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In "Emile oder über die Erziehung" entwirft Jean-Jacques Rousseau ein umfassendes Erziehungskonzept, das sich stark von den konventionellen Lehrmethoden seiner Zeit abhebt. Rousseau verfolgt einen naturalistischen Ansatz, der den individuellen Entwicklungsprozess des Kindes in den Vordergrund stellt und dessen Erziehung in Harmonie mit der Natur sowie den gesellschaftlichen Gegebenheiten gestaltet. Das Werk ist nicht nur eine Didaktik, sondern auch eine tiefgreifende philosophische Abhandlung, die Themen wie Freiheit, Verantwortung und die Suche nach dem wahren Selbst erforscht. Rousseaus klare und eindringliche Prosa regt zum Nachdenken über die Rolle der Bildung im Leben des Menschen an und reflektiert die Ideale der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Jean-Jacques Rousseau, ein Schlüsseldenker der Aufklärung, war eine prägende Figur in der Philosophie, Literatur und politischen Theorie. Seine eigenen Erfahrungen mit Erziehung und Gesellschaft formten seine Überzeugungen und führten zur Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Normen und den oft repressiven Bildungssystemen. Rousseaus Biografie, geprägt von Wanderungen, sozialer Entfremdung und einem Streben nach Authentizität, verleiht seinen Ausführungen eine authentische Tiefe. Er war bestrebt, die natürlichen Anlagen des Menschen zu fördern und glaubte, dass wahre Erziehung die Menschen zu selbstständigem Denken und Handeln befähigen sollte. "Emile oder über die Erziehung" ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich mit den Grundlagen modernen Bildungsgedankens auseinandersetzen möchte. Rousseaus innovative Ansätze fordern heraus, das eigene Erziehungsideal zu hinterfragen und die Balance zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Anforderungen neu zu definieren. Leserinnen und Leser, die die Verbindung zwischen Bildung, Natur und der menschlichen Entwicklung verstehen möchten, werden in diesem Werk wertvolle Einsichten und Inspirationen finden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Erziehung ist hier die Kunst, Freiheit zu bewahren – gegen die Zumutungen einer Welt, die sie verformt. Jean-Jacques Rousseaus Emile oder über die Erziehung eröffnet eine radikale Versuchsanordnung: Wie kann ein Mensch zu Autonomie, Urteilskraft und Menschlichkeit heranwachsen, ohne früh durch Konventionen gebrochen zu werden? Das Buch antwortet nicht mit Lehrplänen, sondern mit einer Haltung. Es richtet den Blick auf das werdende Kind, nicht auf die Erwartungen der Gesellschaft. Dadurch entfaltet es eine Spannung, die bis heute wirkt: zwischen Schutz und Begegnung, Natürlichkeit und Kultur, Selbstbestimmung und sozialer Bindung.
Der Autor, Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), veröffentlicht Emile 1762 in den Jahren der Aufklärung. Das Werk erscheint zeitgleich mit Vom Gesellschaftsvertrag und löst sofort heftige Reaktionen aus. In Paris wird es verurteilt und öffentlich verbrannt; in Genf verboten. Die Kontroverse betrifft nicht nur pädagogische Thesen, sondern auch religiöse Überlegungen, die als anstößig gelten. Rousseau, der bereits als scharfer Kritiker gesellschaftlicher Einrichtungen bekannt ist, sieht sich zur Flucht gezwungen. Diese dramatische Rezeptionsgeschichte erklärt, warum Emile früh mehr war als ein Traktat: Es war eine kulturpolitische Provokation, die über Bildung hinaus die Ordnung der Zeit infrage stellte.
Emile verbindet philosophische Abhandlung und erzählerische Darstellung. In der fiktionalen Rahmung begleitet ein Erzieher den fiktiven Zögling Emile von der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter. Aus dieser Perspektive entwickelt Rousseau Grundsätze, Beobachtungen und konkrete Vorschläge. Die Form erlaubt ihm, abstrakte Einsichten am Beispiel zu erproben, ohne eine geschlossene Theorie zu behaupten. Das Werk ist in fünf Bücher gegliedert, die jeweils Entwicklungsphasen behandeln. Entscheidend ist die Dramaturgie des Wachsens: Jeder Schritt soll aus den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Kindes folgen, nicht aus vorgeformten Erwartungen der Erwachsenen oder Institutionen.
Rousseaus zentrale Idee ist Erziehung nach der Natur. Gemeint ist kein Rückzug in Unkultur, sondern eine Kunst der Verzögerung: Die Einwirkung der Gesellschaft wird maßvoll ferngehalten, damit Sinneswahrnehmung, Neugier und Urteilskraft sich eigenständig entfalten. Statt frühzeitigem Auswendiglernen favorisiert Rousseau Erfahrung, Spiel, handwerkliche Tätigkeit und zweckfreie Erkundung. Diese sogenannte negative Erziehung verzichtet nicht auf Ziele, sondern verschiebt sie, bis der junge Mensch bereit ist, Sinn und Regeln zu begreifen. Freiheit ist hier nicht Beliebigkeit, sondern die Fähigkeit, Gründe zu erkennen, Affekte zu ordnen und eigenständig zu handeln.
Als Klassiker gilt Emile, weil es Denkgewohnheiten erschüttert und dabei dauerhafte Maßstäbe setzt. Rousseau verlagert die pädagogische Achse vom Lehrstoff zum lernenden Subjekt. Damit bereitet er Reformpädagogik und entwicklungsorientiertes Lernen vor und wirkt auf pädagogische Debatten bis in die Gegenwart. Wirkungs- und Kritikgeschichte zeigen den Rang des Buches: Es inspirierte Reformbestrebungen, prägte Gespräche über kindliche Reife, Selbsttätigkeit und moralische Bildung und blieb zugleich ein Stein des Anstoßes. Namen wie Johann Heinrich Pestalozzi oder Friedrich Fröbel zeigen, wie stark der Impuls in Theorie und Praxis weitergearbeitet wurde.
Auch literarisch ist Emile bedeutsam. Die Verbindung aus gedanklicher Strenge, erzählerischem Exempel und rhetorischer Leidenschaft beeinflusste Diskurse der Empfindsamkeit und spätere Bildungsromane. Rousseau führt vor, wie ein Gedanke Handlung erzeugt, und wie Handlung zum Prüfstein des Gedankens wird. Die Erzählform verhindert dogmatische Erstarrung: Der Leser bleibt Zeuge eines tastenden, manchmal widersprüchlichen Versuchens. Diese Offenheit stärkt die literarische Qualität des Textes, der nicht als trockene Doktrin, sondern als gedanklicher Spaziergang durch Lebensphasen und Situationen wirkt – mit Bildern, Szenen und Tonlagen, die Erinnerungskraft besitzen.
Das Werk entfaltet seine Kraft an einem Grundkonflikt: Der Mensch soll frei werden, muss aber Bürger einer Gemeinschaft sein. Wie lässt sich Unabhängigkeit mit sozialer Verantwortung vereinbaren? Rousseau beantwortet dies nicht durch bloße Unterordnung, sondern durch Bildung der Urteilskraft. Der Zögling lernt, Bedürfnisse zu prüfen, Gründe zu wägen und Regeln zu akzeptieren, wenn sie vernünftig sind. Dabei bleibt die Spannung bestehen: Jede Institution kann Freiheit schützen oder verschleißen. Emile denkt dieses Dilemma aus der Perspektive des Kindes, ohne die politischen Implikationen zu verdecken – ein seltenes Zusammenspiel von Pädagogik und Gesellschaftsidee.
In knapper Form lässt sich die Ausgangslage so beschreiben: Ein Erzieher übernimmt die Verantwortung, einen Jungen von der frühen Kindheit an zu begleiten. Er gestaltet Umgebung und Anlässe so, dass das Kind spielend entdeckt, warum Dinge sind, wie sie sind. Lernen geschieht über die Sache, nicht über Autoritätsworte. Später treten Fragen von Pflichtgefühl, Mitgefühl und Gerechtigkeit hinzu. Die Bildung umfasst den Körper, die Sinne, den Verstand und das moralische Urteilsvermögen. Ziel ist ein Mensch, der sich selbst gehört und mit anderen leben kann. Mehr verrät dieses Buch nicht in Form einer Handlung, sondern als fortlaufende Reflexion.
Der historische Kontext verschärft den Ton des Buches. Im Klima der Aufklärung richtet sich Rousseau gegen blinde Autorität, ohne in bloße Rationalismen zu verfallen. Er plädiert für ein Gewissen, das erfahrungsnah wächst, und für eine Religiosität, die innere Überzeugung statt Zwang sucht. Gerade diese Passagen machten Emile angreifbar und zugleich einflussreich: Sie verbanden Pädagogik, Ethik und Glaubensfragen. Die vehemente Zensur bestätigte, wie weit das Werk gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten in Frage stellte. Dass solche Themen mit Erziehung verschränkt werden, ist Teil seiner anhaltenden Sprengkraft.
Bis in die Gegenwart bleibt Emile relevant. Entwicklungsangemessenes Lernen, die Bedeutung des Spiels, die Wertschätzung der Natur, die Rolle der Beziehung zwischen Pädagogen und Lernenden – all dies sind Debatten von heute. In Zeiten digitaler Beschleunigung und früher Leistungsselektion wirkt Rousseaus Plädoyer für Aufmerksamkeit, Geduld und zweckfreie Neugier wie eine Gegenrede. Zugleich schärft das Buch den Blick für Ambivalenzen: Schutz kann Bevormundung werden; Autonomie braucht Gemeinschaft. Wer Bildung als Befähigung zum vernünftigen, eigenständigen Handeln versteht, findet hier einen reichen, wenn auch herausfordernden Referenztext.
Der Text lädt dazu ein, mit Zustimmung und Widerspruch zugleich zu lesen. Manche Positionen – etwa zu Geschlechterrollen – sind historisch bedingt und werden heute aus guten Gründen kritisch diskutiert. Diese Spannungen mindern seinen Wert nicht, sondern öffnen Gesprächsräume: über Gerechtigkeit in der Bildung, über eine Pädagogik der Verantwortung, über das Verhältnis von individueller Entfaltung und gesellschaftlicher Teilhabe. Emile wirkt so als Dialogpartner: Man prüft, ergänzt, widerspricht – und gewinnt dabei begriffliche Klarheit für eigene pädagogische und politische Entscheidungen.
