Elmarsrog -The Beginning - Loreley Hampton - E-Book

Elmarsrog -The Beginning E-Book

Loreley Hampton

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Beschreibung

Fluchtartig verließ Beth Cartland vor 35 Jahren mit ihrer Tochter Elmarsrog und verlor nie wieder ein Wort darüber. Doch das Erbe ihrer Schwester zwingt beide zurück auf die Insel. Als Alda Elmarsrog betritt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Sie spürt die Chance auf einen Neuanfang Doch schnell überschatten Zweifel und mysteriöse Zwischenfälle dieses Gefühl. Was für Geheimnisse hat diese Insel und ihre Bewohner? Alda wird hineingezogen in einen Jahrhunderte alten erbitterten Kampf geheimnisvoller Wesen und mystischer Kreaturen. Als wäre das noch nicht genug steht sie plötzlich auch noch ihrer Vergangenheit gegenüber. Lauf! schreit alles in ihr. Doch für Alda gibt es kein Entkommen mehr… Elmarsrog – The Beginning ist der Auftakt einer einzigartigen Mystery Fantasy Reihe.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Prolog
1.Kapitel
*
2.Kapitel
3.Kapitel
4.Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
*
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
*
11. Kapitel
12. Kapitel
*
13.Kapitel
14. Kapitel
*
15.Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
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24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29.Kapitel
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30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
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36. Kapitel
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37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
*
40. Kapitel
41. Kapitel
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42. Kapitel
43. Kapitel
*
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Familie, die mich ermutigt

und an mich geglaubt hat.

 

Für meinen Mann, der immer für mich da ist und für

meine bezaubernde Tochter.

Ich liebe Euch!

 

 

 

 

Loreley Hampton

 

 

 

 

 

 

ELMARSROG

 

 

The Beginning

 

 

 

 

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

 

Impressum:

© Erstausgabe 2014 Loreley Hampton

Neuauflage 2015

Book Heroes Verlag

Storpskamp 23

46117 Oberhausen

[email protected]

Facebook: Elmarsrog Loreley Hampton

Instagram: Loreley Hampton

 

Lektorat/Korrektorat: Ingrid Frieda Vassallo

Cover: Loreley Hampton, Carsten Osthaus

 

Vertrieb: Book Heroes Verlag

E-Book ISBN: 978-3-946162-05-6

 

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom Lesegerät kann es zu Abweichungen der Darstellung kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

Wellen schlugen gegen seine Beine.

Er sah hinauf zum Mond, lauschte dem Meeresrauschen, roch das Salz, den bevorstehenden Sturm und spürte, dass es vollbracht war.

Die Kälte ignorierend spannte er seine Muskeln an, atmete noch einmal tief durch, kehrte dem Meer den Rücken und ging auf die in den Dünen stehenden Schatten zu.

„Sie ist tot und die Andere wird kommen. Schon bald! Wir sollten vorbereitet sein!“

Die Schatten nickten und verschwanden in der Dunkelheit.

War er bereit für das Kommende, bereit für eine Seite Partei zu ergreifen?

Oder hatte er es schon getan?

Er rannte mit geschlossenen Augen in die Fluten, tauchte ein in das eiskalte Nass und ließ sich von den Wellen mitreißen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1.Kapitel

 

„Dorothee war eine Mutter für uns, unser ruhender Pol, unser Anker. Wir werden sie vermissen…“ Ingrids Stimme brach, Tränen liefen über ihre Wangen, sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

Alda kam sich wie ein Eindringling vor. Auf einer Beerdigung zu sein von einer Frau, die sie nicht gekannt hatte, aber hätte kennen müssen, da sie ihre Tante gewesen war. Nun saß sie hier in der ersten Reihe, auf der Familienbank, konnte keine Emotion zeigen, weil sie keine spürte. Um sie herum Personen, die in tiefer Trauer um einen geliebten Menschen waren, der aus ihrer Mitte gerissen worden war. Das waren die Worte von Ingrid und ihren Vorrednern. Die Zeremonie wurde nicht in einer Kirche abgehalten, sondern auf einer Wiese vor Dorothees Haus. Auf dem Altar stand ein Bild von ihr, umgeben von unterschiedlichen Kerzen und Lavendel. Ingrid hatte ihr erzählt, dass es eine Gedenkfeier nach alten Bräuchen sein würde, sie sich nicht wundern sollte. Sie hatte ihr erklärt, dass es Dorothees Wunsch gewesen war, in einem offenen Feuer verbrannt zu werden. Dafür war hinter dem Haus schon alles vorbereitet, allerdings würden nur wenige sie auf diesem allerletzten Weg begleiten. Der Rest der Anwesenden würde in einem Café in der Stadt den Leichenschmaus zu sich nehmen.

Alda wunderte sich, dass so etwas hier erlaubt war. Doch vielleicht gab es für Inseln andere Bestimmungen als für den Ort, an dem sie lebte. Außerdem hatte sie sich auch noch nie wirklich dafür interessiert.

Oh Mann, über was ich in so einer Situation nachdenke!

Sie schaute von ihren Händen hoch. Ingrid wurde von einem groß gewachsenen, gut aussehenden Mann mit blondem Haar zu ihrem Platz geführt. Er reichte ihr ein Taschentuch und löste auch im Sitzen die Umarmung nicht. Alda musste sich zusammenreißen, ihn nicht zu sehr anzustarren. Das war ein unangebrachter Zeitpunkt, um nach Männern Ausschau zu halten, doch fehlte ihr für den Moment das Trauergen.

Zwei Frauen im Hintergrund sangen ein wunderschön melancholisches Lied über das Jung sein und Erwachsenwerden, über die Magie und dass man alles schaffen kann, wenn man will. Irgendwoher kannte Alda dieses Lied, konnte es aber nicht zuordnen. Einige richteten noch Worte an die Verstorbene, bevor sich die Trauergemeinde zu dem vereinbarten Treffpunkt aufmachte. Ein paar Personen blieben am Altar zurück, um im Anschluss das Feuer zu entzünden.

