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Valery van Walden ist erfolgreiche Kreativdirektorin einer Werbeagentur und glücklich mit ihrem Chef Clemens liiert. Für ihren Job muss sie in ein einsames Wellness Resort auf eine kleine thailändische Insel reisen und kommt in eine ihr völlig fremde Welt voller Ruhe. Alle wollen dort nur eins: Valery von ihrem Arbeitswahn bekehren. Ohne Erfolg – denn Valery und ihr iPad sind unzertrennlich. Ständig muss sie ihre Emails checken, lesen und beantworten. Bis ihr Yogalehrer Vishal verordnet, Emails an ihre eigene Seele zu schreiben. Völliger Quatsch denkt Valery. Doch sie findet den indischen Yogalehrer äußerst attraktiv und schreibt an ihre Seele, um ihn zu beeindrucken. Mit jeder Email taucht sie tiefer in Erinnerungen ein und hört sich das erste Mal seit langem wieder selbst zu. Auf einmal ändert sich alles. Valery lernt auf der Insel gleich drei Männer kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Eine, spirituell und weise, der Zweite witzig und gnadenlos ehrlich und der Dritte geheimnisvoll und verschwiegen. Valery verliebt sich. Doch ihre aufgewühlten Gefühle bringen sie in Lebensgefahr. Genau in dieser Situation vertraut sie ihrer Intuition und weiß endlich was sie will.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
E-Mail an die Seele
Susanne Lösser
Roman
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Über dieses Buch
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Impressum
Danksagung
Über die Autorin
Valery van Walden ist erfolgreiche Kreativdirektorin einer Werbeagentur und glücklich mit ihrem Chef Clemens liiert. Für ihren Job muss sie in ein einsames Wellness Resort auf eine kleine thailändische Insel reisen und kommt in eine ihr völlig fremde Welt voller Ruhe. Alle wollen dort nur eins: Valery von ihrem Arbeitswahn bekehren. Ohne Erfolg – denn Valery und ihr iPad sind unzertrennlich. Ständig muss sie ihre Emails checken, lesen und beantworten. Bis ihr Yogalehrer Vishal verordnet, Emails an ihre eigene Seele zu schreiben. Völliger Quatsch denkt Valery. Doch sie findet den indischen Yogalehrer äußert attraktiv und schreibt an ihre Seele, um ihn zu beeindrucken. Mit jeder Email taucht sie tiefer in Erinnerungen ein und hört sich das erste Mal seit langem wieder selbst zu.
Auf einmal ändert sich alles. Valery lernt auf der Insel gleich drei Männer kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Eine, spirituell und weise, der Zweite witzig und gnadenlos ehrlich und der Dritte geheimnisvoll und verschwiegen. Valery verliebt sich. Doch ihre aufflammenden Gefühle bringen sie in Lebensgefahr. Genau in dieser Situation vertraut sie ihrer eigenen Stimme und weiß endlich was sie will.
I have been a seeker and I still am.
But I stopped asking the books and the stars.
I started looking to the teaching of my soul.
Rumi
Ich bin auf der Suche und suche immer noch.
Aber ich habe aufgehört, in Büchern nachzuschlagen oder die Sterne zu befragen.
Ich habe angefangen, den Lehren meiner eigenen Seele zu lauschen.
Rumi
Angespannt hörte ich auf den stotternden Motor. Irgendetwas stimmte nicht. Der Motor heulte auf, lief für einen kurzen Moment gleichmäßig und setzte dann wieder aus. Das Geräusch war deutlich aus der Ferne zu hören, nur der Lärm der quietschenden Straßenbahn übertönte es kurz. Das Brummen kam näher. Ich nahm das laute Geräusch mit seinen Aussetzern jetzt deutlich wahr. Nervös guckte ich mich um. Eine Frau ging an mir vorbei, packte ihre Freundin am Arm und zeigte beunruhigt nach oben. Auf der anderen Seite der Straße trat ein Verkäufer mit mehreren Hosen über dem Arm vor seine Modeboutique, gefolgt von einer Dame auf Strümpfen. Wahrscheinlich war sie gerade aus der Umkleidekabine gesprungen. Der Verkäufer und seine Kundin starrten in den Himmel und diskutierten aufgebracht. Das Motorengeräusch wurde jetzt richtig laut. Es setzte immer wieder aus - mal länger, mal kürzer. Es kam mir vor, als ob der Motor Anlauf nahm, aufdrehte, vor sich hin stotterte und dann erneut für einige Sekunden in der kalten Februarluft absoff. Ich holte tief Luft und versuchte, meine Anspannung mit einem geräuschvollen Seufzer zu lösen. Unruhig stand ich auf dem Bürgersteig vor dem Café Maxi. Wo blieb Clemens bloß? Die Motorenaussetzer des Zeppelins wurden immer länger. Aus dem Café kamen jetzt mehrere Gäste auf die Straße. Sie blinzelten in den Himmel oder hielten sich die Hand vor die Augen, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Auch ich schaute wieder nach oben und verfolgte das tiefer sinkende Luftschiff. Es nahm direkten Kurs auf die Maximilianstraße.
„Ist schon komisch, finden Sie nicht? Ob die noch die Kontrolle haben, sollen wir die Feuerwehr alarmieren?“, fragte mich eine ältere Dame besorgt.
„Seien Sie beruhigt", antwortete ich mit bemüht sicherer Stimme. „Es wird nichts passieren!“
Aber auch ich hörte nervös auf den immer wieder aussetzenden Motor und beobachtete die Menschen um mich herum. Auf einmal herrschte Stille. Jeder schien den Atem anzuhalten und hoffte, ein Geräusch wahrzunehmen. Ich schaute in die angespannten Gesichter um mich herum. Doch der Motor des Zeppelins schien nun endgültig seinen Geist aufzugeben. Auch ich stand stocksteif auf dem Bürgersteig. „Komm schon, steig wieder hoch, Du kommst zu nah“, flüsterte ich leise vor mich hin. Die meisten Passanten guckten aufgeregt nach oben und blieben regungslos stehen. Es sah aus als ob jemand einen Film anhielt und mit einem Knopfdruck alles wieder zum Leben erwecken konnte. Die Stille erdrückte mich und ich versuchte, tief Luft zu holen. Ein seltsames, fast beklemmendes Gefühl stieg in mir auf. Es erinnerte mich an meine Kindheit.
Damals hatten meine Oma und ich solche Momente herbeigeführt - es war eine Art Spiel gewesen.
Schweigend und mit geschlossenen Augen saßen wir uns gegenüber. Manchmal blinzelte ich ganz vorsichtig und beobachtete Oma, wie sie bewegungslos auf ihrem Küchenstuhl saß. Als ob sie es bemerkte, öffnete sie die Augen und ermahnte mich.
„Wir wollen nach innen schauen Valery, nicht nach außen. Du weißt doch wie ich aussehe.“ Sie zwinkerte mir zu.
