Elternsprechtag - Günter Fischerauer - E-Book

Elternsprechtag E-Book

Günter Fischerauer

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Beschreibung

Der Autor stellt uns zunächst den Ablauf eines Elternsprechtages dar, wie er gewöhnlicher und doch seltsamer nicht sein könnte. Ein monotoner Ablauf der bekannten Rituale, eingebettet in eine merkwürdig erotisch aufgeladene Atmosphäre, macht diese Erzählung zu einem Lesevergnügen mit überraschendem Ausgang. In dem Text „Roulette“ wird das Glücksspiel aus der Perspektive eines ehemaligen Spielers, nun Beobachter, messerscharf sezierend in den Blick genommen. Dabei werden die Abgründe menschlichen Fühlens und Denkens sichtbar, die die Spieler gnadenlos gefangen halten. In der Erzählung „Bertholds Kalkwerk“ und in dem Theaterstück „Die Ziege“ greift Fischerauer eines seiner bevorzugten Sujets auf: die Schilderung des am Leben gescheiterten Intellektuellen, des Verzweifelten und Gebrochenen. Immer suchen diese Figuren die Einsamkeit, in der Hoffnung, dort ihr Seelenheil zu finden – doch an Stelle von Glück und Zufriedenheit entwickeln sich letztlich nur Skurrilität und Wahnsinn. In einem weiteren Text beschreibt der Autor in aller Kürze eine Szene aus einem Fußballspiel zweier Kindermannschaften: derb, grotesk, abstoßend, was hier ebenso pointiert wie gekonnt skizziert wird. Das Buch endet mit einer Komödie, die diesen Namen wahrlich verdient. Die Spaßgesellschaft ist einem alten Mann ein Dorn im Auge und er bekämpft sie, indem er sich ihrer Mittel bedient. Klaus Gattermaier

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Claudia

„Leben zu lernen, dazu gehört das ganze Leben.“SENECA

Inhalt

Elternsprechtag

Roulette

Bertholds Kalkwerk

Auf dem Fußballplatz beim Spiel zweier Jugendmannschaften

Die Ziege

Das Ende der Spaßgesellschaft

Elternsprechtag

„Nicht der Jüngling ist glücklich zu preisen, sondern der Greis, der gut gelebt hat.“EPIKUR

Ich kam etwas zu spät mit dem Zug aus Regensburg, so bleibt mir nur noch der Zeitraum von 18:55 bis 19:00. Noch eineinhalb Stunden Wartezeit. An den Klassenzimmertüren sind Listen angebracht: 17:00 – 17:05, 17:05 – 17:10, 17:10 – 17:15, 17:15 – 17:20, 17:20 – 17:25 usw. Die Logistiker unter den Eltern kamen bereits um 16:30, so erfuhr ich später, um im Laufschritt, Belegungsplan und Kugelschreiber in der Hand, durch das Schulhaus zu hetzen, immer im Wettbewerb um den besten Listenplatz. Stockwerk 2, Zimmer 214, Frau Studienrätin Wohlgemuth, Latein, Stockwerk 1, Zimmer 111, Herrn Studiendirektor Braun, Deutsch usw. Eindeutig im Vorteil sind jene Mütter (und Väter), die mathematisch begabt sind, da man bei der Gestaltung des Zeitplanes auch immer die Zeit mit berechnen muss, die man z.B. vom 3. Stockwerk ins Erdgeschoss benötigt. Es wäre also ungeschickt, wenn man sich um 18:05 bei Frau Studienrätin Bernsteiner, Wirtschaft, 3. Stockwerk, Zimmer 305, einträgt und bei Frau Oberstudienrätin Luzern-Berglehner, Englisch, Erdgeschoss, um 18:10. Wahrscheinlich benötigt man bei Frau Studienrätin Bernsteiner mehr als fünf Minuten, z.B. sieben Minuten, plus die Zeit, die man benötigt, um vom 3. Stock ins Erdgeschoss zu gelangen. Man kommt unweigerlich zur Oberstudienrätin Luzern-Berglehner zu spät.

Ich sitze als einziger Mann in einer Reihe mit fünf Müttern vor dem Klassenzimmer von Frau Binette.

