Elsas Stern. Ein Holocaust-Drama - Agnes Christofferson - E-Book

Elsas Stern. Ein Holocaust-Drama E-Book

Agnes Christofferson

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Beschreibung

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die junge Jüdin Elsa nach Auschwitz deportiert. Die Begegnung mit dem skrupellosen KZ-Arzt Erich Hauser verändert ihr Leben auf grausame Weise. Fast 35 Jahre bewahrt sie das Geheimnis, bis sie eines Tages ihrem Peiniger in einem New Yorker Restaurant wiederbegegnet. Elsas Tochter Leni erfährt erst aus dem Tagebuch ihrer Mutter von der tragischen Geschichte ihrer Familie, die in Auschwitz mit Menschenexperimenten begann … Lenis Gedanken werden daraufhin von einem unweigerlichen Ziel bestimmt: Dr. Hauser für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Agnes Christofferson

Elsas Stern

Ein Holocaust-Drama

Christofferson, Agnes: Elsas Stern, Hamburg, ACABUS Verlag 2014

Originalausgabe

PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-311-6

ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-312-3

Print: ISBN 978-3-86282-310-9

Lektorat: Elisabeth Hofmann, ACABUS Verlag

Cover: © Jieshan Kong und Marta Czerwinski, ACABUS Verlag

Covermotive:http://pixabay.com/

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der ACABUS Verlag ist ein Imprint der Diplomica Verlag GmbH, Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

_______________________________

© ACABUS Verlag, Hamburg 2014 Alle Rechte vorbehalten. http://www.acabus-verlag.de

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmund www.readbox.net

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Epilog

Nachwort der Autorin

Die Autorin

Landmarks

Inhalt

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Textbeginn

„Auschwitz war ein solch schrecklicher Ort,dass Gott beschloss, nicht dort zu sein.“

Eine Holocaust-Überlebende

Prolog

Mai, 1947

Liebste Hanna,

es ist viel passiert seit meinem letzten Brief. Ich bin in Amerika angekommen und Tante Viktoria und Onkel Emeram haben mich herzlich aufgenommen. In New York habe ich ein neues Zuhause gefunden und mich bereits gut eingelebt. Auch dir würde New York gefallen! Es ist so, wie wir es uns vorgestellt haben: riesig und voller Leben. Du könntest hier Medizin studieren. So wie du es immer wolltest.

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig nervös war, denn immerhin eilte mir ein gewisser Ruf voraus; ich bin unverheiratet und habe ein Baby. Du weißt ja, was die Leute in unserer Gemeinde von solchen Mädchen hielten. Doch Onkel und Tante zeigten Verständnis. Mein „Verlobter“ war schließlich in den Kriegswirren durch die Hand der Nazis umgekommen; solch ein Schicksalsschlag sollte gewiss niemanden ereilen. Hier habe ich ein gottgefälliges Zuhause gefunden und Tante sagt, durch harte Arbeit und ein anständiges Leben würde ich Vergebung für meine Sünden finden. Ich werde also eine wunderbare Chance erhalten, mich „reinzuwaschen“. Mein Geheimnis ist somit sicher.

Apropos Geheimnis, Salome gedeiht prächtig. Obwohl wir eine sehr schwere Zeit hinter uns haben, verläuft ihre Entwicklung normal. Sie hat blondes Haar und ein bezauberndes Puppengesicht. Tante hat sie unter ihre Fittiche genommen, damit ich wieder auf die Kunstschule kann. Sie ist unglaublich gut mit Kindern. Kaum zu glauben, dass sie selber nie Kinder hatte. Um so mehr sehe ich Salome als ein Geschenk Gottes. Ich muss mich ihrer ganz sicher nicht schämen! Ich bereue nichts. Auch bereue ich nicht, dass ich Salomes Geheimnis um ihre Herkunft für mich behalte.

Hanna, es gibt einen Grund, weshalb ich dir ausgerechnet jetzt schreibe. Es ist etwas Wunderbares passiert. Ich habe mich verlobt und werde im Sommer heiraten! Ist das denn zu glauben?

Du wirst nie erraten, wer mein Verlobter ist. Es ist Jared Aronsohn, der Sohn des Anwalts, der Vaters Vermögen in Amerika verwaltet. Unglaublich! Er ist drei Jahre älter als ich und Jurastudent. Er wird Anwalt, genau wie sein Vater. Wir sind uns 1945 begegnet und es ist mir ein Rätsel, weshalb er sich in mich verliebt hat. Ich habe ein Baby und bin immer noch viel zu dürr. Jared sagt, er liebt Kinder über alles und noch mehr liebt er magere Frauen. Offenbar gibt es Kräfte auf der Erde, die wir nie verstehen werden.

Nachdem sich unsere Verlobung herumgesprochen hat, sehen mich die Leute nun ganz anders. Sie sind noch höflicher und zuvorkommender zu mir.

Meine zukünftigen Schwiegereltern sind sehr wohlhabend und angesehen. Sie sind noch vermögender, als wir es waren! Und genau das bringt ein paar Probleme mit sich. Meine zukünftige Schwiegermutter Mona ist eine sehr gottesfürchtige und traditionsgebundene Frau. Offenbar gibt die Identität von Salomes Vater Anlass zu allerhand Spekulationen. Ich habe sie schon flüstern hören, ich sei eine Hure! Befleckt wäre ich und ihres Sohnes nicht würdig! Sie sagte auch, sie habe ihren Sohn nicht zu einem gottesfürchtigen, achtbaren und tugendhaften Menschen herangezogen, damit er eine dahergelaufene, deutsche Hure heiratet.

Das beunruhigt mich. So viel Zorn ist nicht gut für uns. Gewiss wird sie mich bald besser kennenlernen. Vielleicht wird sie mich sogar mögen? Ich bin keine Hure. Wir beide wissen das. Und Jared weiß es auch. Ich habe ihm mein Geheimnis anvertraut. Er war schockiert, dennoch ist er in Bezug auf unsere Zukunft zuversichtlich.

Nun gut, ich werde diesen Brief jetzt beenden. Die Sonne scheint so schön, deshalb will ich mit Salome in den Park gehen. Wir haben nämlich einen wunderbaren Park direkt vor der Tür – den Central Park. Er ist riesig! So einen Park hast du ganz sicher noch nie gesehen!

Du würdest es hier genauso lieben wie ich!

Herzlichst

Deine Schwester Elsa

1

New York, Frühjahr 1979Samstag

Dem Mann, der unser Leben gänzlich erschüttern sollte, begegneten wir in einem Restaurant. Es geschah an einem jener Tage, an denen das Leben ruhig und in geregelten Bahnen verlief; ein gewöhnlicher Samstag mit einem gewöhnlichen Tagesablauf und den üblichen Pflichten. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, Single und verbrachte meinen freien Tag damit, meine Kleidung von der Reinigung abzuholen, mein Auto zu waschen und mit meiner älteren Schwester Salome zu telefonieren.

Am Abend führte ich meine Mum zum Essen aus. Das war zu unserem kleinen Ritual geworden.

Seitdem mein Vater vor zwei Jahren infolge eines Herzinfarktes verstorben war, ging meine Mum so gut wie nie aus. Ich wünschte mir so sehr, dass sie für eine Weile der Trauer entfliehen konnte, und lud sie hin und wieder zum Essen ein.

