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Seit Emil acht Jahre alt war, ist Joel mehr oder weniger allein für seinen geliebten Sohn zuständig, weil Lea, Emils Mutter, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Ziemlich hilflos war Joel mit der Situation am Anfang, aber irgendwie hat sich im Laufe der Zeit doch alles ganz gut ergeben. Nur dass Emil seinen Eltern so gar nicht ähnelte, konnte niemandem, auch dem Kind nicht, verborgen bleiben. Emil wurde als Säugling adoptiert. Seine leiblichen Eltern, damals selbst fast noch Kinder, verweigerten jeden Kontakt. Aber man wandelt ja durch die selbe Stadt! - und ist es nicht wahrscheinlich, dass man sich irgendwann wenigstens zufällig begegnet? Würde man die Eltern erkennen? Würde man erkannt werden? Suche und Abwehr laufen nebeneinander her und zugleich spannungsvoll ineinander.Als Joel im Alter den Tod nahen fühlt, verfällt er der verrückten Idee, diese Leerstelle in Emils Leben, der inzwischen 38 Jahre alt ist, zu füllen. Er will Emil seinen leiblichen Eltern zurückbringen.Die Kritik nannte Emil ein "stilistisches Meisterwerk des begabten jungen Autors".
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Dror Burstein
Roman
Aus dem Hebräischenvon Liliane Meilinger
In ein, zwei Tagen wird etwas reißen. Fahnen werden sich auflösen. Im Gegenwind. Jedes Gedicht ist das letzte.
David Rokeah
Jemand machte mich darauf aufmerksam, dass ich im Regen saß.
Judith Hendel
Lea
Es war einmal ein großes, weißes Haus, und wir gingen zu dem weißen Haus, und da waren viele Kinder, kleine, klitzekleine Kinder, und das Haus war groß, und wir gingen hinein ins große Haus, und da waren viele Kinder, ein Junge mit einer Nase wie eine Kartoffel, nein, keine Nase hatte er, sondern eine Knolle – eine Knolle – voller Warzen wie ein alter Mann, ein richtiger alter Mann war das und kein Kind, ein alter Mann; und da war ein Mädchen, das Gesicht verschmiert mit grünem Rotz, und ein Junge, der schrie und weinte, und ein Junge mit Lippen in der Farbe von ranziger Bitterschokolade, der hieß Chaim, Chh----, und ein Kind mit einer hässlichen Wunde, und noch andere Kinder. An die anderen Kinder erinnere ich mich nicht und dein Vater erinnert sich schon gar nicht, mit Mühe erinnere ich mich an den Jungen mit der Knolle und an den mit Augen wie Glaskugeln und an den Jungen, der wie ein Hund bellte, und jenen, der sich in den Backofen verkroch, und an den alten Mann denkt schon lange keiner mehr, der ist schon tot. Denn ich erinnere mich nur an einen Jungen mit einer kleinen Nase, der ganz, ganz still war, ruhig und regelmäßig atmete, ohne zu schnaufen oder zu pfeifen, und auf dieses Kind wiesen wir gleich und sagten: Das ist das Kind, und unser Blick ließ nicht ab von ihm, bis jemand kam und es aus dem Bett hob und uns in den Arm legte. Und wir nahmen es in die Arme und nahmen kein anderes, und wussten sofort, das bist du.
[ ] und [ ]
Sechzehn waren sie. Beide. Ihre Eltern, ja, alle vier, alterten über Nacht, wie eine geballte Faust, von deren Daumen nur ein Stummel übrig ist. Der eine Vater sagte: Nein, nein. Die eine Mutter sagte: Was soll das? Was soll das?, die andere: Das kommt überhaupt nicht in Frage, nicht bei mir, und der andere Vater spuckte auf den Boden und biss sich in den Finger. Nichts hören wollten sie. Nichts sehen. So rissen die beiden einige Wochen vor dem Termin Richtung Jaffa aus. Die Busreise nach Norden, sie allein und im neunten Monat, würde sie nie vergessen. Wie sie sich auf dem Weg durch die Wüste beim großen Krater erbrach und alle Reisenden sie anstarrten. Wie der Busfahrer ausstieg, mit einer Glasflasche voll Wasser in der Hand hinter ihr stand und sie fragte: Soll ich Ihnen etwas Wasser über den Kopf gießen?, und lange zu seinen Passagieren hinüberblickte. Sie plötzlich sah. Ein Fenster nach dem andern mit dem Blick abtastete. Ein Fenster nach dem andern. Aus einem Fenster nach dem andern antworteten ihm Blicke. Verschlossene Mienen. Gegen die Scheiben gepresst. Ein Glitzern. Alle Sitze bis auf einen waren besetzt.
