Elysion - Gerrit Müller - E-Book

Elysion E-Book

Gerrit Müller

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Beschreibung

Im Gegensatz zu den meisten Dystopien ist "Elysion" nicht in der Zukunft angelegt, sondern in den 1930er und 1940er Jahren einer alternativen Version deutscher Geschichte. Hier haben ein paar Exzentriker "Elysion" als utopischen Stadtstaat auf einer Insel im Atlantik errichtet: ein Traum der Wirklichkeit wurde... Der Roman erzählt die Geschichten der Menschen, die in diesem Traum leben - und wie "Elysion" für manche zum Albtraum wird. "Der Versuch das Paradies zu schaffen, kann die Hölle hervorbringen." (Graffiti am Harmonium, 1949)

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für Günther Wenk, meinen Großvater,ein Vorbild in Herzenswärme, Intellekt und Großzügigkeit

Und für Nadjawithout you I'm nothing!

INHALTSVERZEICHNIS

WILLKOMMEN AUF ELYSION

AUF DER DACHTERASSE DER HERMESREDAKTION

AUF DER SPUR DES ILLUSIONISTEN

NACHGESCHOBENES VORWORT DES AUTORS

EIN AUSZUG AUS ELISABETH RATHENAUS „SCHLAUE WÖRTER“-NOTIZBUCH

SCHULD

AUF DER

„MESSE FÜR TONGESTALTUNG IM INDUSTRIELLEN KONTEXT (MTIK)“

IN BONN, 1975

ERNEUTER EINSCHUB DES AUTORS

DER ERSTE ARBEITSTAG

DIE GESCHICHTE DES GOLDENEN ENGELS

ROST

AUS DEM PHARMAKOLOGISCHEN BERICHT DES [GESCHWÄRZT]-INSTITUTS ZUR BEWERTUNG DES MEDIKAMENTS „EUDAIMONIA“

FILMOGRAFIE

TRIAÍSTHËSIS

FÜHRUNG DURCH DIE

„EXHIBITION DES ARTES ELYSÉES“

IM PARISER MUSÉE D’ORSAY, 1988 (DURCH EINE NETTE, JUNGE UND – DARÜBER HERRSCHTE SPÄTER EINVERNEHMEN – „VERDAMMT HÜBSCHE“ KUNSTSTUDENTIN)

OHNE KOMMENTAR

ERWÄHNUNG WILHELM HIRSCHBERGS, OFFIZIELLER ENTROSTER IM AUFTRAG DES HARMONIUMS, IN EINEM ARTIKEL DES HERMES AUS DEM FRÜHJAHR 1939

AN EINER KLEINEN WEGGABELUNG INMITTEN DER WOHNKOMPLEXE

NOTIZ DES BEHANDELNDEN ARZTES NACH DER ERSTUNTERSUCHUNG DES WAHNHAFTEN OBSTBAUERNS

TONBANDMITSCHNITT DER BEFRAGUNG DES PATIENTEN D.M. (DEN EIN GROSSTEIL DER SCHWESTERN IM GEHEIMEN IMMER NOCH „DEN WAHNHAFTEN OBSTBAUERN“ NANNTEN)

WAS GESCHAH EIGENTLICH MIT ALEXANDER BURGESS?

DIE ENTLASSUNG DES WAHNHAFTEN OBSTBAUERN D.M.

DAS ERWARTEN DES D.M.

REVIDIERTES VORWORT DES AUTORS

HENNING PAULSENS BERICHT

SCHREIBEN DES HERMES-VERLAGS AN DEN UNBEKANNT GEBLIEBENEN AUTOR DES MANUSKRIPTS „AUF DER SPUR DES ILLUSIONISTEN“, HERBST 1941

DREHBUCHAUSZUG

„ZWEI SCHWESTERN“

(1935) [REGIE UND DREHBUCH: WERNER VON ECKSTÄDT; ELSIE: ELISABETH RATHENAU; HERTHA: BRIGITTE DAGOVER]

ESTHER

„NEULAND“

WILLKOMMEN AUF ELYSION

„Guten Morgen, neuer Bürger Elysions. Ist dieser Tag nicht wundervoll? Wahrhaftig!

Dies ist ein Informationstonband des HARMONIUMS.

[Eingespielte Musik]

„Elysion“. Dieses Wort beschreibt in der griechischen Mythologie eine paradiesische Ebene, zu der jene entrückt werden, die die Götter besonders bevorzugen. Die schöne Helena und der tapfere Achilles ruhen dort mit vielen anderen auf den elysischen Feldern und trinken aus der Lethe, um das irdische Leid auf ewig vergessen zu können.

Für Sie, lieber Bürger, ist der Mythos nun Realität geworden, seitdem die Gründungsväter dieses Staates einen Traum Wirklichkeit werden ließen. Den Traum einer Insel, besiedelt und bevölkert von auserwählten Mitbürgern und Mitbürgerinnen. Fernab der Turbulenzen und Unruhen einer entsagten Heimat, mit ihrer gescheiterten Politik, ihren Straßenkämpfen zwischen den extremistischen Lagern und dem drohenden wirtschaftlichen Kollaps.

Hier gehören Inflation, Armut und Hunger der Vergangenheit an. Hier kämpfen wir gemeinsam für eine starke Industrie, eine selbstversorgende Landwirtschaft und eine progressive Kunst. Hier ist Luxus für jeden ermöglicht. Auch für Sie!

Willkommen auf Elysion – der Traum, der Wirklichkeit wurde!

[Eingespielte Musik]

[Knacken, Spulgeräusche]

Guten Morgen, neuer Bürger Elysions. Ist dieser Tag nicht wundervoll? Wahrhaftig!

Dies ist ein Informationstonband des HARMNIUMS…“

Omnipräsenz, Absolution, fingieren,Subversion, eklatant, Komparativ. Der Bleistift huschte mit diesem typisch bleistifteigenen Geräusch über die Seiten ihres kleinen schwarzen Buches. Ein Flüstern, wie das zweier Kinder in ihren Etagenbetten, die sich angeregt unterhielten. Lange noch nachdem die Eltern das Licht ausgelöscht haben. Hybris, Madrigal, Idolatrie. Der Bleistift/die Kinder machten: „krchhtchh-wuach“. Eine unbekannte Sprache. Irgendwo auf dieser Welt, wo es auch Etagenbetten, Kinder und Eltern gab. Und Licht. Elisabeth schlug die erste Seite der Morgenausgabe des HERMES um und begann die Spalten und Zeilen der zweiten Seite nach weiteren „schlauen Wörtern“ abzusuchen. „Schlaue Wörter“ waren zu genüge in einer Zeitung wie dem HERMES zu finden. Immerhin wurde sie von und für die schlausten Menschen der Welt gemacht. Bürger einer besseren Welt.

Ihr Zimmer verdunkelte sich. Das bedeutete, dass es nun ungefähr 11 Uhr sein musste. Sie blickte aus dem Fenster. Wie der Stab einer riesigen Sonnenuhr ragte das Harmonium groß und herrlich, einem Obelisken gleich, aus dem Meer von Wohnkomplexen, die alle im konzentrischen Halbkreis um den Turm (oder Wolkenkratzer) angeordnet waren. Elisabeth liebte diesen heiligen Moment des Tages, wenn das mächtige Harmonium die Sonne für ein paar Minuten verdrängte und den langen schwarzen Schatten wie eine streichelnde Hand beschützend über sie und ihre Wohnung legte, der dann behutsam weiter von Westen nach Osten wanderte, um, während die Sonne wieder hinter dem vertikalen Mittelpunkts der Insel hervorbrach, die anderen Bürger Elysions, die schlausten und besten der Welt, zu streicheln und zu beschützen.

