Elif tanzt - Ernst-Richard Köper - E-Book

Elif tanzt E-Book

Ernst-Richard Köper

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Beschreibung

Urteile nicht vorschnell, denn alles, was ein Mensch tut, hängt uneingeschränkt vom universellen Willen ab. Der erfahrene Lokalredakteur Benjamin Neuburg ist einem Kleinstadtskandal auf der Spur. Unglücklicherweise werden seine Recherchen durch das Auftauchen einer lange vergessenen Erbtante gestört. Tante Käthe scheint auf magische Weise mit der bereits 1928 verstorbenen Kabbalistin Moina Mathers verbunden zu sein. Noch mysteriöser als die Tante ist deren Assistentin Elif. Die junge Türkin entführt den Rationalisten und Skeptiker Neuburg in eine fantastische Traumwelt, in der er eine ganz neue spirituelle Sicht auf die Menschen und die Welt kennenlernt. Doch aus dem Traum droht ein Albtraum zu werden, denn die Polizei hält Elif für eine Mörderin.

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Urteile nicht vorschnell, denn was ein Mensch tut, hängt uneingeschränkt vom universellen Willen ab“, so fasst Elif ihre Sicht auf die Welt zusammen.

Ursprünglich stammen diese Worte aus der Feder des amerikanischen Autors Paul Foster Case (1884 - 1954).

Die Sätze, die Benjamin Neuburg an den Decken im ‚Haus der Offenbarung‘ liest, finden sich im Original in ‚Die mystische Kabbala‘ von Dion Fortune (1890 - 1946). Fortune zitiert sie dort aus dem Sefer Jetzira, dem ‚Buch der Formen‘, das vermutlich im 2. oder 3. Jahrhundert entstanden ist.

An anderer Stelle zitiert Elif selbst Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rumi (1207 – 1273) und Meister Eckart (um 1260 – 1328).

Rumi und Meister Eckart, der eine islamischer, der andere christlicher Mystiker, gehören wie die Okkultisten Case und Dion Fortune zu den Schriftstellern, denen ich viel zu verdanken habe. Es gäbe noch eine Reihe anderer, die an dieser Stelle Erwähnung verdient hätten, aber das würde den Rahmen sprengen.

Unbedingt bedanken möchte ich mich jedoch bei meiner Frau Elke, die mir sehr geholfen hat, die Geschichte von Elif aufzuschreiben.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Epilog

Kapitel 1

Benjamin Neuburg war so in Gedanken versunken, dass er den verwilderten Garten zu seiner Rechten zunächst gar nicht bemerkte. Erst als er das ramponierte Holztor des Gartenzauns erreicht hatte, blieb er verwundert stehen. Im hinteren Teil des Grundstücks duckte sich ein Häuschen unter die hohen Bäume, als ob es nicht gesehen werden wollte. Vom Gartentor aus führte ein leicht geschwungener Weg zur Eingangstür. Der Belag schimmerte silbern, als ob er von einem Mond beschienen würde. Doch Neuburg wusste, dass der Himmel heute von schweren Wolken verhangen war, die kein Mondlicht hätte durchdringen können.

„War die baufällige Hütte nicht längst dem Erdboden gleichgemacht und durch einen kastenartigen, modernen Neubau ersetzt worden“, schoss es ihm durch den Kopf. Er konnte sich noch gut an die Entscheidung zum Abriss erinnern. Er hatte damals für den ‚Bentorfer Anzeiger‘ darübergeschrieben.

War seine Vorstellung davon, wie es nach dem Abriss einmal aussehen würde, nur Einbildung gewesen, und in Wahrheit hatte das alles noch gar nicht stattgefunden? Nein, unmöglich. Er war erst vor wenigen Stunden den gleichen Weg in umgekehrter Richtung gegangen, ohne dass ihm irgendetwas Besonderes aufgefallen wäre.

Neuburg spürte, wie der Boden unter seinen Füßen schwankte und er das Gefühl hatte, in einen bösen Traum zu gleiten. Benommen öffnete er die Pforte und ging langsam auf das gedrungene Gebäude zu. Alle Fensterläden waren geschlossen, stellte Neuburg fest, aber ihm war so, als würde schwaches Licht durch die Ritzen schimmern. Als er schließlich direkt vor dem kleinen Haus stand, erkannte er auf dem hölzernen Sturz über der Eingangstür eine ziemlich verwitterte Inschrift:

Post CXX annos patebo

„Nach 120 Jahren werde ich offenbar“, übersetzte Neuburg im Geiste.

Das meiste seiner Lateinkenntnisse war längst verschollen, aber für diesen Satz reichte es so gerade noch, stellte er fest, und bei dieser Erkenntnis musste er innerlich lächeln. Doch dieser Anflug von Heiterkeit wich sofort wieder dem unheimlichen Gefühl, das ihn begleitete, seit er den Garten betreten hatte.

Vorsichtig drückte er die Klinke herunter. Die Tür sprang aus dem Schloss und öffnete sich einen Spaltbreit. Der dahinterliegende Raum war von Kerzenlicht nur spärlich beleuchtet. Benjamin Neuburg lauschte eine ganze Weile angestrengt. Nichts rührte sich. Schließlich schob er die Tür ein bisschen weiter auf und trat ein. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Dämmerlicht. Neuburg hätte in einem derart kleinen Haus niemals einen so großen Eingangsbereich erwartet, der zudem auch noch achteckig war. Fenster gab es keine, aber in den drei dem Eingang gegenüber liegenden Wänden befand sich jeweils eine Tür. Alle drei Türen trugen gravierte Ziffern auf einem runden Messingschild. In der Mitte erkannte Neuburg eine 32, links eine 31 und rechts eine 29.

