus ankamen. Wir fanden sie auf der Bahre liegend, ihre Kopfwunde war bereits mit weißer Gaze abgedeckt. Sie beharrte mit beängstigender Heftigkeit darauf, sie müsse in die Hauptstadt fahren. Was soll das alles, sie hat Lissabon immer gehasst, sagte Mama voller Sorge, Hat sie am Ende aus Versehen etwas getrunken? Das ist, glaube ich, nicht der Fall, antwortete der Arzt. Er war jung, monotone Stimme, teures Parfüm. Mama roch nach Kölnischwasser, das sie in der Drogerie nahe der Polizeistation in Halbliterflaschen kaufte. Mit jeder konnte sie die von Bien Être, die in ihrem Zimmer auf der Kommode stand, zweimal auffüllen. Überall auf der Welt würde ich diese Mischung aus synthetischem Rosmarin und künstlicher Zitrone wiedererkennen, die Mama verströmte, aus den rasierten Achseln, den Falten ihres Bauches, den drallen Oberschenkeln, überall auf der Welt würde ich den Geruch jener Abende wiedererkennen, wenn ich beim Fernsehen auf ihrem Schoß eingeschlafen war.

Weiß Gott, was sie sich noch alles ausdenken wird, sorgte sich Mama, mit einer Formulierung, die nicht weniger ungewöhnlich war, denn im Gegensatz zu Großmutter wollte sie sonst nie etwas von Gott wissen. Welches Unglück musste uns treffen, klagte sie und wölbte die Augenbrauen, wie es die Heldinnen der Fotoromane tun, wenn sie in Angst und Sorge sind. Sofern es überhaupt etwas gab, auf das Mama stolz war, dann waren es ihre Fotoromane. Sie ließ sie in Rot und Gold binden, in Bänden zu je zehn Exemplaren, und stellte sie auf dem Bücherregal aus Kiefernholz aus, das sie bei Vassoureiro gekauft hatte, nachdem wir aus Großmutters Haus ausgezogen waren. Wie gerät ein Mensch in so einen Zustand?, fragte Mama mich, die genauso aufgeregt war wie sie. Der Zustand, den sie meinte, war die Verzweiflung, die Großmutter ergriffen hatte. Holt mich hier raus, holt mich hier raus, bringt mich in die Hauptstadt, schrie sie, während sie versuchte, sich auszuziehen und die Nadel herauszuziehen, die sie mit dem Infusionsbeutel verband.

Bevor wir es verhindern konnten, riss Großmutter ihr Nachthemd auf und enthüllte schamlos ihre Blöße, ihre rosa Brustwarzen, die die bebenden Brüste krönten, ein perfektes Dreieck aus grauem Haar, das ihre Scham bedeckte, sehr weiße Haut, die die Faltenbildung ihrer Hände und ihres Halses mit der gleichen Sanftheit und Kunstfertigkeit fortsetzte, mit der die Zeit altes Geschirr bearbeitet, ein Körper, an dem alles proportioniert und auf sorglose Weise zart war. Ich hatte Großmutter noch nie nackt gesehen. Abgesehen von ihrem Gesicht und ihren Händen war ihr Körper ihr ganzes Leben lang in Schwarz gehüllt gewesen, schwarzer Rock, schwarzer Pullover, schwarze Strümpfe und Schuhe. Als ich klein war, stellte ich sie mir wie die Schaufensterpuppen in dem Brautladen vor, in dem Mama arbeitete, ein Plastikkörper, auf den zwei alte Hände und ein Kopf geschraubt worden waren. Irgendwann kam ich zu der Überzeugung, dass dies die Schlussfolgerung war, zu der Großmutter uns bringen wollte, so sehr bemühte sie sich, ihren Körper zu verbergen. Die Trauer, die Nüchternheit und die Strenge, in die sie sich stets gekleidet hatte, konnten ihre Schönheit nicht verdecken, aber erst jetzt, als ich sie nackt sah, wurde mir klar, dass es ihnen gelungen war, die verführerische Frau zu verbergen, die sie ohne Zweifel früher einmal gewesen sein musste. Für Großmutter war Nacktheit eine Versuchung des Teufels, wie fast alles im Leben, der Teufel war unermüdlich in seinen Tücken und Großmutter musste noch unermüdlicher in ihrer Wachsamkeit sein, und deshalb, Komm her, Eliete, rief meine Großmutter am Nachmittag einer Zeit, die für mich noch fast heil und unversehrt war. Ich ging durch die Küche, um mich im Garten mit dem Schlauch zu duschen, und trug den Badeanzug, den Mama mir auf dem Markt gekauft hatte, einen Badeanzug mit weißen Sternen auf blauem Grund, Komm her, Eliete, jetzt, da du schon eine kleine Frau bist, kannst du nicht in dieser Aufmachung herumlaufen. Großmutter saß auf einer dunklen Holzbank neben der Tür zur Veranda und drosch Saubohnen, ihre Hände noch in Sicherheit vor dem Alter, das sie zerbrechlich und zögerlich machen würde, Senhor Pereira auf der anderen Seite des Hauses wie immer in seinem Büro eingeschlossen, und Mutter bei der Arbeit, weit entfernt vom Zug und dem Bus, der sie am späten Nachmittag zurückbringen würde. In meiner Hand das orangefarbene Baumwollhandtuch, das ich auf der Zementplatte ausbreitete, meiner Steininsel, die fast in der Mitte des Gartens lag.

Die Nachmittage der großen Ferien vergingen so langsam, dass sie aneinanderklebten und zu einem einzigen, unbesiegbaren Nachmittag wurden. In meiner kleinen Welt führten uns die Veränderungen immer unermüdlich zum Anfang von allem, die Blüten des Granatapfelbaums kündigten das Ende des Sommers an, das Winterlicht vergoldete die Kakis, die Orangen wuchsen für die Marmelade, die in der Speisekammer in Gläsern mit Etiketten aufbewahrt wurde, auf die Großmutter Bitterorange schrieb, Die Ameisen drängten sich auf ihren Straßen, die Vögel hockten auf den Zweigen der Bäume, morgens faulenzte die Sonne in Großmutters Zimmer und nachmittags machte sie ein Nickerchen bei mir und Mama, nachts wanderte der Mond, wo er wollte.

Ich stand auf, spannte jeden Muskel meines schmächtigen Körpers an und hielt mir die Spitze des grünen Schlauchs an den Kopf, während ich darauf wartete, dass das kalte Wasser aus den Eingeweiden der Erde kam, meinen Körper in Aufruhr versetzte und mich aus dem Bann des endlosen Nachmittags befreite. Mein Körper gewann einen eigenen Willen und begann sich zu bewegen, Feime aime gona live forevare, hörte ich mich selbst singen in meinem Badeanzug mit weißen Sternen, meine Füße voller Erde, Feime aime gona live forevare, ich konnte kein bisschen Englisch, das Leben diente noch immer ausschließlich dazu, mir die Kindheit zu bieten, aus der ich mich nie lösen würde.