Ich kannte ihre Vorliebe für Salate, Meeresfrüchte und vollmundige Rotweine, daher hatte ich das Restaurant persönlich für sie ausgewählt.

Das Elektrics war ein modernes, italienisches Lokal mit einem gemütlichen Ambiente. Wir saßen an einem winzigen Zweiertisch und versuchten, eine angenehme Zeit miteinander zu verbringen. Das war nicht leicht, denn meine Mum war oft etwas forsch, was eine angenehme Unterhaltung mit ihr verkomplizierte.

Ich wurde in eine eigenartige Familie hineingeboren. Meine Mum war Jahrgang 1925 und wuchs im antisemitischen Deutschland auf. 1944 floh sie mit meiner neugeborenen Schwester Salome nach Amerika. Dabei verlor sie ihre Familie komplett aus den Augen. Ihr Schicksal blieb offen und ungeklärt. Die Vergangenheit meiner Mutter war für mich im Grunde ein einziges Geheimnis. Fakt war: alle hatten Oma, Opa, Onkel, Tanten. Nur wir hatten niemanden – jedenfalls fast niemanden.

Als ich noch ganz klein war, hatte ich angenommen, die Familienverhältnisse wären ganz normal. Als ich älter wurde, begann ich zu begreifen, dass unsere Familie etwas anders war. Wir waren eine Familie mit wenig Verwandtschaft, aber dafür mit vielen Familiengeheimnissen.

Meine Mum, Elsa Aronsohn, beobachtete, wie die Barkeeperin zwei große Biergläser vollzapfte und sie routiniert über die Theke schob. Dabei beugte sich die junge Frau so vor, dass die beiden Männer an der Bar einen Blick in den Ausschnitt ihrer Bluse erhaschen konnten.

„Das ist doch scheußlich. Die glaubt wohl, wenn man ein bisschen Fleisch zeigt, kriegt man mehr Trinkgeld“, entrüstete sich meine Mum provokativ laut.

Ich spürte, wie die Röte von meinen Wangen sich bis hin zu meiner Stirn und über meinen Nacken zog, und war froh, dass der Raum nur schwach beleuchtet war.

Das war typisch meine Mutter. Sie war seit jeher Hausfrau, Mutter und die Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts gewesen. Ein wenig weltfremd in meinen Augen. Sie lebte in ihrem eigenen kleinen Kokon, aus dem sie voller Misstrauen und übertriebener Wachsamkeit auf die Welt schauen konnte. Mum und Dad hatten 1947 geheiratet, zu einer Zeit, da Frauen keine anderen Interessen hatten, als den besten Braten herzurichten und die beste Methode zu finden, Flecken aus Polstern und Kleidung zu entfernen.

Falls meine Mutter mein nervöses Lächeln bemerkt hatte, zeigte sie es nicht. Stattdessen griff sie nach ihrem Weinglas. In ihrem eleganten Kostüm und mit ihrer kupferroten, perfekt sitzenden Elizabeth-Taylor–Frisur wirkte sie ein wenig fehl am Platz in dem neuen In-Restaurant. Es wurde vorwiegend von jüngeren Leuten besucht. Von Leuten, die nicht so viel Wert auf Etikette legten wie meine Mum. Selbst in der Art, wie sie das Weinglas hielt, erkannte ich noch etwas von der Eleganz, zu der ihre Eltern sie erzogen hatten.

„Lass gut sein, Mum. Du kannst die Welt eh nicht verbessern“, sagte ich. „Achte gar nicht auf sie. Lass uns einfach den Abend genießen.“

Mum wandte den Blick ab und ließ ihn über die dunklen Bodendielen gleiten. „Ach Liebes, du hast ja so recht“, sagte sie, stieß ein gepresstes Lachen hervor und griff nach der Speisekarte. Aus ihrer Handtasche klaubte sie ihre Lesebrille und setzte sie auf. Während sie die Speisekarte las, überlegte ich, wie ich ihr beibringen sollte, dass Laura, meine bisherige Mitbewohnerin, ausgezogen war und ich nun die große, übertrieben teure Wohnung gegen ein winziges, schäbiges Einzimmerapartment tauschen musste.

Ich promovierte in amerikanischer Literatur und arbeitete als Bibliothekarin, doch die Bezahlung war nicht die beste. Seit Lauras Umzug waren schon zwei Wochen vergangen, und irgendwann würde ich meiner Mum reinen Wein einschenken müssen. Spätestens dann, wenn der Umzug anstand. Sie hatte meine Flucht aus dem Elternhaus von Anfang an mit Skepsis betrachtet. Ich hatte ja ein gut ausgestattetes Kinderzimmer im Dachgeschoss meines Elternhauses auf Long Island. Meine Mutter würde sich jetzt noch mehr Sorgen machen, wenn sie hörte, dass ich nun allein in der Wohnung lebte. Ich glaubte, ihr wäre wohler, wenn ich mehr von meiner Halbschwester hätte.

Salome war zehn Jahre älter als ich und lebte bis zu ihrer Heirat in unserem Elternhaus. Sie war fast dreiundzwanzig, als sie heiratete. Ihren Mann Anton hatte sie an der Uni kennengelernt. Anton war zwei Jahre älter und stammte aus einem guten Elternhaus. Er führte sie in vornehme Restaurants und fuhr mit ihr in den Urlaub. Kurz nach ihrem Abschluss war sie schwanger, dann verheiratet. Nun verheiratet verwandelte sich Salome bereits nach kurzer Zeit in einen völlig anderen Menschen. Scheinbar über Nacht mutierte sie zu unserer Mum: zu einer geradlinigen, gut organisierten Familienmanagerin. Anton war mittlerweile ein sehr erfolgreicher Schönheitschirurg und die beiden lebten in Saus und Braus.

„Was willst du bestellen?“, fragte ich.

Meine Mutter schaute nachdenklich drein. „Ich weiß noch nicht“, murmelte sie.

„Lass dir ruhig Zeit.“ Ich hatte es nicht eilig und wollte den Abend mit ihr in Ruhe genießen.

Ein älterer Herr drängte sich zwischen den Gästen an die Theke. Er war Mitte sechzig, sehr groß, ein wenig zu dünn, mit halblangem meliertem Haar. Da er mit dem Rücken zu mir stand, konnte ich seine Gesichtszüge nur schwer erkennen. Er trug einen teuer aussehenden Anzug und hatte eine junge Blondine an seiner Seite. Die junge Frau strich eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr, sodass man einen teuren Diamantohrring und ihr hübsches Profil erkennen konnte. Ich überlegte, ob die Blondine seine Tochter oder seine Geliebte war. Beides wäre möglich gewesen.

Meine Mum legte die Speisekarte auf den Tisch. „Sieht so aus, als hätte ich mich entschieden“, verkündete sie, als wäre sie die große Gewinnerin des Abends.

„Was hast du ausgewählt?“, fragte ich neugierig.

„Ich nehme den großen Salat.“

„Nur einen Salat?“

„Findest du das nicht richtig?“ Sie sah mich stirnrunzelnd an.

„Wenn du schon so fragst, nein“, räumte ich ein. „Bestell dir etwas Richtiges zu essen.“

„Ab einem bestimmten Alter muss man auf seine Figur achten, Schätzchen.“ Sie beäugte mich ernst, doch sie schien es nicht ernst zu meinen. Meine Mutter war Mitte fünfzig, eine dynamische und attraktive Frau. Sie musste sich ganz sicher keine Probleme um ihre Figur machen. Ich lächelte und schwieg. Manchmal war Schweigen die bessere Antwort.

