Ellys Töchter - Angelika Burkhardt - E-Book

Ellys Töchter E-Book

Angelika Burkhardt

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Beschreibung

Bei einem tragischen Verkehrsunfall kommen Elly Klingers Ehemann und eine ihrer beiden Töchter ums Leben. Sie bleibt mit der zwölfjährigen Annemarie allein zurück im großen Haus am Herforder Stiftberg. Während Elly es schafft, ihr Schicksal anzunehmen, entwickelt sich Annemarie zu einer depressiven Persönlichkeit. Sie fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schwester, mit der sie eine innige Beziehung verband. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag überschlagen sich plötzlich die Ereignisse: Ihr Ehemann trifft während einer Dienstreise auf einen Klon seiner Frau und verliebt sich unsterblich, Annemarie findet einen Weg, die so lange verdrängte Erinnerung an die Schwester zuzulassen, sie hat gar das irrationale Gefühl, die Schwester nähere sich ihr an - und vor Ellys Haustür steht eine Person, bei deren Anblick sie ohnmächtig zu Boden sinkt. Die Schicksale aller im Roman auftretenden Protagonisten sind durch den Verkehrsunfall, der sich in den 1970er Jahren ereignete, miteinander verwoben. Die Romanhandlung steuert auf ein Dilemma zu, für das es keine Lösung zu geben scheint...

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ist es Ein lebendig Wesen, Das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei die sich erlesen, Dass man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern, Fand ich wohl den rechten Sinn, Fühlst du nicht an meinen Liedern, Dass ich Eins und doppelt bin?

Aus „Ginkgo biloba“, J.W. v. Goethe, 1815

Inhaltsverzeichnis

Intro

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Extro

Nachwort

Intro

Herforder Tageblatt

Sonnabend, 27. Mai 1972

Gestern Nachmittag ereignete sich gegen 16 Uhr auf der A2 ein schwerer Verkehrsunfall. Kurz hinter der Ausfahrt Exter in Fahrtrichtung Dortmund kam es im dichten Verkehr zur Explosion eines Tanklastwagens aus Osteuropa. Der LKW sowie mehrere PKW brannten vollständig aus. Mindestens 10 Menschen kamen dabei ums Leben. Weitere 19 Personen wurden nach Herford und Bad Oeynhausen in die Krankenhäuser gebracht. Es handelt sich um einen der schwersten Verkehrsunfälle in der Region.

Bei Redaktionsschluss war noch nicht bekannt, ob die Explosion in Zusammenhang mit dem gestrigen Terroranschlag der RAF steht.

Auf der A2 entstanden Staus in beide Fahrtrichtungen von mehr als 20 km Länge. Der Verkehr wurde am Abend über die umliegenden Straßen und Feldwege abgeleitet. Der Streckenabschnitt bleibt bis auf Weiteres voll gesperrt.

Herforder Tageblatt

Montag, 29. Mai 1972

Die Ermittlungen zu dem verheerenden Unfall, der sich am vergangenen Freitag auf der A2 bei Exter ereignete, dauern an. Wie aus Polizeikreisen verlautete, wird ein Zusammenhang mit den Anschlägen der RAF der vergangenen Wochen immer unwahrscheinlicher.

Spezialisten aus München und Braunschweig sind zurzeit vor Ort, um die Unfallursache aufzuklären. Dabei werden auch Antworten auf die Frage zu suchen sein, mit welchem Ziel und in wessen Auftrag der osteuropäische LKW mit einer hochexplosiven Flüssigkeit auf der bundesdeutschen Autobahn unterwegs war.

Augenzeugen berichten, dass sehr wahrscheinlich ein geplatzter Reifen Auslöser einer Karambolage gewesen sei, in deren Folge der Tanklaster explodierte. Zahlreiche Fahrzeuge wurden durch die entstandene Druckwelle ineinandergeschoben. 31 Fahrzeuge wurden schwer beschädigt, sieben von ihnen brannten vollständig aus.

Die Zahl der Todesopfer hat sich inzwischen auf 14 erhöht, acht Personen, darunter fünf Kinder, schweben weiter in Lebensgefahr. Wie erst heute bekannt wurde, sind unter den Todesopfern auch vier Herforder. Der Generalmusikdirektor der Nordwestdeutschen Philharmonie Albert Klinger, eine Tochter sowie seine Schwiegereltern waren auf der Rückfahrt vom Flughafen Hannover, als ihr VW Käfer Cabriolet von den Flammen erfasst wurde. Ihr Wagen hatte sich zum Zeitpunkt der Explosion vermutlich direkt neben dem Tanklaster befunden. Alle Insassen waren sofort tot.

Die Wiederherstellung des Autobahnabschnitts wird voraussichtlich noch die ganze Woche in Anspruch nehmen. So lange bleibt die Vollsperrung bestehen. Eine Umleitung ist eingerichtet.

1

Elly Klinger und ihre Enkelin Charlotte

Herford, Ostwestfalen, im Mai 2010

Das kleine Auto schnurrte mit hundertfünfzig Sachen über die A2 Richtung Westen. Es war eine gewisse Wut, die Charlottes Fuß fest auf das Gaspedal drückte. Sie blickte angestrengt nach vorn und scherte immer wieder zum Überholen aus. Nur keine Gelegenheit zum Nachdenken aufkommen lassen. Das hatte sie schließlich schon die halbe Nacht getan. Ganz unerwartet hatte ihr Julius gestern Abend eröffnet, dass er nicht mitkäme nach Herford, zu ihrer Großmutter Elly, und auch nicht nach Heidelberg, zur Silberhochzeit ihrer Eltern. Eine Familienfeier sei für ihn momentan nicht erträglich. Und überhaupt habe er das Gefühl, als sei ihm die Beziehung ein bisschen zu eng geworden. Er brauche Freiraum. Er sei jung, wolle Alternativen austesten. Vielleicht sei er ja doch ein Einzelgänger. Wenn sie aus Heidelberg zurückkomme, sei er nicht mehr da, jedenfalls nicht in dieser WG mit ihr, Valentin und Konrad. Er ziehe erstmal ins Studentenwohnheim, wo er die Bude eines Kommilitonen bekommen könne, der für ein paar Monate ins Ausland gehe. Es sei der Zeitpunkt gekommen, an dem er sich überlegen müsse, was er denn eigentlich vom Leben erwarte. Das gehe gar nicht gegen sie, sondern sei nur sein Problem.

Charlotte war aus allen Wolken gefallen. Was war denn falsch gewesen? Julius, Konrad und Valentin wohnten schon in der WG, als sie vor über einem Jahr am Damaschke-Platz in Berlin einzog. Die Vier kamen gut miteinander aus. Zwischen Julius und Charlotte hatte es von Anfang an geknistert und aus ihrer Freundschaft war bald mehr geworden. Sie hatte sich verliebt und die leichten, unkomplizierten Tage und Nächte in Julius‘ Gesellschaft sehr genossen. Er hatte immer den Eindruck vermittelt, dass er genauso fühlte wie sie. Sie gängelte ihn doch nicht, wie kam er plötzlich bloß auf solche Ideen? Dachte er etwa, sie habe bereits Heiratspläne geschmiedet oder gar heimlich an einer Wiege gebastelt? Blöder Kerl! Sie war dreiundzwanzig, studierte im 6. Semester Architektur und träumte davon, als Architektin zu arbeiten. Heiraten? Kinder? Sicher. Irgendwann. Auf jeden Fall später.

Innenspiegel, Außenspiegel, Blinker. Sie kam an dem bepackten Kleintransporter mit polnischem Kennzeichen nicht vorbei. Das Blinkzeichen nützte gar nichts, niemand ließ ihr kleines Auto heraus. Heute, am Mittwoch vor Pfingsten, herrschte auf beiden Spuren dichter Verkehr. Grünhügeliges Land mit eingestreuten Gruppen weißer Windräder lag neben der Autobahn. Zur ehemaligen deutsch-deutschen Grenze ging es leicht bergauf. Das Auto wurde langsamer, und mit den steifen Bewegungen einer Gliederpuppe schaltete Charlotte aus dem vierten einen Gang zurück. Der Motor heulte auf wie ein gequältes Tier. Zu früh geschaltet. Erschrocken trat sie die Kupplung, bis der Wagen so langsam geworden war, dass die Geschwindigkeit für den dritten Gang passte. Sie war unkonzentriert. Auf dem Rücken des Höhenzuges, den sie querte, konnte sie links die Baracken des Grenzübergangs Marienborn erkennen. An dieser Stelle fiel ihr regelmäßig die Ungeheuerlichkeit ein, die ihren Eltern ein paar Monate vor ihrer Geburt hier widerfahren war. Nur für ein Wochenende hatten sie nach Westberlin gewollt, und waren sieben Stunden an der Grenze festgehalten worden. Grundlos. Willkürlich. Blut und Wasser hatten ihre Eltern geschwitzt, wo heute neugierige Besucher durch eine Gedenkstätte schlenderten. Im Moment interessierte sie das alles herzlich wenig.

