0,99 €
»Stell dir vor, wir könnten das Leben beherrschen! Dann wäre das der Tod!« Die alleinerziehende Emma, die gerade noch Kinderunterwäsche im Sonderangebot kaufen wollte und darüber nachgedacht hat, wie sie die Müllrechnung bezahlen soll, wird mit einem Schuss aus ihrem Alltag geschleudert. Da mischt man sich einmal ein bisschen ein und schon muss man so tun, als wäre man so eine Superheldin aus dem Comic ihrer Söhne! Emma ist verzweifelt: Ihre vierzehnjährige Tochter hat sich der gefährlichen Gruppe namens Sherpa angeschlossen, die über die Dächer der Stadt klettern. Ungesichert. Vollkommen hirnlos, denkt Emma. Bis sie Jave kennen lernt, den Anführer dieser Sherpa, der ihr die Welt über den Dächern zeigt und das Gefühl, außer Mama auch noch Frau und Mensch zu sein. Und dann wird ein Jugendlicher aus den Reihen der Sherpa ermordet und Emma ist die Einzige, die verhindern kann, dass ein Krieg ausbricht. Ein Krieg, der die Kinder der Stadt töten wird. Ein Krieg, der die Schatten der Angst nährt. Ein Krieg, an den Emma Jave verlieren würde. Das will sie nicht. Aber kann sie überhaupt etwas dagegen tun? Emma Hahnenfuß - die Stadt der Schatten ist ein Fantasy-Liebesroman für alle Romantasy-Fans, die sich wünschen, auch Erwachsene Menschen würden noch Abenteuer erleben, sich frisch verlieben und als Held/Innen für ein Buch taugen. Leserstimme: "Witzig, spritzig und schwindelerregend tiefgängig. ICH habe es genossen!"
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 548
Veröffentlichungsjahr: 2022
Emma Hahnenfuß
die Stadt der Schatten
Julei Brenz
© 2022 Julei Brenz
2. Auflage, Vorgängerausgabe 2022
Coverdesign von: Jennifer Schattmaier (https://schattmaier-design.com/) Lektorat:
Katharina Vasicek (www.maerchenundseife.at)
ISBN Softcover: 978-3-347-72866-0 ISBN E-Book: 978-3-347-72868-4
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung “Impressumservice”, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Besuche meinen Blog auf www.julei-brenz.de für mehr Geschichten, Hintergründe oder wenn Du Kontakt aufnehmen willst.
Für meinen Mann, der immer an Emma geglaubt hat!
Prolog
Sturmlied
O Brausen des Meers und Stimme des Sturms
Und Irren im Nebelschwarm!
In Hafens Ruhe, im Schutze des Turms,
Wie eng und arm.
Ich will kein Kissen mir unters Haupt,
Kein Schreiten auf Teppichen weich;
Hat mir der Sturm auch die Segel geraubt,
Da war ich reich!
O herrliche Fahrt im Windeshauch
Hinauf und hinab und zurück!
Nur kämpfend, und unterlieg ich auch,
Ist Leben Glück.
Ricarda Huch
1
Emma
Wenn dies ein Buch wäre, dann würde die Superheldin nichts ahnend über diesen wunderschönen, großen Platz in der Innenstadt gehen. Sie wäre langbeinig, blondgelockt und würde wahrscheinlich mit ihrem Helden bereits knietief im wortwitzigen Flirt stecken.
Mein letzter Flirt ist vielleicht ein halbes Jahrhundert her und endete damit, dass ich heulend auf einem Bahnhofsklo über einem positiven Schwangerschaftstest verzweifelte. Während Tajo rotznasig an meinen Jeans zerrte und ständig fragte: »Mama, was ist? Was ist? Mama? MAMAAAA?« Damals war ich achtundzwanzig Jahre alt und schwanger mit dem dritten Kind. Das war vor vier Jahren.
Ich schlendere nicht wortwitzig, sondern hetze. Ich lache nicht, werfe die Haare nicht zurück und fühle nicht genüsslich die Blicke der Umstehenden auf mir. Kein Neid. Höchstens Mitleid, weil meine Jeans inzwischen diverse Löcher haben und meine Frisur ein rotblonder Knoten aus krausen Locken ist. Ich trage keine sexy Handtasche von Gucci, sondern den praktischen Rucksack aus der Treuepunkteaktion von 4two, in unauffälligem Kackbraun.