 

Alda spürte die warme Hand ihrer Mutter. „Komm, Schatz, wir sollten nun auch ins Café fahren.“

Sie blickte Beth an und sah eine einzelne glänzende Träne auf ihrer Wange. Sie hatte Dorothee nie erwähnt, doch schien sie ihr Tod zu treffen. Ihre Mutter hatte sich in Schweigen gehüllt und somit hatte Alda nur einige Fetzen von Ingrid erfahren, seitdem sie zueinander Kontakt aufgenommen hatten.

Als der Brief kam, war ihre Mutter geschockt gewesen, sie hatte gezittert und dann angefangen, wie wild die Küche zu putzen. Sie sprach zwei Tage lang kein Wort, zog sich permanent in ihr Zimmer zurück und zündete Kerzen an. Alda wusste nicht, was in dem Brief gestanden hatte, denn das erste, was ihre Mutter getan hatte war, ihn zu verbrennen.

Doch dann kam ihre Mutter auf einmal aus ihrem Zimmer, wirkte innerlich aufgeräumt und mit klarem Blick verkündete sie ihr, dass sie zu der Beerdigung nach Elmarsrog fahren würden, dass es Zeit wäre, dass Alda den Rest der Familie kennenlernte und sie ihr Erbe antrat. Dabei hielt sie Alda so fest umarmt, dass sie das Gefühl hatte, keine Luft zu bekommen.

 

Gestern Abend waren sie angekommen. Ingrid hatte sie am Hafen abgeholt und in ein kleines Hotel an einem See gebracht, das von einer Frau namens Gudrun Svenssen geführt wurde. Alda erfuhr erst später, dass es Ingrids Mutter war. Sie wunderte sich nur, dass Gudrun und ihre Mutter sich in die Arme fielen und mindesten zehn Minuten nicht los ließen. „Ich bin so froh dich zu sehen, Beth. Du hast hier so gefehlt.“

 

„Kennst du hier irgendwelche Leute?“

Beth Gesicht umspielte ein trauriges Lächeln. „Ja ich kenne sie, ich kenne sie alle … Dies hier ist mein zu Hause, hier bin ich aufgewachsen.“

Alda starrte ihre Mutter ungläubig an.

Das kann nicht sein. Warum hat sie nie davon erzählt? Was war mit Maine und den ganzen Geschichten darüber, hat sie das alles nur erfunden?

Als wenn ihre Mutter Gedanken lesen konnte, sagte sie: „Nein, es ist wahr, nur der Ort war ein anderer und Namen wurden durch andere ersetzt. Ich habe versucht, das alles hier zu vergessen, mich von hier fern zu halten. Doch man kann seine wahren Wurzeln nicht so ohne weiteres ablegen, Blutsbande sind einfach zu stark.“ Beth sank in sich zusammen, und obwohl Alda verwirrt und auch irgendwie sauer war, nahm sie ihre Mutter in den Arm, so wie sie es immer getan hatte, wenn es Alda nicht gut ging.

„Sie war meine Schwester. Ich habe sie so lange nicht gesehen und nun ist sie fort.“ Tränen flossen, leises Schluchzen, Alda ließ sie gewähren, hielt sie einfach nur, sagte nichts, doch in ihrem Kopf wirbelten unendlich viele Fragen. Beth würde sie beantworten müssen. Nur nicht heute.

Alda beobachtete die Menschen hier nun anders, jeder von ihnen konnte auf einmal zu ihrer Familie gehören.

Warum hat Ma mir all dies verschwiegen?

Sie war davon ausgegangen, dass sie außer ihrer Mutter keine Familie mehr hatte und nun gab es anscheinend eine. Die Familie ihres leiblichen Vaters, den sie nie kennengelernt hatte. Sie wusste, dass Beth die Schwester ihres Vaters war. Sie hatte Alda als Baby zu sich genommen, aufgezogen wie ihr eigenes Kind, geliebt wie keinen anderen Menschen. Alda konnte sich keine bessere Mutter vorstellen und liebte Beth über alles. Und doch hatte sie sich oft gewünscht, sie hätte ihren Vater kennenlernen können. Den Soldaten, der in Afrika kurz nach ihrer Geburt verschollen war. Mehr wusste Alda nicht von ihm. Beth sagte immer, dass es sie zu sehr schmerzte über ihn zu sprechen. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Und aus Respekt Beth gegenüber fragte Alda auch nie nach ihr. Wer war sie auch schon? Doch nur die Person, die sie zur Welt gebracht hatte. Alles andere und dass sie heute die Alda war, wie sie hier saß, hatte sie Beth zu verdanken.

 

*

Nervös lief ihre Mutter durch das Zimmer. Sie waren am Abend zu einem Essen im kleinen Kreise eingeladen, um Alda und Beth willkommen zu heißen. Alda verstand nicht, warum dies ihre Mutter so unruhig stimmte. Wenn jemand das Recht dazu hatte, dann doch wohl sie selber. Schließlich kannte sie keinen der Anwesenden, außer Ingrid und Gudrun. Doch Beth führte sich auf wie eine Sechszehnjährige, die zum ersten Mal feiern gehen durfte. Sie verhielt sich sowieso seltsam, seitdem sie hier waren. Alda hatte immer nur kurz das Meer gesehen, andauernd wurde sie von ihrer Mutter eingespannt und war abends so müde, dass sie nur noch ins Bett wollte.

Die Beerdigung war nun drei Tage her und es machte den Anschein, dass Beth verzweifelt versuchte, keinem zu begegnen, den sie kannte. Sie hatte Alda die abgelegensten Orte auf der Insel gezeigt, keine Menschenseele weit und breit, aber wunderschön. In diese Insel musste man sich einfach verlieben. Diese Kargheit auf der einen Seite, sobald man in Küstennähe kam, und diese dichten Wälder, Heiden auf der anderen Seite. Wunderschöne alte Gebäude und eine Burgruine. Das alles hatte sie in der kurzen Zeit gesehen, doch immer nur im Eilprogramm. Ihre Mutter war einfach nur rastlos über die Insel geirrt. Alda schob es auf die Trauer über den Verlust der Schwester. Doch heute Abend würde sie nicht ausweichen können und das machte sie anscheinend innerlich sehr unruhig. Sie hätte so gerne diese Unruhe von ihr genommen, aber Beth wirkte nur besorgter, wenn sie Alda ansah, so dass sie sich lieber in ihr eigenes Zimmer zurückzog, um sich für den Abend vorzubereiten.

