Elimdor I - Sarah Quintero - E-Book

Elimdor I E-Book

Sarah Quintero

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Beschreibung

"Es war mein einziger Glaube, meine einzige Hoffnung. Wenn dieser Weg ins Nichts führt, wo soll ich dich dann noch finden?" Jenn ahnt, dass ihre Freundin Liz ein Geheimnis hat. Als diese immer öfter von ihren gemeinsamen Treffen verschwindet, beschließt sie, ihr zu folgen. Durch ungeahnte Vorgänge wird Jenn in Liz' Schicksal verwickelt, in welchem sie selbst ebenso von Bedeutung zu sein scheint. Doch diesen Weg hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kapitel 1 - Träume
Kapitel 2 - Der Geburtstag
Kapitel 3 - Ich muss jetzt los
Kapitel 4 - Das Geheimnis
Kapitel 5 - Gestörte Idylle
Kapitel 6 - Die andere Welt
Kapitel 7 - Ein Besuch in Friedheim
Kapitel 8 - Albtraum aus Flammen
Kapitel 9 - Spuren im Schlamm
Kapitel 10 - Der Weg in den Norden
Kapitel 11 - Der Gestank einer Stadt
Kapitel 12 - Die Hoffnung auf Befreiung
Kapitel 13 - Gefangen
Kapitel 14 - Brot und Wasser
Kapitel 15 - Der stille Befreier
Kapitel 16 - Allein
Kapitel 17 - Die Hütte im Wald
Kapitel 18 - Turan
Kapitel 19 - Die Last der Pflicht
Kapitel 20 - Der Besuch des Blutkönigs
Kapitel 21 - Eine erste Spur
Kapitel 22 - Mit letzter Kraft
Kapitel 23 - Der Teich
Kapitel 24 - Frei von Schleiern
Kapitel 25 - Salz und Wasser
Kapitel 26 - Torális der Beuter
Kapitel 27 - Manchmal muss man töten
Kapitel 28 - Eluvan
Kapitel 29 - Der alte Baras
Kapitel 30 - Ein Rat voller Hoffnung
Kapitel 31 - Königsherrin
Danksagung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über die Autorin: Sarah Quintero, geboren 1995, lebt und schreibt im Sauerland. Ihre Geschichten wurzeln in den Bäumen der umliegenden Wälder und münden im offenen Himmel ihrer Heimat. Wenn sie eine Idee packt, lässt sie nicht mehr los. Die gelernte Pädagogin vereint ihre Liebe zur Sprache und zur Musik in emotionalen, atmosphärisch dichten Texten. Zwischen Manuskripten und Gedankenentwürfen pflegt sie einen Balkon voller Pflanzen – und die Sehnsucht nach der nächsten Geschichte.

 

Sarah Quintero online:

Instagram:@sarahquinterog

 

„Elimdor: Die Herrschaft des Blutkönigs“

 

2. Auflage Juni 2025

© 2025 Sarah Quintero Gonzalez

 

Verantwortlich für den Inhalt:

Sarah Quintero Gonzalez

 

Vertreten durch:

Quaint Vox Bücher und Merchandisevertrieb

Nordheller Weg 3a

58849 Herscheid

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf ganz, oder in Auszügen nur mit der Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.

Covergestaltung: Veronica Quintero

Karte: Sarah Quintero Gonzalez

Veröffentlichung durch Quaint Vox Bücher und Merchandisevertrieb

www.quaintvox.com

Lektorat und Korrektorat:

Barbara Deitmerg, Jasmina Bajorat, Raphael Sarpong,

Peter Francois, Robin Deitmerg und Veronica Quintero

 

ISBN E-Book: 9 7 8 3 9 1 1 9 7 9 0 0 9 ISBN Print: 9 7 8 3 9 1 1 9 7 9 2 1 4

 

 

 

 

 

 

 

Für Ann-Katrin.

Du lebst in unseren Herzen weiter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1 - Träume

Schon immer hatte Jenn Angst davor, allein zu sein. Sie konnte es sich wahrhaftig nicht vorstellen, ohne die Menschen zu sein, die ihr lieb waren. Dennoch befand sie sich nun in diesem dunklen, verlassenen Wald. Ihre Umgebung verschwamm wie in einer unscharfen Abbildung. Oder waren es ihre Augen, die sie betrogen und das Bild der Wirklichkeit verzerrten? Schwer atmend stolperte sie barfuß über den Laubboden und stützte sich gegen den nächsten Baum. Um sie herum drehte sich die Welt. Ihr Kopf schmerzte. Langsam schwand ihre Sicht und sie spürte, wie sie mit dem Rücken an der rauen Rinde des großen Baumes herunter glitt. Im letzten Augenblick ihres Bewusstseins nahm sie die Schemen einer massigen Gestalt wahr, die schleppend auf sie zukam und ihre Hände nach ihr ausstreckte.

 

Jenn zuckte zusammen.

„Alles in Ordnung?“, fragte die Stimme neben ihr. Es war ihre Freundin Liz, welche sie vorsichtig an der Schulter packte. Zuerst war Jenn verwirrt und schaute sich um, doch dann erkannte sie wieder, wo sie sich befand. Gemeinsam mit Liz war sie auf das Dach des Hauses gegangen, um den Sonnenuntergang zu genießen. Dabei musste sie in der Hängematte eingeschlafen sein, während Liz auf dem alten Sofa irgendetwas erzählt hatte, an das sich Jenn schon nicht mehr erinnern konnte. Jetzt rieb sie sich ihre Augen. Liz hatte lange, wellige schwarze Haare, funkelnde braune Augen und eine ebenso braune Haut, welche im Licht der untergehenden Sonne glänzte. Sie war einer der Menschen, die immer kühl und knapp antworteten. Dabei fragte man sich oft, was in ihr vorging, denn ihre Emotionen hielt sie meist verborgen. Jenn gegenüber legte sie eine Offenheit an den Tag, welche sie sonst niemandem zeigte.

“Jenn, bist du da?”, hakte Liz noch einmal nach und riss Jenn dabei aus ihren Gedanken.

„Klar, was sollte sein?“, gab diese zur Antwort.

„Ich weiß nicht“, entgegnete Liz „Ich habe mich auf das Sofa gelegt, wir haben geredet und irgendwann muss ich eingenickt sein. Als ich aufgewacht bin, hast du im Schlaf gezuckt und gestöhnt. So als würdest du vor etwas wegrennen.“

Jenn war noch immer ein wenig benommen. Sie strich sich ihre hellbraunen Haare aus dem Gesicht und rieb sich ihre tiefblauen Augen.

„Dann hatte ich vielleicht einfach einen schlechten Traum.“, sagte sie. „Lass uns einfach von was anderem sprechen.“ Doch sie konnte nicht umhinkommen, weiter darüber nachzudenken. Hatte der Traum etwas zu bedeuten? Konnten Träume überhaupt etwas bedeuten?

„Indien!“ Jenn wurde erneut aus ihren Gedanken gerissen. „Indien?“ Jetzt setzte Liz sich am Fußende zu ihr in die Hängematte.

„Ja, du warst doch neulich noch so begeistert von Indien. Du hast mir von seiner vielfältigen Kultur und Geschichte erzählt. Und du warst so fasziniert von diesem Mahatma Gandhi.“ Liz schien den Nerv getroffen zu haben, denn Jenn schwärmte in letzter Zeit tatsächlich häufig von Gandhi.

„Ja, das stimmt“, sagte Jenn. „Ich finde ihn wirklich großartig. Er hat so ein spannendes Leben gehabt. Wie großartig muss es sein, einmal die Orte zu besuchen, an denen er gelebt hat?“ Liz lächelte ihr zu, sichtlich erfreut darüber, dass Jenn nun besser gelaunt zu sein schien.

„Vielleicht machen wir es ja mal irgendwann. Dann fliegen wir nach Indien und du kannst das ganze Land bereisen.“ Jenn schaute skeptisch.

„Das ganze Land?“, fragte sie. „Du weißt schon, dass Indien nicht bloß ein Land ist! Es ist ein ganzer Subkontinent.“ Aber Liz schien tatsächlich etwas Ernstes an der Idee zu finden.

„Naja, wozu arbeitest du schon bei einer Kultur-Zeitschrift? Du könntest deine Redaktion fragen, ob nicht eine Indienreise ein interessantes Thema wäre. Auf den Spuren des großen Geistes – Gandhis Leben in Indien!“ Jenn musste lachen. „Ach komm, sei nicht albern. Aber fragen wird wohl nichts kosten. Das ist eine wirklich schöne Idee!“

Die letzten Sonnenstrahlen verabschiedeten sich und verschwanden schließlich hinter dem Horizont, um die Stadt in einer grauen Dämmerung zu hinterlassen. Liz zog sich die Ärmel ihrer schwarzen Sweatshirtjacke über die Hände.

„Für August ist es wirklich ein wenig kalt, findest du nicht?“ Auch Jenn fröstelte nun ein wenig und stand aus der Hängematte auf.

„Ja, das stimmt. Lass uns reingehen.“ Sie öffneten die Stahltür, hinter welcher sie über eine kleine Treppe ins Haus zurückkehrten.