„Ich mochte deine Haare lang“, sagte sie plötzlich aus dem Kontext gegriffen. Sie spielte auf meine neue Frisur an.

Ich strich mir ein paar kastanienbraune Wellen hinters Ohr. Vor ein paar Tagen ließ ich meine hüftlangen, aalglatten Haare schulterlang schneiden und föhnte sie nun zu einer wundervollen Außenrolle. „Meine Haare sind doch nicht kurz!“, wandte ich ein. „Außerdem ist die Frisur momentan todschick. Mit der Zeit gehen ist immer gut.“

Mum verzog die Lippen zu einem kleinen, kühlen Lächeln. „Nun ja, irgendwann ist es wohl Zeit für eine Veränderung. Auch wenn die Veränderung einem nicht schmeichelt.“

Ich beschloss, diese Anspielung zu überhören. So war meine Mutter eben. Nicht böse. Sie konnte ihre Gefühle noch nie besonders gut ausdrücken. Ich war mir sicher, dass ihr die neue Frisur super gefiel. Sie wusste es nur noch nicht.

Im hinteren Bereich des Lokals saß eine Gruppe junger Leute, die sich scheinbar Witze erzählte. Jeweils nach einer kurzen Pause folgte eine laute Lachsalve. Die Art, wie sie lachten, war durchaus typisch für jemanden, der sich über etwas Lustiges amüsierte. Einer der jungen Leute gab der Kellnerin das Zeichen, eine neue Runde zu bringen.

„Zu meiner Zeit hatten wir noch Manieren“, murmelte meine Mutter, der die feuchtfröhliche Gruppe bereits aufgefallen war. Das war wieder ganz typisch meine Mum. Während die anderen lachten und sich unterhielten, zog sie sich in ihren Kokon zurück. Eine richtige Spaßbremse konnte sie sein.

„Willst du mir erzählen, dass die Jugend früher anders war?“, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Gab es damals keine Frauen mit tiefen Ausschnitten? Waren die Leute nicht lustig?“ Meine Güte, man konnte sich aber auch anstellen!

Mum lächelte. Ein verschmitztes, angedeutetes Grinsen umspielte ihre Mundwinkel. „Gab es schon“, sagte sie. „Die hatten aber bessere Manieren.“

Wieder erfüllte ein kräftiges Lachen den Raum. „Sie haben doch nur etwas Spaß“, meinte ich.

Meine Mutter setzte ihre Lesebrille wieder ab und steckte sie in die Handtasche. „Sie könnten sich aber auch etwas leiser amüsieren. Ich meine, wir sind schließlich nicht auf einer Studentenparty.“

„Auf einer Beerdigung sind wir aber auch nicht. Wir sind bald in den achtziger Jahren. Man muss mit der Zeit gehen.“

Mums spitzer Blick blieb an meinem Gesicht hängen. „Hast du dich auch schon entschieden, Liebes? Weißt du, was du essen möchtest? Ich habe schrecklichen Hunger. Tut mir leid, dass ich ein solcher Plagegeist bin, aber ich habe seit heute Mittag nichts gegessen. Du weißt doch, wie ich bin, wenn ich hungrig bin.“ Sie sagte es mit einem derart süßen Lächeln, dass ich nur mit Mühe entscheiden konnte, ob sie ernsthaft verärgert war oder nicht.

„Unausstehlich?“, fragte ich. Ich trank einen großen Schluck Wein und spürte, wie er in der Kehle brannte. Seitdem ich denken konnte, war unser Kühlschrank vollgepackt mit Essen. Ich kannte ihre Reaktion auf Hunger nur zu gut.

„Unausstehlich, misslaunig und brummig“, fügte meine Mum hinzu.

„Bösartig?“, hörte ich mich sagen, so zaghaft, dass ich meine eigene Stimme kaum erkannte.

„Moment mal!“, rief Mum und hob protestierend die Hände. „Jetzt übertreibst du aber! Ich kann Hunger einfach nicht leiden. Mein Blutzucker sinkt und …“

Ich schenkte ihr ein Lächeln. „Ich wollte dich bloß ärgern, denn du magst meine Frisur nicht.“

„So ist das auch nicht. Ich finde sie ganz in Ordnung. Ich mochte deine Haare lang einfach lieber. Was nimmst du nun?“

„Ich nehme die Pizza.“

„Pizza? Ist ja kein Wunder, dass du an meinem Salat etwas auszusetzen hast.“ Meine Mum drehte sich nach der Kellnerin um. „Hast du das gesehen? Die hat uns gesehen und ist sofort weitergelaufen.“

Ich rollte mit den Augen. Dieses extreme Misstrauen ging mir gehörig auf den Geist. Ich grinste ein wenig boshaft. „Ja genau“, murmelte ich. „Sie hat uns gesehen und ist sofort weitergelaufen. Das ist bestimmt eine Verschwörung.“

„Jetzt spinnst du aber!“, meinte meine Mum. Sie ließ den Blick durch den Raum gleiten, ohne irgendwo zu verharren, bis sie schließlich an dem älteren Mann mit der jungen Blondine hängen blieb. Er hatte sich umgedreht, um nach einem leeren Tisch Ausschau zu halten. Mir fielen sofort seine beinahe stechend blauen Augen auf, die sich kurz mit dem Blick meiner Mutter kreuzten. Er hatte ein aristokratisches, gut geschnittenes Gesicht. Für sein Alter sah er noch sehr gut aus. Er wirkte wie ein reicher Unternehmer und so malte ich mir aus, dass die Blondine an seiner Seite seine Frau war. Eine Tochter aus gutem Hause oder eine reiche Erbin mit Vaterkomplex. Solchen Paaren begegnete ich häufig.

Am Tisch wurde es auf einmal bedrückend still und ich merkte, dass Mum den Atem anhielt. Ihr war die Farbe aus dem Gesicht gewichen und ihre Hände zitterten.

„Mum?“, fragte ich erschrocken. Aber sie antwortete nicht. Statt einer Antwort hörte ich nur einen erstickten Laut. Ihr Gesicht war vollkommen versteinert, während sie den älteren Mann anstarrte, der sich inzwischen wieder der Blondine zugewandt hatte. „Mum?“ Wieder keine Antwort. Während der Raum sich mit neuen Gästen füllte, schaute ich mich Hilfe suchend nach einer Bedienung um. „Alles in Ordnung?“

Wie in Trance wies sie mit dem Kopf auf den Mann. Inzwischen hatte er einen leeren Tisch für seine Begleitung und sich entdeckt. Die Blondine hakte sich bei ihm ein, dann verließen sie die Theke.

„Mum, was hast du bloß?“ Der Gesichtsausdruck meiner Mum verriet, dass sie gedanklich weit abgeschweift war. Sie nahm mich überhaupt nicht mehr wahr. Ihr Geist schien in einer anderen Sphäre zu weilen. Sie hatte scheinbar Probleme zu verstehen, was genau ich eigentlich von ihr wollte. Sie klimperte ein paarmal mehr als üblich mit den Wimpern. Dann, nachdem sie mich wirr angeschaut hatte, verdrehte sie die Augen, sank in sich zusammen und rutschte vom Stuhl. Erst nach ein paar Sekunden begriff ich, dass sie zusammengebrochen war.

