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Ella hat alles: einen liebenden Ehemann, ein schönes Haus, finanzielle Sicherheit. Wenn da nur diese Angst nicht wäre, diese Unfähigkeit das Leben zu genießen und zu gestalten. Alles kostete sie zu viel Kraft. Es sind die Schatten der Vergangenheit, die bis in die Kriegsjahre des letzten Jahrhunderts zurückreichen, die Schatten ihrer Mutter, die in ihr wirken, ohne dass sie es benennen könnte. Ellas Leben und die Geschichte ihrer Mutter Hannah sind in einem unsichtbaren Netz miteinander verwoben, auch wenn sie keinen Kontakt mehr zueinander haben. Ella droht darin unterzugehen, wie ihre Mutter. Erst durch den Prozess der Bewusstwerdung kann sie ihre Freiheit zurückgewinnen und ganz werden. Es braucht den Prozess der Häutung, Klärung und Heilung. Schicht um Schicht gelangt sie zu ihrem Kern und begreift, wer sie wirklich ist, ohne all die Geschichten, von denen sie dachte, es wären die ihren.
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Das Leben gleicht einer Zwiebel.
Um es in seiner Tiefe zu verstehen
braucht es einige Häutungen
um zum Kern zu gelangen.
Jede Erfahrung, die wir machen
Legt einen neuen Ring frei
Bis unser Wesenskern erscheint
Und wir die Ganzheit erkennen
Die Zwiebel gilt als Symbol des ewigen Lebens. Bei den alten Ägyptern wurde sie den Toten mit ins Grab gegeben. Aufgrund ihrer kugeligen Form und ihren vielen Ringen steht die Zwiebel für Ganzheit und Vollkommenheit. Um an den kostbaren, heilenden Saft der Zwiebel zu gelangen, muss man sie schälen und schneiden. Nur durch das Schneiden können sich die äußeren und inneren Schalen verbinden und ihre heilenden Säfte entwickeln.
So ist die Zwiebel eine Metapher für Wachstum, Entfaltung und Entwicklung. Um unsere eigene Persönlichkeit in ihrer Ganzheit zu verstehen, braucht es den Prozess der Häutung, Klärung und Heilung.
Schicht um Schicht gelangen wir zu unserem Kern und begreifen, wer wir wirklich sind, ohne all die Geschichten, von denen wir dachten, es wären unsere. Es braucht unsere ganze Kraft und unseren Mut diese Transformation zu durchlaufen. Am Ende erkennen wir wie all die Schichten entstanden sind und können sie neu zuordnen, um sie zu einem Ganzem zu integrieren.
PROLOG
DIE ERSTE SCHICHT
THE FIRST CUT IS THE DEEPEST
DAS EIS BRICHT EIN
DIE HÄUTUNG
SPURENSUCHE
VERTRAUE DEINEM KÖRPER
DIE HEILUNG BEGINNT
ERNÜCHTERUNG
IM KOKON WARTET EIN SCHMETTERLING
SCHICHT UM SCHICHT
DIE HEIMKEHR
DAS KARTENHAUS STÜRZT EIN
ZWIEBELMÄDCHEN
DER KREIS SCHLIESST SICH
EIN WIEDERSEHEN UND EIN ABSCHIED
HERMANN
VERGEBUNG
EPILOG
DANKSAGUNG
Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen auf das Eis. Die Eisfläche des Sees war mit einer dünnen, zuckrigen Schneeschicht überzogen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Dann hörte sie es. Das Knacken des Eises. Plötzlich war das Eis von kleinen Rissen durchzogen und sie wusste, es gab kein Zurück.