*

„Willkommen mein Kind.“

Ein Mann, sein graues, schulterlanges Haar, die Falten und die leicht gebeugte Haltung ließen Alda ihn auf circa siebzig Jahre schätzen. Beth zögerte, wusste anscheinend nicht so recht, wie sie ihn begrüßen sollte. Ein sanftes Lächeln spielte sich auf seinem Mund ab, er zog sie an sich und umschloss sie mit seinen Armen. Sie erwiderte die Umarmung sofort, als hätte sie sich genau danach gesehnt. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, das Alda nicht verstehen konnte, doch die Antwort ihrer Mutter hörte sie. „Danke für all das, was du mir über die Jahre gesandt hast, Hugo. Ich hätte es sonst nicht geschafft.“

Sie lösten sich voneinander, er drückte noch einmal ihre Hand und sah dann zu Alda.

„Und wer ist denn dieses bezaubernde junge Wesen?“ Verschmitzt lächelte er Alda an, seine grauen Augen sprühten vor Energie und Lebenslust wie die eines jungen Mannes. Beth musste lachen.

„Dieses bezaubernde junge Wesen ist meine Alda. Samuels Tochter.“ Sie nahm Alda in den Arm und schob sie in Hugos Richtung. Alda kam sich wie ein kleines Mädchen vor. Für einen kurzen Augenblick trübte sich Hugos Blick bei der Erwähnung von Samuels Namen, doch dann reichte er ihr seine Hand und umschloss die ihre kraftvoll. Alda durchfuhr ein warmer Schauer. In dieser Berührung lag etwas Vertrautes.

„Ich heiße dich auf Elmarsrog herzlich willkommen. Ich hoffe, dass du dich hier zu Hause fühlen wirst.“

Nach und nach stellte man Alda Personen vor, die entweder zum engen Freundeskreis oder aber zur Familie gehörten. Sie nahm es erst einmal nur auf, während sie ihre Mutter beobachtete, die von den meisten herzlich in den Arm genommen wurde. Obwohl sie so lange fort gewesen war, hegte keiner der Anwesenden einen Groll gegen sie oder war distanziert. Auch ihr gegenüber waren alle freundlich, doch suchte keiner der Anwesenden das Gespräch mit ihr.

„Komm Alda, wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen.“ Ingrid hakte sich bei ihr ein und zog sie mit sich auf die Veranda. Alda war ihr sehr dankbar dafür. Sie fühlte sich wie eine Zuschauerin, der man gesagt hatte: „Nur schauen, nichts anfassen!“

Das Haus der Macmillians lag an einem Waldrand. Von der Hollywoodschaukel aus, in die Ingrid sie platziert hatte, konnte man den Wald gut sehen. Es war ein Laubwald, sehr dicht und dunkel, ja fast schwarz, obwohl es draußen erst langsam zu dämmern begann. Ingrid kam mit zwei Gläsern Prosecco wieder, setzte sich zu ihr und atmete tief durch.

„Ich liebe diesen Ort hier, an dem ich so viele schöne Kindheitserinnerungen und Abenteuer mit Erik und Yvonne erlebt habe.“

„Sind das deine Freunde?“ Alda mochte Ingrid und wollte gerne mehr über sie und diesen Ort erfahren.

„Sie sind meine Freunde und meine Familie, wie Bruder und Schwester für mich. Ich kann mich immer auf sie verlassen. Du musst sie unbedingt kennenlernen, aber sie sind heute leider beide verhindert.“ Ingrid nippte an ihrem Glas. „Ich hoffe, es gefällt dir hier bei uns. Es ist schade, dass du so lange nicht in unserer Mitte warst. Ich hoffe, dass wir die verlorene Zeit nun aufholen können.“ Ingrid konnte ununterbrochen reden, das war Alda sofort an ihr aufgefallen. Als wollte sie jede unangenehme Situation einfach weg reden. Alda war das nur recht.

„Ja, ich werde euch bestimmt öfter besuchen kommen, jetzt, da ich weiß, dass es euch gibt. Ich frage mich, wie lange Ma bleiben will.“

„Ich denke, sie bleibt auf jeden Fall bis zur Testamentsvollstreckung. So hat es Dorothee gewünscht, und ein Teil deiner Familie kommt erst in den nächsten Tagen zurück, sie weilen in England. Einige deiner Tanten und Onkel sind ja da drin, aber zum Beispiel Willow, deine Cousine, ist noch nicht da und Gerald, der beste Freund deines Vaters, ist auch nicht anwesend. Er war zwar auf der Beerdigung, doch musste er sofort nach der Zeremonie wieder fort. Sie werden aber zur Vollstreckung da sein, so hat es Dorothee gewollt.“ Immer wenn Ingrid ihren Namen aussprach, legte sich ein Schleier der Traurigkeit über ihre Augen. Alda hätte gerne gefragt, in welchem Verhältnis die beiden zueinander gestanden hatten, hielt es aber so kurz nach ihrem Tod noch nicht für angebracht.

Der Abend verlief ruhig. Ihre Mutter unterhielt sich viel, sah sich aber immer wieder nach Alda um, suchte ihren Blick, als wenn sie sich davon überzeugen wollte, dass alles okay war. Alda tat so, als würde sie es nicht merken, und vertiefte sich in Ingrids Erzählungen. Sie saugte ihre Erinnerungen auf und wünschte sich insgeheim, es wären ihre eigenen oder dass auch sie dazugehört hätte. Es war bereits dunkel und sehr kalt als ihre Mutter aufbrechen wollte. Alda blickte ein letztes Mal zum Wald, glaubte Lichter darin erkennen zu können und wunderte sich, wer um diese Uhrzeit noch draußen unterwegs war. Freiwillig würde sie bei Nacht nicht dort hinein gehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

2.Kapitel

 

Laut Gudrun hatte ihre Mutter schon früh das Haus verlassen. Wohin wusste sie allerdings nicht.