Ich ließ das kalte Wasser über meinen Körper laufen, die Haut meiner Hände wurde runzelig und meine Lippen liefen blau an, nur noch ein bisschen mehr, nur noch ein bisschen mehr, das kalte Wasser aus den Tiefen der Erde lief über meinen Körper, bis mir die Luft ausging. Je länger ich durchhielt, desto größer wurde das Vergnügen, wenn ich anschließend auf dem Handtuch auf der Betonplatte lag, Nur noch ein bisschen länger, dachte ich, nur noch ein bisschen länger. Die Wärme der Platte versiegelte meinen Körper, Pore für Pore, und gab ihn mir gezähmt und wieder gehorsam zurück. Ich öffnete die Augen, beobachtete das Entstehen und Vergehen der Wolken und suchte nach Tieren, einem Delphin, der sich zu einem Tigerkopf zusammenrollte und sich dann zu einer Schlange ausstreckte, einem Himmel, der noch ohne die Unterstriche der Flugzeuge war, einer ungebändigten und zerstreuten Welt, Komm her, Eliete.

Die blaue Emailleschüssel war fast voll mit kleinen grünen Nierchen, Großmutter, ohne den Blick zu heben, ihre Finger konzentrierten sich auf das Knacken der Schoten, die sich neben der Schüssel auf Zeitungsblättern häuften und die wir, nachdem wir sie zerkleinert hatten, in den Hühnerstall warfen, ein Drahtnetz mit sechseckigen Maschen und einem Dach aus Wellblech zwischen der Garage und der Mauer am hinteren Ende des Gartens, Ein anständiges Mädchen darf nicht so durchs Haus laufen, es darf den anderen nicht das zeigen, was dem zukünftigen Gatten gehört. Ich kannte keinen größeren Ehrgeiz bei Großmutter, als mein Fleisch und meine Seele zu zähmen. Du willst doch nicht sein wie die anderen, oder?

Die anderen, die Flittchen, die, die auf Abwege geraten waren, verdammten sich selbst zur Hölle des Zähneknirschens samt himmelhoher Flammenberge, Schlampen, die ich bald insgeheim beneidete. In jener Zeit hielt ich mich nicht mehr mit den Einzelheiten von Großmutters Geschichten auf, ich fragte sie nicht mehr, wie Gott entscheidet, wen er zufriedenstellt, wenn ich ihn um Sonne und sie ihn um Regen bittet, denn ich kannte die Antwort bereits auswendig: Nicht du stellst diese Fragen, sondern die List des Teufels tut es für dich. Dann erklärte Großmutter, der Teufel lasse uns daran zweifeln, dass Gott uns zu gegebener Zeit alles offenbaren werde, was offenbart werden sollte, und der Beweis, dass Gott uns nie verlasse, seien die Wunder, die in der Messe erzählt würden, Isaak, der Sohn von Abraham und Sara, das Manna, als das auserwählte Volk die Wüste durchquert, Elia, der von Krähen gespeist wird, der Fall der Mauer von Jericho, zu gegebener Zeit werde Gott mir alles geben, was ich brauche. Die Spanne zwischen dem Moment, in dem ein Bedürfnis entstand, und dem Moment, in dem es gestillt wurde, diente Gott, der über mich wachte und alles vermochte, offenbar als Test für meinen Glauben.

Aber an diesem Nachmittag stellten weder ich noch der Teufel Fragen. Wir wussten beide, dass mein Körper sich verändert hatte und dass es keine Rettung vor der Veränderung gab, in die er mich hineinzog. Die Veränderung hatte ganz leise mit den zwei kleinen Hügelchen aus Fleisch begonnen, die sich auf meiner schüchternen Brust erhoben, zwei Hügelchen aus Fleisch, die ich versuchte, auf der Matratze platt zu drücken, indem ich immer auf dem Bauch schlief, zwei kleine Hügelchen aus Fleisch, die in der Nähe meines Herzens schmerzten und über die sich die Jungs lustig machten, Nimm den Ball mit der Brust an, Eliete, aber mach kein Loch rein, die Jungen spielten mit ihren flachen Brüsten Fußball und träumten von Maradona, Platini, Rummenigge und anderen Namen, die ihre Gespräche beherrschten. Ich hätte das Gelächter der Jungen überwinden können, wäre nicht die Scham über die dunklen Haare zwischen den Beinen und in den Achselhöhlen gewesen, über die Schenkel, die meine Jeans wie Schweinehaxen rundeten, über den stinkenden Frauenschweiß, den ich mit dem Deodorant überdeckte, das Mama in der gleichen Drogerie gekauft hatte wie das falsche Bien Être, ein Spray, das ständig unter den Armen juckte.

Komm her, Eliete. Ich wusste, dass an meinem Körper nichts mehr so war wie sonst, dass Blut aus mir herauskam, ein dunkles, zähflüssiges Blut, das mich zwang, jeden Monat eine Binde zu tragen. Vor allem war da die Angst, jemand könne bemerken, dass ich sie trug, dass die Jungs mit ihren Sprüchen anfangen würden, Benfica spielt zu Hause, Flieht, denn heute ist Tag der roten Flut, das zerzauste Lachen der Jungs durch Zähne, die noch nicht den richtigen Platz gefunden hatten, die Gesichter der Jungs mit den Schnittwunden der Rasierklingen, die in den Pickeln mehr Hindernisse fanden als in den Barthaaren. Zu der Scham, dass sie das mit den Binden herausfinden könnten, kam die Angst, das ekelhafte Blut, das aus mir floss, werde meine Kleidung beschmutzen, die neue und demütigende Gewohnheit, immer ins Bad gehen zu müssen, um die Binde zu wechseln, die verschiedenen Vorsichtsmaßnahmen, die ich ergreifen musste, die Packung mit den Binden durfte unter keinen Umständen im Badezimmerschrank liegenbleiben, damit Senhor Pereira nicht die unangenehme Erfahrung machen musste, sie zu finden, wenn er den Schrank öffnete, um sich mit lautem Klatschen Old Spice ins Gesicht zu schmieren. Männer wollten solche Dinge nicht sehen, erklärten Mama und Großmutter. Die Menstruation war eines der wenigen Themen, bei denen beide dieselbe Meinung teilten, Männer wollten keine Packungen voller Binden sehen oder von Bauchschmerzen und der Lust auf Schokolade hören, die Menstruation war ein Frauenthema wie Sticken, Kochen und Hausarbeit, ein Thema, über das man leise sprach und das eine Reihe von Verboten mit sich brachte. Während dieser speziellen Tage durfte man sich nicht den Kopf waschen, nicht barfuß herumlaufen, keine Friedhöfe betreten, keine körperlichen Anstrengungen unternehmen, nicht an den Strand gehen, denn der Mund des Körpers war offen und das Blut konnte in den Kopf steigen oder nie mehr aufhören zu fließen. Obwohl Mama und Großmutter sich, was diese Angelegenheit betraf, in den meisten Punkten einig waren, gab es doch Meinungsverschiedenheiten bei einigen Details: Laut Mama durfte ich mir den Kopf waschen, solange es nicht zu lange dauerte, ich durfte Gymnastik machen, solange ich den Kopf nicht nach unten nahm, und ich durfte an den Strand gehen, solange ich mich nicht in die Sonne legte. Zu den Anordnungen und Gegenanordnungen von Mama und Großmutter kamen chaotische Informationen von Freundinnen und Schulkameradinnen, von Milena, die Tampons benutzte, ohne sich um den Verlust ihrer Jungfräulichkeit zu kümmern, von Clara, die ein Mittel kannte, das das Anschwellen des Bauchs verhinderte, von Paulinha, die die Blutung mit kalten Wasserbädern stoppte, und so schlossen wir uns alle im Stolz auf unser gemeinsames Schicksal als zukünftige gebärfähige Weibchen zusammen. Wir bluteten stolz jeden Monat, auch wenn uns die Schmerzen im Bauch, die Pickel im Gesicht und die Binden störten, denn solange wir bluteten, konnten wir das Schicksal, der Welt Kinder zu schenken, erfüllen. Das Schlimmste, was einer Frau passieren konnte, war, in dieser Hinsicht nutzlos zu sein, man musste nur an Dona Rosalinda denken, die zwei Häuser unterhalb von Großmutter wohnte und gezwungen war, zwischen Beleidigungen und Schlägen die beiden kleinen dunklen Bastarde ihres Mannes aufzuziehen. Die Arme konnte ihm keine Kinder schenken, erklärte Großmutter, man weiß ja, dass sie sie sich in solchen Fällen anderswo besorgen. Da dies allseits bekannt war, dankte Dona Rosalinda Gott dafür, dass sie dem Schicksal der nutzlosen Frauen entkommen war, das bekanntlich darin bestand, verlassen zu werden.