„Ja, das weiß ich, aber ich bin neugierig, wie Du aussiehst, wenn Du nach innen schaust.“
„Entspannt und glücklich, hoffe ich.“ Ich nickte. „Nach was suchen wir denn heute?“
„Lass uns einfach die Augen zu machen, und wir gucken mal, was für Bilder Du siehst.“
Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich auf meinen Atem. So hatte es mir Oma beigebracht. Dann ließ ich mich in die Weite gleiten. Es fühlte sich leicht an, unbegrenzt. Auf einmal sah ich Papa, wie er zur Tür hereinkam und mich umarmte. Sofort öffnete ich meine Augen wieder. „Papa kommt heute nach Hause!“, jubelte ich. Oma musterte mich skeptisch. „Aber er wollte doch erst am Freitag kommen. Seine Termine in London beanspruchen doch die ganze Woche.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich hab‘ gesehen, wie er zur Tür hereinkommt und mich umarmt. Wir werden ja sehen!“, sagte ich überzeugt und spöttisch.
„Valery, ich freue mich, dass Du das alles so leicht nimmst, aber sei vorsichtig mit Deinen schnellen Aussagen.“
Ich verzog den Mund. „Oma, ich bin mir sicher.“
Oma lächelte zufrieden und streckte ihren Arm nach mir aus. „Komm auf meinen Schoß, wir wollen noch ein bisschen gemeinsam der Stille lauschen und einfach den Augenblick genießen. Deine Mutter kommt bald und holt Dich ab. Sag ihr bloß nicht, dass Papa heute schon kommt.“ Ich setzte mich auf Omas Schoß, schmiegte mich an sie und schloss die Augen.
Am Abend kam Papa tatsächlich nach Hause, weil ein dringender Fall in der Kanzlei seine Anwesenheit erforderte und er seine Termine in London abgesagt hatte. Hätte ich gewusst, was meine Vorhersage für Konsequenzen nach sich zog, hätte ich Papa nicht davon erzählt. Aber so teilte ich ihm stolz mit, dass ich die Zukunft vorausgesagt hatte. Doch er glaubte mir nicht, sondern spottete nur.
Ich hatte diese Momente fast vergessen, meine innere Stimme immer wieder verdrängt. Der sinkende Zeppelin und die Angst riefen plötzlich Erinnerungen aus meiner Kindheit zurück, verlangten auf einmal nach demselben Kick wie damals mit Oma. Mehr zu wissen als sichtbar war. Der Blick auf die innere Leinwand, auf der sich Bilder aus einer noch unbekannten Welt projizierten.
„Oma...“, sagte ich leise vor mich hin. Ein dumpfer Schmerz durchfuhr meinen Brustkorb, ich biss fest die Zähne zusammen. Trauer und Sehnsucht erfassten mich. Ich atmete tief ein. Nervös fuhr ich mir mit der Hand über mein Gesicht. Ich hatte es so lange nicht probiert. Wollte ich überhaupt etwas hören oder sehen? Wie in Trance schloss ich die Augen und richtete meinen Blick nach innen. Ich merkte wie mein Körper sich auf einmal entspannte, mein Atem ruhig wurde und ich in etwas hineingezogen wurde. Ich sah schwarz, nichts als schwarz. Komplette Dunkelheit. Das Schwarz verformte sich zu Wasser, spiegelglattes Wasser. Ein Ruderboot trieb auf einem Meer. Ich versuchte, mehr zu erkennen. Aber alles verschwamm wieder zu einer schwarzen Masse.
„Gehen Sie besser weiter, sonst können Sie in das Ding gleich einsteigen!“. Die ältere Dame neben mir stupste mich ruppig an. Sofort öffnete ich die Augen und sah den Zeppelin am Himmel dicht vor uns. Er schwebte jetzt wie ein aufgeblasener Wal lautlos über den Häusern. Hier läuft irgendetwas komplett schief, ich muss Clemens erreichen, schoss es mir durch den Kopf. Die Entfernung zu den Dächern betrug höchstens noch zehn Meter.
Die Menschen wurden unruhig. Einige machten mit ihren Handys Fotos, andere flüchteten aufgebracht die Straße hinunter. Die Stille war vorbei, Panik breitete sich aus. Ich zog mein Handy aus meiner Handtasche und drückte auf Clemens Nummer. Wo blieb er nur?
„Wir haben die Feuerwehr schon alarmiert, kommen Sie!“ Ein Mann griff mich am Arm und mein Handy fiel durch die ruckartige Bewegung auf den Boden. Ich hörte aufgeregte Schreie, Autos versuchten, zu wenden und hupten wild durcheinander. Dann bückte ich mich schnell und suchte nach meinem Handy. Ich wurde von einer Seite zur anderen gedrängt. Menschen rannten an mir vorbei. Plötzlich spürte ich einen dumpfen Schmerz am Kopf. Ein Mann hatte mir sein Knie in meinen Schädel gerammt.
„Alles ok? Entschuldigen Sie!“, hörte ich ihn sagen, bevor auch er weiterrannte. Mein Kopf schmerzte, aber ich suchte den Asphalt weiter nach meinem Handy ab.
„Da ist es!“ Schnell griff ich nach meinem iPhone und stand auf. Ich weiß, dass nichts passiert, redete ich mir ein. Es gibt keinen Grund, mitzulaufen. Der Motor wird ganz sicher gleich wieder anspringen. Ich blieb weiter wie angewurzelt auf meinem Platz vor dem Café stehen und versuchte, noch einmal Clemens zu erreichen. Besetzt. Wahrscheinlich kümmert er sich schon, beruhigte ich mich selbst. Ein kleines Mädchen weinte neben mir. Ihre Mutter nahm sie auf den Arm und rannte hinter den anderen Menschen her. Ich bewegte mich immer noch nicht von der Stelle, sondern schaute nervös nach oben. Plötzlich ertönte ein lautes langes Brummen über der Maximilianstraße. Das Luftschiff gewann plötzlich wieder an Höhe. Der Motor war angesprungen und lief jetzt gleichmäßig weiter.
Ich seufzte erleichtert und beobachte den Zeppelin angespannt weiter. Als er abdrehte und die Richtung änderte, konnte man auf dem Bauch des Flugkörpers in fetten Buchstaben lesen: „Die Fünf. Mehr Spannung – mehr Leben – mehr Erleben.“
Ein PR Gag eines Fernsehsenders. Ich war immer noch geschockt, wie sehr diese Aktion aus dem Ruder geraten war. Gleichzeitig wäre ich am liebsten in den Boden versunken. Die Idee zu dieser Kampagne stammte von mir. Ich hatte den Slogan geschrieben und vorgeschlagen, ihn auf ein Zeppelin zu schreiben. Die „Leute kurz erschrecken Nummer“ hatte Clemens sich ausgedacht. Erhöhte Aufmerksamkeit in einer emotionalen Situation, nannte er es. Ich spürte, dass meine Knie noch immer zitterten. Das wäre beinahe schief gegangen. Hatten die wirklich die Kontrolle in dem Zeppelin verloren? Das war einfach zu heftig gewesen. Wie konnten wir die Menschen so schocken? Ich schämte mich und ging langsam mit gesenktem Blick die Straße zurück zur U-Bahn. Wenn der Zeppelin abgestürzt wäre... Nicht auszudenken. Wie hatte ich dieser blöden Aktion nur zustimmen können? Ärger machte sich bei den Menschen auf der Straße breit.