Als hätte es nur auf die wieder einfallenden Sonnenstrahlen und deren Wärme gewartet, begann das Wasser in der Sintrax genau in diesem Moment zu sieden. Es kletterte das Steigrohr hinauf in den Trichter und vermengte sich dort brodelnd mit dem Kaffeepulver, was unter diesen Lichtverhältnissen einen beinahe karamellinen Klang bekam. Elisabeth ließ ihren Blick verzückt über ihre Wohnung schweifen. Hatte sie es nicht schön hier? Die Sintrax, eine Wagenfeld-Leuchte WG 24, einen Freischwinger von van der Rohe, die Chaise Longue LC4 (eine Liege von Le Corbusier) und all die anderen Möbelstücke, die jedem Bürger Elysions zustanden. Dann die kleine Terrasse, die Elisabeth sich mit den anderen Bewohnern der Anlage teilte, denen aber allen jeweils noch ein eigener kleiner Balkon gehörte – gestützt von Stahlsäulen, die mit den Tomaten und dem Wein aus der Terrasse um die Wette zu wachsen schienen. Ginge sie in diesem – oder sonst einem Moment – vor die Wohnungstüre, wäre sie von gutmütigen Menschen umgeben. Menschen, die nicht nur Mitbewohner oder Nachbarn waren, sondern Freunde.

Elisabeth goss sich den Kaffee in eine Tasse, dann wandte sie sich wieder ihrem Notizbuch und dem HERMES zu. Auf den nächsten Seiten fand sie jedoch nicht viel Neues und schließlich kam sie zum Kulturteil. Hier las Elisabeth jeden einzelnen Text aus wirklichem Interesse und weniger der „schlauen Wörter“ wegen.

Konzertankündigungen. Die neue Schallplatte der COQUETTES. Ein Artikel zu einer Vernissage elysischer Bildhauer. Filmkritiken zu den neuesten elysischen Meisterwerken „die Ferne“ und „Kanarienvogel“, letzterer mit der großartigen Brigitte Dagover in der Hauptrolle. „Ein Film, wie Musik und Ozeane, aus denen Brigitte Dagover erneut als die Sonne an unserem Zelluloid-Himmel aufsteigt“, hieß es dort in der Kritik zu „Kanarienvogel“.

„Die junge Rosa (Dagover) verliert ihren Verlobten, Franzis (Gustav Halb), bei einem Reitunfall. Um ihn wieder zum Leben zu erwecken, schließt sie mit dem Teufel (brillant dargestellt von Eugen Veidt) einen Pakt. Rosa willigt ein, mit dem Teufel die Ewigkeit in der Hölle zu verbringen und ihn mit ihrem Gesang zu unterhalten.

Es bedarf wahrlich einen so meisterlichen Regisseur wie Werner von Eckstädt, dieser Interpretation des klassischen Persephone-Stoffes das passende Kolorit zu geben (Elisabeth notierte sich Kolorit). So wurden z.B. die Filmrollen der Höllen-Szenen in blutroter Farbe eingefärbt, was im Kontrast zum herkömmlichen Schwarz-Weiß einen albtraumhaften Effekt bewirkt. Letztlich sind es aber die überwältigenden Darstellungen Eugen Veidts und Brigitte Dagovers, die diesen Film zu einem weiteren eindrucksvollen Werk elysischer Filmkunst machen.

PREMIERE: Samstag, 20. Mai im Film-Palast“

„Gulp“, Elisabeth nahm eine EUDAIMONIA ein und machte sich die innere Notiz, dass sie „Kanarienvogel“ auf gar keinen Fall verpassen dürfe. Im besten Falle schaffte sie es sogar zur Premiere. Allein der Gedanke daran, weckte in ihr die funkensprühensten Glücksgefühle. Vielleicht gelänge es ihr, Eugen Veidts Hand zu schütteln. Sie müsste sich nur hartnäckig und kompromisslos genug nach vorne kämpfen. Hin zum roten Teppich, vorbei an den Ablichtern und Ausquetschern des HERMES. Vielleicht würde sie auch Brigitte Dagover in die wunderschönen Augen sehen und ihr sagen können, dass sie ein ganz besonderer, Göttinnen gleichender Mensch sei.

Lise tänzelte glücklich – noch immer in Blitzlicht und Ruhm gehüllt – über den roten Teppich zu der LC4-Liege und ließ sich darauf gleiten. Das EUDAIMONIA konnte manchmal diese verstärkte Wirkung haben. Alles ein bisschen heller, bunter, süßer, weicher, besser, elysischer.

Sie lag noch lange auf der Chaise Longue und sah den Nymphen zu, die über ihr kreisten – in durchsichtigen Gewändern und mit leuchtenden Gliedern, die wie Sternschnuppen Schleier aus Licht hinter ihnen herzogen.

Als die Lichtwesen irgendwann erblasst waren und sich die normale, warme Wirkung des EUDAIMONIAs ein-gestellt hatte, erhob sich Elisabeth wieder von der LC4, räumte ihr „schlaue Wörter“-Notizbuch in ein Regal und kippte den kaltgewordenen Kaffee in das Spülbecken. Dann legte sie eine Schallplatte der COQUETTES auf und zog sich für die Arbeit um.

Gegen 16 Uhr verließ sie ihre Wohnung und machte sich auf den Weg zur nächsten Stadtbahn-Haltestelle. Die sechs Züge der einzigen Linie, die es auf Elysion gab, fuhren im Viertelstundentakt in der Form einer großen Acht alle wichtigen Punkte der Insel ab. Einzigen Knotenpunkt dieser Form bildete der Mittelpunkt der Insel - das Harmonium – und zu dessen Fuß: das Stadtzentrum, mit seinen Bars, Nachtclubs, dem Film-Palast, den Konzert- und Theatersälen, den botanischen Gärten. Die nördliche Schleife der „Linie 8“ umfuhr die konzentrisch zum Harmonium angeordneten Sozialen Wohnkomplexe, in denen alle Bürger Elysions in nahezu identischen Wohnungen lebten. Der Schichtleiter, der Buchhalter, der Bandarbeiter, die Sekretärin, der Hausmeister. Keine Unterschiede. Jede Arbeit hatte den gleichen Wert.

Das Produktionsgebiet Elysions, die Gewächshäuser, Felder und Apfelbaumplantagen, die Fabriken und Labore, wurden von der südlichen Schleife der „Linie 8“ eingegrenzt.

Andere Formen des öffentlichen Transports gab es auf Elysion nicht. Manche Bürger hatten sich ein Auto geleistet, aber für gewöhnlich fuhr man Bahn und ging zu Fuß. Stress und Hektik, Umsteigen und eine „Linie 8“, die so hieß, weil es noch mindestens sieben andere Stadt-, Straßen- oder UBahnen gab; das waren doch alles Dinge aus einer anderen, schmutzigeren und schlechteren Welt. Artefakte einer längst überwundenen Zeit.