Weil ich erstens, wie gesagt, zu spät kam und zweitens nicht willig bin, mich diesen Abläufen zu unterwerfen, trug ich mich ausschließlich bei der Französischlehrerin ein. Ich habe dieses Gymnasium Anfang der 80er Jahre verlassen. Damals war sie Referendarin. Ich war als Schüler in sie verliebt. Natürlich war ich nicht der Einzige, alle Jungen in der Klasse waren in sie verliebt. In sie verliebt sein bedeutete in diesem Falle, Gefallen an ihrer durchsichtigen Bluse gefunden zu haben und an ihrem feinen, sehr weiblichen französischen Akzent. Dieser wirkte irgendwie erotisierend. Sie erklärte das Verb toucher, indem sie meinem Freund Josef mit der Hand durch die Haare und über die Schultern glitt. Für uns damals das mit Abstand interessanteste Fach. Und ich kann mich noch gut erinnern, wie Josef immer einen knallroten Kopf bekam, als Frau Binnet vor ihm stand und ihre Verben erklärte. Einmal sagte sie: Aber, Josef, was machst du denn da unter deiner Bank, während mein Freund, halb mit dem Kopf unter der Schulbank, von seiner Wurstsemmel abbiss. Noch Wochen musste sich Josef von uns Freunden, die Stimme der Lehrerin nachahmend, anhören: Aber, Josef, was machst du denn da unter deiner Bank.

„Um Gottes willen, jeder Zeitraum bereits belegt! Aber eigentlich ist es gar nicht nötig, dass ich zu Frau Studiendirektorin Binette gehe, denn meine Tochter Barbara hat in den letzten beiden Schulaufgaben die Note 1 geschrieben. Es gibt nicht die geringsten Probleme“, sagt eine wenig attraktiv aussehende Dame so deutlich und laut, dass es nicht nur die hören können, die vor Frau Binettes Zimmer sitzen, sondern auch die Mütter (und Väter) der Nachbarklassen. „Und wenn ich Sie bitte, dass ich mich kurz vor Ihnen einschieben darf, denn unterhalten möchte ich mich schon gerne mit Frau Studiendirektorin Binette. Wo stehen Sie denn auf der Liste?“ „Der Letzte“, antworte ich mit dem Ausdruck des Bedauerns. „Der Letzte?“, sagt sie. „Also um 18:55? Ihren Namen kann man gar nicht richtig lesen. Ich trage mich jetzt einfach vor Ihnen ein.“

Ich sitze noch nicht lange, dennoch rennen die gleichen Mütter (und Väter) bereits mindestens fünfmal an mir vorbei, immer den Blick abwechselnd nach rechts und links gewandt, blitzschnell die Namensschilder erfassend. Manchmal stoppen sie abrupt, blicken auf ihren Zettel, dann auf das Namensschild, dann auf die Liste, dann wieder auf den Zettel. Und ab geht‘s.

Manche Mütter in meiner Reihe kennen sich wahrscheinlich schon aus der Kindergartenzeit ihrer Kinder. Damals haben sie gemeinsam Adventslieder gesungen und jetzt sitzen sie im 2. Stockwerk, vor Zimmer 214, dem Zimmer von Frau Binette, der Französischlehrerin. Sie heißt mit Vornamen Viktoria, kurz Vicki. Und von mir und meinen Freunden auch so genannt (mit Fenster-F). Noch während ich die Schule besuchte, hat sie geheiratet. In etwas mehr als einer Stunde begegne ich ihr wieder. Selbstverständlich wird sie mich nicht wieder erkennen. Ich fiel in der Schule nicht auf, meine Leistungen waren insgesamt mittelmäßig, in Französisch jedoch mangelhaft. Dass sie sich an mich erinnert, ist praktisch ausgeschlossen, denn man erinnert sich nur an die Besten oder an jene, die einen die Nerven strapazierten. Letzteres tat ich natürlich nicht.

