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In einer Zeitreise in das 17. Jahrhundert werden drei Stränge miteinander verflochten: ein familiärer, ein geschichtlicher und ein religiöser. Die Familie Elisabeth Lonicers - Urenkelin von Professor Johannes Lonicerus (1499-1569), einem Mitbruder, Schüler und Freund Martin Luthers - lebte im westfälischen Herford, damals eine freie Reichsstadt, die auch eine reichsfreie Fürstabtei umschloss. Die Zeiten waren außerordentlich bewegt, vor allem geprägt vom Dreißigjährigen Krieg und seinen Nachwehen. Zu den Auslösern der kriegerischen Auseinandersetzungen gehörte, dass Martin Luthers Reformation von 1517 inzwischen zum Spielball europäischer Machtpolitik geworden war. Katholische und protestantische Interessen prallten aufeinander. In der Lebenszeit Elisabeth Lonicers setzte sich die Differenzierung der abendländischen Religionen fort. Mit alter katholischer Lehre hier und neuer evangelischer Lehre dort war es längst nicht mehr getan. Im protestantischen Lager lieferten sich Lutheraner, Calvinisten wie Hugenotten, Presbyterianer oder Puritaner, und Täufer wie Mennoniten oder Baptisten, heftige Auseinadersetzungen. Auch ist ein erstes Hinüberschwappen protestantischer Glaubensrichtungen nach Nordamerika zu beobachten.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2021
„Du schreibst ja immer nur über Männer! Gab es denn gar keine bemerkenswerten Frauen unter Deinen Vorfahren?“ Die Worte der Ehefrau des Autors ähneln denen, die schon Abigail, die Ehefrau des späteren zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika John Adams (1735-1826), ihrem Mann in einem Brief von 1776 mit auf den Weg zu seinen Verhandlungen gegeben hat: „Remember the ladies!“ konnte er darin lesen. John Adams war Nachfolger von George Washington und ist einer der Gründerväter, welche die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 bzw. die Verfassung vom 17. September 1787 (ratifiziert 1788) mit unterzeichnet bzw. maßgeblich beeinflusst haben.
Elisabeth Lonicer, über die hier berichtet werden soll, war Hausfrau und Mutter von sechs Töchtern in Herford. Über ihre Person gibt es nur spärliche Informationen, und sie hat wohl auch selbst keine Schriften hinterlassen. Das war bei ihrem Urgroßvater Johannes Lonicerus, bei ihrem Großvater Philipp Lonicerus und bei ihrem Vater Wendelin Lonicerus, über die wir schon berichtet haben, völlig anders. Als Wissenschaftler, Theologen, Pfarrer und Lehrer haben sie selbst publiziert – und über sie wurde ebenfalls geschrieben.
In dieser Lage blieb uns nicht viel anderes übrig, als zu einer schon in der altgriechischen Literatur verwendeten Methode zu greifen, der Teichoskopie, zu Deutsch Mauerschau. Sie wurde von Autoren angewendet, wenn ein Geschehen, über das sie berichten wollten, nicht auf die Theaterbühne passte, beispielsweise ein Schlachtenverlauf. Dann ließ man eben eine Person auftreten, die von einer Mauer aus das Geschehen schilderte und so in das Drama einbezog.
Elisabeth Lonicer wird im Folgenden als eine solche Person verstanden, allerdings mit der zusätzlichen Besonderheit, dass sie nicht einmal selbst vom Gesehenen um sie herum erzählt, sondern es nur zur Kenntnis nimmt – oder hätte zur Kenntnis nehmen können, denn sie hat ja, soweit wir sehen, nichts Schriftliches hinterlassen. Wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht, und wir lesen nichts von ihr – wir sind ihr Kopf. Der Autor der nachfolgenden Untersuchung ist es, der mit Elisabeth Lonicer „über die Mauer schaut“ und berichtet, was in ihrer Zeit und in ihrer Lebenswelt geschehen ist.
Der vorliegende Bericht schließt an drei vorausgegangene Schriften des Autors an: Johannes Lonicerus (1499-1569) – Ein Leben im Zeichen der Reformation, Ubstadt-Weiher 2018; Philipp Lonicerus (1543-1599) – Lehrer – Pfarrer – Publizist, Privatdruck Speyer 2016 a und Wendelinus Lonicerus (1576-1623) – Lutherischer Schulmann und Rektor, Privatdruck, Speyer 2016 b. Und wieder wollen wir versuchen, drei Stränge miteinander zu verflechten.
Der erste Strang ist der reformatorische: Was wurde aus der von Martin Luther 1517 in Wittenberg angestoßenen Konfrontation der altgläubig-katholischen und der neuen protestantischen Kirchen? Wie wurde und wird Religionspolitik betrieben? Der zweite Strang ist ein genealogischer: Wie haben sich die Familie der Elisabeth Lonicer und ihres Ehemanns Heinrich Giese mit ihren Kindern, Enkeln und Verwandten in diesem Umfeld bewegt, und lassen sich aus den gefundenen Daten Ansätze zu so etwas wie Biographien entwickeln? Den dritten Strang bildet der allgemeingeschichtliche Hintergrund, auf dem sich dies alles abspielte und der das Leben der betrachteten Personen mitbestimmt hat.
Es soll also ebenso mikro- wie makrohistorisch vorgegangen werden. Es geht um den Versuch, den Blick einzunehmen, den die ins Auge gefassten Personen auf die Geschehnisse ihrer Zeit gehabt haben könnten. Aus der Verflechtung der genannten drei Stränge über einen zeitlichen Längsschnitt, über eine Zeitreise, wie man heute gern sagt, soll möglichst ein Bild der jeweiligen Zeiten vor den Augen der Leser entstehen. Ziel ist somit, die betrachteten Protagonisten ins Bild ihrer Zeit zu setzen, hier insbesondere der Elisabeth Lonicer ein Gesicht zu geben und zu verstehen versuchen, was diesen Menschen aus Fleisch und Blut ausgemacht hat.
Alle Aussagen sind belegt, die Quellen aus Gründen der Lesbarkeit des Textes aber nur ausnahmsweise angeführt, ansonsten in der verzeichneten Literatur enthalten. Dem Leser wird auffallen, dass der Text häufiger auf Speyer Bezug nimmt. Damit möchte der Autor diese Stadt auch als seine persönliche Wirkungsstätte würdigen.
Diese Arbeit hätte nicht fertiggestellt werden können ohne die kenntnisreiche philologische Unterstützung durch Brigitte Sauerbeck, Juliane Sauerbeck und Lieselotte Schwarzek sowie ohne die tatkräftige informationstechnische Hilfe durch Dipl.-Ing. Wera Veith-Joncic.
Speyer 2020
Heinrich Reinermann
1
Umschlag 2
1 Der Autor ist emeritierter Ordinarius der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer.
2 Das Bild auf dem Buchdeckel wurde von Pieter de Hooch zwischen 1661 und 1663 gemalt (gemeinfrei aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Mutter_(Pieter_de_Hooch)#/media/Datei:Pieter_de_Hooch_016.jpg).