Im Supermarkt. Senhor Pascoal löste seine Frau an der Kasse ab, und Mama verweilte in den sechs Gängen, als würde sie ein Museum besuchen. Männer fangen an, sich zu wundern, wenn sie bestimmte Dinge sehen, sagte mir Mama einmal und machte eine vielsagende Miene, während wir uns am Waschmittelregal die Zeit vertrieben, das Päckchen mit den Binden unter den restlichen Einkäufen im Korb versteckt. Wenn keine Dringlichkeit bestand und die Frau von Senhor Pascoal zu spät zur Kasse zurückkam, gab Mama den Kauf der Binden auf. Sie werden das nächste Mal gekauft, sagte sie, als hätte eine unsichtbare Macht sie davon abgehalten. Wenn es dringend war, seufzte Mama, als würde sie ihre Brust in einen Kugelhagel halten, legte die Binden auf das kleine Deckchen neben der Registrierkasse, während sie sich diskret umschaute, und wagte es nicht, Senhor Pascoal in die Augen zu sehen, während dieser sich dachte, was Männer sich denken, sobald sie bestimmte Dinge sehen.

Komm her, Eliete. Nach diesem Nachmittag gab es nie wieder Schlauchduschen im Garten, und der Badeanzug wurde nur noch am Strand getragen, wo der geringe Anstand aus gesundheitlichen Gründen erlaubt war, denn das Meer war gut für mich, vor allem für die Allergien, die meine Atmung angriffen, und die Pickel, die meine durchschnittlichen Gesichtszüge verunstalteten. Mein Lieblingsstrand war Tamariz, aber wir gingen zu dem von Rainha, den Mama mochte. Wir kamen immer recht früh an, wenn der Morgen noch kalt war und die Sonne verborgen, um einen Platz am Fuß eines Felsens in der Mitte des Strandes zu ergattern, der vorausschauende Badegäste wie uns anlockte. Dort blieben wir angezogen, bis die Sonne hervorkam. Tag für Tag unterhielt sich Mama mit den anderen Familien über den mehr oder weniger starken Wellengang, den Wasserstand, die fast immer korrekte Vorhersage der Gezeiten, die fast immer falsche Vorhersage der Temperatur, den Nebel, der sie daran hinderte, die Klippen zu sehen, wo sich auf den Felsen, die den Strand umschlossen, Rückseiten von Geschäften, Restaurants und Häusern erhoben, die dem Strand Klimaanlagen und Markisen aus Aluminium bescherten. Sie wählte auch immer denselben Ort, um den mitgebrachten Imbiss in einem Körbchen aufzubewahren, Sandwiches mit Rührei, eingewickelt in dicke Stoffservietten, frische Orangenlimonade, die wir an der Bahnhofsbar kauften, Hier, in der Kühle des Felsens, pflegte Mama zu sagen, mit einem Rufen, das stets den Ton der Neuheit hatte, und ich verstand nicht, warum es so einfach war, das Verhalten von Mama und den Gezeiten vorherzusagen, und so schwierig, dasselbe mit der Temperatur oder der Wolkenbildung zu tun. Wenn die Sonne herauskam, war es an der Zeit, dass Mama uns die Schultern, den Nasenrücken und die Wangen mit Nivea-Creme einschmierte, die blaue Dose wurde wegen des Sandes immer auf dem Handtuch geöffnet. Nach Mamas Aussehen zu urteilen, muss auch ich wie ein hässlicher Indianer von irgendeinem Stamm ausgesehen haben. Sobald sie eingecremt war, legte sie sich auf den Rücken und schlief mit offenem Mund, als ob sie zu Hause wäre. Wenn sie sich im Meer nass machte, sah es aus, als säße sie in der Badewanne, sie hockte sich ans Wasser, formte die Hände zu seiner Muschel und schöpfte den Schaum der Wellenausläufer ab, um ihre von der Sonne gerötete Haut zu erfrischen. Es geschah nicht selten, dass Mama mich bei dieser Art des Badens um Hilfe bat, aber ich stahl mich davon, wann immer ich konnte, denn ich schämte mich noch mehr für Mama als dafür, dass ich das Kraulen nicht beherrschte.

Jahrelang träumte ich davon, die perfekten Bewegungen der Schwimmerinnen zu können, die sich mit der Natürlichkeit eines Menschen, der auf dem Trockenen geht, waagerecht durchs Meer fortbewegten, aber im Gegensatz zum Gehen, Laufen und Springen hatte der Lauf der Zeit nicht genügt, um meinem Körper beizubringen, wie man richtig schwimmt, und ich war verzweifelt, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, damit meine Atmung, meine Züge, die Drehung meines Halses und alle meine Gesten so koordiniert wären wie die der Mädchen, die mit den Jungen zu den weit entfernten Booten schwammen. Ich konnte Brustschwimmen und das schlecht. Eines Tages schaffte ich es bis zum Ende der orangefarbenen Kette von Schwimmbojen, die sich viele Meter hinter den Booten befand, aber ich war nie fähig, das Kunststück zu wiederholen, ich wurde müde, schluckte Wasser, bekam Krämpfe, ich stelle mir vor, dass ich einem Ungetüm glich, einer Schildkröte mit gerecktem Hals, Froschbeinen und Armen, die mühsam in traurigen Halbkreisen rotierten. Vor dem Einschlafen, in jener kurzen Zeit zwischen Wachen und Schlafen, in der ich nicht mehr so ganz ich selbst war, sah ich mich, wie ich mit einem Rückwärts- oder Kopfsprung ins Wasser tauchte und genau so schnell wie die James-Bond-Heldinnen zu den Booten kraulte, die Urlauber gaben mir stehende Ovationen und ich kam aus dem Wasser, als liefe ich auf einem Laufsteg, ohne meine Figur zu verkrümmen, um mir das Wasser aus den Ohren zu schütteln oder meine Augen mit der Hand zu beschirmen, um mein Badetuch zu suchen. Einen Augenblick lang war ich die beste und eleganteste Kraulschwimmerin. Wenn ich sehr müde ins Bett ging, grübelte ich über kleine Träume nach und wünschte mir nur, dass meine Haut einen gleichmäßigen goldbraunen Ton annehmen würde, dass ich die Angst verlieren würde, mich beim Beach-Ball auf den Boden zu werfen, dass meine Taille um zehn Zentimeter schmäler und meine Beine um weitere zehn Zentimeter länger würden, denn eigentlich war alles in Ordnung mit mir, es gab nur ein Problem der Umverteilung von Zentimetern. Es war auch nichts gegen Strandtage einzuwenden, wenn ich nur meine Rolle in diesem Theater fände, einem riesigen Theater, in dem jeder wusste, welcher Part ihm zugedacht war, der Bademeister, der Tabak kaute, das Mädchen, das sich Zeit ließ, ins Wasser zu gehen, und das andere, das flüsterte und kicherte, der Verleiher der Tretboote, der den hübschen Mädchen Rabatte gab, die Mutter mit den lächerlichen Bewegungen, die Verliebten, die Beine und Hände aneinanderrieben, die Familie, die Karten spielte, und die andere, die Schnitzel und Melonenstücke aß, der Junge, der Ball spielte, und der andere, der die Mädchen nass spritzte, der Verkäufer von süßem Brot, diejenigen, die am Wasser spazieren gingen, diejenigen, die Sport trieben, diejenigen, die sich bräunten, diejenigen, die lasen, alle spielten ihre Rollen überzeugend. Nur ich nicht.