Ich kenne niemanden der Anwesenden. Seit zehn Jahren wohne und arbeite ich in Regensburg als Ingenieur und bin oft im Ausland tätig. Im Übrigen habe ich wenig Kontakt zur Bevölkerung meiner Heimatstadt. Beim Betreten des Gebäudes habe ich eine alte Schulfreundin getroffen, die mit mir das Abitur machte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als sie mich anlächelte, denn ich wusste es und sie wusste es, dass wir uns einmal, in einer lauen Sommernacht, sehr nahekamen. Bei beiden erschienen wohl spontan Bilder aus der Jugendzeit im Kopf. Wir haben kurz miteinander gesprochen und wir werden uns die nächsten zwanzig Jahre wahrscheinlich nicht wieder sehen, denn bereits jetzt steht für mich definitiv fest, dass dieser Elternsprechtag am Gymnasium mein erster und gleichzeitig mein letzter sein wird. Ich habe mich von meiner geschiedenen Frau überreden lassen. Ich weiß, sagte sie, es ist Mittwoch, du sitzt zwei Stunden im Zug, aber dennoch bitte ich dich, zeige Julia zuliebe einmal Interesse an ihrer schulischen Laufbahn, jetzt, so kurz vor dem Abitur. Dabei zeigte ich Interesse, früher, als Julia noch in der Grundschule war. Ich besuchte regelmäßig die Elternsprechtage, auf einem winzigen Stühlchen sitzend und zur Lehrerin demutsvoll hochblickend, die hinter ihrem Pult und vor einem Berg von Heften zu mir niederschaute, als hätte ich vor einigen Minuten tausend Sünden begangen. Die Lehrerinnen fanden aber offensichtlich Gefallen an dieser Situation, vielleicht steckt ja in jeder ein Stück weit eine kleine Domina, dachte ich damals, auf Kniehöhe der Damen vor den Damen sitzend und mich hätte es nicht gewundert, holten die Lehrerinnen kurz den Zeigestab hervor, um mich zu disziplinieren.

Und bitte besuche Frau Studienrätin Soundso und Herrn Studienrat Soundso, sagte meine Frau am Telefon. Tatsache ist, dass ich nur Frau Binette besuche, werde aber angeben, Herrn Sowieso und Frau Sowieso und Herrn Studienrat und Frau Oberstudienrätin, und wie sie alle heißen, auch besucht zu haben. Ich werde einfach sagen, die Lehrkräfte sind im Großen und Ganzen zufrieden, doch Julia muss sich mehr konzentrieren, muss mehr Zeit in das Vokabellernen investieren, sich täglich auf den Unterricht vorbereiten und darf nicht immer durch Schwätzen stören. So ähnlich werde ich es sagen, denn das stimmt immer.

Gegenüber unserem Zimmer, dem Zimmer von Frau Binette, hält Herr Dr. Kollberger, Lehrer für Deutsch und Geschichte, seine Elternsprechstunde ab. Vor dem Zimmer sitzen mindestens zehn Personen. Angeregt unterhalten sich die Eltern über den Kollberger. Ich verstehe jedes Wort. „Kommt nicht mit den Kindern zurecht“, „Schreit sie an“, „Verteilt willkürlich Strafen“, „Hat nicht das rechte Maß für die Menge der Hausaufgaben“, „Kinder haben Angst, wollen nicht mehr in die Schule gehen“, „Die Schulaufgaben sind zu schwer“, „Er erklärt nicht gut“ usw. Ich habe den Eindruck, der berufliche Erfolg des Germanisten und Historikers scheint überschaubar zu sein. Eine Tätigkeit in der Staatsbibliothek hätte wohl seinen Fähigkeiten mehr entsprochen. Leider hat Dr. Kollberger übersehen, dass bei einer Lehrtätigkeit an einer Schule unweigerlich Kinder und Jugendliche anwesend sind. Dies scheint vielen Lehrkräften an diesem altehrwürdigen Gymnasium Probleme zu bereiten, denn meine Nachbarin zur Linken bestätigt die Aussagen der Personen gegenüber und führt noch eine beträchtliche Liste von weiteren Dr. Kollbergers an.