Vorwort
Inhalt
I. Herford – Elisabeth Lonicers Heimat
1. Herford heute
2. Das Fürstenhaus Lippe
3. Herford damals
II. Reichsstift und Reichsstadt Herford
1. Das Reichsstift Herford
a) Das Stift in der Stadt
Gründungszeit
Hochbetrieb in Herfords Straßen am 6. Juni 1643
Reichs- und Papstunmittelbarkeit
Ein vergleichender Blick auf das Kloster St. Magdalena inSpeyer
Reichsabtei und Reichsstadt als Kondominat
Die Kompromiss-Sache
Herford und das Restitutionsedikt von 1629
Zur heutigen Kaufkraft der zu Elisabeth Lonicers Zeit geltenden Währung
Elisabeth von der Pfalz – Fürstäbtissin von Herford
Elisabeth von der Pfalz in Holland
Verwicklungen von Elisabeths Onkel und Vetter in die Politik Englands
Karriere in der Herforder Fürstabtei
Labadisten in Herford
Quäker in Herford
Die Fürstäbtissin und Gottfried Wilhelm Leibniz
Wittelsbacher Verwandte der Fürstäbtissin und ihr Einfluss auf Hannover und Preußen
Die Säkularisation
b) Das Stift Berg
c) Dat Hillige Herwede
2. Die Freie Reichsstadt Herford
a) Reichsstädte, Freie Städte und „Freie Reichsstädte“
b) Die Pest erreicht Herford
c) Die Reformation – eine Herausforderung für das Kondominat
d) Die Jülische Zession von 1547
e) Ratifizierung der Jülischen Zession durch Kaiser und Stadtrat Herfords 1557
f) Der Jülich-Klevische Erbfolgestreit ab 1609
g) Der Dreißigjährige Krieg erschwert die Durchsetzung der Reichsfreiheit
h) Restitutionsedikt von 1629 und Reichskammergerichtsurteil von 1631
i) Einigung von Brandenburg und Pfalz-Neuburg 1647
j) Kaiser und Reich auf Seiten Herfords
k) Hungerblockade 1651/52 und Unterwerfungsvertrag
l) Herford zwischen der Kapitulation 1652 und dem Ende des 17. Jahrhunderts
m) Eine gespaltene Bürgerschaft
III. Elisabeths Abstammung aus einer thüringisch-elsässisch-hessischwestfälischen Gelehrten-, Pfarrers- und Kaufmannsfamilie
1. Die väterliche Linie
2. Ein Rechtsstreit um das mütterliche Bexten-Erbe
3. Die mütterliche Linie
a) Die Heidtmann-Familie
b) Hexenjagd in Elisabeth Lonicers Herford
Ursachen und Formen der Hexenverfolgung
Massenhinrichtung von Hexen in Herford
Hexenverfolgung in Petershagen
c) Die Fürstenau-Familie
IV. Elisabeths Geschwister
1. Heinrich Lonicerus
a) Catharina Elisabeth Lonicer
b) Margarethe Magdalena Lonicer
c) Catharina Maria Lonicer
d) Elisabeth Lonicer
e) Agnete Lonicer
f) Johann Lonicer
g) Ursula Elisabeth Lonicer
2. Conrad Lonicerus
Conrad Lonicers berufliche Karriere
Bewerbung Dr. Lonicers um ein lippisches Gografenamt
Die weitere Berufslaufbahn von Dr. Conrad Lonicerus in Herford und Kur-Brandenburg
Aus dem Familienleben von Dr. Conrad Lonicerus
a) Franz Heinrich Lonicer
b) Wendelin Lonicer
c) Conrad Heinrich Lonicer
d) David Lonicer
e) Catharina Lisbeth Lonicer
f) Conrad Lonicer der Jüngere
3. Philipp Lonicerus
4. Johannes Lonicerus
V. Hausvogt des Großen Kurfürsten – ein arrivierter Neffe Elisabeth Lonicers
1. Wendelin Lonicer – Hausvogt und Königlicher Hofrichter
2. Barocke Kommunikationsformen
3. Von Ehrerbietung bis Menschenverachtung
VI. Elisabeth Lonicer während des Dreißigjährigen Krieges
1. Der Prager Fenstersturz
2. Ein Zwischenfall in Donauwörth 1607
3. Ein Hausvertrag der spanischen und der österreichischen Habsburger 1617 mit Folgen für Böhmen
4. Die erste Phase des Dreißigjährigen Krieges 1618-1623
a) Das kurze Regiment eines „Winterkönigs“
b) Die Folgen für Böhmen und die Kurpfalz
c) Verlagerung des Krieges nach Norden – und damit in die Nähe von Herford
d) Ein Machtkampf mit Habsburg zeichnet sich ab
5. Die zweite Phase des Dreißigjährigen Krieges 1625-1629
6. Die dritte Phase des Dreißigjährigen Krieges 1630-1635
a) Schweden und Frankreich treten auf den Plan
b) Die Zerstörung Magdeburgs 1631
c) Schwedische Kriegserfolge
d) Der Vater von Elisabeth Lonicers Schwiegersohn als Feldprediger im Dreißigjährigen Krieg
e) Die Schweden auf dem Vormarsch durch den Süden des Reiches
f) Kriegsleid der Bevölkerung
g) Gustav Adolfs Ende bei Lützen
h) Wallensteins Ende in Eger
i) Versuch eines Friedensschlusses 1635 in Prag
7. Die vierte Phase des Dreißigjährigen Krieges 1635-1648
a) Österreichische und spanische Habsburger gegen Schweden und Franzosen
b) Berühmte Kriegsberichterstatter und Dichter
c) Herford in Flammen
d) Der Weg zum Frieden von 1648 zieht sich hin
e) 1648 – Endlich Frieden
Beilegung des Konfessionsstreits
Gebietsabtretungen
Die Reichsverfassung betreffende Entscheidungen
f) Deutungen des Westfälischen Friedens
VII. Elisabeths Lebensweg
1. Vollwaise mit 17
2. Die Giese-Familie
3. Bernhard Giese – ein Onkel Elisabeth Lonicers
4. Schwägerinnen und Schwäger Elisabeth Lonicers
a) Franz Giese
b) Bernhard Giese der Jüngere
c) Georg Giese
d) Elisabeth Giese
e) Johann Giese
5. Elisabeth und Heinrich Gieses Kinder
a) Margarethe, Elisabeth und Ursula Giese
b) Katharina Giese
c) Magdalena Giese
d) Christina Elisabeth Giese
6. Elisabeths Finanzlage
7. Elisabeths Lebensende
VIII. Achtzigjähriger Krieg und die Niederlande bis Ende des 17. Jahrhunderts
Niederländische Protestanten und die habsburgische Gegenreformation
Das Goldene Zeitalter der Niederlande
Statthalterlose Zeit mit zwei Englisch-Niederländischen Seekriegen
Der Niederländisch-Französische Krieg von 1672 bis 1679
Der Pfälzische Erbfolgekrieg
Die „Glorious Revolution“
Ab 1714 Hannoveraner auf dem britischen Thron
IX. Allgemeine Entwicklung der Religionen
1. Die römisch-katholische Kirche
2. Die protestantischen Kirchen
a) Lutheraner
b) Reformierte
Hugenotten
...
Kurpfalz
...
Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Homburg
...
Braunschweig-Lüneburg
...
Kurfürstentum Brandenburg
Remonstranten in Schleswig-Holstein-Gottorf
Presbyterianer
Puritaner
c) Täufer
Wiedertäufer
Mennoniten
Amische
Hutterer
Baptisten
d) Pietisten
X. Entwicklung der Religionen in und um Herford
1. Westlich von Herford im Münsterland
2. Katholiken in Herford
3. Calvinisten in Herford
4. Labadisten in Herford
5. Quäker in Herford
6. Juden in Herford
XI. Was sonst noch Tagesgespräch in Elisabeths Herford gewesen sein dürfte
XII. Zusammenfassung und Ausblick
XIII. Literaturhinweise auf Elisabeth Lonicer und ihre Zeit
Register
Elisabeth Lonicers langes, für die damalige Zeit sogar erstaunlich langes Leben von 83 Jahren erstreckte sich fast über das gesamte 17. Jahrhundert. Im Jahre 1614 wurde sie im westfälischen Herford geboren, 1697 ist sie dort am 8. Mai auch gestorben.
Es waren wahrlich schlechte Zeiten. Über Westfalen im Allgemeinen lästerte Martin Zeiller in seinem 1674 erschienenen „Itinerarium Germaniae“, halb auf Latein, halb auf Deutsch:
„Hospitium vile, groff Brod, dünn Bier, lange Miele
Sunt in Westphalia, si non vis credere, loop da.”
Übersetzt, mit Grässe Nr. 685, vielleicht: „Schlecht Logiment und lange Meil, Schwarz Brod, schlimm Bier, grob Schweizer Keul, giebt's allenthalben in Westphalen. Wer es nicht gläubt, mag's selbst erfahren.“ Immerhin finden jedenfalls doch „Westphälische Schuncken“ freundliche Erwähnung.
Herford im Besonderen ist in dieser Reisebeschreibung „ein Hansehe-Statt und wil vor sich selbsten seyn. Ist groß umd zimblich wol erbawt“ (zitiert nach Bei der Wieden S. →). Damit werden ihre Hansezugehörigkeit und ihr Status als Freie Reichsstadt schon angedeutet.
Tatsächlich darf bezweifelt werden, ob sich Elisabeth Lonicer, Urgroßmutter siebten Grades des Autors, ihres Lebens immer erfreuen konnte. Schon in jungen Jahren wurde sie Witwe. Das war 1648, und sie war erst 34 Jahre alt. Sie hat sich dennoch nicht wieder verheiratet, sondern ihre sechs Töchter allein durchgebracht. Darüber hinaus hat sie in unruhiger Zeit mit vielen Kriegen gelebt. Nicht nur Deutschlands Strukturen, sondern auch die Europas wurden zu Elisabeths Lebenszeit deutlich und nachhaltig verändert, was auch in ihrer Heimat Herford tiefe Spuren hinterlassen hat. Zu den wichtigen Ereignissen ihrer Zeit muss man den 1609 begonnenen, aber noch andauernden jülich-klevischen Erbfolgestreit ebenso zählen wie den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 mit dem Westfälischen Frieden zu Münster und Osnabrück, den Nordischen oder Schwedisch-Brandenburgischen Krieg von 1674 bis 1679, den pfälzischen Erbfolgekrieg von 1688 bis 1697, der 1689 vor allem die Pfalz und damit auch Heidelberg und Speyer verwüstete, oder die zweite Türkenbelagerung Wiens 1683 im von 1683 bis 1699 dauernden Großen Türkenkrieg.
Elisabeth Lonicer war Zeitgenossin von Persönlichkeiten, über die man noch heute spricht. Genannt seien nur die Könige Gustav II. Adolf von Schweden (1594-1632) und Ludwig XIV. von Frankreich (1638-1715), die Generäle Johann T’Serclaes von Tilly (1559-1632) und Albrecht von Wallenstein (15831634), Kardinäle und Päpste wie Armand-Jean de Richelieu (1585-1642) und Gregor XV. (1554-1623) – er ließ sich die berühmte Heidelberger Bibliotheca Palatina schenken und nach Rom transportieren – sowie Künstler und Wissenschaftler von Rang wie Rembrandt van Rijn (1606-1669), Peter Paul Rubens (1577-1640), Jean-Baptiste Molière (1622-1673), Paul Gerhardt (1607-1676), Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621-1676), René Descartes (1596-1650), der Speyerer Universalgelehrte Johann Joachim Becher (16351682), Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), Galileo Galilei (1564-1641) oder Isaac Newton (1643-1727).
Elisabeth Lonicer wuchs in Herford auf, einer Stadt in Westfalen ziemlich genau in der Mitte zwischen Münster, etwa hundert Kilometer westlich, und Hannover, etwa hundert Kilometer östlich. Es handelt sich um eine der bedeutendsten Städte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation des ausgehenden Mittelalters bzw. der beginnenden Neuzeit. Damals dürften hier rund 4.500 Einwohner gelebt haben – hochgerechnet aus der für das Jahr 1636 belegten Zahl von rund 850 Bürgern, definiert als über 25 Jahre alte Männer. Herford war Freie Reichsstadt, aber auch Sitz einer Fürstlichen Reichsabtei – jede für sich ein unabhängiger Reichsstand. Eine solche Reichsunmittelbarkeit war ein gesuchtes Privileg, denn diese Stände durften sich selbst verwalten. Das Miteinander und die Reibungen zwischen Reichsstadt und Reichsabtei haben die Geschicke Herfords zu Lebzeiten Elisabeth Lonicers geprägt, wie wir noch sehen werden.