Ein Tuch, gewebt aus sanftem Septemberlicht, umhüllte das Haus am Schweizer Platz in Frankfurt und die Strahlen der schon tief stehenden Sonne erfüllten die Räume mit einem goldenen Farbton. Die Terrassentüren standen offen und ein zärtlicher Wind spielte mit den gelben Gardinen. Weiße Lilien, verteilt auf kleinen Tischen und geschmackvollen Anrichten, verströmten ihren süßen, aufdringlichen Duft, und wolkenartige Gebilde aus Staub tanzten nach einer geheimen Melodie, bis sie zu Boden schwebten. Ella schaute ihnen gedankenverloren zu und in ihrem Herzen begann sich etwas zu regen. Sie sah auf die Stelle, an der damals ihr Klavier gestanden hatte. Ein großzügiges Geschenk von Onkel Oskar und Tante Gerda. Erinnerungen zogen wie Duftschwaden an ihrem limbischen System vorbei und Ella atmete den Duft ihrer Jugend ein. Sie dachte an die glücklichen Momente, die sie in diesem Raum verbracht hatte. Die Liederabende, bei denen sie ihre Tante am Klavier begleitet hatte, die gemütlichen Nachmittagsstunden mit Oskar, die sie mit Kaffee und Kuchen füllten und dabei über Bücher sprachen. Oder die Vormittage am Sonntag, wenn sie zusammen Opern hörten und Oskar ihr die Handlungen erklärte, so dass sie die Figuren und Kostüme klar vor sich sah und in die Rolle hineinglitt. Während sie in diesen Bildern verweilte, stiegen an ihren Rändern dunkle Erinnerungen auf. Sie gab sich einen Ruck und streckte ihren Rücken durch. Nein. An diese schwarzen Wolken aus ihrer Kindheit wollte sie sich nicht mehr erinnern. Diese Phase ihres Lebens war nun vorbei. Sie schaute ihren Kindern Magdalena und Lilly zu, die mit ihrem Vater Toni Fangen spielten.
Ella warf ihnen eine Kusshand zu. Die da draußen waren jetzt ihr Leben und es war endlich gut geworden. Ihr Mann Toni, ein aufmerksamer Ehemann und ein fürsorglicher Familienvater, warf sich gerade theatralisch zu Boden. Magdalena und Lilly kugelten sich vor Lachen und hüpften schreiend um ihren Vater herum. Ella schmunzelte und kleine Glücksblasen stiegen aus ihrem Bauch nach oben und flossen wie kleine bunte Liebesperlen in ihr Herz. Sie hatte Toni während ihres Studiums am Konservatorium in Wuppertal kennengelernt. Damals suchte sie nach einer Anstellung als Kellnerin, um das Studium finanzieren zu können. Von ihrer Mutter und ihrem Exmann wollte sie keine Unterstützung annehmen. Dieses Kapitel hatte sie abgeschlossen. Da kam das Stellenangebot der kleinen Trattoria von Tonis Eltern gerade recht.
Toni war ein liebenswerter Mann und brachte sie oft zum Lachen. Toni war ihr kleiner Gigolo, wie sie ihn zärtlich nannte. Er war nicht so groß, doch sein Körper, durch die Arbeit gestählt, machte es wieder wett. Für einen Südländer war er nicht gekränkt, wenn sie ihn so nannte. Im Gegenteil, er liebte es und nannte sie seine Nonna Tedesco, weil sie älter war als er. Er besaß den Humor und Charme eines Italieners. Seine unbeschwerte Art half ihr das Leben wieder zu genießen. Doch dieses Glück war ihr nicht in den Schoss gelegt worden. Ein langer, schmerzhafter Weg lag hinter ihr, auf dem sie sich ins Leben zurück gekämpft hatte. Sie wusste nun, das Glück war nicht im Außen zu finden, sondern nur in ihrem Inneren. Toni sollte nicht zu ihrem einzigen Lebensinhalt werden. Ihre erste Ehe war genau daran gescheitert. Sie hatte nach einer Sicherheit gesucht, die sie in sich selbst nicht hatte finden können. Ella musste an die harten Jahre ihrer ersten Ehe denken. Wie sehr hatte sie unter Ängsten und Depressionen gelitten, bis sie ihre Dämonen an den Hörnern gepackt hatte und ihnen ihre Macht genommen hatte.
Leise schloss Ella die Terrassentür. Das Leben draußen nahm seinen Lauf, während es sich hier drinnen verabschiedete. Ellas Mutter Hannah lag im Sterben.