Julius hatte sie gedrängt, die Reise wie geplant anzutreten. ‚Denk an deine Eltern und an die Enttäuschung deiner Oma, wenn du nicht kommst, denk jetzt nicht an mich‘, hatte er gesagt. Eigentlich hätte sie dableiben wollen, mit ihm reden, um die Zweifel, die ihm gekommen waren, zu zerstreuen. Stattdessen hing sie hier auf der Autobahn. Womöglich ging ihr dadurch das, was sie für die Liebe ihres Lebens hielt, durch die Lappen. Andererseits hätte Julius den Zeitpunkt seiner Offenbarung nicht besser wählen können. Das war Absicht. Der Termin für die Silberhochzeitsfeier ihrer Eltern stand unumstößlich fest. Der Tag fiel auf den Pfingstsamstag und war gleichzeitig der fünfzigste Geburtstag ihrer Mutter. Ihr Besuch in Heidelberg war nicht abzusagen. Wie feige sich Julius aus der Affäre gezogen hatte! Charlotte hatte ihn stolz präsentieren wollen: ‚Julius, mein Freund, angehender Jurist‘. Und wenn sie in Gedanken nun ‚mein Ehemann in spe‘ hinzugefügt hätte, wäre das so schlimm gewesen? Anscheinend ja. Dabei hatte sie nicht im Traum an so etwas gedacht. Was sollte sie nun sagen? Er sei plötzlich krank geworden, wie Julius vorschlug? Lächerlich. Jeder würde ihr sofort anmerken, dass es sich dabei um eine ziemlich schlechte Ausrede handelte.

Berlin lag jetzt seit fast drei Stunden hinter ihr. Leuchtend gelbe Rapsfelder säumten die Autobahn, darüber hing dunkelblau der Himmel. Komplementärfarben. ‚Der harte Kontrast kann die Farbrezeptoren im Auge überreizen, wenn man zu lange hinsieht‘, hatte sie der Vater einmal belehrt. Sie sah sowieso nicht hin. Aber die Duftmoleküle, welche die Blüten ausströmten, drangen über die Lüftung massenhaft ins Wageninnere und der aphrodisierende Honigduft setzte unwillkürlich, nur für Bruchteile von Sekunden, Erinnerungen an glückliche Momente frei. Dann nahm Charlotte den Duft als das wahr, was er sein sollte: Lockmittel für Insekten. Wie einfach es doch in der Natur zuging. Oder war Raps ein Windbestäuber? Papa wüsste das, dachte sie grimmig, der weiß ja immer alles.

In Julius’ Augen hatte Verzweiflung gestanden, ehe er sich umwandte und sie verließ. Darüber hatte sie sich gewundert. Wenn es ihm um Selbstfindung ging, hätte er Entschlossenheit signalisieren können, oder Trauer, weil es ihm leidtat, dass er seine Beziehung zu ihr, die doch schön war, opfern wollte. Aber Verzweiflung? Noch ehe die Tür hinter Julius ins Schloss gefallen war, hatte das einen Funken Hoffnung in Charlotte entfacht. Diese Gründe, die er genannt hatte, erschienen ihr vorgeschoben. Gab es ein Problem, von dem sie nichts wusste? Hätte man das nicht gemeinsam ausräumen können? Aber momentan war nicht mit ihm zu reden, daher war es auch besser gewesen, wie geplant abzureisen, anstatt der quälenden Ungewissheit so nah zu sein und sich im Schmerz zu suhlen.

Die Autobahn wurde dreispurig. Charlotte wechselte auf die mittlere Spur, zog endlich an dem polnischen Kleintransporter vorbei und beschleunigte. Irgendwo links lag Braunschweig. Von hier aus dauerte es noch anderthalb Stunden bis Herford.

Charlotte war gern in Herford bei ihrer Großmutter und sie versuchte, sich ein bisschen darauf zu freuen, bald da zu sein. Aber immer wieder fielen Bruchstücke der Erinnerung an gestern Abend zwischen ihre Gedanken. Sie lösten augenblicklich die Überflutung ihres Körpers mit Adrenalin aus, in deren Folge die Verlustangst unerträglich hochkochte und sich als bitterer Geschmack auf der Zunge niederschlug. Sie hatte letzte Nacht kaum geschlafen und fühlte sich wie in Trance, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit. Wenn sie die Wahl hätte, würde sie am liebsten in ein schwarzes Nichts eintauchen und erst hervorkommen, wenn der Sturm vorbei und alles wieder so wäre wie vorgestern. Julius würde sie in die Arme schließen und sagen: Alles ist gut. Aber sie hatte diese Wahl nicht, sie befand sich auf der Autobahn und sollte sich besser auf den Verkehr konzentrieren.

Sie beruhigte sich etwas, als vor ihr die vertrauten Hügel des Weserberglandes auftauchten. Die Porta Westfalica, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am rechten Hang, die Weser. Wenn jetzt nichts dazwischenkam, würde sie es bequem schaffen, rechtzeitig zum Mittagessen da zu sein. Schon vor Wochen hatte sie den Plan gefasst, mit Julius über Herford zu fahren, ihre Oma zu besuchen und diese anschließend im Auto nach Heidelberg zur Feier ihrer Eltern mitzunehmen. Vor allem aber hatte sie den Wunsch verspürt, den Teil ihres Lebens, der ihre Kindheit umfasste, vor Julius auszubreiten. Er sollte selbst sehen und erleben, was sie geprägt hatte und in welchem Boden ihre Wurzeln gründeten.

Ich kann mich doch nicht so in ihm getäuscht haben, dachte sie, und wieder gewann Wut die Oberhand im aktuellen Gefühlscocktail.

Dass Charlotte nun ohne Julius kam, würde für ihre Großmutter keine Katastrophe sein. Hauptsache sie, Charlotte, war da.

Elly Klinger lebte seit langem allein in ihrem großen Haus am Herforder Stiftberg. Der angekündigte Besuch ihrer Enkelin hatte sie in Aufregung versetzt. Für die Vase mit den Pfingstrosen aus dem eigenen Garten hatte sie zehn Mal einen wirkungsvolleren Platz gesucht, und das alles für die wenigen Stunden, die ihr geliebtes Lotteken da sein würde. Zu Mittag sollte es Gulasch geben, so eines, das man mindestens zwei Stunden beim Schmoren beaufsichtigen muss, damit eine gute Soße entsteht. Sie hatte lange geschwankt, ob sie nicht lieber Spargel zubereiten sollte, da der nach dem feuchtwarmen Wetter der letzten Woche üppig spross und in guter Qualität auf dem Markt zu haben war. Aber sie hatte sich dann doch für Gulasch mit Rotkohl entschieden, denn das kochte keine so wie sie.

Sie legte die Klöße ins sprudelnde Wasser, drehte den Temperaturregler am Herd auf die niedrigste Stufe und sah auf die Uhr. Gleich musste das Kind da sein.

Zwischen zwölf und halb eins, hatte Charlotte ihr vor ein paar Tagen versprochen. Um fünf nach zwölf wurde Elly unruhig. Sie prüfte, ob der Hörer ihres altmodischen Telefons richtig auf der Gabel lag, und sah noch einmal aus dem Fenster im Flur. Wenn sie Charlotte auf der Autobahn wusste, schlug ihr das Herz jedes Mal bis zum Hals. Ein Kloß nach dem anderen schwamm an die Oberfläche, aber das Kind kam nicht.