Habe ich nun endlich Zeit für mich?

Sie setzte sich eingemummelt in eine Decke auf die Veranda und genoss ihren Kaffee. Der Ausblick gefiel ihr. Man schaute auf einen kleinen See, der eingebettet in einem Wald lag. Die Frühlingssonne versuchte, sich durch die Wolken zu schieben, und hier und da gelang es ihr auch für kurze Momente. Es war so friedlich, fast windstill, man hörte das Rauschen des Meeres nicht, obwohl es nur ein paar hundert Meter hinter dem Wald lag. Aber der schien alle Geräusche zu verschlucken.

Elmarsrog war so vielseitig und unterschiedlich, wie Alda es noch nie an einem Ort zuvor erlebt hatte. Und sie war wirklich schon viel herumgekommen. Ihre Mutter war mit ihr durch verschiedene Länder gezogen, nie zu lange an einem Ort. Schnell hatte der Drang, weiterzuziehen, sie gezwungen, ihre „Zelte“ wieder abzubrechen. Nie ein richtiges Zuhause, und trotzdem hatte sie sich in der Nähe ihrer Mutter immer daheim gefühlt. Obwohl Alda lügen würde, wenn sie nicht zugäbe, sich ein richtiges Zuhause gewünscht zu haben.

Waterville war die erste Stadt, in der sie sesshaft geworden waren, wo Alda sich einen Job suchte. Sie hatten ein kleines Haus in einem Vorort bezogen. Alda verstand nicht, warum Beth

Elmarsrog jemals verlassen hatte und sie bekam auch keine Antwort auf ihr Nachfragen. Ihre Mutter wich ihr aus, wurde gereizt, wenn Alda zu viel bohrte. Ihre Antwort war immer wieder dieselbe: „Es war einfach nicht anders möglich, ich hatte keine Wahl.“ Was war der Grund oder Auslöser für ihre Flucht gewesen? Wie schwerwiegend musste dieser gewesen sein, dass eine junge Frau mit einem Baby diesen Ort für immer verlassen wollte? Und trotz allem war sie nun zurück, wegen einer Beerdigung. Okay, es war die ihrer eigenen Schwester, doch hatten sie so lange keinen Kontakt gehabt. Nie hatte ihre Mutter auch nur den Namen Dorothee erwähnt, nie von einer Schwester erzählt. Sie versuchte, das Schweigen ihrer Mutter zu akzeptieren. Zumindest bis sich die Gelegenheit bot, Auskünfte zu finden. Sie konnte eine Zeitlang ihre Neugier zurück halten, doch sie wusste auch, dass sie irgendwann anfangen würde, nach Antworten zu forschen. Sie gab sich nicht mit so einer banalen Aussage zufrieden.

Doch heute wollte sie über diese Dinge nicht weiter nachdenken. Sie wollte die Insel erleben, mit allen Sinnen. Sie packte ein paar Sachen zusammen, nahm eins der Fahrräder, die Gudrun für ihre Gäste bereitstellte, und fuhr los. Ein bestimmtes Ziel hatte sie nicht, sie ließ sich einfach treiben, schaute sich all die hübschen und alten Häuschen an, an denen sie vorbei kam. Sie machte Rast auf einer Düne, von der aus man fast die komplette Insel überblicken konnte. Der Wind musste über Jahrhunderte den Sand verwirbelt haben, der dann an kleinen Hindernissen hängen geblieben und mit der Zeit zu dieser ca. fünfzig Meter hohen Düne herangewachsen war. Auch jetzt pfiff er kalt und stark um ihre Ohren, zerzauste ihre dunkelbraunen Haare. Doch Alda fühlte sich in diesem Moment sehr lebendig. Sie holte ihre Kamera heraus, um Erinnerungsfotos zu schießen. Die Landschaft war einfach atemberaubend schön.

Sie sah eine kleine Bucht und beschloss, dort als nächstes hinzugehen. Sie begegnete auf ihrem Ausflug keiner Menschenseele, doch gerade das gefiel Alda besonders gut. Sie war es gewohnt allein zu sein, außer ihrer Mutter keine Freunde zu haben, auf sich gestellt. Hier konnte sie einfach sein, sich der Natur und ihrer Schönheit hingeben. Es dauerte ein wenig, bis sie den Zugang zur Bucht fand. Aber der Anblick, der sich ihr dann bot, raubte ihr fast den Atem. Ihr Herz machte einen Sprung, sie sog die Luft tief ein. Aus irgendeinem Grund wollte sie sich nur noch ausziehen und ins Wasser springen, die raue See spüren, egal wie kalt es war. Das Meer war so schön, sprühte vor Kraft und Leben. Alda fing an sich zu entkleiden. Der vorher so kalte Wind umschloss sie nun wie ein warmer Mantel. Sie versicherte sich noch einmal, dass sie wirklich alleine war, und zog dann auch die letzten Sachen aus. Sie schaute nur auf die Wellen und näherte sich ihnen immer mehr, wollte gerade einen Fuß ins kalte Nass setzen, als jemand sie von hinten festhielt. Alda fuhr erschrocken zusammen, drehte sich ruckartig um. Vor ihr stand eine Frau, dunkelhäutig, nicht älter als sie selber.

„Sie dürfen hier nicht schwimmen, haben sie denn nicht die Flagge gesehen?“ Sie zeigte auf eine rote Flagge, die rechts, keine zehn Meter von ihr, stand.

Alda blickte erstaunt darauf. „Nein … nein, die habe ich nicht gesehen.“

Komisch. War die vorhin schon da?

Plötzlich wurde ihr klar, dass sie komplett nackt vor der fremden Frau stand, dass deren Blick auf Aldas entblößte, 1,63 m große, weibliche Figur fiel, die durch das Joggen immer noch sehr straff aussah.