Lise schaute aus dem Fenster, als die Waggons geradlinig auf die Innenstadt Elysions zu ratterten. Häuser und Hallen von beeindruckender Größe und Schönheit näherten sich. Architektonischer Jazz. Stufen. Zickzack. Purpur, Chrom und Bronze in perfekter Geometrie. Dann die ersten Autos, die neben der Bahn entlang fuhren. Fußgänger auf dem Weg zur Arbeit oder in den Feierabend. Bunte Plakate und Aufsteller, die die Attraktionen der heranschleichenden Nacht anpriesen. Lieferwagen. Der Film-Palast und die Cocktailbars. Möwen, die auf der Höhe von Lises Fenster parallel zur Stadtbahn glitten. Weitere Menschentrauben. Darüber die weiße Spätnachmittagssonne, auf ihrer huldigenden Bahn um das monolithische Harmonium.

Elisabeth ließ einen letzten Blick über dieses organische Zusammenspiel von Formen, Licht und Leben schweifen, dann tauchte die Bahn unter die Straße in einen Tunnel, dessen eintönige Beleuchtung in rhythmischen Lichtsalven hinter der Scheibe vorbei pulsierte. „NICHT VERGESSEN! EUDAIMONIA ERQUICKT. EUDAIMONIA BEGLÜCKT“, sagte ein Engel auf einem Plakat, das an der Holzverkleidung des Waggons hing. Er sah sehr freundlich aus und lächelte sie an. Elisabeth holte das Pillenröhrchen aus ihrer Handtasche, öffnete es klackend und schüttete sich eine Kapsel auf die Handfläche – „Gulp“. Der Engel zwinkerte ihr zu. Die Bahn wurde langsamer als sie aus dem Tunnel in eine große unterirdische Halle rollte: Die Knotenhaltestelle der „Linie 8“. Elisabeth stieg aus. Sie befand sich nun direkt unter dem Harmonium.

Die Wände der riesigen, kreisrunden Halle liefen zu einer Kuppel zusammen. Das getrübte Weiß des Thiersheimer Marmors war durchzogen von schwarzen Adern, die sich bis in die Kuppel der Halle langsam nach oben schraubten. Wie ein in Stein gefrorener, schwarzer Strudel; nur ab und zu unterbrochen von Fahrplantafeln, römisch bezifferten Uhren und den Kupferplaketten, in die man das Emblem Elysions getrieben hatte:

Unter diesem Relief war der Leitsatz der Insel: „EIN TRAUM DER WIRKLICHKEIT WURDE“, zu lesen.

Gedankenverloren fuhr Elisabeth mit den Fingerspitzen der rechten Hand über die schwarzen Furchen des kühlen Marmors und die harten Kupferformen der Plaketten, während sie zu den Treppenaufgängen schlenderte. Ihre Hand glitt dort auf den glatten Handlauf des Treppengeländers, der in dem verhaltenen Gold polierter Bronze schimmerte, gestützt von schilfgrasförmigen Zierstäben, die wie Röhricht aus der schwarzgeäderten Milch der Stufen wuchsen.

Die Luft roch nach Parfüm und Zimt. Irgendwo spielte ein Grammophon klassische Musik. Menschen überholten sie auf der Treppe. Herren zogen freundlich lächelnd zur Begrüßung die Hüte und stapften weiter. Die Plakate, die über dem Treppengeländer die Wand zierten, zeigten lachende Kinder, die „EUDAIMONIA“ riefen und durchs Gras rannten. Eine Putzfrau, ein Wissenschaftler und ein Arbeiter standen nebeneinander auf einem anderen Plakat. Über ihnen der Hinweis: „JEDE ARBEIT IST GLEICHWERTIG!!!“. Lachende Gesichter, schöne Frauen, attraktive Männer und glückliche Kinder auf vielen anderen Plakaten. Verdienste des Harmoniums und der Bürger Elysions. Ihr Verdienst. Elisabeth lächelte. Das Grammophon wurde lauter, der Geruch stärker – sie hatte die letzten Stufen erreicht.

Hier blieb sie in einem Moment andächtigen Verharrens stehen. Farbiges Sonnenlicht fiel durch bunte Glasfenster, wie man sie früher aus Kirchen kannte, in das Foyer des Harmoniums. Frauen in Kostümen und Männer in Anzügen umspülten Lises Körper. Manche gingen schnellen Schrittes durch die verglaste Doppelflügeltüren nach draußen, eine in jeder Himmelsrichtung; andere versammelten sich an den Aufzügen in den Ecken des großen Raumes, um in die oberen Stockwerke zu gelangen.

In der Mitte des Foyers befand sich ein Springbrunnen, der Atlas, Hephaistos und Athene darstellte, die ein gusseisernes Band hielten, auf dem in goldenen Majuskeln „HARMONIUM“ geschrieben stand. Zu ihren steinernen Füßen lugten Goldfische unter Seerosenblättern hervor. Elisabeth las sich den Leitspruch auf dem Rand des Granitbeckens laut vor:

„Ein Traum, der Wirklichkeit wurde“,

es war keine Versicherung, sondern eine Bestätigung dessen, was sie wusste, fühlte und war. Bürgerin Elysions. Der Traum vieler – wahr geworden für sie. Mit einem Lächeln durchquerte sie das Foyer, stieß mit der Hand die Doppeltür des Westausganges auf und wurde eins mit dem Menschenstrom, der an dem Harmonium vorbei zog.

Man lächelte sie an. Sie lächelte zurück.

„Ist dieser Tag nicht wundervoll?“, fragten sie manche und sie antworte:

„Wahrhaftig!“, dann lachte sie.

Wenn sie lachte war sie wunderschön.

Lise fischte das Zigaretten-Etui aus ihrer kleinen Handtasche und steckte sich eine mit spitzen Fingern an. Sie nickte dem Abbild Brigitte Dagovers auf dem großen Plakat für „Kanarienvogel“ zu, das an einer künstlich antiken Säule der Film-Palast-Fassade hing. Premiere: Samstag, 20. Mai 1933

„Ich werde da sein“, flüsterte Elisabeth in den Rauch, der ihren dunkelroten Lippen entstieg.

Sie klang wie eine Liebende und ahnte, dass dies vielleicht auch stimmte.

Neben dem Film-Palast befand sich „die Goldene Note“, die Jazz- & Cocktailbar, in der sie als Kellnerin arbeitete. Eine Möwe hatte sich auf dem G der Neonreklame niedergelassen und beobachtete Lise dabei, wie sie ihre Zigarette in einem der hieroglyphenverzierten Film-Palast-Aschenbecher ausdrückte und dann in der „Goldenen Note“ verschwand.

Leni stand schon hinter dem Tresen. Mit einem Geschirrtuch trocknete sie frisch gespülte Gläser ab, wobei sie ihre riesigen und fleischigen Hände einschränkten. Das Grammophon neben ihr weinte eine Melodie der COQUETTES in den Raum, in dem kalt und scharf der Zigarettenrauch des Vorabends hing.

Leni sah auf:

„Guten Tag, die Dame“, sagte sie scherzhaft.

Lise lächelte.

„Guten Tag.“

„Ist dieser Tag nicht wundervoll?“

„Wahrhaftig!“, sie lachte und öffnete ihre Handtasche, dann das Pillenröhrchen. „klack, klack“ – schüttete sie sich zwei EUDAIMONIA in die hohle Hand und warf sie – „Gulp“ – ein.

„Wahrhaftig!“, wiederholte sie leise und fast abwesend, als die Feuer in ihrem Rückenmark aufflammten.