 

Jenns Wohnung war die letzte am Ende des langen Flures und befand sich in der obersten Etage. Sie war nicht groß, bestand aus einem Schlafzimmer, einem Bad und einem kleinen Wohnraum. Dieser wurde durch eine bescheiden zusammengewürfelte Küchenzeile, ein abgenutztes Sofa, einen kleinen Tisch mit Stühlen und einem von Blättern überhäuften Schreibtisch gefüllt. Gegenüber der Tür war ein kleines Fenster und daneben, hinter dem, mitten im Raum stehenden, Sofa standen große Regale an der Wand. Hier reihten sich diverse Bücher, CDs und auch ein CD-Player aneinander.

„Ich koche ein bisschen was. Worauf hast du Lust?“ fragte Jenn. Liz setzte sich derweil an den Schreibtisch und startete den Laptop.

„Hm. Kein Ahnung. Worauf du Lust hast.“ Jenn kramte in den Hängeschränken über dem Herd.

„Gut, dann gibt es heute asiatische Nudelpfanne!“ Liz drehte den Kopf zu ihr und lachte sarkastisch.

„Gute Idee! Endlich mal ein bisschen Abwechslung!“ Jenn kochte sehr gerne, nicht nur, wenn sie Hunger hatte. Dass Liz ihr nicht beim Kochen half, störte sie überhaupt nicht. Zudem kannte sie ihre Kochkünste und nahm die Sache deshalb lieber selbst in die Hand. Notfalls würde sie Liz sogar vom Kochen abhalten. Sie ließ Nudelwasser in den Topf ein, gab eine Prise Salz hinzu und stellte den Topf auf den Herd.

„Du hast eine Mail vom Tagesspiegel.“, sagte Liz in den Computer vertieft, als würde sie zu sich selbst sprechen. Jenn drehte sich abrupt um.

„Wirklich? Und, was schreiben sie?“, fragte sie erwartungsvoll.

„Ich befürchte sie wollen deinen Artikel nicht drucken. Plastikkonsum mit seinen Folgen ist scheinbar kein Thema, das ihrer Zielgruppe gerecht wird.“ Die letzten Worte sagte sie in einem sehr albernen Tonfall und äffte den Redakteur des Tagesspiegels nach. Jenn ließ die Schultern hängen und seufzte. „Ach komm, lass dich nicht unterkriegen. Dieses Rentner-Blatt will doch eh keiner lesen. Du kannst glücklich sein, dass du eine feste Anstellung hast. Und deinen Artikel kriegen wir schon noch unter die Leute, vertrau mir!“

Jenn schenkte Liz zum Dank für ihren Versuch der Aufmunterung ein Lächeln, doch wirklich trösten konnte sie das nicht.

„Weißt du, ich versteh das nicht. Ich habe alles ganz sachlich geschrieben und mit Fakten aus wasserdichten Quellen belegt, habe über die Probleme aufgeklärt und Tipps zur Vermeidung von Plastikmüll mitgegeben. Jedem ist freigestellt, ob er das macht oder nicht.“ Liz Tonfall wurde ein wenig trüber und mitleidiger.

“Jenn, du weißt, dass es gerade in dieser Zeitung nicht immer um Fakten geht. Die wollen ihre Schlagzeilen, um möglichst viele Drucke zu verkaufen. Das ist alles. Vielleicht ist es besser so und wir finden eine Zeitung, welche deinem Artikel würdiger erscheint.”

 

Nach dem Essen stand Liz auf und zog sich ihre Jacke an.

„Du gehst schon?“, fragte Jenn.

„Ja, ich muss noch kurz in die Stadt und was erledigen, aber ich komm später nochmal zurück.“

Noch während Jenn „Okay, bis später!“ sagte, gab Liz ihr einen Kuss auf den Mund, verschwand durch die Tür und Jenn war allein. Das passierte in letzter Zeit häufiger. Wie aus dem Nichts stand Liz auf und musste auf einmal los. Ohne Vorwarnung. Und wenn Jenn sie fragte, was sie immer so Wichtiges in der Stadt zu erledigen habe, sagte Liz nur, dass sie das noch rechtzeitig erfahren würde. Jenn wollte sich nicht in jede von Liz‘ Angelegenheiten einmischen, aber seltsam fand sie es schon, weil sie sich sonst eigentlich alles erzählten.

Nun wusch Jenn das Geschirr ab und suchte im Regal nach einer passenden CD. Sie entschied sich für ein Album ihrer Lieblingsband, eine Gruppe aus der Schweiz, welche Metal mit historischen Instrumenten mischte. Sie legte die CD in den Spieler, drehte die Lautstärke auf und setzte sich vor den Computer. Der Artikel für nächste Woche sollte fertiggestellt werden und sie musste noch ein paar letzte Details recherchieren. Es ging um den technischen Fortschritt im Mittelalter, Leonardo Da Vinci, wie er von verschiedenen Königen Schutz erbeten musste, um seine Erfindungen überhaupt zu planen und um die Germanen, deren Sieg über die Römer vorerst einen Rückschritt in der Technik bedeutete. Ob dies alles wirklich so geschehen ist, fragte sie bei einem Historiker ihrer alten Uni per Mail an. Verschiedene Experten ihre Artikel checken zu lassen, half ihr die Artikel nicht nur reißerisch, sondern auch korrekt und lehrreich zu gestalten. Spät am Abend fielen ihr immer wieder die Augen zu und sie musste sich konzentrieren, nicht einzuschlafen. Als schließlich ihre Beine zu kribbeln begannen und Bewegung forderten, entschied sie sich, ihre Arbeit für heute zu beenden.

 

Jenn lag noch lange wach und beobachtete den Mond durch das Fenster neben ihrem Bett. Sie schaute kurz auf ihr Handy, doch es gab keine neuen Nachrichten. Es musste gegen ein Uhr nachts gewesen sein, als sie ein Geräusch vernahm. Zuerst öffnete sich die Tür ihrer Wohnung, was sie durch die offene Schlafzimmertür gut hören konnte. Sie drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Dann hörte sie, wie etwas auf das Sofa geworfen wurde und Schuhe, die so leise wie möglich ausgezogen und zur Seite gestellt wurden. Schließlich näherten sich Schritte und die Tür zu ihrem Zimmer schloss sich. Jenn tat so, als würde sie schlafen. Leise legte Liz sich zu ihr unter die Decke und legte ihren Arm um Jenn. Sie küsste sie sachte auf den Hinterkopf. Mit ihr kam der Geruch der frischen Luft von draußen in den Raum. Doch da war noch etwas anderes, das Jenn irritierte: Liz roch nach Lagerfeuer und Rauch.

Kapitel 2 - Der Geburtstag

Es war ein kalter Novembertag und Jenn musste an diesem Tag länger in der Redaktion arbeiten. Louis, der Chefredakteur, kam zu ihr und stellte sich neben sie. Während er ihren Bildschirm begutachtete, stützte er sich mit einer Hand auf dem Schreibtisch ab.

„Das sieht wirklich gut aus Jenn. Ich muss sagen, dass ich von Anfang an von deiner Arbeit begeistert war. Allerdings dürfen wir bei dieser Ausgabe keine Fehler machen. Das ist ein sehr heikles Thema. Patricia beleuchtet den Islamismus näher und stellt ihn dem friedlich gelebten Islam gegenüber. Ich will, dass du die Täter zwar als religiös motiviert, aber die Terrororganisation trotzdem als eigenständige, extremistische Gruppe darstellst, schaffst du das?“ Jenn blickte ihn schon ein wenig müde an.

„Klar, Chef. In zwei Stunden ist der Bericht fertig.“ Jetzt stellte Louis sich ihr gegenüber.

„Danke. Ich weiß, dass es diese Woche drunter und drüber ging, aber wer rechnet denn damit, dass mal eben so Paris vom Terror attackiert wird? Und das, wo die Dezember Ausgabe schon fast druckfertig war … Naja. Mach das noch fertig und dann dürften wir auch durch sein.“ Louis schritt durch den großen Redaktionsraum mit den vielen Schreibtischen.

„Das habt ihr wirklich gut gemacht diese Woche! Ich hoffe, dass wir uns bald wieder mit schöneren Themen, als einer Sonderausgabe zu Tod und Terror beschäftigen können!“

Gerade einmal sieben Tage zuvor wurde Frankreichs Hauptstadt von Terroristen attackiert. Schon die ganze Woche über mussten Jenn und ihre Kolleginnen das Konzept der neuen Ausgabe der Zeitschrift überarbeiten, umgestalten und komplett neu füllen. Doch heute war sie endlich fertig und hatte das erste Mal in der Woche wieder Zeit, sich mit Liz zu treffen. Als sie gegen halb sieben die Redaktion verließ, war es draußen schon dunkel. Im Licht der Straßenlaternen konnte sie erkennen, dass es leicht nieselte. Es war kalt und ungemütlich. Den Blick nach unten gerichtet, damit sie der Wind nicht zu sehr im Gesicht traf, setzte sie sich ihre Kapuze und ihren Rucksack auf. Dann nahm sie das Handy und wählte die Nummer ihrer Freundin.