Ein paar Tauben flattern auf, ich werfe einen sehnsüchtigen Blick auf die Insassen eines Cafés, die an einem Mittwochvormittag Zeit haben (oder egal welchem anderen Tag), Sekt Orange zu trinken. Seufz!
Selbstmitleid? Ja klar. Vielleicht, weil ich nicht, wie die blondgelockte Superheldin, in mein nächstes Abenteuer mit Kussende hineinlaufe, sondern Kinderunterhosen im 4two kaufen muss, wo es eine Preisaktion für Alleinerziehende gibt. Das ist demütigend. Wie gerne würde ich darüber stehen und die Unterhosen meiner Kinder einfach dann kaufen, wenn es mir passt! Es ist also einer dieser All-Tage, in denen man die To-do-Liste im Kopf durchgeht, die etwa von hier bis Neuseeland reicht. Einer dieser Alltage, an denen man gefangen zwischen Langweile und völligem Stress ist.
Der Waschmaschinen-Typ müsste heute vorbeikommen, denke ich. Wann wollte eigentlich nochmal der Kaminkehrer da sein? Egal, der wird sich schon melden. Ich muss dringend meinen Step überprüfen, ich fürchte, ich bin herab gesunken, weil ich mein Sportpensum nicht schaffe. Das ist schlecht, weil die Zuflucht, die weltweit größte Krankenversicherung, die Steps nämlich je nachdem vergibt, wie gut du mitmachst. Je sicherer du lebst, umso besser sind deine Chancen auf eine gute Behandlung im Krankheitsfall. Diese Steps hat die Versicherung vor fünf Jahren eingeführt, es sollte ein Testlauf sein. Der Testlauf bewährte sich und das System setzte sich durch. Da sich das Leben der meisten Menschen auf die großen Städte konzentriert, hat jede einzelne Stadt sein eigenes Step-System, welches uns überwacht.
Ein guter Step verbessert deine Chancen auf einen guten Job, eine schöne Wohnung, mehr Geld, einfach alles. Ich bewege mich mit Step fünfzehn am untersten Rand. Schon immer. Nicht, weil ich nicht gesund leben möchte. Ich schaffe es einfach nicht, alles zu erfüllen. Wann denn auch? Mütter, mit einem höheren Step, können Unterstützung im Haushalt beantragen. Ich nicht. Kinder mit Eltern, die einen höheren Step haben, gehen auf bessere Schulen, bekommen bessere Betreuung, zusätzliche Lernprogramme.
Welche Unterhosengröße hat Tajo eigentlich nochmal?
Bamm!
Es ist nicht wie in Filmen, in denen alle sofort panisch kreischend zu Boden sinken und sich die Situation auf der Stelle offenbart, wenn ein Schuss ertönt. Es ist vielmehr ein Innehalten, Überlegen: Habe ich das jetzt gerade wirklich gehört? Die Umstehenden verharren. Fragen werden laut.
Dann ist weiter vorne in Richtung der Einkaufsmeile ein Schrei zu hören und schließlich erreicht das Adrenalin meine langsamen Hirnwindungen. Ich erstarre in der Bewegung.
Ein Schuss. Es war wirklich ein Schuss, der da gefallen ist! Keine Fehlzündung.
Ein dicker Mann macht einen Schritt zur Seite und da sehe ich es: In einem weiten Halbkreis haben sich Schaulustige versammelt, während die Attraktion ein Junge mit einer Pistole, in der Mitte steht. Die ist nicht so lustig bunt, wie die Dinger, die Tajo so liebt, von einer namhaften Marke, die wirklich nervt. Diese Pistole ist schwarz und richtig echt, wenn ich das so fachmännisch als eingeschworene Jungsmutter beurteilen kann. Noch bin ich mutig, kann mit einigem Abstand den Jungen anschauen. Das ist spannend. Wie er seine Waffe mühsam ruhig hält, den Blick starr auf einen älteren Herrn gerichtet, der die Hände in die Luft streckt. Ich bin nur Teil einer gesichtslosen Menge, die sich zwanglos um diese schreckliche Szene gruppiert.
