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Gedichte in einer Edition mit dem Titel „Geschichtenzauber“? Das muss gar nicht so widersprüchlich sein. Die in diesem ersten Lyrikband von Eveline Hoffmann enthaltenen Gedichte erzählen Geschichten ganz unterschiedlicher Art: Von Reisen an ferne und nähere Orte, durch die Jahreszeiten, zu lange zurückliegenden sagenhaften Ereignissen oder ins aktuelle Zeitgeschehen, von manchmal nicht ganz unproblematischen Beziehungen zwischen uns Menschen, vom Eintauchen in die Abgründe der Seele und von zunächst verunsichernden, dann aber doch hoffnungsvollen Wendepunkten im Leben. Mit diesen Texten möchte die Autorin aus eigenem, oft schmerzvollem Erleben heraus im Nachhinein die Sagengestalt Sisyphos und die Leserschaft im Hier und Heute für ihr jetziges und zukünftiges Leben ermutigen, in zuweilen vergeblich erscheinenden Mühen einen produktiven Sinn zu erkennen.
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Seitenzahl: 42
Veröffentlichungsjahr: 2016
Jahreszeiten
Mit (-) Menschen
Am Abgrund der Seele
Lebens-Wende-Punkte
Mein neuer Reim auf alte Erzählungen
Zeit-Geschehen
Auf Reisen
Vita Eveline Hoffmann
Persönliche Anmerkungen
Verfrühter Frühling -
Schöne Illusion im Februar
Bedeckt von Märzenschnee
Und weggespült
Vom langen Regen im April.
Die Junikäfer
Kommen dafür schon im Mai.
Sie bleiben
Bis wir in den Süden fahren
In überschwemmte Täler,
Wo wir fast erschlagen werden
Von einem Erdrutsch gleich vorm Haus.
Bei unsrer Rückkehr
In den Norden
Scheint die Sonne wieder;
Der nächste Sturm
Schlägt eine Tür fest zu.
September – endlich
Sitze ich, wenn auch allein,
Auf dem Balkon
Im warmen Sonnengold.
Da bild’ ich mir halt ein,
Der Winter käme nie –
Altweibersommerabendlang.
die sonne prallt
mit trügerischer glut
auf noch einmal
entblößtes fleisch
die haut
dick gecremt
lässt sich mit dem welken
noch zeit
sommerfäden
spinnen
illusionen
Neunmal verbrennt der Mond
bevor vergangen eine Stunde,
streut Feuerschein und Aschefetzen
über Wolkenweiß.
Die Regenflut reißt Zweige von den Bäumen,
wirft sie als Strandgut in den Rinnstein, während
Sirenen rufen: Jemand ist in Not!
Der schwarze Horizont, so unerreichbar nah,
liegt da wie Kopf und Schultern eines Riesen,
dem plötzlich zucken Blitze auf sein Haupt wie
Schläge,
sekundenlang erhellend Gebirge, Wald und
Dorf,
gefolgt von Donner, der sich wirft
von Berg zu Berg bis an mein Haus
und schüttelt meinen Körper bis ins Hirn.
Auf einmal weiß ich: Dieser Riese war ein
Trugbild,
so wie der Horizont nicht immer schwarz.
Im Tageslicht werd ich morgen ihm
entgegengehen,
heraus aus meiner Not auf meinem eig‘nen Weg.
Wenn auch der Sturm mich manchmal beugt,
bleib‘ ich nicht liegen.
Ich kann und werde Festland
und kein Strandgut sein.
Für meine ehemalige Arbeitsstelle,
die Westsächsische Hochschule Zwickau
I
Über die ersten gefallenen Blätter
Rascheln suchende junge Füße.
Begrüßt vom „Glück auf!“ überm Eingang der Aula
Reihen sich erwartungsvolle Augen,
Blicken bald schon durch beschlagene Scheiben
Auf von eng bekritzelten Blättern
Und zwinkern, mitten im Geschäftsbrief auf
Englisch,
Lächelnd den ersten Schneeflocken zu.