Ella betrat das Zimmer ihrer Mutter. Hannah lag mit offenen Augen im Bett und winkte sie zu sich heran. Ella legte sich neben sie auf ihr Bett und hielt ihre Hand. Mutters durchscheinende Haut wirkte wie Pergament und ihre Hand wog so leicht wie ein Vogel. Ihre braunen Augen hatten immer noch diesen seidenen Glanz. Tränen stiegen in Ellas Augen und sie spürte dabei noch einmal die Sehnsucht nach ihrer Mutter, wie sie sie damals als kleines Mädchen empfunden hatte. Doch der Schmerz in ihr hatte abgenommen. Erst wurde er zu einer Kruste, die mehrmals drohte aufzuplatzen. Nur durch ihre liebevolle Pflege, die sie sich selbst gab, konnte die Wunde heilen. Hannah bewegte sich und versuchte sich aufzurichten. Ella schob ihr ein Kissen in den Rücken. Hannah sprach mit einer schwachen Stimme. Das Sprechen fiel ihr schwer. „Ella, ich habe dich in mir getragen. Doch als Mutter habe ich versagt. Es tut mir so leid. Du hast mich am Ende meines Lebens getragen und mir etwas geschenkt, wonach ich mich immer gesehnt habe in meinem Leben. Heimat finden. Du und deine Kinder haben mir Heimat gegeben. Ein Kreis hat sich geschlossen. Ich bin dir so dankbar.“ Hannah konnte nicht mehr weitersprechen. Das Reden hatte sie vermutlich sehr angestrengt. Ella drückte sanft die Hand ihrer Mutter und Tränen rollten über ihr Gesicht. Sie flüsterte: „Heimat. Finden wir die nicht nur in uns?“
Ella sah, wie ihre Mutter die Augen schloss. Das Gesicht ihrer Mutter wirkte friedvoll. Ella dachte, vielleicht lässt der Tod eine zarte Gazedecke über all die Narben unseres Lebens fallen.
Draußen regnete es in Strömen. Hannah betrat die Wohnung ihrer Schwester Gerda in Frankfurt. Sie nahm ihr Kopftuch ab und schüttelte ihr braunes Haar aus. Ihr Mantel war schwer vom Regen und hatte diesen typischen Geruch von nasser Wolle.
„Hannah, wie kommst du hierher, du bist ja völlig durchnässt. Komm ins Wohnzimmer. Oskar ist noch in der Oper. Ich mache dir erst mal einen Tee“. Gerda ging in die Küche und Hannah setzte sich auf die Couch. Sie legte einen Umschlag auf den Couchtisch. Gerda kam mit einem Tablett mit Tee und Keksen ins Zimmer. „Mensch Langbein, was ist los?“ Hannah schmunzelte. So nannte ihre Schwester sie seit Kindertagen. Vermutlich wollte sie sie necken. Gerda selbst hatte etwas kräftigere Beine. Doch das spielte gerade keine Rolle.
Hannah nahm den Umschlag vom Tisch, öffnete ihn und zog ein Schreiben heraus, dass sie ihrer Schwester reichte, „dieser Brief kam heute morgen und dann bin ich sofort in den Zug nach Frankfurt gestiegen“. Gerda las den Brief aufmerksam durch. Darin wurde Hannah nach Berlin gebeten, um die Personalien eines gewissen Herrn Hermann Gaußmann, der sich bei der Vermisstenstelle beim Roten Kreuz gemeldet hatte, zu bestätigen. Gerda ließ das Schriftstück fallen. Hermann war Hannahs Mann, der 1944 in französische Gefangenschaft geraten war und von dem sie seitdem kein Lebenszeichen mehr erhalten hatte. Die beiden Schwestern schwiegen.
Hannah erinnerte sich an den Abend, als sie Hermann kennenlernte. Sie wollte mit ihrer Schwester zu einer Tanzveranstaltung. Für diesen Tanzabend hatten sie sich zwei Kleider aus einem Gardinenstoff genäht, die Haare zu Wasserwellen modelliert und sich mit einem Stift schwarze Linien auf die Beine gemalt. Nylonstrümpfe gab es in den Kriegszeiten nicht und auf dem Schwarzmarkt waren sie zu teuer.
Der Tanz fand in einem Gasthof in einem Nachbardorf statt und sie mussten den ganzen Weg über die unebenen Feldwege mit ihren hohen Schuhen bewältigen. Doch als sie eintrafen, hörten sie schon die beschwingte Musik aus dem Saal und ihre Pein war schnell vergessen. In dem Festsaal fiel Hannah ein junger Mann mit einer guten Figur auf, der äußerst sicher sein Tablett mit Biergläsern durch die Tanzenden jonglierte. Hannah fand ihn sehr attraktiv und beobachtete ihn heimlich. Einmal kreuzten sich ihre Blicke und eine heiße Welle brandete durch ihren Körper. Hannah schaute zu ihrer Schwester hinüber und erschrak. Ihrem Blick nach zu urteilen hatte Gerda sie durchschaut und sie fühlte, wie sie rot anlief. Bei der nächsten Runde, die Hermann an ihnen vorbei schaukelte, gab Gerda Hannah einen kleinen Schubs und sprach ihn augenzwinkernd an: „Meine Schwester Hannah möchte auch ein Bier.“ In diesem Moment wünschte sich Hannah, sie möge im Boden verschwinden und hasste ihre Schwester abgrundtief. Doch das Lächeln dieses Mannes, in dem sie einfach versank, lies keine Scham mehr zu und Hannah lächelte nur zurück. Der Damm war gebrochen und niemand konnte sich gegen die Flut stellen. Von nun an konnte Hermann seine Augen nicht mehr von Hannah lassen. Nach seinem Feierabend nahm er all seinen Mut zusammen und forderte Hannah zum Tanz auf. Ab diesem Moment ließen sie keinen Tanz aus. Hannah erfuhr von Hermann, dass sein Vater den Biergasthof betrieb und er ihm dabei half. Zu später Stunde holte Hermann seine Geige und spielte sich die „Seele aus dem Leib“. Hermanns Großvater hatte ihm das Spielen beigebracht. Hannah war begeistert von Hermanns Spiel, was man mal wild und mal melancholisch nennen konnte. Dies war der Moment, in dem sie sich in diesen Mann verliebte.