Was Emile zeitlos macht, sind seine Qualitäten der Haltung: intellektuelle Redlichkeit, anschauliche Darstellung, Mut zur Unzeitgemäßheit und das Vertrauen in die Lernfähigkeit des Menschen. Rousseau verbindet Pathos mit Präzision und macht Erziehung zu einem Experiment, das sich am Guten des Kindes orientiert. Als Klassiker lebt das Werk nicht von Ehrfurcht, sondern von seiner Fähigkeit, Fragen zu stellen, die uns betreffen. Wer es heute aufschlägt, liest nicht nur über einen fernen Zögling, sondern über Möglichkeiten menschlichen Werdens. Darin liegt seine anhaltende Geltung und sein unerschöpftes Gesprächspotential.
Émile oder über die Erziehung (1762) von Jean-Jacques Rousseau ist ein Mischwerk aus pädagogischem Traktat und erzählerischem Beispiel. Es entwirft die Bildung eines fiktiven Schülers von der Geburt bis zur Reife, geführt von einem Erzieher, der zugleich Erzähler ist. Rousseau ordnet die Ausführungen in fünf Bücher und knüpft sie an konkrete Lebensphasen. Leitgedanke ist, die natürliche Anlage des Menschen zu schützen und so Freiheit, Selbstständigkeit und sittliche Urteilskraft hervorzubringen. Anhand von Alltagsszenen, Reflexionen und methodischen Prinzipien wird gezeigt, wie Lernen sich an der Entwicklung orientiert, die Sinne schult und erst später Vernunft und soziale Pflichten behutsam einführt.
Das erste Stadium umfasst Geburt und frühe Kindheit. Rousseau kritisiert Praktiken, die den Körper einschränken oder Bedürfnisse missachten, und plädiert für Pflege, die Robustheit und Bewegungsfreiheit fördert. Mütterliche Fürsorge, insbesondere Stillen, erhält einen hohen Stellenwert, weil Bindung und Gesundheit als Grundlagen späterer Bildung gelten. Der Erzieher vermeidet Überbehütung und künstliche Reize. Stattdessen gestaltet er Umgebungen, in denen das Kind sicher Erfahrungen sammelt. Frühzeitige Disziplinierung oder abstrakte Belehrung werden zurückgestellt. Ziel ist, dass das Kind Kräfte, Sinne und elementare Selbstständigkeit entwickelt, bevor moralische oder intellektuelle Anforderungen an es herangetragen werden.
Mit dem Übergang zur Kindheit verlagert sich die Erziehung auf Wahrnehmung, Bewegung und Handeln. Lernen geschieht über Dinge, Werkzeuge, Spiele und einfache Tätigkeiten. Sprache erwächst aus echten Bedürfnissen und wird nicht durch auswendig gelernte Formeln vorweggenommen. Bücher treten zurück, solange die Sinne das wichtigste Erkenntnismittel sind. Der Erzieher lenkt indirekt, indem er Aufgaben so stellt, dass Neugier entsteht und Erfolg aus eigener Anstrengung folgt. Eigenbesitz und Verantwortung werden in kleinen, konkreten Situationen erlebt, wodurch Maßhalten und Zweckmäßigkeit eingeübt werden. So wächst das Kind in die Fähigkeit hinein, mit der Welt praktikabel und ohne Täuschung umzugehen.
In der Knabenzeit steht die Ausbildung vernünftigen Urteilens ohne moralischen Druck im Vordergrund. Rousseau empfiehlt, Versuchungen zu vermeiden, statt dauernd zu verbieten, und Irrtümer an ihren Folgen verständlich zu machen. Der Schüler lernt ein Handwerk, um Selbstgenügsamkeit, Geduld und Planung zu üben. Mathematik und Naturkunde werden aus Problemen entwickelt, die im Alltag auftreten, nicht aus dogmatischen Definitionen. Die Rolle des Erziehers besteht darin, Situationen zu arrangieren, die Einsicht hervorlocken, statt sie vorzugeben. So wird der Wille geordnet, ohne gebrochen zu werden, und der junge Mensch erfährt, dass Freiheit mit Notwendigkeit und realen Grenzen zusammenbesteht.
Mit der Pubertät treten Leidenschaften und Vergleichsbedürfnisse hervor. Rousseau rückt nun die moralische Bildung und die Pflege des Mitgefühls in den Mittelpunkt. Ein längerer Abschnitt erläutert eine natürliche Religion, die Gewissen, innere Stimme und Toleranz betont, ohne konfessionelle Streitigkeiten zu übernehmen. Sinnliche Impulse sollen durch sinnvolle Tätigkeit, Maß und Selbstachtung geordnet werden. Der Erzieher führt Gespräche, die Selbstprüfung fördern, und schützt vor verfrühter Weltläufigkeit. Die zentrale Einsicht lautet, dass moralische Stärke aus innerer Überzeugung, nicht aus äußerem Zwang erwachsen soll, damit der Jugendliche Verantwortung für sich und andere übernehmen kann.
Im nächsten Schritt wird der Zögling schrittweise an die Gesellschaft herangeführt. Rousseau zeigt die Gefahren des Vergleichens um Anerkennung und die Verführung durch Eitelkeit, ohne die sozialen Bindungen zu verwerfen. Der Schüler lernt Arbeit, Tausch und Gesetzmäßigkeiten kennen, damit er als freier Mensch Verträge versteht und Pflichten bewusst übernimmt. Bürgerliche Tugenden werden nicht als bloße Gehorsamspflichten, sondern als Bedingungen gemeinsamer Freiheit begründet. Dabei bleibt die Spannung zwischen Selbsttreue und Anpassung bestehen. Durch sorgfältig gewählte Begegnungen und Aufgaben soll der Heranwachsende lernen, mit Institutionen zu kooperieren, ohne seine Ursprünglichkeit und Maßstäbe vollständig zu verlieren.
Das fünfte Buch führt mit Sophie eine Partnerfigur ein und entfaltet eine geschlechtsspezifische Erziehung, die den damaligen Rollenbildern verpflichtet ist. Rousseau beschreibt Eigenschaften und Fertigkeiten, die eine harmonische Verbindung mit Émile ermöglichen sollen, von häuslichen Kompetenzen bis zu Sittsamkeit und kluger Gesprächigkeit. Der Entwurf verfolgt die Idee komplementärer Tugenden und wechselseitiger Abhängigkeit. Zugleich wird sichtbar, dass diese Normen die Möglichkeiten von Mädchen enger stecken, als heutige Maßstäbe es zuließen. Pädagogisch markiert der Abschnitt einen Übergang: Vom isolierten Lernen zur Vorbereitung auf Bindung, Haushalt und die sozialen Erwartungen, die Partnerschaft und Familienleben prägen.
Durchgehend bleibt der Erzieher weniger Befehlshaber als Regisseur von Umgebungen. Er nutzt Geduld, genaue Kenntnis der Entwicklungsstufen und passende Anlässe, um Erkenntnis, Selbstbeherrschung und Gemeinsinn hervorzubringen. Strategie ist es, Hindernisse und Freiräume so zu dosieren, dass der Schüler Erfahrungen macht, die Einsicht erzwingen, ohne zu verletzen. Prüfungen, Reisen oder Begegnungen dienen nicht dem Effekt, sondern der Bewährung von Charakter und Urteil. Konflikte zwischen Natur und Gesellschaft werden nicht abschließend gelöst, sondern über kluge Anpassung gemildert. So entsteht ein Bild von Bildung als lebenslangem Abgleich zwischen innerer Freiheit und äußerer Ordnung.
Als Gesamtentwurf hat das Buch die Pädagogik nachhaltig geprägt. Es stellt die Würde der Kindheit, die Entwicklungsgerechtigkeit von Lernschritten und die Macht der Umgebung ins Zentrum und verbindet Empfindsamkeit mit vernünftiger Selbststeuerung. Bis heute provoziert es Fragen: Wie schützt man Individualität in komplexen Gesellschaften. Wann sollen Autorität, Tradition oder Religion Orientierung geben, ohne Gewissen und Urteil zu ersticken. Wie sind Geschlechterrollen pädagogisch zu denken. Rousseaus Werk bietet weniger ein Rezept als eine Perspektive, die dazu ermutigt, Bildung als kultivierte Freiheit zu begreifen und Verantwortung in der Gemeinschaft aus eigener Einsicht zu leben.
Émile oder über die Erziehung erscheint in der Mitte des 18. Jahrhunderts, einer Epoche, die in Frankreich und der Genfer Republik vom Ancien Régime geprägt ist. Monarchie, ständische Ordnung und Kirche bestimmen die offizielle Kultur, während städtische Eliten über Parlamente, Konsistorien und Zensurbehörden Normen durchsetzen. Universitäten und Ordensschulen strukturieren Bildung, Zünfte regeln Handwerk, und der Landadel stützt die ländliche Gesellschaft. Gleichzeitig wachsen Städte, der Buchmarkt expandiert, und neue Kommunikationswege verbinden europäische Zentren. In diesem Spannungsfeld zwischen stabilen Institutionen und dynamischem Austausch entwirft Rousseau ein Erziehungsprogramm, das das Verhältnis von Individuum, Natur und Gesellschaft von Grund auf neu justieren will.
Die Aufklärung bildet den geistigen Rahmen. Philosophische Debatten über Vernunft, Naturrecht und gesellschaftlichen Fortschritt durchziehen die Republik der Gelehrten. Salons, gelehrte Korrespondenzen und periodische Zeitschriften vermitteln Ideen über Grenzen hinweg. Diderots und d’Alemberts Encyclopédie (ab 1751) bündelt Wissen und programmiert eine kritische Haltung gegenüber Tradition und Autorität. Zugleich verschärfen sich Konflikte mit kirchlichen und staatlichen Zensoren. Émile spiegelt diese Konstellation, indem es eine neue Anthropologie des Kindes, eine säkularisierte Moral des Gewissens und eine Pädagogik der Erfahrung verbindet und damit Grundannahmen scholastischer, konfessionell geprägter Bildung in Frage stellt.