„Hey!“, ertönte es am anderen Ende.

„Hey!“, gab Jenn zurück.

„Ich hab jetzt Feierabend und bin auf dem Weg zu dir. Ich hol mir noch Sushi, willst du auch was?“ Liz lachte.

„Machst du Witze? Bei Sushi sag ich niemals nein! Bring mir einfach ne‘ große Portion mit.“

„Alles klar, bis gleich dann.“

„Ja, bis gleich!“

 

Jenn betrat den Sushi-Imbiss neben dem Einkaufszentrum, welchen man durch das große, beklebte Schaufenster und die Glastür gut von außen einsehen konnte. Die Scheiben waren von innen leicht beschlagen und es machte sich eine Duftkomposition aus Fisch, Algen, Gemüse, Curry und Soja-Sauce breit. Vor Jenn stand noch eine Frau und überlegte, was sie bestellen wollte. Im Vorraum war nicht sonderlich viel Platz. Lediglich ein kleiner Tisch mit vier Stühlen lud zum Essen vor Ort ein. Da es draußen dunkel war, konnte Jenn sich im Fenster gespiegelt sehen. Das grelle Neonlicht wirkte nicht gerade gemütlich. Aber immerhin war es hier trocken.

„Ja bitte?!“Jenn zuckte zusammen und drehte sich zur Theke. Die Frau vor ihr hatte bereits Platz gemacht.

„Wer ich?“, fragte sie in Gedanken versunken.

„Ja, guten Tag! Was möchten sie?“, erkundigte sich der Mann freundlich.

„Ähm, ich möchte einmal die große Portion Tempura mit Lachs und dann noch einmal die normale Portion vegetarisch… Zum Mitnehmen, bitte.“ Der Mann nickte kurz und machte sich sofort an die Arbeit. Während des Wartens setzte Jenn sich auf einen der vier Stühle und schaute weiter aus dem Fenster hinaus. Hinter ihrem Spiegelbild im Schaufenster erkannte sie vor dem Imbiss einen Mann. Er musste um die vierzig Jahre alt sein und hatte einen dunkelblonden Vollbart. Seine kurzen Haare schienen vom Regen draußen ganz und gar durchnässt zu sein. Der Blick des Herren fiel in Richtung Menü. Er musste wohl überlegen, was er essen wollte. Aber warum kam er nicht hinein? Hier war es doch wenigstens trocken.

„So, zweimal Sushi für die Junge Dame. Bitteschön!“, kam es von der Theke. Jenn stand auf und holte ihr Portemonnaie hervor.

„Was macht das?“

„Achtzehn Euro bitte!“ Jenn gab dem Mann das Geld und nahm sich die Tüte von der Ablage. Als sie sich umdrehte, öffnete sich die Tür und der Mann von draußen kam herein.

„Guten Abend!“, grüßte er freundlich und hielt Jenn die Tür auf. Diese nickte nur kurz und entgegnete ein erzwungenes Lächeln, denn irgendwie war ihr der Mann ein wenig unheimlich.

Jetzt machte sich Jenn auf den Weg zu Liz. Sie musste nur noch über die Hauptstraße und dann war sie schon im Wohngebiet, in welchem sich Liz‘ Wohnung befand, nur zwei Blöcke von ihrer eigenen entfernt. Auf der Straße fuhren viele Autos. Jenn drückte den Knopf an der Ampel und wartete, bis es grün wurde. Auf der anderen Seite stand ebenfalls jemand und wartete darauf, die Straße überqueren zu können. Das Licht der Autos blendete sie in der Dunkelheit und sie schaute wie gebannt auf das rote Männchen auf der Ampel der anderen Straßenseite. Endlich verschwanden sie und die grüne Figur gab das Zeichen zum Losgehen. Da stockte Jenn der Atem. Die Person von der anderen Seite, welche ihr jetzt entgegenkam, war ihr seltsam vertraut. Sie erkannte den dunkelblonden Vollbart von eben. Es war der Mann aus dem Sushi-Imbiss. Beängstigt schaute sie ihn an, als sie aneinander vorbeigingen. Der Mann lächelte freundlich und nickte ihr zu. Wie paralysiert ging Jenn weiter. Wie konnte der Mann so schnell auf die andere Seite gekommen sein? Wenige Sekunden zuvor hat sie ihn doch noch in den Imbiss gehen sehen. Und er hätte sie überholen müssen, um auf der anderen Seite der Straße zu stehen. Das kam ihr schrecklich seltsam vor. Doch das konnte nicht sein. Oder lag es daran, dass sie ihre Tabletten heute Morgen nicht genommen hatte? Aber was hat eine Immunschwäche mit Halluzinationen zu tun? Sie musste es sich bloß eingebildet haben.

 

Als sie in Liz‘ Straße einbog, sagte sie sich, dass der Mann bestimmt einen Zwilling hatte. Es ist zwar seltsam, dass sie genau denselben Mantel trugen und genau dieselbe Frisur und denselben Bart hatten, doch das kam bestimmt häufig bei Zwillingen vor. Bis zur Tür hatte sie sich selbst davon überzeugt, dass es nicht derselbe Mann war. Zudem war Jenn sehr müde und in dem dunklen Licht konnte sie sich auch einfach nur getäuscht haben.

Oben angekommen öffnete Liz die Tür und sie gingen gemeinsam durch den Flur in die Küche im hinteren Teil der Wohnung. Jenn stellte die weiße Plastiktüte mit dem Abendessen auf den Tisch und beide setzten sich hin. Liz lächelte Jenn an und schien sich riesig zu freuen, sie zu sehen. Allerdings konnte Jenn auch Müdigkeit in ihren Augen erkennen.

„Musstest du heute auch so lange arbeiten? Du siehst echt fertig aus.“, sagte Jenn.

„Nein, wieso?“, fragte ihre Freundin und lachte dabei ein wenig zu laut.

„Nein, ich hab‘ bis vier gearbeitet, wie immer. Aber das Wetter macht mich einfach fertig.“ Sie konnte sich ein nervöses Lächeln nicht verkneifen, was Jenn sofort auffiel.

„Den ganzen Tag lang Wolken am Himmel und dann wird es noch so früh dunkel. Da bin ich einfach immer ein wenig müde.“, setzte sie schnell nach und begann damit ihr Sushi zu essen.

„Und wie war es bei dir?“, fragte Liz. Jenn kaute gerade noch auf einer mit Avocado und Schafskäse gefüllten Sushi-Rolle herum.

„Ach, frag nicht. Wegen des Terroranschlages hatten wir die ganze Woche lang Überstunden auf der Arbeit. Die Ausgabe war schon fast fertig und dann ging es los: Wie gehen wir das Thema an? Wer schreibt über den Islam, wer über Terrorismus in unserer Zeit? Wer rekonstruiert die Geschehnisse vom dreizehnten? Bekommen wir jemanden für ein Interview? Wie sieht es mit der inneren Sicherheit bei uns aus? Überstunden um Überstunden. Ich bin froh, dass das jetzt vorbei und die Ausgabe fertig ist.“ Liz legte ihre Stäbchen zur Seite.

„Ich versteh gar nicht, was das eigentlich alles soll. Wozu jagt man Leute in die Luft und ballert auf Konzerten rum? Die haben sie doch nicht mehr alle! Als ob ich deswegen mein Leben nach ihren Wünschen ändern würde.“ Jenn stand auf und holte sich ein Glas aus dem Küchenschrank.

„Naja, es ist schon der richtige Weg zu sagen, dass man sich davon nicht unterkriegen lässt. Aber irgendwie verändert es unser Leben ja doch. Besser gesagt, wir verändern es. Überall laufen bewaffnete Polizisten herum und Migranten werden alle nur noch mit Vorsicht angeschaut. Ich finde, man sollte das Gegenteil von dem tun, was diese Attentäter im Sinn haben. Wir kommen einfach alle zusammen und machen gemeinsam Partys, egal wo wir herkommen und wie wir aussehen.Wir kochen zusammen und haben einfach Spaß! Das ist doch der größte Tritt für diese Extremisten!“

So unterhielten sie sich den ganzen Abend, bis Liz erschrocken auf die Uhr schaute.

„Oh Gott, schon so spät! Ich wollte ja noch duschen gehen!“ Sie räumte die leeren Plastikschalen in den Mülleimer und machte sich auf den Weg ins Bad. Jenn lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schaute aus dem Fenster. Draußen fielen, begleitet vom Regen die ersten Schneeflocken. Mit einem Mal ging die Laterne auf der anderen Straßenseite aus. Jenn sah zur Uhr und ihr schoss das Blut in den Kopf. Es war Mitternacht! Liz‘ fünfundzwanzigster Geburtstag. Leise schlich sie über den Flur an der Badezimmertür vorbei, hin zu ihrem Rucksack. Das Geräusch des Wassers aus der Dusche verklang. So leise sie konnte, holte Jenn ein kleineres und ein etwas größeres Päckchen aus ihrem Rucksack und glitt zurück ins Wohnzimmer. Dort setzte sie sich auf das Sofa und hielt die Geschenke hinter ihrem Rücken versteckt. Als Liz aus dem Bad kam, grinste Jenn sie an. Dann sprang sie auf, hielt ihre Arme mit den Päckchen in den Händen ausgestreckt und lief auf ihre Freundin zu.