Charlotte nahm die Ausfahrt Herford-Schwarzenmoor. Vor ihr lag die kleinhügelige Ravensberger Mulde, die von den Mittelgebirgszügen Teutoburger Wald, Wiehengebirge und Lipper Bergland umschlossen wird. Die Vlothoer Straße führte leicht abwärts, zuerst an Feldern, Wiesen, kleinen Wäldchen und einzelnen Gehöften vorbei, dann, nach dem Ortsschild, an den Kasernen, in denen sich die Britische Rheinarmee seit dem zweiten Weltkrieg niedergelassen hatte, direkt auf die Kuppe des Stiftbergs zu, an dessen Fuß sich die Herforder Altstadt ausbreitete. Herford war heute ein kleines Provinznest am Flüsschen Werre und wenn man es nicht wusste, würde man nie darauf kommen, dass der Ort einmal Bedeutung besessen hatte. Nachdem hier der erste Frauenkonvent im Herzogtum Sachsen gegründet worden war, entwickelte sich Herford über das Mittelalter zu einem Zentrum von Geistlichkeit und Frauenbildung. Das Stift in der Stadt erlangte Mitte des 12. Jahrhunderts sogar die Reichsunmittelbarkeit und wurde ein selbstständiges Territorium im Heiligen Römischen Reich. Die Äbtissinnen avancierten damit zu Reichsfürstinnen. Mit fünf Stadttoren und vierzehn Türmen war Herford einst eine der am besten befestigten deutschen Städte, es hatte sich Reichsstadt und Hansestadt nennen dürfen.

Wie oft hatte Elly ihrer kleinen Enkelin aus der Geschichte Herfords erzählt, und immer waren es spannende Geschichten gewesen. Eine spielte an einem Augusttag im Jahre 1627, als über dreißig Frauen der Zauberei bezichtigt und der Wasserprobe unterzogen wurden. Jene, welche dabei nicht ertranken, galten als Hexen und waren hinterher auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Charlotte hatte sich nicht satt sehen können an der unschuldigen Stelle, an der das Feuer gelodert hatte. Aber meistens waren es gute Geschichten gewesen, die sie zu hören bekam. Zum Beispiel die, welche auf dem Stiftberg spielte. ‚Vielleicht sogar bei uns im Garten‘, hatte Elly jedes Mal bedeutungsvoll angefügt. Im Mittelalter, als der von den Herfordern heute Stiftberg genannte Luttenberg noch vor den Toren der Stadt lag, war hier einem armen Schäfer die Jungfrau Maria erschienen. Diese ‚Herforder Vision‘, die seinerzeit wie ein Lauffeuer durch Europa eilte, ist als die siebenundzwanzigste in den Schriften verzeichnet und die älteste nördlich der Alpen. Die Äbtissin des ehrwürdigen Stifts unten in der Stadt veranlasste daraufhin den Bau der Marienkirche am Ort der Erscheinung und gründete dort gleichzeitig ein Tochterkloster, das ‚Stift auf dem Berge‘. In diesem Stift wurden jahrhundertelang Töchter des niederen Adels ausgebildet, denen der Zugang zum hochadeligen Stift verwehrt war. Herford, eine Kaderschmiede für gebildete, emanzipierte Frauen – ein Gedanke, der Charlotte immer gefallen hatte. Schließlich hatte sie selber das Gymnasium am Stiftberg besucht. Auch ihre Mutter, ihre Großmutter, ihre Urgroßmutter und sogar ihre Ururgroßmutter waren in diese Schule gegangen, die im Laufe der Zeit mehrmals ihren Namen geändert hatte. Ihre Ururgroßmutter besuchte die Städtische höhere Mädchenschule und ihre Urgroßmutter das Lyzeum, eine höhere Lehranstalt für begabte Töchter. Als Elly hier 1940 eingeschult wurde, war die Schule gerade im Zuge der nationalsozialistischen Reformen zum Staatlichen Oberlyzeum für Mädchen geworden und hieß nun Königin-Mathilde-Schule, benannt nach der heiliggesprochenen Königsgattin, die im Herforder Kloster erzogen worden war. Charlottes Mutter Annemarie war nur zwei Jahre in diese Schule gegangen, die inzwischen Neusprachliches Gymnasium hieß und auch Jungen aufnahm. Ab der 7. Klasse war sie an ein Gymnasium in der Stadt gewechselt. Auch Charlotte blieb nur zwei Jahre an der Schule und machte das Abitur später, nach dem Umzug ihrer Eltern, in Heidelberg.

Sie fuhr am Schulgebäude vorbei, über dessen Haupteingang noch immer der Schriftzug ‚Staatliches Oberlyzeum‘ eingemeißelt stand. Sie war auf dem Stiftberg angekommen. Da sie sich von noch höher gelegener Stelle genähert hatte, war er gar nicht als Erhebung auszumachen, aber seine einstige Kuppe war daran zu erkennen, dass hier die Marienkirche thronte, nicht mehr auf den Wiesen des Luttenbergs, sondern inmitten der dichten Bebauung des Herforder Stadtteils Stiftberg. Während die Vlothoer Straße um die Kirche herum in sanften Windungen ins Zentrum hinab führte, bog Charlotte vor der Kirche halblinks in eine schmale, steil abschüssige Straße ein, die von dickstämmigen Linden gesäumt wurde. Hier reihte sich eine Gründerzeitvilla an die andere. Jede stand auf einem eigenen Plateau, das man in den Berg gearbeitet hatte, um das Gefälle auszugleichen. Nicht mehr als acht oder zehn Häuser waren es auf jeder Straßenseite, die stufenförmig nach unten bis zur Werre angeordnet waren. Das vierte Haus auf der linken Seite war das Haus ihrer Großmutter. Charlotte fuhr langsam und hielt nach einem Parkplatz Ausschau. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam, parkten mehr Autos in der schmalen Straße. Weiter unten sah man die Veränderungen, die in den letzten Jahren um sich gegriffen hatten, deutlicher. Breite Einfahrten führten jetzt auf die Grundstücke, und in die Vorgärten hatte man Carports oder Garagen gebaut. Hier aber, im oberen Teil der Straße, schien die Zeit stillgestanden zu haben.

Gegenüber dem Haus ihrer Großmutter stieg ein alter Herr in seinen Mercedes. Das passte ja gut, Charlotte hielt an und wartete darauf, dass die Parklücke frei würde. Sie ließ die Seitenscheibe herunter und atmete tief ein. Die Luft war klar und frisch und durch den Duft eines in der Nähe blühenden Flieders angenehm parfümiert. Aber schon zog ein Duftband von Bratensoße und Salzkartoffeln unter ihrer Nase her. Es roch nach Heimat und Sorglosigkeit. Das Blätterdach der Linden bewegte sich nur sacht und ließ tausend Lichtfunken durch das noch zarte Laubwerk auf die Straße fallen. Hier war ihre Kindheit. Die lag heute so weit zurück wie nie zuvor.

Das überlaute Aufheulen eines Motors setzte ihren nostalgischen Gedanken ein jähes Ende. Der alte Mann versuchte, rückwärts einen Meter bergan zu fahren, um die Parklücke leichter verlassen zu können. Dieselgestank breitete sich aus. Mit viel Mühe hatte der Mercedes es endlich geschafft und tuckerte davon. Charlotte nahm den Fuß von der Bremse und ließ ihr Auto vorwärts in die Parkbucht rollen. Noch während sie die Handbremse fest anzog, sah sie, wie sich die weiße Dauerwelle ihrer Großmutter aus der Haustür schob.

„Lotteken, da biste ja endlich!“, rief sie von Weitem und lief den Plattenweg zwischen Haustür und Gartentor hinab, ihrer Enkelin entgegen. Sie hatte die Arme ausgebreitet, als wolle sie das Gleichgewicht ausbalancieren. Elly hatte sich aus Sicht ihrer Enkelin nur wenig verändert. Sie entsprach noch immer dem gemäßigten Tönnchentyp, einem von fünf Typen, die Charlotte mit ihren Schulfreundinnen zur Einordnung von Erwachsenen entworfen hatte: eher klein, gleichmäßig rundlich, und dabei die Taille leicht nach außen gewölbt.

„Hallo Oma, ich bin doch pünktlich.“ Charlotte musste sich ein wenig hinabbeugen, um ihre Großmutter in den Arm zu nehmen. Elly stand die große Freude über den Besuch ins Gesicht geschrieben. Rüstig konnte man die alte Dame nennen, wie sie nun voranging, zurück ins Haus. Sie trug ein gut geschnittenes, silbergrau und pink gemustertes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen und Perlenstecker in den Ohrläppchen. Sie hielt auf sich, das sah man sofort.