Abb. I-1: Herford vor 1653 (Stich von Matthäus Merian)
(Gemeinfrei, aus: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?sort=relevance&search=herford+merian&title=Special:Search&profile=advanced&fulltext=1&advancedSearch-current=%7B%7D&ns0=1&ns6=1&ns12=1&ns14=1&ns100=1&ns106=1&uselang=de#/media/File:Heruorden_(Merian).jpg)
Abb. I-1 zeigt eine Herforder Stadtansicht aus dem Jahrzehnt zwischen 1640 und 1650 (nach Normann S. 237). Es ist der Blick, den Elisabeth Lonicer, damals um die dreißig Jahre alt, vom alten Bünder Fußweg aus haben konnte, der im Nordwesten der Stadt verläuft.
Das moderne Herford ist die kreisangehörige Sitzstadt des Landkreises Herford, der sich auch „Wittekindsland“ nennt, weil er im Wirkungsfeld des legendären Sachsenherzogs und Widersachers Karls des Großen, Wittekind alias Widukind, zwischen den Höhenzügen des Teutoburger Waldes und des Wiehengebirges liegt. Die Stadt hat etwa 65.000 Einwohner und liegt im Bundesland Nordrhein-Westfalen, hier im Regierungsbezirk Detmold, einem von fünf Regierungsbezirken des Landes neben Münster, Arnsberg, Düsseldorf und Köln.
Der Landkreis Herford bildet mit fünf weiteren Landkreisen und dem Stadtkreis Bielefeld den Regierungsbezirk Detmold. Nördlich grenzt an den Kreis Herford der Kreis Minden-Lübbecke an, es folgen im Uhrzeigersinn die Kreise Lippe, Höxter, Paderborn und Gütersloh sowie der Stadtkreis Bielefeld am Südrand des Landkreises Herford.
Räumlich stimmt die 1993 gegründete Planungs- und Förderungsregion Ostwestfalen-Lippe (OWL) mit dem Regierungsbezirk Detmold überein. In der OWL arbeiten die sieben Kreise, die Wirtschaft, die Hochschulen etc. bei Förderung und Außendarstellung der Region zusammen.
Der Regierungsbezirk Detmold vereint heute einst preußische und lippische Gebiete. Das Land Nordrhein-Westfalen wurde am 23. August 1946 gebildet – zunächst noch ohne das Land Lippe. Dieses war bis zu seiner erst am 21. Januar 1947 erfolgten Eingliederung in das Land Nordrhein-Westfalen selbständig und ist auch nie preußisch gewesen – anders als Herford, das 1647 als einstige Reichsstadt der brandenburgisch-preußischen Grafschaft Ravensberg zugeschlagen worden war.
Lippe war ab 1528 durch Dekret Kaiser Karls V. eine Reichsgrafschaft des Heiligen Römischen Reiches, und seine Herrschaftsfamilie gehörte somit dem Hochadel an. Im Gegensatz zu normalen Grafschaften war damit ein Sitz im Reichstag verbunden. Später, im Jahre 1789, wurde diese Reichsgrafschaft Lippe gefürstet, und zwar unter Graf Leopold I. und seiner Frau Pauline, der aufgrund ihres segensreichen Wirkens das Prädikat einer lippischen Landesmutter zugeschrieben wurde. Die Reichsgrafschaft Lippe behielt aber auch als Fürstentum ihren Platz auf der Grafenbank des römisch-deutschen Reichstages.
Das Fürstenhaus Lippe hatte bis 1918 Bestand und war als Freistaat ein eigenständiger deutscher Bundesstaat, bis es zum erwähnten 21. Januar 1947 der Eingliederung in Nordrhein-Westfalen zustimmte. Vorausgegangen waren Vereinbarungen über die Beibehaltung einiger lippischer Besonderheiten („Lippische Punktuationen“). Etwa ist ehemals lippisches Landesvermögen nicht an Nordrhein-Westfalen übereignet worden, sondern wird in einem „Landesverband Lippe“ verwaltet. Der vormalige Regierungsbezirk Minden wurde aufgelöst und der Sitz eines neuen Regierungsbezirks nach Detmold verlegt. Auch ist das traditionsreiche Fürstenhaus Lippe mit seinem Symbol, der Lippischen Rose, im nordrhein-westfälischen Landeswappen verewigt.
Ironischerweise berührt der Fluss Lippe allerdings das Land Lippe nicht einmal. Zu erwähnen ist auch, dass „Schaumburg-Lippe“ eine von „Lippe-Detmold“, wie Lippe auch oft genannt wird, zu unterscheidende Grafschaft ist, die ebenfalls später gefürstet wurde. Deren Hauptstadt war Bückeburg. Es handelt sich um eine eigenständige, auf den jüngsten Sohn von Graf Simon VI. zur Lippe (1554-1613) zurückgehende Linie. Das Territorium der ehemaligen Grafschaft Schaumburg-Lippe liegt heute vollständig im Bundesland Niedersachsen, während das Land Lippe zum Bundesland Nordrhein-Westfalen gehört.
Das Herford, in dem Elisabeth Lonicer ihr ganzes Leben verbracht hat, lag noch nahezu vollständig in einem Dreieck, das von den Flüssen Werre und Aa gerahmt wird. An dessen Spitze im Norden mündet die Aa in die Werre. Unmittelbar südlich davon erstreckte sich die Stadt auf einer nahezu kreisförmigen Fläche mit einem Durchmesser von knapp fünfzehnhundert Metern und vollständig umgeben von einer dreieinhalb Kilometer langen Befestigung aus einer Stadtmauer mit vierzehn Türmen und Wassergraben. Die beiden Flüsse wurden auch für ein System von künstlich angelegten Stadtgräben genutzt. Fünf Stadttore kontrollierten die Verbindung zwischen Stadt und Außenwelt, nämlich Lübbertor und Bergertor in östlicher Richtung, das Renntor in südlicher sowie Deichtor und Steintor in westlicher Richtung.
Auf ihrer östlichen Seite wird die Stadt von der Werre begrenzt, die aus südöstlicher Richtung kommend schon Detmold, Lage und Bad Salzuflen durchflossen hat und von Herford aus ziemlich genau nach Norden weiterfließt, bevor sie hinter Bad Oeynhausen in die Weser mündet (die Stadt hat übrigens mehrfache, aber vergebliche Versuche unternommen, eine kaiserliche Genehmigung für eine Schiffbarmachung der Werre bis zur Weser zu bekommen, was Herford zu einer Hafenstadt gemacht hätte, um sie an die Weltmeere anzuschließen). Die Aa begrenzt das alte Stadtgebiet auf seiner westlichen Seite. Sie kommt aus südwestlicher Richtung, wo sie westlich von Bielefeld entspringt.
Die heutige Innenstadt Herfords deckt eine Fläche ab, die früher aus mehreren Teilen bestand. Die Struktur, wie sie Elisabeth Lonicer erlebt hat, wird noch heute deutlich. Spaziert man durch Herfords historisches Zentrum, so kann man die alten Teilbereiche noch erkennen, genannt „Freiheit“, „Radewig“, „Altstadt“, „Neustadt“ und, allerdings außerhalb der ehemaligen Wallanlagen, „Stift Berg“. Dass auf engstem Raum mehrere selbstständige Stadtgemeinden mit eigenen Kirchen und Rechtsordnungen existierten, war damals nicht ungewöhnlich. Ein ähnliches Beispiel bietet das mittelalterliche Hildesheim mit einer Altstadt, einer Bischofsstadt und einer Neustadt, so Andreas Kilb in der F.A.Z. vom 24. Dezember 2019, S. 11. Elisabeth Lonicer konnte alle Stadtbereiche Herfords und deren Einrichtungen noch bequem zu Fuß erreichen, und wenn sie die Innenstadt hätte umrunden wollen, hätte sie dafür nicht einmal eine Stunde gebraucht.
Die Freiheit: Sie umfasst den früheren Abteibezirk. Denn die Fürstabtei, auf die wir weiter unten ausführlicher eingehen, verfügte bis zu ihrer Säkularisierung im Jahre 1802 über ein zwar kleines, aber eigenes Territorium. Es erstreckte sich rund um das Herforder Münster, eine von damals vier Pfarrkirchen der Stadt – neben der Jakobikirche auf der Radewig, der Johanniskirche in der Neustadt und der Marienkirche auf dem Luttenberg. Die „Freiheit“ war anfänglich ein Bereich für das Stift und seine benötigten Gebäude. Hier galt Freiheit oder Immunität, bezogen auf die weltlichen Fragen von Gerichtsbarkeit und Abgabenpflicht gegenüber der Stadt. Wer auf der Freiheit oder „auf der Immunität“ wohnte, war von solchen Lasten gegenüber der Stadt befreit. Auch in Speyer ist eine solche Grenze zwischen Stadt und Domfreiheit noch heute am „Domnapf“ vor dem Kaiser- und Mariendom erkennbar.
Der innerste Teil der „Freiheit“ mit dem der Gottesmutter Maria und der heiligen Pusinna gewidmeten Münster, mit der Wolderuskapelle, dem Kloster, der Residenz der Äbtissin, dem Konvikt für die Stiftsdamen und dem Kirchhof, der südlich an das Münster angrenzte, wird auch „Binnenborg“ genannt. Er war zur Sicherung durch heute nicht mehr vorhandene Mauern eingeschlossen. In unmittelbarer Nähe des Münsters steht noch heute das Kantorhaus, ein im 15. Jahrhundert am Münsterkirchplatz errichtetes Fachwerkhaus, vor dem auch Elisabeth Lonicer des Öfteren gestanden haben wird.