Die Frau lächelte sie sanft an und reichte ihr ein Handtuch, das Alda aus dem Hotel mitgenommen hatte. Dankbar, aber auch verärgert darüber, dass die Frau an ihrer Tasche gewesen war, wickelte sie es um sich, merkte nun auch wieder die eisige Kälte des Windes.

„Sie sollten sich anziehen. Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, bei der Kälte ins Wasser gehen zu wollen? Sogar die Einheimischen würden an diesem Tag das Meer meiden. Sie können froh sein, dass ich zufällig da war, denn alleine wären sie aus dem Wasser nicht wieder herausgekommen.“

Alda kam sich wie ein kleines Kind vor, das etwas falsch gemacht hatte und brachte nur ein zähneklapperndes „Danke“ heraus. Sie zog sich schweigend an und hoffte insgeheim, die Frau würde nun gehen, doch sie machte keine Anstalten.

„Sie sind durchgefroren, kommen sie mit, ich wohne gleich hinter der Düne, ich mache ihnen einen heißen Tee, das Wasser ist schon auf dem Herd.“ Ihre braunen Augen wirkten so warm, dass Alda nickte und ihr folgte.

Hinter der Düne lag ein Wald. Ein Pfad führte hindurch zu einer kleinen Holzhütte, die von außen ein wenig heruntergekommen aussah und nicht grösser als fünfzehn Quadratmetern sein konnte. Aus dem kleinen Kamin qualmte es. Das Ganze wirkte wenig einladend. Doch als die Frau in ihrem langen grünen Samtkleid die Tür öffnete und ihr den Eintritt gewährte, war Alda überrascht, wie gemütlich es drinnen aussah. Ein kleiner Ofen, der anscheinend als Heizung und Kochstelle diente, stand gerade aus. Daneben ein paar Unterschränke und zwei Oberschränke aus weißem verziertem Holz. Rechts von ihr befand ein großes Sofa mit einem Couchtisch und vor dem Fenster ein Esstisch. Alles wirkte sehr alt und jedes Möbelstück war anders. Das einzige, was Alda wirklich störte, nein, sie erstarren ließ, war eine riesige Spinne, die am Küchenschrank saß. „Kommen Sie! Setzen Sie sich!“

Alda brachte kein Wort heraus, stand weiter in der Tür und blickte auf dieses widerliche Tier mit dem fetten schwarzen Körper und den behaarten Beinen.

Nein, da gehe ich nicht rein!

Die Frau sah verwundert zu Alda und folgte dann ihrem Blick. „Oh, Angst vor Spinnen? Hier draußen in der Natur hat man viele Tierchen.“ Lächelnd ging sie auf das Regal zu, hielt die Hand unter die Spinne, die ohne zu zögern darauf kletterte. „Ich werde sie eben hinaus bringen. Setzen Sie sich doch schon mal.“

Angeekelt wich Alda zur Seite, als die Frau auf sie zu kam, am liebsten hätte sie fluchtartig die Hütte verlassen.

Wie kann sie dieses widerliche Tier nur auf ihre Hand nehmen?

Alda scannte hektisch den Raum ab, ob sie noch welche entdeckte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Leichte Übelkeit hatte sich breit gemacht.

„Es sind keine weiteren hier, keine Angst.“ Sie zeigte auf das Sofa.

Wie kann sie sich da sicher sein?

Alda versuchte sich zu beruhigen, langsam schlug ihr Herz wieder regelmäßiger. Während sie der Aufforderung, sich zu setzen, folgte, ging die Frau hinüber und goss in zwei große Keramik-becher einen heißen Tee aus einer Kupferkanne. Dann reichte sie ihn Alda und sagte: „Ich heiße übrigens Wicca.“

„Alda.“ Sie nahm den Becher entgegen und sog den leckeren Duft nach Kräutern ein. „Danke noch mal, dass Sie mich gewarnt haben. Ich war nur so erschrocken, dass auf einmal jemand hinter mir stand, obwohl ich mich kurz vorher noch ver-sichert hatte, allein zu sein.“

„Gern geschehen. Duzen wir uns doch lieber.“ Alda nickte zustimmend zu. „Für uns Einheimische ist klar, wann wir ins Meer können und wann nicht, aber für euch Touristen ist das schon schwierig einzuschätzen. Gut, dass ich gerade um die Ecke bog und dich noch rechtzeitig gesehen habe. Das Meer hier ist tückisch.“ Für einen kurzen Moment legte sich ihre Stirn in tiefe Falten. „Was führt dich um diese Jahreszeit auf eine Insel wie Elmarsrog? Es gibt doch schönere Orte, um Badeurlaub zu machen.“ Sie lächelte nun wieder.

„Eine Beerdigung. Badeurlaub hätte ich hier nicht gebucht, vor allem, weil ich vorher noch nie etwas von dieser Insel gehört habe. Aber meine Mutter kommt von hier … ursprünglich. Hat Familie hier auf der Insel.“

Wicca schaute nun sehr neugierig. „Beerdigung? Wir hatten nur eine in der letzten Zeit, die von Doro. Dorothee Cartland. Du warst auf ihrer Beerdigung?“ Sie schaute ungläubig.

„Ja, sie war die Schwester meiner Mutter. Aber wir hatten nicht sehr viel Kontakt.“

„Dann ist deine Mutter Beth?“

„Ja genau, kennst du meine Familie? Ich habe dich dort nicht gesehen.“

„Das liegt daran, dass ich erst an dem Tag angekommen bin, ich war nur bei der Übergabe ihres Körpers ins Jenseits mit dabei. An der Trauerzeremonie habe ich nicht teilnehmen können.“

Wenn sie mit dabei war, muss sie sehr gut mit Dorothee befreundet gewesen sein. Kennt sie etwa auch meine Mutter und weiß vielleicht Näheres zu ihrer Flucht? Eigentlich war sie dafür zu jung, aber ein Versuch war es trotzdem wert: „ Kennst du meine Mutter gut?“

Wicca sah Alda eindringlich an. „Sagen wir es mal so. Ich kenne sie nur vom Hörensagen. Dorothee hat ihre Schwester sehr geliebt und sie immer vermisst. Beth muss ein wundervoller Mensch sein, der sich stets für Andere aufgeopfert und ihr eigenes Leben immer zurückgestellt hat. Ich würde sie wirklich gerne kennenlernen. Dorothee hat mir auch ein paar Sachen hier gelassen, die ich Beth geben sollte, wenn Dorothee ihr die Dinge nicht selber überreichen könnte. Das ist wohl der Moment,

oder?“ Ihre Augen waren voller Trauer.