»Bitte Mason«, fleht der ältere Mann den Jungen an. Moment, Mason? Die Gehirnwindungen klicken und rattern. Natürlich gibt es viele Masons in dieser Stadt. Doch dieser Mason kommt mir bekannt vor. Ein Bild drängt sich in mein Bewusstsein. Spaghetti mit Soße. Ein kleinerer Mason, der neben Elli auf der Küchenbank sitzt und kichert. Das ist Jahre her und ich weiß nicht mal, ob Elli wirklich noch mit ihm befreundet ist. Trotzdem verliert die ganze Szene plötzlich ihre Anonymität, sie wird so real, als wäre der schleimige Alien aus dem gleichnamigen Film plötzlich aus der Leinwand herausgefallen und säße nun sabbernd auf meinem Schoß. Mein Herz schlägt schneller.
Mason ist in Ellis Klasse. Mason steht jetzt da, eine Pistole in der Hand und zielt auf einen Menschen. Er brüllt etwas und Spucke fliegt ihm aus dem Mund. Ich atme tief durch und versuche ihm zuzuhören. Worum geht es? Was treibt diesen Vierzehnjährigen dazu, so etwas zu machen? Mein Hirn spaltet sich. Ich versuche einerseits heraus zu finden, ob Elli irgendwas damit zu tun haben könnte und andererseits, die Szene im Blick zu behalten.
»Ich will deine Sicherheit nicht mehr!«, brüllt der Junge namens Mason. »Du wirst mich in Ruhe lassen, ein für alle Mal! Ich komme nie, nie wieder zu dir! Hör auf mich zu kontrollieren und zu überwachen. Diese Überwachung macht mich krank. Krank, hörst du?«
Alarm, Alarm! Schrillt es in meinem Kopf. Dieser Text könnte im Originalton von Elli stammen. Genau diese Worte hat sie vor zwei Wochen zu mir gesagt. Ich habe gedacht, was sie sagte, hätte irgendwas mit mir zu tun gehabt. Ich dachte, es ginge wirklich darum, was zwischen Elli und mir ist. Oder ist das einfach so eine Phase, in die jedes Kind einmal kommt? Die Sicherheit abzulehnen? Puh. Ist es auch nur eine Phase, dass ein Kind eine echte Waffe auf einen Erwachsenen richtet? Die Abzugs-Drückphase oder so. Da muss jedes Kind durch. Ist ganz normal. Die meisten Eltern gehen dabei halt drauf. Aber wenn das Kind endlich durch ist, und du überlebt hast, wird es wieder angenehmer. Bald erscheint sicherlich so ein Buch auf dem Markt: »Hilfe, mein Kind bedroht mich mit einer Waffe, was soll ich tun? 10 Wege, um die Abzugs-Drückphase zu überleben.« Oder: »Wie du die Drohungen deines Nachwuchses als Entwicklungschance nutzt.« Oder: »Umarme deinen tödlichen Nachwuchs.«
Ja ok, ich gebe zu, ich fange an blödes Zeug zu denken, wenn es richtig brenzlig wird. Gerade jetzt sehe ich, wie der ältere Mann, einen halben Schritt auf den Jungen zugeht. Die Menge seufzt. Jeder weicht einen Schritt zurück, fort von der Szene. Man möchte ja in Frieden gaffen, aber nicht am Ende selbst ins Fadenkreuz geraten. Die Waffe zittert. Ich sehe Schweißperlen auf der Stirn von Mason. Dann sehe ich noch etwas anderes. Etwas, das mir buchstäblich eine Horde wilder Hornissen durch die Eingeweide treibt: Hinter Mason stehen ein paar Jugendliche im selben Alter. Zwischen ihnen erkenne ich eine schmale, schwarzgewandete Gestalt mit leuchtend rotem Haar.
Elli!
Masons Waffe schwankt zur Seite. Die Menschen neben mir weichen zurück. Ich sehe zur Seite und dann wieder auf Mason und Elli. Und schnappe nach Luft. Mein Herz bleibt stehen, stolpert und rast dann weiter. Ich sehe direkt in die Mündung der Pistole. Ich muss Ellis Namen laut ausgesprochen haben. Das war mir nicht bewusst. Oh, Scheiße!
»Du!«, brüllt Mason und winkt mir mit der Waffe. Ich zucke zusammen. Wie fahrlässig. Beinahe will ich ihm zurufen: »Sei vorsichtig!«, der blödeste Mütterrat aller Zeiten. Aber ich schweige und trete nur artig ein Stück vor, wie er es mir bedeutet. Jetzt stehe ich ganz allein in einem weiten Rund von Menschen, die nichts mit mir zu tun haben wollen.