Rousseau, 1712 in Genf geboren und von calvinistischer Prägung, bewegt sich seit den 1740er Jahren zwischen Genf und Paris. In Paris arbeitet er zeitweise mit den Philosophes zusammen, verfasst Musikartikel für die Encyclopédie und knüpft breite Netzwerke. Seine intellektuelle Entwicklung führt jedoch zu Differenzen: Er attackiert Hofkultur, Luxus und intellektuelle Eitelkeit. Die Rückkehr zur Natur wird bei ihm zu einem kritischen Maßstab. Diese Biographie ist für Émile zentral: Der Autor verbindet eine republikanisch-genfer Skepsis gegenüber höfischer Bildung mit einer radikalen, auf Unabhängigkeit und Selbsttätigkeit zielenden Erziehungslehre.
Zuvor hatte Rousseau seine Grundthesen in großen Streitschriften formuliert. Der erste Diskurs von 1750 stellt die Frage, ob Wissenschaften und Künste die Sitten verfeinern oder verderben; er neigt zur Korruptionsdiagnose. Der Diskurs über die Ungleichheit von 1755 analysiert die Entstehung sozialer Hierarchien aus ursprünglich gleichen Verhältnissen. 1761 erscheint Julie oder Die neue Heloise, die Empfindsamkeit, Moral und Natur idealisiert. Émile knüpft an diese Linien an: Es sucht den Erziehungsweg, der ein freies, moralisch empfindsames Subjekt hervorbringt, ohne es in die Korruption der zivilisierten Gesellschaft zu überantworten.
Die schulische Wirklichkeit der Zeit ist von Ordensschulen, insbesondere der Jesuiten und Oratorianer, geprägt. Der Schwerpunkt liegt auf Latein, Rhetorik und Disputation, Disziplin wird mit körperlichen Strafen durchgesetzt, religiöse Unterweisung strukturiert den Alltag. Reformtraditionen existieren: Locke fordert bereits 1693 eine praxisnahe, gesundheitsbewusste Erziehung; Rollin versucht eine Humanisierung des Curriculums. Dennoch bleibt die Pädagogik häufig kollektiv, textzentriert und autoritär. Émile widerspricht dem mit individueller, am Entwicklungsstand orientierter Führung, Lernen an Dingen statt an Büchern und der Forderung, Neigungen zu respektieren, statt sie zu brechen.
Religiös ist die Landschaft zersplittert. In Frankreich dominiert die katholische Kirche, doch Jansenisten und Jesuiten ringen um Einfluss; die Auseinandersetzungen durchziehen Theologie und Politik. In Genf wacht die calvinistische Obrigkeit über Lehre und Moral. Gleichzeitig verbreiten sich deistische Positionen, die Vernunft und Naturreligion über Kirchentradition stellen. In Émile kulminiert dieser Streit im Glaubensbekenntnis des Savoyer Vikars, das Offenbarungsautorität relativiert und Gewissensfreiheit betont. Dass ein pädagogisches Werk zugleich einen religiösen Streit entfacht, zeigt, wie eng Erziehung, Moral und politische Ordnung im 18. Jahrhundert verschaltet sind.
Die Regulierung des Buchmarkts ist zentral für Entstehung und Verbreitung von Émile. In Frankreich braucht jedes Werk ein königliches Privileg; die Sorbonne und der Pariser Erzbischof beurteilen theologische Inhalte. Dennoch blüht der internationale, oft illegale Buchhandel, insbesondere über die Niederlande. Der Amsterdamer Verleger Marc-Michel Rey publiziert Rousseau, wodurch die französische Zensur umgangen wird. Abschriften, Schmuggel und Leihbibliotheken sorgen für rasche Zirkulation. Émile erreicht so vorab eine wache Leserschaft, die bereits durch Julie sensibilisiert ist, und stößt auf ein Publikum, das pädagogische Probleme mit religiösen und politischen Fragen verknüpft.
Die Reaktionen 1762 fallen heftig aus. In Paris verurteilen kirchliche und gerichtliche Instanzen das Buch, es wird öffentlich verbrannt, und gegen Rousseau ergeht ein Haftbefehl. In Genf verurteilen Rat und Konsistorium ebenfalls das Werk; Exemplare werden verbrannt. Rousseau flieht in preußisches Gebiet nach Neuchâtel, wo unter Friedrich II. relative Toleranz herrscht. Auch dort bleibt er umstritten, doch die Verfolgung macht sichtbar, dass Émile nicht nur Erziehungspraktiken, sondern die religiös-politische Ordnung herausfordert, indem es die Autorität der Tradition durch die Autorität eines natürlichen Gewissens ersetzt.
Genf spielt für den historischen Kontext eine Schlüsselrolle. Rousseau hatte 1754 seine genfer Bürgerrechte erneuert und die Republik in seinen Schriften idealisiert. Die Regierungsstruktur war patrizisch, religiöse Disziplin streng, bürgerliche Freiheit zugleich Stolz und Konfliktfeld. Die Verurteilung von Émile durch Genfer Behörden traf daher besonders: Sie markierte eine Entfremdung zwischen dem Autor und dem Gemeinwesen, das seine republikanische Inspiration lieferte. Zugleich spiegeln sich in Rousseaus pädagogischen Überlegungen genfer Erfahrungen, etwa die Wertschätzung von Handwerk und bürgerlicher Sittlichkeit gegenüber höfischer Repräsentation.
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) bildet den geopolitischen Hintergrund. Die Belastungen des kontinentalen Krieges verschärfen fiskalische Krisen, besonders in Frankreich. Diskurse über nationale Erneuerung, Tugend und Bürgermoral gewinnen an Dringlichkeit. Pädagogische Reformen werden als Mittel zur Stärkung der Gesellschaft diskutiert. Émile passt in dieses Klima, obgleich es die Ausbildung eines privaten, nicht primär staatsbürgerlichen Subjekts beschreibt. Indem Rousseau den künftigen Erwachsenen zu Autonomie, Arbeitsethos und moralischer Festigkeit erzieht, liefert er Bausteine, aus denen Zeitgenossen unterschiedliche Modelle bürgerlicher Bildung und nationaler Regeneration zu formen versuchen.
Zum Alltag des Ancien Régime gehört eine wachsende Konsumkultur, befördert durch Handel und Manufakturen. Luxusdebatten entzünden sich an Mode, Servituten und Müßiggang. In vielen Städten werden Säuglinge zu Ammen aufs Land gegeben; Wickelpraktiken und hohe Kindersterblichkeit prägen Familienerfahrung. Wohltätige Anstalten wie Findelhäuser sind überlastet. Émile reagiert darauf programmatisch: Rousseau fordert Stillen durch die Mutter, Ablehnung des Einschnürens, viel Bewegung und frische Luft. Er empfiehlt eine handwerkliche Fertigkeit als moralische Schule gegen die Parasitenökonomie der Höfe. Damit verknüpft er Familienreform, Gesundheitspraktiken und eine Kritik an Luxus und Abhängigkeit.
Die wissenschaftliche Kultur der Aufklärung begünstigt Erfahrungslernen. Physikalische Kabinette, naturhistorische Sammlungen und Experimentierpraktiken verbreiten sich in Schulen und Salons. Medizinische Debatten, etwa um die Pockeninokulation, sensibilisieren für Nutzen und Risiken neuer Verfahren. In Émile schlägt sich dieser Kontext in einer Pädagogik nieder, die an Beobachtung, Versuch und Fehler ansetzt. Rousseaus Konzept der negativen Erziehung verzichtet zunächst auf Buchwissen und moralische Belehrung, um die Sinne zu schulen und den Willen nicht zu brechen. So adaptiert er die experimentelle Haltung seiner Zeit in einen ethischen und entwicklungspsychologischen Rahmen.
Die Geschlechterordnung der Epoche verknüpft öffentliche Männlichkeit mit privater Weiblichkeit. Fénelons Erziehung der Mädchen und bürgerliche Moraltraktate verankern häusliche Tugend als weibliches Ideal. Rousseau übernimmt vieles davon: In Buch V skizziert er Sophie als Ergänzung zu Émile, betont Mutterschaft, Häuslichkeit und Zucht der Gefühle. Zeitgenossen lasen dies teils als Bestätigung bestehender Normen, teils als strittige Beschränkung. Historisch zeigt sich darin, wie eng Erziehungsdebatten mit Vorstellungen von Ehe, Familie und sozialer Ordnung verwoben sind und wie Émile zugleich reformerisch und konservativ wirken kann.
Rousseaus Modell setzt eine exklusive Konstellation voraus: einen gebildeten Tutor, eine wohlhabende Familie, viel Zeit. Diese Voraussetzungen waren nicht allgemeine Realität. Der Autor behauptet allerdings, die Prinzipien seien allgemein, auch wenn die Form der Umsetzung variiere. Leserinnen und Leser nahmen die Spannung wahr und begannen nach kollektiven Varianten zu suchen. In den 1770er Jahren experimentieren deutsche Philanthropen um Basedow mit schülerzentrierten, lebenspraktischen Schulen; später entwickelt Pestalozzi in der Schweiz methodische Ansätze elementarer Bildung. Solche Reformen zeigen, wie Émile als Inspirationsquelle über den individuellen Rahmen hinauswirkte.
Die institutionellen Verwerfungen der 1760er Jahre verstärken den Nachhall. In Frankreich geraten die Jesuiten in politische Bedrängnis; 1764 wird der Orden dort aufgehoben. Parlamentskämpfe um Jurisdiktion und Zensur ziehen sich hin. In diesem Umfeld zirkuliert Émile europaweit, wird übersetzt und diskutiert, während kirchliche Behörden es auf den Index setzen. Philosophische Fakultäten und Prediger verwerfen besonders das deistische Bekenntnis des Vikars. Zugleich schätzen viele Leser die pädagogische Praxisnähe. Diese ambivalente Rezeption verdeutlicht den Doppelcharakter des Werks als spirituelle Provokation und als Handbuch praktischer Erziehungsreform.