„Wenn du möchtest, kannst du mir die Sachen mitgeben, und ich leite sie dann weiter an meine Mutter.“ Das gäbe ihr die Möglichkeit, mehr zu erfahren. War vielleicht nicht gerade die feinste Art, aber wenn ihre Mutter stumm blieb, musste sie sich ja selber Antworten holen. Doch sie hatte kein Glück, Wicca machte ihr das sehr schnell deutlich.

„Das ist sehr nett von dir, aber ich werde sie in den kommenden Tagen aufsuchen. Wo seid ihr untergebracht?“.

„Wir sind im Hotel „Rostiger Anker“, ein etwas merkwürdiger Name für ein so wundervolles kleines Haus. Aber du kennst es bestimmt.“

„Und ob. Es gehört Ingrids Mutter, es ist schon seit Generationen im Familienbesitz und war nicht immer das, was es jetzt ist. Früher war es eine Spelunke und ein Freudenhaus. Da passte der Name wohl besser. Gudrun hat es nicht übers Herz gebracht ihn zu ändern.“ Wicca schmunzelte vor sich hin.

„Okay, das erklärt es natürlich. Danke für den Tee! Ich sollte mich aber nun auf den Weg machen, mein Fahrrad steht noch irgendwo. Ich hoffe, ich finde es, und dann muss ich auch zurück, meine Mutter erwartet mich bestimmt schon. Vielleicht sieht man sich ja noch mal, bevor wir wieder abreisen.“ Sie erhob sich, reichte Wicca, die sie zur Tür brachte die Hand.

Es dämmerte langsam und jetzt erst merkte Alda, wie lange sie unterwegs gewesen sein musste. Ihre Mutter würde sich bestimmt Sorgen machen.

„Pass auf dich auf, Alda, und meide das Meer. Es scheint eine große Anziehungskraft auf dich zu haben, wir wollen dich doch nicht verlieren.“

Alda dachte, sie würde scherzen, doch Wicca blickte sehr ernst. Wollte sie ihr Angst machen? Nur weil sie das Wasser heute unterschätzt hatte?

Ok, nicht diskutieren, einfach lächeln und gehen.

Das tat sie auch. Sie betrat den Pfad, den sie gekommen war, doch anstatt ihn Richtung Meer einzuschlagen, riet Wicca ihr, links abzubiegen. Wenige hundert Meter später würde sie ihr Fahrrad erreichen. So dankbar sie Wicca für ihre Hilfe war, so merkwürdig fand sie sie die letzten Minuten.

 

 

 

 

 

 

 

 

3.Kapitel

Alda genoss es, auf Elmarsrog zu sein, und sie merkte, dass auch Beth Stück für Stück den Zugang zu ihrem alten Zuhause fand. Hugo brauchte oft ihre Hilfe und das tat Beth sichtlich gut. Alda war es nur recht. Sie verbrachte jede freie Minute am Strand, malte ein Bild nach dem anderen, joggte und ließ die Seele baumeln. Leider würde sie Morgen die Heimreise antreten müssen. Aldas Urlaub war vorbei, die Bibliothek hatte ihr nur zehn Tage gewährt. Sie würde diese Insel vermissen, doch stand für sie auch fest, den Kontakt zu Ingrid zu halten und die nächsten Ferien wieder hier zu verbringen.

Als Alda sich am Nachmittag mit ihrer Mutter traf, sah sie sofort, dass Beth etwas sehr beschäftigte. Sie wirkte beunruhigt und schaute immerzu auf ihr Handy. Als würde sie auf einen dringenden Anruf warten.

„Ma, was ist?“

„Was?“ Beth schreckte auf, löste den Blick vom Display.

Alda zog die Brauen hoch. „Ist was passiert, du wirkst unruhig!“

Beth schüttelte den Kopf. „Ach nichts, nur ein Schriftstück, das wir gefunden haben. Es wird auf Echtheit überprüft und könnte kurzfristig ein paar Entscheidungen erfordern.“

„Worum geht es? Wen oder was betrifft es?“ Alda nervte das ständige Rätselraten.

„Um dich, mich, um Elmarsrog. So viele Dinge, Schatz.“

„Und das bedeutet, Ma?“ Beth musste an Aldas Stimme gemerkt haben, dass sie gereizt war, denn sie richtete sich auf und konzentrierte sich nun voll und ganz auf Alda. „Entschuldige. Es sind Ergänzungen zu Doros Testament, die ich im Haus meiner Familie gefunden habe. Wenn das aktuell ist, dann vermacht sie dir und mir alles, was dieser Familie je gehört hat, bis auf ihren Laden, der Yvonne seit ein paar Monaten gehört.“

In diesem Moment klingelte ihr Handy. „Ja Hugo, ja … ich habe verstanden … ja, wir kommen dann später vorbei … Okay …“ Als Beth das Handy wieder auf den Tisch legte, zitterte ihre Hand. „Es ist aktuell, doch es gibt noch weitere Unterlagen! Er wird alles mit uns durchgehen.“ Beth erhob sich. „Ich muss weg, wir treffen uns um sieben in der Kanzlei, okay?“

„Wo willst du hin? Wir wollten zusammen essen!“ Alda verstand ihre Mutter nicht. Was konnte so schlimm daran sein, etwas vererbt zu bekommen? Doch Beth schien schon wieder in ihrer eigenen Welt zu sein, gab Alda einen Kuss auf die Stirn, drehte sich um und ging. Und das an ihrem letzten Tag hier. Alda bestellte sich etwas zu essen, um dann noch einmal zum Strand zu gehen. Sie wollte sich die letzten Momente auf der Insel nicht vermiesen lassen, denn sie spürte jetzt schon eine Schwere um ihr Herz bei dem Gedanken, die Insel und die Menschen hier verlassen zu müssen.