Sind die ersten Semesterferien vorbei,
Sehen sie täglich das Grünen der Birken.
Ein künftiger Geschäftsführer klaut einen Zweig
Für das blonde Mädchen im Sprachlabor vor ihm.
In sengender Julihitze brüten die Köpfe
Vor den ersten Prüfungen in Mathe und Jura
Über Gleichungen und Paragraphen,
Bis die Arbeitsblätter Grasflecken haben.
Wenn sie im nächsten Herbst wiederkommen
Auf den schon vertrauteren Wegen,
Riecht ihnen das frisch beregnete Laub
Wie noch niemals so satt.
II
Mit dem neuen Arbeitsvertrag in der Tasche
Atmet der Herbst sich wie Frühling,
Schmilzt erster Raureif am Morgen
Im Lampenfieber dahin.
Wenn kahl sind die Birken vorm Fenster
Und die erste Unterrichtsstunde misslungen,
Kann sie nicht kühl bleiben wie auf der Wiese der
Schnee.
Doch der Eingang zur Aula sagt ihr „Glück auf!“
In den Semesterferien sprießen zaghaft Ideen
In der ersten Wärme der Sonne am Schreibtisch
Über dem Stapel der Prüfungsarbeiten,
Damit die zweite Klausur besser wird als die erste.
Wenn die Sonne am höchsten steht überm Campus
Gibt sie noch einmal alles,
Bis auch sie leer ist wie die Innenhöfe
Wo sie ihre ersten Studenten verabschiedet hat.
Wenn sie im nächsten Herbst wiederkommt,
Die Erwartung in jungen Augen zu sehen,
Verwehen im Fallen der Blätter im Wind
Viele der Fehler und Zweifel vom Vorjahr.
Am letzten Tag der Sommerzeit
ist schon längst Herbst mit frühem Frost,
obgleich die Luft wie Frühling riecht,
solange man nicht allzu nah
der braunen Blätter Fäule kommt.
Am ersten Tag der Winterzeit,
obgleich des Abends Helle ward verkürzt,
erstrahlt trotzdem der Sonne Licht
genauso lang auf Strauch und Baum
voll süßer Früchte prall und reif.
Wenn aber doch, so wie vergangnes Jahr,
der erste Schnee schon fällt auf buntes
Laub -
bricht wieder dann zu früh der Winter ein?
Doch – schaut hinaus – wir haben Herbst ja immer noch:
Wir wollen pflücken die Früchte und trinken den Wein.
Wir sehen schwarz
Ihr Gefieder glänzen
In der blassroten Sonne
Wenn sie zarte Grashalme picken
Aus dem frisch gesäten Rasen.
Wir hören genervt
Ihre missmutigen Schreie
Wenn sie den Unrat
Aus den Papierkörben werfen
Auf den frisch gefegten Gehweg.
Doch wir lächeln
Wenn wir durch den Nebel gehen –
Denn wir wissen, die Wiese
Vor dem abgerissenen Hochhaus
Wird grünen.
Nach späten Sommertagen
Plötzlich Schnee auf herbstgefärbten Blättern
In verfrühter Wintersonne
Unwirklich strahlend schön
Wenn ich nur malen könnte
Festzuhalten dieses Bild für länger
Als die Natur erlaubt
Es immer wieder anzuseh’n
Die Blätter wollen vor der Zeit nicht fallen
Sie halten tapfer Stand der Kälte Last
Doch auch die Flocken schmelzen
trotz der Sonne nicht
Für eine kurze Frist
wird dieses Gleichgewicht nur bleiben
Das farbenfrohe Bild
kann nicht für immer fortbesteh’n
Einmalig – so wie nur der Herbst des Lebens schön
Die Tage zwischen den Jahren
Empfinde ich zuweilen
Wie Aufenthalte
Auf langen Reisen.
Zwölf Tage
Auf dem Weg,
Abschied nehmend
Voll Wehmut von dem,
Was gewesen,
Erinnerung dankbar bewahrend.
Zwölf Nächte