„Was sollte das denn? Das war gefährlich.“, hörte ich einen alten Mann neben mir schimpfen. Ich fühlte mich schuldig. Er hatte recht.
Und wieder kam die Erinnerung: Oma, wie sie mit geschlossenen Augen, auf ihrem Küchenstuhl saß und fremden Stimmen aus einer anderen Welt zuhörte. Versunken saß sie da, abgetaucht in eine andere Zeit - oder in ein anderes Energiefeld, wie sie es nannte. Für Oma gab es weder Zeit und Raum. Sie sagte, sie könne sogar auf diese Weise mit ihrer Schwester in Neuseeland kommunizieren. Ich schmunzelte bei dem Gedanken. Damals hatte es noch kein WhatsApp oder Skype gegeben.
Neben mir lachte jemand. „Wahrscheinlich versteckte Kamera", hörte ich eine junge Frau zu ihrem Mann sagen. „Die werden immer dreister.“
„Aber cool", antwortete er.
„Was ist denn daran cool? Glaubst Du, Du kommst jetzt ins Fernsehen. Dieser bescheuerte Sender ist sowieso nur etwas für Männer, die denken, sie wären James Bond persönlich. Ich hatte echt Angst. Das hätte auch ins Auge gehen können.“ Die Antwort des Mannes konnte ich nicht mehr verstehen. Mein Handy klingelte. Clemens! Endlich.
„Hallo Schatz, was sagst Du? Wie war es auf der Maximilianstraße?“, meldete er sich euphorisch. Leise flüsterte ich ins Telefon, damit mich niemand hören konnte:
„Ich würde am liebsten in Grund und Boden versinken. Was war los? Was ist bei denen da oben schiefgelaufen? Ich zittere immer noch.“
„Nichts! Perfektes Timing würde ich das mal nennen. Auf den Punkt. Genial. Eben Timeline.“ Clemens war in Hochstimmung. Hatte er nicht gesehen, wie panisch die Menschen reagiert hatten?
„Spinnst Du? Das kann unmöglich Dein Ernst sein. Da muss etwas außer Kontrolle geraten sein. Das hat nichts mehr mit guter Werbung zu tun! Du bist zu weit gegangen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich Dir meine Zeppelin-Idee gar nicht erst vorgeschlagen. So etwas mach‘ ich auf keinen Fall noch mal! Ich hab‘ mich wie in einem Film gefühlt. Fehlte nur noch, dass Aliens aus dem Zeppelin gesprungen wären. Die Leute dachten wirklich, das Ding stürzt ab. Und ganz ehrlich, am Ende war ich mir fast auch nicht mehr sicher. Mir steckt immer noch der Schreck in den Knochen. Was für eine bescheuerte Aktion!“
„Ach Quatsch, beruhig’ Dich. Es ist nichts passiert. Ein bisschen Aufregung schadet niemandem. Das war brillant, megabrillant. Genau das Verhalten, das die Leute aus ihren Fernsehfilmen kennen. Nur waren sie dieses Mal live dabei. Ich sag Dir, wenn die sich beruhigt haben, finden das alle megaklasse. Vielleicht macht ja „Die Fünf“ daraus sogar `ne ganze Sendung. Dann war es unsere Idee. Ich hab‘ das Ganze von der Operntreppe beobachtet. Mehr Aufmerksamkeit geht nicht. Mega cool. Ich geh jetzt in die Agentur, mal sehen, was die Leute vom Sender sagen. Komm bitte auch, dann können wir feiern.“ Clemens klang immer noch so euphorisch.
„Mir ist irgendwie nicht so richtig zum Feiern zumute. Ich hab‘ ein total schlechtes Gewissen von dieser ganzen Mist-Aktion. Das mach ich nicht mehr, Clemens. Und Du findest das auch noch cool. Aber das ist es nicht, das war peinlich und gefährlich.“ Ich war immer noch fassungslos, aufgewühlt und sauer.
Das konnte Clemens doch nicht wirklich so gewollt haben. Ich hätte mich gegen diese Aktion wehren müssen, aber er war nun mal der Chef der Werbeagentur. Und wenn Clemens von einer Idee besessen war, zog er sie gnadenlos durch. In den meisten Fällen sehr erfolgreich.
„Ach komm, Du fandst die Idee am Anfang doch auch cool. Jetzt entspann Dich Schatz und komm in die Agentur.“ Clemens ritt weiter auf seiner Euphorie-Welle, und das ärgerte mich. Hätte er neben mir gestanden, hätte ich ihn wahrscheinlich wütend angeschrien.
„Das ist nicht wahr, Clemens. Ich war für eine ganz normale Aktion mit dem Zeppelin, nicht so eine Stuntnummer. Du musstest wie immer übertreiben, wenn es um eine Kampagne geht.“ Ich seufzte. Irgendwie bewunderte ich Clemens auch für seine Begeisterung, aber diesmal hatte er es eindeutig übertrieben. Doch heute würde er es sowieso nicht mehr einsehen. Kritik kam immer erst einen oder mehrere Tage später an. Soviel hatte ich in sechs Jahren Beziehung mit ihm gelernt.
„Jetzt freu Dich, das war toll. Der Sender hat mega viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich fand es echt gut. Also, wir sehen uns in einer halben Stunde.“
„Ach Mann, Clemens, ich weiß nicht. Muss ich kommen? Ich wollte nach Hause, schon mal ein paar Sachen für morgen packen. Wann willst Du das denn machen?... Clemens?“ Clemens antwortete nicht. „Clemens? Hallo?
„Ich weiß noch nicht, jetzt muss ich mich erst einmal um den Sender kümmern, bin so gespannt, was die sagen!“ brüllte Clemens durch das Telefon.
„Aber wir fliegen morgen!“
„Ja... ich weiß. Tschüss.“ Verwundert schaute ich mein Handy an. So war er manchmal. Wenn ihn etwas begeisterte, vergaß er alles, wahrscheinlich auch unseren Urlaub. Ich steckte mein Telefon ein und guckte mich noch einmal um. Die Situation hier auf der Maximilianstraße beruhigte sich zum Glück. Passanten blieben wieder vor Schaufenstern stehen, ein Pärchen küsste sich zur Begrüßung und eine Mutter schob stolz ihren Doppelkinderwagen über den Fußgängerüberweg. Alles, als ob nichts gewesen wäre. Der Zeppelin war, wie vom Himmel aufgesogen, nicht mehr zu sehen.