*

„…vererbe ich meiner Nichte Alda mein Haus und Grund unter den Bedingungen, die im Zusatzschreiben zwei enthalten sind. Diese sind unter vier Augen mit ihr zu klären. Des Weiteren bekommt sie mein Vermögen, das auf meinen privaten Bankkonten vorhanden ist.

Meiner Schwester Beth vererbe ich das Familienanwesen, mit allen dazugehörigen Ländereien, und das gesamte Vermögen unserer Familie unter den Bedingungen im Zusatzschreiben drei, die unter vier Augen mit ihr zu klären sind. Ich wünsche mir von Herzen, dass die Frauen der Cartland Linie das Erbe antreten und weiterführen, was viele andere vor uns begonnen haben.“

 

Alda war verwirrt.

Wie kann mir eine völlig Fremde so viel vererben? Welche Bedingungen meint sie wohl? Und was bedeutet dieses „Weiterführen“, was so viele vor uns begonnen haben?

Sie sah hinüber zu ihrer Mutter, die mit gesenktem Kopf auf ihre Finger starrte, die ineinander verwoben waren. Alda konnte nicht erkennen, was in ihrer Mutter im Augenblick vorging. Sie wollte gerade zu ihr hinüber gehen und sie fragen, als Ingrid mit dem Notar aus dem Nebenzimmer kam. Beth blickte auf, der Notar bat sie, ihr zu folgen.

Die Minuten verstrichen, Ingrid hatte sich bereits verabschiedet, weil sie ins Café zurück musste. Alda stand vor dem großen Bogenfenster, von dem aus man auf den kleinen Marktplatz sehen konnte. Ihr gefiel das kleine Städtchen Lindjerg, das so vollkommen anders war als der Rest der Insel. Hier herrschte immer rege Betriebsamkeit, es gab wundervoll verzierte Häuser, in denen die unterschiedlichsten Läden waren. Jedes für sich ein Unikat und anscheinend in Familienbesitz. Sogar um kurz nach acht Uhr abends war hier noch einiges los. Verliebte Paare, die Händchen haltend über den Platz liefen und so wunderbar in dieses verträumte Städtchen passten. Menschen, die sich unterhaltend und lachend, in den Cafés saßen. Viele Läden trugen das Meer im Namen, auf ihren Schildern oder zeigten entsprechende Motive in den Schaufenstern. Mitten auf dem Platz stand ein Brunnen, auf dem eine wunderschöne Meerjungfrau thronte. Alda hatte selten so viel Liebe zum Detail gesehen. Die Bürger untereinander fanden es anscheinend alle gleich wichtig, wie es hier auszusehen hatte. Im gesamten Stadtkern fuhren keine Autos. Vor der Stadt gab es Parkplätze, und entweder fuhr man mit dem Fahrrad weiter oder mit den Kutschen, die dort warteten. Alda gefiel das, man hatte hier das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben war. Sie konnte sich nicht satt sehen an den Verzierungen der Gebäude. Auch im Dämmerlicht, mit den bunten Lämpchen und Girlanden, die überall hingen, wirkte es wie ein Ort aus einem Märchen.

Alda fühlte sich beobachtet und als sie hinunter sah, blickte sie für Sekunden in ein anderes Augenpaar, bevor es sich, ertappt, abrupt abwendete. Sie sah, wie ein Mann zügig über den Platz lief und in einer der Gassen verschwand. War das nun Zufall, oder beobachtete sie jemand? Doch wer sollte das sein? Hätte der Mann nicht einen langen schwarzen Umhang mit Kapuze getragen, wäre er ihr bestimmt noch nicht einmal aufgefallen. Alda wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich hinter ihr die Türe öffnete.

„So, nun kommen wir zu Ihnen, Frau Cartland.“

Alda erwartete, das Beth hinter dem Notar erschien, doch nichts geschah. „Wo ist meine Mutter?“, fragte sie.

„Oh, sie hatte einige Dinge zu erledigen und wollte noch jemanden aufsuchen. Sie lässt ausrichten, dass sie sie nachher im Hotel trifft.“

Wen will sie um diese Uhrzeit noch treffen, dies ist unser letzter Abend hier. Hätten wir den nicht gemeinsam verbringen können, oder ist in dem Gespräch mit dem Notar etwas aufgekommen, das sie klären muss?

„Setzen Sie sich doch! Ich möchte Ihnen ein Video zeigen, das zu dem Testament gehört und nur für Sie gedacht ist.“ Alda setzte sich auf ein Sofa, vor dem ein Fernseher stand. „Danach bekommen Sie ein Schreiben, in dem die Bedingungen stehen, die Sie zu erfüllen haben, wenn Sie das Erbe antreten möchten.“

Eine Frau um die 50 erschien auf dem Bildschirm. Ihre schwarzen Haare hatte sie hinten am Kopf wirr zusammengesteckt, um ihren Körper eine viel zu große Tweed Jacke geschlungen. Sie wirkte blass, ihr Lächeln sehr angespannt, doch ihre mit Lachfältchen umzogenen braunen Augen strahlten Wissen und Erfahrung aus. Sie blickte direkt in die Kamera, der Kamin im Hintergrund kam Alda bekannt vor.

Dorothee.

Es war die Frau, die sie auf mittlerweile diversen Bildern gesehen hatte.

„Meine kleine Alda, wie schnell du erwachsen geworden bist. Deine Mutter hat leider sehr gut dafür gesorgt, dass du oftmals unauffindbar warst, sogar für mich, wohl aus Angst, dass es dir schaden könnte. Das letzte Mal habe ich dich vor zwei Jahren gesehen. Nicht, dass deine Mutter davon etwas gewusst hat, sie wäre ausgerastet.“

Verschmitzt lächelte sie in die Kamera.