Auch Rousseaus publizistische Stellung verschiebt sich. Nach Konflikten und Flucht nimmt er vorübergehend in preußischem Gebiet und später in England Zuflucht. Korrespondenzen dokumentieren, wie die europäische Gelehrtenrepublik sein Werk als Lackmuspapier für Grundsatzfragen nutzt: Was schuldet der Staat der Erziehung? Welche Rolle sollen Kirchen spielen? Kann Gewissensfreiheit mit öffentlicher Ordnung harmonieren? Émile liefert zu all dem keine einfachen Vorschriften, sondern eine Anthropologie der Reife, die die Selbstregierung des Individuums ins Zentrum stellt und dadurch staatliche und kirchliche Autorität neu dimensioniert.
Die Materialität des Buchwesens erklärt die Reichweite des Textes. Schmuggel aus den Niederlanden, Verlagskooperationen, Subskriptionen und Leihbibliotheken machen Verbote oft wirkungslos. Lesezirkel in Städten und auf dem Land diskutieren Auszüge, während Pädagogen und Ärzte praktische Empfehlungen aufgreifen. Der literarische Erfolg von Julie hatte eine Leserschaft für emotionale, moraldidaktische Texte geschaffen, die Émile nun mit einem systematischen Erziehungsentwurf versorgt. So verschränken sich kulturelle Märkte, rechtliche Barrieren und pädagogische Modewellen zu einer historischen Konstellation, in der ein Verbotsbuch dennoch zum Leittext werden kann...„“...
Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) war Schriftsteller, Philosoph und Komponist aus Genf, dessen Werk die politischen und kulturellen Debatten des 18. Jahrhunderts tief prägte. Mit dem Diskurs über die Wissenschaften und Künste (1750) wurde er schlagartig berühmt; es folgten der Diskurs über die Ungleichheit (1755), der Briefroman Julie oder Die neue Heloise (1761), Vom Gesellschaftsvertrag (1762) und Émile oder Über die Erziehung (1762). Seine autobiografischen Schriften, darunter die Bekenntnisse und die Träumereien eines einsamen Spaziergängers, erschienen überwiegend nach seinem Tod. Rousseau verband fundamentale Zivilisationskritik mit einem Plädoyer für Freiheit, moralische Selbstbestimmung und bürgerliche Gleichheit.
Seine Ideen stellten zentrale Prämissen der Aufklärung infrage, ohne deren rationalen Elan grundsätzlich zu verwerfen. Rousseau misstraute höfischer Kultur, gelehrter Eitelkeit und wachsender sozialer Ungleichheit. Gleichzeitig entwarf er eine anspruchsvolle Theorie politischer Souveränität, in der das Gemeinwohl Vorrang vor Partikularinteressen erhält. Seine literarische Sensibilität verlieh den Debatten über Gefühl, Authentizität und Natur neue Ausdruckskraft. Damit beeinflusste er sowohl politische Theorie als auch Romankunst, Pädagogik und Musikästhetik. Die Polarisierung, die er auslöste, war beträchtlich: Bewunderer sahen in ihm einen Erneuerer der Moral, Kritiker einen gefährlichen Träumer – ein Spannungsverhältnis, das sein Nachleben begleitet.
Rousseau wuchs in der republikanischen Stadt Genf auf. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt; sein Vater, ein Uhrmacher, förderte früh seine Lektüren, darunter insbesondere Plutarch. Eine geregelte höhere Ausbildung erhielt er nicht. Als Jugendlicher wurde er zum Graveur in die Lehre gegeben, floh jedoch als Sechzehnjähriger aus Genf. In Savoyen fand er Aufnahme bei Madame de Warens, die seine Bildung unterstützte und seine Konversion zum Katholizismus begleitete. Von da an blieb er, abseits kurzer Anstellungen, weitgehend Autodidakt: Er bildete sich durch Lektüre, Musikstudium, Beobachtung sozialer Verhältnisse und einen unsteten Lebensweg.
In Paris verkehrte Rousseau in Kreisen der Aufklärung, freundete sich zunächst mit Denis Diderot an und schrieb zahlreiche Beiträge zur Musik für die Encyclopédie. Literarisch prägten ihn antike Autoren, moralische Traditionen der Genfer Republik sowie naturrechtliche Debatten, mit denen er sich kritisch auseinandersetzte. Seine Reiseerfahrungen und Aufenthalte in ländlichen Regionen schärften seine Skepsis gegenüber höfischer Kultur und städtischem Prunk. Darüber hinaus formten die Auseinandersetzungen in den Pariser Salons, die Beschäftigung mit Oper und Theater sowie der Kontakt zu Enzyklopädisten seine Überzeugung, dass Gefühl, Gewohnheit und soziale Institutionen menschliches Handeln tiefgreifend beeinflussen.
Rousseau trat 1750 mit dem Diskurs über die Wissenschaften und Künste an die Öffentlichkeit, der die Preisfrage der Akademie von Dijon gewann. Das Traktat behauptete, die Verfeinerung von Künsten und Wissenschaften gehe häufig mit sittlicher Korruption einher. Die provokante These widersprach dem vorherrschenden Fortschrittsoptimismus und machte ihn weithin bekannt. Lob und Empörung hielten sich die Waage; doch seine Stimme war fortan nicht zu überhören. Der Erfolg schuf die Grundlage für weitere Arbeiten, in denen er die Bedingungen einer guten Gesellschaft, die Quellen moralischer Urteilskraft und die Gefahren sozialer Eitelkeit immer wieder variierte und vertiefte.
Parallel profilierte sich Rousseau als Musiktheoretiker und Komponist. Seine einaktige Oper Le Devin du village (1752) erzielte beim Publikum großen Erfolg, und er nahm in der Querelle des Bouffons leidenschaftlich Stellung für das italienische Musikideal gegenüber der französischen Tradition. In Schriften zur Musik – später auch im Dictionnaire de musique – verband er praktische Erfahrung mit begrifflicher Strenge. Zugleich arbeitete er für die Encyclopédie, entfernte sich in der Folge aber geistig von manchen Mitstreitern, weil er die gesellschaftlichen Wirkungen von Kunst und Gelehrsamkeit grundsätzlicher und kritischer beurteilte als viele Zeitgenossen.
Mit dem Diskurs über die Ungleichheit (1755) verlegte Rousseau den Schwerpunkt von Kulturkritik auf politische Anthropologie: Er untersuchte den Übergang vom Naturzustand zu gesellschaftlicher Herrschaft und machte die Entstehung sozialer Ungleichheit zum Prüfstein politischer Legitimität. 1761 erreichte er mit Julie oder Die neue Heloise eine ungeheure Resonanz bei Lesern, die sich von der Verbindung moralischer Ernsthaftigkeit und leidenschaftlicher Gefühlssprache angezogen fühlten. 1762 erschienen Émile und Vom Gesellschaftsvertrag. Beide Werke wurden in Paris und Genf verurteilt; Verbote und Bücherverbrennungen zwangen Rousseau zur Flucht und prägten seinen Ruf als umstrittener Denker.
Die Verfolgung hinderte ihn nicht am Schreiben. In den Lettres de la montagne verteidigte er sich gegen Genfer Behörden. Er entwarf politische Empfehlungen für konkrete Fälle – unter anderem Überlegungen zu Korsika sowie die Considérations sur le gouvernement de Pologne – und wandte sich zunehmend autobiografischen Formen zu. Die Bekenntnisse entstanden über Jahre und prägten das Genre der Selbstschau maßgeblich, erschienen aber erst postum. Späte Texte wie die Dialoge (Rousseau juge de Jean-Jacques) und die Träumereien eines einsamen Spaziergängers spiegeln sein Bedürfnis nach Selbstprüfung, Rückzug und einer kontemplativen, naturbezogenen Lebensform wider.
Rousseaus politische Philosophie kreist um Volkssouveränität und das Gemeinwohl. Im Gesellschaftsvertrag bestimmt er die legitime Ordnung als Übereinkunft freier Bürger, deren allgemeiner Wille auf das Wohl aller gerichtet ist. Er misstraute der Stellvertretung politischer Macht, kritisierte Besitzprivilegien und hielt bürgerliche Tugend für eine fragile, aber unerlässliche Grundlage. Seine Überlegungen zur bürgerlichen Religion sollten Loyalität gegenüber dem Gemeinwesen stärken, ohne dogmatische Vorherrschaft zu legitimieren. In den Diskursen verknüpfte er die Analyse sozialer Abhängigkeiten mit einer scharfen Kritik an Eitelkeit, Konkurrenz und der Verwechslung äußerer Anerkennung mit wahrer moralischer Würde.
In Émile entwarf Rousseau eine Erziehung, die die natürliche Entwicklung des Kindes schützt, auf Erfahrung statt auf vorzeitige Belehrung setzt und Authentizität über Konvention stellt. Er empfahl schlichte Lebensformen, körperliche Bewegung und die Nähe zur Natur. In der Lettre à d’Alembert sur les spectacles wandte er sich gegen die Einrichtung eines Theaters in Genf und plädierte für bürgerliche Feste, die Gemeinsinn fördern. Seine kulturkritische Diagnose – dass glänzende Formen moralische Substanz verdecken können – blieb ein roter Faden. Zugleich wurde er für persönliche Entscheidungen, insbesondere die Übergabe seiner Kinder an das Findelhaus, scharf kritisiert, was die Rezeption zusätzlich polarisierte.
Nach den Verurteilungen von 1762 fand Rousseau zeitweise Schutz in preußisch regiertem Neuenburg und lebte in Môtiers, wo Anfeindungen schließlich zu erneutem Aufbruch zwangen. 1766 folgte er einer Einladung nach England und geriet später in einen Konflikt mit David Hume. Er kehrte unter falschem Namen nach Frankreich zurück, ehe ihm ein ruhigeres Dasein in Paris erlaubt wurde. Er heiratete Thérèse Levasseur standesamtlich und lebte zurückgezogen, kopierte Musik und unternahm lange Spaziergänge. In dieser Phase entstanden die Träumereien. Rousseau starb am 2. Juli 1778 in Ermenonville auf dem Landsitz des Marquis de Girardin nach einem erfüllten, aber bewegten Leben.