2

Seit Stunden hatte ich das Krankenzimmer nicht mehr verlassen. Obwohl der Arzt mir kaum Hoffnungen machte, dass meine Mum heute Nacht noch einmal zu klarem Bewusstsein kommen würde, rührte ich mich nicht vom Fleck. Das sei sehr unwahrscheinlich, hatte er mir erklärt, aufgrund des Schockzustandes und den Beruhigungsmitteln. Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass sich meine Mum in dieser Lage befand. Der Arzt diagnostizierte einen seelischen Zusammenbruch infolge einer extremen psychischen Belastung.

Ein seelischer Zusammenbruch!

Die Vorstellung war unerträglich!

Meine Tränen unterdrückte ich, denn ich musste stark bleiben. So saß ich sprachlos neben Mum am Bett und beobachtete ihr kreideweißes Gesicht.

Als die Nachtschwester mit einem Infusionsbeutel auftauchte, blickte ich überrascht auf. „Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Infusion sorgt dafür, dass sie genug Flüssigkeit bekommt“, sagte sie. Lange Minuten vergingen, während sie die Infusion vorbereitete. „Am Ende des Korridors steht ein Automat. Da können Sie sich einen Kaffee holen“, meinte sie freundlich.

Draußen hatte es angefangen zu regnen und zu stürmen. „Danke, aber ich warte erst auf meine Schwester. Sie müsste jede Sekunde auftauchen“, erwiderte ich. Es war nach zehn Uhr und der Mondschein ergoss sich durch die Fenster. Ich wusste nicht genau, wann ich Salome angerufen hatte. Seit der Geschichte mit Mum hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Sekunden vergingen wie Minuten. Minuten vergingen wie Stunden. Ich hatte das Gefühl, dass die Welt aufgehört hatte, sich zu drehen.

Ich war nicht ausgesprochen abergläubisch und auch nicht religiös, denn Mum hielt sich nicht besonders an die Traditionen und Gebote des jüdischen Glaubens. Nun fragte ich mich, ob ich anfangen sollte zu beten. Obgleich, wie ich ironisch feststellte, es gar nicht funktioniert hätte. Vom Beten verstand ich nichts.

Als die Schwester gegangen war, entdeckte ich Salome auf dem Flur. Wie immer war ich von ihrer Andersartigkeit beeindruckt. Mit ihrem hoch toupierten blonden Haar, den blauen Augen und dem herzförmigen Gesicht hätte sie sich nicht stärker von mir unterscheiden können. Inmitten unserer Familie wirkte Salome wie ein Exot. Sie schlug scheinbar nach ihrem Vater, dem mysteriösen Mann, von dem Mum nie sprach. Sie trug ein sündhaft teures maßgeschneidertes Kostüm, das ihrer Figur schmeichelte. In ihrem Schrank hing nur exklusive Garderobe, die eine schöne Stange Geld gekostet haben musste.

Als Salome Mum und mich im Zimmer entdeckte, kam sie sofort angerannt. „Oh Gott! Wie geht es ihr?“, erkundigte sie sich. Sie streichelte über Mums Stirn und strich ihr ein paar Strähnen aus dem Gesicht.

Ich ließ die Schultern hängen. „Im Moment schläft sie. Sie hat ein leichtes Beruhigungsmittel bekommen.“

Salome zuckte zusammen. Ängstlich musterte sie mein Gesicht. „Wird sie wieder?“

Während dröhnender Donner den Himmel erschütterte und die Reflexion der Blitze durch die Fenster zuckte, versuchte ich, mich an das Gespräch mit dem Arzt zu erinnern. „Das kann keiner wirklich sagen“, sagte ich. „Wir müssen bis morgen warten.“

Salome reagierte mit tröstendem und mitfühlendem Kopfnicken. „Und das alles wegen des Mannes im Lokal?“, fragte sie heiser.

Ich blickte zu dem regennassen Fenster rüber. „Ja. Es ist passiert, nachdem sie ihn gesehen hatte. Zuerst ist sie zusammengebrochen. Als ich sie danach nach Hause fahren wollte, fing sie an zu zittern und wirres Zeug zu reden, da habe ich beschlossen, sie ins Krankenhaus zu fahren. Ich … ich dachte, sie hätte vielleicht einen Schlaganfall.“ In der Scheibe sah ich, wie Salomes Augen vor Interesse aufflackerten.

„Wer zum Teufel war der Kerl?“, fragte sie eine Spur zu laut.

„Diese Frage kann ich nicht beantworten. Sie hat es mir nicht gesagt.“

Salome berührte das goldene Medaillon an ihrem Hals und nestelte an der Kette. Diese Kette hatte ich in Harper’s Bazaar gesehen. Sie kostete fast eintausend Dollar. „Bist du sicher, dass sie nichts erwähnt hat?“

Ich drehte mich um und betrachtete Salomes Gesicht. Die Blitze spiegelten sich in ihren Augen und schienen in ihnen aufzuflammen. „Natürlich bin ich mir sicher.“

Salome dachte einen Moment lang nach. Sie war wie benommen.

„Wie viel weißt du über Mums Vergangenheit?“, fragte ich.

Salomes trübe Augen huschten prüfend über mein Gesicht. „Nicht viel. Weshalb fragst du?“

„Vielleicht hat der Mann aus dem Lokal etwas damit zu tun?“ Mir wurde fast übel bei dem Gedanken. „Er war schon älter. Hat sie dir etwas über ihre Kindheit erzählt?“

„Nicht viel. Ich weiß ganz sicher nicht mehr als du.“ Ihr schönes Gesicht zog sich in Falten.

„Hat sie jemals über deinen leiblichen Vater gesprochen?“

„Ich habe nie nach ihm gefragt, Leni. Ich habe unseren Vater geliebt, das weißt du.“

Ich nickte. Natürlich. Das hatte sie.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass der Mann aus dem Lokal etwas mit meinem leiblichen Vater zu tun hatte?!“ Salome klang entsetzt. Ich stellte fest, dass sich ihre Hände zu Fäusten ballten. Diese Reaktion legte mir nahe, dass Salome nicht gut auf das Thema zu sprechen war.

War das nicht typisch für unsere Familie? Scheinbar war Schweigen die beste Medizin!

„Nein. Doch vielleicht besteht ein Bezug zu Mums Vergangenheit. Du weißt ja selber, wie geheimnisvoll sie immer tut“, bemerkte ich leise.

Es herrschte auf einmal eine Totenstille. Salomes Augen wurden groß. „Das ist nicht dein Ernst!“, sagte sie.

„Überleg doch! Das alles ergibt durchaus einen Sinn“, setzte ich an. „Hast du dir denn nie Gedanken darüber gemacht, weshalb sie immer so beharrlich schweigt …“

„Jetzt spinnst du aber! Du bist genauso paranoid wie Mum!“

Ich starrte sie bockig an. „Hat Mum dir etwas von ihrer Flucht aus Deutschland erzählt?“

Salome zog eine ihrer dünnen, akkurat gezupften Augenbrauen hoch. „Sie spricht nicht gerne über dieses Thema. Das weißt du. Bei mir hat sie keine Ausnahme gemacht.“

Ich schwieg. Es war eine unausgesprochene Abmachung in unserer Familie, nicht in der Vergangenheit zu rühren. Mums Kindheit war tabu. Wie die Büchse der Pandora, die man nicht öffnen durfte.