Jetzt, wo du eine kleine Frau bist, kann alles passieren, und du musst nicht weit gehen, um das zu wissen. Die ersten Male, als Großmutter diese Warnung aussprach, konnte ich nicht wissen, was sie meinte. Es war das Beharren auf Du brauchst nicht weit zu gehen und die Betonung, die sie dem hinzufügte, wenn Mama dabei war, was mich in Mamas Vergangenheit führte. Ich wollte nicht wie Mama sein, ich wollte nicht, dass, was immer ihr zugestoßen war, auch mir passierte, aber es war bereits zu spät, um zu verhindern, dass Großmutters Worte bei mir den gegenteiligen Effekt auslösten, jetzt kann alles passieren war bereits zur Ankündigung einer abenteuerlichen Zukunft geworden, die ich mit aller Kraft ergreifen würde. Jetzt kann alles passieren – das hallte mit einem seltsamen Echo in meinem Innern wider, als ob ich zu einem Jungen werden könnte, den Jungen konnte alles passieren, sie mussten sich nicht fürchten und nicht schämen, Angst und Scham lagen immer bei den Mädchen, auch wenn es die Jungen waren, die versuchten, sie zu begrapschen oder zu umzingeln, um Zungenküsse zu rauben, es war immer die Schuld der Mädchen, dass sie es nicht geschafft hatten, den Übergriffen zu entgehen, es war immer die Schuld der Mädchen, dass sie zur Hand waren, es war immer die Schuld der Mädchen, seit dem Apfel, den Eva Adam gegeben hatte und Punkt. Alles konnte mir passieren, aber in allem, was mir passieren konnte, würde ich mich dafür entscheiden, anders zu sein als Mama, als Mama und Großmutter. Ich würde die Entscheidung treffen können, diejenige zu sein, die ich sein wollte.

Tun Sie etwas, Senhor Doutor, bitte tun Sie etwas, flehte Mama, es schien, dass Großmutters Not und Nacktheit sie mehr aufwühlten als mich. Während ich versuchte, Großmutter zu beruhigen, zerrte der Mann, der neben ihr auf der Bahre lag, ein ziemlich schäbig aussehender Mann, der mit einem Motorrad verunglückt war, erneut am Mantel des Arztes, um ihn nach dem Ergebnis des Spiels zu fragen. Ich interessiere mich nicht für Fußball, antwortete der Arzt, seine Stimme gut dosiert, ein selbstsicherer Mann. Als ich meinen Blick wieder über seinen Körper schweifen ließ, war ich mir sicher, dass ich an seinem linken Ringfinger einen stolzen Ehering finden würde. Was für ein Glück seine Frau hat, dachte ich, dass sie nicht zusehen muss, wie ihr Mann literweise Bier trinkt, während er sich die Spiele ansieht, dass sie nicht seine lächerlichen Verwünschungen gegen das hören muss, was er für einen schlechten Spielzug hält, dass sie nicht sein kehliges Lachen hören muss, wenn er liest, was seine Freunde auf Facebook schreiben, wenn sie über die gegnerischen Vereine lästern, dass sie nicht Zeuge der absurden Wut ihres Mannes auf die Schiedsrichter sein muss, was für ein Glück sie hat, dass sie nicht mit Jorge verheiratet ist und dass sie nicht ich ist.

Es gab keine Fenster in der Notaufnahme oder auf dem Flur, wo die Bahren entlang der Wände aufgereiht waren, und das Licht, das auf uns fiel, besonders auf Großmutter, störte mich, weil es ungewöhnlich weiß war und mir ein noch schlechteres Gewissen machte, denn ich wusste nicht, wie ich die Frage des Arztes beantworten sollte, Haben Sie vor dieser Episode eine Veränderung in ihrem Verhalten festgestellt? Ich fand keinen Weg, ihm zu sagen, dass ich kaum noch etwas über das tägliche Leben von Großmutter wusste, ich würde wie ein Ungeheuer von Enkelin klingen, das sie im Stich gelassen hatte, obwohl das gar nicht geschehen war, auch wenn ich nicht wusste, was eigentlich geschehen war. Ich wollte weglaufen und konnte nicht. Das Licht, das auf uns fiel, vor allem das Licht, das auf den Arzt fiel, hob seinen Körper hervor und betonte die Muskeln, die sich unter seinem Kittel abzeichneten, es war ein junger Arzt, der keinen Fußball mochte, und Mama wollte den Mund nicht halten, Tun Sie etwas, Doutor, bitte tun Sie etwas. Plötzlich sah ich mich nackt, über eine der Bahren auf dem Flur gebeugt, und der Arzt stand hinter mir, schlug mir auf den Hintern und wiederholte fragend, während er mich fickte, Verhaltensänderung, haben Sie eine Verhaltensänderung bemerkt, während ich die Angemessenheit des Wortes Episode in diesem Zusammenhang analysierte. Bitte, Senhor Doutor, Mamas schrille Stimme war auch dann noch zu hören, als ich den Doktor in die Venus-Suite des Motels am IC19 schleppte, wo ich manchmal im Hin und Her meiner Marktforschungen mit dem Auto vorbeifuhr, ich war eine kompetente Immobilienmaklerin, proaktiv bei der Akquise, überzeugend beim Verkauf, ich wusste, wie man partnerschaftliche Beziehungen zu den besten Kunden aufbaute und Strategien umsetzte, die zu unschlagbaren Ergebnissen führten, auch wenn ich nicht so eloquent war wie Natália, die schon mehrmals Platin-Maklerin war, eine liebevolle Ehe führte und einen zugewandten Gatten hatte, Natália, der ich insgeheim wünschte, dass ihr kleine häusliche Unfälle passierten, winzige Zwischenfälle, die ihr Verständnis für die Härten des Lebens durcheinanderbrächten, ihr die Gelassenheit nähmen, in die Verkäufer und Käufer vertrauten, die ihre Resilienz schmälerten, von der sie so viel sprach. Anstatt Mama zum Schweigen zu bringen, die Venus-Suite, ließ ich sie noch mehr reden, Das wirst du jetzt nicht tun, Eliete, sieh nur, wie die Verzweiflung die Augen deiner Großmutter aus den Tiefen hervortreten lässt, in die das Alter sie gesenkt hat, die Venus-Suite, die ich bereits im Internet besucht hatte, mit rundem Bett, Liebesstuhl und Tanzfläche, Badezimmer mit Eckbadewanne, Jacuzzi, Bidet und Toilette, alles beleuchtet von falschen Kerzen, die Romantik ohne Brandgefahr und den Geruch nach Totenwache erlaubten, Erbarme dich, Eliete.