Dann kam die Sperrstunde und die beiden Schwestern hatten die Zeit aus den Augen verloren. Hermann bot sich an, sie mit dem Bierlaster nach Hause zu bringen. So hockten sie zu dritt auf der kleinen Fahrerbank. Gerda hatte ihrer Schwester den Platz neben Hermann abgetreten. Hannah und Hermann saßen Schulter an Schulter und immer, wenn Hermann schaltete, berührten sich unweigerlich ihre Knie, was Hannah als sinnliche Komplizenschaft wertete. Der Laster rumpelte über die Dorfstraßen und Hannah hätte immer so weiterfahren können.
Hannah legte ihre Hände auf die Schultern ihrer Schwester und schüttelte diese, als wollte sie Gerda wachrütteln.
„Gerda, verstehst du was das bedeutet? Vielleicht hat Hermann überlebt? Ich kann nicht klar denken. Das Einzige, was ich weiß, ist: Ich muss nach Berlin und selbst sehen, ob es Hermann ist.“ Hannah griff nach der Teetasse, doch ihre Hände zitterten so stark, dass der Tee auf den Tisch schwappte. Hannah schluchzte auf und Gerda nahm sie in die Arme.
In den Armen ihrer Schwester konnte Hannah endlich ihre Anspannung loslassen und die Erinnerung an die schreckliche Zeit des Wartens von damals zulassen. Sie musste daran denken, als sie mit Hermann an den Gleisen stand. Hermann war zur Westfront abkommandiert worden. Auch das Gesuch von Hermanns Vater, seinen Sohn im kriegstauglichen Betrieb zu benötigen, konnte nichts an dem Einberufungsbefehl ändern. Hitler brauchte jeden Soldaten für seinen Widerstand auf dem Corentin! Züge fuhren in den Frankfurter Bahnhof ein und wieder raus. Frankfurt war ein sogenannter Sackbahnhof. Eine Lokomotive fauchte ihren Rauch unerbittlich aus wie ein schrecklicher Drache und erinnerte an den Aufbruch. Die Gleise wurden mit weißgrauen Wolken bedeckt und hüllten sie und Hermann ein. So gern würde sie darin mit Hermann verschwinden und die unwirkliche Szenerie verlassen. Sie klammerte sich an Hermann und sah die Angst in seinen Augen. Sie wusste, dass er kein Feigling war, aber der Krieg war ihm zuwider. Das hatte er ihr oft gesagt. Nach der Einberufung wollte sich Hermann von der Kellertreppe stürzen. Doch der Großvater riet davon ab. Er hatte Deserteure auf dem Marktplatz gesehen, die man dort zur Abschreckung aufgehängt hatte. Sie hatten verzweifelt nach einem Ausweg gesucht. Nun standen sie hier in dem alptraumartigen Trubel und Hannah fand keine Worte für ihr schweres Herz. Sie hielt Hermanns Hand und sah ihre Tränen, die darauf fielen. Um sie herum schwirrten Stimmen, mal laut mal ängstlich, Menschen weinten und riefen Namen. Soldaten, die laut grölend ihre Angst durch Kampflieder zu beschwichtigen versuchten, marschierten an ihnen vorbei und ihre Parolen trafen Hannah wie Pfeile ins Herz. Die Zeiger der Bahnhofsuhr rückten vor und gaben keine Minute mehr frei, um dem Unaussprechlichen eine Chance zu geben. So hielten sie sich verzweifelt aneinander fest, bis die Trillerpfeife des Schaffners sie in die Wirklichkeit katapultierte. Hermann löste sich aus der Umarmung und sprang in den Zug. Durch die Scheibe des Waggons warf sie ihm eine Kusshand zu. Ein leises Ziehen in ihrem Bauch zog hoch bis zu ihrem Herz und ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest. Während der Zug den Bahnhof verlies, fragte sie sich, ob Hermann je zurückkehren würde, um sein Kind auf den Armen halten zu können.