„Aber ich hatte eben meine Möglichkeiten und habe sie genutzt. Doch das spielt nun keine Rolle mehr, denn wenn du dieses Video siehst, bist du auf Elmarsrog, deine Mutter ist meinem Wunsch nachgekommen und hat dich nach Hause gebracht. Und hier gehörst du hin, Alda. Deine

Familie und deine Mutter werden dich brauchen, auch wenn Beth dir etwas anderes erzählen wird. Aber Fakt ist, dass sie definitiv in Zukunft auf Elmarsrog bleiben wird, denn sie weiß um ihre Verantwortung. Und dich, mein Kind, möchte ich bitten, auch zu bleiben. Deshalb schenke ich dir mein Haus und mein Land.“

Sie blickte kurz nach unten, rieb sich mit den Händen über ihr Gesicht, atmete tief durch, straffte die Schultern und fuhr fort:

„Mein Zuhause soll von nun an deines sein. Ich habe es von jeher geliebt, es war für mich ein Ort der Ruhe, der Zuflucht und des Schutzes. Lass es auch für dich ein solcher Ort sein. Gib Elmarsrog und deiner Familie eine Chance. Auch wenn du mich nicht kennst, weiß ich einiges von dir, und ich werde immer bei dir sein, immer in deiner Nähe. Das habe ich, genau wie deine Mutter, deinem Vater versprechen müssen, und wir beide haben uns bis heute daran gehalten. So wie wir dich brauchen, wirst auch du Elmarsrog brauchen. Denn alles, was du je gesucht hast, alle Fragen die nicht beantwortet wurden, werden hier gelöst. Luna sei mit dir, meine liebe Alda.“

Der Bildschirm wurde schwarz. Alda saß einfach nur da. Von links reichte man ihr ein Schreiben. „Bitte unterzeichnen Sie, dass ich Ihnen das Video gezeigt habe und nun aushändige, zusammen mit den Bedingungen. Sie müssen ihnen nicht sofort zustimmen. Sie haben vierzehn Tage Zeit, genauso wie Ihre Mutter. Wenn Sie Ihre Entscheidung getroffen haben, melden Sie sich bitte bei mir und wir klären dann die Formalitäten.“ Alda unterschrieb, nahm die Unterlagen entgegen und wurde aus dem Büro geleitet.

Als sie vor die Tür trat, erfasste sie ein kalter Wind. Sie fröstelte, denn sie hatte natürlich nicht an eine Jacke gedacht. Sie rollte den Kragen ihres Pullovers weiter hoch und ging auf den Marktplatz. Alda kaufte einen Schal aus Schurwolle bei einer alten Dame, die mindestens achtzig sein musste und anscheinend immer noch selber die Stricknadel schwang. Dann schlenderte sie hinunter zum Hafen, schaute den Fischern zu, die schon alles für den Morgen vorbereiteten, und setzte sich an den Pier. Sie las den Brief mit den Bedingungen durch, steckte ihn wieder ein und beschloss, den letzten Abend nicht mit solch schweren Gedanken zu beenden. Das hatte Zeit. Sie war zu verwirrt, um einen klaren Gedanken zu fassen, verstand noch nicht so richtig, was in den letzten Stunden passiert war und was das alles für sie bedeutete. Ihr Herz machte Freudensprünge bei dem Gedanken, dass ihr etwas auf dieser Insel gehören konnte, aber die Bedingungen und die Worte, die Doro gesprochen hatte, waren verwirrend und bereiteten ihr ein wenig Magenschmerzen.

„Was macht ein so hübsches Mädchen hier allein am Pier, weiß es denn nicht, wie gefährlich das ist?“ Alda fuhr zusammen, drehte sich ruckartig um, sah Gummistiefel, einen gewachsten schwarzen Mantel und dann in ein graubärtiges Männergesicht um die fünfundfünfzig.

Seine grün-grauen Augen lächelten frech, genauso wie sein Mund mit den nicht allzu guten Zähnen. „Keine Angst, mein Kind. ICH tue dir nichts, aber auch auf einer so kleinen Insel sollten Frauen abends nicht alleine am Pier sein. Seemänner können das dann doch schon mal falsch verstehen. Darf ich?“ Er zeigte auf den Platz neben Alda.

„Natürlich gerne. Nachdem Sie mir ja nun versichert haben, dass ich vor Ihnen keine Angst haben muss, bitte“, sagte sie ironisch und rückte ein Stück zur Seite.

„Auch eins?“ Er öffnete seine Manteltasche und holte ein Bier heraus. „Mein Feierabendbier, das habe ich mir redlich verdient.“

„Nein, danke, so gut kennen wir uns ja nun doch noch nicht.“ Alda musterte ihn von der Seite und sah seinen amüsierten Gesichtsausdruck.

„Ich bin Harbard, Kapitän der 'Marie Collet'. Ich fahre unsere Leute auf das Festland und zurück, auch Ausflugstouren kann man bei mir buchen. Reicht das für ein gemeinsames Bier?“ Er reichte Alda eine Flasche. Nun musste auch sie schmunzeln. Sie nahm an. „Alda Cartland, zu Besuch auf der Insel und morgen früh bei Ihnen an Bord für die Rückreise.“ Sie meinte, ein kurzes Erstaunen in seinen Augen zu sehen, aber nur für Sekundenbruchteile. Alda hatte sich angewöhnt, Menschen, die ihr begegneten immer genau zu beobachten, um schneller hinter die Fassade blicken zu können. So wusste sie oft schnell, ob es Sinn machte, sich mit jemandem abzugeben oder nicht. Das war sehr hilfreich, wenn man immer nur kurz an einem Ort blieb und keine Zeit hatte, Menschen wirklich kennenzulernen.

„So stellt sich also ein Mädchen vom Festland ihren letzten Abend auf Elmarsrog vor, allein am Pier, wo es nach Fisch stinkt und die Männer sich schmutzige Witze zuwerfen, während sie sich auf den nächsten Tag vorbereiten?

---ENDE DER LESEPROBE---