Die Anxiolytika wirkten endlich, Großmutter bettelte nicht mehr darum, dass wir sie in die Hauptstadt bringen, und sie ließ mich ihre Hand nehmen. Ihr Arm stand im Winkel von ihrem Körper ab, wie damals, wenn sie mich, Hand in Hand, zur Schule gebracht hatte. Nur hatten wir uns damals beide auf derselben Fläche befunden und nicht wie jetzt auf zwei senkrecht zueinander angeordneten Ebenen. Ich stand immer noch, aber Großmutter lag da und war in diesem Zustand. Wenn sie mich auf dem Schulweg begleitet hatte, um mich vor den Autos zu beschützen, die auf dem Weg zu den Bergen von Sintra vorbeifuhren, und vor den Fremden vom Campingplatz, war Großmutters Lächeln nicht das alberne Grinsen der Benzodiazepine gewesen. Großmutters einstmals so starke Hand war nun ein totes Vögelchen in meiner. Ich wollte sie umarmen, wie damals, als ich versuchte, meine Schritte den ihren anzugleichen, als Großmutters Liebe mich aus der Einsamkeit dieser Einöde zwischen Meer, Bergen und Wind rettete, ich wollte sie umarmen, aber ich zog meine Hand zurück, sobald ich konnte.

Der Arzt kehrte zu den Fragen zurück, Verhaltensänderungen, Persönlichkeitsveränderungen, Apathie, Verwirrung, Gedächtnisverlust, haben Sie etwas davon bemerkt?, und ich bemerkte, wie er seinen goldenen Ehering drehte, während er sprach. In einem Buch, das ich über Körpersprache gelesen hatte, bedeutete das Drehen des Eherings die Bereitschaft, die Verpflichtung, die er symbolisiert, zu verraten. Ich lächelte den Arzt an und strich mir das Haar glatt, wobei ich tat, als wären diese Geste und die gezierten Bewegungen meines Körpers für mich ganz natürlich, während Mama ausweichend antwortete, In diesem Alter verändert man sich jeden Tag. Ich fügte verschlagen hinzu, Wir müssen es genießen, solange wir jung sind. Solange wir jung sind, wiederholte der Arzt. In seiner Stimme spürte ich die Ironie, mit der er schmerzhaft jedes meiner zweiundvierzig Jahre zählte, und ich betrachtete die Augen des Arztes, noch ohne Fettsäcke, seine Haut, die noch keine Falten aufwies, sein volles Haar. Dann dachte ich an die versunkenen Augen von Jorge, an seine faltige Haut, an das Hufeisen, das seinen kahlen Kopf umgab. Es ist nicht fair, was die Zeit mit uns macht. Unaufhaltsam würden die Jahre die Ironie in der Stimme des Arztes zersetzen, und noch schneller würden sie seinen Körper verfallen lassen. Ja, es ist nicht fair, was die Jahre uns antun, aber es ist fair, dass sie es allen antun. Dieser Gedanke beruhigte mich, die Zeit würde mich in vollendeter Weise rächen.

Als hätten wir es vereinbart, sagten weder Mama noch ich dem Arzt, dass wir seine Fragen nicht beantworten konnten, weil wir außerhalb der besonderen Termine, Weihnachten, Ostern und Geburtstage, selten bei Großmutter waren. Ich sagte ihm auch nichts von meiner Vermutung, dass Großmutter nicht mehr die Kraft hatte, sich um den Garten zu kümmern, dass sie die Fettflecken auf ihrer Kleidung nicht mehr sah, dass sie mit dem Kopf auf dem Esstisch einschlief, um sich von den Fernsehverkäuferinnen begleitet zu fühlen, ich vermutete vieles, kleine Dinge, wollte aber nie etwas überprüfen, weil ich nicht gewusst hätte, was ich mit der Gewissheit anfangen sollte, dass Großmutter hilflos war. Hilflos und allein.

Ich hörte mich sagen, Ich bin die einzige Enkelin, obwohl der Arzt, der uns bereits die Hand zum Abschied hinhielt, offensichtlich kein Interesse an dieser Information hatte. Trotzdem streckte ich nicht die Waffen, zu wissen, dass ich lächerlich war, hatte mich noch nie aufgehalten, im Gegenteil, ich reckte meine Brüste vor, setzte mein bestes Lächeln auf und verabschiedete mich mit der Vorstellung, dass der Arzt es bedauern würde, keinen Vorwand gefunden zu haben, um mir seine Handynummer zu geben, und dass er meinen Kontakt in Großmutters Akte suchen würde, ein paar Tage später würde er mich auf einen Kaffee einladen, nichts war verloren.

Der Arzt war gegangen, Großmutter war eingeschlafen, Mama lief umher und inspizierte den Zustand der anderen Patienten, die dort aufgereiht lagen, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass Großmutter an einem unbekannten Ort mit unbekannten Menschen aufwachen und mich nicht neben sich sehen würde, es würde sie erschrecken oder zumindest verwirren. Der da ist schon fast am anderen Ufer, sagte Mama, als sie zu uns zurückkam, und zeigte auf einen Patienten, den sie gerade auf einer Bahre hereingebracht hatten. Am anderen Ufer. Als ob der Tod ein Kontinent wäre, auf dem die Dinosaurier und die Mammuts, das antike Griechenland und das Römische Reich, die Wasserköpfe von der Osterinsel und natürlich Papa lebten. Aber Großmutter lag nicht im Sterben, sie war stark, und das zeigte sich daran, wie sie sich gerade gewehrt hatte, sie wollte im Krankenhaus bleiben, um die Tests zu machen, die ergeben würden, dass der Sturz nichts Ernstes gewesen war. Deine Großmutter hat so viel durchgemacht, trotz allem hat sie das nicht verdient. Trotz allem war vielleicht der passendste Ausdruck für die Beziehung zwischen Mutter und Großmutter und für meine Beziehung zu beiden. Trotz allem waren wir drei da, und vielleicht war es keine Absicht von Mama, dass ihre Bemerkungen so unpassend klangen in Gegenwart der Fachleute, die mit mechanischen Bewegungen und kurzen Sätzen die Effizienz von Robotern imitierten, Weder deine Großmutter hat es verdient noch wir, dazu noch diese Klimaanlage, der Lärm dringt mir in die Ohren und erschöpft mich, was für einen Eindruck das alles auf mich macht. Es war ein Fehler gewesen, Mama anzurufen und sie zu bitten, mich ins Krankenhaus zu begleiten. Großmutter hatte ihr immer vorgeworfen, es sei ihr nicht gelungen, sich um irgendetwas zu kümmern, nachdem Papa gestorben war, ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kommen konnte, dass Mama in der Lage sein würde, mir zu helfen.