SIRENENALARM. Gerda sprang vom Tisch auf und griff nach ihrer Tasche. Hannah und sie hatten zu Abend gegessen. Hannah versuchte es ebenfalls, doch mit ihrem Schwangerschaftsbauch gelang es nur langsam. Als sie sich aufrichten wollte, wurde sie von einem gewaltigen Schmerz in die Knie gezwungen. Ein warmer Strahl lief an ihren Beinen herunter. „Gerda, mein Gott, ich glaube das Baby kommt.“ Gerda ließ ihre Tasche fallen und eilte zu ihrer Schwester. Gerda wog die Situation in ihrem Gedanken ab. In den Bunker würden sie es nicht mehr schaffen. Die Chance auf einen Arzt oder eine Hebamme war ausweglos. Es gab keine Alternative. Sie mussten die Geburt jetzt durchstehen und hoffentlich den Angriff überleben. Hannah atmete schwer und die Wehen ergriffen ihren Körper wie ein gewaltiger Sturm, den nichts aufhalten konnte und der im nächsten Moment wieder abflaute. Hannah packte Gerdas Hand. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn und ihre Augen wanderten unruhig hin und her. Während der nächsten Wehen, die nun schneller hintereinander an den äußersten Schmerzpegel brandeten, schlug eine Granate in das Nachbarhaus ein. Hannah schrie vor lauter Panik wie ein wildes Tier. Dadurch verkrampfte sie sich um so mehr. Sie begann schneller zu atmen, die weißen Augäpfel traten hervor und dann wurde sie ohnmächtig.
Schemenhaft nahm Hannah die weißen Vorhänge um ihr Bett herum wahr. Langsam drang ein dumpfer Wundschmerz von ihrem Unterleib ausgehend in ihr Bewusstsein. Sie ertastete ihren Bauch unter der dünnen Bettdecke. Ein dicker Verband war dort, wo einmal ihr Kind in ihr war. Es fühlte sich wie ein Luftballon an, aus dem die Luft entwichen war. Was war mit ihrem Kind? Hannah versuchte sich aufzurichten, doch sofort fraß sich ein stechender Schmerz in ihre Eingeweide und sie ließ sich wieder zurück in ihr Bett gleiten. Verzweiflung und schreckliche Einsamkeit setzten sich auf ihre Bettdecke und nahmen ihr die Luft zum Atmen. Was war geschehen und wo war Gerda und ihr Kind? Warum waren sie nicht hier bei ihr? Hatten sie nicht überlebt? Sie konnte sich nur an den Einschlag der Granate unweit von ihrer gemeinsamen Mansarde erinnern. Danach war alles dunkel geworden.
Die Vorhänge um ihr Bett wurden zur Seite geschoben und ein junges Gesicht, umrahmt von einer weißen Haube, erschien zwischen den Stoffbahnen. Die Schwester trat an Hannahs Bett heran. „Hannah, wie geht es ihnen? Ich habe ihnen jemanden mitgebracht.“ Die Schwester strahlte und legte Hannah ein kleines Bündel in den Arm. „Sie haben eine Tochter geboren. Herzlichen Glückwunsch.“ Hannah nahm vorsichtig die Decke zur Seite, um das Gesicht ihres Kindes zu sehen. Sie hielt ihr Kind in ihrem Arm und fühlte sich erhaben über all den Schmerz. All das Leid um sie herum versank in einem zarten Gazetuch, sanft aus Mutterliebe gewoben. Sie legte zärtlich ihre Hand um das Köpfchen und fühlte sich mit allen Müttern der Erde verbunden, die alles dafür tun würden, um ihr Kind zu beschützen. „Ich werde immer für dich da sein!“ Dieser Satz floss aus ihr heraus und es kam ihr wie ein heiliges Versprechen vor. Ella war geboren.