Die Radewig: Sie ist das älteste Stadtviertel, liegt westlich von Freiheit und Altstadt und ist eingerahmt von der Aa und dem aus ihr gebildeten Stadtgraben. Steintor und Deichtor kontrollierten den Zugang von Westen. Hier, an einer Doppelfurt durch Aa und Werre, hatten sich schon im 9. Jahrhundert mit königlichen Handelsrechten ausgestattete Kaufleute angesiedelt. Als „Adonhusa“, später Odenhausen genannt, erhielt dieser Herforder Stadtteil bereits 833 unter König Ludwig dem Frommen (778-840), dem Sohn Karls des Großen, die Münz-, Markt- und Stadtrechte, bestätigt durch den römisch-deutschen Kaiser Otto den Großen (912-973) in einer Urkunde vom 9. April 973.
Den Wortbestandteil „wig“ in Radewig leitet Pape 1979 S. 34 vom lateinischen „vicus“ für „Dorf, Siedlung oder auch Handelsplatz für Kaufleute“ ab und „Rade“ von „rot“ als Gerichtsfarbe, eben weil der Marktplatz der Radewig schon in karolingischer Zeit mit Handels-, Zoll- und Münzrechten ausgestattet war. Von anderen wird die Bezeichnung „Radewig“ als „gerodetes Weichland“ gedeutet. Der alte Markt der Radewig heißt heute Gänsemarkt. Die St. Jakobi- oder Radewiger Kirche erhebt sich gleich nebenan. Eine Jakobsmuschel zeigt, dass hier ein Sammelpunkt für Jakobspilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela in Spanien war – allerdings nur bis 1530, denn da machte das evangelisch gewordene Herford dem katholischen Pilgerwesen ein Ende und schloss die Kirche für sechzig Jahre.
Dann aber machte sich das Ehepaar Bürgermeister Anton Brudtlacht und Catharina Freithof um die Renovierung von St. Jakobi verdient, und die Kirche wurde 1590 durch Ratsbeschluss als nun evangelische Pfarrkirche „zu nachdrücklicherer Ausbreitung und Pflege der reinen Lehre“ wieder eröffnet. Auch die Kanzel mit ihrem Schalldeckel sowie ein Taufständer, noch heute wie zu Zeiten Elisabeth Lonicers zu sehen, wurden von den beiden gestiftet. Die Abtei sah allerdings die Jakobikirche lange Zeit weiter als ihre Tochterkirche an, was zum Beispiel bedeutete, dass die Altstädter Geistlichen noch bis 1855 Begräbnisse auf der Radewig begleiteten und dafür die Gebühren kassierten, weil traditionell die Radewiger in der Altstadt beerdigt worden waren. Die Bestattung Anton Brudtlachts 1612 bei der Jakobskirche war die erste Ausnahme gewesen (Normann S. 201).
Auf der Radewig befand sich auch das Anwesen Anton Fürstenaus, mit Blick auf die Kirche St. Jakob. Auf ihn, ein Vetter von Elisabeth Lonicers Mutter, ist später näher einzugehen. Er ließ sein Haus 1638 bis 1640 neu erbauen, nachdem es dem großen Brand von 1638 zum Opfer gefallen war. Elisabeth, 24 bis 26 Jahre alt, wird den Baufortschritt mit ihren Verwandten verfolgt haben. Die heutige Adresse des „Fürstenau-Hauses“ ist Radewiger Straße 23/25.
Radewig und Altstadt wurden aus einem gemeinsamen Rathaus regiert, das in der Altstadt stand.
Die Altstadt: Sie schließt sich nach Süden an die Freiheit an und wird eingerahmt von der Aa im Westen und der Bowerre im Osten. Die Bowerre ist der ursprüngliche Flusslauf der Werre durch die Stadt, der 1972 weitgehend zugeschüttet bzw. verrohrt wurde. Sie trennte die Altstadt an ihrem westlichen Ufer von der Neustadt an ihrem östlichen Ufer. Die Altstadt war allmählich auf dem Gelände eines ehemaligen fürstabteilichen Oberhofs mit Namen Oldenhervorde herangewachsen.
Das gemeinsame Rathaus von Altstadt und Radewig stand einst am Alten Markt, wurde aber im 19. Jahrhundert abgerissen. Die prachtvoll aus Holz geschnitzte Rathaustür aus dem Jahre 1632 – Elisabeth Lonicer wird sie mehr als einmal durchschritten haben – ist erhalten und im Städtischen Museum zu besichtigen (Pape 2005 S. 261). Die Gasse zwischen Altem Markt und Freiheit heißt Mausefalle, und dies nicht ohne Grund. Da die Fürstabtei nicht dem städtischen Recht unterlag, konnten sich nämlich früher Straftäter dem Zugriff der städtischen Gerichtsbarkeit entziehen, indem sie durch diese Gasse in die „abteiliche Freiheit“ flüchteten – allerdings nur vorübergehend, denn diese war komplett von städtischem Gebiet umgeben, so dass Rechtsbrecher letztlich doch in der Falle saßen.
Abb. I-2: Fotos einiger im Text genannter Herforder Häuser
(Gemeinfrei, aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/Herford?uselang=de#
Historical_Buildings_/_Historische_Geb%C3%A4ude)
Die Radewiger Brücke über die Aa verbindet die Radewiger Straße mit der Bäckerstraße in der Altstadt. Hier wohnte Anton Brudtlacht (1545-1612) und später auch sein Schwiegersohn Bernhard Fürstenau (1560-1631) mit seiner Ehefrau Anna Catharina, einer Tochter von Anton Brudtlacht. Wir gehen auf sie noch ein. Die Brudtlachtstraße, heute die westliche Verlängerung der Radewiger Straße, erinnert an diese Familie.
Der Name Brüderstraße in der Altstadt geht auf das ehemalige Kloster der Augustinereremiten zurück, das sich vom 13. Jahrhundert bis 1540 hier befand. Auf deren Gelände, an der Bowerre, stand auch das Gymnasium, dessen langjähriger Rektor Elisabeths Vater Wendelinus Lonicerus gewesen war. Wenn man heute seinen Blick auf die in der Brüderstraße noch stehenden Fachwerkhäuser richtet, wird sich der kaum von dem unterscheiden, den schon Elisabeth Lonicer hatte, etwa auf das Engelking-Haus, 1532 von Heinrich Engelking erbaut, oder auf das Remensnider-Haus gleich daneben, erbaut 1531 von Heinrich Aldach alias Remensnider, oder auf das Rothe-Haus, erbaut um 1560, oder auf weitere schmucke Fachwerkhäuser der Brüderstraße mit den Hausnummern 7, 9, 14 oder 28.
Unter den Bürgermeistern der Altstadt, soviel sei schon an dieser Stelle gesagt, waren mehrere mit Bezug zur Familie Elisabeth Lonicers: Bernhard Fürstenau bis 1625, Johann Gießenbier von 1559 bis 1565, Anton Braudtlacht alias Brudtlacht von 1588 bis 1611 und Tönies Brudtlacht von 1602 bis 1608 (nach Menckhoff 1938).
Die Neustadt: Auch „junge Stadt“ genannt, erstreckt sie sich östlich von Freiheit und Altstadt, von denen sie durch die Bowerre, dem später zugeschütteten ursprünglichen Verlauf der Werre, getrennt ist. Hier wurden schon ab dem 9. Jahrhundert sogenannte Kirchenhörige angesiedelt, Personen, die Dienste für die Abtei erbrachten, aber nicht im Klosterbezirk wohnen durften. Erst Äbtissin Gertrud II. aus dem Hause Lippe gründete 1224 dort ihre eigene Stadt – die Herforder Neustadt auf diesem dem Kloster gehörenden Areal. Ein Grund war, dass der zur Abtei gehörende Oberhof Libbere mitsamt seinem Personal näher an das Kloster, eben auf das Gebiet der heutigen Neustadt verlegt und damit die Zahl der Bewohner erhöht wurde. Mitgründer war der Kölner Erzbischof Engelbert, mit dem sich die Äbtissin auch das Münzrecht teilte. Die Neustadt war selbständig und hatte deshalb auch ihren eigenen Rat. Das Neustädter Rathaus befand sich Ecke Lübberstraße und Neuer Markt. Es wurde 1988 rekonstruiert.
Erst am 25. Dezember 1634 schließen sich die Herforder Alt- und Neustadt („beide steden“) feiwillig zusammen. Es gibt fortan auch nur noch einen gemeinsamen Stadtrat. In vielen Bereichen konnten so Kräfte gebündelt werden, und das war besonders damals – mitten im Dreißigjährigen Krieg – sicher auch nötig. Ab jetzt wurden Bürgermeister und Rat der Stadt jährlich, und zwar am Dreikönigstag gewählt. Schon am Vorabend, dem 5. Januar, wurden von Wahlmännern zwanzig ehrenamtliche Ratsherren gewählt. Aus ihnen wurden am Folgetag vier Persönlichkeiten als Bürgermeisterkandidaten vorgeschlagen, aus denen zwei gewählt wurden (Pape 2005 S. 174).