Die Schlagzeile in den Zeitungen von morgen hatte der Sender auf jeden Fall sicher.
Und mein Freund fühlte sich wahrscheinlich wie der Held in einem Roland Emmerich Film, der gerade die Welt gerettet hat.
„Hallo Mareike“, begrüßte ich meine Assistentin in der Agentur. „Hast Du es gesehen?“
Mareike saß an ihrem großen Glasschreibtisch und guckte mich fragend an. Ihre grau-blonden Haare waren wie immer zu einem strengen Zopf zurückgebunden, auch heute trug sie wie fast immer eine hellblaue Bluse und ein Jackett darüber. Sie war schon über 50, aber wirkte trotz ihres strengen Outfits zehn Jahre jünger.
„Hallo Valery! Nein, aber Clemens war vollkommen aus dem Häuschen. So hab‘ ich ihn noch nie gesehen. Conrad Münzer vom Sender hat direkt angerufen. Jetzt telefoniert er gerade mit ihm. Hier ist übrigens noch ein Fax für Euren Urlaub gekommen. Irgendeine Buchung für ein „Special“. Ich nahm Mareike das Papier aus der Hand und legte es auf die gegenüberliegende Seite auf meinen Schreibtisch, der im Gegensatz zu Mareikes aussah wie ein Schlachtfeld. Ich musste unbedingt noch aufräumen, bevor wir morgen nach Thailand flogen.
„Der Münzer kann zufrieden sein. Für den Sender war es toll. Er als Marketingchef wird bestimmt gefeiert. Ich fand, es war die Hölle, Mareike. Selbst ich hatte Angst, obwohl ich wusste, wie es ausgeht. Komplette Panik auf der Straße, das kannst Du Dir nicht vorstellen. Die Menschen sind um ihr Leben gerannt. Das war einfach zu viel. Ich hätte Clemens davon abhalten sollen. Geschämt habe ich mich - für meine eigene Werbe-Aktion. Das gibt bestimmt noch Ärger. Bei so etwas mache ich auf jeden Fall nicht noch einmal mit.“
„Du weißt doch, dass Clemens sich von nichts abbringen lässt, Valery. Wenn der Kunde zufrieden ist... Auch einen Kaffee?“ Mareike stand auf und ging zu unserer kleinen Kaffeebar vor unserem Büro, das nur mit einer durchsichtigen Glaswand von dem großräumigen Flur getrennt war.
Ich folgte ihr und setzte mich auf einen der hellgelben Barhocker an die ebenfalls knallgelbe Theke. Unsere Werbeagentur sah wirklich aus wie eine Werbeagentur. Stylish, schrill und modern. Überall knallten einem bunte Möbel oder Poster von erfolgreichen Kampagnen entgegen. Mareike nahm eine lila Nespresso Kapsel und steckte sie in die Espresso Maschine. Unruhig rutschte ich auf meinem Hocker hin und her.
„Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was auf der Straße los war! Totale Panik, alle rannten angstvoll in verschiedene Richtungen. Wir können froh sein, dass nichts passiert ist. Ich hab‘ jetzt noch Beklemmungen.“
„Clemens meinte, es hätte ‚mega’ funktioniert. Eine filmreife Inszenierung. Was willst Du mehr. Er ist der Boss. Außerdem habt Ihr ab morgen Urlaub. Scheint Clemens wichtig zu sein. Auf jeden Fall hat er diesmal alles selbst gebucht. Ich weiß von nichts“, lachte Mareike.
„Hoffentlich kommen wir dann an“, zwinkerte ich ihr zu. Sie schien gar nicht zu begreifen, was draußen vor sich gegangen war. Für Mareike war es ein Tag wie jeder andere. Clemens Begeisterung hatte sie mehr beeindruckt als mein panisches Gestammel. Die Tür am anderen Ende des Korridors wurde aufgerissen. Clemens stürmte energiegeladen und in Hochstimmung aus seinem Büro, das im Gegensatz zu unserem durch milchige Scheiben vom Flur getrennt war. Sein Blick wanderte unruhig erst zu mir, dann durch den Raum, zu Mareike und wieder zu mir. Dann ging er strahlend auf mich zu, umarmte mich fest, drückte mir einen Kuss auf den Mund, ging dann weiter zu Mareike und umschlang sie ebenfalls mit seinen langen Armen.
„Ja! Ja! Ja!“ Clemens ballte eine Faust und presste seine schmalen Lippen aufeinander. „Der Sender ist begeistert. Das war mega, auch von Euch. Das haben wir alle zusammen super hingekriegt.“ Clemens jubelte. Schweiß stand ihm auf der Stirn, ein paar dunkle Haarsträhnen klebten an seinen Schläfen fest. Aber seine blauen Augen leuchteten.
Erfolg machte ihn glücklich.
Ich schaute ihn an, aber meine Gedanken tauchten für einen kurzen Augenblick ab. Ich sah wieder ein Boot. Blaues Wasser. Es schaukelte gemütlich auf dem Meer.
„Valery, freust Du Dich denn gar nicht?“
„Was? Ja, doch. Naja, dann hat sich die viele Arbeit ja gelohnt. Ich fand es total übertrieben. Der Zeppelin hätte früher abdrehen müssen, wie geplant.“ Clemens streichelte zärtlich meine Wange.
„Kleines, nur so können wir in dieser bunten Werbewelt überleben. Morgen spricht ganz München darüber. Und welche Agentur steckt dahinter: Timeline. Yeah!“
„Und wer ist die verantwortliche, aber peinlich berührte Kreativdirektorin?“ Clemens nahm mich in den Arm und hob mich vom Boden. „Valery van Walden. Das war toll, Val. Jetzt sei nicht so eine Spaßbremse. Mareike, wo ist der Champagner? Wir müssen ein bisschen Stimmung machen.“ Ich zappelte, damit Clemens mich wieder herunterließ. Normalerweise mochte ich seine Begeisterung für Aktionen. Diesmal saß mir der Schock zu tief in den Knochen.
„Aber wir können doch nicht alles inszenieren. Nicht, wenn es unschuldige Passanten erschreckt. Es hätte wirklich etwas passieren können.“
„Vielleicht tauchen wir ja auch in den Lokalnachrichten auf!“ Clemens nahm die Flasche Moet Chandon von Mareike entgegen. Ich lächelte gequält und verständnislos. Oder hatte er wie immer recht und den richtigen Riecher gehabt?
„Ich muss da aber noch etwas mit Dir besprechen, Val. Es gibt etwas Neues...“ Die Begeisterung wich aus Clemens’ Gesicht. Verwundert musterte ich ihn. „Was Schlimmes?“, fragte ich vorsichtig.
„Ach ne, ja schon, komm mit. Schampus trinken wir gleich. Ich sag es Dir in meinem Büro.“ Clemens drehte sich um und ging zurück in sein Zimmer. Ich folgte unruhig. Was hatte er auf dem Herzen? War doch etwas passiert, das Mareike nicht wissen durfte?