„Seltsam“, dachte er, „wer nummeriert in einem so kleinen Haus seine Türen, und warum mit so hohen Zahlen?“

Jetzt bemerkte Neuburg auch die elektronischen Türschlösser, die man vermutlich mit Chipkarten öffnen musste – hochmoderne Technik, die dennoch seltsam altmodisch anmutete, weil sie aus Kupfer gefertigt war, das schon reichlich Grünspan angesetzt hatte.

„Ein Hotel? Unmöglich“, verwarf er seinen ersten Gedanken gleich wieder.

Nacheinander drückte er die drei Klinken herunter, doch die nummerierten Türen waren fest verschlossen.

Er drehte sich um und strebte dem Eingang zu. Doch als er ihn fast erreicht hatte, überfiel ihn ein bleiernes Gefühl der Lähmung, das ihn daran hinderte, das Haus zu verlassen. Gleichzeitig verlangsamten sich seine Gedanken ohne sein Zutun, und wie in Zeitlupe wanderte seine Erinnerung zurück zum Anfang dieses Abends.

Begonnen hatte alles wie so oft in den vergangenen zwanzig Jahren, wenn Neuburg als Lokalredakteur des ‚Bentorfer Anzeigers‘ über Ausschussoder Ratssitzungen berichten sollte.

Er hatte zu Hause den Ladestatus und die Chipkarte seiner Kamera kontrolliert, Block und Kugelschreiber bereitgelegt und dann noch einmal seinen eigenen Vorbericht aus der heutigen Ausgabe überflogen.

Bentorfer Anzeiger

Adalbert-Stifter Gymnasium – Sanierung oder Abriss?

Werden heute im Bauausschuss der Stadt Bentorf die Weichen gestellt?

Von Benjamin Neuburg, 18.09.2008

Nichts ist in den letzten Wochen und Monaten unter Bentorfer Bürgern so intensiv diskutiert worden wie die Zukunft des Adalbert-Stifter-Gymnasiums. Für viele Bürger geht es um eine Bildungsinstitution, die um jeden Preis erhalten werden muss. Aber es gibt auch solche, die in Abriss und Neubau an anderer Stelle die einmalige Chance sehen, die Bentorfer Schullandschaft nachhaltig zu modernisieren.

Am Ende wird es wohl, wie so häufig, eine Frage des Geldes sein.

Bürgermeister Herbert Held und seine Verwaltung hatten in den letzten Wochen im Auftrag der Bentorfer Kommunalpolitiker die finanziellen Auswirkungen der beiden Varianten untersucht. In der heutigen Bauausschusssitzung sollen die Zahlen auf den Tisch kommen.

Seit Jahren ist bekannt, dass das Gebäude des Adalbert-Stifter Gymnasiums dringend einer Sanierung bedarf. Der in den frühen 50ern schnell und billig hochgezogene Bau hat seine beste Zeit längst hinter sich. Die naturwissenschaftlichen Fachräume sind hoffnungslos veraltet. Das Lehrerzimmer und die Räumlichkeiten für Schulmaterialien entsprechen nicht mehr den heutigen Mindestanforderungen. Die Schüler müssen ihr Mittagessen in einer provisorischen Mensa einnehmen. Für moderne Kommunikationseinrichtungen fehlt die notwendige technische Infrastruktur.

Trotz dieser massiven Mängel konnte sich die Politik bisher nicht zum Handeln durchringen. Das änderte sich erst, als das Bauamt vor rund einem Jahr zu der Erkenntnis kam, dass das Schulgebäude in seinem jetzigen Zustand nicht nur veraltet sei, sondern auch die Gesundheit von Lehrern und Schülern gefährde.

Feuchte Wände und Schimmel, undichte Fenster und eine mangelhafte Heizungsanlage sowie eine Elektrik, die den heutigen Sicherheitsvorschriften in keiner Weise mehr entspricht, das waren die Fakten, die die Politik zum Umdenken zwangen.

Doch seitdem werden unter Bentorfer Bürgern zwei Konzepte kontrovers diskutiert: Sanierung des vorhandenen Gebäudes oder Abriss und Neubau an anderer Stelle. Politisch verläuft die Front zwischen CDU und FDP auf der Seite der Sanierer, und SPD und Grünen auf der Seite der Neubau-Befürworter. Letztere haben im Rat der Stadt Bentorf bekanntlich die Mehrheit.

Die Sanierer können nur sehr weiche Argumente wie Tradition und Stadtgeschichte ins Feld führen.

„Die Stadt ohne das Adalbert-Stifter Gymnasium an seinem angestammten Platz wäre nicht mehr unser Bentorf“, erklärte deshalb erst unlängst der Vorsitzende der CDU, Werner Olbrecht, bei der Jahreshauptversammlung des einflussreichen Fördervereins der Schule. Olbrecht weiß natürlich, dass er damit nicht nur die Stimmungslage der Mitglieder, sondern auch die der vielen traditionsbewussten Bentorfer Bürger trifft.

SPD und Grüne haben dagegen gewichtige inhaltliche Argumente auf ihrer Seite. Ein Neubau in der Nähe von Oberschule und zwei Grundschulen würde de facto eine Art Schulzentrum schaffen. Eine neue, zentrale Mensa wäre deutlich kostengünstiger als die dezentralen Lösungen, die bisher im Gespräch waren. Auch verkehrspolitisch spricht viel für den Neubau. Die Schulbusse müssten die Schüler nicht mehr auf die unterschiedlichen Schulstandorte verteilen, sondern könnten eine zentrale Haltestelle anfahren. Vor allem ließen sich aber endlich moderne pädagogische Konzepte von Durchlässigkeit, Chancengleichheit und Inklusion umsetzen.