»Ich kenne dich!« Masons Stimme überschlägt sich.
»Ich weiß«, flüstere ich und suche Ellis Blick. Doch sie weicht meinem aus. Ich kann sehen, wie ihre Wangen glühen und ihre Augen riesig werden.
»Du hast bei uns Spaghetti gegessen, erinnerst du dich?« Ich weiß selbst nicht, woher ich gerade diesen mütterlichen Plauderton nehme.
»Ruhe!«, brüllt Mason, denn wenn ich weiter über Spaghetti rede, verliert er seine Autorität, das ist ihm klar. Mir auch. Ich schweige also. Mein Magen dreht sich und mir wird übel. Mein Herz spielt verrückt. Kann man vor Angst sterben?
Der ältere Mann wendet sich mir zu und als er mich ansieht, meine ich, auch ihn zu erkennen. Er ist ein Onkel von Mason. Er sieht viel älter aus als damals, als er Mason ab und zu bei uns abgeholt hat. Klar. Bei einem Neffen, der mich mit der Waffe bedroht, würde ich umgehend auch alt aussehen. Ich meine sogar gerade jetzt meine Haare grau werden zu spüren.
»Mason, das ist Emma Hahnenfuß, lass sie doch aus dem Spiel«, versucht Masons Onkel es mit Vernunft.
»Frag doch mal ihre Tochter, ob ich sie aus dem Spiel lassen soll!«, schreit Mason wütend und funkelt seinen Onkel an. »Sie hat bestimmt auch schon einen Termin bei Dr. Famus gebucht. Gib es zu, Ellis Mutter!«, richtet er sich nun an mich.
Ich schaue erneut zu Elli, die sich hinter einen breitschultrigen Jungen duckt, als wollte sie von der Erdkugel verschwinden. Eingesaugt werden, ins Erdinnere, glühende Lava. Ich kann sie verstehen, so geht es mir auch. Die Hornissen in meinem Magen proben einen Aufstand. Sie müssen mich erwischt haben, meine Kehle fühlt sich an wie zugeschnürt. Ich bin eine Maus in einer Falle namens Mason. Moment. Was hat er gesagt? Ich sollte zuhören. Zuhören, Emma! Ich soll einen Termin bei Dr. Famus gebucht haben? Dem bekanntesten Psycho-Doktor der ganzen Stadt? Ich? Für Elli? Niemals hätte ich genügend Step-Punkte, um das zu schaffen. Ich schüttele nur sprachlos den Kopf.
»Hört endlich auf, uns mit eurer Angst in Fesseln zu halten! Und stellt diese kranke Technologie ab, die unseren Kopf durchleuchtet, die alles sieht, was darin ist. Dann ist man plötzlich schuld und eine Gefahr! Eine Gefahr für sich, eine Gefahr für alle. Hier habt ihr eure Gefahr! Ich bin die Gefahr!«, brüllt Mason und seine Waffe beschreibt einen Bogen durch die Luft. Die Menschen weichen mit einem Aufstöhnen ein Stück zurück. Jetzt, spätestens jetzt müsste ich doch sterben. Kiloweise Eiswürfel scheinen in meinen Magen zu krachen. Mein Atem ist zu flach. Doch anstatt zu sterben, gehe ich einen kleinen Schritt näher auf Mason zu. Der Junge starrt mich an, seine Augen funkeln. Er wirkt wie diese Stiere in der Arena, wenn sie Rot sehen. Ich fange Ellis Blick auf. Er ist so voller Angst, dass ich eines ganz sicher weiß: Mason wird schießen. Ich kann es an ihren Augen erkennen.
»Bleib stehen! Keine Bewegung«, knurrt er.
»Ich bleibe stehen«, sage ich, stelle meine Einkaufstasche vorsichtig neben mich und hebe die Hände.
»Ein Computer hat gesagt, dass ich falsch bin, weil ich nicht tue, was sie wollen!« Masons Stimme klingt wie in der Werbung, reißerisch und überzeugend. Er wirft einen Blick auf die Umstehenden, die ihn in einer Mischung aus Angst und sensationslüsterner Freude anstarren.