Bevor wir gingen, fragte Mama eine Krankenschwester mit gesenkter Stimme, als hätte sie sich plötzlich an einen Verhaltenskodex für Krankenhäuser erinnert, Wie lange wird meine Schwiegermutter hierbleiben? Nur so lange wie nötig, lächelte die Krankenschwester, Dieses Hotel hat es immer eilig mit den Gästen, wir wollen niemanden hierbehalten. Ich bemerkte die gut gebügelte Uniform, das faltenfreie Leder der Schuhe, die starken Maschen der Strumpfhose, wer so viel Wert auf seine Uniform legt, wird sich gut um die Kranken kümmern, dachte ich, um mich zu beruhigen.

Auf dem Parkplatz schützte ich mich vor der Juni-Sonne und starrte auf die Pflanzen, die zwischen den Rissen im Beton wuchsen. Mit Blick auf das riesige Krankenhausgebäude sagte Mama stolz, Das ist ein Anblick, der sich sehen lassen kann, sie haben Jahre gebraucht, um es zu bauen, aber es ist wie die besten Krankenhäuser im Ausland, viel besser als die in Lissabon. Für Mutter war das Ausland immer noch ein einziges und fernes Land, wo alles besser war, und Lissabon, weniger als dreißig Kilometer von Cascais entfernt, die benachbarte Rivalin, die dekadente Hauptstadt, wo nichts gut sein konnte. Besonders sentimental aber wurde Mama, wenn sie sich an das alte Krankenhaus im Zentrum von Cascais erinnerte, in dem ich zur Welt gekommen war. Ich brauchte keine Gezeitentabelle zu konsultieren, um sicher zu sein, dass uns auf dem Weg vom Krankenhaus zu Mamas Wohnung eine Welle von Erinnerungen erfassen würde. Die Geschichten über meine Geburt wirkten immer, als wären sie durch einen Faden miteinander verknüpft, an dem eine unsichtbare Hand zog und an dessen Ende Papa wie ein Verrückter fuhr, die Alarmblinker eingeschaltet, euphorisch pfeifend, als er an seinen revolutionären Freunden vorbeifuhr, die an der Ecke der Tankstelle standen und über die Zukunft der Häuser der Reichen entschieden, die nach Brasilien geflohen waren, und als er den Eingang des Krankenhauses erreichte, ließ er nach einem spektakulären Bremsmanöver das Auto mitten auf der Straße stehen, stieg aus und rief, Meine Frau wird meinen Sohn zur Welt bringen. Mama spulte lustvoll den Rest der Geschichte ab, Du wurdest vier Monate nach der Revolution geboren, damals schossen die Revolutionäre wie Pilze aus dem Boden, man brauchte nur gegen einen Stein zu treten und schon kam einer darunter hervorgekrochen, natürlich musste auch dein Vater ein Revolutionär sein, dein Vater, der keine Mode ausließ, Senhor Pereira hat sich so geärgert, ganz zu schweigen von deiner Großmutter, dein Vater hätte sich nicht mit diesen Leuten einlassen sollen, die Sicheln und Hämmer auf die Wände malten, Schmarotzer, die nicht arbeiteten, Muttersöhnchen, die jetzt Firmenchefs sind, Chefs von diesem, Chefs von jenem, früher wollten sie nur die Häuser und Sachen der reichen Faschisten, jetzt wollen sie alles von allen und nicht mal die Armen entkommen ihnen, dein Vater war bereits Familienoberhaupt, er trug Verantwortung, er hätte sich nie mit diesen Leuten einlassen dürfen, die Schande deines Vaters war der 25. April, da hat die Alte recht. Papa durfte als Mann immer alles machen, und selbst wenn Großmutter oder Mama sich über dieses oder jenes beklagten, konnte ihm alles passieren, konnte er alles geschehen lassen. Als er Mama kennenlernte, war sie bereits eine kleine Frau, auch ihr konnte schon alles passieren. Und ihr passierte alles, Mama wurde mit mir schwanger, als sie erst sechzehn war. Ich brauchte nicht weit zu gehen, um zu wissen, dass mir alles passieren konnte. Komm her, Eliete.