Ein gellender Donner dröhnte laut in den Krankenhausfluren und den Zimmern. Das Licht flackerte kurz auf und dann stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass Mum in ihrem Bett aufrecht saß und uns anstarrte. Ihr Atem ging laut.

„Mum?“, fragte Salome und setzte sich auf die Bettkante.

„Wer bist du?“ Ihre Stimme, so dünn, drohte jeden Augenblick zu zerreißen.

Salome schossen Tränen in die Augen.

„Ich bin Salome.“

Verwirrung. „Kenne ich dich?“

„Ich bin Salome. Deine älteste Tochter.“

Im gedämpften Licht wirkten Mums Augen glasig und trüb wie die Augen einer uralten Frau. „Du bist nicht meine Tochter.“

Salome blinzelte verblüfft. „Aber natürlich bin ich deine Tochter.“ Sie senkte traurig den Blick. „Sag so etwas nicht.“

„Du bist nicht mein Kind“, beharrte Mum. „Ich kann keine Kinder bekommen.“

Ängstlich musterte ich Mums Gesicht. „Was redest du da für einen Unsinn? Natürlich kannst du Kinder bekommen. Du hast doch Salome und mich. Es gibt Fotos, auf denen du mit mir schwanger bist.“ Ich spürte einen riesigen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. „Mum?“, sagte ich sanft und nahm ihre Hand. „Es wird dir bald besser gehen.“

Mums Lippen zitterten. Sie konzentrierte sich und versuchte, den Sinn der Worte zu verstehen. „Leni. Meine Leni“, sagte Mum dünn. „Wo ist Elli? Ist sie hier?“

Ich blinzelte verblüfft. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Salome zusammenzuckte. „Wer ist Elli?“, fragte ich, da ich den Eindruck bekam, dass Salome etwas wusste. Sie schüttelte den Kopf. Anscheinend hatte sie doch keine Ahnung, wer Elli war. „Nein, Mum. Sie ist nicht hier“, sagte ich leise. „Elli ist nicht hier.“

„Nein. Nein. Natürlich nicht. Ich erinnere mich wieder. Sie hat sich für das Frauenkommando entschieden.“

„Ja. Natürlich“, meinte ich verständnisvoll. Trotz ihres wirren Geredes wollte ich ihr nicht widersprechen oder nachhaken, um sie nicht aufzuregen.

„Ja, das hat sie. Sie hat Hanna und mich einfach verlassen“, sagte sie mit qualvoll rauer Stimme, dann glitt ihr Oberkörper wieder nach hinten. Sie schloss die Augen und begann ruhig zu atmen.

Salome, welche die Szene in einer lautlosen Starre beobachtet hatte, schien die Situation nur mit Mühe auszuhalten. Ich bemerkte ihre Nervosität. Ihre Nasenflügel weiteten sich und ihr Körper war angespannt. „Ist sie schon den ganzen Abend so?“

Ich blickte Salome unglücklich an. „Ich habe ja gesagt, ihr geht es nicht gut. Sie redet schon den ganzen Abend solchen Unsinn.“

Schließlich hielt Salome es nicht mehr aus. „Es ist schlimmer, als ich dachte “, meinte sie. „Sie ist ja völlig verwirrt!“ Sie erhob sich energisch. „Ich muss einen Arzt sprechen. Bleib bei ihr“, wies sie mich an und eilte durch die Tür. In der Luft blieb nur noch der Duft ihres teuren Parfüms hängen.

Ich zog ein Taschentuch aus meiner Handtasche und wischte meiner Mum vorsichtig die Schweißperlen von der Stirn. „Wer war bloß der Mann im Lokal?“, fragte ich leise. Mit angespannter Miene versuchte ich, ihr abgezehrtes Antlitz zu ignorieren. Sie hatte blasse Wangen und Schatten unter ihren Augen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, sie je so gesehen zu haben. Meine Mum war eine Frau, die stets die Fassung bewahrte. Sie weinte auch nicht leicht; selbst nach dem plötzlichen Tod meines Vaters, war sie die Ruhe selbst gewesen. „Tut mir leid, dass dir das passiert ist“, flüsterte ich. „Morgen, das wirst du sehen, wird alles besser.“ Ich krümmte die Finger und presste sie zu Fäusten zusammen, bis sich meine Fingernägel in die Handflächen bohrten. „Du wirst schon sehen. Alles wird gut.“

„Ich kenne ihn“, sagte Mum plötzlich.

Ich zuckte zusammen, denn ich hatte angenommen, dass sie wieder schlief. Ich zögerte. „Wie bitte?“

„Der Mann im Lokal. Sein Name ist Erich Hauser.“ Ihr Blick war total benommen.

Mir wurde schwindelig. „Woher kennst du ihn?“

„Aus Auschwitz.“

„Aus Auschwitz?“

Sie drehte ihr Gesicht dem Fenster zu und schaute eine Weile dem Gewitterlicht zu. „Da waren Stacheldrahtzäune, hohe Wachtürme und SS-Wachen, Sträflinge in schäbiger Kleidung, kahle Köpfe, Leichenberge, Gestank, Krankheit und Tod.“

„Schsch … du musst nicht weiterreden. Ruh dich aus.“

Sie packte mich plötzlich am Arm. Ihre Hand war klamm und kalt. „Sie haben mir alle meine Sachen genommen“, zischte sie.

„Nein. Deine Sachen sind noch hier.“

Meine Mum blickte mich mit starrem Blick an. „Sind sie nicht! Die haben sie gestohlen. Meine Fotos. Meinen Schmuck. Alles. Und dann haben sie mir so Zeug in den Bauch gespritzt. Lass nicht zu, dass sie es noch einmal tun. Versprich es mir.“

„Niemand wird dir irgendein Zeug in den Bauch spritzen“, erwiderte ich geduldig.

„Du musst auf mich aufpassen.“

„Das sind die Medikamente, Mum. Die machen dich benommen im Kopf.“

„Leni, ich bin so müde. Ich mache kurz die Augen zu. Sag Salome nichts“, flüsterte sie. „Erwähne Auschwitz nicht vor Salome.“

„Wie meinst du das?“

„Es regt sie nur unnötig auf. Sie wird weinen …“

„Sie wird weinen?“ Eiseskälte kroch mir den Rücken hinunter. Es stand wohl schlimmer um meine Mum, als ich dachte. „Hab keine Angst, Mum. Salome geht es gut“, beruhigte ich sie.

Ihr Griff löste sich und sie versank wieder in einen tiefen Schlaf.

Als Salome wieder zurückkehrte, war es still und friedlich im Zimmer. Mum lag entspannt da, ihre Gesichtszüge unverkrampft und die Wangen rosig.

3

Sonntag

Schweißgebadet erwachte ich. Ich schaute auf den Wecker und fragte mich, wie lange ich geschlafen hatte, als ich Schritte auf der Treppe hörte, die zu meiner Wohnung führten. Dann klingelte es schon an der Tür. Ich schoss aus dem Bett hoch, hüllte mich fest in meinen blauen Frotteebademantel, ging zur Wohnungstür und schob die Sicherheitskette zurück. Wie gewohnt klemmte die Haustür, und als ich sie endlich quietschend aufgestemmt hatte, sah ich mich Salome gegenüber. Wie immer sah sie perfekt aus: perfektes Make-up, perfekte Frisur, perfektes Outfit. Kurzum: Sie sah aus wie einem Katalog entsprungen.