„Setz Dich!“ Clemens zeigte nervös auf seinen dunkelbraunen Clubsessel. Das einzig dezente Möbelstück in seinem Büro, denn sein Schreibtisch und der dazugehörige Stuhl strahlten in hellem Apfelgrün. Ich nahm in dem Sessel Platz und schaute ihn fragend an:
„Was ist los? Du wirkst ja auf einmal ganz verstört. Hat dem Münzer vom Sender doch irgendetwas nicht gepasst?“ Clemens setzte sich auf seine Schreibtischkante, fuhr sich noch einmal mit der Hand über sein Gesicht und seufzte.
„Nein, im Gegenteil. Sie wollen direkt die nächste Aktion. Du musst allein nach Thailand fahren. Ich kann nicht mitkommen. Wir haben einen neuen Auftrag von der „Fünf“.
Sprachlos starrte ich Clemens an. Für ein paar Sekunden herrschte Stille.
„Aber kann das nicht zehn Tage warten? Das ist nicht Dein Ernst, oder?“
„Doch, Kleines, komm, der Auftrag ist für uns beide wichtig. Die ersten Tage kriegen wir ohne Dich hin, dann steigst Du wieder ein.“
„Ich soll also alleine fahren? Wie stellst Du Dir das vor? Du hättest den Sender doch zehn Tage hinhalten können!“ Ich war sauer, enttäuscht, beleidigt, fassungslos. Clemens seufzte und guckte mich ernst an.
„Es ist doch sowieso halb beruflich, Kleines. Und ich brauch doch keine Entspannung und Yoga. Dann schaust Du Dir dieses Wellness Resort eben ohne mich an und findest gute Ideen für die Werbe-Ausschreibung. Der Thailand Auftrag ist wichtig für uns, aber der Sender eben wichtiger. Eine Werbekampagne für dieses Luxus Resort könnte ein weiterer Schritt auf den internationalen Markt sein! Deshalb wäre es wirklich gut, wenn wenigstens Du hinfahren könntest.“
„Ich habe echt keine Lust, alleine in dieses Hotel zu fahren und mich mit diesen ‚Eso-Tussen‘, wie Du sie immer nennst, zu unterhalten. Da sind doch nur Leute mit Burn Out, Sinnsuchende und betende Buddhisten.“ Genervt stand ich auf, ging zum Fenster und schaute auf die Sendlingerstraße. Meine Stimmung war nun endgültig in den Keller gerutscht, tiefe Enttäuschung vermischte sich mit Wut und Unverständnis.
„Ja eben. Das wäre doch sowieso kein romantischer Urlaub gewesen. Ich hatte ja von Anfang nicht so richtig Lust und viel zu viel Arbeit. Bitte Valery.
Du bist doch die zuständige Kreativdirektorin. Kannst Du das Hotel nicht ohne mich für uns auskundschaften? Erholst Dich ein bisschen und nebenbei suchst den passenden Slogan für die. Ich finde, es gibt schlimmere Jobs.“
Beleidigt setzte ich mich wieder.
Ich kannte Clemens jetzt sechs Jahre. Sein Beruf stand immer über allem. Perfektionistisch und euphorisch wie er war, überließ er wichtige Aufgaben nie jemand anderem. Ich wusste, dass er bereits beschlossen hatte, hier zu bleiben und ich war mir gar nicht mehr sicher, ob er jemals wirklich nach Thailand mitfliegen wollte. Wieder einmal bedeutete ihm seine Agentur mehr als unsere Beziehung. Ich kämpfte gegen meine Tränen an. Nein, Valery, sagte ich mir selbst. Heulen geht jetzt gar nicht, Du darfst keine Schwäche zeigen. Clemens kam auf mich zu, setzte sich auf die Armlehne des Sessels und legte den Arm um mich.
Ich schüttelte ihn ab und drehte mich um. „Ich soll allein in dieses blöde Hotel, in das ich sowieso nur Deinetwegen fahre, und Du kommst nicht mit?“ Ich versuchte, möglichst kalt und monoton zu klingen.
„Wir waren uns doch einig, dass wir uns einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und uns deshalb in dem Resort einquartieren. Es reicht doch, wenn einer genau weiß, was die für ein Werbekonzept brauchen und wie es dort aussieht. Valery, denk professionell. Wir machen ein anderes Mal Urlaub. Auf einer einsamen Insel, ganz romantisch.“
„Das Hotel ist auf einer einsamen Insel“, setzte ich dagegen. „Das wird super langweilig. Ach Clemens, das ist unfair. Nur zehn Tage. Außerdem würde ich die neue Aktion auch gerne begleiten. Nicht, dass Ihr das nächste Mal ein Ufo landen lasst...“
„Gute Idee! Das werden wir schon mal aufnehmen. Hey....“. Clemens boxte mich zärtlich in die Seite. „Hab‘ Verständnis!“ Clemens konnte so charmant und flirtig sein und mich immer um den Finger wickeln. Diesmal wollte ich nicht nachgeben. Ich war sauer und hatte mich wirklich gefreut, mit meinem Freund endlich mal ein paar Tage allein und entspannt zu verbringen.
Aber ich wusste, selbst wenn Clemens mitfahren würde, hing er sowieso nur über seinen E-Mails und würde mit dem Sender dauerskypen.
„Es sind schöne Villen, Valery, und es soll absolut traumhaft sein, eine ganz tolle Insel, Palmen, Strand. Das weißt Du. Außerdem tut es Dir ja vielleicht ganz gut, so ein bisschen Yoga und Ruhe. Du hast mir neulich erst gesagt, dass Dir alles zu viel wird und Du Angst vor einem Burn Out hast. Und ganz ehrlich: es ist ein Job, um den sich viele reißen würden“, versuchte Clemens, mich zu beruhigen.
„Yoga... Ich bin steif wie ein Brett“, schnauzte ich ihn an. Er hätte mir auch eine Luxus Penthouse-Suite in New York anbieten können und es wäre in diesem Moment nicht gut genug gewesen.
„Und wenn ich auch hierbleibe? Wenn sich alle um diesen Job reißen, dann schick doch jemand anderes“, fauchte ich trotzig.
„Es ist alles gebucht. Außerdem endet der Pitch schon in vier Wochen. Versuch‘, es zu verstehen! Ich will auch niemand anderen aus der Agentur schicken. Ich weiß, dass Du das Ding an Land ziehen wirst.“
Wahrscheinlich hatte er recht.
„Wir werden sehen“, flüsterte ich leise und geknickt vor mich hin. Dann stand ich auf und verließ sein Büro.
Langsam ging ich zu meinem Schreibtisch und setzte mich auf meinen Stuhl.
Mareike zog verwundert die Augenbrauen nach oben. „Was ist los?“
Sie wusste es also noch nicht.