Die Nadel des Grammophons hüpfte knackend aus der Rille, verschluckte einen kurzen Teil des Liedes, ließ den Schlag der Pauke durch den Raum stolpern. Leni drehte sich verärgert zu dem Gerät um. Sie nahm die Stahlnadel von der Platte und pustete kräftig über deren Rillen. Elisabeth konnte wie in Zeitlupe sehen, dass sich kleine Fäden Speichel von Lenis Lippe zappelnd ausdehnten, dann lösten und über das Grammophon flogen. „KnackKnackKnister“, machte das Grammophon und dann setzte der klagende Ton des Theremins ein. Leni ließ die Platte noch einmal vom Anfang an laufen.

„Oh Lise, könnten Sie bitte die Stühle an die Tische schieben und diese vorher noch kurz mit diesem Lappen abwischen?“

Elisabeth roch den leicht faulen Geruch des zu häufig benutzten Lappens, den Leni ihr entgegen streckte. Dann verfuhr sie wie gebeten.

Dienstag, 13. Februar im Jahr 0

Und mit einem Mal war es vorbei.

Als ich heute Morgen erwachte, verspürte ich weder die üblichen Krämpfe in den Innereien, noch die schmerzende Erschöpfung zweier Lungen, die sich die Nacht über immer wieder gegen eine von Erkältung und angeschwollenen Schleimhäuten verstopften Nase aufzulehnen versucht hatten. Ebenso wenig wies der Kragen meines Nachthemdes seine mittlerweile zur Gewohnheit gewordene Schweißesnässe auf. Und als ich an den kleinen, quadratischen Spiegel meines Badezimmers trat, schaute ich in die Augen eines Mannes, der den Sieg davon getragen hatte.

Monate der Qual, verursacht durch die Leiden eines Medikamentenverzichts, der durch seine Freiwilligkeit und die Unklarheit über die zu erwartenden Ergebnisse sich immer wieder der Versuchung ausgesetzt fand, als sinnlos eingestuft zu werden, fanden mit dem heutigen Tag ihr ach so belohnendes Ende.

Ich bin geläutert. Gereinigt von dem Gift. Den Fesseln entkommen, die mich an die Mauern einer Höhle banden, von der ich irgendwann glaubte, sie machte die ganze existierende Welt aus.

Nun gilt es, ganz im Sinne des Gleichnisses (mir will immer noch nicht einfallen, wer es mir denn einst erzählte), diese Höhle zu verlassen. Dem Ausgang entgegen zu eilen und nicht nur die Herkunft der Schatten zu finden, die sich so hämisch als die kümmerliche Summe allen Seins präsentiert hatten, sondern auch die Lichtquelle zu enttarnen, die diese Schatten aussandte. Mehr noch, ich will hinter das Licht blicken und die weite Welt erkunden.

(Wohl aber, nicht ohne vorher meine Brüder und Schwestern, deren Schicksal weiterhin von Banden vorgegeben ist, aus der Höhle zu befreien. Doch wann und wo wird sich Gelegenheit bieten?)

Nachdem ich heute meinen verräterischen Diensten (Verrat an meinen Mitbürgern!) in den Hallen des HERMES nachgekommen war, ich Lüge um Lüge über die kulturelle und politische Überlegenheit Elysions gegenüber dem Rest der Welt auf der harten Schreibmaschinenklaviatur meines Arbeitsplatzes für die Morgenausgabe komponiert hatte, fuhr ich mit der Linie 8 zum Leuchtturm, um die Abgeschiedenheit und Stille der Steilküste Elysions zum Nachdenken zu nutzen.

Es mag für meine Mitbürger unvorstellbar sein (und ich werde mich hüten, entsprechende Erklärungsmühen aufzubringen – zu meiner eigenen Sicherheit…), aber die von Naturspektakeln geformte Pracht, die diese Insel wie ein Leitmotiv zu durchfließen und zu umgeben scheint, ist zu großen Teilen nichts weiter als eine Begleiterscheinung der vorgeschriebenen Eudaimonia-Dosis. Ohne ihren Wirkstoff fällt der Schleier und das, was einst rosa Wolkenmassen vor aprikosenfarbenden Abendhimmeln waren, was aus dem Meer geborene Regenbögen waren, deren Spektralfarbenkurve nur das Harmonium zu berühren vermochte, was die Weichheit des Grases, die Wärme der Sonne – ja, sogar die Klarheit der Luft – gewesen war, offenbart sich nun mehr in dröger Mittelmäßigkeit.

Und so saß ich auf einem kalten Felsbrocken, der sich aus schlammigen Grasflächen schälte und starrte fassungslos auf einen rauen Atlantik, der, von schmutzigen Wolkenmassen niedergedrückt, zischte und fauchte.

Hinter mir knackten und knisterten die kahlen Bäume der Plantagen, die sich wie schwarzgezackte Ruinen an den rußig qualmenden Schornsteinen der blutrot geziegelten Fabriken vorbei erstreckten. Bis zu dem Punkt, da sich der vertikale Protz der Innenstadt in all seinem Schimmer aufschichtete – immer höher und höher – und schließlich das Harmonium wie ein verchromtes Mahnmal in den Himmel hinauf sandte. Als Warnung an alle Zweifler…

Wo war die Insel, in deren Schönheit auch ich mich verliebt hatte?

In diesem Moment wurde mir die Hürde bewusst, die sich mir auf meinem Weg aus der Höhle darstellen würde:

Demjenigen, der zu einem Leben in der Dunkelheit verdammt war, wird das Licht nicht Erlösung und Erkenntnis bringen, sondern zunächst einmal nur den Schmerz der Blendung und die Angst der Nacktheit. (Wie konnten die Religionen das nur all die Jahrtausende übersehen?)

Und während ich so dachte, bemerkte ich zwei Möwen, die mit blutverschmierten Schnäbeln große Brocken Fleisch aus der Brust einer toten Artgenossin rissen. Mir war, als wären ihre Augen von der gleichen dunkelroten Färbung und als sie ihre Köpfe zu mir drehten, stürzte ich panisch in das schwarze Krallenmeer der Plantagen.

Ich war umgeben von Hässlichkeit…

Samstag, 17. Februar im Jahr 0

Auf meinem Weg in die Freiheit lasse ich viel zurück.

Ich ertrage es kaum meinen Mitbürgern in die Augen zu schauen, denn sie sind beinahe noch abstoßender als es diese Insel schon ist. Ihre Haut ist vertrocknet und gereizt und manchen sprießen haarige Warzen aus Kinn und Nasenspitze. Nur auf den Filmplakaten und den Bürgeraufklärungspostern entdecke ich noch schöne Menschen. Zuweilen bin ich kurz davor, wieder eine Eudaimonia zu nehmen. Nur eine einzige, um für ein paar Stunden die Schönheit wieder zu finden. In solchen Momenten fliehe ich in das Lichtspielhaus.

Doch Werner von Eckstädt hat seine besten Jahre schon hinter sich. Seine „Meisterwerke“ (so wie ich sie auch schon von Berufswegen her oft genannt habe – nennen musste), haben ihren künstlerischen Gehalt weitestgehend eingebüßt. Technisch und dramaturgisch bieten sie nicht viel Neues. Formelhaft erfüllen sie die ständig gleichen Kriterien. Inhaltlich geht es um die Aufgabe des Subjekts und Hingabe an die elysische Lebensweise (die ersteres selbstverständlich einschließt); umrahmt werden die faden Handlungen von technischen Spielereien, die künstlerische Progressivität vorzugaukeln versuchen. Oder aber, der Film bleibt total handlungsfrei… Wie z.B. vor wenigen Jahren, als Eckstädt mit „Asyndeton“ eine lose Anthologie sexueller oder morbider Szenerien präsentierte, die doch letztlich nur der perversen Triebbefriedigung des Publikums diente.