„Komm erstmal rein, du hast bestimmt Hunger nach der langen Fahrt. Wie lange warste denn jetzt unterwegs? War viel Verkehr? Isste auch tüchtig in Berlin? Du bist so dünn geworden. Ich hab schon überlegt, ob ich nicht lieber Spargel mache. – Wo ist denn dein Freund? Ist er nicht mitgekommen?“

Während Elly redete, schloss sie die Haustür hinter sich, zog Charlotte durch die Eingangshalle in die Küche, setzte ihre Goldrandbrille auf und machte sich am Herd zu schaffen. Plötzlich hielt sie inne und sah ihre Enkelin fragend an. Das war die Aufforderung zur Antwort, Charlotte kannte diese Geste und sagte schlicht: „Nein.“

Elly nickte zufrieden und drückte sie auf die Eckbank. Auch früher hatten sie immer gemeinsam in der Küche gegessen. Die Küche war groß und gemütlich, mit alten Küchenschränken aus dunklem Nussbaumholz und mit einem großen Tisch und einer Eckbank. Auf der kurzen Seite der Eckbank war Charlottes Platz gewesen, sie hatte dort zusammen mit ihren Puppen gesessen. Manchmal waren auch ihre Mutter und ihr Vater dazugekommen, die im nahen Bielefeld arbeiteten. Sie wohnte seinerzeit mit ihren Eltern oben im Haus, aber eigentlich hatte sich ihr Leben unten bei Elly abgespielt.

Elly fischte die Klöße aus dem Kochwasser und füllte das Essen in Schüsseln vom guten Porzellan, während sie von den Neuigkeiten ihrer kleinen Welt erzählte. Der Mann von Tante Schürmann aus Nummer 3 war zum Pflegefall geworden, schreckliche Geschichte, der Pflegedienst kam nun jeden Tag morgens und abends vorbei, und Dr. Schmidt von nebenan bewohnte jetzt nur noch die kleine Einliegerwohnung im Haus, weil seine Kinder die anderen Räume an einen jungen Arzt vermietet hatten, der dort seine Praxis einrichten wird.

„Ist ja vielleicht ganz praktisch für mich, mal sehen. Dr. Schmidt kennste noch, nicht wahr? Hat mal spontan dein Fahrrad repariert, als du heulend mit einem Platten nach Hause kamst, weißte noch?“

Dass der alte Dr. Schmidt ihren Fahrradreifen geflickt hatte, wusste Charlotte natürlich noch. Ihre Großmutter ließ diese Begebenheit nicht in Vergessenheit geraten. Dr. Schmidt war damals schon lange Witwer und lebte allein im Haus nebenan. Er hatte Elly gefallen, das wussten alle.

Charlotte dachte daran, dass sie sich gern die verschwitzten Hände waschen würde. Früher hätte sie sich niemals an den Mittagstisch setzen dürfen, ohne vorher im Bad gewesen zu sein.

Mitten in diesen Gedanken hinein fragte Elly: „Lotteken, möchteste nicht schnell noch ins Bad, ein bisschen frisch machen und so?“

Charlotte sprang auf, dankbar, dem Redefluss ihrer Großmutter für ein paar Minuten zu entkommen.

Im Bad roch es nach Lavendelseife und Soir de Paris, dem Parfum, das in einem nachtblauen Fläschchen auf der gläsernen Ablage unter dem Spiegel stand, solange sie denken konnte. Sie drehte den vertrauten Wasserhahn auf und sah, während sie kaltes Wasser über die Hände laufen ließ, in den Spiegel. Sie sah müde aus, etwas bleich, was die Schatten um die ungeschminkten Augen hervorhob. Die dunklen Haare, die in der Sonne einen kupferroten Schimmer annahmen, hingen ihr glatt und strähnig bis auf die Schultern. Sie beugte sich dichter vor den Spiegel und blickte forschend in ihre blauen Augen. Charlotte Gerloff, wiederholte sie mehrere Male leise. Der Klang ihres Namens war noch derselbe wie damals. Ein glücklicher, kindlicher Klang. Und sie? War sie noch dieselbe? Diejenige, die sie da im Spiegel ansah, das war Charlotte, unverkennbar. Charlotte, der Name war für sie Personifikation ihres Selbstgefühls, er umfasste sie physisch und psychisch. An vielen Sonntagen hatte sie mit ihrem Vater in seinem mit Büchern vollgestopften Arbeitszimmer auf dem Boden gesessen und in Nachschlagewerken geblättert. Sie hatten immer eine andere der unzähligen Charlotten ausgesucht, welche die Geschichtsschreibung auflistete, und lasen und besprachen deren Lebensgeschichte. Über Charlotte Buff und Charlotte von Stein, die beiden Lotten Goethes, hatte ihr Vater am meisten zu erzählen gewusst. Nie aber hatte sie eine Gemeinsamkeit zwischen sich und anderen Charlotten entdecken können, außer der rein grafischen Identität der gedruckten Buchstaben.

Lottchen – das war sie auch, aber eigentlich nur aus der Perspektive ihrer Eltern.

„Lotteken, kommste …?“

Das war der Klang ihrer ostwestfälischen Großmutter. Charlotte durchquerte die von Elly schlicht Flur genannte quadratische Eingangshalle. Auf dem Konsoltisch unter dem großen Ölbild einer toskanischen Landschaft, das Ellys Großvater gemalt hatte, stand sehr geschmackvoll eine Vase mit roten und weißen Pfingstrosen.

Als sie die Küche betrat und sah, dass Elly drei Klöße auf ihren Teller gelegt hatte und gerade dabei war, die zweite Kelle Gulasch darüber zu häufen, packte sie das Entsetzen. Die jüngste Berliner Vergangenheit war plötzlich gegenwärtig und schnürte ihr die Kehle zu. Mit Mühe gelang es ihr, ein paar Bissen hinunterwürgen. Nicht, dass es ihr nicht geschmeckt hätte, aber sie war einfach nicht in der Lage zu schlucken. Das war ihr schon immer so gegangen: Wenn irgendetwas, ihr existentiell Wichtiges, nicht zu haben war, konnte sie nicht schlucken. Sie hatte schon oft darüber nachgedacht, was der Grund dafür sein könnte, und war für sich zu der Erklärung gekommen, dass sie unbewusst wohl den Rest der Welt, einschließlich der Nahrung, die einen ja am Leben hält, verweigerte, wenn sie die gewünschte Zuneigung, denn um die ging es immer, nicht haben konnte. Das Leben für die Liebe. Sekt oder Selters. Alles oder nichts. Aber diese Erkenntnis allein hatte ihr noch nie genützt.

Sie konzentrierte sich darauf, nicht würgen zu müssen, denn das hätte Elly ihr nie verziehen. Sie begann hilflos, die Fleischstücke auf ihrem Teller umzuorganisieren, dachziegelartig übereinander zu schichten, damit es so aussah, als habe sich die Menge verkleinert. Aber natürlich hatte Elly längst bemerkt, dass sie im Essen nur herumstocherte.

„Schmeckt es dir nicht?“

Die Frage war unausweichlich, Charlotte zuckte unter ihr zusammen.

„Bei uns in der WG ging letzte Woche so ein Magen-Darm-Virus herum“, stotterte sie, „deswegen ist Julius ja auch nicht mitgekommen, ihm geht es noch nicht wieder gut und ich muss auch noch ein bisschen vorsichtig sein – aber es schmeckt vorzüglich, wirklich, Gulasch mit Klößen ist bei dir am allerbesten.“

Elly sah sie misstrauisch an, enthielt sich aber weiterer Kommentare.

„Das Eis brauche ich dann wohl nicht aus dem Gefrierfach zu nehmen, kaltes Eis tut einem verrenkten Magen nicht gut“, dozierte Elly mit wichtiger Miene während sie den Tisch abräumte. „Ich koche dir lieber einen Tee.“

„Oh ja, ein Tee wäre super.“

Trinken ging immer. Als mit Julius’ Vorgänger Schluss war, hatte sie sich wochenlang nur von Suppen, Milch und Säften ernährt. Elly setzte das Teewasser auf und lud die Essensreste in Plastiktöpfchen.