„Was machst du denn hier?“ Ich kreischte beinahe. Salome ließ sich so gut wie nie in meiner Wohnung blicken. Geschweige denn um eine so frühe Uhrzeit.

„Es gibt etwas, worüber ich mit dir sprechen muss …“, sagte sie, ohne auch nur einmal zu blinzeln.

Der würzige Duft ihres Parfüms schoss mir in die Nase. „Wirklich?“ Ich warf ihr einen fragenden Blick zu. Wir beide hatten noch nie etwas zu bereden. Ich war praktisch noch ein Kind gewesen, als Salome geheiratet hatte. Angesichts unserer gegensätzlichen Wesen und des Altersunterschieds war die Zuneigung, die wir füreinander empfanden, eher freundschaftlicher als geschwisterlicher Art. Wir waren nie besonders schwesterlich zueinander. „Geht es um Mum?“, riet ich.

Salome nickte kurz. „Lässt du mich rein?“

Ich lächelte gezwungen und ließ sie eintreten. „Willst du einen Kaffee?“, fragte ich.

„Ja. Bitte.“ Als Salome ins Wohnzimmer trat und die Umzugskartons bemerkte, runzelte sie die Stirn. „Ziehst du aus?“

„Warum?“ Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, was sie meinte. „Ach! Die Kartons“, sagte ich. „Laura, meine Mitbewohnerin, ist ausgezogen.“

„Verstehe“, murmelte Salome. Sie ahnte wohl, dass ich mir die Wohnung alleine nicht leisten konnte.

„Ich habe schon etwas Neues gefunden “, eröffnete ich und räumte die Teller vom Vorabend weg und stellte sie in die Spüle. „Ein kleines Apartment, nur ein paar Blocks von hier.“ Ich nannte ihr die Adresse und sah, wie sich Salomes Stirn in Falten zog. Sie wusste wohl, dass es nicht unbedingt die beste Gegend war. Auch wenn mir selbst diese Tatsache bewusst war, hatte ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. „Die neue Wohnung ist natürlich nicht so schön wie diese, aber etwas anderes ist momentan nicht drin.“

Obwohl die Küche recht groß war, herrschte hier ziemlicher Platzmangel, denn jeder Zentimeter freier Boden wurde als Stellraum für Kartons genutzt. Salome setzte sich an den Küchentisch, der nun anständig aussah. Ich ging zur Anrichte und schaltete die Kaffeemaschine ein. „Es ist nicht viel Milch da; ich hab noch nicht eingekauft“, sagte ich, nachdem ich einen Blick in den Kühlschrank geworfen hatte.

„Kein Problem. Ich trink den Kaffee auch schwarz“, meinte sie.

Als ich ihr die Kaffeetasse gab, fiel mir auf, wie wohlgeformt und gepflegt ihre Hände waren. Es waren die Hände einer Frau, die noch nie arbeiten musste.

„Du hast bestimmt große Angst um Mum“, sagte Salome steif.

Ich nickte stumm. „Das kannst du wohl sagen.“

Salome seufzte und verzog gequält das Gesicht. „Ich will dich nicht lange aufhalten. Ich habe etwas für dich.“ Sie griff in ihre Tasche und holte ein Päckchen raus, das sie auf den Tisch fallen ließ. „Das dürfte dich interessieren.“

„Was ist darin?“, fragte ich.

„Mums Tagebuch. Ich denke, es ist an der Zeit, es dir zu geben.“

„Was?“

„Das Tagebuch unserer Mutter ist in dem Umschlag“, sagte sie so langsam, als würde sie mit einem geisteskranken Kind sprechen. „Ich denke, es ist an der Zeit, es dir zu geben.“

„Aber, ich wusste gar nicht, dass Mum Tagebuch schrieb …“, begann ich.

„Es ist schon lange her.“

In meinem Kopf drehte sich alles. „Wieso gibst du es mir?“

Salome schaute mich direkt an. „Weil es etwas gibt, das du über unsere Familie wissen musst.“

Ich konnte nicht anders, als Salome blöd anzustarren. „Wie meinst du das?“

„In dem Tagebuch ist die ganze Geschichte unserer Mutter aufgeschrieben. Ich habe versprochen, es dir zu geben, wenn ihr etwas zustoßen sollte.“

Ich griff nach dem Päckchen; es lag bleischwer in meinen Händen. „Ihr ist nichts zugestoßen. So wie du das sagst, klingt es, als wäre ihr Schicksal besiegelt.“

„Vertrau mir einfach. Der richtige Zeitpunkt ist da.“

Ich zerriss die Verpackung. Auf Salomes Gesicht lag plötzlich ein Schatten. „Wenn du das Tagebuch gelesen hast, wird nichts mehr so sein wie vorher.“

Ich hielt inne. „Wie meinst du das?“

„Es ist nicht einfach zu erklären. Du musst das Buch lesen.“

Ich holte das Tagebuch unserer Mutter hervor und mir fiel sofort der große gelbe Sechsstern auf, der auf dem Umschlag klebte. Er war aus Stoff und fühlte sich rau an.

Salomes Gesicht verriet den inneren Kampf, den sie mit sich selbst ausfocht. „Es ist Mums Stern“, sagte sie. „Ihr Davidstern. Ab 1941 musste man ihn sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest aufgenäht tragen. Alle Juden ab dem sechsten Lebensjahr mussten den gelben Stern tragen.“

Bei diesen Worten wurde mir eiskalt. „Sie hat ihn behalten?“, hörte ich mich verwundert, fast angeekelt, fragen.

„Ja, den hat sie behalten. Nur eines hat sie nicht behalten: ihre Nummer.“

„Was für eine Nummer?“, fragte ich perplex. Erst jetzt bemerkte ich ihr abgespanntes und ungeduldiges Gesicht.

„Na, ihre Nummer“, murmelte Salome beinahe gereizt. Laut sagte sie: „Ihre KZ-Nummer, die auf ihren Unterarm eintätowiert war. Dort, wo sie jetzt die große Narbe hat.“ Ich wusste sofort, von welcher Narbe sie sprach. Sie war etwa sechs Zentimeter lang und meistens unter Blusenärmeln versteckt. Mum versteckte sie, um nicht darauf angesprochen zu werden. Es war ihr unangenehm.

Erschrocken sah ich Salome an. „Nein. Nein. Dort hatte sie sich verbrannt“, widersprach ich. Einmal hatte ich sie als Kind danach gefragt. Es blieb bei dem einen Mal, denn meine Mum hatte mir unmissverständlich klargemacht, dass ich sie nie wieder auf diese Narbe ansprechen sollte. In der Stille, die nun einsetzte, sah ich meine Mutter wieder vor mir, wie sie ihre Narbe eifrig verdeckte.

„Nein, Leni. Sie hat uns nie die Wahrheit gesagt.“ Ihre Worte klangen hölzern, da sie es nicht gewohnt war, mit mir zu diskutieren.