Doch so gut oder schlecht die jeweiligen Argumente auch sein mögen, am Ende könnte es auf die simple Frage hinauslaufen: Welche Lösung ist die bezahlbarere? Denn angesichts der katastrophalen Haushaltslage der Stadt kann sich dieser einfachen Gleichung vermutlich niemand entziehen, weder CDU und FDP noch SPD und Grüne, noch der Förderverein.

Doch auch in dieser Frage sehen sich die Befürworter des Neubaus klar im Vorteil.

„Allein die Nachnutzung des jetzigen Grundstücks bringt der Stadt viele Millionen“, erläutert SPD-Chef Stefan Kroll in einer Pressemitteilung seiner Partei. Immerhin läge das marode Schulgebäude mitten im besten und teuersten Wohngebiet der Stadt, da dürfte eine erfolgreiche Vermarktung kein Problem sein.

Entsprechend selbstbewusst hatten in der letzten Ratssitzung SPD und Grüne mit ihrer Mehrheit die Verwaltung der Stadt Bentorf beauftragt, die Kosten der beiden Konzepte im Detail zu ermitteln und in der heutigen Bauausschusssitzung vorzustellen. Die beiden Parteien selbst hatten im Vorfeld ein ungefähres Einsparpotenzial von rund 5 Millionen Euro bei ihrer Neubaulösung errechnet.

Aus dem Rathaus waren in den letzten Tagen jedoch beunruhigende Gerüchte nach außen gedrungen, dass der finanzielle Vorteil gar nicht so eindeutig sein könnte.

Auch deshalb blickt ganz Bentorf voller Spannung auf die heutige Bauausschusssitzung im Rathaus, und es darf mit einem regen Publikumsinteresse gerechnet werden.

„Das eine oder andere hätte man eleganter formulieren können“, dachte Neuburg, doch daran ließ sich jetzt ohnehin nichts mehr ändern. Also hatte er seine Sachen zusammengepackt und gegen 18 Uhr die Wohnung verlassen.

Er hätte die etwas kürzere Strecke durch die Fußgängerzone wählen können, doch er befürchtete, auf zu viele Menschen zu treffen, die irgendetwas von ihm wollten. Als Lokalredakteur musste man sich ständig Beschwerden anhören. Vereinsvorsitzende beklagten sich darüber, dass es ihre letzte Pressemitteilung nur zu einer kurzen Meldung und nicht zu einem ausgewachsenen Artikel gebracht hatte. Lokalpolitiker fühlten sich permanent missverstanden und ganz normale Leser witterten hinter diesem oder jenem Beitrag eine bewusst einseitige oder falsche Darstellung.

An anderen Tagen wählte Neuburg häufig den Weg durch die Fußgängerzone - gerade, weil es zu solchen Begegnungen kam, weil er es liebte, erkannt zu werden und weil er gerne angesprochen wurde. Da bei war ihm natürlich bewusst, dass er am Ende am längeren Hebel saß, egal wie heftig seine Gegenüber ihre jeweiligen Ansinnen vortrugen. Doch heute hatte er auf solche Gespräche keine Lust und war deshalb durch die kleine Gasse gegangen, die parallel zur Fußgängerzone verlief.

Dem Abend selbst sah er mit Gelassenheit entgegen. Er wusste, dass die Bentorfer Politiker und viele Bürger mit Hochspannung auf die Zahlen warteten, die die Verwaltung gleich vorstellen würde. Doch für einen alten Hasen wie ihn dürfte es dennoch auf reine Routine hinauslaufen.

So hatte er gut gelaunt den kleinen Fußmarsch zum Rathaus zurückgelegt, hatte die Menschen beobachtet, die ihm entgegenkamen und hin und wieder auch den Blick über die Häuser rechts und links schweifen lassen.

Am Rathaus angekommen, wurde ihm allerdings schnell klar, dass manches an diesem Abend anders sein würde, als er es erwartet hatte.

So war er fest davon ausgegangen, dass die Sitzung nicht im Raum für die Ausschüsse, sondern im Bürgersaal stattfinden würde. Das wurde immer so gehandhabt, wenn man in der Verwaltung von einem außergewöhnlich hohen Interesse der Menschen an dieser oder jener Veranstaltung ausgehen konnte.

Nicht so heute Abend. Heute quetschten sich knapp 40 Zuschauer in den kleinen Konferenzraum mit seinen vier Stuhlreihen für Gäste. Mindestens doppelt so viele Interessierte hatten keinen Platz mehr gefunden und waren murrend wieder abgezogen.

Auch dass Bürgermeister Herbert Held, selbst ein ausgewiesener Fachmann für kommunale Finanzen, die Vorstellung der beiden Finanzierungskonzepte seinem Mitarbeiter Abdal Arabo überließ, war eine echte Überraschung. Arabo, einem gebürtigen Syrer, wurden Ambitionen auf die Stelle des Kämmerers Frank Mittelborn nachgesagt. Den wiederum zog es zu höheren Aufgaben in die Landeshauptstadt Hannover.

Abdal Arabo entwickelte auf dem Whiteboard an der Stirnwand des Sitzungsraums in 45 Minuten zwei gewaltige Zahlenkolonnen, in die er alle Faktoren hatte einfließen lassen, die bei einem solchen Vorgang zu berücksichtigen sind. Das zumindest betonte er mehrfach. Notwendige Grundstückskäufe und -verkäufe, anfallende Erschließungskosten für den Neubau oder für die Nachnutzung des jetzigen Standortes, unterschiedliche Finanzierungskosten angesichts gegenwärtiger und zukünftiger Zinsentwicklungen für kommunale Kredite, unterschiedliche Abschreibungsmöglichkeiten für Neubauten oder Sanierungen, unterschiedliche zukünftige Sanierungsbedarfe und noch vieles mehr.