Mir schwant sogar, dass dieser Film schlussendlich ein grausames Experiment des Harmoniums war, mit dem man herausfinden wollte, was dem Bürger Elysions alles als „Kunst“ verkauft werden konnte. Und erschreckenderweise (obwohl eigentlich abzusehen) spielte dieser Film mehr Geld ein, als es je ein anderes elysisches Werk zu vollbringen vermochte.

Es ist ein teuflischer Trick der Insel, dass es ihr gelingt, die kalten Fesseln, die uns an der nackten, feuchten Höhlenwand halten, so weich und sanft wie ein Samtkissen erscheinen zu lassen, auf das wir uns betten – um es niemals mehr verlassen zu müssen. Das Eudaimonia, die Filme, die Musik, der Geist aller Dinge in Elysion vermitteln ein Gefühl von „uns geht es gut“, ergänzt durch die ständige Bestätigung, besser zu sein als der Rest der Welt. Insbesondere als die „schwache Republik der Scheide- und Stresemanns“…

Wäre die Höhle wirklich so elend, hielte es niemand in ihr aus – weshalb mir das Bild eines Traumes sogar noch mehr zusagt. „DER TRAUM, DER WIRKLICHKEIT WURDE“, wie die Insel uns sogar selbst zynisch eingesteht.

Bürger Elysions, ihr träumt einen süßen Traum, dem zu entrinnen ihr keine Notwendigkeit sehen könnt.

Bitte, lasst mich Euch helfen! Ich flehe Euch an!

Doch ihr sagt:

Heraustreten? In eine Welt des Schmerzes und der Hässlichkeit, um – so wie Du – der Schönheit in den Kinosälen nachzutrauern?

Nein!

Aber hört mich doch an!

Jede Minute, die ich auf dem Weg aus der Anästhesie (der, wörtlich übersetzt, „Nicht-Wahrnehmung“) zurücklege, erwachen in mir die Geschichten und Sagen, die Schönheiten und Errungenschaften einer alten Welt.

Des Nachts schrecke ich oft hoch, den Kuss einer vergessenen Geliebten in der Luft einer fremden Stadt auf den Lippen. Mir wird wieder klar: Es gab ein Leben vor Elysion! Ein Leben, dem zu entsagen keine Tugend – sondern eine Sünde war! Was haben wir getan?

Wir haben die wahre Schönheit verleugnet.

Möge sie uns dieses Gräuel verzeihen!

Dazu wird es von nun an unabdingbar sein, die Kino-, Theater- und Konzertsäle zu meiden, als wären sie ein Gift. Denn sie sind nichts weniger… (ich will heute damit anfangen!)

Ferner gilt es, den Bild- und Tonempfängern in unseren Stuben zu entsagen. Denn ihre unsichtbaren Geister vermögen es nicht, in unser Heim einzudringen, wenn unsere Antennen sie nicht beschwören.

Vernichtet die Bücher elysischer Autoren, bevor es ihre Lügen mit euch tun!

Da sind andere Bücher, die sich seit eurer Kindheit in euren Herzen versteckt halten. Räumt die Steine in den verschütteten Stollen fort! Sie warten darauf, erneut gelesen zu werden!

Doch momentan (wie mir wieder einmal schmerzlich bewusst wird) bin ich immer noch alleine. Ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel. Wie der Mann in dem Buch, das ich in meinem Herzen aufgeschlagen finde, der vor vielen Jahren auf eine Steintafel schrieb:

„Hier bin ich am 30. September 1659 gelandet.“

Eine Stunde später hatten die beiden Frauen gelüftet, die Tische und die Theke geputzt und die Zigarettenstummel zusammengekehrt. Leni schaltete das Grammophon aus. Der Geist der COQUETTES, ihr Echo, löste sich langsam in der Luft auf und zerplatzte endgültig, als die kleine Glocke über dem Eingang der „Goldenen Note“ das Eintreten des ersten Gastes signalisierte.

Alexander Burgess war stets fein rasiert und hatte pomadisiertes Haar. Seine dunklen, durchdringenden Augen unter den langen Brauen gaben ihm das Aussehen eines Rudolph Valentinos, was bei den Damen für Herzrasen und Sekundenohnmachten sorgte. Auch Elisabeth hatte sich schon einige Male selbst dabei erwischt, wie sie unanständigen Gedanken nachging, die diesen Herrn Burgess und vor allem seine großen und starken Hände beinhalteten.

Diese Tagträume hatten sich auch dann nicht reduziert, als Leni ihr erzählt hatte, dass Herr Burgess unter besonderer Beobachtung des Harmoniums stünde. Es verstärkte sogar noch ihre Faszination für diesen Mann. Das Paradoxon, dass ein schöner, intelligenter und freundlicher Mensch, so elysisch wie das Harmonium selbst, von diesem beobachtet werden müsste, rief wohlig quälendes Unverständnis hervor. Und vielleicht auch ein bisschen belebende Angst.

Was für Abgründe schlummerten hinter diesen wachen Augen? Stellte Herr Burgess eine Gefahr für sie dar? Für Elysion? Für die schlausten und besten Menschen der Welt?

Sie nahm ein Bierglas von dem Regal hinter ihr und füllte es unter dem Zapfhahn bis ihr kalter Schaum über den Handrücken lief. Dann ging sie lächelnd auf Alexander Burgess zu und das schwere Glas machte: „Klock“, als sie es vor ihn auf den Tresen stellte.

„Das Übliche, Herr Burgess.“

„Vielen Dank, Elisabeth!“, sagte er, freundlich zurück lächelnd.

Dann erschlafften seine Gesichtszüge leicht, das Lächeln wirkte hohl und maskenhaft und seine Stimme hatte an Wärme verloren:

„Ist dieser Tag nicht wundervoll, Elisabeth?“

„Wahrhaf-“, sie stockte.

Er hatte ihre Antwort gar nicht abgewartet, sondern gleich das Bierglas an seine Lippen geführt.

Irritiert drehte sich Lise von ihm weg. Herr Burgess war bestimmt nicht absichtlich so unhöflich gewesen. Sicher hatte er momentan nur zu viele Gedanken in seinem Kopf. Sie drehte sich wieder zu ihm hin und legte mit einem mütterlich liebenden Gesichtsausdruck eine ihrer EUDAIMONIA neben sein Bierglas.

„Nehmen Sie doch eine von meinen!“, sagte sie. „Sie scheinen Ihre heute vergessen zu haben.“

„Danke!“

Flink griffen seine Hände nach der Kapsel – „Gulp“.

„Vielen Dank, Elisabeth!“, sein Lächeln füllte sich wieder mit Leben.

Sie gab ihr wunderschönstes Lächeln zurück und bekam fast ein wenig Herzrasen, als sie eine Freudenträne seine Wange herunterlaufen sah.