„Ich soll alleine ins Wii Maan nach Thailand fahren. Er hat keine Zeit.“ Mareike riss die Augen auf. „Was? Das verstehe ich nicht. Er hat doch alles geplant.“
„Aber hier ist zu viel zu tun, Mareike. Ich bin echt geplättet.“ Meine Assistentin verschränkte die Arme und überlegte. „Kommt gar nicht in Frage. Die Arbeit schaffen wir hier auch zehn Tage ohne ihn! Entschlossen steuerte sie auf Clemens‘ Büro zu. „Mareike!“, versuchte ich, sie noch zurückzuhalten, aber sie stürmte schon zu ihm hinein. Es dauerte keine zwei Minuten, und sie saß mir wieder gegenüber.
„Nichts zu machen. Und das Schlimme ist, man kann ihm nie böse sein.“
„Ich bin verdammt wütend, das kannst Du mir glauben. Einen Tag vorher, nur wegen dieser bescheuerten Aktion heute. Aber was soll’s! Ich werde mir wohl oder übel dieses esoterische Erholungsheim alleine ansehen müssen. Willst Du nicht mit?“
„Du weißt doch, ich hab‘ Flugangst. Auf keinen Fall. Außerdem es ist ein Luxus Resort, Val. Jetzt blende mal Deinen Clemens aus und mach Dir zehn tolle Tage in der Sonne.“
Sie stand auf und wackelte mit ihren roten Pumps und grauem engen Rock aus unserem Büro zur Kaffeetheke. Ich hörte ein lautes Knallen und musste schon wieder schmunzeln.
In unserer Werbeagentur wurde schlechte Laune einfach nicht zugelassen.
„Bitte sehr! Auf Deinen Wellness-Urlaub!“ Mareike drückte mir ein Glas Champagner in die Hand und stieß mit mir an.
„OK, ich fahre ja, aber blöd finde ich es immer noch. Das werden die zehn längsten Tage meines Lebens zwischen diesen ganz Strickpulli Trägern. Oder wahrscheinlich laufen die in selbst gehäkelten Bikinis rum. Hätte ich das gewusst, wäre ich kurz hingeflogen, hätte mir den Laden angeschaut und hätte wieder die Biege gemacht.
Vielleicht sollte ich mir heute besser selbst noch einen Bikini stricken und einen orangefarbenen Wollpulli kaufen. Oder vielleicht doch besser lila?“ Mareike kicherte.
Sie hatte gut lachen, schließlich war sie die Modequeen in unserer Agentur, immer perfekt gestylt.
„Nein, Du packst schön die schicken Sachen ein, gehst abends an die Bar und amüsierst Dich!“
In diesem Moment streckte Clemens seinen Kopf in unser Büro. „Valery soll sich amüsieren? Auf keinen Fall, sie soll arbeiten!“ Er grinste breit und legte mir ein Blatt Papier auf meinen Schreibtisch. „Dein Ticket!“
„Sehr zuvorkommend, danke! Hast Du Deins schon storniert?“ motzte ich ihn an.
„Ähm, nun ja...ich hab‘ Deins umgebucht. Schau mal auf die Platznummer!“
Ich nahm das Blatt in die Hand und suchte die Reservierung.
„Ja, 4 B. Toll, danke. Ich hoffe ein Gangplatz!“ Mareike guckte Clemens überrascht an. Was war jetzt so Besonderes daran? Dass der Chef persönlich mir mein Ticket ausgedruckt hatte?
„Ja und? Was klotzt Ihr mich jetzt beide so an? Ich fliege ja, auch alleine. Zufrieden?“
Mareikes Lächeln wurde immer breiter, während Clemens immer noch auf eine Reaktion von mir zu warten schien.
„4B, Val. Weißt Du, wo das ist?“
„Ganz vorne, na und?“
Clemens und Mareike guckten sich an. „Val, das ist die Buuusssiiiness Class!“, platzte Mareike lautstark heraus.
Irritiert schaute ich zu Clemens, dann zu Mareike und wieder zu Clemens. Ich stand auf und drückte ihm das Ticket in die Hand.
„Ich bin nicht käuflich. Ich wäre auch so geflogen! Du denkst, Du kannst Dir alles erlauben und Schwups, mit ein bisschen Luxus ist alles wieder gut.“
„Val, es sollte doch nur eine Wiedergutmachung sein!“
„Ich werde auf Sitz 4B darüber nachdenken. Tschüss! Mareike, ich ruf Dich nachher noch mal an.“
Wütend nahm ich meinen Mantel und meine Handtasche, warf Clemens noch einen kurzen verachtenden Blick zu und ging.
Immer noch tief enttäuscht, saß ich auf meinem weißen Sofa zuhause und nippte an dem guten Pinot Noir.
Clemens hatte ein paar Mal versucht, mich anzurufen, aber ich wollte nicht mit ihm sprechen. Noch nicht. Was für ein Tag! Erst diese verrückte Zeppelin-Werbeaktion und dann Clemens‘ Rückzieher. Konnte er nicht einmal die Arbeit Arbeit sein lassen und sich auf einen Urlaub mit mir freuen. Als ob mir ein Business Class Flug so wichtig war. Obwohl - Clemens wusste genau, dass ich Luxus und Klasse liebte. Trotzdem, ich hatte mich so auf einen gemeinsamen Urlaub gefreut. Egal, ich musste jetzt professionell denken. Es war ein Job und sogar ein ziemlich angenehmer.
Aber da gab es noch etwas anderes, das mich aufgewühlt hatte. Meine Oma war auf einmal wieder in meinem Leben aufgetaucht. Jahrelang hatte ich nicht mehr an sie gedacht und unsere gemeinsamen Entdeckungsspiele verdrängt. Die spannungsgeladene Stimmung heute und dieser kurze Moment der Stille hatten die Erinnerung zurückgebracht. Wie es Oma wohl ging? „Hexe“, hatte sie Papa damals genannt. Ich durfte nie wieder zu ihr und irgendwann habe ich ebenfalls geglaubt, dass sie mir totalen Blödsinn beigebracht hatte. Vielleicht war es das auch. Wer konnte schon in die Zukunft sehen?
„Schließe die Augen und gleite in einen Traum, Liebes“, hörte ich Oma sagen. Ich setzte mein Weinglas auf den Couchtisch ab und schloss die Augen. Ich sah Clemens mit dem Ticket in der Hand, sein Grinsen und dann sein enttäuschtes Gesicht, dass er mich nicht so überrascht hatte, wie er es sich vorgestellt hatte. Ich sah den Zeppelin, dann mich an meinem Schreibtisch. Ich dachte an die Reise morgen, wann ich aufstehen musste.... Lautstark wurde ich von so vielen Gedanken beschallt.
„Oma...“, flüsterte ich vor mich. Mir war, als könnte ich sie wahrnehmen oder sogar sehen, als wäre sie im Raum. „Oma? Wo bist Du? Lebst Du noch?“ Wieder schloss ich die Augen und versuchte noch einmal, ganz ruhig zu werden.