Die Nachbarin zur Linken schätze ich auf Mitte dreißig und ich fange zu rechnen an. Wenn sie ein Kind in der 5. Klasse hat, würde meine Schätzung passen. Und plötzlich platzt es aus mir heraus. „Sie sind noch sehr jung, haben Sie ein Kind in der 5. Klasse?“ Noch während ich diese Frage stelle, fühle ich, wie unpassend eine derartige Frage ist. „Danke für das Kompliment! Mein Sohn geht in die 10. Klasse“, antwortet sie. „In die 10. Klasse? In diese Jahrgangsstufe geht auch meine Tochter, dann sind sie gemeinsam in einer Klasse“, sage ich. „Es geht hier von 10a bis 10e“, merkt sie an. „Ach so, das habe ich nicht gewusst“, stottere ich, „bis 10e, unglaublich.“ „Mein Sohn geht in die 10b und Ihre Tochter?“, fragt sie. „Kann ich leider nicht ganz exakt sagen“, erwidere ich, „a, b oder c, vielleicht auch d.“ „Verstehe! Wie heißt denn Ihre Tochter, das wissen Sie schon, oder?“ Sie lächelt. „Lena. Nein, Lena heißt meine Frau, meine Tochter heißt Julia.“ „Julia Moser? Sind Sie Herr Moser?“, fragt sie. „Nein, das bin ich nicht“, antworte ich. Sie lächelt und sagt: „Sind Sie sicher?“

Einige Eltern haben ihre Kinder mitgenommen. Stolz führen diese ihre Mütter und Väter durch das Schulgebäude. Eigentlich ungerecht gegenüber den anderen Eltern, denke ich mir, haben sie doch die Möglichkeit der Arbeitsteilung, sie schwärmen gewissermaßen aus, um bessere Listenplätze zu belegen. Und Vorteil zwei, sie irren nicht durch die Gänge auf der Suche nach dem Sprechzimmer von Frau Luzern-Berglehner oder von Frau Bernsteiner, die Kinder führen sie auf kürzestem Wege zielgenau dorthin. Aber welcher Schüler geht mit den Eltern in den Elternsprechtag? Ich hätte dies nie getan. Mir reichte es, wenn meine Eltern nach dem Elternsprechtag nach Hause kamen und immer wieder die Nachricht brachten, dass mein weiterer Schulbesuch gefährdet sei, wegen mangelhafter Leistungen in Englisch und Französisch. Wäre ich dabei gewesen, hätte Frau Binette mich angelächelt und mir mit ihrer erotisierenden Stimme mitgeteilt, dass ich wahrscheinlich im Zeugnis die Note mangelhaft erhalten werde. Sie hätte mir gesagt, ich sei zu unkonzentriert, mit den Gedanken nicht beim Unterricht. Ich hätte genickt und ihr versichert, dass ich mich ab sofort bessern werde. Ich hätte gesagt: Ich werde nicht mehr mit meinem Freund Josef während des Unterrichts reden, das verspreche ich. Ich werde meine Hausaufgaben regelmäßig machen und die Wörter lernen. Dies hätte ich gesagt und gleichzeitig Frau Binettes Körper betrachtet, so wie ein junger Gymnasiast einen Frauenkörper betrachtet, ohne sexuelle Interessen, ausschließlich unter biologischen, soziologischen, psychologischen und unter weiß der Teufel welchen Aspekten noch. So wäre es gewesen, doch es war nicht so, denn ich begleitete meine Eltern nie zum Elternsprechtag. Ich saß zu Hause und wartete auf ihre Rückkehr und wusste, wie gesagt, was kommen wird.

Die Dame mit der intelligenten Tochter, dem Sprachengenie, taucht wieder auf. Ein kurzer Blick auf die Liste. „Sie stehen ganz unten auf der Liste? Ich kann Ihren Namen nicht lesen. Wissen Sie, meine Tochter tut sich leicht beim Lernen von Fremdsprachen. Frau Binette ist eine ausgezeichnete Lehrerin. Kennen Sie sie?“ „Kaum“, merkte ich an. „Eine wirklich gute Pädagogin, wie überhaupt dieses Gymnasium über eine große Anzahl hochqualifizierter Lehrkräfte verfügt“, sagt sie. „Davon habe ich heute bereits gehört“, erwidere ich.

Schülerinnen und Schüler kommen vorbei und bieten Kaffee und Kuchen an. Ich nehme gerne davon und erinnere mich, dass meine Freundin und ich, beide damals in die SMV gewählt, auch bei einigen Elternsprechtagen anwesend waren, um in der Aula die Angebote der Schule den Eltern auf Plakaten zu erläutern. Wir machten dies nicht ernsthaft, sondern