Ich sah Salome an, die irgendwie fremdartig in meiner Küche wirkte „Was redest du da?“

Salome zog scharf die Luft ein. „Ich weiß, was Mum uns stets erzählt hat. Davon, wie ihre Familie von Nazis verfolgt worden ist. Davon, wie sie bei einem Bekannten untergetaucht sind. Von der Schwangerschaft, die sie lange verborgen halten musste. Davon, wie sie nach Amerika geflohen sind. Doch das stimmt nicht ganz. Sie hat sich nur eine schöne Geschichte zurechtgelegt.“ Der scharfe, missbilligende Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Herausfordernd begegnete ich ihrem Blick. „Was meinst du damit?“

In Salomes Gesicht trat ein seltsamer Gesichtsausdruck. Zuerst Verwirrung, Befangenheit und dann Resignation. „Unserer Mutter und ihrer Familie ist es nie gelungen, vor dem Kriegsende nach Amerika zu fliehen.“ Bei diesen Worten wurde mir schwindelig.

„Wie bitte?“ Ich musterte Salome, als sei sie ein befremdliches Fundstück in einer Vitrine im Museum.

Sie räusperte sich, zuerst gedämpft, dann noch einmal lauter. „Während ihrer Flucht 1944 wurden sie verraten, gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert.“

Einen Moment lang war es vollkommen still. Ich ließ, die vergangenen Stunden wie im Schnelldurchlauf vor meinem inneren Auge abspulen. Die Zeit im Krankenhaus. Die wirren Worte meiner Mutter. Die Begegnung mit dem Mann im Lokal.

„Oh mein Gott“, sagte ich erschüttert. Tränen brannten in meinen Augen. Ich holte tief Luft und schüttelte verwirrt den Kopf. „Sie wurde schwanger nach Auschwitz geschickt?! Wieso hat sie nie erzählt, dass sie in Auschwitz war?“ Meine Stimme bebte.

„Sie musste es geheim halten.“

„Sie musste es geheim halten?“ Nun verstand ich gar nichts mehr.

Sie lächelte mich unschuldig an „Sie tat es, um mich zu schützen, Leni. Sie tat es, um unsere Familie zu schützen.“

Ich hob fragend die Augenbrauen. „Weshalb?“

Salome sah mich fest an, bevor sie fortfuhr. Ihr Blick durchbohrte mich. „Weil ich nicht ihre Tochter bin. Mum war 1944 nie mit mir schwanger gewesen.“ Ich starrte sie mit offenem Mund an und war unfähig, etwas zu sagen. „Zu dem Zeitpunkt erwartete sie kein Kind.“

Mir wurde kurz schwarz vor Augen. Das würde ja bedeuten, dass Salome nicht meine Schwester war! Das würde bedeuten, dass Mum mich angelogen hatte!

„Unsere Mutter tat alles, um zu verhindern, dass dieses Geheimnis ans Tageslicht kommt.“

Ich sagte nichts. Meine Augen waren weit geöffnet, mein Blick war verwirrt. Es herrschte eine angespannte Stille. „Das ist ein böser Scherz“, brachte ich endlich heraus.

Wie aus der Pistole geschossen kam Salomes Antwort: „Nein. Das ist kein böser Scherz.“

„Wer bist du dann?“

„Ich bin ein Findelkind aus Auschwitz. Dort wurde ich vermutlich geboren.“

„Vermutlich?“ Eiseskälte kroch mir den Rücken hoch.

Salome sah mir so fest in die Augen, dass mich ihr Blick fast durchbohrte. „Meine leiblichen Eltern sind tot. Niemand weiß es.“

„Das kann nicht sein!“ Ich schrie beinahe.

„Doch. So ist es.“

„Das würde bedeuten, dass mein Leben eine Lüge ist. Ihr habt mich die ganze Zeit belogen.“

„Ich verstehe, dass du verärgert bist, aber …“

„Wie konntet ihr es mir die ganze Zeit verheimlichen?“

„Mum wollte es dir ja sagen, aber sie hat sich nicht getraut. Und ich habe überlegt, es dir zu erzählen.“

„Aber ihr habt es nicht getan!“ Verwirrt wünschte ich mir, Salome wäre nie vorbeigekommen. „Fünfundzwanzig Jahre lang habt ihr mich belogen!“

„Das ist Mums Ding. Ich wollte mich da nicht einmischen. Ich hab dich lieb, Leni. Und es spielt keine Rolle. Ihr seid meine Familie.“

„Was ist mit dem Rest von Mums Familie passiert? Was ist mit ihnen geschehen? Wieso weiß niemand von deiner Herkunft?“

Salome holte tief Atem. „Das erfährst du alles aus dem Tagebuch. Deswegen sollst du es ja lesen.“

Mir war schwindlig. „Du hast mich auch im Krankenhaus belogen.“ Ich konnte spüren, wie mein Gesicht knallrot anlief. „Du wusstest ganz genau, was mit Mum los war! Woher der Zusammenbruch kam!“

„Es tut mir leid, Leni. Es war nicht leicht für mich, es dir zu verheimlichen.“

Frustriert starrte ich sie an. „Du … du hast mir auch noch das Gefühl gegeben, ich sei ein Idiot. Ich kam mir wie ein Blödmann vor und dabei … und dabei … ich glaub, ich muss kotzen …“ Mein Magen verkrampfte sich und ich merkte, wie mir der Inhalt hochkam. Ich stieß Salome zur Seite, rannte an ihr vorbei und schaffte es rechtzeitig ins Bad. Ich schloss die Augen und lehnte meine Stirn auf die Kloschüssel. Ich rührte mich nicht. Ich konnte nicht.

„Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um dir zu helfen“, hörte ich Salomes Stimme hinter mir. Ich zuckte die Achseln und konnte nichts sagen. Ich hatte nur das Gefühl, dass ich mich nie wieder von der Kloschüssel würde lösen können.

4

Elsas Tagebuch

Hallo, ich bin Elsa.

Das hier ist das erste Tagebuch, das ich schreibe, und ich habe keine Ahnung, wie man so was macht. Während ich die Worte niederschreibe, bin ich eine reife Frau, habe zwei wunderbare Töchter und einen fabelhaften Mann.

Warum schreibe ich dieses Buch überhaupt?

Schlimme Dinge sind geschehen und das Tagebuch soll mir dabei helfen, sie zu verarbeiten. Sie sind vor einer halben Ewigkeit passiert und ich habe das Gefühl, dass sie immer tiefer in der Vergangenheit versinken. Wenn ich mich nicht beeile und sie aufschreibe, werden sie für immer verschwinden. Das wäre schlimm, denn so werden die Menschen nie mein Geheimnis erfahren. Sie werden nie erfahren, dass ich in Auschwitz war. Ich brauche Aufzeichnungen darüber, was dort mit den Menschen geschah. Nur so kann ich die Erfahrungen und das Geheimnis zu einem späteren Zeitpunkt an meine Kinder weitergeben. Und an die Welt.

Ich werde nur das schreiben, an das ich mich besonders gut erinnere, denn ich will bei der Wahrheit bleiben. Verschwommene Erinnerungen könnten nur die Wahrheit trüben.

Vielleicht wäre es gut, wenn ich mit dem Juli 1944 beginne. Unser Leben wurde zwar schon Jahre zuvor auf den Kopf gestellt, doch dazu müsste ich in das Jahr 1933 zurückschweifen – zu der Machtergreifung der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler. Ich will niemanden mit Einzelheiten aus meiner Jugend langweilen. In dieser Zeit ist so viel passiert, dass ein Leben nicht ausreichen würde, um alles niederzuschreiben.