Schließlich beendete Arabo seinen Vortrag mit der nüchternen Feststellung, dass eine Sanierung des vorhandenen Gymnasiums bei Abwägung all dieser Faktoren um satte 2,8 Millionen Euro günstiger komme als ein Neubau, vorausgesetzt, man lege einen Betrachtungszeitraum von 55 Jahren zugrunde.

Der Bürgermeister dankte seinem Mitarbeiter für die hervorragende Arbeit und erklärte, dass er jetzt für Fragen der Bürger zur Verfügung stehe. Neuburg erinnerte sich, dass ihm die nächsten fünf oder sechs Redebeiträge zu irgendwelchen Details ziemlich belanglos vorkamen und er das Gefühl hatte, dass diese Wortmeldungen im Vorfeld abgesprochen worden waren, um Zeit zu schinden. Aber dann wurde doch noch die eine Frage gestellt, die ihn selbst schon die ganze Zeit beschäftigt hatte:

„Wer weiß denn schon, was in 55 Jahren ist?“

Der Bürgermeister konterte mit dem, was er am besten beherrschte, einer unnachahmlichen Mischung aus Überheblichkeit und Konzilianz:

„Ich glaube, Herr Arabo hat ziemlich deutlich gemacht, um was es hier geht, nämlich nicht um Kaffeesatzleserei, sondern um nüchterne Finanzmathematik. Natürlich haben Sie recht. Niemand weiß, was in 55 Jahren sein wird. Umso mehr müssen wir versuchen, so viel wie möglich darüber herauszufinden, und genau das haben wir getan.“

Dass der Fragesteller mit dieser Antwort nicht zufrieden war, überging der Verwaltungschef und wendete sich mit pathetischer Miene an die Ausschussmitglieder.

„Natürlich entscheiden am Ende die Ratsfrauen und Ratsherren der Stadt Bentorf über die Zukunft des Adalbert-Stifter-Gymnasiums. Aber wenn zwei gleich gute Konzepte auf dem Tisch liegen, dann ist es Ihre Pflicht, sich für dasjenige zu entscheiden, welches den Haushalt der Stadt um mindestens 2,8 Millionen Euro weniger belastet“, sagte der Bürgermeister.

Kurz darauf beendete der Ausschussvorsitzende Konstantin Lübcke die Fragerunde.

Bei den Grünen regte sich leiser Unmut. Doch Lübcke verwies darauf, dass man sich im Vorfeld fraktionsübergreifend dahingehend verständigt hatte, die Ausschusssitzung als Informationsveranstaltung ohne Aussprache abzuhalten und die Bürgerfragestunde auf 15 Minuten zu begrenzen. Das alles sei im Übrigen durch das Kommunalverfassungsgesetz gedeckt, und auch die Grünen hätten zugestimmt, betonte der Ausschussvorsitzende.

„Ja klar“, dachte Neuburg, „da waren die sich ja auch noch sicher, dass ihr Neubau-Konzept auch finanziell das Rennen machen würde.“

Später war er dann in Carlos Kneipe am Tresen gelandet. Carlos Gaststätte wurde von Bentorfs besserer Gesellschaft gemieden, deshalb war Neuburg hier vor unliebsamen Gesprächen einigermaßen sicher. Wenn ihn überhaupt jemand ansprach, dann ging es meistens um Fußball und die dazugehörige Berichterstattung im ‚Bentorfer Anzeiger‘, und da konnte er guten Gewissens auf die Kollegen aus der Sportredaktion verweisen.

Wie er es erwartet hatte, waren die Tische in Carlos Kneipe nur spärlich besetzt. Drei ältere Herren spielten Skat, und Neuburg konnte sich nicht erinnern, jemals hier gewesen zu sein, ohne dass diese drei rechts hinten in der Ecke ihrer Leidenschaft nachgegangen waren. Auf der anderen Seite saß ein Pärchen mittleren Alters, das die Köpfe aneinandergelegt hatte und angeregt tuschelte. Neuburg wählte den Hocker am Tresen, der unmittelbar an der Wand stand. Dort hing der leere Blechkasten eines Sparvereins, der schon lange aufgelöst worden war. Neuburg gab dem Wirt ein Zeichen.

Nachdem er das erste Bier geleert hatte, wanderten seine Gedanken zurück zu der doch sehr ungewöhnlichen Ausschusssitzung, der er eben beigewohnt hatte. Die mutwillige Begrenzung der Zuschauerzahl, die bis zur Kleinlichkeit detaillierte Rechnung mit ihrem unerwarteten Ergebnis, die offensichtlich abgesprochenen Fragen am Ende von Arabos Vortrag – das alles erweckte Neuburgs Misstrauen.

Carlo stellte ein weiteres Bier vor ihn auf den Tresen.

Warum hatte bei der SPD so eine Grabesstille geherrscht? Nichts, kein Sterbenswörtchen war von denen gekommen. Das Gemurre bei den Grünen war normal. Das gehörte zur üblichen Geräuschkulisse bei einer Ausschusssitzung. Aber bei den Sozialdemokraten war es einfach zu leise geblieben.

Da war irgendeine Sauerei im Gange, war sich Neuburg plötzlich vollkommen sicher. Und je länger er darüber nachdachte, desto mehr schlich sich bei ihm das Gefühl ein, dass diese Sache vielleicht die große Chance war, auf die er schon so lange gewartet hatte. Sich noch einmal richtig festbeißen, noch einmal den ganz großen Provinzskandal aufdecken und damit endlich die Bekanntheit zu erlangen, die über Bentorf hinaus reichen würde, das wäre es doch. Er hatte ihn so satt, den täglichen Trott eines Bratwurst-Journalisten.