In der kleinen Mansarde über den zerbombten Dächern von Frankfurt, brannte eine Kerze auf dem Tisch. Hannah und Gerda wärmten ihre Hände an den dampfenden Teetassen. Gerda hatte diese kleine Wohnung gefunden, als sie ihr Gesangsstudium in Frankfurt begonnen hatte. Später war ihr Hannah gefolgt, die nicht allein bei den Eltern bleiben wollte. Ella lag in dem einzigen Bett des Raumes, das sie sich teilen mussten. Die Nächte waren kalt und wenn Hannah aufstehen musste, um Ella eine Flasche zu machen, kuschelte sich Gerda an ihre Nichte, um sie zu wärmen. Hannah nahm Gerdas Hand und hielt sie lange. „Gerda, ohne dich wären Ella und ich gestorben. Ich verdanke dir so viel.“ Gerda sah Hannah liebevoll an. „Rehlein, ja, ich habe dich auf die Straße geschleppt. Zum Glück konnte dich ein Krankenwagen aufnehmen. Im Hospital mussten sie einen Kaiserschnitt durchführen. Dass du es überlebt hast, war deine Kraft und der Wille für dein Kind überleben zu wollen. So sehe ich das.“ Wie auf ein Zeichen weinte Ella und Hannah eilte zu ihr, um sie zu beruhigen. Ella schlief wieder ein und Hannah kehrte zum Tisch zurück. „Gerda, ich habe solche Angst um Ella. Wie lange wird der Krieg noch dauern? Die Versorgungslage wird immer schlechter. Was wird aus uns nach dem Krieg? Ich vermisse Hermann so sehr und manchmal weiß ich nicht, wie ich ohne ihn weitermachen soll.“
Am 26. März 1945 überquerten die Amerikaner die Frankfurter Stadtgrenze. Gerda und Hannah hatten sich in den letzten Kriegstagen im Keller versteckt. Überall waren Gefechtsfeuer zu hören. Sie fühlten sich von all den Bombenangriffen ausgehöhlt und übernächtigt. Zu Essen hatten sie kaum mehr etwas. Hannah wollte nur noch schlafen. Doch Ella war hungrig und sie selbst hatte kaum noch Milch bei der schlechten Ernährung. Gerda versuchte, Milch von den Bauern aufzutreiben. Doch die Milch war zu fett für das Kind, es bekam Koliken und schrie stundenlang. Hannah hatte keine Kraft mehr. Gerda versuchte aus dem wenigen, das sie mit den Lebensmittelmarken ergattern konnte, etwas Nahrhaftes auf den Tisch zu bringen. Es reichte trotz allem nicht und die Schwestern waren gezwungen, ihren Familienschmuck zu verkaufen, um das Lebensnötige auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. So schmolzen ihre finanziellen Möglichkeiten, wie auch ihre Zuversicht dahin. Hannah glaubte nicht mehr daran, Hermann lebend wiederzusehen und damit verblasste auch das Bild in ihr, wie sie Hermann seine kleine Tochter in die Arme legen würde. Für diese Hoffnung hatte sie jeden Tag mit seinen Mühen überstanden. Doch von Hermann kamen keine Nachrichten. Wenn sie Ella anschaute, spürte sie, wie die Tränen in ihr aufstiegen. Dieses Kind würde ohne Vater aufwachsen müssen und ohne die wohlige Geborgenheit einer Familie. Konnte sie die Kraft aufbringen, Ella eine starke und fröhliche Mutter zu sein? Zurzeit nahm es all ihre Kraft in Anspruch, ihr Kind zu versorgen. Weiter konnte sie nicht denken.
Dann war es so weit. Die Amerikaner erreichten ihr Haus. Es waren nur noch Frauen im Haus. Sie saßen schutzlos zusammengekauert und zitternd vor Angst in ihrem Verließ. Sie hörten, wie oben eine Tür eingetreten wurde. Dann kamen sie runter. Hannah stand mit Ella auf dem Arm auf. Einer Mutter mit einem Baby würden sie doch nichts antun, dachte sie mit klopfendem Herzen. Die Tür ging auf und Hannah stand ihrem ersten amerikanischen Soldaten gegenüber. Er streichelte Ella über die Wange und gab Hannah eine Dose mit Schokolade. „War is over“, und Hannah liefen die Tränen über das Gesicht.