»Er gibt mir Medikamente, damit ich still hinnehme, was sie mit mir machen wollen, damit ich gehorche!«, fährt er fort und ich kann den Widerspruch in der Menge geradezu spüren. Auch Mason scheint es zu spüren, denn er fährt lauter fort: »Er kann meine Persönlichkeit nicht ausradieren, mich nicht zu einem Zinnsoldaten des Systems machen. Dann ist nichts mehr übrig von mir. Dann könnte ich genauso gut Mavrobie haben und sterben!«
Er ist gut. Wirklich gut. Ich hänge an seinen Lippen. Hat er etwa recht?
»Ich will keine leere Hülle werden, hörst du?«, brüllt Mason seinen Onkel an. Der zuckt zusammen und krümmt sich, als würde er geschlagen. In der Menge werden ein paar Pfiffe laut, es gibt Zustimmung.
»Ich will mein Leben nicht in Sicherheit verbringen, ich will leben!«, brüllt Mason weiter. Das alles kommt mir bekannt vor. Etwas Ähnliches habe ich schon aus einem viel vernünftigeren Mund gehört. Nein, nicht Elli. Elli und vernünftig? Haha. Ähnliche Worte hört man vom großen Jave Aneway, dem Verfechter der Natürlichkeit, der Unsicherheit. Den Verfechter des wahren Lebens mit Gefahr. Ist Mason ein Anhänger von ihm? Hat Elli irgendwas mit ihm zu tun? Ausgerechnet mit diesem neocoolen Jesus-Verschnitt? Oh Mann. Wie habe ich das nur verdient? Mir ist schlecht. Kotz-spei-übel. Elli, wer sind deine Freunde? Habe ich dich verloren?
Ich könnte Mason noch eine Weile zuhören, wie er so für sich lamentiert, ein vierzehnjähriger Knilch mit der Sprache eines achtzigjährigen Philosophen. Aber der hat wohl genug von seinem eigenen Vortrag. Er geht einen Schritt auf seinen Onkel zu und sein Finger bewegt sich gefährlich über dem Abzug. Totenstille um uns her.
Er wird schießen.
Ich kapiere in diesem Augenblick, dass uns keiner retten wird. Wir werden von einem Jugendlichen angegriffen und niemand ist da, der uns rettet! Ist hier kein Erwachsener, der diesen Buben zu sich bringt? Hilfe! Ich bin ja selbst eine Erwachsene. Also muss ich wohl etwas tun. Nur was? In mir tobt das Chaos. Gedanken, Worte, Erinnerungen, Panik.
Ruhe! befehle ich meinen unkonzentrierten Gedanken. Nicht gerade jetzt durchdrehen. Jetzt brauche ich Aufmerksamkeit, keinen Fliegenschwarm im Kopf. Ich brauche eine Idee.
»Mason, sieh mich an«, sage ich leise und meine Stimme trägt viel weiter als ich gedacht habe (peinlich, Mist!). Er will sich weigern, schon aus Prinzip nicht tun, was ein Erwachsener von ihm will. »Mason«, wiederhole ich klar. Dann gleitet sein Blick in meinen und ich schaffe es, ihn wirklich zu festzuhalten. Der Fliegenschwarm in meinem Kopf beruhigt sich.
»Ruhe, Mutter von Elli!«, kommandiert Mason, doch sein Blick bleibt mit meinem verschränkt. Sag ich doch. Ruhe.
»Du bist wütend, Mason«, sage ich leiser. Er stockt. Ich sehe, wie seine Lippen zu einem Strich werden. Sein Blick wird härter. Aber er gibt mir keine Befehle mehr. Das bestätigt mich. Meine flatternden Gedanken bündeln sich. Ich kann mich konzentrieren.
Einen halben Schritt näher. Dann spüre ich seine Zerrissenheit. Ich spüre sie, fast wie eine Wunde, seinen Schmerz, abgespalten, getreten, misshandelt, nicht – angenommen.
»Die Erwachsenen haben gegen deinen Willen gehandelt. Jetzt wollen sie dich verbiegen, damit du anders bist«, wiederhole ich einfach nur, was er gesagt hat und taste mit meinem Gefühl nach seiner Zerrissenheit. Es ist schwer, er ist viel extremer als Elli es jemals war. Da ist etwas Düsteres, das in ihm tobt. Wut. Verzweiflung. Einsamkeit.