Neuburg war schon beim dritten Bier, das Carlo vor ihn hingestellt hatte, angelangt, als er plötzlich in sich einen längst vergessenen Kampfgeist erwachen fühlte. Einen Kampfgeist, der ihm als jungem Redakteur eine Niederlage nach der nächsten beschert hatte und der dann einer resignierten Gleichgültigkeit gewichen war.

Neuburg nahm sich vor, sofort morgen früh, wenn er ausgeschlafen und wieder nüchtern sein würde, mit den Recherchen zu beginnen. Er trank aus, zahlte und verließ die Gaststätte.

Der Sommer hatte von einem auf den anderen Tag dem Herbst weichen müssen, und es war viel später geworden, als Neuburg ursprünglich geplant hatte. Er hätte eine Jacke mitnehmen sollen, dachte er. Doch obwohl es ihn fröstelte, war er auf dem Heimweg am Rathaus noch einmal stehen geblieben.

Auf den Fluren brannte nur noch die Notbeleuchtung und der klotzige Bau wirkte irgendwie unheimlich, stellte Neuburg fest. Sein Blick richtete sich auf die Fenster im 1. Stock, hinter denen das Sitzungszimmer lag, in dem heute Abend der Bauausschuss getagt hatte.

„Schwarze tote Augen, die vor wenigen Stunden das Grauen gesehen hatten“, dachte Neuburg und schmunzelte im selben Moment über seinen Hang zur Dramatik.

Andererseits, niemand hätte im Vorfeld mit einem so kuriosen Verlauf einer eigentlich völlig normalen Bauausschusssitzung rechnen können.

„Ich werde schon herausfinden, was hier gespielt wird“, sagte er halblaut zu sich selbst und trat, beseelt von der Aussicht auf eine großartige Zukunft, den restlichen Heimweg an.

Ein heftiger Luftzug fegte plötzlich durch den achteckigen Raum und riss Benjamin Neuburg aus seinen Gedanken. Die Eingangstür wurde ins Schloss geworfen und die Kerzen erloschen. Er war starr vor Schreck, als eine donnernde Lautsprecherdurchsage erklang:

„Willkommen im Theater der Offenbarung. Sie befinden sich vor Bühne 1.“

Tosende Rockmusik setzte ein und der Raum wurde in gleißendes farbiges Licht getaucht. Nur langsam erkannte Neuburg vor sich eine Bühne mit einem Bühnenbild, das eine grotesk überzeichnete Version des Sitzungszimmers im Rathaus darzustellen schien. Alle Möbel waren so überdimensioniert, dass die Schauspieler, die auf den Sesseln und Stühlen Platz genommen hatten, mit ihren Füßen nicht den Boden berühren konnten. Die Bezüge der Sitzmöbel waren in grellen Neonfarben gehalten, und auf den drei fensterlosen Wänden des Raumes blinkten unablässig Leuchtschriften.

„2,8 Millionen“ war dort in wechselnden Farben zu lesen, aber auch: „Wer schreibt, bleibt“ oder „Den Neubau braucht die Sau“.

Grotesk überzeichnet waren auch die Figuren, die die Szenerie bevölkerten. Dennoch konnte Neuburg sofort erkennen, wer wen darstellen sollte. Der Bürgermeister hatte scharf gezeichnete Gesichtszüge und die riesige Nase gab ihm das Aussehen eines Raubvogels, der im Begriff war, nach seinen Opfern zu hacken. Die Vorsitzenden der beiden großen Parteien waren so feist und fett, dass man die Sorge haben musste, sie würden links und rechts an ihren Stühlen herunter triefen. Die Vertreter der anderen Parteien waren dagegen kleine, nervöse Männchen und Frauchen, die um die Stuhlbeine herum wieselten und dabei ständig ihre zu weiten Hosen und Röcke festhalten mussten, damit sie Ihnen nicht auf die Füße rutschten. Vorne an einer Schultafel stand Abdal Arabo, der in einen mit Zahlen und Gleichungen bedruckten hautengen gelben Strampelanzug gekleidet war und sich bei seinem Vortrag wie eine Schlange wand.

Und dann sah Neuburg sich selbst in der ersten Zuschauerreihe des stilisierten Konferenzraums sitzen. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen, und auf seinem Oberschenkel ruhte ein Notizblock. In seiner rechten Hand hielt er einen Bleistift, der so stark angespitzt war, dass die Miene wie eine tödliche Waffe funkelte. Vor dem linken Auge befand sich eine Art Okular, das an einem ledernen Stirnband befestigt war.

Wie eine Hyäne auf der Lauer nach Beute beobachtete er die Szenerie. Nicht auf der Suche nach Nachrichten oder Wahrheiten war er, nein, dieser Benjamin Neuburg war offensichtlich nur an Ausrutschern interessiert, an peinlichen Fehltritten, an Entgleisungen, an dem berühmten Haar in der Suppe. Dieser Benjamin Neuburg hatte den Vorsatz gefasst, jeden Fehler dieser grotesken kommunalpolitischen Akteure zu nutzen, um daraus einen einzigartigen persönlichen Triumph zu machen. Benjamin Victor Neuburg, der Mann, der von sich selbst glaubte, er werde eine der größten Korruptionsaffären in der Geschichte der deutschen Kommunalpolitik aufdecken. Ein leuchtendes moralisches Vorbild für alle, denen es um journalistische Tugenden geht. Einer, dem eines Tages die jungen, angehenden Journalistinnen und Journalisten an den Lippen hängen würden.

Schlagartig verlöschten die Lichter und die Lautsprecherstimme erklang:

„Wir danken für Ihren Besuch. Beehren Sie uns bald wieder im Theater der Offenbarung, wenn wir auf Bühne 2 die Tragödie spielen: ‚Die Welt versinkt in einem Traum‘.“

Kapitel 2

Der kubische Neubau war in dezentem Hellgrau gehalten, die rechte vordere Ecke wurde durch einige gelbe und schwarze Elemente aufgelockert, die Fachwerkbalken andeuten sollten.