Die Pfarrkirche St. Johannis am Neuen Markt war nur einige Schritte entfernt von der Hämmerlingstraße, wo die Heidtmannfamilie wohnte, Verwandte Elisabeth Lonicers über ihre Mutter Ursula Heidtmann, wie wir noch sehen werden. Dieser Pfarrkirche wurde ein Dionysius-Stift angegliedert, nachdem dieses im Jahre 1414 vom unbefestigten Enger in das sicherere Herford übergesiedelt war. Zu Elisabeth Lonicers Zeiten wurde hier noch der Dionysiusschatz mit Taufgaben Karls des Großen an Wittekind aufbewahrt, einschließlich der Gebeine Wittekinds. Nach der Säkularisierung 1810 verfügte allerdings der Staat als neuer Eigentümer, dass der gesamte Schatz 1885 zum Berliner Kunstgewerbemuseum zu transferieren und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen sei. Die Überreste Wittekinds waren an Enger zurückgegeben worden. Ob sie nun in der dortigen Stiftskirche ruhen, ist immer noch Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen. Auf die aus dem Mittelalter stammenden, nämlich um 1350 geschaffenen Glasfenster (Pape 2005 S. 254) hat übrigens der Besucher von heute denselben Blick wie Elisabeth Lonicer.
Es geschah hier in der Neustädter Johanniskirche, dass am 1. August 1530 in Herford die Reformation mit einer deutschsprachigen Predigt begann. Hier befindet sich auch ein Spätrenaissance-Altar, und zwar „der erste, der nach der Reformation in Herford entstanden ist. Das dargestellte Abendmahl zeigt 13 statt 12 Personen. Neben Jesus und seinen Jüngern ist noch ein Diener dargestellt, der Wein einschenkt. Wahrscheinlich ist es der Stifter des Bildes. Eine Besonderheit zeigt auch der gedeckte Tisch des Abendmahls, haben doch Jesus und seine Jünger das typische westfälische Möpkenbrot auf dem Teller, ein Brot, das man hierzulande gerne zum Schlachtfest isst“ (aus http://www.rbrinckmann.de/Herford/Kirchen/johannis.htm).
In der Herforder Neustadt befindet sich auch die katholische Kirche St. Johannes Baptist, heute Komturstraße 4a, die einstige Kirche der Malteserritter-Kommende. In ihrem Hochaltar wird eine Reliquie der heiligen Pusinna aufbewahrt.
Ein weiteres Gebäude, das sich Elisabeth Lonicers Augen nicht anders dargestellt hat als unseren heute, ist das Bürgermeister-Haus, 1538 vom Bürgermeister der Neustadt Heinrich Crüwell in der Höckerstraße sechsstöckig erbaut. Hier wird sie oft vorbeigegangen sein, wie auch am Elisabethhaus an der Straße Auf dem Holland. Dies war für einige Jahre das Zuhause der Elisabeth von der Pfalz aus Heidelberg, Tochter des böhmischen „Winterkönigs“ Friedrich V., bevor sie 1667 in Herford Fürstäbtissin wurde.
Auch unter den Bürgermeistern der Neustadt waren einige mit Bezug zur Familie Elisabeth Lonicers: Johann Heitmann alias Heidtmann von 1580 bis 1591, Heinrich Heidtmann von 1615 bis 1624 und Jürgen alias Georg Giese von 1616 bis 1629. Das gilt ebenso für die Zeit nach der Zusammenlegung der Magistrate von Alt- und Neustadt im Jahre 1634: Bernhard Giese von 1630 bis 1652, Franz Gießenbier 1637, Dr. Hermann Fürstenau von 1638 bis 1651, Heinrich Heitmann von 1652 bis 1674, Johann Adolf Barckhausen von 1651 bis 1692, Otto Vogel von 1672 bis 1704 sowie Heinrich Lonizerus (sic) gemeinsam mit Peter Schlüter von 1683 bis 1688. Die Bürgermeister unterstanden später kurfürstlich brandenburgischen Richtern, wie wir noch sehen werden.
Stift Berg: Dieser Stadtteil liegt etwas außerhalb, etwa einen Kilometer östlich der Neustadt auf dem Luttenberg. Es handelt sich um eine Ansiedlung, die um das 1101 als Ableger des Reichsstiftes gegründete Stift Berg entstand. Hier steht die St. Marienkirche. In ihrem Altar befindet sich ein Baumstumpf, der an die „Herforder Vision“ erinnert (dazu weiter unten mehr), eine Reliquie, vor der auch Elisabeth Lonicer gestanden haben wird.
Da die Stadt Herford um ein Reichsstift herum entstanden ist, sollen zunächst einige Ausführungen zu diesem erfolgen. Stifte sind meist von Adelsfamilien einer geistlichen Körperschaft, dem sogenannten „Kapitel“, zur Verfügung gestellte Vermögenswerte wie Liegenschaften, Gebäude, Nutzungsrechte und anderes, gern verknüpft mit der Bestimmung, dass für das Seelenheil der Stifter und ihrer Familien zu beten sei. Typische Beispiele sind Klöster, aber auch Kirchen können als Stift gestaltet sein, etwa die Kathedralen der Erzbischöfe („Erzstift“) oder der Bischöfe („Domstift“) – wobei die Fläche des Landeigentums dieser Stifte nicht deckungsgleich mit dem kirchlichen Bereich, der Diözese, sein muss – sowie andere Stiftskirchen („Kollegiatstifte“, etwa jenes in Enger, welches, wie wir schon sahen, im Jahre 1414 nach Herford verlegt wurde). Ein über das Religiöse hinausgehendes und nicht zu vernachlässigendes Motiv für die Gründung solcher Stifte war allerdings auch eine angemessene Versorgung von Familienangehörigen der Stifter.
In Herford war vor langer Zeit ein Damenstift entstanden. Mit denen in Gandersheim und Quedlinburg gehörte es zu den vornehmsten seiner Art im Heiligen Römischen Reich. Bis in das 8. Jahrhundert kann es seine Geschichte zurückführen. Da lebte der Sachsenherzog Widukind noch.
Ein 825 in Herford gestorbener und später heilig gesprochener Edelmann namens Waltger alias Wolterus aus einer sächsischen Adelsfamilie gründete dieses Stift im Jahre 789 nahe dem heutigen Bielefeld, siedelte es aber schon wenige Jahre später um auf ein Gelände nahe den beiden erwähnten Furten durch die Flüsse Werre und Aa. Es war zunächst ein Benediktinerinnenkloster. Waltger wurde auch in der ursprünglichen und dann nach ihm benannten Wolderuskapelle in Herford beigesetzt. 1735 wurde diese zwar abgetragen und durch den heutigen Bau unmittelbar nördlich der Münsterkirche ersetzt. Die Gruft des Stiftsgründers blieb aber erhalten.
Mit dem Kloster war zugleich Herford gegründet, das in dessen Umfeld heranwuchs, weil es zum Umschlagplatz für Waren und Reisende wurde. Schon nach acht Jahren, im Jahre 833, erhielt das Stift die Markt-, Münz- und Zollrechte als kaiserliche Privilegien. 832 war seine Münsterkirche durch den Bischof von Paderborn geweiht worden. Das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, verwahrt die älteste erhaltene Urkunde des Klosters Herford, die aus dem Jahre 838 stammt und den Namen des fränkischen Kaisers und Sohn Karls des Großen, Ludwigs des Frommen, zeigt (* 778, † 840 in Ingelheim bei Bingen am Rhein). Er „schenkt dem im Herzogtum Sachsen gegründeten Marienkloster Herivurth, dem die Äbtissin Tetta vorsteht, drei Kirchen... mit den dazu gehörigen Zehnten, Gütern und Eigenhörigen“ (zitiert aus dem Regest).
Von einem anfänglichen Familienkloster wurde Waltgers Gründung so zu einer Fürstabtei und zu einem Reichskloster, als Kaiser Ludwig der Fromme diese übernahm und finanziell zukunftsfähig machte. Denn durch weitere Schenkungen von Dörfern, Bauernhöfen, ja sogar von Weingütern am Rhein wuchs das Vermögen der Abtei im Laufe der Zeit kräftig an. Über hunderte Ober- und Unterhöfe verfügte sie, die ihr zinspflichtig waren. Rund achthundert Bauernhöfe gehen aus einem im 12. Jahrhundert angelegten Register des Stifts hervor (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Stift_Herford), die lange Zeit von diesem selbst mittels abteilicher Beauftragter, Meier genannt, bewirtschaftet wurden. Auch zählten sieben weitere Klostergründungen zur Herforder Reichsabtei. Zur Demonstration der weltlichen Herrschaft über ihren Besitz veranstaltete die Fürstäbtissin gelegentlich mit ihrem Gefolge feierliche Besuche an Ort und Stelle, sogenannte Visitationen.
Wohl mit der Umwandlung des Familienklosters in eine Reichsabtei wurde dieser auch Reichsfreiheit verliehen, denn diese wird durch König Ludwig den Deutschen (* um 806, † 876), einem Enkel Karls des Großen, im Jahre 851 bestätigt.
Zunächst nach der Benediktinerregel geführt, entwickelte sich das Stift in Herford zu einem Kanonissenstift, das Stiftsdamen von hoher Geburt im Vergleich mit den strengeren Klosterregeln relativ große Freiheiten in Bezug auf Ordensgelübde, Residenzpflicht und Kleidung einräumte. Caritative Aufgaben im angeschlossenen Armen- und Krankenhaus sowie Bildungsaufgaben in der Schule des Stifts machten einen Großteil ihrer Tätigkeit aus.
Wohl, weil es mancherlei Beziehungen nach Frankreich gab, etwa zur karolingischen Reichsabtei Notre Dame in Soissons, aus der auch die erwähnte Äbtissin Tetta stammte, ließ man um 860 die Gebeine der Heiligen Pusinna aus Binson in der Champagne nördlich von Paris nach Herford überführen. Das Stift nannte sich sodann „St. Maria und Pusinna“. Bestandteile dieser Reliquie befinden sich, wie erwähnt, heute in der katholischen Kirche St. Johannes Baptist Herfords, und Elisabeth Lonicer wird sie sich angesehen haben.