Weitere Gäste kamen und gingen. Alexander Burgess blieb die ganze Zeit an dem Tresen sitzen und Lise füllte sein Bierglas von Zeit zu Zeit auf. Sie redeten kaum miteinander. Nur das Nötigste. Elisabeth hatte gut zu tun. Die Jazzcombo machte ordentlich Stimmung und die Leute wollten tanzen und trinken und tanzen und trinken. Leni beschimpfte und verfluchte lachend ein paar Arbeiter, die an einem ihrer Tische saßen. Es war nicht böse gemeint, obgleich Lise häufig errötete. Die Arbeiter gingen auf Lenis Tiraden ein, wetterten zurück – oft noch vulgärer – und dann lachten sie alle und Leni verteilte Küsse. Dann rief sie zu Lise, sie möge eine weitere Runde Bier herüber bringen. So ging das eine ganze Weile und Elisabeths Arme, Hände und vor allem Füße begannen zu schmerzen.

Die Luft roch nach Zigaretten, Schweiß und Rasierwasser und ab und zu auch nach der Pomade von Herrn Burgess.

„Drriiing!“, machte irgendwann das Telefon. „Drriiing!“. Elisabeth schaute kurz zu Leni, doch die war mit einem der Arbeiter beschäftigt. „Drriiing!“. Als sie den Hörer abnahm, sah sie im Augenwinkel, wie Alexander Burgess das Geld für seine Biere auf den Tresen legte, aufstand und die Bar verließ. Sie hätte sich gerne von ihm verabschiedet. Ärgerlich nahm sie den Hörer ab:

„Die Goldene Note. Rathenau hier.“

„Elisabeth, hier ist Rosa. Ist dieser Tag nicht wundervoll?“

„Wahrhaftig!“, antwortete sie – ohne zu lächeln.

„Hören Sie, es ist etwas passiert.“

Rosas Stimme klang plötzlich besorgniserregend.

„Rosa, sind Sie in Ordnung?“

„Nein“, sie begann zu weinen, „ich bin in der Geburtsstation. Mit dem Kind stimmt irgendetwas nicht.“

„Oh Gott!“

„Es besteht die Gefahr, dass ich es verliere.“

Lise schämte sich ihrer Schwärmerei für Herrn Burgess und des damit verbundenen Ärgers über Rosas Anruf.

„Was tun Sie dann am Telefon?“, ihre Stimme klang nachdrücklicher als sie es vor hatte. „Legen Sie sich sofort wieder hin!“

„Es ist doch nur…meine Schicht. Am Samstag.“

„Da müssen Sie doch gar nicht erst fragen! Natürlich werde ich sie übernehmen!“

Elisabeth hatte ihre freundlichste, verständnisvollste Stimme aufgelegt. Innerlich verfluchte sie Rosa und ihr verdammtes Kind. Sie würde nun am Samstag arbeiten müssen und die Premiere von „Kanarienvogel“ verpassen. Sie würde nicht Eugen Veidts Hand schütteln und nicht in Brigitte Dagovers wunderschöne Augen schauen können.

„Das würden Sie tun?“, weinte Rosa in der Ferne.

„Aber natürlich…“, Lise biss sich auf die Unterlippe.

Rosa sagte noch irgendetwas unter Schluchzen und Tränen, das Elisabeth beim besten Willen nicht verstehen konnte, dann machte die Leitung: „Knack“ und: „Tuuuuuut“ und der Lärm von Kundschaft, Jazz-Combo und Wut in Lises Kopf kollabierte über ihr wie der Dachstuhl eines altersschwachen Hauses.

Viele Stunden später verließ sie „die Goldene Note“ und schloss ab. Leni war mit einem der Arbeiter nach Hause gegangen. Über das, was sie jetzt wohl machten, wollte Lise lieber nicht nachdenken. Von der Säule des Film-Palastes erhöht, blickte Brigitte Dagovers Antlitz auf sie herab. Lise traute sich nicht aufzusehen. Hängenden Hauptes schlich sie in den Schatten der Häuser über die Kopfsteinpflaster der Straßen zum Harmonium. Erst vor einer weiteren Plakatwand, mindestens drei mal vier Meter, blieb sie stehen und hob ihren Kopf.

Das Plakat zeigte eine Frau, die lachte. Ein Mann begrüßte sie, indem er seinen Hut lächelnd zog. Über ihnen stand in fetten Lettern: „JEDER TAG IN ELYSION IST WAHRHAFTIG WUNDERVOLL!“ und unter der Frau stand noch mal einzeln:

„Wahrhaftig!“

AUF DER DACHTERASSE DER HERMESREDAKTION

„Jedenfalls war das eine ganz verstörende Erfahrung. Ihn so zu sehen, meine ich. Richtig unheimlich, verstehen Sie? Wie kommt man auf so einen Gedanken? Einfach seine Eudaimonia-Medikation selbstständig abzusetzen. Friedrich riskiert damit doch alles! Seine Anstellung, seine geistige Gesundheit, seinen Status als Bürger Elysions womöglich… Ach, das wussten Sie gar nicht? Jaa! Ich rede von Friedrich Kuhne… Du liebes bisschen… Ja… Verstehe… Nein, das war so. Ich hatte schon seit einiger Zeit nichts mehr von ihm vernommen. Sie mögen ja selbst mitbekommen haben wie die Handvoll Artikel, Rezensionen und Kritiken, die von ihm hier rein geflattert kamen, die einzig verbleibenden Lebens-zeichen darstellten. Dürftige Lebenszeichen, wenn Sie mich fragen. Beweise seiner Existenz? – in jedem Fall! Aber Lebenszeichen unseres Friedrichs…? – Wohl kaum! Sprachlich katastrophal. Wirr. Fiebrig. Durchwoben mit Anmerkungen und Gegengedanken, die er in Klammern über ganze Absätze und Paragraphen fortführte. Kurz: Ich machte mir Sorgen. Weniger um das Blatt als um ihn… Ja, selbstverständlich! Ich sah es als meine kollegiale Pflicht, ihn in seinem Apartment aufzusuchen. Eine elysischbürgerliche Pflicht! Also bin ich mal nach ihm schauen gegangen… nicht sofort! Aber nach einem Monat etwa. Lassen Sie’s fünf Wochen gewesen sein… Er wollte mir zuerst gar nicht die Tür aufmachen. Ich habe natürlich geklopft und gerufen. Richtig albern kam ich mir vor. Dann machte er irgendwann doch noch auf… Und wie er aussah, das glauben Sie nicht. Pfff! – Erbärmlich, wirklich! Das Nachthemd durchgeschwitzt und fleckig. Unrasiert. Ungekämmt. Die Nase lief ununterbrochen – und er schien das nicht einmal mehr zu merken. Vielleicht störte es ihn auch zu diesem Zeitpunkt einfach gar nicht mehr… Ekelhaft, jedenfalls! Ich wollte ihn selbstredend unmittelbar in das Krankenhaus mitnehmen oder einen Arzt kommen lassen. Richtig gesträubt hat er sich dagegen. Ganz hektisch ist er geworden. Panisch, wenn Sie mich fragen. ‚Nein, nein, nein!‘; ‚Alles halb so schlimm.‘; ‚Das wird schon wieder!‘ – die Nummer halt… Und dann hat er’s mir erst erklärt. Ich wusste ja davon gar nichts… Neeein! Erst da… Jaa! Und ich sage zu ihm: ‚Fritz, das kannst Du doch nicht machen!‘, aber er winkte nur ab und meinte, dass das ein kleines Experiment von ihm sei. Und dass im schlimmsten Falle doch nur ein Werbe-Artikel für den lebensverbessernden und notwendigen Nutzen des Eudaimonias bei rumkommen könnte. Wenn er’s nicht mehr aushalten würde, würde er sofort zu einem dieser Automaten rennen, die das Harmonium jetzt überall aufstellen ließ, und sich eine neue Dosis holen… Klar, das beruhigte mich ein bisschen. Ein kleines bisschen. Mir wollte sich aber der Sinn des Ganzen einfach nicht erschließen… Richtig! Was erhofft er sich davon…? Wusste er auch nicht… Genau so habe ich auch geguckt, werter Kollege! Unglaublich… Friedrich hatte es laut eigener Aussage eines Morgens einfach so ‚im Gefühl‘ gehabt, ein heimliches Absetzen seiner Medikation zu versuchen… Ich bekomme dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Und wie er roch… Hrrrrch, da schüttelt’s mich…! Ich habe ihm eine Brühe gekocht, die er dankend annahm und dann habe ich ihn seiner Schüttelfrostattacke überlassen. Bin einfach gegangen… Oh, man verlangt nach mir… Komme gleich! Wie gesagt, ich bin dann raus. Das waren maximal zwanzig, dreißig Minuten. Sie können sich das nicht vorstellen. Dieser Zustand… Na ja, draußen habe ich mir dann überlegt, ob ich ihm nicht einfach ein Röhrchen am Automaten ziehen und es ihn in den Briefkasten schmeißen solle… Ja bitte? Ich komme doch sofort…! Irgendwie habe ich den Gedanken dann aber auch wieder verworfen – oder verloren. Weiß der Himmel… Ähm, ist das Ihr Telefon? Ja? Fein. Ich werde ja auch schon permanent… Kruzifix, ich bin auf dem Weg!!! Wir sprechen später… Ja. Genau! Hervorragend!… Grüße Zuhause!… Ja, danke! Wiedersehen…“