Der Judenhass schlug wie ein Virus um sich. Er drang in die Köpfe der Menschen und vergiftete sie. Der Juli 1944 war von einer besonderen Bedeutung für meine Familie. Bis dahin war es uns wie durch ein Wunder gelungen, uns vor den Nazis zu verstecken. Nicht alle Menschen wurden vom Judenhass-Virus angesteckt. Manche waren dagegen immun und wir waren von Glück gesegnet, solche Menschen wie Klaus von Bergmann zu kennen. Er war ein ehemaliger Kriegskamerad meines Vaters, der uns bei sich aufnahm. Von Bergmann hatte alles, was man sich wünschen konnte: ein prächtiges Anwesen in einem Waldstück, Geld, Einfluss und ein Kind – die zwanzigjährige Paula, die in Wien studierte.

Während fast unsere gesamte Verwandtschaft bereits deportiert worden war, sorgte er für uns, wie ein Vater für seine Kinder. Mit uns meine ich meinen Vater Samuel Goldberg, meine Mutter Auguste und meine jüngere Schwester Hanna. Im Juli 1944, als sich das alles zugetragen hat, war ich achtzehn Jahre alt und versteckte mich mit meiner Familie bereits seit über einem Jahr vor den Nazis. In diesem Sommer trafen meine Eltern eine folgenschwere Entscheidung.

Am besten fange ich jetzt einfach mal an.

Sonntag, 16. Juli 1944: Elsa spürte, dass etwas Schicksalhaftes in der Luft lag. Kaum hatte sie das Wohnzimmer betreten, fühlte sie die Veränderung wie einen kalten Windhauch. Eine düstere Vorahnung überkam sie.

„Die Nazis sind gefährlich“, hörte sie ihren Vater sagen. „Ich sehe keinen Sinn darin, länger zu warten.“

Samuel Goldberg war fünfzig Jahre alt und ein großer, drahtiger Mann mit einem energischen, kantigen Gesicht, das von seinem dunklen, kaum zu bändigenden Haar noch betont wurde. Hier und da war sein Haar von grauen Strähnen durchzogen, was Elsa zu früh erschien, viel zu früh. Er war ein jung gebliebener Mann voller Elan und Enthusiasmus. Willensstark. Und er hatte einen wunderbaren Humor. Er war das Gegenteil von Elsas Mutter, die eher nüchtern und prüde war. Doch wie hieß es so schön: „Gegensätze ziehen sich an“.

„Dir ist doch klar, dass es nicht so einfach ist …“, erwiderte Klaus von Bergmann. Er verstummte augenblicklich, als er Elsa bemerkte. Er behandelte sie immer noch wie ein Kind. Elsa zögerte einen Augenblick. Sie betrachtete ihren Vater, ihre Mutter und Bergmann.

Klaus von Bergmann war wie immer adrett gekleidet: gestärktes, weißes Hemd, Seidenkrawatte und Weste. Er wirkte nicht mehr so jung, da sein Haar schütter und grauer und sein Gesicht faltiger wurde. Von Bergmann war geschieden, und Elsa fragte sich, ob er je wieder eine Frau finden würde.

Von Bergmanns Gesicht zeigte einen Ausdruck erzwungener Freundlichkeit. Was er wohl zu bedeuten hatte? Elsa kannte Klaus von Bergmann nicht besonders gut. Obwohl er ihre Familie vor der Deportation gerettet hatte und sie sich seit knapp einem Jahr auf seinem Anwesen versteckten, sind sie sich nie besonders nahegekommen. Das Haus war so riesig, dass sie sich kaum über den Weg liefen.

Elsa wusste es noch, als wäre es gestern gewesen. Als sie von einer Freundin nach Hause kam, wunderte sie sich, als ihre Mutter im Wohnzimmer stand und Sachen aus dem Schrank in große Koffer packte.

„Was machst du da?“, fragte sie. Ihre Mutter schüttelte den Kopf. Sie sah aus, als wollte sie etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. „Was ist los?“, hakte Elsa nach.

„Wir verlassen Berlin“, sagte sie kurz angebunden.

„Wir verlassen Berlin? Und wohin gehen wir?“

Ihre Mutter schaute auf. Ihre Augen waren geröteter als sonst; sie hatte geweint.

„Du weißt, wie gefährlich es für uns Juden mittlerweile ist?“

„Ja, natürlich“, sagte Elsa und nickte. Juden mussten den gelben Stern auf der Kleidung tragen. Es gab Unterrichtsverbot für jüdische Schüler. Juden erhielten keine Fleisch- und Milchmarken. Juden mussten ihre Wohnungen kennzeichnen. Juden wurde die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. Juden durften keine Straßenbahn und kein Auto fahren. Und die Liste der Regeln und Verbote ging endlos so weiter.

„Wir können nicht mehr länger hierbleiben.“

Elsa wollte zu einer Antwort ansetzen, aber dann wurde ihr klar, dass sie nichts entgegenzusetzen hatte. Immer mehr Familien wurden „ausgesiedelt“. Sogar ihre halbe Verwandtschaft: Großeltern, Tanten und Cousinen. Seit der Ausweisung vor einem halben Jahr fehlte jegliches Lebenszeichen. Ganz sicher waren auch sie bald an der Reihe.

„Verstehe. Und wohin gehen wir?“

Elsas Mutter seufzte und schaute sich im Zimmer um. Sie ahnte, dass sie es nie wiedersehen würde. „Kennst du noch die Familie von Bergmann?“

Elsa musste kurz nachdenken. Klaus von Bergmann war ein alter Freund ihres Vaters. Er hatte mit ihm im Ersten Weltkrieg gedient; ihr Vater hatte ihm das Leben gerettet. Elsa erinnerte sich, dass er aus einer sehr einflussreichen und wohlhabenden Familie stammte.

„Wir werden auf dem Landsitz der von Bergmanns untertauchen. Du musst dir wirklich keine Gedanken machen, Elsa. Dort sind wir vor der Staatspolizei sicher.“

Elsa dachte darüber nach und runzelte die Stirn. Das Ganze wird sicher ein großes Desaster, dachte sie. Was sollte sie schon auf dem Land? Dort stank es nach Mist und Vieh.

„Was denn?“, fragte ihre Mutter, die in Elsas Gesicht wie in einem Buch lesen konnte.

„Ich hab nichts“, log Elsa. „Es kommt alles nur so plötzlich.“

„Ja. Natürlich“, sagte sie und nickte. „Pack jetzt deine Sachen! Fürs Erste nimm nur das, was du wirklich brauchst.“

Elsa war in eine mittelständische Kaufmannsfamilie hineingeboren worden und hatte in einem Haus in einer schicken Gegend Berlins gewohnt. Elsas Mutter hatte lediglich die Aufgabe, alle Rädchen des Familienlebens gut zu schmieren – und ihrer Mutter waren gut geölte Rädchen heilig. Sie war sehr bodenständig und eher einfach gestrickt. Obwohl Elsas Familie nicht besonders religiös war, hatte es sich ihre Mutter zur Aufgabe gemacht, die Töchter zu Tugend und Keuschheit zu erziehen. Es schien ihr eine Offenbarung zu sein, ihren Töchtern eine anständige Erziehung zuteilwerden zu lassen.