„Alles Gute zum Geburtstag mein Engel!“ rief sie fast quiekend vor Freude, schloss sie in ihre Arme und küsste sie. Liz wirkte, obwohl sie um ihren eigenen Geburtstag wusste, ein wenig überrumpelt. Die Freude konnte sie jedoch nicht leugnen, - das Strahlen auf ihrem Gesicht verriet es. Vorsichtig nahm sie die Geschenke entgegen.

„Das hättest du wirklich nicht machen müssen! Du weißt, ich will nichts haben.“ Jenn machte einen Schritt zurück.

„Ja, ja. Ich weiß. Jetzt mach schon auf!“ Vor Aufregung hielt Jenn selbst die Hände, zu Fäusten geballt, gespannt vor den Mund. Langsam riss Liz das Geschenkpapier des großen Päckchens kaputt. Zum Vorschein kam etwas aus Stoff und es hatte Augen. Als sie es entfaltete und vor sich hielt, erkannte sie, was es war: Ein schwarzes Top, bedruckt mit dem Gesicht eines Wolfes. Ihre Augen strahlten.

„Wow! Das ist wirklich wunderschön, danke! Seine Augen sehen unglaublich treu aus, so wie sie einen anblicken ...“ Dann legte sie das Oberteil zur Seite und widmete ihre Aufmerksamkeit dem kleinen eckigen Päckchen. Unter dem Papier kam eine schwarze Schachtel aus Pappe zum Vorschein. Diese öffnete sie und fand, vorsichtig auf einem Tuch gebettet, ein kleines Amulett. Sie nahm die Kette in die eine Hand und das Amulett vorsichtig in die andere. Auf der Vorderseite des silbernen, runden Schmuckstücks war in geschwungener Schrift ein L eingraviert. Auf der Rückseite befand sich ebenso schmuckvoll ein J.

„Öffne es!“, sagte Jenn voller Spannung. Liz tastete das Amulett ab und fand schließlich am Rand einen kleinen Knopf, welchen sie drückte. Das Amulett sprang auf und Liz stand vor Freude das Wasser in den Augen. Und Jenn wusste, dass ihre Freude echt sein musste, denn Liz zeigte sonst nie Tränen. Auf der linken Innenseite war ein Datum eingraviert: 16.02.2013. Rechts zierte ein Foto der beiden die Innenseite.

Noch einen Augenblick lang schaute Liz gedankenversunken auf das Amulett. Fast widerwillig schloss sie es und nahm Jenn in den Arm. Während sie ihr ein leises

„Danke“ ins Ohr hauchte, kullerte eine Träne ihre Wange herunter.

„Komm, lass und schlafen gehen. Es ist schon spät!“

 

Kapitel 3 - Ich muss jetzt los

Am darauffolgenden Dienstag schaffte Jenn es pünktlich von der Arbeit zu kommen. Sie betrat ihre Wohnung und warf ihren Rucksack neben das Sofa. Dann ging sie ins Schlafzimmer, um sich etwas Bequemeres anzuziehen. Gerade, als sie erneut den Wohnraum betrat, öffnete sich am anderen Ende des Zimmers die Wohnungstür und Liz kam herein.

„Hey!“, sagte sie.

„Hey!“, gab Jenn zurück. Liz umarmte ihre Freundin zur Begrüßung. Sie küsste Jenn zuerst auf die Stirn und dann auf ihre zarten Lippen, bevor sie weiter ins Bad ging.

„Willst du auch was essen?“, rief Jenn von außen durch die geschlossene Badezimmertür.

„Was hast du denn?“, kam es zurück.

„Ich hab‘ noch Lasagne von gestern. Die, die ich mit Paprika und Zucchini ausprobiert hab.“ Es folgte eine kurze Stille.

„Ja, das war eigentlich ganz lecker.“, gab Liz hinter der Tür zur Antwort.

Beim Essen saßen sie sich fast schweigend gegenüber. Jenn fragte Liz schließlich, wie es auf der Arbeit war. Liz arbeitete in einer Werkzeugfirma im Industriegebiet im Süden der Stadt. Vieles, was sie erzählte, war für Jenn demnach wie eine andere Sprache, denn mit dem Bau von Werkzeugen kannte sie sich wirklich nicht aus. Andersherum konnte Liz wenig mit den Erzählungen von Jenns Alltag in der Redaktion anfangen.

Als die Reste des Vortages ihre Bäuche gefüllt und ihren Hunger gestillt hatten, setzte Jenn sich an den Laptop, um noch ein wenig in ihrem Lieblingsforum zu schreiben. Währenddessen durchstöberte Liz die Regale und legte schließlich eine Anna Murphy CD in den Player. Zum Entspannen ruhte sie sich auf das Sofa, mit den Füßen in Richtung von Jenns Schreibtischstuhl aus. Liz war sehr müde von der Arbeit und es dauerte nicht lange, bis sie die Musik und das Tippen auf der Tastatur in den Schlaf wogen. Als Liz aufwachte, hat sich nicht viel verändert. Jedoch war es draußen mittlerweile dunkel geworden und die CD hatte zu spielen aufgehört. Nur noch das Klicken der Maus und die Tasten des Laptops durchbrachen die Stille. Gegen die Dunkelheit hatte Jenn die Schreibtischlampe angemacht, welche nach unten gerichtet nur einen kleinen Teil des Raumes erleuchtete. Liz beobachtete eine Weile Jenns dunkle Silhouette im Schein des schwachen Lichtes, sowie ihre langen, braunen Haare. Vor ihren Augen zeichnete sich das Bild eines Engels, der im strahlenden Schein des Himmels zu ihr auf die Erde kam.

„Jenn?“, durchbrach Liz schließlich die Stille. Jenn zuckte zusammen, denn sie dachte noch immer, ihre Freundin würde schlafen. Sie drehte sich um.

„Erinnerst du dich noch, als wir vor kurzem mal über Indien gesprochen haben?“ Jenn gab keine Antwort, denn sie wusste, dass es nicht Liz‘ eigentliche Frage war. „Würdest du immer noch mit mir in ein anderes Land verreisen?“ Nun war Jenn ein wenig verwirrt. Liz klang bei dieser Frage sehr unsicher, als würde sie eine schlimme Antwort erwarten. Fast schon klang ihre Frage in der Erwartung auf die Antwort ein wenig traurig und schmerzerfüllt. Mitleidsvoll zog Jenn die Augenbrauen hoch.

„Ja, natürlich! Ich würde mit dir überall hinreisen.“ Liz lächelte sie an.

„Und das werden wir!“, kommentierte sie erleichtert Jenns Antwort. Beruhigt darüber, dass ihre Freundin scheinbar doch gut gelaunt war, wandte Jenn sich wieder dem Computer zu. Da spürte sie, wie eine Hand von hinten ihre Haare vorsichtig zur Seite legte. Dann folgte Liz‘ Kuss auf der nackten Haut ihres Nackens.

„Danke!“, flüsterte sie Jenn ins Ohr. „Sei mir nicht böse, aber ich muss schon wieder los.“ Jenn lächelte.

„Ich bin dir nicht böse.“ Als sie sich Liz zuwandte, war diese bereits dabei ihre Jacke anzuziehen und die Wohnung zu verlassen.

Sie verbrachten viel Zeit miteinander und Jenn schätzte es sehr, dass sie mit Liz alles erleben konnte und sie sich gegenseitig bei dem, was sie gern mochten, unterstützten. Ebenso gefiel es beiden, einfach nur zusammen die Zeit abzusitzen und im selben Zimmer zu sein. Dass Liz so plötzlich losmusste, war nichts Besonderes. Es kam manchmal vor, dass Liz noch etwas anderes vorhatte. Auch, wenn dies in letzter Zeit immer häufiger der Fall war.

Als Jenn am Freitag nach Hause kam und die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, saß Liz bereits auf dem Sofa. Sie trug das Oberteil mit dem Wolf und das Amulett, welches sie von Jenn zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Der Anblick von Jenn bereitete ihr ein Lächeln. Sie warf Schuhe und Jacke beiseite, schloss sachte die Tür und gesellte sich zu ihrer Liebsten aufs Sofa.

„Na, war es gut auf der Arbeit?“, fragte sie, während sie Jenns linke Hand nahm und ein wenig verträumt ihre Finger musterte.

„Ja, es war ganz entspannt heute.“, antwortete Jenn. „Jetzt haben wir wieder ein wenig mehr Zeit, die nächste Ausgabe zu planen.“ Liz ließ nun den Blick über Jenns Gesicht schweifen.

„Hauptsache, du hast nicht mehr so viel Stress. Du warst ja letzte Woche manchmal erst um zehn zu Hause.“ Da ertönte ein lautes, gurgelndes Grummeln. Kurz schauten sie sich an und Jenn begann lauthals zu lachen.

„Ich glaube jetzt müssen wir erst einmal deinen Bauch füttern, auch wenn es nicht so einfach ist, ihn satt zu bekommen. Worauf hast du Lust?“ Liz überlegte kurz.