Wieder blickten sie verstohlen auf den zerknitterten Zettel, aus dem ein Wellenrauschen aufstieg wie aus einer Muschel. Morgen würden sie den Vater treffen.
Die Stadt
Genug. Steh auf, Joel. Steh auf. Die Eltern warten.
[ ]
Am Busbahnhof hielt [ ] oft bei den Bussen Ausschau. Manchmal stundenlang. Alle kommen hier vorbei, dachte er, auch er wird vorbeikommen. Er. Niemand erwiderte seinen Blick.
Hätte er ihn nur einen Augenblick lang sehen können, und sei’s aus der Ferne, es hätte ihm ein wenig Seelenruhe verschafft. Deshalb ging er anfangs durch die Straßen, ihn zu suchen. Stand einfach an Schulzäunen herum. Ist er das? Ist er das? Jahrelang.
Oft saß er am Busbahnhof oder in den Nebenstraßen und musizierte, manchmal wollte ihm jemand eine Münze zuwerfen, doch er hatte keine Büchse aufgestellt, und da der Instrumentenkasten zugeklappt war, warf ihm fast niemand etwas zu, manche legten etwas auf den Boden. Eines Tages, dachte er durch die Musik hindurch, würde er sich zu ihm herabbeugen mit einer Schekelmünze zwischen den Fingern. Alle kamen hier durch. Ja. Auch er würde, musste eines Tages kommen. Damals, 1970, hatten sie ihm den Namen Emil gegeben. Aber wer weiß, wie er nun hieß.
Joel
Steh auf, Joel, steh auf. Lauf.
Und im Laufschritt ist er schon fast drüben, tritt aus dem Baumschatten des Boulevards heraus, zerschnitten vom Rasieren inmitten des Vogelgezwitschers, den Klängen des Windes und des Windspiels auf den offenen Balkonen, er reiht sich in die Schlange für das Linientaxi, und als Jugendliche sich vordrängen, sagt er nichts, sondern wartet lieber auf das nächste. Sicher wird bald eins kommen. Nicht leer vielleicht, doch mit genau einem freien Platz. Ein alter Mann wird aus- und er selbst einsteigen. Hinein geht’s, als bahne er sich seinen Weg durch einen feuchten Dschungel, geduckten Hauptes durch das Wirrwarr der Stimmen in diesem Linientaxi Nummer 5, und setzt sich an die Stelle des Alten. Während das Taxi bereits mit quietschenden Reifen lossaust, kreischen von den Baumästen Orang-Utans, durchs dichte Laubwerk streicht leise ein Tiger, brüllt auf, von Norden her gleitet ein Eisberg langsam herab, auf dem verschneiten Horizont liegt die Sonne. Er setzt sich, legt seinem Vordermann die glänzende Münze in die nach hinten ausgestreckte Hand, nur her damit, her damit.
Also sagen Sie, Sie da, Professor, wandte sich der Fahrer an ihn, als setze er ein längeres Gespräch fort, darf nun der Fahrer mit den Fahrgästen sprechen oder nicht? Und eine schwangere Frau, die Tüte einer der Brautboutiquen auf der Dizengoff-Straße auf den Knien, mischt sich lautstark ein: Früher gab’s im Autobus Schilder . Da ist kein Schild hinter dir, und der Fahrer darauf: Was kommst du mir mit Schildern, es geht hier ums Prinzip, ist es oder , mit dem Fahrer zu sprechen? Wenn ich einen Unfall verursache, sagte der Fahrer, ok?, wenn ich einen Unfall verursache und wir alle hier Gott behüte umkommen, wird dann jemand kommen und sagen, da war kein Schild ? Ich verstehe dich wirklich nicht, Scharon! Lass mich, ich muss mich aufs Fahren konzentrieren, ich muss mich auf die Straße konzentrieren! Ich muss mich in den Verkehr einreihen, ich muss hier abbiegen! Die Frau sagte ihm: Na hör mal, wenn’s nicht dasteht, dass es verboten ist, mit dem Fahrer zu sprechen, dann spreche ich mit dem Fahrer, und wenn dir das nicht passt, dann brauchst du von mir aus nicht zu antworten. Ich zum Beispiel nehme extra ein Linientaxi, um mit dem Fahrer zu sprechen, wenn ich nicht mit dem Fahrer sprechen wollte, würde ich extra in einen großen Bus steigen und mich ganz hinten hinsetzen, und der Fahrer lachte und vollführte eine Notbremsung, um eine Katze, die auf einem Auge blind war, über die Straße zu lassen.
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