Benjamin Neuburg hoffte inständig, dass ihm keiner der Passanten auf der Straße ansah, wie peinlich berührt er gerade war. Nichts, aber auch gar nichts erinnerte an den verwilderten Garten und das alte Häuschen von gestern Nacht. Es war alles so, wie er es schon immer und auch heute Morgen direkt nach dem Aufwachen in Erinnerung hatte.

Er war entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten sofort aus dem Bett gesprungen, hatte sich angezogen und im Bad notdürftig ein bisschen Wasser ins Gesicht gespritzt. Dann war er hierher in die kleine Gasse geeilt.

Beim Anblick des Gebäudes hatte er hörbar aufgeatmet, doch die Erkenntnis, dass ihn seine Erinnerung nicht getrogen hatte, konnte ihn nur kurz beruhigen. Was war da passiert gestern Nacht? Seine Wahnvorstellung war unmöglich vom Alkohol ausgelöst worden, nicht von den paar Bierchen, die er bei Carlo getrunken hatte, sagte er sich selbst. Andererseits hätte er auch jetzt noch seine Erlebnisse in diesem nicht vorhandenen Gebäude bis ins kleinste Detail schildern können. Er sah deutlich den geschwungenen Weg vor seinem geistigen Auge. Er erinnerte sich an die Einzelheiten des kleinen Hauses, an den Schriftzug über der Eingangstür, an den achteckigen Eingangsbereich und an die drei Türen mit den Zahlen 29, 30 und 31. Er hörte die Stimme der Lautsprecherdurchsage in seinem Kopf und er konnte sich an jedes Detail der Theateraufführung erinnern, in der die gestrige Bauausschusssitzung persifliert worden war. Und das alles soll gar nicht stattgefunden haben? Das war wirklich unheimlich.

„Ich sollte zu meiner Hausärztin gehen“, schoss es ihm durch den Kopf, doch er verwarf den Gedanken sofort wieder. Ein kräftiges Frühstück und ein ordentlicher Kaffee würden die Gespenster schon vertreiben, die sich seiner bemächtigen wollten.

Wenig später saß Benjamin Neuburg im ‚Ratscafé am Markt‘ mit einer duftenden Tasse Kaffee vor sich auf dem Tisch. Ein junges Mädchen, das er vorher noch nie gesehen hatte, servierte ihm Rührei mit Schinken. Er bemerkte, dass sie ihn dabei aus dunklen Augen verstohlen ansah.

„Vermutlich Türkin oder Kurdin“ dachte Neuburg, „Ganz hübsch, aber sehr schüchtern. Hoffentlich geht das gut. In Bentorf gibt es furchtbare Menschen. Na ja, wenigstens hat sie einen Chef, bei dem sie wirklich gut aufgehoben ist und der sich im Zweifelsfall schützend vor sie stellen würde.“

Er sah Ron Maier, den Inhaber des Cafés, durch die geöffnete Küchentür am Herd hantieren.

Nachdem Neuburg einen Schluck Kaffee getrunken hatte, griff er zu der Zeitung, die neben ihm auf dem Stuhl lag. Es war die heutige Ausgabe des ‚Bentorfer Anzeigers‘. Natürlich stand da noch nichts über die Sitzung des Bauausschusses, das würde Neuburg erst im Laufe des Tages schreiben. Aber ein anderer Artikel interessierte ihn, ein Artikel, den sein Kollege Wolfgang Kassmann gestern verfasst hatte.

‚Kunstrasenplatz endgültig vom Tisch‘ lautete die Überschrift.

So wie die CDU ihr Gymnasium hatte, hatte auch die SPD ein Prestige-Projekt, einen neuen Kunstrasenplatz für den SV Bentorf, denn dieser mit Abstand größte der Bentorfer Sportvereine war fest in sozialdemokratischer Hand. Zwar nahmen sich die veranschlagten 450.000 Euro für den Kunstrasenplatz sehr bescheiden aus, verglichen mit den 15 Millionen für die Schulsanierung, aber dennoch war das Projekt im Sportausschuss vor zwei Tagen am Widerstand der CDU und der Grünen gescheitert. Allerdings hatten sich die Konservativen erstaunlich wenig Mühe damit gemacht, ihre ablehnende Haltung zu begründen, war hier zu lesen.

„Seltsam“, dachte Neuburg, „eigentlich lassen die doch keine Gelegenheit aus, sich als die einzigen und wahren Hüter der Steuergroschen der Bentorfer Bürger und vor allem der Bentorfer Unternehmer zu präsentieren.“

Neuburg faltete die Zeitung zusammen und legte sie zurück auf den Stuhl und griff zu Messer und Gabel.

„Da hat dein Käseblatt aber mal wieder gründlich danebengelegen“, donnerte plötzlich eine Stimme neben ihm. Benjamin Neuburg zuckte zusammen und etwas Rührei rutschte ihm von der Gabel und landete auf der weißen Tischdecke. Er hatte nicht bemerkt, dass Stefan Kroll, der Vorsitzende der Bentorfer SPD, von hinten an seinen Tisch getreten war.

„Verdammt noch mal, Herr Kroll, jetzt haben Sie mich aber erschreckt.“

Neuburg musste sich kurz sammeln.

„Wieso danebengelegen? Eine Mehrheit hat sich im Ausschuss doch klar gegen den Kunstrasenplatz positioniert.“

Er machte eine vage Handbewegung in Richtung der Zeitung, die auf dem Stuhl lag.

„Das muss ich dir doch wohl nicht sagen, dass in der Kommunalpolitik eine Entscheidung erst durch den Rat muss, bevor sie amtlich ist.“

Bei den letzten Worten hatte der SPD-Boss Neuburg auf die Schulter geklopft und war grußlos weitergegangen.