„Da ist eine alte Frau bei Dir!“ Meine Schulfreundin Anja guckte mich fragend an. „Was für eine Frau?“ fragte sie mich. Ich wunderte mich, dass Anja sie noch nicht bemerkte. „Ja da, sie ist ganz nah bei Dir. Sie hat so eine große Nase, ein total faltiges Gesicht, einen großen hellbraunen Fleck auf der Wange und kurze weiße Haare.“ Anja blieb stehen. „Und braune Augen?“ Ich guckte Anja weiter an. „Ja, schöne braune Augen mit weißen Augenbrauen." „Meine Oma?" „Vielleicht, so genau kenne ich sie nicht. Doch ja sie nickt.“ Anja blieb stehen und sagte genervt: „Ich weiß Val, dass Du mich trösten willst. Aber ich find das nicht lustig. Omi ist tot, schon seit zwei Wochen, das weißt Du. Du hast Glück, dass Deine Oma noch lebt.“ Warum glaubte mir Anja nicht. „Sie ist da, Anja, ich sag das nicht nur so. Sie ist da und lächelt.“ Anja schubste mich weg. „Lass mich in Ruhe, Du bist schon genauso verrückt wie Deine Oma. Deine Oma lügt aber, man kann nicht in die Vergangenheit gucken und schon gar nicht in die Zukunft. Und genauso wenig kannst Du meine Oma bei mir sehen. Die liegt nämlich im Grab auf dem Friedhof!“
Sie schien sie nicht zu sehen. „Kommst Du mit mir zu meiner Oma? Dann fragen wir sie noch einmal.“ Ich war mir sicher, dass Oma sie überzeugen konnte.
„Lass mich in Ruhe!“ Anja drehte sich um und rannte weg.
Traurig schlenderte ich zu Omas Haus. Warum glaubte mir niemand? Und warum konnte niemand das sehen, was Oma und ich sahen? Oma wohnte in einem kleinen weißen Häuschen mit einem riesen Garten im Münchner Süden. Meistens ging ich nach der Schule erst einmal zu ihr, weil Mama und Papa arbeiteten. Oft pflanzten wir etwas zusammen in ihrem Garten oder sie zeigte mir, wie man Dinge wahrnehmen konnte, die wir normalerweise nicht sehen. Fremde Energien nannte sie es. Meistens konnte ich nicht erkennen, was sie sah. Aber es gab Momente, da blitzen Bilder auf. Dann sah auch ich auf einmal etwas, erzählte es Oma und sie lobte mich.
Ich hämmerte an Omas weiße Holztür. Lächelnd öffnete sie. Sofort drückte ich mich an sie und weinte. „Was ist denn los, meine Liebe? Hast Du Ärger in der Schule?“ Ich schluchzte. „Warum kann Anja ihre tote Oma nicht sehen? Und warum glaubt sie mir nicht? Sie war da, ich bin mir sicher, ich hab‘ nicht gelogen.“ Oma kniete sich zu mir herunter. „Nicht weinen, meine arme kleine Valery. Diese Erfahrung wirst Du noch öfters machen. Andere können das nicht sehen, am besten behältst Du es für Dich. Vielleicht habe ich Deine Fähigkeiten zu früh unterstützt. Du musst Dich auf die Schule und Deine Freunde konzentrieren. Komm rein, ich mach Dir eine heiße Schokolade.“ Ich nickte, schlüpfte aus meiner Jacke samt dem Schulranzen und lief hinter Oma her.
„Also habe ich recht?“ Oma lächelte mich verständnisvoll an. „Ich denke schon, aber Anja auch. Guck mal, Du hast besondere Augen, die hat nicht jeder. Du kannst Seelen fühlen und das können nur ganz wenige. Und deshalb konnte Anja ihre Oma auch nicht sehen und denkt, sie wäre im Himmel.“
„Im Grab!“ korrigierte ich.
„Ja, der Körper, aber sie denkt ihre Seele ist im Himmel. Aber Anjas Oma hat sie wahrscheinlich so lieb, dass sie noch nicht dorthin wollte und ihre Seele ist noch ein bisschen hiergeblieben. Manche Seelen können nicht loslassen, oder wir lassen sie nicht los.“
„Bleibst Du auch hier, wenn Du mal stirbst?“ Oma lachte laut heraus. „Das hoffe ich nicht, aber vielleicht schlüpft meine Seele in einen neuen Körper und wir treffen uns auf diese Weise wieder.“
„Anja hat gesagt, Du lügst und kannst gar nicht in die Zukunft oder Vergangenheit sehen.“ Oma setzte sich zu mir. „Ich lüge nicht. Aber für andere ist es oft schwer zu verstehen, weil sie es nicht können. Lass Dich deswegen nicht davon abbringen, Vally, sonst verlierst Du diese Gabe wieder. Wir sehen mehr, weil wir auch mehr wahrnehmen, und das muss man üben. Aber wir wollen es auch nicht übertreiben, Du hast noch soviel Zeit. Ich will auch nicht, dass Deine Klassenkameraden denken, Du bist komplett verrückt.“
„Üben wir deswegen immer das ‚still sein‘?“ Oma nickte.
„Papa sagt auch, Du spinnst“, bohrte ich weiter nach.
„Das wichtigste, Valery, ist doch, dass wir uns verstehen und unseren Spaß haben. Ich muss Dir noch viel beibringen. Aber Du musst erst einmal älter werden, dann wird es auch für Dich leichter.“ Liebevoll strich sie mir über den Kopf.
Mein Handy klingelte wieder. Verwirrt schaute ich auf das Display. Clemens startete einen erneuten Versuch, mich zu erreichen. Ich drückte ihn weg und bestellte mir anschließend ein Taxi für den nächsten Morgen.
So oft hatte Clemens mich schon um den Finger gewickelt, diesmal sollte er spüren, dass er zu weit gegangen war. Ich würde mich aus Thailand melden. Im Moment wollte ich sowieso nur meine Ruhe haben.
Benommen starrte ich auf das Abfertigungsband des kleinen Flughafens von Koh Samui. Ich wischte mir den Schweiß von der Oberlippe, versuchte, meinen engen Rock von den klebrigen Beinen zu ziehen und zog dann meinen Wollpulli aus. Hätte ich mal meine Pumps anbehalten und nicht die hässlichen Uggs zuhause noch schnell angezogen. In München hatte es geschneit und ich hatte mich letztendlich für die warme und bequemere Schuhvariante entschieden. Meine Füße badeten bereits in den gefütterten Stiefeln. Ich hatte auch immer noch die Wollstrümpfe an, die ich in der Business Class im Flugzeug bekommen hatte. Man hatte mir einen kleinen Kulturbeutel mit einer Zahnbürste, einem Augenschutz zum Schlafen und diese Wollstrümpfe geschenkt. Business Class! Ich musste gestehen, auch wenn ich sauer auf Clemens war, hatte ich jeden Augenblick genossen.