Freitag, 1. März im Jahr 0

Ihr Name war Beatrice…

Als ich heute Morgen erwachte, fiel er mir plötzlich wieder ein. Beinahe so, als wäre er niemals verloren gegangen. Als wären meine blinden, ewig wiederkehrenden Träume nur das Echo eines erst gestern genossenen Kusses gewesen.

Das Leben, das ich vor Elysion lebte, kann nicht mehr länger zurückgehalten werden. Die Dämme brechen und was als feines Rinnsal einer Ahnung begonnen hatte, flutet nun in schäumenden Fontänen in die schwarzen Hallen meiner elysischen Seele und füllt sie mit dem Glanz und der Schönheit der Vergangenheit.

Im September 1924 verließ ich das Deutsche Reich in dem ersten dampfbetriebenen Stahlungetüm, das sich anschickte der untergehenden Sonne entgegen zu donnern. Auf der Suche nach Ruhe und Frieden – beides hatte mir mein Heimatland schon seit Jahren nicht mehr bieten können – verschlug es mich, nach einigen Umwegen über das gesamte Achsenstreuungsspektrum der Windrose, bald nach Paris, wo sich die Bevölkerung, von einem schrecklich heißen Sommer (man berichtete mir von bis zu 45°Celsius) ermattet, in den kühlen Lüften eines erlösenden Herbstes erholte. Die zur „Welthauptstadt der Kunst“ (und wie manche Kreise hinzuzufügen wussten: der Sünde) ernannte Metropole hatte es mir schnell angetan. Bei schönem Wetter spazierte ich gerne an der Seine entlang, wo der Wind in den jahreszeitlich vergilbten Pappeln rauschte, vorbei an den kleinen Buchständen, die in langen Reihen das Seine-Ufer zierten – in der Hoffnung vielleicht Ernest Hemingway zu begegnen, der sich in jenen Tagen dort gerne umsah. Und an verregneten Tagen schlenderte ich durch die trotz alledem belebten Straßen und lauschte dem Regen, der auf meinen Schirm prasselte und das Straßenpflaster in Silber zu verwandeln schien, in dem die monochromen Abbilder ganzer Straßenzüge aufblitzten.

Die unansehnliche Stahlkonstruktion, der sprichwörtliche Dorn im Auge all derer mit denen ich mich unterhielt – zu modern, zu industriell, zu hässlich – und sich doch immer besser in das Stadtbild einfügend, entwickelte sich für mich zu einer Art architektonischem Fixstern und half mir dabei, die vereinzelt auftretenden Episoden von Orientierungslosigkeit zu überkommen. Denn ganz gleich, wohin ich mich verlaufen hatte, stets ragte der Tour Eiffel in den perlmuttüberzogenen Himmel und wies mir den Weg zurück zu meinem kleinen chambre, das ich mir mit einem so eifrigen wie jungen Maler namens Fernand teilte.

Von einer traditionalistischen Haltung überkommen, verbrachte Fernand seine Tage in den ehemaligen Künstlervierteln auf dem Montmartre, wo er ein Zeichen gegen den Exodus der dort wohnenden Künstler zum Montparnasse, dem neuen Zentrum der Pariser Kunstszene, setzen wollte. Tagein, tagaus saß er auf seinem kleinen Schemel und versuchte, den unumkehrbaren Prozess der Verstädterung dieses ehemals ländlicheren Gebietes, in kleinen Skizzen oder Postkarten einzufrieren, die er dann Reisenden feilbot, in der Hoffnung, so den Geist des Montmartre, wie er dort einst vorzufinden war, in die ganze Welt zu tragen. Abends brachte er häufig Prostituierte nach Hause, mit denen er sich dann lautstark vergnügte, während ich Pfeife rauchend auf dem Fenstersims saß und in die Nacht starrte, wo mein stählender Fixstern von Scheinwerfern zum Leuchten gebracht wurde.

Fernand und ich pflegten eine Freundschaft, die über bloße Zweckmäßigkeit hinaus ging. Wir teilten uns nicht nur die Zigaretten, das Rasiermesser und die Suppe, sondern auch unsere innersten Gedanken und Sorgen. So kam es, dass ich ihm in einer eisigen Wintersnacht an einer zauberhaften Begegnung teilhaben ließ, die sich nur wenige Abende zuvor ereignet hatte.

Auf einem meiner Spaziergänge, bei denen ich meinen eigenen Gedanken, zuweilen auch der einen oder anderen Schönheit nachging, hatte es unvermittelt zu regnen begonnen. Der zuckrige Schnee des Vortages fiel satt in sich zusammen und ließ große Pfützen weißen Schlammes entstehen, der meine Hosenbeine mit erbarmungsloser Hartnäckigkeit erklomm und – viel schlimmer – durchdrang. Um weiterer Nässe von oben und unten zu entgehen, floh ich daraufhin in ein kleines Café am Rande eines stark befahrenen Boulevards. Von dort aus betrachtete ich die vorbei eilenden Menschen: Männer in Matrosenanzügen oder Uniformen, wobei sich besonders letztere stark darum bemühten, nicht wie Fliehende auszusehen, sondern die durch ihre Kleidung auferlegte Würde weiterhin auszustrahlen; moderne Frauen in modischen Mänteln, die ebenfalls versuchten, nicht allzu lächerlich auszusehen, wenn sie beim Rennen an die Grenzen ihrer Bewegungsfreiheit stießen; und schließlich die Kinder, auch sie häufig wie Matrosen gekleidet, die sich in keinster Weise an dem Regenwetter zu stören schienen und begeistert in die Schneematschpfützen sprangen, bis sie ihre schimpfenden Mütter davon wegzerrten.