Um einen Streit um den Zehnten zwischen dem Stift und dem Bischof von Osnabrück zu schlichten, hielt sich kein Geringerer als der in der Krypta des Speyerer Doms bestattete Salierkaiser Heinrich III. am 22. Dezember 1040 persönlich in Herford auf. Bei dieser Gelegenheit bestätigte er der amtierenden Äbtissin Godesti den Rang einer Fürstäbtissin. 1044 weilte Heinrich III. übrigens im erwähnten Stift Gandersheim und stellte dort eine Urkunde aus, die im Landesarchiv Speyer als eines der ältesten Schriftstücke dieser Stadt verwahrt wird. 1218 soll sogar der Stauferkaiser Friedrich II., der das römisch-deutsche Reich meistens von Italien aus regierte, persönlich zu einem Fürstentag in Herford geweilt haben.
Unter der Äbtissin Gertrud II. zur Lippe (1215-1244) ist die Stiftskirche in der Stadt zum spätromanischen Herforder Münster in seiner noch heute bestehenden Form ausgebaut worden. Gertrud war die Tochter von Graf Bernhard II. zur Lippe (ca. 1140-1224).
Im Laufe der Zeit hatten die Äbtissinnen die Eigenbewirtschaftung ihrer Ober- und Unterhöfe über Meier aufgegeben und durch Pachtverträge ersetzt. Häufig waren es Adelsfamilien, die nun die abteilichen Meier ablösten, mit Länderein des Klosters belehnt wurden und dafür einen Pachtzins, gegebenenfalls auch in Naturalien, zu entrichten hatten. Aber auch bürgerliche Herforder Familien, die in unserer Abhandlung vorkommen, oder die Stadt Herford finden sich mit Äckern oder Wiesen in der Feldmark vor den Mauern unter den Lehnsnehmern des Stifts.
Bei Neuwahl einer Fürstäbtissin oder bei Änderungen in den Eigentumsverhältnissen, etwa durch Tod oder Vererbung, der auch „Lehnsvasallen“ genannten Lehnsnehmer, wurden die Verträge feierlich auf einem Lehnstag bestätigt und besiegelt. Ein solcher fand zum Beispiel am 6. Juni 1643 statt, als sich mehr als achtzig Lehnsvasallen in der Stadt einfanden, um in der Abtei vor der neuen Fürstäbtissin Sidonia von Oldenburg, die von 1640 bis 1649 regierte, den Lehnseid zu leisten und eine neue Urkunde entgegen zu nehmen. Das waren zwar längst nicht alle Pächter, wie das im Staatsarchiv Münster verwahrte Lehnsbuch erkennen lässt (dazu Pape 2005 S. 230). Aber für Elisabeth Lonicer, die damals 29 Jahre alt war, muss dies gleichwohl ein sehenswerter Aufmarsch bekannter Namen, und natürlich Stadtgespräch, gewesen sein.
Das Herforder Damenstift hatte als Reichsabtei auch zu Zeiten Elisabeth Lonicers Reichsunmittelbarkeit. Es war also ein eigenständiger Kleinstaat im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches. Bis zu seiner Säkularisierung im Jahre 1802 (da wird das Stift in die preußische Grafschaft Ravensberg eingegliedert und 1810 aufgelöst werden) konnte es über das schon erwähnte kleine eigene Territorium rund um das Herforder Münster, allerdings gänzlich umgeben von der Reichsstadt, verfügen – die sogenannte „abteiliche Freiheit“, ein, wie wir schon sahen, anfänglich ummauerter Bereich für das Stift, die Kirche, die Schule und alle weiteren benötigten Gebäude. Hier galt Freiheit oder Immunität, bezogen auf die weltlichen Fragen von Gerichtsbarkeit und Abgabenpflicht gegenüber der Stadt. Wer auf der Freiheit wohnte, war von solchen Lasten gegenüber der Stadt befreit. Auf eine analoge Grenze zwischen Stadt und Domfreiheit in Speyer haben wir zuvor schon hingewiesen.
Abb. II-1: Bronzemodell von Münsterkirche,Wolderuskapelle und Immunität um 1650
(Gemeinfrei, aus: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=Special:Search&search=herforder+m%C3%BCnster+models&fulltext=1&profile=default&uselang=de&ns0=1&ns6=1&ns12=1&ns14=1&ns100=1&ns106=1#/media/File:2010-02-04_Herford_171.jpg)
887 hatte der Bischof von Paderborn dem Herforder Kloster auch die Papstunmittelbarkeit bestätigt. Die Äbtissinnen des „Freiedelen weltlichen Stifts Herford“ – auf Lebenszeit und ausschließlich vom Kapitel gewählt – hatten somit neben der weltlichen auch die kirchliche Herrschaft über ihr Territorium. Als Reichsfürstinnen saßen die Äbtissinnen im Reichstag, und zwar im Rheinischen Reichsprälatenkollegium. Sie waren in geistlichen Angelegenheiten nur dem Papst und in weltlichen Angelegenheiten direkt dem Heiligen Römischen Reich bzw. dessen König oder Kaiser unterstellt. Sie waren also papst- und reichsunmittelbar oder exempt – mithin mächtige Frauen, für die damalige Zeit durchaus bemerkenswert.
Was geistliche Fragen anging, waren die Herforder Äbtissinnen selbst zwar Bischöfinnen, in diesem Falle Fürstbischöfinnen. Als Frauen war ihnen allerdings die Weihe von Priestern ebenso wie das Feiern von Messen verwehrt. Für deren Abhaltung waren von der Äbtissin berufene Stiftsherren oder Kanoniker sowie Mönche aus dem Kloster Corvey zuständig. Wohl aber berief die Äbtissin die Kleriker in den nachgeordneten Kirchen und Kapellen.
Der Bischof von Paderborn, in dessen Diözese Herford liegt, versuchte gelegentlich, jedoch vergeblich, diesen Status der Fürstabtei zu seinen Gunsten zu ändern. Denn die Exemption ist mehrfach, z.B. 1472 durch Erzbischof Simon III. von Paderborn und 1498 vom Papst in Rom, urkundlich bestätigt worden. Die geistliche Herrschaft über Herfords Klöster, Kirchen, Geistliche und Bürger hatte die Fürstäbtissin, ebenso über die Kirchen in den zur Fürstabtei gehörenden Besitztümern.
In weltlichen Fragen verfügte das Stift Herford ebenfalls über einen Sitz in einem der zehn Reichskreise, in die Kaiser Maximilian I. das Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterteilt hatte, in diesem Falle im niederrheinisch-westfälischen Reichskreis. Diesem gehörten über fünfzig Reichsstände an, also die geistlichen und weltlichen Fürsten, Grafen und Reichsstädte im nordwestdeutschen Raum, etwa zwischen Rhein und Weser. Die Abtei war dem Reich steuerpflichtig.
Das besondere Attribut der Papstunmittelbarkeit trägt übrigens auch das Kloster St. Magdalena in Speyer, mit vollständigem Namen heute „Kongregation der Dominikanerinnen zur hl. Maria Magdalena“. Die Kongregation gehört zu den „Dominikanerinnen im deutschen Sprachraum“ mit der kirchlichen Rechtsform einer „Ordensgemeinschaft päpstlichen Rechts“ oder „iuris pontificii“ (siehe http://www.dominikanerinnen.net/). Orden mit dieser Rechtsform wurden vom Apostolischen Stuhl errichtet oder von ihm durch förmliches Dekret anerkannt. In diesem Falle hat ein solches Dekret Papst Benedikt XI. am 12. März 1304 unterzeichnet. Damit wurde dieses Speyerer Kloster in den Dominikanerorden aufgenommen (Leister Teil I. S. 17 f.). Dieser Papst war selbst Dominikaner. Mitgeholfen hatten auch Speyerer Dominikanermönche, die sich auf dem Gelände der heutigen Ludwigskirche angesiedelt hatten. Das Kloster St. Magdalena untersteht somit dem Heiligen Stuhl in Rom bzw. dem Ordensgeneral, nicht aber dem Diözesanbischof, wie dies bei Orden bischöflichen Rechts der Fall ist.
Das Original der Bulle vom 12. März 1304 befindet sich in den päpstlichen Archiven in Rom. Die für Speyer ausgefertigten Urkunden gingen bei kriegerischen Auseinandersetzungen um die Stadt verloren. Immerhin wurde eines ihrer Siegel vor einigen Jahren zufällig von einer Schwester im Klostergarten gefunden. Es war an einer Stelle aufgetaucht, an der napoleonische Soldaten das ehemalige Archiv des Klosters verbrannt hatten. Dieses Siegel wird nun im neuen Klosterarchiv aufbewahrt.
1256 hatten sich in Herford die Abtei unter ihrer Äbtissin Ida von der Lippe und die Stadt vertraglich darauf verständigt, einen Teil der Regierungs- und Verwaltungsaufgaben gemeinsam oder „kondominal“ wahrzunehmen. Sie waren ja beide reichsunmittelbare selbständige Kleinstaaten und territorial miteinander verwoben. Mit der einsetzenden Reformation gestaltete sich diese zunächst durchaus harmonische Zusammenarbeit von Fürstäbtissin und kommunalem Magistrat allerdings schwieriger und wurde letztlich aufgegeben. Hinzukommt, dass die Herren der die Reichsstadt Herford umschließenden Territorien ein wachsendes Interesse zeigten, sich diese einzuverleiben, was 1652 letztendlich auch gelingen wird.