Mit den Besatzern verbesserte sich die Situation der beiden Schwestern. Gerda bekam eine Stelle in der Küche der „Amis“. Alle Arbeiterinnen bekamen oft etwas von den Soldaten zugesteckt. Zum Beispiel wurde das Fett von den Fleischrationen für die Soldaten abgeschnitten, da sie es nicht mochten. Die fetten Stücke durften die Frauen mit nach Hause nehmen. Dort entstanden dann die herrlichsten Suppen daraus. Eine Kartoffel und eine Mohrrübe im Fleischsud gekocht, das war eine wunderbare Abwechslung in diesen kargen Zeiten. Auch gab es manchmal Schokolade für Ella. Einmal brachten ihr die Männer Nylonstrümpfe mit. Gerda und Hannah jubelten daheim.
Gerda knuffte ihrer Schwester liebevoll in die Seite. Hannah legte ihr Strickzeug murrend weg. Ella schlief friedlich in ihrem Bettchen und Hannah genoss die wenigen Minuten des Tages, die sie nicht mit Kochen, Putzen und Windeln waschen verbrachte. Müde schaute sie zu ihrer Schwester hinüber. „Hannah, weißt du, was ich heute gehört habe? In Langen haben sie einen Tanzkeller aufgemacht. Dort treffen sich amerikanische Soldaten mit deutschen Frauen zum Tanzen.“ Hannah winkte ab. „Das ist verboten. Offiziell dürfen sich amerikanische Soldaten nicht mit den Deutschen abgeben.“ Gerda lachte laut und es sprudelte aus ihr heraus. „Hannah, ich habe eine Idee. Unser Onkel hat doch diesen Keller in Dreieichenheim. Den bauen wir zum Tanzkeller um. Du lädst unsere Freundinnen ein und ich die Arbeiterinnen aus der Küche. Das spricht sich schnell rum und die Amis werden nicht lange auf sich warten lassen, wenn es darum geht, sich zu amüsieren.“ Hannah konnte der Idee wenig abgewinnen. „Was haben wir davon Gerda? Es ist gefährlich und ich sehe den Sinn nicht darin.“ Gerda umarmte ihre Schwester. „Mensch, Langbein, meinst du es wäre nicht an der Zeit, dass du mal wieder deine schönen Beine zeigst? Wir können mal wieder Spaß haben, ein bisschen das Leben genießen und dabei auch etwas Geld verdienen. Die Soldaten müssen dafür etwas geben. Zigaretten oder Lebensmittel. Die wiederum können wir verkaufen oder tauschen. Die Amerikaner haben ihren Spaß und wir unser Auskommen. Das ist doch gerecht. Hey, wie findest du das?“
Nachdem Gerda Hannah überzeugen konnte, dass der Keller nicht auffallen würde, und sie sehr vorsichtig mit der Planung sein würden, gab sie ihr Einverständnis. Sie entrümpelten den Keller, stellten ein paar Tische und Stühle hinein und ließen in der Mitte einen großen Platz als Tanzfläche frei. Gerda fand schnell begeisterte Besucher für ihren Tanzkeller. Die Soldaten kümmerten sich um Musik und Getränke. Hannah lud Freundinnen ein, und die jungen Frauen waren begeistert über eine Abwechslung, für die auch es noch etwas zu essen gab.
Die Abende waren ein Erfolg. Die Soldaten und die Frauen waren zufrieden. Hannah und Gerda hatten ihr Auskommen dadurch und niemand bekam von den Tanzveranstaltungen im Keller etwas mit. Einige Romanzen gingen aus diesen Treffen hervor. Offiziell waren diese Verbindungen verpönt, doch die jungen Amis sahen gut aus und es ging einem nicht schlecht als Amiliebchen. Später, im Oktober 1945, wurden diese Fraternisierungsverbote aufgehoben. Gerda und Hannah fanden ein altes Ausflugslokal, das sie mehrmals in der Woche anmieten konnten. Hier organisierten sie ihre Varietéabende. Gerda sang und Hannah tanzte. Die Choreografie der Tänze entwickelte sie selbst. Vor dem Krieg hatte sie einige Ballettstunden erhalten und ihre Lehrerin hielt sie für talentiert. Sie wurde für ein Stipendium für die Frankfurter Oper vorgeschlagen. Doch dann vereitelte der Krieg diese Pläne.
Durch die kleinen „Kulturabende“ der Schwestern, fand auch Hannah ein wenig Aufmunterung von ihrer Niedergeschlagenheit.