„Das hält sich im Kühlschrank ein paar Tage, wir nehmen es mit zu Mama, die wird sich freuen, dass so viel übriggeblieben ist“, sagte sie, und man sah ihr an, dass sie dieser Gedanke wirklich tröstete.

Elly zog sich zu ihrem Mittagsschläfchen zurück und Charlotte nahm die Teekanne mit nach draußen, auf das im Hochparterre gelegene Mittelding zwischen Terrasse und Balkon, den ‚Freisitz‘, wie Elly zu sagen pflegte. So frei war das Plätzchen nicht mehr, denn sie hatte vor Jahren ein Glasdach anbringen lassen, damit sie im Sommer, unabhängig von der Witterung, draußen sitzen konnte. Charlotte schlug sich die bereitliegende Decke um die Hüften und streckte sich in Ellys bequemem Sessel aus. Der Garten, den man aus dieser erhöhten Position gut überblicken konnte, war ordentlich hergerichtet und um diese Jahreszeit besonders schön. Vor dem Freisitz lag eine Rasenfläche, so breit wie das Haus und beinahe doppelt so lang. Rechts und links wurde sie von Wegen aus rosa Natursteinplatten eingefasst. Die obere Begrenzung des Rasens bestand aus einem gut drei Meter breiten, mit Kopfsteinen aus dunkelgrauem Basalt gepflasterten Streifen, den die Eltern damals, als sie noch in Herford wohnten, als Terrasse genutzt hatten. Er schloss mit einer niedrigen Trockenmauer nach hinten hin ab und war zum Teil von einer Pergola überdacht. Früher hatte ein Rebstock dafür gesorgt, dass im Herbst schwarzrote Trauben aus dem bunten Laub hingen. Die Trauben hatte Charlottes Vater zu Wein verarbeitet. Sie erinnerte sich an den riesigen Glasballon, welcher der gleichbleibenden Temperatur wegen unten in Ellys Küche stehen musste. Ein gewundenes Gärröhrchen steckte in dem Gummistopfen, der den Ballon verschloss. Nach ein paar Tagen fing es in seinem Innern mächtig an zu blubbern und die Traubenmasse schob ihren Spiegel immer weiter nach oben.

Charlotte musste lächeln, als Ellys Stimme in ihrer Erinnerung erschien: ‚Sieh bloß zu, dass der Ballon nicht explodiert, die Farbe kriegen wir nie wieder ab!‘ Wie oft hatte ihre Großmutter das mit besorgtem Gesichtsausdruck wiederholt, aber es war nie etwas passiert. Stattdessen hatte sie eifrig geholfen, wenn der Wein ausgegoren war, gefiltert und abgefüllt wurde. Beinahe feierlich hatte sie die erste Kostprobe entgegengenommen. ‚Stiftberger Zaubertrank‘ nannten sie den Selbstgemachten.

Jetzt stand unter der kahlen Pergola nur noch eine Bank, ein verschnörkeltes, gusseisernes Gerippe, so grau wie das Basaltpflaster.

Auf dem Mäuerchen prangten aber wie eh und je die italienischen steinernen Schalen, die Elly jedes Frühjahr neu mit bunten Dauerblühern bepflanzte.

Die rechte Seite des Gartens dominierten zwei Bäume, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Am oberen Ende des Rasens erhob sich eine imposante rote Trauerbuche mit einem bizarr ausladenden Geäst. Nahe am Stamm bildeten die herabhängenden, an ihren Spitzen peitschendünnen Zweige ein Gewölbe, in dem sich Charlotte gern versteckt hatte. Am unteren Ende der Rasenfläche, wo sie schon fast zu Ende war, gleich beim Haus, reckte sich ein Ginkgobaum in den Himmel. Obwohl er jünger war als die meisten anderen Gehölze des Gartens, hatte er bereits eine beachtliche Höhe erreicht. Seine fächerförmigen, in der Mitte tief gebuchteten Blätter waren um diese Jahreszeit noch winzig klein. Charlotte wusste, dass ihr Großvater den Baum gepflanzt hatte. Im Herbst verwandelte sich der Ginkgo in eine prachtvolle, leuchtend gelbe Pyramide. Elly hatte dann gedankenversunken am Fenster gestanden und auf den Baum geblickt. ‚Jetzt kommt der Winter‘, hatte sie jedes Mal gesagt. Die kleine Charlotte hatte sie dabei aufmerksam beobachtet und zu gern gewusst, woran die Oma in diesen Momenten dachte. An Albert, vermutete sie, den Großvater, den sie nie kennengelernt hatte. Nach den ersten kalten Nächten entledigte sich der Ginkgo innerhalb kürzester Zeit seiner Blätter und Elly hatte sich sofort daran gemacht, das Laub zusammenzuharken. Das Lotteken hatte ihr geholfen und währenddessen die schönsten Blätter mit dieser besonderen Form aufgesammelt und in einem alten Bilderbuch gepresst.

Das eigentliche Schmuckstück des Gartens aber war die achteckige Laube, die am linken oberen Ende des Rasens auf Höhe der gepflasterten Terrasse stand. Der linke Plattenweg führte direkt darauf zu. Sie war grün und weiß gestrichen und hatte ein Dachhütchen, auf dem ein Wetterhahn anzeigte, aus welcher Richtung der Wind kam. Heute, in der Sonne, sah die Laube ganz fremd aus, nicht mehr so eingewachsen in die Umgebung.

Unmittelbar hinter dem Mäuerchen mit den bunt bepflanzten Schalen begann der Wald. Ein Zauberwald war das für die kleine Charlotte gewesen, mit hohen Farnen und dickstämmigen Bäumen, an denen Efeu emporkletterte. Ein Ende des Klingerschen Gartens schien es nicht zu geben. Der Wald, der hier anfing, ging in den Hang der stadtabgewandten Seite des Stiftbergs über. Nur selten hatte sich Charlotte seinerzeit bis an den Zaun getraut, der das Grundstück irgendwo im Wald einfriedete. Über das Mäuerchen war sie hingegen oft geklettert, um die vorne stehenden jungen Farnwedel mit den eingerollten Spitzen zu pflücken. ‚Farne gehören, genauso wie der Ginkgobaum, zu den Dinosauriern unter den Pflanzen, die bis in unsere Zeit überlebt haben‘, hatte ihr der Vater erzählt.

Heute schimmerte es weiß und blau zwischen den Bäumen. Der Mai hatte im noch lichten Wald einen Teppich von Buschwindröschen mit lose eingewebten Blausternen ausgerollt.

Jenseits der Plattenwege, welche die Rasenfläche einrahmten, waren Beete angelegt, die Elly einst liebevoll arrangiert und dekoriert hatte. Hier lockten flache Schalen die Vögel zum Bad, dort lugten große weißgeäderte Steine zwischen den Pflanzen hervor. Pinienzapfen aus Terracotta, überzogen mit einer Patina aus Jahrzehnten, sonnten sich zusammen mit moosbewachsenen Steinfiguren in den Blüten, die in wohldurchdachter Abfolge vom Frühjahr bis in den Herbst hinein erschienen. Die beiden Sträucher der Magnolia nigra, die sich im rechten und linken Beet gegenüberstanden, hatten ihre dunkelpurpurnen Blüten weit geöffnet und boten Stempel und Staubgefäße schamlos dar. Sträuße von späten Tulpen wechselten mit duftenden Maiglöckchen, rot blühenden Zwergrhododendren und Kissen königsblauer Lobelien ab. ‚Männertreu‘ nannte Elly die Lobelien. Ob Julius eine andere hatte? Eigentlich nicht vorstellbar. Bloß nicht daran denken. Jetzt nicht. Männertreu. Die Tränenden Herzen bogen ihre schlanken Stiele mit Trauben weiß- und rosafarbener Blüten weinend darüber.