Rousseaus Nachruhm ist außerordentlich. 1794 wurden seine sterblichen Überreste ins Pariser Panthéon überführt – ein Zeichen dafür, wie stark seine Ideen auf die politischen Imaginationen der Revolution wirkten. Sein Denken prägte die moderne Demokratie- und Freiheitstheorie, befruchtete die Pädagogik und inspirierte die europäische Romantik mit einem Ideal von Innerlichkeit und Naturverbundenheit. Zugleich blieb seine Wirkung umstritten: Manche sahen in der Lehre vom allgemeinen Willen die stärkste Begründung republikanischer Selbstgesetzgebung, andere warnten vor illiberalen Deutungen. Ungeachtet dieser Spannungen bleibt Rousseau eine zentrale Stimme in Debatten über Gleichheit, Autonomie und Gemeinschaft.
Frei aus dem Fran zösischen übersetzt von H. Denhardt.
Diese Sammlung von Betrachtungen und Beobachtungen, ohne Ordnung und fast ohne strenge Reihenfolge, wurde einer guten denkenden Mutter1 zu Liebe begonnen. Anfänglich hatte ich nur eine Abhandlung von wenigen Seiten beabsichtigt; da mich mein Gegenstand jedoch wider Willen fortriß, so schwoll diese Abhandlung allmählich zu einem förmlichen Werke an, das unzweifelhaft zu umfangreich ist, wenn man sein Augenmerk nur auf den Inhalt richtet, aber im Hinblick auf den Stoff, den es behandelt, trotzdem nicht ausführlich genug. Ich habe lange geschwankt es zu veröffentlichen, und bei der Ausarbeitung hat mich oft das Gefühl überschlichen, daß die Abfassung einiger Broschüren noch keine hinreichende Bürgschaft für den Beruf darbietet, ein Buch zu schreiben. Nach vergeblichen Bemühungen etwas Besseres zu leisten, glaube ich es so, wie es ist, vorlegen zu müssen, überzeugt, daß es von Wichtigkeit ist, die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand zu lenken, und daß, sollten sich auch meine Gedanken als falsch herausstellen, ich doch meine Zeit nicht völlig verloren habe, wenn auf meine Veranlassung hin bei Anderen richtige rege werden. Ein Mann, welcher seine Blätter aus seiner Zurückgezogenheit unter das Publikum streut, ohne empfehlende Reclame, ohne Partei, welche ihre Verteidigung übernimmt, ja selbst ohne zu wissen, was man darüber denkt oder spricht, braucht nicht zu fürchten, daß man, wenn er sich irrt, seine Irrthümer ohne strenge Prüfung für wahr anerkennen werde.
Ueber die Wichtigkeit einer guten Erziehung werde ich wenig Worte verlieren, auch werde ich mich nicht bei dem Beweise aushalten, daß die jetzt übliche nur einen schädlichen Einfluß ausübt. Tausend Andere haben es vor mir gethan, und es ist nicht nach meinem Geschmacke, ein Buch mit allbekannten Dingen anzufüllen. Ich werde lediglich darauf hinweisen, daß sich gegen die eingeführte Praxis längst ein allgemeiner Schrei erhoben hat, ohne daß Jemand sich dem unterzieht, mit Reformvorschlägen hervorzutreten. Die Literatur und Wissenschaft unsres Jahrhunderts läuft weit mehr darauf hinaus zu zerstören als aufzubauen. Man kritisirt mit dem absprechenden Tone eines Meisters; um Vorschläge zu machen, muß man jedoch einen andern anschlagen, an welchem die philosophische Erhabenheit weniger Gefallen findet. Trotz so vieler Schriften, welche alle vorgeblich den allgemeinen Nutzen bezwecken, ist doch gerade die Kunst, welche den größten Nutzen gewährt, die Kunst Menschen zu bilden, noch immer vergessen. Mein Thema war trotz Lockes Buch[1] völlig neu und ich befürchte sehr, daß dasselbe es auch noch nach dem meinigen bleiben wird.
Man kennt und versteht die Kinderwelt durchaus nicht; je weiter man die falschen Ideen,, welche man von derselben hegt, verfolgt, desto weiter verirrt man sich. Die Weisesten behandeln mit Vorliebe das den Menschen Wissenswürdigste, ohne dabei auf die Lern- und Begriffsfähigkeit der Kinder Rücksicht zu nehmen. Sie suchen stets schon den Mann im Kinde, ohne an den kindlichen Zustand zu denken, aus dem der Mann sich erst allmählich entwickelt. Und gerade das Studium dieses Zustandes habe ich mir am angelegensten sein lassen, damit, wenn auch meine ganze Methode wunderlich und falsch sein sollte, man doch immer aus meinen Beobachtungen Nutzen schöpfen könnte. Ich kann vielleicht über das, was zu thun ist, unklare Vorstellungen haben, allein den Körper, an dem zu operiren ist, glaube ich gut gesehen und beobachtet zu haben. Fangt also an eure Zöglinge besser zu studiren, denn ganz sicher kennt ihr sie noch gar nicht. Wolan denn, leset ihr dies Buch von diesem Gesichtspunkte aus, so wird, wie ich glaube, die Lectüre für euch nicht ohne Nutzen sein.
Was nun den Theil anlangt, den man den systematischen nennen wird und der hier nichts Anderes als den Gang der Natur schildert, so wird gerade dieser das Kopfschütteln des Lesers am meisten hervorrufen. Von hier aus wird man auch unzweifelhaft die Angriffe auf mich richten, und vielleicht hat man nicht Unrecht. Man wird weniger eine Abhandlung über Erziehung als die Träumereien eines Phantasten über Erziehung zu lesen glauben. Was ist dabei zu thun? Ich schreibe ja nicht über die Ideen Andrer, sondern über die meinigen. In meinen Augen erscheint Alles anders als in denen anderer Leute; schon längst hat man mir das vorgeworfen. Aber hängt es etwa von mir ab, mir andere Augen zu geben und mir andere Ideen anzueignen? Nein. Es hängt von mir ab, nicht eigensinnig auf meinem Kopfe zu bestehen, mich allein nicht für klüger als die ganze Welt zu halten; es hängt von mir ab, nicht etwa meine Ansicht zu wechseln, wol aber der meinigen nicht unbedingt zu trauen: das ist Alles, was ich thun kann, und was ich wirklich thue. Wenn ich bisweilen einen absprechenden Ton annehme, so geschieht das keineswegs, um den Leser damit zu blenden, es geschieht vielmehr, um mit ihm so zu sprechen, wie ich denke. Warum soll ich meine Ideen, an deren Wichtigkeit ich für meinen Theil nicht im Geringsten zweifle, unter der Form des Zweifels zur Prüfung vorlegen? Ich schreibe genau, was in meinem Geiste vorgeht.
Indem ich meine Ansicht freimüthig darthue, bin ich so weit davon entfernt dieselbe von vornherein als eine ausgemachte Wahrheit hinzustellen, daß ich stets meine Gründe hinzufüge, damit man dieselben erwäge und mich danach beurtheile: aber obgleich ich meine Ideen durchaus nicht hartnäckig vertheidigen will, so halte ich mich doch nicht weniger für verpflichtet, sie zur Prüfung vorzulegen, denn die Grundsätze, hinsichtlich deren ich von den Ansichten Anderer völlig abweiche, sind durchaus nicht gleichgiltig. Sie gehören zu denjenigen, deren Wahrheit oder Unrichtigkeit zu kennen von höchster Wichtigkeit ist, und welche das Glück oder Unglück des menschlichen Geschlechts begründen.
Bringe nur Ausführbares zum Vorschlag, wiederholt man mir unaufhörlich. Das ist dasselbe, als ob man zu mir sagte: Schlage vor das zu thun, was man thut, oder schlage wenigstens etwas Gutes vor, das sich mit dem bestehenden Schlechten vereinigen läßt. Ein solches Project ist in Bezug auf bestimmte Gegenstände noch weit wunderlicher als meine Vorschläge, denn in dieser Vermischung verschlechtert sich das Gute, während sich das Schlechte nicht bessert. Ich würde lieber die einmal eingeführte Methode im Ganzen unverrückt beibehalten, als mir eine gute nur halb aneignen: es würde im Menschen dadurch ein geringerer Widerspruch hervorgerufen werden, weil er nicht nach zwei entgegengesetzten Zielen zu streben vermag. Väter und Mütter, das Ausführbare wollt ihr ja ausführen. Darf ich für euch einstehen?
Bei jedem Plan ist Zweierlei zu erwägen: erstens die absolute Güte des Plans und an zweiter Stelle die Leichtigkeit der Ausführung.
In ersterer Hinsicht genügt, um die Zulässigkeit und Ausführbarkeit des Plans an und für sich darzuthun, daß das in ihm vorhandene Gute in der Natur der Sache liegt, hier zum Beispiel, daß die vorgeschlagene Erziehung dem Menschen entsprechend und dem menschlichen Herzen völlig angemessen ist.
Die zweite Erwägung hängt von den in bestimmten Lagen gegebenen Verhältnissen ab, von in Bezug auf die Sache zufälligen Verhältnissen, welche mithin nicht nothwendig sind und bis ins Unendliche variiren können. So kann eine Erziehungsweise in der Schweiz ausführbar sein und in Frankreich nicht; eine andere kann sich bei den Bürgern bewähren und wieder eine andere unter den höhern Classen. Die mehr oder weniger große Leichtigkeit der Ausführung hängt von tausenderlei Umständen ab, die sich unmöglich anders als in einer besonderen Anpassung der Methode auf dieses oder jenes Land, auf diesen oder jenen Stand genau beschreiben lassen. Nun, alle diese besondern Variationen, die zu meinem Thema nicht wesentlich gehören, habe ich in meinem Plan nicht ausgenommen. Mögen sich Andere damit befassen, wenn sie wollen, Jeder mit Rücksicht auf das Land oder den Staat, welchen er im Auge hat. Mir genügt, daß man überall, wo Menschen geboren werden, aus ihnen das, was ich vorschlage, machen kann, und daß, wenn man aus ihnen das, was ich vorschlage, gemacht, man das ihnen selbst wie Anderen Heilsamste gethan hat. Wenn ich dies Versprechen nicht erfülle, dann habe ich unzweifelhaft Unrecht; wenn ich es aber erfülle, würde man auch Unrecht haben mehr von mir zu, verlangen; denn ich verspreche nur dieses.