Für eine neue Euphorie in ihrem Leben sorgte eine Karte vom Roten Kreuz. Die Karte gab Auskunft über die Gefangennahme Hermanns in der Normandie, seinem Gesundheitszustand und einer Adresse. Hannah schrieb sofort an Hermann. Die Tage verflogen nun mit einer vorsichtigen Leichtigkeit und einer sinnlichen Geschmeidigkeit, die aus der Hoffnung der Wiederkehr des Mannes erwuchs, der Hannah einen Grund zum Leben gab. Die Morgenröte versprach wieder ein Leben in Schönheit und jeder Sonnenuntergang die Prophezeiung eines gemeinsamen Lebens. Hannah klammerte sich daran wie ein Süchtiger an seine Drogen. Sie erfreute sich an ihrem Kind und erwachte aus dem lethargischen Wachzustand, der nicht mehr zuließ, als das Versorgen des Kindes.
Doch dies lag nun hinter ihr. Hermann würde zurückkommen und es gab viel zu tun. In der kleinen Mansarde konnten sie nicht zu dritt bleiben. Also zog Hannah zu ihren Eltern nach Langen. Im Haus der Eltern standen zwei Zimmer frei, und eine Milchküche im Hof konnte sie als Küche nutzen. Das musste erst mal reichen für die kleine Familie.
Hannah war zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Wohnungseinrichtung. Ihr Vater, Friedel, hatte das alte Ehebett ihrer Großeltern aus dem Keller geholt und einmal neu poliert, sah es ganz passabel aus. Eine Kommode, die Hannahs Mutter Dorothea selbst als Wickelkommode für sie benutzt hatte, diente nun als Schrank. Für einen richtigen Schrank fehlte das Geld. Dorothea verdiente mit ihrem Textilhandel mit den Bauern nicht viel. Meistens tauschte sie die Arbeitsbekleidung gegen Milch, Fleisch und Eier ein. So hatten sie mit ihrem eigenen Gemüsegarten ein Auskommen, das ausreichte, um auch Hannahs Familie zu ernähren. Dies beruhigte Hannah sehr. Sie würden zu essen haben und ein Dach über dem Kopf, und wenn Hermann erst einmal wieder zu Hause wäre, würde er gewiss bei seinem Vater Arbeit finden können. Jetzt musste sie die Zeit des Wartens überstehen. Ihre Mutter hatte ihr aus ihren Beständen ein paar Gardinen aus Wachstuch gespendet. Das Wohnzimmer wirkte noch spartanisch, bestehend aus zwei Sesseln und einem kleinen Tisch. Nur eine Stehlampe mit einem verbogenen Schirm konnte etwas Gemütlichkeit ausstrahlen. In die Küche gelangte man über eine steile Stiege nach unten. Eine Kochmaschine sorgte für Wärme, die auch in die oberen Räume stieg.
Hannah schaute aus dem Fenster in den Hof, der von einer prächtigen Kastanie beherrscht wurde. Im Sommer bot das dichte Blattwerk herrlichen Schatten, und manch kühner Mädchentraum war aus der Krone herabgesunken auf die hitzigen Köpfe von Hannah und Gerda, die unter der Kastanie ruhten. Hannah versank in schwärmender Erinnerung. Hinter der Kastanie grenzte eine Mauer das Grundstück ab. Jeden Abend wartete Hannah dort auf Hermann, der erst seine Arbeit in der Gaststube beenden musste. Hannah hörte ihn schon, wenn er sein Fahrrad hinter der Mauer abstellte. Dann schlich er zur Kastanie und stieß einen leisen Pfiff aus, den Hannah aber schon nicht mehr hörte, da sie bereits nach unten eilte. Zusammen schlichen sie sich durch die junge Nacht. Spazierten durch die ruhigen Gassen hinaus auf die Felder. Immer wieder hielten sie an, um sich zu küssen und dann liebestrunken ihren Weg fortzusetzen. Sie versicherten sich ständig ihre Liebe und träumten von ihrer Zukunft.
Diese Zukunft endete mit dem Einberufungsbefehl. Hannah schob die Bilder einer glücklichen Vergangenheit beiseite. Hermann lebte und er befand sich in alliierter Gefangenschaft. Sie hatte von Frauen gehört, deren Männer in russische Gefangenschaft geraten waren und die sehr schlecht behandelt worden waren. Hannah sah Hermann vor sich, bevor er in den Krieg musste. Dieser schlaksige, verspielte Mann mit seinen liebevollen Augen, die immer strahlten, seinem zerzausten blonden Haarschopf mit Lausbudenschnitt, seinem verschmitzten Lächeln und seiner zauberhaften Art, ihr zuzuhören, die ihr das Gefühl gab, das Wichtigste in seinem Leben zu sein. Der Mann, der so viele Träume hatte, und sie mit