Die Beete mit den Blühpflanzen grenzten auf der rechten Gartenseite an hohes Buschwerk, das den Nachbargarten verbarg, und auf der linken Seite an eine niedrige Buchsbaumhecke, hinter der das Gelände leicht anstieg. Dort befand sich der ehemalige Nutzgarten, in dem Elly früher allerlei Obst und Gemüse angebaut hatte. Emsig hatte die kleine Charlotte beim Säen, Jäten und Ernten geholfen und wenn es nichts für sie zu tun gab, hatte sie stundenlang am Wassertrog gespielt, der so tief war, dass sie ihren ganzen Arm hineinstecken musste, um mit den Fingern auf den Grund zu kommen. Welch ein Fest war es jedes Mal gewesen, wenn Charlotte eine Hucht Frühkartoffeln aufgraben, Möhren ziehen und Petersilie pflücken durfte, woraus Elly ein Mittagessen zauberte. Vom Gemüsegarten war heute nur noch ein kleines Hochbeet übrig, das der Gärtner nahe beim Küchenausgang gebaut hatte. Das erleichterte es Elly, ein paar Früchte zu ernten und die Kräuter zu pflegen, die sie zum Kochen für unabdingbar hielt. Obwohl sie nur noch dieses eine Beet bewirtschaftete, zog es sie im Frühjahr pünktlich in die Gärtnerei. Sie schritt die Tische in den Gewächshäusern mit den vorgezogenen Gemüsepflanzen ab und kaufte ein paar hiervon und ein paar davon und setzte sie bunt durcheinander ins Hochbeet. Der Kohlrabi gedieh neben den Erdbeeren, die Radieschen neben dem Blumenkohl, dazwischen wuchsen Zwiebeln, Sellerie und Salat. Im ehemaligen Gemüsegarten durften sich jetzt Obstbäume, Johannis- und Stachelbeersträucher, Him- und Brombeerhecken breit machen. In der Regel kamen die Kinder, Annemarie und Schwiegersohn Ron, im Herbst für eine Woche nach Herford, um in Haus und Garten nach dem Rechten zu sehen, und sie nahmen bei der Gelegenheit vom Obst mit, was sie verwerten konnten. Das meiste erntete Ellys Gartenhelfer für seine Familie und sie erhielt dafür fertiges Kompott, Marmelade oder auch mal ein Stück Obstkuchen zurück.

Das Bild des Ziergartens hatte sich nur wenig verändert. Größer geworden waren vor allem die Stauden und Sträucher, das konnte auch das jährliche Stutzen kaum verhindern. Schöne Stunden waren es gewesen, die Charlotte mit ihrer Großmutter im Garten verbracht hatte. Es hatte sie immer fasziniert, dass ihre Oma viele der alten Gewächse wie Individuen mit einer eigenen Geschichte behandelte, und sie hatte sich gern davon erzählen lassen. Sie mochte die seltsamen Gefühle, die sie beschlichen, wenn Elly von ihrer eigenen Kindheit in diesem Garten erzählte, von Menschen, die ganz selbstverständlich in diesem Haus ein- und ausgegangen waren, von Kindern, die in ihrem Kinderzimmer gewohnt und dieses Zuhause als das ihre betrachtet hatten, so wie sie es getan hatte und noch immer tat. Sie kannte niemanden von denen, außer ihrer Mutter und ihrer Großmutter, weil sie alle längst gestorben waren. Eine Ahnin hatte das Haus vor hundertzwanzig Jahren von ihrem Vater als Hochzeitsgeschenk erhalten und sie, Charlotte, war nun schon die fünfte Generation, die hier geboren worden war. Nach Ellys Tod würde ihr das Haus gehören. Welch ein Gegensatz war dieser wohlorganisierte Haushalt doch zu ihrem jetzigen, eher improvisierten Dasein in der WG in Berlin. Schon wieder Berlin. Der Kloß im Hals schwoll an. Sie lenkte sich ab, indem sie an die ehemaligen Hausbewohner dachte und an die abgelebten Zeiten, die das Haus unbeweglich und ohne Rührung um sich und in sich hatte vorüberrauschen sehen.

Ihr Blick wanderte zur Gartenlaube. Komisch, dass sie heute so fremd wirkte. Dort in der Laube hatten sie oft in lauen Sommernächten mit Freunden gesessen und gefeiert: die Großeltern, die Urgroßeltern und auch schon deren Eltern. Charlotte hatte viele Fotos davon gesehen. Die Kulisse war immer dieselbe geblieben, über ein Jahrhundert hinweg. Die Menschen hingegen, die vor dieser Kulisse auftraten, hatten gewechselt und mit ihnen die Kostüme und Requisiten. Ein spannender Gedanke, sich vorzustellen, wie dieser Garten von immer neu nachwachsenden Generationen in Besitz genommen worden war. Elly hatte erzählt, dass ihre Eltern als junges Ehepaar oft Gäste hatten und dass sie ins Bett musste, ehe die fröhlichen Zusammenkünfte in der Laube begannen. Ärgerlich hatte sie versucht, von ihrem Zimmer aus in die erleuchteten Fenster der Laube zu spähen, um etwas vom Treiben darin zu erhaschen. Aber bald war der Krieg gekommen und hatte alle Fröhlichkeit beendet. Und als die schreckliche Zeit endlich vorüber war, war Elly es selber gewesen, die hier mit ihren Freundinnen und Freunden und auch mit ihrem Albert zusammensaß und Waldmeister-, Erdbeer- oder Pfirsichbowle trank, je nach Saison.

Daran, dass ihre Eltern in der Laube gefeiert hätten, konnte sich Charlotte nicht erinnern. Sie kannte das Häuschen nur als meist verschlossenen Abstellplatz für Gartengeräte und Gartenmöbel und sie vermutete, dass ihre Großmutter mit diesem Funktionswandel den guten alten Zeiten der Laube demonstrativ ein Ende gesetzt hatte. Vorbei ist vorbei! Der oft wiederholte Spruch Ellys galt auch in dieser Sache.

Charlotte schlürfte den Tee, der wohlig warm anzeigte, wo sich im Körper ihr Magen befand. Ob sie je mit Freunden in der Laube sitzen würde? Ob ihre Kinder hier aufwachsen würden? Ob auch ihre Tochter unter dem Gewölbe der schwarzblättrigen Trauerbuche eine Bude für sich und ihre Puppenkinder einrichten würde? Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Sie hatte sich selber immer als das Kind betrachtet und sich ein zukünftiges Leben als Ehefrau und Mutter nie vorgestellt. Oder hatte sie vielleicht doch unbewusste Signale gesendet, die Julius zu deuten verstand und in die Flucht geschlagen hatten? Das ungute Gefühl, diese Mischung aus Schmerz, Wut und Verzweiflung machte sich wieder breit, diffundierte unaufhaltsam bis in die Spitzen ihres Körpers, als müsse die Leichtigkeit der Stimmung, der sie sich eben hingegeben hatte, unbedingt mit Schwere ausgeglichen werden.

Ich werde es so nicht akzeptieren, nicht ohne eine plausible Begründung, dachte sie trotzig, und war plötzlich sicher, dass es eigentlich nur ein Missverständnis sein konnte, das Julius zu dieser überzogenen Reaktion veranlasst hatte.

Sie sah auf die Uhr: Halb drei, jeden Augenblick würde ihre Großmutter aufstehen.

Elly legte sich jeden Mittag für ein Stündchen aufs Ohr. Der Haushalt und vor allem der Garten, dem sie ihre meiste Zeit widmete, kosteten sie in ihrem Alter von achtzig Jahren viel Kraft und ohne diese Pause konnte sie nicht mehr auskommen. Fast immer machte sie es sich mit der Erinnerung an glückliche Tage gemütlich. Sie schloss die Augen und sah ihre Mädchen auf der Wiese herumtollen, und Albert, wie er winkend aus dem Auto stieg, seine Geige in der für ihn typischen Art und Weise unter den Arm geklemmt. Wie sie am Mittagstisch saßen oder einen Ausflug in den Teutoburger Wald unternahmen. Alltagsbilder einer Familie. Vierzig Jahre und älter waren diese Bilder, die sie beschwor, und sie waren schon ein bisschen abgenutzt, verschwommen, vielleicht auch nicht mehr ganz wahr, aber sie taten Elly gut.

Heute fand sie allerdings keine rechte Ruhe. Sie war viel zu aufgekratzt wegen des Besuchs ihrer Enkelin und vielleicht auch wegen der anderntags bevorstehenden Autofahrt nach Heidelberg.