Neuburg ärgerte sich über die scheinbar unausrottbare sozialdemokratische Angewohnheit, alles und jeden zu duzen. Doch dann wurde ihm langsam bewusst, dass Krolls flapsige Bemerkung irgendwie mit dem gestrigen Abend in Verbindung stehen musste. Die seltsamen Erlebnisse der vergangenen Nacht hatten Neuburg ganz davon abgebracht, die Hintergründe dieser skurrilen Bauausschusssitzung aufklären zu wollen. Aber der polternde Auftritt Krolls erinnerte ihn umso deutlicher daran.

Eine gute halbe Stunde später war Benjamin Neuburg auf dem Weg zu seiner Wohnung, als ihm im Treppenhaus seine Postbotin begegnete, eine blonde, sehr aufgekratzte, aber auch sehr freundliche Frau mittleren Alters, die immer in Eile war.

„Ich habe ihnen ein Päckchen vor die Tür gelegt, von ihrer Mutter, glaube ich“, rief sie ihm zu und war schon aus dem Haus.

„Wohl kaum“, dachte Neuburg.

Seine Mutter war vor sechs Jahren verstorben. Doch als er seine Wohnungstür erreicht hatte, stockte ihm der Atem, denn er erkannte sofort ihre Schrift. Mit zitternden Händen hob er das Päckchen auf und las den Absender:

Marilene Neuburg, Südwall 26, 46509 Xanten

Sein Herz begann zu rasen, doch dann sah er den Poststempel:

14.06.2002

„Ein Paket, dass sechs Jahre unterwegs war, so etwas kommt hin und wieder vor“, sagte er sich selbst.

Er schloss seine Wohnungstür auf, stellte das Päckchen auf den Esstisch und ging in die Küche, um sich einen Tee zu kochen. Es war mittlerweile 11 Uhr. Er hatte heute die zweite Schicht in der Redaktion. Es blieben ihm also noch gut anderthalb Stunden, bis er aufbrechen musste.

Als er mit dem Becher Tee ins Wohnzimmer zurückkam, um sich an den Tisch zu setzen, fasste er einmal instinktiv an die Tischkante und ertastete die Rundung der massiven Kiefernholzplatte. Eine jahrzehntelange Angewohnheit, von der er glaubte, sie würde beruhigend auf ihn wirken.

Die dänischen Möbel, mit denen er eingerichtet war, hatte er Anfang der 80er-Jahre als junger Redakteur gekauft, obwohl sie damals eigentlich schon aus der Mode waren. Doch ihm gefiel das Gediegene dieses skandinavischen Stils viel besser als die zu jener Zeit aufkommenden italienischen Designermöbel, die auf ihn immer ein bisschen unseriös wirkten, mehr Schein als Sein. Er hatte sich mit seinem Geschmack auch gegen Annie durchsetzen müssen, seine damalige Freundin, mit der er die Wohnung gemeinsam bezogen hatte. Drei Jahre später war sie dann ausgezogen, obwohl sie ein Kind von ihm erwartete. Sie hatte nie Geld von ihm haben wollen, und er hatte nie Nachforschungen angestellt, wohin sie verschwunden sein könnte. Neuburg war einfach wohnen geblieben und hatte seitdem auch an der Einrichtung praktisch nichts verändert.

Er betrachtete das Päckchen lange, bevor er den Teebecher abstellte und das Packpapier aufriss. Die Schachtel, die sich darunter verbarg, war nur zusammengesteckt. Darin enthalten war ein kleiner Beutel aus Wildleder und ein Briefumschlag. In dem Säckchen befand sich ein abgegriffener Satz Spielkarten. Benjamin wusste zwar, dass das, was er da in seinen Händen hielt, Tarotkarten waren, aber er hatte sich nie mit so etwas beschäftigt. Schon gar keinen Reim konnte er sich darauf machen, warum ihm seine gut katholische Mutter vom Niederrhein vor sechs Jahren ein solches ‚Gebetbuch des Teufels‘ geschickt haben sollte. Also riss er als Nächstes den Briefumschlag auf, in dem er ein kurzes Schreiben und eine Postkarte fand. Da er die Handschrift seiner Mutter erkannte, las er zuerst den Brief:

Lieber Benjamin,

heute erreichte mich ein Päckchen von deiner Tante Käthe. Es enthielt den Beutel mit diesen merkwürdigen Spielkarten und die Postkarte mit dem Motiv des Eiffelturms. Alles an diesem Paket ist ein bisschen seltsam. Es beginnt schon damit, dass Käthe ihre dürftigen Zeilen auf der Postkarte mit ihrem zweiten Vornamen Moina unterschrieben hat. Dieser zweite Name deiner Tante ist in der Familie immer unter den Tisch gefallen. Jedenfalls gibt es für Moina im christlichen Kalender keinen Namenstag, und deine Großeltern hüllten sich zu der Frage, warum sie ihn für ihre Tochter ausgewählt hatten, in hartnäckiges Schweigen. Dein Vater fand heraus, dass der Name ‚Moina‘ aus Osteuropa stammt, möglicherweise aus Bulgarien. Aber dorthin hatten die Neuburgs nie irgendwelche Beziehungen.

Ich weiß, dass wir alle schon lange keinen Kontakt mehr zur Familie deines Vaters haben, und du wirst dich an deine Tante Käthe wohl kaum noch erinnern können. Aber vielleicht kannst du ihrem Wunsch entsprechen, wenn es dir keine allzu großen Umstände bereitet. Ich will nicht pietätlos wirken, aber man könnte aus ihren mageren Zeilen herauslesen, dass sie mit dir über eine Erbschaft sprechen möchte.