1 Frau von Chenonceaux
Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers[2] hervorgeht; Alles entartet unter den Händen des Menschen[1q]. Er zwingt ein Land die Producte eines andren hervorzubringen, einen Baum die Früchte eines andern zu tragen; er vermischt und vermengt die Klimata, die Elemente, die Jahreszeiten; er verstümmelt seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven; er stürzt Alles um, er verunstaltet Alles; er liebt das Unförmliche, die Mißgestalten; nichts will er so, wie es die Natur gebildet hat, nicht einmal den Menschen; man muß ihn wie ein Schulpferd für ihn abrichten; man muß ihn wie einen Baum seines Gartens nach der Mode des Tages biegen.
Sonst würde aber Alles noch schlechter gehen, und unser Geschlecht ist ein Feind alles halben Wesens. In dem Zustande, in welchem sich die Dinge nunmehr befinden, würde ein von seiner Geburt an sich unter den andern selbst überlassener Mensch der verunstaltetste und verderbteste von allen sein. Die Vorurtheile, der äußere Einfluß, der Zwang, das Beispiel, alle die socialen Verhältnisse, in welche wir uns versunken befinden, würden die Natur in ihm ersticken, ohne ihm einen Ersatz dafür zu bieten. Es würde ihr wie einem jungen Baume ergehen, den der Zufall mitten auf einem Wege aufschießen läßt und den die Wanderer bald zum Welken bringen, indem sie ihn von allen Seiten stoßen und nach allen Richtungen biegen.
An dich wende ich mich, zärtliche und vorsorgliche Mutter,2 die du dich von der großen Straße fern zu halten und das wachsende Bäumchen vor dem Widerstreit der menschlichen Meinungen zu bewahren verstandest! Pflege, begieße die junge Pflanze, ehe sie abstirbt; ihre Früchte werden dereinst deine Wonne sein. Bilde frühzeitig einen Schutzwall um die Seele deines Kindes; ein Anderer kann den Umfang desselben bestimmen, du selber aber mußt die Schranken setzen.3
Man veredelt die Pflanzen durch die Zucht und die Menschen durch die Erziehung[2q]. Wurde der Mensch gleich groß und stark geboren, so würde ihm seine ausgebildete Gestalt und seine Kraft jedenfalls so lange unnütz sein, bis er gelernt hätte sich ihrer zu bedienen; sie würden ihm sogar schädlich sein, indem sie die Anderen abhielten an seinen Beistand zu denken;4 und sich selbst überlassen, würde er in Elend dahinsterben, bevor er seine Bedürfnisse kennen gelernt hätte. Man klagt über den Zustand der Kindheit; man begreift nicht, daß das menschliche Geschlecht schon ausgestorben wäre, hätte der Mensch nicht als Kind das Leben begonnen.
Wir werden schwach geboren und deshalb sind uns Kräfte nöthig; wir werden, von Allem entblößt, geboren, und deshalb ist uns Hilfe nöthig; wir werden mit unentwickelten Anlagen geboren, und deshalb ist uns Verstand und Urtheilskraft nöthig. Alles, was uns bei unserer Geburt fehlt, und was uns, wenn wir erwachsen sind, nöthig ist, wird uns durch die Erziehung gegeben.
Diese Erziehung geht von der Natur, oder von den Menschen, oder von den Dingen aus. Die innere Entwickelung unsrer Fähigkeiten und unsrer Organe ist die Erziehung der Natur; die Anwendung, welche man uns von diesen entwickelten Fähigkeiten und Organen machen lehrt, ist die Erziehung der Menschen; und in dem Gewinne eigner Erfahrungen in Bezug auf die Gegenstände, welche auf uns einwirken, besteht die Erziehung der Dinge.
Jeder von uns wird also durch dreierlei Lehrer gebildet. Der Schüler, in welchem sich ihre verschiedenen Lehren entgegen arbeiten, wird schlecht erzogen, und wird nie zu einer inneren Harmonie gelangen. Derjenige dagegen, bei welchem sie alle auf die nämlichen Punkte gerichtet sind und die nämlichen Zwecke erstreben, erreicht allein sein Ziel und lebt in voller Harmonie. Dieser allein ist gut erzogen.5
Nun aber hängt von diesen drei verschiedenen Erziehungsarten die der Natur gar nicht, die der Dinge nur in gewisser Hinsicht von uns ab. Die der Menschen ist die einzige, die wirklich in unsrer Gewalt steht, indeß ist auch dies nur voraussetzungsweise der Fall, denn wer kann wol die Hoffnung hegen, die Gespräche und Handlungen aller derer, die ein Kind umgeben, ganz und gar zu leiten?
Insofern also die Erziehung eine Kunst ist, kann sie fast unmöglich zu einem günstigen Resultate führen, weil das zu ihrem Erfolge notwendige Zusammenwirken in Niemandes Gewalt steht. Höchstens kann man sich dem Ziele durch viel Mühe und Sorgfalt mehr oder weniger nähern, um es aber wirklich zu erreichen, dazu gehört viel Glück.
Was ist das für ein Ziel? Es ist das der Natur selbst; das ist soeben bewiesen. Da das Zusammenwirken der drei Arten zu einer vollkommenen Erziehung nothwendig ist, so muß man nach derjenigen, zu welcher wir nichts beizutragen vermögen, die beiden andern richten. Allein vielleicht knüpft sich an das Wort Natur ein zu allgemeiner Sinn; ich will ihn deshalb hier festzustellen suchen.
Natur, sagt man uns, ist nur Gewöhnung.6
Was heißt das? Gibt es nicht etwa Gewohnheiten, welche man nur gezwungen annimmt und welche die Natur niemals ersticken? So verhält es sich zum Beispiel mit der Gewöhnung der Pflanzen, deren aufrechte Richtung man gewaltsam verändert. Die wieder ihrer Freiheit zurückgegebene Pflanze behält zwar die Neigung, die sie gezwungener Weise angenommen hat; aber der in ihr kreisende Saft hat deshalb seine ursprüngliche Richtung nicht aufgegeben, und wenn die Pflanze zu wachsen fortfährt, so kehren die neuen Triebe zu der senkrechten Richtung zurück. Eben so verhält es sich mit den Neigungen der Menschen. So lange man in den nämlichen Verhältnissen verharrt, kann man diejenigen, welche der Gewohnheit entspringen, selbst wenn sie unsrer innersten Natur widerstreben, bewahren, sobald aber die Lage wechselt, schwächt sich die Gewohnheit ab und das natürliche Wesen kommt wieder zum Vorschein. Die Erziehung ist sicherlich nur Gewöhnung. Gibt es nun aber nicht Leute, welche ihre Erziehung vergessen und verlieren, und andere, welche sie bewahren? Woher kommt dieser Unterschied? Muß man die Benennung Natur auf die der Natur conformen Gewöhnungen beschränken, so kann man sich dieses Hinundhergerede ersparen.
Mit Empfindungsvermögen werden wir geboren und von unsrer Geburt an sind wir den Einwirkungen der Gegenstände, die uns umgeben, in verschiedener Weise ausgesetzt. Sobald wir uns der erhaltenen Eindrücke, so zu sagen, bewußt werden, bildet sich in uns die Neigung die Gegenstände, welche sie hervorbringen, aufzusuchen oder zu fliehen, zuerst je nachdem sie angenehm oder unangenehm sind, später je nach der Uebereinstimmung oder dem Mangel an Uebereinstimmung, die wir zwischen uns und diesen Gegenständen finden, und endlich je nach den Urtheilen, die wir über dieselben nach der Vorstellung von Glück und Vollkommenheit fällen, welche uns die Vernunft gibt. Diese Neigungen oder Abneigungen erweitern und verstärken sich in dem Maße, wie wir empfänglicher und aufgeklärter werden; aber durch unsre Gewohnheiten beschränkt, werden sie sich unseren Ansichten mehr oder weniger anschließen. Vor dieser Aenderung sind sie das, was ich in uns die Natur nenne.
Auf diese ursprünglichen Neigungen müßte man also Alles zurückführen; und das würde möglich sein, wenn unsere drei Erziehungsarten nur verschieden wären: was aber soll man thun, wenn sie widerstreitend sind, wenn man, anstatt einen Menschen für sich selbst zu erziehen, ihn für die andren erziehen will? Dann ist die Uebereinstimmung unmöglich. Gezwungen, die Natur oder die socialen Einrichtungen zu bekämpfen, hat man sich zu entscheiden, ob man einen Menschen oder einen Bürger bilden will; denn beides kann man nicht zugleich thun.
Jede nur einen Theil umfassende Gesellschaft sondert sich, wenn sie strenge und fest geeinet ist, von der großen ab. Jeder Patriot ist gegen die Fremden abstoßend: in seinen Augen sind sie nur Menschen, sind sie nichts.7
Dieser Uebelstand ist unvermeidlich, ist aber ohne Bedeutung. Die Hauptsache ist, den Leuten, mit welchen man zusammen lebt, eine freundliche Gesinnung zu beweisen. Dem Auslande gegenüber war der Spartaner[3] ehrgeizig, habgierig, ungerecht; aber Uneigennützigkeit, Billigkeit, Eintracht herrschten innerhalb seiner Mauern. Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erfüllung sie in Bezug auf ihre eigne Umgebung verächtlich zurückweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tartaren, um dessen überhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben.
Der natürliche Mensch ist ein Ganzes für sich; er ist die numerische Einheit, das absolute Ganze, das nur zu sich selbst oder zu seines Gleichen in Beziehung steht. Der bürgerliche Mensch ist nur eine gebrochene Einheit, welche es mit ihrem Nenner hält, und deren Werth in ihrer Beziehung zu dem Ganzen liegt, welches den socialen Körper bildet. Die guten socialen Einrichtungen vermögen den Menschen am ehesten seiner Natur zu entkleiden, ihm seine absolute Existenz zu rauben, um ihm dafür eine relative zu geben, und das Ich in die allgemeine Einheit zu versetzen, so daß sich jeder Einzelne nicht mehr für eine Einheit, sondern für einen Theil der Einheit hält und nur noch in dem Ganzen wahrnehmbar ist. Ein römischer Bürger war nicht Cajus, nicht Lucius, er war ein Römer; sogar das Vaterland liebte er mit Ausschluß seiner eigenen Persönlichkeit. Regulus[4] gab sich für einen Karthager aus, als ob er das Eigenthum seiner Besieger geworden wäre. In seiner Eigenschaft als Fremder weigerte er sich seinen Sitz im römischen Senate einzunehmen; ein Karthager mußte es ihm erst befehlen. Er wurde unwillig darüber, daß man ihm das Leben retten wollte. Seine Ansicht drang durch, und jubelnd kehrte er zurück, um einen qualvollen Tod zu sterben. Das scheint mir freilich den Menschen, die wir kennen, nicht sehr ähnlich zu sehen.