Damals, in den fünfziger Jahren, als sie die erste Zeit verheiratet waren, hatten sie und Albert viele Reisen unternommen. Sie waren stolze Besitzer eines VW Käfers gewesen und waren im Sommer mit Vorliebe nach San Ettore in der Toskana gefahren, wo Ellys Großvater seinen Lebensabend als Maler verbracht und der Familie ein kleines Häuschen hinterlassen hatte. Mit Albert war sie auch in Rom, London, Paris und Wien gewesen, bevor die Töchter kamen. Später, nach dem verhängnisvollen Unfall, der Ellys Leben radikal verändert hatte, mied sie Autos konsequent. Sie war immer gut zu Fuß gewesen, erst seit kurzem genehmigte sie sich gelegentlich ein Taxi. Eigentlich waren es nur die monatlichen Konzerte der Nordwestdeutschen Philharmonie, zu denen sie sich bei schlechtem Wetter fahren ließ, oder aber Arztbesuche, seltener andere. Elly unterhielt keinen großen Bekanntenkreis, hatte aber einen guten Kontakt zu den Nachbarn, die schon ähnlich lange am Stiftberg wohnten wie sie. Man lebte ja sozusagen zusammen, traf sich beinahe täglich beim Bäcker oder auf der Straße, plauderte über Wetter und Vegetation, trank auch schon mal einen Kaffee zusammen.

Seit Annemarie mit Mann und Kind vor elf Jahren ihr Herforder Elternhaus verlassen hatte, war Elly allein. Kaum jemand ahnte, was das für sie bedeutete, und sie wunderte sich manchmal selbst darüber, dass sie so viele Tage des Alleinseins überlebt hatte. Mehr hatte es für sie nicht zu verlieren gegeben als die kleine Familie ihrer Tochter. Nun war Annemarie schon fünfundzwanzig Jahre verheiratet. Eine so lange Zeit war ihr und Albert nicht vergönnt gewesen. Wo waren die Jahre nur geblieben? Einerseits waren sie wie im Flug vergangen, andererseits schlich die Zeit nur dahin. Manchmal kam es Elly so vor, als sei dieses Leben, das sie auf Rosen gebettet und in Abgründe gestürzt hatte, für einen einzigen Menschen viel zu viel gewesen. Es gab Zeiten in ihrem Alleinsein, da meinte sie, das Wechselvolle ihres Lebens habe sich endlich auf einer Nulllinie eingependelt und in dem ewig Gleichen ihrer Tage würde sie sich irgendwann unbemerkt verlieren. So wie sie manchmal glaubte, Entbehrung, Entsagung, Verlust und Schmerz hätten ihr einen Panzer wachsen lassen und sie unempfindlich gemacht. Aber wenn dann der Frühling kam, die Vögel ihre Balzgesänge anstimmten, die ersten Blüten aufgingen oder wenn ihr der Duft des Gartens nach einem Sommerregen in die Nase stieg, dann liebte sie das Leben. Liebte es mit einer solchen Intensität, dass auch dies beinahe schmerzte. Sie war dick- und dünnhäutig, hin- und hergeworfen – eben Elly.

Gefühle der Dankbarkeit für das Schöne, das sie erlebt hatte, konnte sie nicht empfinden. Wem hätte sie danken sollen? Dem Schicksal? Was war das für ein Schicksal, das alles gibt und alles nimmt, das die Würfel fallen lässt, wie es ihm beliebt? Die Erinnerung an glückliche Augenblicke, an ihren Ehemann und ihre Töchter, erfüllte sie stets mit denselben Gefühlen, die sie in der erinnerten Situation auch empfunden hatte. Freude war das meistens. Manchmal, wenn die Einsamkeit unerträglich wurde, legte sie eine Schallplatte mit Wiener Melodien auf. Dann schloss sie die Augen, sah Albert die Geige spielen und war wieder fünfundzwanzig. Früher war die Erinnerung oft in quälende Sehnsucht umgeschlagen, heute schöpfte sie Kraft aus der Erneuerung der alten Bilder und den gedanklichen Reisen in die Vergangenheit. Wenn sie hätte dankbar sein sollen, dann dafür, dass es ihr gelungen war, ihr Los in seiner Unabänderlichkeit anzunehmen. Gott sei Dank, dachte sie manchmal, meinte das aber nicht wörtlich. Keiner wusste besser als sie selbst, wieviel Kraft sie die Aufrechterhaltung einer gewissen Alltagsnormalität gekostet hatte. Sie hatte dabei nur an Annemarie gedacht. Da war nie ein Gott gewesen, der ihr geholfen oder der ihr die Verluste als sinnhaft erklärt hätte.

Aber trotz allem war Elly keineswegs lebensmüde. Sie dachte sehr pragmatisch, hielt das Haus instand und sorgte mit einiger Leidenschaft dafür, dass der Garten gepflegt aussah, so als erwarte sie täglich, dass sich das Haus wieder mit Leben füllen würde. In der Tat war der heimliche Wunsch, dass Charlotte das Haus noch zu ihren Lebzeiten in Besitz nehmen würde, ihr erklärtes Ziel. Dieses Ansinnen, das Haus für ihre Enkelin zu bereiten, hielt sie wach und beweglich.

Endlich fiel sie in einen unruhigen und oberflächlichen Schlummer. Ihrem Unterbewusstsein war es in der Aufregung des Tages gelungen, der Großhirnkontrolle zu entschlüpfen, und es spulte nun, statt des schönen Films, einen zusammenhanglosen Bilderreigen vor ihrem inneren Auge ab: Charlotte stieg in ihr kleines Auto, rief winkend ‚bis bald‘ und fuhr davon, ein ähnliches Auto führte Annemarie und ihre Familie fort, sie sah Klein-Lotteken fröhlich durch die Rückscheibe winken – plötzlich erkannte sie in dem lachenden Blick ihrer Enkelin ihre Tochter, und Albert war es, der ‚bis bald‘ rief, ehe er einstieg und beide davonfuhren – sie stand am Gartentor, stumm, mit tonnenschweren Beinen und lahm herabhängenden Armen.

Im Halbschlaf versuchte Elly dem aufsteigenden schrecklichen Gefühl des Wollens und Nichtvermögens, des Versteinertseins zu entkommen. Es gelang ihr schließlich, sich auf die andere Seite zu wälzen, um damit auch diesen Bildern den Rücken zu kehren. Stattdessen erschienen ihr nun zwei gleiche kleine Mädchen in weißen Kleidchen, die über die Wiese hüpften und fragile, selbstgeflochtene Kränze aus Gänseblümchen in den Händen hielten. Sie riefen: ‚Sieh mal, Mama, Mama, Mama ...‘ Plötzlich bekamen sie Charlottes Gesicht und riefen: ‚Oma, Oma, Oma ...‘

„Oma ...?“

Die Stimme ihrer Enkelin ließ die Traumbilder verblassen und das gute Gefühl, dass jemand nach ihr rief, gewann die Oberhand.

Charlotte hatte den Kopf zur Tür hereingesteckt.

„Oma? Ist alles in Ordnung? Du wolltest vor einer halben Stunde schon aufstehen.“

„Was? Schon so spät? Bin sofort da!“ Elly erhob sich schwungvoll, warf ihr Kleid über und richtete die verdrückte Dauerwelle an der Frisierkommode.

Charlotte hatte bereits Kaffee gekocht, und sie setzten sich zusammen nach draußen auf den Freisitz, wo es unter dem Glasdach angenehm warm geworden war. Elly genoss ihren Kaffee, den sie als Muntermacher nach dem Mittagsschläfchen schätzte, und Charlotte nahm sich den letzten Tee aus der Warmhaltekanne.

„Warste schon im Garten?“, fragte Elly und schenkte sich eine zweite Tasse Kaffee ein.