Tante Käthe lebte in ziemlich ärmlichen Verhältnissen, als dein Vater und ich sie das letzte Mal besucht haben. Aber das ist schon sehr lange her, wie du dir denken kannst. Dein Vater ist jetzt 27 Jahre tot. Wir wissen also alle nicht, wie es deiner Tante in der Zwischenzeit ergangen ist. Kinder hatte sie jedenfalls keine, und vielleicht bist du tatsächlich ihr einziger Erbe, und vielleicht hat sie mittlerweile wirklich etwas zu vererben. Anders kann ich ihre Postkarte jedenfalls nicht deuten. Ruf mich mal an, dann kann ich dir noch ein bisschen mehr über deine Tante erzählen. Und du kannst mir sagen, wie du dich entschieden hast.

Viele liebe Grüße,

Deine Mutti

Zu dem Telefonat wäre es auch dann nicht gekommen, wenn das Paket damals richtig zugestellt worden wäre, dachte Neuburg, denn nur wenige Tage, nachdem sie es abgeschickt hatte, war seine Mutter am 19.06.2002 völlig unerwartet verstorben.

„Typisch“, dachte Neuburg, nachdem er den Brief ein zweites Mal gelesen hatte, „die mehr als vage Aussicht auf eine Erbschaft ließ meine Mutter ihre Angst davor, pietätlos zu erscheinen, schnell über Bord werfen, auch wenn sie im gleichen Atemzug das Gegenteil behauptete.“

Neuburg nahm die Postkarte zur Hand und betrachtete sie. Tatsächlich war auf der Vorderseite eine Schwarz/Weiß-Fotografie des Eiffelturms zu sehen und insgesamt wirkte die Karte, als sei sie schon mehrere Jahrzehnte alt. Die Handschrift auf der Rückseite war kindlich und ungelenk. Neuburg las:

Liebe Marilene,

ich liege in Hannover im Henriettenstift, und das wird vermutlich meine letzte Lebensstation sein. Wie ich gehört habe, wohnt Dein Sohn Victor hier in der Nähe. Kannst Du ihm bitte sagen, dass es für ihn äußerst wichtig sein könnte, mich zu besuchen. Und er soll sich beeilen, mir bleibt wohl nicht mehr viel Zeit.

Deine Moina

Hinter ihren Namen hatte sie zwei ineinander liegende Dreiecke gekritzelt, die so einen sechszackigen Stern bildeten. Darüber hinaus konnte Neuburg keine weiteren Besonderheiten auf der Karte entdecken, außer vielleicht, dass Tante Käthe nicht nur sich selbst bei ihrem zweiten Vornamen nannte, sondern auch ihn: Victor. Das tat sonst niemand.

Er legte die Postkarte zurück auf den Tisch und griff zu seinem Tee. Er versuchte sich an irgendetwas in Bezug auf Tante Käthe zu erinnern. Aber viel kam ihm dabei nicht in den Sinn. Käthe war die ältere Schwester seines Vaters, das immerhin wusste er, etwa zwei oder drei Jahre älter. Das würde bedeuten, dass sie um 1922 auf die Welt gekommen sein musste. Damit wäre sie, als sie im Henriettenstift lag, circa 80 Jahre alt gewesen. Und folgt man ihrer Andeutung, müsste sie dann auch im Jahr 2002 dort verstorben sein.

Benjamin Neuburg begann allmählich damit, sich für die Arbeit fertigzumachen. Doch auch während er im Bad war, und als er sich anschließend in der Küche ein Brot schmierte, drehten sich seine Gedanken unablässig um Tante Käthe.

Die Familie seines Vaters stammte aus dem Rheinland.

„Köln-Frechen“, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf.

Köln-Frechen, da hatten seine Großeltern gelebt, die Eltern von Tante Käthe und seinem Vater.

„Köln-Frechen“, sein Vater sagte das immer so, als sei Frechen ein Stadtteil von Köln. Erst viel später hatte Neuburg herausgefunden, dass Frechen eine selbstständige Stadt ist, die lediglich östlich mit Köln eine gemeinsame Grenze hat.

Dunkel erinnerte er sich an einen Besuch bei seinen Großeltern Anfang der 60er, als er vier oder fünf Jahre alt war. Das Haus, in dem sie wohnten, kam ihm in der Erinnerung eher wie eine Hütte vor. Das Leben spielte sich an einem Tisch mit Eckbank in der Küche ab. Ob es überhaupt so etwas wie ein Wohnzimmer gab, konnte er nicht sagen.

An Tante Käthe konnte sich Neuburg nur im Zusammenhang mit den Geburtstagspartys seines Vaters erinnern, zu denen Verwandte und Freunde nach Frankfurt eingeladen wurden, wohin es seine Familie in den Fünfzigerjahren verschlagen hatte. Tante Käthe kam immer mit dem Zug aus Köln und musste am Bahnhof abgeholt werden. Aber spätestens ab Ende der 60er-Jahre, als es seinem Vater gesundheitlich schlechter ging, fanden solche Feste im Hause Neuburg nicht mehr statt.

Tante Käthe war geschieden, das wusste Neuburg auch noch. Die Scheidung war aus der Sicht seiner sehr katholischen Mutter ein Unding. Deshalb einigte man sich stillschweigend auf die Lesart, dass der geschiedene Mann, ein Herr Mengelberg, Tante Käthe so schlecht behandelt hatte, dass der liebe Gott selbst in eine solche Scheidung eingewilligt hätte. Den Namen Mengelberg hatte sie jedenfalls behalten.

Mehr wollte Neuburg zu seiner Tante partout nicht einfallen, aber als er schon im Begriff war, die Wohnung zu verlassen, fiel sein Blick noch mal auf die Postkarte.