Aber trotz all dem Luxus – und es war Luxus, denn ich konnte sogar flach liegen und schlafen - hatte ich mich allein gefühlt. Ich wusste zwar, dass ich geschäftlich unterwegs war, aber ich hatte mich schon so auf den gemeinsamen Urlaub gefreut, dass ich meine Enttäuschung nur schwer verdrängen konnte. Die vier oder fünf Gläser Rotwein - ja Gläser, keine Plastikbecher – die ich gegen den Frust getrunken hatte, wirkten irgendwann, und ich war für ein paar Stunden eingeschlafen.
Allmählich bereute ich, dass ich nicht mehr mit Clemens vor der Abreise gesprochen, sondern zickig seine Anrufe weggedrückt hatte. Ich holte mein iPhone aus meiner Handtasche und schaltete es an. Müde tippte ich meinen Sim Code ein. ‚Falscher Pin‘ zeigte das Display an. Genervt über meinen Fehler gab ich erneut die Zahlen ein: 5…4...4....3, erneut ‚falscher Pin‘. Das konnte nicht sein, dann war es 5....3.....4.....4.....’Sie haben dreimal den falschen Pin eingegeben, bitte geben Sie den Puk ein’, las ich auf meinem verschmierten Bildschirm. Was? Das war doch mein Pin! Und wo in aller Welt sollte ich jetzt den Puk herbekommen? Pin, Puk... Ich seufzte verwirrt. Ich hatte tatsächlich dreimal den falschen Code eingegeben. „Oh neeeeeeiiiiiin, das darf doch alles nicht wahr sein!“, schimpfte ich laut vor mich hin.
„Sorry?“
Ein großer Mann neben mir drehte sich abrupt zu mir um und blickte mich fragend an. Ich lächelte verlegen, schaute wieder auf mein Handy und rüttelte es verzweifelt hin und her als hoffte ich, dass der Pin oder der Puk herausfallen würde oder das Handy sich von allein wieder anschaltete. Jetzt konnte mich niemand erreichen, und vor allem einer nicht! Auch ich konnte Clemens nicht anrufen, obwohl ich das ja sowieso vermeiden wollte. Ich war sauer auf mich selbst. Wie konnte ich nur so blöd sein und ohne nachzudenken, drei Mal den falschen Pin eingeben. Ich ohne mein iPhone – ich hätte lieber nackt hier gestanden als ohne ein intaktes Handy. Wie sollte ich mit meinen Kunden kommunizieren? Außerdem hatte ich keinen Zugriff auf meinen Facebook oder Instagram Account mehr. Hoffentlich hatten die im Hotel wenigstens ein gutes W-LAN Netz. Auf jeden Fall musste ich mein iPhone so schnell wie möglich wieder zum Laufen bringen.
Der Mann neben mir hatte sich inzwischen wieder weggewandt. Ich tippte ihm vorsichtig auf seine Schulter.
Erschrocken zuckte er zusammen. Auch ich zuckte zusammen, verwundert über seine unerwartete Reaktion. „Entschuldigen Sie, könnte ich vielleicht mal kurz ihr iPhone benutzen? Ich zahl’ Ihnen auch etwas dafür?“ quetschte ich in meinem besten britischen Englisch hervor. Freundlich lächelte ich ihn an und hoffte, dass er sich erweichen ließ. Der Mann - er war sehr groß, hatte dunkles leicht gewelltes Haar und war schätzungsweise Mitte 40 – drehte sich zu mir.
„Was wollen Sie?“, fuhr er mich mürrisch an.
„Könnte ich eventuell nur ganz kurz ihr Handy ausleihen, meins ist eben kaputt gegangen. Bitte! Es ist nämlich dringend!“
„Muss das sein?“, fragte er mich genervt und schaute sich nervös um, als ob ihn jemand beobachtete. Vielleicht hatte er eine eifersüchtige Ehefrau, die sich gerade um die Koffer kümmerte. Auch ich guckte mich um, konnte aber weder Frau noch Mann sehen, der zu ihm passen könnte.
„Es wäre wirklich sehr nett und hilfreich, wenn Sie...“, wiederholte ich meine Bitte.
Der Engländer streckte mir sein iPhone entgegen. „Hier!"
Ich nickte dankend und wählte Clemens Nummer.
Dass ich es war, die ihn jetzt anrufen musste, um nach meinem Puk zu fragen, ärgerte mich ein bisschen. Mir wäre lieber gewesen, ich hätte auf meiner Mailbox 10 verzweifelte Versuche von ihm gehört, mich zu erreichen. Aber auch an meine Mailbox kam ich ohne diesen blöden Puk nicht heran. Clemens’ Handy war ausgeschaltet. Mist. Dann musste ich es bei Mareike probieren! Vielleicht funktionierte das ja. Ungeduldige tippte ich ihre Nummer ein und wartete. Es klingelte auf jeden Fall schon mal.
„Geh ran Mareike!“, flüsterte ich vor mich hin.
„Heldinger!“ hörte ich eine verschlafene Stimme. „Mareike, ich bin's Valery.“
„Valery, ist etwas passiert?“ Mareike klang besorgt, aber verschlafen.
„Nein, nein, alles gut, ich bin gerade angekommen. Blöderweise hab‘ ich drei Mal den falschen Pin eingegeben, könntest Du mir meinen Puk schicken?“
„Was? Was ist passiert? Ich versteh Dich nicht, Puk? Wer ist das?“
„Nein, Mareike, es geht um mein I P H O N E. Ich habe den Pin vergessen und brauche den Puk. Verstehst Du das jetzt?“
„Valery, es ist vier Uhr früh! Kannst Du nicht später anrufen?“ Mareike klang müde und genervt, aber es war nun einmal wichtig.
„Ne, ist eilig, am besten mailst Du ihn mir sofort, wenn Du im Büro bist. Vielleicht könntest du ja ein bisschen früher hingehen?“
„OK, ich mache es direkt heute früh, wenn es so wichtig ist. Aber kann ich jetzt weiterschlafen?“
„Danke Mareike, ja, sorry... schlaf' noch ein bisschen. Tschühüss!“
Vier Uhr früh! In spätestens fünf Stunden hatte ich meinen Puk.
„Hab‘ mich kurz gehalten." Ich gab dem Typ sein Handy wieder. Er nahm es ohne ein Wort zurück und drehte sich sofort wieder weg. Ich tippte ihn noch mal auf die Schulter, um mich zu bedanken.
Wütend drehte er sich um. „Was wollen Sie denn noch?“, raunzte er mich an.
„Eigentlich wollte ich mich nur bedanken, also vielen Dank. Falls ich mal in England bin, schicke ich Ihnen eine Flasche Whiskey vorbei oder doch lieber Tee?“
„Wieso England?“, er schien verdutzt über meine Bemerkung. Ich hatte es doch nur nett gemeint.
---ENDE DER LESEPROBE---