„Wie wäre es, wenn du heute mal nichts kochst und wir etwas essen gehen?“ Jenn gefiel der Vorschlag, da sie selbst keine große Lust zum Kochen hatte.

„Au ja, und weißt du was?! Wir gehen zum Asiaten. Da waren wir schon lange nicht mehr! Weißt du noch, wie wir uns da vor sechs Jahren das erste Mal kennengelernt haben?“ Liz, die sich bereits die Schuhe angezogen hatte, nahm nur ihre Jacke vom Stuhl und zog Jenn dann in Richtung Tür.

„Wie könnte ich das je vergessen? Und jetzt komm, ich hab‘ Hunger!“

 

Das asiatische Restaurant war ein relativ kleines Lokal. Einige Gäste fanden hier Platz zum Sitzen, doch viele ließen sich das Essen auch einpacken und nahmen es mit nach Hause. Als Jenn und Liz den Raum betraten, kam ihnen gerade ein Mann mit einer weißen, gefüllten und lecker duftenden Plastiktüte entgegen. Das graue Wetter und die Dämmerung von draußen brachten eine dunkle Atmosphäre mit sich, die auch hier im Lokal nicht ganz verschwinden wollte.

„Wo wollen wir uns hinsetzen?“, fragte Jenn.

„Hier vorne direkt.“, brachte Liz als Vorschlag. Jenn nickte und so nahmen sie an einem Tisch direkt am großen Fenster neben der Tür Platz. Liz nahm zuerst die, in einer Halterung auf dem Tisch stehende, Karte und klappte sie auf. Kurz überflog sie diese und reichte sie dann mit den Worten „Ich weiß schon“, weiter an Jenn. Diese suchte ein wenig länger. Zwar wusste sie eigentlich schon, was sie essen wollte, doch ihre Getränkewahl machte ihr wie immer zu schaffen. Schließlich steckte sie die Karte in die Halterung zurück. Es dauerte auch nicht lange und der Besitzer des Ladens kam zu ihnen an den Tisch.

„Hallo ihr Zwei. Was darf es sein?“ Liz antwortete zuerst.

„Also für mich bitte einmal die gebratene Ente mit Reis und Gemüse und eine Cola.“ Der Mann kritzelte etwas sehr Unleserliches auf seinen kleinen, gelben Notizblock.

„Und ich einmal die gebratenen Nudeln mit Wok-Gemüse und eine Ananasschorle, bitte.“, sagte Liz. der Mann kritzelte, nickte und ging dann zurück in die Küche. Während sie warteten, hörten sie es aus der Küche zischen und brutzeln. Jetzt kam der Mann heraus und brachte ihnen die Getränke. Kurze Zeit später folgte die duftende Mahlzeit. Beide begannen sofort zu essen, da sie ziemlich hungrig waren.

„Ich hab‘ ganz vergessen, wie gut es hier schmeckt.“, sagte Jenn, als sie sich eine Gabel voll Nudeln in den Mund stopfte.

„Mhm.“, gab Liz zur Antwort, die, während sie kaute, das nächste Stückchen zwischen ihre Stäbchen nahm.

„Wir sind viel zu selten hier.“

Es dauerte nicht lange und Jenn begann durch das schnelle essen bereits satt zu werden. Liz hatte ihre Portion schon erfolgreich verspeist und machte sich nun über Jenns Teller her. Am Ende waren beide satt und hatten die Teller geleert.

„Ich muss jetzt los.“ Sagte Liz und schob Jenn zehn Euro entgegen.

„Zahlst du für mich mit?“ Jenn war ein wenig überrumpelt und nahm das Geld in die Hand.

„Klar, mach‘ ich.“, sagte sie etwas zögerlich. Liz nahm ihre Jacke von der Stuhllehne und zog sie sich über.

„Bis später!“, sagte sie und drehte sich um zur Tür.

„Bis später!“, sagte Jenn und blickte ihr verwundert nach.

„Warte Liz!“, rief sie, gerade als Liz durch die Tür gehen wollte. Diese blieb stehen und drehte sich um.

„Ja?“ Jenn zögerte ein wenig, denn sie wusste nicht, ob sie nicht überreagierte.

„Ist … ist alles in Ordnung bei dir?“ Liz lachte.

„Na klar ist alles in Ordnung.“ Ihre Stimme wurde sanfter, da sie merkte, dass Jenn sich ernsthaft sorgte.

„Hör mal Jenn, es ist alles gut. Ich bin später am Abend wieder da. Mach dir bitte keine Sorgen, ja?“ Jenn gab ihr ein Lächeln zurück.

„Ja, ist in Ordnung.“, sagte sie. Doch natürlich entsprach dies nicht der Wahrheit. Jenn machte sich große Sorgen. Ihr plötzliches Verschwinden an manchen Tagen kam ihr seltsam vor. Hatte Liz vielleicht Geldprobleme und musste einem zweiten Job nachgehen? Was hielt sie geheim? Am besten dachte sie gar nicht weiter darüber nach, bevor ihr noch wildere Ideen kamen.

 

Am späten Abend saß Jenn mit einem Buch auf dem Sofa. Es war dunkel und sie hatte die Lampe vom Schreibtisch so auf das Sofa gerichtet, dass sie gut lesen konnte. Sie ließ sich ganz auf die Welt, die sich ihr offenbarte ein und war vollkommen in den Roman und die Figuren der Geschichte versunken. Da öffnete sich die Tür und Liz betrat die Wohnung. Jenn platzierte ein Lesezeichen zwischen die Seiten, klappte das Buch zu und legte es auf den Sofatisch.

„Hey, da bist du ja!“, sagte sie erfreut.

„Hey...“, kam es langgezogen und ermüdet von Liz zurück. Sie schloss die Tür und schliff ihren Rucksack über den Boden hinter sich her, bis sie ihn an dem Sofa anlehnte. Sie setzte sich neben Jenns Füße und begann sich die Schuhe auszuziehen.

„Du bist ja total fertig!“, sagte Jenn erstaunt. Liz legte sich neben Jenn auf das Sofa, die sie von hinten in die Arme schloss.

„Ach … es …“, Liz gähnte. „Es geht schon... ist nicht so schlimm.“ Jenn nahm ihre Hand und strich mit dem Daumen über Liz‘ Handrücken.

„Also für mich siehst du schon ziemlich kaputt aus.“ Doch Jenn bekam zur Antwort nur das leise, tiefe Atmen ihrer Freundin. Auch Jenn spürt nun, dass sie selbst ziemlich müde war und gab Liz einen Kuss auf den Kopf. Ihre Freundin fühlte sich sehr warm an und ihr Haar schienen noch ein wenig nass vom Schweiß zu sein. Beruhigt ließ Jenn ihren Kopf nach hinten sinken. Wahrscheinlich hat Liz einfach nur Sport gemacht und wollte sich ein wenig fit halten. Doch bevor sie noch genauer darüber nachdenken konnte, war auch sie ins Reich der Träume entglitten.

 

Kapitel 4 - Das Geheimnis

An dem Freitag darauf verließ Jenn kurz nach vierzehn Uhr die Redaktion. Sie ging den Gehweg entlang. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und es wurde immer trüber auf ihrem Weg nach Hause. Als sie die Hälfte des Weges geschafft hatte, klingelte ihr Smartphone. Es war eine Nachricht von Liz.

„Hey, tut mir leid, ich muss heute ein wenig länger arbeiten. Komme dann heute später. Ich liebe dich!“ Jenn steckte das Handy wieder in ihre Jackentasche. Ihr Herz schlug ein schneller. Seit dem Wochenende hatte sie ihre Freundin schon nicht mehr gesehen und heute würde sie endlich zu ihr kommen. In der Firma gab es wohl viel zu tun und so war es ihnen nicht möglich gewesen, sich zu treffen. Mit einem guten Gefühl kam Jenn zu Hause an und machte sich bereit für den Feierabend und das Wochenende. Heute wollte sie Bratkartoffeln essen. Bei dem ungemütlichen Wetter draußen durfte es ruhig etwas Rustikales sein. Während sich das Öl in der Pfanne schon erhitzte, schnitt sie eine Zwiebel in kleine Würfel und warf sie, von lautem Zischen begleitet, in die Pfanne. Dann kamen die in Scheiben geschnittenen Kartoffeln hinzu und Jenn stellte die Flamme ein wenig runter. Von draußen schlugen dicke Regentropfen gegen die Fensterscheibe. Dieser Winter war wirklich sehr ungemütlich und gar nicht so, wie man sich einen Winter vorstellte. Obwohl Jenn den Winter nicht sonderlich mochte, liebte sie dennoch die Landschaft, wenn sie, wie von einem weißen Tuch bedeckt, still da lag, und die Spaziergänge, die von einer geheimnisvollen Ruhe begleitet wurden. Die Kartoffeln brutzelten. Jenn schwenkte die Pfanne, sodass sich die Scheiben mehrmals durchmischten und wendeten. Ein wenig Salz, Pfeffer und ein paar Kräuter sollten das ganze abrunden.