Der Lacedämonier Phedaretes[5] bewirbt sich um Aufnahme in den Rath der Dreihundert; er wird verworfen; voller Freude, daß es in Sparta dreihundert bessere Männer als ihn gibt, geht er wieder nach Hause.8
Ich nehme diese Aeußerung für wahr an, und es ist alle Ursache vorhanden, sie dafür zu halten. Fürwahr, ein echter Bürger!
Eine Spartanerin hatte fünf Söhne bei dem Heere, und harrte auf Nachrichten über die Schlacht. Ein Helote langt an; zitternd fragt sie ihn darnach. »Deine fünf Söhne sind gefallen.« »Verächtlicher Sklave, habe ich dich danach gefragt?« »Wir haben den Sieg erfochten!« Die Mutter läuft zum Tempel und danket den Göttern.9]
Fürwahr, eine echte Bürgerin!
Wer in der bürgerlichen Ordnung den Naturgefühlen den Vorrang einräumen will, der weiß nicht, was er will. Stets im Widerspruch mit sich selbst, stets zwischen seinen Trieben und Pflichten hin und her schwankend, wird er nie ein echter Mensch noch ein echter Bürger sein. Er wird weder sich noch Andern zum Vortheil gereichen. Er wird einer dieser Dutzendmenschen unserer Tage, ein Franzose, ein Engländer, ein Spießbürger, er wird nichts sein.
Um etwas zu sein, um stets sich selbst treu und in sich eins zu sein, muß man handeln wie man spricht, muß man stets über die Partei, die man zu ergreifen, laut zu ergreifen hat, entschieden sein und beständig zu ihr halten. Ich erwarte, daß man mir ein solches Wunderkind zeige, um zu erfahren ob es ein Mensch oder ein Staatsbürger ist, oder wie dasselbe es anfängt, um Beides zugleich zu sein.
Aus diesen einander nothwendig entgegengesetzten Zielen ergeben sich zwei sich widersprechende Erziehungsweisen: eine öffentliche oder staatliche und gemeinsame und eine besondere und häusliche.
Wollt ihr euch eine Vorstellung von der öffentlichen Erziehung machen, so leset die Republik Plato's[6]. Es ist kein politisches Werk, wie die sich einbilden, welche die Bücher nur nach den Titeln beurtheilen: es ist vielmehr die beste Abhandlung über Erziehung, die je geschrieben ist.
Wenn man auf ein Utopienland aller möglichen Träumereien hinweisen will, so führt man regelmäßig Plato's Erziehung an. Hätte aber Lykurg[7] die seinige nur zu Papier gebracht, so würde sie mir noch wunderlicher vorkommen. Plato hat nur das Herz des Menschen geläutert. Lykurg hat ihn seiner Natur beraubt.
Die öffentliche Erziehung existirt nicht mehr und kann nicht mehr existiren, weil da, wo es kein Vaterland mehr gibt, es auch keine Bürger mehr geben kann. Diese beiden Wörter »Vaterland« und »Bürger« müssen aus den modernen Sprachen gestrichen werden. Den Grund kenne ich sehr wohl, will ihn aber nicht aussprechen, es ist für mein Thema von keiner Bedeutung.
Diese lächerlichen Anstalten, welche man Collegien10 nennt, kann ich nicht als öffentliche Erziehungsanstalten anerkennen. Eben so wenig rechne ich die Erziehung der Welt zu der öffentlichen, weil diese Erziehung dadurch, daß sie nach zwei entgegengesetzten Zielen strebt, beide verfehlt. Sie ist nur im Stande Zwitterwesen zu bilden, die Alles beständig auf Andere zu beziehen scheinen und doch nur Alles auf sich allein beziehen. Nun aber täuschen diese Gaukeleien, weil sie ein Gemeingut Aller sind, Niemanden. Es ist lauter verlorene Mühe.
Aus diesen Widersprüchen entsteht leider auch der, welchen wir unaufhörlich in uns selbst empfinden. Fortgerissen von der Natur und von den Menschen nach entgegengesetzten Richtungen, gezwungen uns zwischen diesen verschiedenen Antrieben zu theilen, schlagen wir einen Mittelweg ein, der weder zu dem einen noch zu dem anderen Ziele führt. Auf diese Weise während unseres ganzen Lebens in ununterbrochenem Kampfe mit uns selbst und hin und her schwankend, beschließen wir es, ohne es zu einer innern Harmonie gebracht und uns oder Anderen zum Nutzen gereicht zu haben.
Es bleibt nur noch die häusliche Erziehung oder die der Natur übrig. Aber was soll ein Mensch, der einzig und allein für sich erzogen ist, den andern werden? Wenn sich vielleicht das doppelte Ziel, welches man sich vorsetzt, in ein einziges zusammenziehen ließe, so würde man durch Beseitigung der Widersprüche in dem Menschen ein großes Hinderniß zu seinem Glücke aus dem Wege räumen. Man müßte, um darüber zu urtheilen, ihn ganz ausgebildet sehen; man müßte seine Neigungen beobachtet, seine Fortschritte gesehen, seinen Lebensgang verfolgt haben; mit einem Worte: man müßte den natürlichen Menschen kennen. Ich glaube, daß man nach Lectüre dieser Schrift einen guten Anfang zu diesen Forschungen gemacht haben wird.
Was haben wir nun zu thun, um diesen ausgezeichneten Menschen zu bilden? Unzweifelhaft viel: nämlich zu verhüten, daß etwas geschieht. Wenn es sich nur darum handelt, gegen den Wind zu segeln, so lavirt man; ist aber das Meer bewegt und man will auf der Stelle bleiben, so muß man den Anker auswerfen. Nimm dich wol in Acht, junger Pilot, daß dein Ankertau nicht nachlasse und dein Anker nicht schleppe und das Schifflein nicht forttreibt, ehe du dich dessen versiehst.
In der gesellschaftlichen Ordnung, wo alle Stellen genau bestimmt sind, muß Jeder für die seinige erzogen werden. Wenn ein für seine Stelle gebildetes Individuum dieselbe aufgibt, taugt es zu nichts mehr. Die Erziehung ist nur in so weit von Vortheil, als das Vermögen der Eltern mit dem Berufe in Übereinstimmung steht, zu welchem sie ihr Kind bestimmen; in jedem anderen Falle ist sie dem Zögling nur schädlich, und wäre es auch nur durch die vorgefaßten Meinungen, welche sie ihm eingeflößt hat. In Aegypten, wo der Sohn genöthigt war, sich dem Stande seines Vaters zu widmen, hatte die Erziehung wenigstens ein sicheres Ziel; unter uns jedoch, wo nur die Rangstufen bleiben und die Menschen unaufhörlich wechseln, weiß Niemand, ob er nicht, wenn er seinen Sohn für die seinige erzieht, demselben schadet.
In der natürlichen Ordnung, in der die Menschen alle gleich sind, ist ihr gemeinsamer Beruf, zuerst und vor Allem Mensch zu sein und wer für diesen gut erzogen ist, kann diejenigen, welche mit demselben in Einklang stehen, nicht schlecht erfüllen. Ob man meinen Zögling für die militairische, kirchliche oder richterliche Laufbahn bestimmt, darauf kommt wenig an. Bevor die Eltern ihn für einen Beruf bestimmen, beruft die Natur ihn zum menschlichen Leben. Die Kunst zu leben soll er von mir lernen.11 Wenn er aus meinen Händen hervorgeht, wird er freilich, das gebe ich zu, weder Richter, noch Soldat, noch Priester sein, er wird zuerst Mensch sein. Alles, was ein Mensch sein muß, das Alles wird er, wenn es darauf ankommt, eben so gut wie irgend Jemand sein können, und das Schicksal wird ihn vergeblich seinen Platz wechseln lassen, er wird immer an dem seinigen sein. Occupavi te, fortuna, atque cepi; omnesque aditus tuos interclusi, ut ad me aspirare non posses[9].12
Unser wahres Studium ist das der menschlichen Natur. Wer unter uns die Freuden und Leiden dieses Lebens am besten zu ertragen versteht, der ist meines Erachtens am besten erzogen, woraus folgt, daß die wahre Erziehung weniger in Lehren als in Uebungen besteht. Wir beginnen unsere Bildung mit dem Beginn unseres Lebens. Unsere Erziehung beginnt zugleich mit uns; unser erster Lehrer ist unsere Amme. Auch hatte das Wort »Erziehung« bei den Alten einen anderen Sinn, als den wir damit verbinden. Es bedeutete die Aufziehung. Educit obstetrix, sagt Varronius[8]; educat nutrix, instituit paedagogus, docet magister. Daher sind die Aufziehung, die Erziehung, der Unterricht drei in ihrem Ziele eben so verschiedene Dinge, wie die Wärterin, der Erzieher und der Lehrer. Aber diese Unterscheidungen gereichen zu keinem Vortheile und um gut erzogen zu werden, darf das Kind nur einem einzigen Führer folgen.