Mama redete weiter, aber ich hörte ihr nicht mehr zu, ich versuchte zu rekonstruieren, was mit Großmutter an diesem Tag passiert sein konnte. Großmutter erwachte wie immer mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen, stand auf und bekreuzigte sich vor dem kleinen Altar mit den Heiligen, den sie in ihrem Zimmer hatte, zog die Schuhe an, die sie eigens für den Gang zur Messe besaß, obwohl es nicht Sonntag war. Das musste die erste Verwirrung gewesen sein, einen Donnerstag zu einem Sonntag zu machen. Dann vergaß sie, ihr Nachthemd auszuziehen, oder geschah es nicht aus Vergesslichkeit? Vielleicht war Großmutter der Toten überdrüssig, für die sie ein Leben lang Trauer getragen hatte. Sie ging mit unsicheren Schritten zur Bushaltestelle, Die Schuhe für die Messe sind schöner, aber es ist die Hölle, darin zu laufen, sagte Großmutter immer. Kein Nachbar wird sie aufgehalten haben, niemand kannte sie mehr, die alten Nachbarn waren gestorben oder in Heime gesteckt worden von ihren Kindern, denselben, die die Häuser geerbt und zu einem guten Preis verkauft hatten. Oder vielleicht war Großmutter niemand über den Weg gelaufen, die neuen Nachbarn wachten früh auf, um mit fluoreszierender Kleidung und Kopfhörern in den Ohren joggen zu gehen, an diesem Ort war Gott ein minimalistischer, sich wiederholender Komponist, Meer und Wind, Wind und Meer, sogar das Zwitschern der Vögel klang immer gleich. Großmutter ging mit dem Tuch auf dem Kopf, um sich vor dem Staub zu schützen, sie hatte vergessen, dass die Straße asphaltiert worden war und die neuen Häuser Terrassen, Fliesen, Gras, Steine, Gehwege hatten, die neuen Häuser hatten alles außer Erde, die schmutzig und hässlich war, und vom Zement wirbelte kein Staub auf. Der Busfahrer erkannte Großmutter nicht, wenn es Senhor Tadeu gewesen wäre, der sein ganzes Leben lang dieselbe Strecke gefahren war und die Namen der Fahrgäste einschließlich ihrer familiären Beziehungen kannte, wäre es anders gekommen, Senhor Tadeu hätte Großmutter überredet, wieder nach Hause zu gehen, aber Senhor Tadeu war schon seit Jahren tot, und diejenigen, die ihn ersetzten, wechselten ständig die Strecken und wollten über nichts reden, sie wurden schlecht bezahlt, um Menschen von einem Ort zum anderen zu befördern, und sie taten es mit mehr oder weniger Verspätungen in ihren Fahrplänen, mit stärkerem oder schwächerem Schlingern während der Fahrt. Aus der Ferne oder für einen unaufmerksamen Blick war Großmutters Nachthemd ein gewagtes Kleid, das zusammen mit den Schuhen für die Messe als Outfit einer jungen Frau durchgehen konnte. Von Großmutters Haus bis zum Souvenirladen in der Rua Direita ist es eine Viertelstunde zu Fuß und eine weitere Stunde mit dem Bus. Die Leute, die ihr über den Weg liefen, müssen sie von weitem gesehen oder nicht richtig beachtet haben, und deshalb bemerkte niemand, dass sie Hilfe brauchte, vielleicht dachten sie, dass eine exzentrische junge Frau dort lief, Großmutters Körper war trügerisch. Nicht einmal der Geschäftsführer des Souvenirladens erkannte, dass es sich um die alte Dame handelte, die am Vortag dagewesen war, als er sie in dieser Aufmachung hereinkommen sah. Er erinnerte sich gut an sie, denn Großmutter war lange durch den Laden gewandelt und schließlich vor der Vitrine mit den Schlüsselanhängern stehengeblieben. Dann hatte sie einen genommen und war zum Ausgang gegangen, ohne zu bezahlen. Als sie darauf aufmerksam gemacht wurde, entschuldigte sie sich und sagte, sie sei abgelenkt und in Gedanken gewesen. Mit Befremden sah der Geschäftsführer des Ladens sie am nächsten Tag in diesem unpassenden Kleid, während sie unablässig einen seltsamen Frauennamen wiederholte. Sie war so aufgeregt, dass sie schließlich über einen Weidenkorb voller Stoffsardinen stolperte und hilflos hinfiel. Der Manager des Geschenkeladens erzählte diese Geschichte den Sanitätern, die Großmutter zu Hilfe eilten, die sie den Krankenschwestern im Krankenhaus erzählten, die sie dem Arzt erzählten, den ich in die Venus-Suite abschleppte, der sie wiederum Mama und mir erzählte. Auf dem Weg dorthin ging der Name, den Großmutter gerufen hatte, verloren, Vielleicht Eliete, meinen Namen, brachte ich vor. Der Arzt konnte das nicht bestätigen, hielt es aber auch nicht für wichtig, die Frage zu klären und erläuterte, dass sich in diesen Fällen die sozial-affektiven Kompetenzen verschlechterten, da sich der Patient in seinen Phantasien verstrickte. Zusammengefasst bedeutete sein Gerede nach meinem Verständnis, dass in diesen Fällen jeder Unsinn gerechtfertigt war. Was für Fälle, wollte ich fragen, aber ich hatte nicht den Mut, was meinte der Arzt mit in diesen Fällen, wenn es doch nur ein Sturz gewesen war? Was für einen Fall kann es bei einem Sturz geben? Die Leute stürzen ständig und Großmutter war auch gestürzt, daraus musste man doch kein Drama machen. Großmutter schlug mit dem Kopf auf den Boden des Souvenirladens, allmählich bildeten sich dünne Blutgerinnsel und befleckten ihr weißes Haar, Ihr Name und Ihre Adresse, Senhora, die Kontaktdaten von jemandem, den wir anrufen können?

Es machte mir nichts aus, Mama nach Hause zu bringen, aber es schmerzte mich, dass sie meine Großzügigkeit nicht zu schätzen wusste, Du hättest mich nicht bringen müssen, ich hätte den Bus genommen, obwohl wir beide wussten, dass die Bushaltestelle weit von ihrer Wohnung entfernt lag und mein Gefallen kein Vorwand war, um Zeit mit ihr zu verbringen. Gewöhnlich lehnte ich die höfliche und den Umständen geschuldete Einladung ab, mit nach oben zu kommen, Ich mache dir einen Kaffee, sagte sie immer, als ob sie mit einem Besucher spräche. Anfangs erfand ich unaufschiebbare Aufgaben, die Mädchen, Jorge, die Arbeit, Nicht einmal fünf Minuten? Jeder hat fünf Minuten. Ich fügte andere, noch lahmere Ausreden hinzu, die niemand glauben konnte, und Mama übernahm mit Wonne die Rolle der armen Frau, der das Pech widerfahren war, eine undankbare Tochter zu haben. Wie konnte ich Mama erklären, dass nicht sie das Problem war, sondern die Deformation, die die Zeit in ihrer Wohnung erlitt? Ich betrat Mamas Wohnung und die Zeit wurde zu einem groben Mechanismus, als hätte jemand eine Steinschleuder aus ihr geschnitzt, ich war dieser Steinschleuder ausgeliefert, ich war Munition gegen mich selbst, ich wurde in der Zeit zurückgerissen und dann ungeschützt gegen die Gegenwart geschleudert, wo ich sämtliche meiner Fehler und Misserfolge sah. Mamas Wohnung enthielt alles, was ich nicht sein wollte, und was ich ironischerweise doch geworden war. Du musst dir Zeit für dich selbst nehmen, sieh dir Dona Rosas Tochter an, sie ist ein paar Jahre älter als du und sieht jünger aus, schoss Mama zurück als Rache für das, was sie als Ablehnung meinerseits empfand. Mama legte keinen besonderen Wert darauf, dass ich zu ihr nach Hause kam, aber sie bestand darauf, mich einzuladen, damit meine Weigerung sie dazu berechtigte, mir wehzutun. Dann aalte sie sich in niederträchtigen Andeutungen, ich weiß nicht mehr, wie oft meine Ehe in der Krise steckte, wie oft die Mädchen in Schwierigkeiten gerieten, wie oft ich Gefahr lief, gefeuert zu werden, wie oft ich abnehmen, mein Haar ändern, meinen Lippenstift loswerden musste, wie oft ich lernen sollte, mich zu schminken, mich zu kleiden, mich zu benehmen. Wenn ich ihr Widerworte gab, behauptete Mama, ich sei verbittert. Einmal beging ich den Fehler, sie zu fragen, Bitter, wie? Das Gold in ihren Augen flammte auf und die Antwort kam ohne Zögern, Wie unglückliche Menschen. Kein Wunder, dass sie überrascht war, als ich am Tag des Krankenhauses die Einladung annahm, nach oben mitzukommen, aber anstatt etwas zu sagen, verbarg Mama ihre Überraschung, um nicht schwach zu wirken. Bloß nicht schwach wirken – das könnte Mamas Motto sein.

Das Mobiltelefon signalisierte den Empfang einer Nachricht. Jorge, der wissen wollte, was mit Großmutter war. Großmutter ist dabei, den Verstand zu verlieren, tippte ich auf den hellen Bildschirm des Handys, löschte es aber sofort wieder. Ich schrieb, Ich sehne mich danach, im Sommer jung zu sein, ohne zu wissen, woher das gekommen war. Ich las den Satz noch einmal. Und löschte ihn. Ich mochte Bildschirme von Mobiltelefonen, die Existenz von Orten, an denen Worte ebenso leicht zerstört wie erzeugt werden konnten. Ohne Spuren zu hinterlassen. Glänzende, makellose Orte ohne Kratzer, ohne Durchgestrichenes, ohne Gedächtnis, wo es immer möglich war, neu anzufangen. Ich schrieb, Ich rufe dich an, wenn ich von meiner Mutter wegfahre, und schickte die Nachricht ab. Zwei kleine blaue Häkchen bestätigten, dass Jorge sie gesehen hatte. Ich bekam ein O. k. und ein Lächeln. Ich wählte ein Herz aus, das ich ihm zurückschicken wollte, aber Mama lenkte mich mit der Werbung ab, die sie gerade aus dem Briefkasten genommen hatte, Ich muss mir so ein Blutdruckmessgerät kaufen, und das Herz geriet in Vergessenheit.