 

Als die Bratkartoffeln goldbraun waren und ihr Duft das ganze Zimmer einhüllte, füllte Jenn die Hälfte aus der Pfanne in eine Glasschüssel und stellte diese zur Seite. Liz würde sich später bestimmt darüber freuen. Dann setzte sie sich an den Tisch und schaute weiter den Regentropfen zu, während sie die warme Mahlzeit genoss. Sie saß noch lange Zeit nach dem Essen da und schaute hinaus. Allmählich wurde es dunkel in der Wohnung und gemeinsam hüllten Wolken und Dämmerung die Umgebung in ein mattes, dunkles Grau. Jenn schreckte auf. In Gedanken versunken, hatte sie ganz die Zeit vergessen. Es war bereits kurz vor fünf. Sie nahm den Teller und die Pfanne und begann mit dem Abwasch. Da sie die letzten Tage mehr Zeit hatte, gab es heute nicht sonderlich viel angesammeltes Geschirr und nach ein paar Minuten hatte sie alles sauber und trocken im Schrank verstaut. Um sich die Zeit ein wenig zu vertreiben, setzte sie sich wieder an den Computer und surfte im Internet, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Es kam selten vor, dass sie und Liz sich eine Woche am Stück nicht sehen konnten. Doch in den letzten Tagen hatte Liz scheinbar ziemlich viel in der Firma zu tun und musste häufig länger bleiben oder eine Nachtschicht für eine Sonderproduktion einlegen. So war es leider nicht zu einem Treffen gekommen. Gedankenversunken klappte Jenn den Laptop wieder zu und starrte vor die Wand. Sie freute sich sehr auf später. Später … wann auch immer das war. Schließlich entschloss sie sich, noch ein wenig zu entspannen und einen Tee zu trinken. Sie ging also zur Küchenzeile und stellte den Wasserkocher an. Während das Wasser sich erhitzte, suchte sie eine Tasse aus dem Schrank heraus und wählte eine Teesorte. Ein schöner Schwarztee konnte nie schaden und so füllte sie schon einmal einen Löffel voll in das Teesieb.

 

Das Wasser war noch nicht am Kochen, da öffnete sich die Wohnungstür und Liz kam herein. Ihre schwarzen Haare waren nass und klebten ein wenig an ihrem Gesicht. Sie trug schwarzen Nagellack und drei silberne Ringe um den Finger. Obwohl es gerade einmal ein paar Tage her war, schien es Jenn so, als würde sie Liz endlich nach einer ewig langen Zeit zum ersten Mal wieder sehen. Ja, es fühlte sich fast so an, als sähe sie diese junge Frau zum allerersten Mal und würde sich in diesem Augenblick ganz neu in sie verlieben. Wie sie dastand, in der Jeans und dem schwarzen Mantel, löste es in Jenns Herzgegend ein warmes und aufregendes Kribbeln aus, welches sie ganz und gar in den Bann zog. Jenn biss sich unbewusst auf die Unterlippe.

Liz warf ihren Rucksack auf den Boden und sagte:

„Ich hab‘ nur eine Stunde Zeit.“ Ohne weiteren Kommentar schloss sie die Tür hinter sich, warf den Mantel auf den Rucksack und kam auf Jenn zu. Kräftig packte sie ihre Hüfte und zog sie an sich heran. Dann glitten ihre Arme hinauf und verschränkten sich hinter Jenns Nacken. Diese begann Liz zu küssen und wanderte dabei mit ihrem Mund zum Hals. Ihr Herz raste und ihr Kopf wurde heiß vor Aufregung. Wie sehr hatte sie das vermisst. Jenn spürte, wie Liz‘ Hände weiter hinab glitten und unter ihr Shirt griffen. Dort wanderten sie weiter nach oben und streiften es schließlich über Jenns Kopf. Diese erwiderte den Schritt und griff nach Liz‘ Oberteil. Wenige Sekunden später lag auch dies auf dem Boden und Liz griff nach den Oberschenkeln ihrer Freundin. Sie hob sie hoch und trug sie zum Sofa, wo sie Jenn sanft hinlegte. Sie setzte sich auf ihr Becken und glitt mit ihren Händen Jenns Oberkörper entlang, beugte sich zu ihr herab und küsste sie. Jenn wusste nicht, wie viel Uhr es war und hatte alles um sich herum vergessen.

Sie lag in Liz‘ Armen, ihren Kopf auf ihrer Schulter. Das war alles, was jetzt zählte.

„Ich liebe dich!“ Flüsterte sie ihr zu.

„Ich liebe dich auch!“, gab Liz zurück. „Für immer! Vergiss das niemals!“, hauchte sie ergänzend hinzu. Ihren heißen Atem spürte Jenn im Gesicht. Sie könnte ewig in diesem Augenblick verweilen und er schien schier unendlich zu sein.

„Ich muss jetzt los.“, sagte Liz. Vorsichtig schob sie Jenn zur Seite und stand auf. Ihre, auf dem Boden liegenden Sachen hob sie auf und zog sie nacheinander an. Jenn schaute ihr dabei zu. Kein Augenblick währt ewig und doch schien Jenn den eben vergangenen noch immer zu spüren. Schließlich zog Liz sich die Jacke an, nahm ihren Rucksack und gab Jenn noch einen Kuss auf die Stirn, bevor sie durch die Tür nach draußen ging. Jenn kehrte eiskalt in die Realität zurück. Noch immer pochte das Blut heiß in ihren Ohren. Doch warum musste Liz jetzt auf einmal los? Warum hatte sie nur eine Stunde Zeit? Schließlich war Wochenende. Das alles kam ihr mittlerweile ziemlich seltsam vor. Mit einem Mal sprang sie auf und suchte sich in Windeseile ihre Kleidung zusammen. Wenige Augenblicke später zwängte sie sich in die Schuhe, zog sich die Jacke an, schnappte ihren Rucksack und stürmte aus der Wohnung, den Flur entlang und das Treppenhaus hinab. Die letzten Stufen vor einem Treppenabsatz sprang sie immer herunter und schließlich stürmte sie zur Haustür heraus auf die kalte, nasse Straße. Panisch schaute sie nach links und nach rechts. Im letzten Augenblick sah sie Liz links in eine Querstraße einbiegen. Schnell, doch darauf bedacht keine Geräusche zu machen, folgte sie ihr bis an die Ecke. Sie sah Liz die Straße entlanglaufen. Tat sie gerade das richtige? Sie verfolgte einfach so ihre Freundin. Das konnte sie nicht mit sich vereinbaren. Doch am Ende war der Wunsch, zu wissen, warum Liz ständig so plötzlich verschwand und nur noch selten Zeit hatte, größer als alles andere. Jetzt ging Liz an der zweiten Rechtsabbiegung vorbei und weiter geradeaus. In dieser Straße wäre die Wohnung ihrer Freundin gewesen. Nach Hause wollte sie also schon mal nicht. Jenn folgte ihr weiter und musste sich immer wieder hinter Stromkästen oder parkenden Autos ducken, um nicht sofort gesehen zu werden, falls Liz sich einmal umdrehen würde. An der Hauptstraße bog Liz links ab. Nach einer Weile kamen sie an eine Kreuzung. Liz ging immer noch in dieselbe Richtung, in den südlichen Teil der Stadt. „Seltsam...“, dachte sich Jenn. Was möchte Liz denn im Industriegebiet? Sie hat doch heute schon länger gearbeitet. Auch hier ging sie an dem vermuteten Ziel vorbei. In dieser Straße wäre ihre Firma gewesen. Liz ging weiter in Richtung Süden und in Jenns Kopf formten sich immer mehr Fragen. Wenn sie jetzt noch weiter gehen würde, gibt es keine Firmen mehr. Das stillgelegte Industriegebiet schoss Jenn in den Kopf. Seit einem Brand in einer Chemiefirma, welcher sich immer weiter auf die umliegenden Firmen ausgebreitet hatte, wurden hier viele Gebäude gesperrt und stehen schon eine Ewigkeit leer. Nun verließen sie die Straßen mit der hellen Beleuchtung. Lediglich vereinzelte Laternen und der abnehmende Mond spendeten jetzt noch ein wenig Licht. Zuerst tastete sich Jenn weiter vor doch schnell gewöhnten sich ihre Augen an die spärliche Beleuchtung. Sie konnte Liz‘ Schatten zu ihrer Linken hinter ein Gebäude huschen sehen. Jenn lief hinterher und wagte es, in der Dunkelheit in einigem Abstand und ohne Deckung direkt hinter Liz herzulaufen. Diese bog jetzt rechts ab, hinter das Gebäude. Vorsichtig schlich Jenn an der Mauer entlang. Etwas leuchtete hinter der Ecke. Ob Liz ihr Handy herausgeholt hatte, um jemanden anzurufen? Jenn tastete sich weiter vor, bis sie die Ecke erreicht hatte. Vorsichtig streckte sie ihren Kopf hervor. Doch, als sie um die Ecke schaute, war alles dunkel. Vor ihr lag ein riesiger Platz, dessen Belag brüchig zu sein schien und Jenn glaubte, Unkraut erkennen zu können. Doch von Liz gab es keine Spur.