Die von Wittenberg und Martin Luther ausgehende Reformation hatte in Herford schnell viele Anhänger gefunden. Anfangs untersagte die katholische Äbtissin lutherische Gottesdienste in Herforder Kirchen. Dass solche im Augustinerkloster gleichwohl stattfanden, konnte sie aber nicht verhindern. Schon ab 1530 wurde in Herford die „Augsburger Konfession“ befolgt, und 1532 war die Stadt protestantisch, und zwar lutherisch. Das brachte nun aber mancherlei Kompetenzstreitigkeiten zwischen Äbtissin und Stadtrat mit sich. Etwa beanspruchten die Räte ein eigenes lutherisches Kirchenregiment für sich, während die Abtei darauf verwies, dass die kirchliche Jurisdiktion über die Stadt traditionell ihr zustehe.
Äbtissin Anna II. von Limburg-Styrum – im Amt von 1524 bis zu ihrem Tod 1565 – gab nach und nach ihren Widerstand auf. So fand schließlich 1547 mit der „Jülicher Zession“ ein für die Herforder Stadt- und Abteigeschichte einschneidendes Ereignis statt. Äbtissin Anna, des Streitens müde, überlässt „alle weltliche Hoheit und Obrigkeit“, die sie als Landesherrin hatte, dem Grafen von Ravensberg, der zugleich Herzog von Jülich war. Auch ihre kirchliche Jurisdiktion über die Stadt tritt sie ab. Nun umschloss aber die Grafschaft Ravensberg das Stadtgebiet von Herford weitgehend, abgesehen von einer kurzen Grenze zur Grafschaft Lippe im Südosten. Für die Reichsunmittelbarkeit der Stadt sollte sich diese „Zession“ noch als äußerst wichtig erweisen, eröffnete sie doch dem Herzog Möglichkeiten, Einfluss auf städtische Angelegenheiten zu nehmen. Oder hatte sich durch die Zession gar der Charakter des Kondominats geändert? War der Herzog nicht nur an die Stelle der Abtei getreten, sondern konnte er daraus Rechte als Landesherr über die Stadt Herford ableiten? Weiter unten gehen wir im Zusammenhang mit der Herforder Stadtgeschichte darauf näher ein. Insbesondere der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm wird immer wieder versuchen, Landesherr über Herford zu werden – und es wird ihm letztendlich 1652 auch gelingen.
Zur Nachfolgerin von Anna II. von Limburg-Styrum wählte das Stiftskapitel 1565 Margarethe II. von Lippe (1525-1578). Mit ihr wird auch das Stift Herford evangelisch. Die neue Äbtissin war eine Tochter von Graf Simon V. zur Lippe und seiner Frau Magdalena Gräfin von Mansfeld – einer Stadt, die heute das Attribut „Lutherstadt“ ziert. Im Alter von fünfzehn Jahren kam Margarethe zur Erziehung an den Hof des Landgrafen Philipp von Hessen (15041567) in Kassel. (Genau zu der Zeit lehrte Elisabeth Lonicers Urgroßvater Johannes Lonicerus an der von Philipp 1527 in Marburg gegründeten ersten evangelischen Universität.) Danach trat sie ins Kloster Herford ein, dessen Äbtissin sie 1565 wurde. Zwar trat Margarethe ihr Amt als Katholikin an, wie es eine Wahlkapitulation über die Verhandlungen mit der Fürstabtei forderte. Aber sie dachte doch protestantisch, und mit Blick auf ihre Mansfelder Mutter und Landgraf Philipp von Hessen bedeutet das: lutherisch. Das Ablegerstift auf dem Berg war bereits 1548 zum lutherischen Glauben gewechselt.
Unter der Äbtissin Magdalene II. zur Lippe (1621-1640) kam es 1629 zu einem Kompromiss mit der Stadt. Bei dieser sogenannten Kompromiss-Sache ging es um die Kompetenz für die Besetzung der Pfarrstellen in der Stadt. Wer war hier zuständig, die amtierende – jetzt calvinistische – Äbtissin als Patronin der Kirche oder die lutherische Kirchengemeinde, vertreten durch den Stadtrat? Man einigte sich gütlich auf ein Entscheidungsverfahren. Drei Universitäten sollten Gutachten erstellen. Die Universität Jena lieferte ihres am 28. Juni 1628 ab, die Universität Freiburg am 20. August 1628 und die Universität Helmstedt am 30. Januar 1629. Alle drei kamen übereinstimmend zum Ergebnis, dass die Zuständigkeit für die Einsetzung von Geistlichen bei der Äbtissin liege, allerdings habe diese im Konsens mit der Stadt zu entscheiden, mit der in jedem einzelnen Falle zu besprechen sei, ob sie Vorbehalte gegen einen Kandidaten habe.
Für die Stadt Herford hatte diese Vorgänge um die „Kompromiss-Sache“ Dr. Bernhard Fürstenau begleitet, ein Vetter von Elisabeth Lonicers Mutter Ursula Heidtmann, wie wir noch sehen werden. Der Stadt war seine immerhin zu einem Teilerfolg führende Hilfe ein Geschenk von eintausend Talern wert. Zur heutigen Kaufkraft der damaligen Währung (Taler, auch Thaler und Reichsthaler) erfolgen einige Ausführungen im nächsten Abschnitt. Hier sei aber schon verraten, dass der Wert dieses Geschenks an Dr. Fürstenau bei rund 40.000 Euro gelegen haben dürfte.
Zwei Jahre lang musste Äbtissin Magdalene II. zur Lippe sogar eine katholische Gegenäbtissin dulden. Dies lag am Restitutionsedikt von 1629, mit dem Kaiser Ferdinand II., ein Verfechter der Gegenreformation und gestützt auf militärische Erfolge im Dreißigjährigen Krieg, das Rad der Reformation zurückzudrehen gedachte: Alle seit dem Passauer Vertrag vom 2. Mai 1552 durch die Evangelischen eingezogenen Kirchengüter seien den Katholiken zurückzugeben. Das wirkte sich natürlich nicht nur auf die Stadt Herford aus (siehe dazu weiter unten), sondern auch auf die Reichsabtei.
Am 7. Juni 1630 trafen kaiserliche Kommissare in Herford ein – Elisabeth Lonicer war inzwischen sechzehn Jahre alt – und verlangten tatsächlich nicht weniger, als die Stadt zum Katholizismus zurückzuführen, die Kirchen wieder mit katholischen Geistlichen zu besetzen und die Klöster, aus denen mittlerweile aber bereits Schulen und Armenhäuser geworden waren, wieder herzustellen. Letzteres hatten kurz zuvor auch nach Herford zurückgekehrte Franziskaner- und Augustinermönche verlangt. Obwohl eine von den Herforder Augustinern so wohlwollend begünstigte Schul-Umgründung schon 1540, also lange vor dem Passauer Vertrag stattgefunden hatte, wollte der Orden nun sein Kloster und sein Geld zurück. Er konnte sich aber nicht durchsetzen. Und da Herford inzwischen auch gar keinen katholischen Klerus und so gut wie keine katholischen Bürger mehr hatte, kamen die Kommissare mit ihrem Auftrag ebenfalls nicht voran.
Da Herford schon viel früher, nämlich seit etwa 1530, mit Ausnahme der Abtei, komplett lutherisch gewesen war, blieb dem Kaiser nur übrig, nun jedenfalls eine katholische Gegenäbtissin zur gewählten Magdalena II. Gräfin zur Lippe einzusetzen. Diese war Maria Klara von Wartenberg, eine Schwester des Bischofs der Bistümer Osnabrück, Minden und Verden namens Franz Wilhelm Kardinal Reichsgraf von Wartenberg. Maria Klara amtierte aber nur von 1629 bis 1631. Es ist das Jahr, in dem das Reichskammergericht mit Urteil vom 10. April höchstrichterlich bestätigt, dass Herford eine reichsunmittelbare Stadt sei – und reichsunmittelbare Reichsstände hatte das Restitutionsedikt von 1629 ja ausdrücklich ausgeklammert. 1631 war auch das Jahr, in dem Elisabeth Lonicers Mutter und ihr Stiefvater starben.
Das Reichskammergericht befand sich ab 1527 – das Jahr, in dem auch die Universität Marburg entstanden war, die für die Lonicerus-Familie von großer Bedeutung werden sollte – in Speyer. „Macht Euch auf nach Speyer, es ist eben Visitationszeit, zeigt's an, sie müssen's untersuchen …“, lässt Johann Wolfgang von Goethe seinen Götz von Berlichingen sagen. Goethe hat selbst am Reichskammergericht gearbeitet, allerdings an dessen im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 nach Wetzlar verlegten Sitz. Speyer und seinen Dom hat er persönlich aber auch besucht – und sogar in einer Zeichnung festgehalten, und zwar am 24. September 1779.
1652 kommt es zur Unterwerfung der bis dahin reichsfreien Stadt Herford durch Friedrich Wilhelm, den später so genannten Großen Kurfürsten von Brandenburg (1620-1688). Auch darauf gehen wir noch näher ein. Am Status der Reichsabtei Stift Herford änderte sich dadurch aber zunächst einmal nichts. Mit den Verträgen zum Westfälischen Frieden von 1648 stellt Brandenburg jedoch die Schirmvögte über die Reichsabtei – und beruft selbstverständlich die Äbtissinnen nicht länger aus dem konkurrierenden Hause Lippe.
Das kam zum Beispiel Elisabeth von der Pfalz zugute, einer Cousine des Großen Kurfürsten von Brandenburg, die 1667 als Elisabeth III. das Amt der Herforder Äbtissin antrat. Ihre Tante Elisabeth Charlotte von der Pfalz (15971660), eine Schwester des „Winterkönigs“ Friedrich V., ist die Mutter Friedrich Wilhelms von Brandenburg.
Im Norden Deutschlands und auch im Herford des 17. Jahrhunderts war der Reichsthaler oder Taler die gängige Währung, im Süden des römisch-deutschen Reiches war der Gulden üblich. Wenn 1 Gulden Zweidrittel eines Reichstalers entsprechen (nach http://www.hagen-bobzin.de/hobby/muenzen.html), dann standen die beiden Währungen Taler und Gulden in einem Wechselkursverhältnis von etwa 1:1,5.