In Mamas Wohnung roch es immer gleich. Gewürze und gebratene Zwiebeln von der goanischen Familie, die im Erdgeschoss wohnte, abgenutzte Teppiche, Tabakrauch und alte Sanitäranlagen, grüne Pflanzen mit dicken Blättern, Plastik von sonnenbeheizten Jalousien, all das mischte sich in die stehende Luft des Tals. Der Geruch war nicht unangenehm, er verwies auf eine veraltete Häuslichkeit, Frauen mit Lockenwicklern im Haar, Männer im Unterhemd bei der Autowäsche, Kinder, die Lkw-Reifen über unbefestigte Wege rollen ließen, Terrassen voller Fernsehantennen, Messen und Sonntagsessen, Fußballberichte, Mädchen mit Klunkerketten um den Hals, alte Männer, die an ihren Balkonbrüstungen klebten, Soldaten auf Freigang, Biker ohne Motorräder, Paare, die es miteinander aushalten mussten, bis dass der Tod sie schied.

Jahrelang hatte Mamas Wohnung nur in Träumen existiert, und in keinem dieser Träume hatte sie so ausgesehen, wie sie war, der dritte Stock eines billig gebauten Gebäudes in Alvide, eine Wohnung, in der Rückkehrer gelebt hatten, die kindliche Zeichnungen an den Wänden, illegale Stromanschlüsse und ein Fläschchen angolanischen Jindungo-Chili in einem der Küchenschränke hinterlassen hatten. Obwohl die Jahre vergingen, hatte Mama nie aufgehört, daran zu glauben, dass wir eines Tages Großmutters Haus verlassen und unser eigenes Heim haben würden. Wenn das Gefühl des Scheiterns sie überkam, nahm sie mich und wir gingen in die Sonntagsmatinee im Oxford- oder im Jumbo-Kino. Damals gab es weder das Einkaufszentrum noch den McDonalds, auf den Kinobesuch folgte kein Abendessen mit Cheeseburgern, bei dem ich so tat, als wäre ich in Amerika, und Mama hatte noch nicht die Angewohnheit, nach Extra-Packungen Mayonnaise und Ketchup für zu Hause zu fragen. Das waren glückliche Tage, die Sonntagsmatineen, die Filme enttäuschten uns nie, und auf dem Heimweg glaubte Mama wieder daran, dass wir Großmutters Haus verlassen würden, egal, ob der Film von einem australischen Krokodiljäger handelte oder einem Wesen, das in einem Raumschiff lebte, auf dem Heimweg glaubte Mama wieder an ihren Traum, die Filme waren der Beweis dafür, dass das Leben sich immer den Träumen beugte. Wenn man es am wenigsten erwartete, ließ etwas aus heiterem Himmel sie wahr werden. Mehr als in den Predigten von Pater Raul auf der Kanzel der Sonntagsmesse erkannte und stärkte Mama ihren Glauben in Filmen.

Fast dreißig Jahre später war Mutters Viertel immer noch so hässlich und vernachlässigt wie eh und je und hatte seinen einzigen Vorteil, die reine Luft der Kiefern im Tal, verloren. Ich war bereits mit Jorge zusammen, als die Wut des Fortschritts sich mit Kettensägen und Zementmischern bewaffnete, um die Kiefern zu entwurzeln und an ihrer Stelle Gebäude zu errichten, die so trostlos waren, dass das Licht sich weigerte, ihre traurigen Fassaden zu erhellen. Der Dreck, der von den höchsten Punkten herabfloss, blieb nun im Tal stecken, und von der alten Fülle an Stämmen und Ästen war nur noch das halbe Dutzend Kiefern übrig, die die sogenannte neue Alameda flankierten, obwohl es nie eine alte gegeben hatte, ein halbes Dutzend Kiefern in kleinen, in den Asphalt geschnittenen Kreisen, die mit jedem Jahr kümmerlicher wurden, ein sterbendes Mahnmal des Baubooms am Ende des zweiten Jahrtausends und der Exzesse in der Zeit vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, vor der großen Krise.

Als wir das Haus betraten, sagte Mama halblaut, Da fällt bestimmt gleich ein Heiliger vom Altar. Ich tat so, als hätte ich die Provokation nicht gehört, und stimmte zu, Es ist schon so lange her, dass wir hier unter vier Augen waren, wir schieben es immer wieder auf und dann passieren diese Dinge. Ich bemerkte die Fingerabdrücke auf der Glasplatte des Tischs, ich wusste, dass Mama ein Tuch holen würde, um sie abzuwischen, und zum ersten Mal irritierte mich ihr vorhersehbares Verhalten nicht, sondern gab mir Trost, Mama tat, was sie immer getan hatte, und das bedeutete, dass es ihr gut ging, es bedeutete, sie würde nicht anfangen, mich anzubetteln, ich solle sie in die Hauptstadt mitnehmen. Ist etwas passiert, die Mädchen, Jorge?, fragte sie, ging in Richtung Küche und überließ mich dem großen Porträt von Papa, das an der Wohnzimmerwand hing.

Ich war fünf, als Papa starb, und vermutlich noch nicht sechs, als Mama das letzte Foto von ihm vergrößern ließ, So bleibt er immer bei uns, sagte sie zufrieden, als hätte sie ihn im Streit mit einer Geliebten endlich gewonnen. Wir wohnten weiterhin bei Großmutter, ich schlief nicht mehr auf dem Diwan, sondern nahm Papas Platz im Ehebett ein. Mama wollte ein Porträt, das die ganze Wand unseres Schlafzimmers einnehmen sollte, aber die Qualität des Negativs und der Kostenvoranschlag, den man ihr vorlegte, bremsten ihren Ehrgeiz und zwangen sie, sich mit einem Meter zwanzig mal achtzig zu begnügen. Um der Entfernung, die durch den Tod entstand, etwas entgegenzusetzen, hängte Mama das Porträt zu niedrig auf, so dass Papa uns ansah, wenn wir im Bett lagen. Damals schienen meine Größe und die meines Vaters nicht falsch zu sein, wenn ich neben dem Porträt stand, überragte er mich so weit, dass mein Kopf ihm bis zur Taille reichte, fast wie bei den Vätern der anderen Kinder. Aber mit der Zeit wanderte mein Kopf zu schnell nach oben, Papas Porträt wurde zu einem Wachstumslineal, im folgenden Jahr reichte mein Kopf fast bis zu seiner Brust, im Jahr danach war er an seinem Herz angelangt und im darauffolgenden konnte ich ihn an seine Schulter lehnen. Als wir aus Großmutters Haus auszogen und Mama das Porträt an die Wohnzimmerwand hängen ließ, waren Papas Augen wieder über meinen, auch wenn ich auf Zehenspitzen stand. In der richtigen Höhe platziert, machte Papas nur annähernd menschliche Größe noch deutlicher, was er für mich geworden war, ein kleiner Zwerg, eingesperrt in einen breiten Aluminiumrahmen.