 

Kapitel 5 - Gestörte Idylle

Als Liz am Samstag auf einmal wieder vor Jenns Tür stand, machte sich in ihr die pure Erleichterung breit. Sie hatte sich die finstersten Szenarien ausgemalt, was wohl mit Liz passiert sein mochte. Doch Liz schien ganz normal, wie immer zu sein. So hatte auch Jenn sich nichts anmerken lassen. Liz wusste nicht, dass ihre Freundin sie verfolgt hatte. Doch Jenn versuchte jede Anspielung auf ihr plötzliches Verschwinden am Vortag zu überspielen und es als normale Handlung stehen zu lassen. Sie würde ihr niemals erzählen, dass sie ihr heimlich gefolgt ist. Auch, wenn sie deshalb wirklich ein sehr schlechtes Gewissen plagte.

 

Am darauffolgenden Tag hatte Jenn sich mit einem Buch auf das Sofa gesetzt und wollte ihre wirren Gedanken ein wenig vertreiben. Doch nach einigen Seiten fiel ihr auf, dass sie nicht eines der Wörter tatsächlich wahrgenommen hatte. Sie blätterte zurück zum Anfang des Kapitels und begann erneut zu lesen. Liz wollte heute früher zu Besuch kommen, doch wann genau, das wusste sie noch nicht. Und so lange wollte Jenn einfach die Gedanken an den vorgestrigen Abend vertreiben. Jedenfalls wollte sie nichts von dem, was im Industriegebiet geschehen ist, mehr in ihrem Kopf wissen. Mit Liz war bestimmt alles in Ordnung. Wahrscheinlich wollte sie dort einfach nur ihre Ruhe haben und ist in der Dunkelheit schlicht nicht mehr auffindbar gewesen.

 

Jenn schlug das Buch zu. Sie konnte sich selbst keinen Glauben mehr schenken, so sehr sie sich diese Version der Geschichte auch einreden wollte. Sie hatte ihre Freundin verfolgt und irgendetwas Seltsames ist da vor sich gegangen. Aber darüber konnte sie mit Liz nicht sprechen. Jedenfalls nicht direkt. Wäre sie an diesem Abend bloß allein in der Wohnung zurückgeblieben. Sie hätte sich noch einen Tee gemacht, ein Buch gelesen und wäre anschließend, eingewickelt in einer warmen Decke, auf dem Sofa oder im Bett eingeschlafen. Doch jetzt konnte sie es nicht mehr ändern.

Die Tür zu ihrer Wohnung öffnete sich. Sie ging einen Spalt auf und vorsichtig schob sich etwas rotes, glitzerndes herein.

„Ho, ho, ho!“, rief der Schokoladen-Nikolaus. Jetzt kam er ganz hinter der Tür hervor und Liz, welche ihn in den Händen hielt, trat mit einem Lachen auf dem Gesicht herein. „Frohen Sankt Nikolaus!“, brachte sie Jenn entgegen. Sie trug eine rote Weihnachtsmann-Mütze und sah damit ziemlich ulkig aus, wie Jenn fand. Sie erwiderte die Wünsche und begrüßte Liz mit einer Umarmung. „Ich hab‘ uns das zweite Frühstück mitgebracht.“,sagte Liz. Misstrauisch blickte Jenn sie an.

„Sicher, dass es für dich nicht schon das dritte ist?“ Beide mussten lachen. Dann machten sie es sich auf dem Sofa bequem. Es dauerte nicht lange und von dem großen Schokoladen-Nikolaus war nichts weiter als die glitzernde Verpackung übrig. So freute Jenn sich auf einen ruhigen gemütlichen Sonntag mit Liz hier in der Wohnung, während draußen ein kalter Wind gegen das Fenster schlug.

„Weißt du, ich hatte heute nicht wirklich Lust, mir was großes zum Kochen auszudenken.“, sagte Jenn als es schon Mittag wurde und holte eine große Schüssel aus dem Kühlschrank. „Was hältst du also von Schokopudding als vollwertigen Nahrungs-Ersatz?“ Liz runzelte die Stirn.

„Da muss ich mal kurz überlegen. Hmmm….“ Sie stand auf und nahm Jenn einen der zwei Löffel und die Schüssel aus der Hand. „Ausnahmsweise!“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Auch der Pudding war nach kurzer Zeit verspeist und sie lagen gemeinsam müde auf dem Sofa. Liz drehte ihren Kopf zu Jenn und flüsterte in ihr Ohr:

„Du, es tut mir wirklich leid, aber ich muss leider schon wieder los. Ich mach es wieder gut.“ Jenns Herz pochte. Nicht nur, dass diese Idylle erneut unerwartet und wie aus dem Nichts beendet wurde, nein. Ihr schossen wieder die Gedanken vom Vormittag durch den Kopf und alle Vermutungen, die sie hatte, waren wieder da.

„Aber warum? Warum heute? Es ist doch Sonntag und wir müssen beide nicht arbeiten.“ Sie versuchte Liz doch noch irgendwie abzuhalten.

„Ich weiß und es tut mir auch wirklich leid.“, gab Liz zurück. „Aber ich mach es wirklich wieder gut.“, sagte sie, womit sie jedoch keine von Jenns Fragen beantwortete. Diese nickte nur leise zustimmend, wenn auch widerwillig, und sah dabei zu, wie Liz sich ihre Jacke und ihren Rucksack schnappte, um nach draußen zu gehen. Was sollte Jenn tun? Mit dem, was sie gesehen hatte, konnte sie nicht länger für sich bleiben. Sie wollte endlich Klarheit haben.

„Warte!“, rief sie, als Liz gerade die Tür öffnen wollte. „Warte bitte noch kurz.“ Sie setzte sich auf und blickte Liz tief in ihre leuchtenden, braunen Augen. „Willst du mir sagen, warum du in letzter Zeit immer so häufig plötzlich verschwindest? Wir sind gerade zusammen im schönsten Augenblick und auf einmal bist du weg, einfach so. Warum?“ Liz ließ ihre Schultern ein wenig sinken und ging auf Jenn zu. Sie ging vor ihr in die Hocke und hielt ihre Hände fest.

„Das ist nicht unbemerkt an dir vorbeigegangen, oder?“, fragte sie, während sie Jenns Blick standhaft erwiderte. Langsam schüttelte diese wortlos den Kopf. „Hör zu, ich kann es dir leider nicht erzählen, - noch nicht. Vielleicht geht das eines Tages einmal. Nein, nicht vielleicht. Ich werde dir eines Tages davon erzählen, aber jetzt ist die Zeit einfach noch nicht reif dafür.“ Jenn schaute sie weiter an, ohne ein Wort zu sagen. Sie wartete darauf, dass Liz weitersprach. Diese wich kurz ihrem Blick aus und musterte Jenns Gesicht. „Hör zu, noch kann ich es dir nicht sagen. Aber ganz egal was es auch ist, ich versichere dir, dass ich mit keiner anderen Person etwas angefangen habe und ich mache auch keine illegalen Sachen oder so.“ Sie drückte die Hände ihrer Freundin ein wenig fester. „Jenn, ich liebe dich über alles! Ich kann gut verstehen, dass du misstrauisch bist. Bitte, vergiss niemals, was ich für dich empfinde! Nur jetzt muss ich leider gehen, es gibt keinen anderen Weg.“ Beim Aufstehen ließ sie Jenns Hände langsam aus den ihren gleiten. Sie blickte auf sie herab, beugte sich vor und gab ihr zum Abschied noch einen Kuss. Dann verließ sie die Wohnung.

 

Für einen kurzen Augenblick verharrte Jenn auf dem Sofa und bewegte sich nicht. Wie erstarrt saß sie da. Dann sprang sie auf, schlüpfte nur in ihre Schuhe, rannte zur Tür hinaus und vergaß, diese hinter sich zu schließen. Sie stürmte den Flur entlang bis zum Treppenhaus. Dort blieb sie stehen und schaute über das Geländer hinunter. Liz befand sich zwei Etagen unter ihr. Langsam schlich sie Stufe für Stufe hinab, bis sie von unten das Knallen der Haustür hörte. Dann rannte sie los. Unten auf der Straße angekommen, sah sie Liz wieder links in die Querstraße einbiegen. Jenn bemerkte jetzt, dass sie völlig vergessen hatte, sich eine Jacke anzuziehen, doch dieser unwichtige Gedanke wurde sofort wieder verdrängt. Sie zog sich die Ärmel ihres Pullovers über die Hände und legte die Arme an. Dann lief sie weiter Liz hinterher. Wie vermutet bog sie auch dieses Mal nicht in ihre eigene Straße ein, sondern lief weiter geradeaus, in Richtung Hauptstraße. Jenn brauchte nicht länger spekulieren, denn sie war sich ziemlich sicher, dass Liz sich wieder auf dem Weg in das alte Industriegebiet befand. Und so ging Liz erneut die Straße hinunter, um nach einer Weile die kreuzende Landstraße zu überqueren. Die Firmen des Industriegebietes waren ruhig. Heute schien hier niemand zu arbeiten. Wolken hüllten den Himmel in ein leuchtendes Silber und der kalte Wind fuhr Jenn durchs Gesicht. Ihre Ohren und ihr Nacken waren ein wenig durch ihre langen Haare geschützt, doch trotzdem fror sie und ihre Nase schien bereits jegliches Gefühl verloren zu haben. Jetzt blieb Liz mit einem Mal stehen und setzte vor dem Gebäude, an welchem sie vor zwei Tagen links vorbeigelaufen war, ihren Rucksack ab. Jenn flüchtete in ein Gebüsch am Straßenrand und duckte sich. Die mit Dornen übersäten Zweige kratzten durch den dünnen Stoff ihres Pullovers an ihrer Schulter und am Rücken. Liz schaute sich kurz um, bevor sie etwas Dunkles aus ihrem Rucksack holte. Sie zog ihren Mantel aus, stopfte ihn in den Rucksack und warf sich das schwarze Etwas über die Schultern. Es schien eine Art Kapuzen-Umhang zu sein. War Liz vielleicht Mitglied einer Sekte? Gleich würde Jenn es sicherlich erfahren. Gerade wollte sie sich bereit machen, um Liz weiter zu folgen, da kam aus der Dunkelheit einer großen, leerstehenden Halle eine Gestalt heraus. Sie trug den gleichen Umhang, wie Liz ihn hatte, nur, dass ihre Kapuze weit ins Gesicht gezogen war. Wer mochte das sein? Die Person nahm die Kapuze ab und verneigte sich vor Liz.