Der Taler ist eine Silbermünze, die vor fünfhundert Jahren in Böhmen durch Beschluss des Landtags im Januar 1520 zum offiziellen Zahlungsmittlel wurde, als einer Grafenfamilie in der Stadt Joachimsthal, die durch den Silberbergbau vermögend geworden war, das Recht zur Prägung von Silber- anstelle der üblichen Goldmünzen erteilt wurde. Die Münze, deren Silberwert so festgelegt wurde, dass er dem Wert einer Goldmünze entsprach, wurde zunächst „Joachimsthaler Guldiner“ genannt, woraus „Thaler“ oder „Taler“ geworden ist (dazu Siedenbiedel). Diese Finanzinnovation kam der geologischen Besonderheit entgegen, dass im deutschsprachigen Raum viel mehr Silber als Gold abgebaut wurde.
Ab 1566 war der Reichstaler offizielles Zahlungsmittel im römisch-deutschen Reich. Es wurde festgelegt, dass 1 Taler 16,70 Gramm Feinsilber enthalten muss. Damit kann man den Metallwert berechnen, den ein Taler heute hätte. Im Juli 2020 kostete hierzulande 1 Kilogramm Silber etwa 653 €. Demzufolge entsprechen 16,70 Gramm Feinsilber oder 1 Taler etwa 11 Euro.
Aber wichtiger für uns ist natürlich die Kaufkraft eines Talers heute. Hier verlassen wir uns auf Verdenhalven, der 1968 berichtet, dass in der Zeitspanne von 1622 bis 1775 (und sie umschließt nahezu die Lebenszeit von Elisabeth Lonicer) einem Reichstaler im Durchschnitt 32,50 bis 43,20 Deutsche Mark (DM) entsprochen haben, 1968 mithin rund zwanzig Euro – wenn man die seither eingetretene Kaufkraftentwicklung berücksichtigt (vgl. die Berechnung der Deutschen Bundesbank: https://www.bundesbank.de/de/statistiken/konjunktur-und-preise/erzeuger-und-verbraucherpreise/kaufkraftvergleiche-historischer-geldbetraege-775308#tar-2), so wäre dieser Wert durchaus zu verdoppeln, und wir kämen damit auf rund 40 € für 1 Reichsthaler. Das ist selbstverständlich nur ein grober Näherungswert. Wenn wir im folgenden Text Reichstalerangaben mit 20 multiplizieren, dürften wir dennoch zu einigermaßen aussagekräftigen, wenn auch nur ungefähren Kaufkraftvorstellungen gelangen.
Eine der herausragenden Äbtissinnen in Herford war Elisabeth von der Pfalz. Am 26. Dezember 1618 wurde sie in Heidelberg geboren. Im Alter von 61 Jahren ist sie am 8. Februar 1680 in Herford gestorben. In der Münsterkirche wurde sie begraben. Die Stadt hat eine Straße nach ihr benannt und ein Denkmal für sie errichtet. Eine recht informative Biographie findet sich unter https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=1517&url_tabelle=tab_person. Auch die Allgemeine Deutsche Biographie (ADB) berichtet ausführlich über sie. Im Folgenden soll nur auf einige Ereignisse in ihrer Zeit eingegangen werden, die, jedenfalls indirekt, auch Elisabeth Lonicer betroffen haben dürften.
Elisabeth von der Pfalz stammte aus hochadligem Hause. Ihr Vater war Friedrich V., Pfalzgraf und Kurfürst von der Pfalz sowie als sogenannter Winterkönig kurzzeitig König von Böhmen. Im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg werden wir später darauf näher eingehen. Ihre Mutter war Elisabeth Stuart, eine Tochter Jakobs I., König der drei von ihm vereinigten Territorien England, Irland und Schottland, und dessen Ehefrau Anna von Dänemark. Eine Großmutter der „Winterkönigin“ Elisabeth Stuart war somit die katholische, 1587 hingerichtete schottische Königin und Mutter Jakobs. I. Maria Stuart, porträtiert in der bekannten Tragödie von Friedrich Schiller – diese ist somit eine Urgroßmutter der Herforder Fürstäbtissin Elisabeth von der Pfalz gewesen.
Am Exilhof der Pfälzer, dem Wassenaer Palast im holländischen Haag, wohin ihre Eltern nach dem böhmischen Desaster geflohen waren, wurde Elisabeth von der Pfalz bestens und dabei vielsprachig ausgebildet – sie soll nicht weniger als sieben Sprachen gesprochen haben und wurde ob ihres hohen Bildungsstandes auch „Signora Antica“ genannt. Ebenso wurden ihre Geschwister am Prinzenhof in Leiden – in dieser Stadt wurde am 15. Juli 1606 Rembrandt geboren – bestens ausgebildet. Ihre Eltern hatten dieses Palais eigens für eine Privatschule ihrer Kinder erworben. Der Winterkönig Friedrich V. und seine Ehefrau Elisabeth Stuart hatten dreizehn Kinder bekommen, die das Erwachsenenalter erreichten. Drei waren noch in Heidelberg geboren worden, darunter die spätere Herforder Äbtissin, eines in Prag, eines in Küstrin und die anderen im Haager Exil.
Im Haag hatte Elisabeth von der Pfalz auch Anna Maria von Schürmann kennen gelernt, eine ebenfalls wissenschaftlich-künstlerisch bestens ausgebildete Holländerin, die allerdings 1607 in Köln geboren worden war, weil ihre evangelische Familie vor dem katholischen Herzog Alba aus den Niederlanden hatte fliehen müssen. Die beiden Frauen wurden enge Freundinnen und hielten Kontakt bis in Elisabeths Herforder Zeit hinein. Elisabeth von der Pfalz wurde unter anderem von dem bei den Jesuiten ausgebildeten Philosophen René Descartes unterrichtet, erst persönlich im Wassenaer Hof, dann brieflich, bis dieser 1650 starb.
Elisabeth von der Pfalz hatte schwere Schicksalsschläge zu ertragen, bevor sie ins Stift Herford kam. Am 29. November 1632 starb ihr Vater in Mainz. Ihr Bruder Heinrich Friedrich – als ältester, noch in Heidelberg am 11. Januar 1614 geborener Sohn der Kurprinz und Thronfolger – war im Januar 1629 im Alter von fünfzehn Jahren bei einem Schiffsunglück auf der Zuidersee ertrunken. Ihr Onkel, König Karl I. von England, der Bruder ihrer Mutter, wurde am 30. Januar 1649 in London geköpft, weil seine absolutistische Politik einen Bürgerkrieg ausgelöst hatte.
König Karl I. war vielen zu papistisch erschienen, und zudem war er mit einer katholischen Prinzessin aus Frankreich verheiratet, Henriette Marie de Bourbon. Besonders in Schottland machte er sich außerdem dadurch unbeliebt, dass er den dort herrschenden strengen Calvinismus durch eine einheitliche anglikanische Staatskirche ablösen wollte. Die Schotten wehrten sich militärisch, und auch die katholischen Iren standen gegen die protestantischen Engländer auf. Karl I. brauchte also dringend die Unterstützung seines Parlaments. Dieses aber knüpfte seine Zustimmung an Forderungen, formuliert in einer „Petition of Rights“ von 1628. Karl I. verstand sich jedoch, ganz im Sinne des Absolutismus, als König von Gottes Gnaden, während das Parlament das Recht beanspruchte, selbst über die Einsetzung eines Königs zu entscheiden. Denn in England hatte sich das Parlament schon seit Langem, bis auf die Magna Charta von 1225 zurückreichend, eigene Rechte erkämpft, darunter auch das Beschließen von Steuererhebungen, um sich so immer wieder Einflussmöglichkeiten zu sichern.
Aus Finanznot stimmte Karl I. der Petition zu, beachtete sie aber nicht, löste sogar das Parlament auf. Mehr als zehn Jahre regierte er absolutistisch, seine politischen und religiösen Gegner, vor allem Puritaner, ließ er verfolgen. 1640 musste er das Parlament aber doch wieder einberufen, weil er dringend Geld für militärische Aktionen gegen die Schotten und die Iren brauchte. Hier hatten die Puritaner allerdings mittlerweile starken Einfluss gewonnen.
1642 kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen Anhängern der Krone und Anhängern des Parlaments von sieben Jahren Dauer. Auf der Seite der königstreuen Truppen kämpften als Reitergeneral auch Ruprecht von der Pfalz (1619-1682) und sein Bruder Moritz (1621-1652), zwei der Söhne des Winterkönigs. Unter Führung des Puritaners Oliver Cromwell (1599-1658, er war ein Nachkomme der Schwester Thomas Cromwells (1485-1540), des Chefberaters von König Heinrich VIII.) gewann schließlich die gegnerische Seite, das Parlamentsheer.
König Karl I., zunächst nach Schottland geflohen, von dort aber nach London ausgeliefert, wurde am 30. Januar 1649 öffentlich hingerichtet. England wurde – vorübergehend – eine Republik, die sich „Commonwealth (auf Deutsch Gemeinwesen) of England“ nannte. Das Parlament, für Cromwell „eine widerspenstige Bande“, wurde im April 1653 aufgelöst, die „Narrenpritsche“, ein altes Symbol parlamentarischer Autorität des britischen Unterhauses, entfernt und Oliver Cromwell als „Lordprotektor“ Staatsoberhaupt. Aus dem Königreich der Engländer, Iren und Schotten war eine streng puritanische Militärdiktatur geworden. Die religiösen Gegensätze zwischen Anglikanern, Calvinisten, Puritanern und Katholiken waren damit allerdings keineswegs beigelegt.