Während das Wetter stetig unangenehmer wurde, saß ich auf einem bequemen „Thonet Nr. 14“ und amüsierte mich über die komödiantische Straßenszenerie. Es war in diesem Moment, als ich zum ersten Mal ihre Stimme vernahm.

Sie stand neben mir, hatte mich gerade gefragt, ob ich einen Kaffee wolle und sah mich nun aus großen, braunen Mandelaugen über einem sommersprossigen Näschen an. Als sie merkte, wie verdutzt ich zunächst reagierte, öffneten sich ihre Lippen zu einem beinahe schon unhöflich lauten Lachen, das jedoch so rein und ehrlich war, dass es ihr niemand – ich am wenigsten – jemals hätte verübeln können. Eingerahmt wurde ihr mädchenhaft hübsches Gesicht von einem zarten Kinn und einem streng anliegenden Bubikopf.

Mittlerweile hatte ich meine Sprache wiedererlangt und beantwortete ihre Frage nach meinem Kaffeewunsch mit einem sehr deutsch klingendem:

„w-Oui!“, worauf sie noch mehr lachte und kopfschüttelnd hinter dem Tresen verschwand.

Von Natur aus eher schüchtern veranlagt – besonders im Umgang mit dem schwachen Geschlecht –, verließ ich mit hochrotem Kopf das Café, bevor sie zurückkehren konnte.

Nachdem ich Fernand über diese Begebenheit unterrichtet hatte, klatschte er nur lachend in die Hände und sagte:

„Wart‘s nur ab, mon vieux pote! Wart’s nur ab…“

Ich tat diesen Ausspruch zwar mit einer abwertenden Handbewegung ab, behielt seine Worte aber (wie es die Bibel so oft sagt) in meinem Herzen. Er sollte mich nicht enttäuschen…

Kaum eine Woche später riss mich das hektische Klopfen meines Freundes an unserer gemeinsamen Zimmertür aus den süßen Träumen, mit deren Hilfe ich Hunger und Kälte zu entkommen versucht hatte. Noch etwas desorientiert und in einem fleckigen Unterhemd öffnete ich die Tür, bereit, ihn zum nunmehr hundertsten Male über die Themen Zurückhaltung und Schlüsselvergesslichkeit zu belehren, als ich mich plötzlich der schönen Café-Bedienung gegenüber fand. Fernand grinste mich verschmitzt an und gab unserem Gast in einem frankophonen Wortschwall zu verstehen, doch bitte einzutreten. Die zierliche Dame glitt an mir vorbei und lächelte mir unter ihrem grünen Glockenhütchen zu, dann nahm sie auf meinem Bettrand Platz und zog – wie selbstverständlich – eine meiner Zigaretten aus ihrer Verpackung. Ich kam ihrer Aufforderung nach mich neben sie zu setzen, während Fernand sein Bett von Malereiutensilien und Hühnerknochen befreite, deren Anwesenheit ich wahrscheinlich den Umstand zu verdanken hatte, dass sich die unbekannte Schöne auf meinen Bettrand gesetzt hatte. Nun legte sie ihre kleine, zarte Hand in die meine und stellte sich mir als Beatrice vor.

„Friedrich Kuhne…“, erwiderte ich, was sich allerdings ungewollt nach einem Knurren anhörte.

Beatrice störte sich nicht an meinem Tonfall und fuhr damit fort auf eine faszinierend unbekümmerte und zugleich grazile Art zu rauchen.

Viel mehr geschah auch nicht an diesem Nachmittag. Wir drei saßen uns auf den zwei Betten gegenüber und Fernand erzählte eine lustige Geschichte nach der anderen, wobei er – ganz in seinem Element – herumfuchtelte, auf seinem Bett herumsprang, Purzelbäume schlug und mit verstellten Stimmen sprach. Beatrice lachte viel und gerne und mit großer Gestik. Sie schlug auf ihre Schenkel, warf ihren Oberkörper zurück oder gegen meinen und riss die fröhlichen Augen und den Mund stets weit auf, während sie lauthals über Fernands Darbietungen lachte. Und dennoch wirkte sie dabei niemals unnatürlich, sondern wie von einer kindlichen Unschuld und Unbefangenheit durchdrungen.

Als es am frühen Abend zu dämmern begann, brachte ich sie nach Hause. Dabei ließen wir uns, obwohl wir beide froren, Zeit und hielten immer wieder an, um uns über den Schnee zu freuen, den die vielen Lichter der Großstadt mit feinem Goldstaub überzogen. Als wir schließlich – trotz aller eingeschobenen Umwege – vor ihrer Haustür ankamen, verabschiedete ich sie und sah ihr noch nach bis sie im Treppenhaus verschwunden war.

Dann schlenderte ich beschwingt zurück nach Hause, wo Fernand mit einer leeren Flasche Wein in meinem Bett lag und schlief. Ich kroch zu ihm unter die schon warme Decke und schloss die Augen. In dieser Nacht war das ganze Zimmer von ihrem Geruch erfüllt.

In den nächsten Tagen trafen Beatrice und ich uns öfter. Wir flanierten die Avenue des Champs-Élysées entlang, die „Allee der Elysischen Felder“ (damals klang dieser Name noch so romantisch und märchenhaft), wo der Schnee von tausenden Stiefeln zu Wasser gekeltert worden war, so dass die Pariser Großbürgerinnen ihre Kleider raffen mussten. Oder wir setzten uns an die Seine, die in diesem Winter dunkel glänzend wie Anthrazit und mit kleinen Eiskronen an uns vorbei strömte. Wenn uns zu kalt wurde, gingen wir in ein Café oder zu mir, wo wir unsere Gespräche noch bis tief in die Nacht fortsetzten. Fernand ließ uns in diesen Nächten immer allein und übernachtete bei Künstlerfreunden oder Tänzerinnen, die er kannte. Wenn er am nächsten Vormittag irgendwann wieder heimkehrte, grinste er mich jedes Mal mit derselben Neugierde an und schien enttäuscht zu sein, wenn ich ihm nichts Anstößiges zu berichten hatte.

Ich hatte schon ein paar Frauen kennen gelernt. Töchter von Damen, die ich kannte und die mich mochten – vielleicht auch über das erlaubte Maß hinaus – und mir daher ihre „Evchen“, „Lieschen“ oder „Gretchen“ vorstellten. Junge Frauen, Mädchen beinahe, die das Haar lang und geflochten trugen. Anständige Mädchen, die man nur bei Tageslicht und im Beisein ihrer Mütter zu sehen bekam. Mädchen – und das war das eigentlich Unerträgliche an ihnen gewesen –, die keinen Schimmer hatten von Literatur, Musik, Kunst oder Politik. Sicher, sie lauschten meinen Ausführungen, manche sogar mit großen, interessierten Augen, aber es hatte keinen Wert. Sie taugten nicht zur Konversation.

Beatrice war anders. Zwar hatte ich immer noch keine Ahnung davon, wie sie wohl küsste (ganz zum Unmut Fernands, der weiterhin treu unsere Bleibe verließ, im Gegenzug aber jedes Mal mit anrüchigen Details rechnete), aber ich hatte so viel mehr, so viel Abenteuer und Tiefgründigkeit in ihr erkennen dürfen.

Sie wuchs als jüngstes von sechs Kindern einer evangelisch-reformierten Pfarrersfamilie in der Provence