„Herrin!“, hörte Jenn die Person raunen. Ihr fuhr der Schreck durch alle Glieder. Zum Vorschein kam ein Mann mit dunkelblonden Haaren und Vollbart. Es war derselbe Mann, den sie vor zwei Wochen im Imbiss und wenige Augenblicke später gegenüber auf der anderen Straßenseite gesehen hat. Was war das für ein Mann? Was hatte er mit Liz zu schaffen und warum nannte er sie Herrin? Jenn würde sich noch weitere Fragen stellen, hätte sie nicht beobachtet, was als nächstes passierte. Der Mann nahm Liz den Rucksack ab und verschwand damit im Gebäude. Wenige Augenblicke später kam er ohne den Rucksack zurück. Er ging an Liz vorbei und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Jetzt begab auch Jenn sich aus dem Versteck und lief auf den Fleck zu, wo eben noch Liz und der seltsame Mann gestanden hatten, bevor sie links hinter dem Gebäude verschwunden waren. Langsam beugte sie sich vor und sah noch, wie Liz am Ende der langen Seite hinter dem Gebäude verschwand, wie sie es auch vor zwei Tagen schon tat. Auf Zehenspitzen versuchte Jenn, ohne einen Laut von sich zu geben, die Ecke des Gebäudes zu erreichen. Sie presste sich gegen die Mauer und konnte ihr Herz schlagen hören. Das Blut rauschte in ihren Ohren und dass sie vor Kälte ihre Finger nicht spürte, merkte sie gar nicht mehr. Vor ihrem Gesicht konnte sie ihren Atem sehen und sie versuchte, gebannt zu lauschen. Jemand flüsterte, doch Jenn konnte kein genaues Wort verstehen. Vorsichtig drehte sie ihren Kopf, um mit einem Auge um die Ecke zu spähen. Schnell zog sie ihn wieder zurück. Der Mann blickte fast in ihre Richtung und Liz stand, ihr den Rücken zugewandt, an seiner Seite. Sie standen auf einem großen Platz, welcher von riesigen Ruinen der leeren Hallen umgeben war. Jenn hielt den Atem kurz an, um vielleicht etwas hören zu können. Doch beide schienen zu flüstern, so nahm sie nur einige, zischende Laute wahr. Was sollte sie jetzt tun? Sollte sie Liz einfach überraschen und eine Erklärung einfordern? Aber Liz hatte so sehr auf Jenns Vertrauen gesetzt und ihr versprochen, sie eines Tages von ihrem Geheimnis in Kenntnis zu setzen. Erneut wagte Jenn es, einen Blick um die Ecke zu werfen. Nun stand der Mann neben Liz, ebenfalls mit dem Rücken zu Jenn. So wagte sie es, sich weiter um die Ecke zu lehnen, damit sie alle genau mitbekommen konnte.

 

Was sie dann sah, ließ ihr den Atem stocken und ihr Herz schien für einen kurzen Augenblick vergessen zu schlagen. Der Mann zog mit der Hand große Kreise in die Luft und zog sie wieder und wieder nach. Allmählich entstand dort, wo er in die Luft zeichnete ein glühender, schwebender Kreis, welcher immer größer wurde, bis der glühende Kreis schließlich einen Durchmesser von etwa zwei Metern hatte. Im Kreis war es dunkel und da Liz und der Mann die Sicht verdeckten, konnte Jenn kaum erkennen, was darin vor sich ging. Es war ein seltsamer, gar grausamer Anblick. Als habe jemand ein Loch in die Umgebung gebrannt, wie in ein Blatt Papier und dessen Ränder leuchteten wie heiße Glut. Der Mann trat einen Schritt zur Seite. Er machte eine Handgeste, welche Liz anwies, durch den Kreis hindurch zu laufen. Das konnte nicht sein. Das konnte sie doch nicht tun, dachte sich Jenn. Was ist, wenn sie sich dabei verbrennt? Liz zog sich die Kapuze über den Kopf und ging, ohne zu zögern schnellen Schrittes durch den Kreis. Wobei sie nicht auf der anderen Seite wieder erschien, sondern in dem Kreis verschwand. Liz war verschwunden! Jenn kullerte eine Träne über die von der Kälte geröteten Wange. Sie wollte Liz nicht verlieren. Was hatte dieser Mann mit ihr vor? Jetzt setzte auch der Mann seine Kapuze wieder auf und machte sich bereit, in den Kreis zu treten.

„Oh nein!“, dachte sich Jenn. „Nicht mit mir!“ Ohne darüber nachzudenken, kam sie aus ihrer Deckung hervor und stürmte auf den Mann und den Kreis zu, gerade, als dieser den ersten Schritt in das brennende Loch tat. In der Sekunde, als der Mann in dem Kreis verschwand, erreichte auch Jenn die Stelle und sprang, ohne zu wissen, was sie überhaupt erwarten würde, in die Dunkelheit.

 

Mit voller Wucht, knallte Jenn in jemanden hinein und riss diesen mit sich zu Boden. Sie rollte ein paar Mal unsanft über den Boden, bis sie ein paar Meter weiter auf einem weichen Untergrund liegen blieb. Langsam hob sie ihren Kopf. Vor ihr lag offensichtlich der Mann auf dem Boden und blickte verwirrt um sich. Dahinter, nur ein paar Meter entfernt, stand Liz und schaute entsetzt, als habe sie einen Geist gesehen, in ihre Richtung.

„Jenn? Was machst du denn hier? Wie bist du hierhergekommen?“

 

Kapitel 6 - Die andere Welt

Noch bevor Jenn antworten oder eine Frage stellen konnte, kam Liz auf sie zu und half ihr, aufzustehen. Sie zog sie ein Stückchen weiter. Jenn erkannte, dass sie sich in einem Wald befanden.

„Wir müssen weiter hinein. Hier auf der Straße ist es nicht sicher zu reden.“, flüsterte sie und zog Jenn, ihre Hand fest umklammert, von der Straße weg, weiter in den Wald hinein. Dabei war die Straße, von der Liz sprach, mehr ein großer Waldweg mit vielen tiefen Spuren im Schlamm. Die Bäume um sie herum schienen weiß zu sein und sie ragten hoch hinauf in die Luft. Die Zweige in den Kronen waren kahl und Jenn offenbarte sich ein äußerst merkwürdiger Anblick. Der Nachthimmel wurde in ein tiefes, dunkles Violett gehüllt und am Horizont erschien ein riesiger Mond, größer, als Jenn es jemals gesehen hatte. Noch größer jedoch, als die strahlend weiße Kugel waren mindestens drei weitere Planeten, welche in unvorstellbarer Größe den Nachthimmel bedeckten. Jenn wusste, dass man an manchen Tagen den ein oder anderen Planeten mit bloßem Auge sehen konnte, doch dann waren diese meist nur als kleine, schwarze Punkte vor der Sonne oder leuchtend klein wie ein Stern zu erkennen. Diese jedoch schienen einen großen Teil des Himmels zu bedecken und der Erde gefährlich nahe zu kommen. Jenn atmete tief ein. Die Luft hier war ebenfalls anders. Sie wirkte sehr frisch und klar und durchströmte Jenns Lungen mit ungewohnt belebender Luft, die jedoch keineswegs kalt erschien. Jetzt blieb Liz stehen, drehte sich um und Jenn fiel ihr sofort in die Arme. Sie wirkte so, als hätten sie sich Jahre oder Jahrzehnte nicht gesehen und sich nun endlich wiedergefunden. Dann ließ sie Jenn wieder los, machte einen kleinen Schritt zurück und hielt ihre Hand fest. Ihr standen die Tränen in den Augen und sie schaute Jenn einfach nur an. Jenn wusste nicht, was sie tun sollte, und so begann sie zu erzählen, denn sie fühlte sich ziemlich schuldig, ihre Freundin verfolgt zu haben.