„Nein“, antwortete Charlotte, „ich habe natürlich auf dich gewartet.“

„Na dann komm!“ Elly trank zwei schnelle Schlucke, stellte die halbvolle Tasse klirrend auf den Unterteller und stand mit unternehmungslustigem Gesicht auf. Die beiden Frauen stiegen die Wendeltreppe vom Freisitz in den Garten hinab und gingen langsam den linken Plattenweg aus rosa Sandstein hinauf. Elly bewegte sich so, wie es Charlotte kannte: Sie richtete hier etwas, hob dort etwas auf oder zog ein Unkraut heraus, dachte laut über den Kirschbaum nach, der in diesem Jahr so üppig geblüht hatte, oder half einem Marienkäfer aufs Blatt. Wie immer blieb sie auch diesmal bei der Pfingstrose stehen und nestelte liebevoll, aber überflüssigerweise, an Blättern und Blüten herum. Die Pflanze hatte Ellys Vater aus dem Garten seines Elternhauses mitgebracht, als er damals hier eingezogen war, und besonders gehütet. Elly erzählte das an dieser Stelle immer wieder. Es hatte Charlotte nie gestört, dass ihre Oma bei der Pfingstrose stets ihres Herrn Papas gedachte. Sie fummelt an der Pflanze herum wie die Politiker bei einer Kranzniederlegung an der Schleife, rein symbolisch, dachte Charlotte. Aber auf einmal meinte sie zu erkennen, dass es ihrer Großmutter ernst war mit dem, was sie da all die Jahre getan hatte. Nie zuvor war ihr in den Sinn gekommen, dass Elly wirkliche Gefühle für diese Personen, mit denen sie früher einmal zusammengelebt hatte, hegen könnte. Sie war in kindlicher Naivität immer davon ausgegangen, dass sich die Liebe ihrer Großmutter nur auf sie, allenfalls noch auf ihre Eltern richtete und dass allein die gemeinsame Gegenwart Bedeutung besaß. Die Geschichte Ellys bestand für ihre Enkelin aus Geschichten, die in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt spielten. Die in diesen Geschichten agierenden Personen waren für Charlotte Phantome geblieben. Wahrscheinlich war es heute das erste Mal, dass sie sich als in einer familiären Tradition stehend begriff und nicht als den Nabel der Welt. Die Großmutter hatte für sie auf einmal etwas Rührendes an sich, wie sie so klein vor ihr her tippelte. Charlotte hatte nie darüber nachgedacht, ob sich ihre Oma in dem riesigen Haus einsam fühlen könnte. Elly war für sie immer die Starke, die Sorgende gewesen.

Sie waren im hinteren Teil des Gartens angekommen, und Charlotte hatte gar nicht mehr richtig zugehört, was ihre Großmutter über die Befindlichkeiten der Pflanzen berichtete.

„Ich hoffe, dass mir die Hortensien das Umsetzen nicht verübeln“, sagte Elly und zeigte auf die Gartenlaube, vor der nun zwei Büsche Bauernhortensien standen, deren Blütenansätze noch klein und grün waren. Elly liebte Hortensien. Überall im Garten fand man blau, rosa, weiß und rot blühende Bauernhortensien, Tellerhortensien mit zartrosa, sich flach ausbreitenden Großblüten oder hochwüchsige Samthortensien mit weiß-lila Blütenständen.

„Du hast ja die Laube herrichten lassen!“, rief Charlotte überrascht. Jetzt war ihr klar, warum sich ihre Blicke so daran festgeheftet hatten, als sie vom Freisitz aus hinübergeschaut hatte. Neugierig stürzte sie auf die Tür zu. Sie war nicht verschlossen wie sonst. Die uralten klappbaren Gartenstühle, früher von Schmutz, Rost und Spinnweben überzogen, reihten sich nun einladend restauriert um einen runden Tisch. Eine kleine Topfrose in der Mitte des Tisches suggerierte, dass dies ein zumindest gelegentlich besuchter Ort sei. Über dem Tisch pendelte die Lampe aus verschlungenen Hirschgeweihen, die immer verstaubt in der Ecke gelegen hatte. Kleine Wandregale hingen an den weiß gestrichenen Holzwänden und waren mit Ziertellern, Bierhumpen und anderen rustikalen Dingen dekoriert. Charlotte blickte eine Weile sprachlos in den kleinen Raum, dann drehte sie sich mit leuchtenden Augen langsam zu Elly um.

„Oma ...!?“

„Es sollte eine Überraschung sein.“ Elly wirkte etwas verlegen. „Gefällt es dir?“

Sie konnte keinen Zweifel daran haben, dass ihr diese Überraschung gelungen war.

„Ich finde, die Laube gehört einfach zum Garten dazu, hätte ich sie nicht endlich renovieren lassen, wäre sie vermutlich bald verfallen. Und außerdem muss man mit manchen Dingen auch einfach mal aufhören, es ändert ja doch nichts. Vorbei ist vorbei! Ich möchte, dass alles vorbereitet ist für, für …“

Jetzt stotterte sie, das hatte sie nicht sagen wollen, sie wandte sich ab und vollendete den Satz dann doch: „… für eine neue Geschichte. Bestimmt werden in diesem Garten eines Tages wieder Kinder spielen.“

Charlotte überhörte das, glücklicherweise, und hing ihren eigenen Gedanken nach.

„Ich hätte hier damals so gern mit meinen Puppen gewohnt oder mit meinen Freundinnen gespielt“, warf sie eher nebenbei ein, während sie alles Neue an der Laube untersuchte. Man konnte jetzt ganz drum herumgehen, an der Hinterseite war ein praktischer kleiner Unterstand mit Platz für Gartengeräte, Blumentöpfe und andere Utensilien angebaut. Elly war es recht, dass Charlotte ihr nicht in die Augen schaute, als sie weitersprach.

„Weißt du, es gab Gründe, warum wir die Laube nur noch als Rumpelkammer benutzt haben. Dass Mama nicht wollte, dass du hineingehst, war nicht wegen der für Kinder gefährlichen Gegenstände, die angeblich dort lagerten. Es war wegen der Erinnerungen, die sie unangetastet dort ruhen lassen wollte. Und ich war vielleicht auch nicht bereit, kleine Mädchen in der Laube spielen zu sehen.“

Charlotte horchte auf und kam hinter der Laube hervor. Natürlich war da manches gewesen, über das sie sich damals als Kind immer gewundert hatte. Sie hatte es hingenommen, dass die Laube, in der es sowieso ungemütlich aussah, verschlossen blieb, ebenso wie Teile des Dachbodens oder manche Schränke in Ellys Schlafzimmer. Es hatte ihr nichts ausgemacht, zu akzeptieren, dass das große Haus ein paar Geheimnisse zu haben schien, die ein kleines neugieriges Mädchen nichts angingen.

Aber heute war das anders. An der unbeschwerten Charlotte, die es immer allen recht machen wollte, nagte ein bisher unbekanntes Gefühl. Ihr war aufgegangen, dass sie wohl immer viel zu wenig hinterfragt und viel zu oft höflich geschwiegen hatte. Eine gesunde Portion Skepsis und Zweifel hatten ihr schlicht gefehlt. Denn sonst hätte sie die Zeichen dafür, dass Julius ihre Beziehung offenbar anders betrachtet hatte als sie, sicher bemerkt.

„Was sagst du da, Oma? Warum wollte Mama denn nicht, dass ich in der Laube spiele? Ich bin jetzt erwachsen und ich habe, ehrlich gesagt, keine Lust mehr auf diese Andeutungen und Halbsätze. Sag, warum warst du nicht bereit, kleine Mädchen in der Laube spielen zu sehen? Was hat diese kryptische Bemerkung zu bedeuten? Und wenn wir schon dabei sind: Warum blieb die linke Kammer des Dachbodens eigentlich immer abgeschlossen? Wenn ich danach fragte, hast du mich einfach überhört und geschwiegen. Das war eigentlich nicht deine Art und es hat mich verwirrt. Warum durfte ich die Fotoalben in deinem Zimmer nie durchblättern, sondern nur die Bilder ansehen, die du ausgesucht hattest? Meinst du, ich hätte nicht bemerkt, dass du mir etwas vorenthalten wolltest? Doch, das habe ich! Aber du hast die Alben immer wortlos in den Schrank zurückgestellt, wenn ich gebettelt habe, doch noch mehr Bilder anschauen zu dürfen. Und warum hat mir damals eigentlich niemand erklärt, was mit Mama los war? Ich hätte den Grund dafür, dass ich sie so oft Ruhe lassen musste, begreifen können. Ich habe so vieles nicht verstanden, es hat mir wenig ausgemacht, ich dachte, ich sei einfach zu klein, und eines Tages würde ich alles wissen. Später, als ich älter war, fand ich das nicht mehr so wichtig, aber vergessen habe ich das nie! Und jetzt ist es mal gut! Ich bin keine sechs mehr!“

Charlotte trug dies heftiger vor, als sie gewollt hatte. Elly reagierte denn auch erschrocken.