Wir müssen unsere Gesichtspunkte deshalb verallgemeinern und in unserm Zögling lediglich den Menschen an sich, den allen Wechselfällen des menschlichen Lebens ausgesetzten Menschen betrachten. Wenn die Menschen durch die Geburt an den Boden eines Landes gefesselt wären, wenn die nämliche Jahreszeit das ganze Jahr hindurch dauerte, wenn Jeder im unveränderlichen Besitze seines Vermögens bliebe, so würde die eingeführte Methode in gewisser Hinsicht gut sein; das für seinen besonderen Stand erzogene Kind würde, da es denselben niemals aufgäbe, auch nie den Schwierigkeiten eines andern ausgesetzt sein. Aber kann man wol, in Anbetracht der Wandelbarkeit der menschlichen Dinge, in Anbetracht des unruhigen und nivellirenden Geistes dieses Jahrhunderts, welcher in jeder Generation einen allgemeinen Umsturz herbeiführt, kann man wol, frage ich, eine thörichtere Methode ersinnen als die, ein Kind so zu erziehen, als ob es einst nie aus der Thüre zu kommen brauchte, als ob es unaufhörlich von den Seinigen umgeben sein würde? Wenn der Unglückliche sich nur einen Schritt über den Boden erhebt, wenn er eine einzige Stufe hinabsteigt, ist er verloren. Dadurch lehrt man ihn nicht den Schmerz ertragen, sondern übt ihn vielmehr denselben zu empfinden.
Man denkt nur an die Erhaltung seines Kindes; das ist nicht genug; man muß es auch lehren sich erhalten, wenn es ein Mann geworden ist; die Schicksalsfrage ertragen, sich über Ueberfluß und Mangel hinwegsetzen und im Nothfalle auf Islands Eisfeldern oder auf dem brennenden Felsen Maltas leben. Vergebens wendet ihr Vorsichtsmaßregeln an, um es gegen den Tod zu schützen, es wird doch einmal sterben müssen; und wenn sein Tod auch nicht das Werk eurer Pflege und Verzärtelung sein sollte, so würden sie gleichwol schlecht angewandt sein.13
Es kommt nicht sowol darauf an, es gegen den Tod zu schützen, als vielmehr darauf, ihm die Kunst zu leben beizubringen. Leben heißt nicht athmen, sondern handeln, es heißt sich unsrer Organe, unsrer Sinne, unsrer Fähigkeiten, kurz sich aller derjenigen Theile von uns zu bedienen, die uns die Empfindung unseres Daseins verleihen. Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat. Mancher stieg erst im Alter von hundert Jahren in die Grube, der seit seiner Geburt wie todt war. Besser wäre es für ihn gewesen, er wäre in früher Jugend gestorben und hätte wenigstens bis zum Eintritt seines Todes gelebt.
Unsre ganze Weisheit besteht darin, daß wir uns von sclavischen Vorurtheilen leiten lassen; alle unsere Gewohnheiten legen uns nur Zwang, Beschränkung und Fesseln auf. Jeder Bürgerliche wird in der Knechtschaft geboren, lebt und stirbt darin: bei seiner Geburt schnürt man ihn in ein Wickelband; bei seinem Tode sperrt man ihn in einen Sarg; so lange er die menschliche Gestalt bewahrt, ist und bleibt er durch unsere Einrichtungen gefesselt. Man erzählt sich, daß sich manche Hebammen nicht scheuen, dem Kopfe der neugeborenen Kinder durch Zusammenpressen eine angemessenere Form zu geben: und man gestattet es! Unsere Köpfe sollten so, wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sind, nichts taugen! Man müßte sie äußerlich erst durch die Hebammen und innerlich durch die Philosophen modeln! Die Caraiben sind um die Hälfte glücklicher als wir.
»Kaum hat das Kind den Schooß der Mutter verlassen und kaum genießt es die Freiheit seine Glieder zu bewegen und zu dehnen, so fesselt man es von Neuem. Man wickelt es in Windeln, man legt es mit unbeweglichem Kopfe und ausgestreckten Beinen hin, während die Aermchen an den Körper angedrückt sind; es wird in Linnen eingehüllt und in alle mögliche Wickelbänder eingeschnürt, daß es seine Lage nicht verändern kann. Noch glücklich, wenn man es nicht bis zu dem Grade zusammengeschnürt hat, daß es dadurch am Athemholen behindert ist, und wenn man die Vorsicht beobachtet hat, es auf die Seite zu legen, damit das aus dem Munde fließende Wasser von selbst hinabfließen kann, denn es würde nicht die freie Bewegung haben, den Kopf auf die Seite zu wenden, um das Ausfließen zu erleichtern.«14
Das neugeborene Kind hat das Bedürfniß seine Glieder auszustrecken und zu bewegen, um sie aus der Erstarrung zu reißen, in der sie sich, in einen Knäuel zusammengezogen, so lange befunden haben. Man streckt sie aus, das ist wahr, aber man verhindert sie, sich zu bewegen; sogar den Kopf steckt man in Kinderhäubchen: man scheint zu befürchten, daß es Lebenszeichen verrathen könne.
Auf diese Weise findet der Trieb der inneren Theile eines Körpers, welcher im Wachsthum begriffen ist, an den Bewegungen, welche er von demselben verlangt, ein unübersteigliches Hinderniß. Das Kind macht fortwährend vergebliche Anstrengungen, welche seine Kräfte erschöpfen oder ihre Zunahme aufhalten. Im Mutterschooße war es weniger beengt, eingeschränkt, zusammengepreßt als in seinen Windeln. Ich sehe den Vortheil nicht ein, den es durch seine Geburt gewonnen hat.
Die Unthätigkeit und der Zwang, worin man die Glieder eines Kindes erhält, haben den einzigen Erfolg, daß sie den Kreislauf des Blutes und der Säfte stören, die Kräftigung und das Wachsthum des Kindes hemmen und seine Gesundheit untergraben. In den Gegenden, wo dergleichen überspannte Vorsichtsmaßregeln nicht zur Anwendung kommen, sind die Menschen sämmtlich groß, stark und wohlgebildet.15 Die Länder, in denen man die Kinder einzuwickeln pflegt, wimmeln förmlich von Bucklichen, Hinkenden, Krummbeinigen, Skrophulösen, Verkrüppelten, kurzum von Mißgestalten jeglicher Art. Aus Furcht, die Körper durch freie Bewegung Verkrüppelungen auszusetzen, beeilt man sich, dieselben Verkrüppelungen durch Einschnürung und Zusammenpressung hervorzurufen. Lieber möchte man die Kinder gleich lähmen, um sie nur ja abzuhalten, selbst die Schuld an ihrer Verkrüppelung zu tragen.
Läßt sich nicht annehmen, daß ein so grausamer Zwang einen bedeutenden Einfluß auf ihr Gemüth, wie auf ihr Temperament ausüben muß? Ihre erste Empfindung ist eine schmerzliche und peinliche; selbst an den nöthigsten Bewegungen finden sie sich behindert; unglücklicher als ein in Fesseln liegender Verbrecher, machen sie vergebliche Anstrengungen, werden allmählich böse und schreien. Mit Thränen, sagt ihr, erblicken sie das Licht der Welt. Ich glaube es wol; von ihrer Geburt an tretet ihr der natürlichen Entwicklung derselben entgegen; Fesseln sind die ersten Gaben, die ihr in ihre Wiege legt; nur Qualen bereitet ihr ihnen mit der Sorge, die ihr für sie tragt. Sollten sie, da ihnen nur der freie Gebrauch ihrer Stimme übrig geblieben ist, sich derselben nicht bedienen, um ihre Klagen auszudrücken? Ihr klägliches Geschrei verkündet euch das Leid, das ihr ihnen zufügt. Wäret ihr in ähnlicher Weise geknebelt, dann würdet ihr fürwahr ein noch weit lauteres Geschrei erschallen lassen.
Woher stammt diese unvernünftige Sitte? Von einer unnatürlichen Mode. Seitdem die Mütter, ihrer ersten Pflicht uneingedenk, ihre Kinder nicht mehr selbst stillen wollten, mußte man sie Miethlingen, bezahlten Frauenzimmern überlassen, in denen selbstverständlich die Stimme der Natur den fremden Kindern gegenüber, zu deren Müttern man sie auf solche Weise bestellt, schwieg, und die daher nur darauf ausgingen, sich so viel Mühe wie möglich zu ersparen. Ein seiner Freiheit überlassenes Kind würde unaufhörliche Überwachung erheischen, ist es jedoch wohl eingebunden, so wirft man es in einen Winkel, ohne sich um sein Geschrei zu kümmern. Sind nur keine offenbaren Beweise für die Nachlässigkeit der Amme vorhanden, bricht sich nur der Säugling nicht Arme und Beine, was kommt dann im Uebrigen darauf an, ob er umkommt oder sich siech und elend durchs Leben schleppt? Zum Unheil seines ganzen Körpers schützt man seine Gliedmaßen, und was auch immer geschehen mag, die Amme steht völlig schuldlos da.
Wissen jedoch diese liebenswürdigen Mütter, welche sich, der Last der Kindererziehung überhoben, fröhlich den Vergnügungen des Stadtlebens hingeben, wissen sie wol, welcher Behandlung das Kind in seinem Steckkissen auf dem Lande ausgesetzt ist? Bei der geringsten Abhaltung hängt die Amme es wie einen Bündel Flicken an einen Nagel, und so lange dieselbe, ohne sich zu überstürzen, ihr Geschäft besorgt, so lange muß das unglückliche Wesen in dieser qualvollen Lage ausharren. Alle, die man in diesem Zustande traf, hatten ein dunkelrothes Gesicht; da die stark zusammengepreßte Brust die nöthige Circulation des Blutes nicht zuließ, stieg es nach dem Kopfe. Wenn man das arme gemißhandelte Kind für sehr ruhig hielt, so lag das allein daran, daß es nicht mehr Kraft zu schreien hatte. Mir ist unbekannt, wie viel Stunden ein Kind, ohne zu sterben, in diesem Zustande zu bleiben vermag, aber ich bezweifle, daß es lange geschehen kann. Darin liegt, sollte ich meinen, einer der größten Vortheile des Einschnürens.
Man behauptet, die ihrer Freiheit überlassenen Kinder könnten ihnen schädliche Lagen einnehmen und unwillkürlich Bewegungen machen, die die Kraft und schöne Form ihrer Glieder zu gefährden im Stande wären. Das sind nichts wie hohle Redensarten unserer heutigen Afterweisheit, welche noch nie in der Erfahrung ihre Bestätigung gefunden haben. Unter jener Menge von Kindern, welche bei Völkern, die sich rühmen können verständiger als wir zu handeln, in dem freien Gebrauche ihrer Glieder aufgezogen werden, sieht man kein einziges, welches sich Schaden thäte oder durch eigene Schuld verkrüppelte; bei ihrer