Er keucht und ich sehe, wie die Waffe unkontrolliert schwankt. Aber jetzt ist es wie damals, als Elli sich den Arm gebrochen hatte. Ich kann nicht hysterisch werden. Ich muss etwas tun.
»Mason«, sage ich sanft. »Wenn du jetzt abdrückst, dann wird alles noch viel schlimmer.« Nur ein Flüstern und dennoch weiß ich, dass er mich verstanden hat.
Die Waffe sinkt einen halben Zentimeter.
Noch ein wenig.
Ich sende ihm Wärme und versuche ihn zu flicken. Notdürftig zu sich zu rufen. Meine Energie schwindet, es ist so schwer. Er ist so weit weg von sich selbst. Was ist ihm nur passiert, dass er so abgespalten wurde? Ich merke, wie sein Schmerz auf mich überschwappt.
Die Waffe sinkt.
Durch die Totenstille, die auf dem Platz herrscht reißt ein schriller Ton. Der Ton einer Sirene. Bremsen quietschen, ein Lautsprecher ertönt. »Lass die Waffe fallen!«, brüllt die Stimme über den Platz. Der Moment ist vorbei, ich verliere Mason und seinen Blick.
Bamm. Bamm.
Zwei Schüsse ertönen. Schockartiger Schmerz in meiner Seite. Alles wird schwarz.
2
Jave
Ein weiterer Termin. Der 25. 05. 7.30 Uhr. Nur eine trockene Zahl für den Arzt. Einsen und Nullen im Computer. Und eine Welt voller Schmerzen für ihn. Obwohl er jetzt vierunddreißig Jahre alt ist, haben sie ihn nicht gefragt, ob er will. Haben sie noch nie. Und sein Körper hat ihn im Stich gelassen. Er ist zu reich und zu müde um sich zu wehren. Diese weitere Korrektur ist nötig, sonst würde er früher sterben.
Sagen sie.
Doch was ist früher? Morgen? Früher als andere? Früher als sein eigentlicher Sterbe-Termin? Und wie soll er je wissen, ob sie wirklich geholfen hat, diese Operation? Wer sagt ihm denn, wann sein natürlicher Sterbe-Termin ist und inwiefern er verschoben wurde? Feilscht er nicht ständig mit dem Sensenmann, seit er nicht geboren werden sollte?
Sein Vater hat ihn beschworen, zu tun, was die Ärzte ihm empfohlen haben, denn er hat die Kontrolle über seine Muskeln erneut verloren. Doch jetzt ist der Vater nirgends zu sehen. Jetzt ist Jave ganz allein in seinem Zimmer mit Blick auf den Park. Und er spürt Angst wie ein nagender Hunger tief in sich. Es fühlt sich genauso an, als hätte er ständig Hunger. Es ist ein schmerzender Hunger, der niemals endet. Wenn er doch nur ein einziges Mal die Nahrung finden würde, die diesen Hunger stillt. Aber all die vielen Briefe und Anrufe, die an den berühmten Jave Aneway gerichtet sind, berühren ihn nicht. Es ist, als wäre er gar nicht selbst gemeint. Sie fragen nie nach ihm. Sie fragen immer nur nach sich selbst. Wie sie etwas entscheiden sollen. Ob sie sich fürchten müssen. Wie sie mit ihren Kindern umgehen müssen. Wie sie mit ihrem Schmerz klarkommen können. Sie fragen, wie sie sich wehren können und was er tun wird, um das System zu sprengen. Sie fragen, ob es Krieg geben wird. Sie fragen, wann es endlich vorbei ist. Sie fragen, wann die Welt wieder wie früher ist. Er fragt sich, was sie sich einbilden, wie sie früher war? Haben sie sich in ihrem Kopf ein vergangenes Paradies zusammengelogen?
Er spürt, wie die Tablette, die er bekommen hat, langsam zu wirken beginnt. Er kennt das taube Gefühl, das sich in seinem Körper und seinem Kopf ausbreitet nur zu gut. Von all den Operationen und Korrekturen zuvor. Alles wird betäubt, aber nicht dieses schreckliche, nagende Hungergefühl, das er ständig mit sich herumträgt. Es wird sogar noch stärker, jetzt, da er hilflos in diesem weißen Krankenhausbett liegt, mitten im Luxus, wie in einem goldenen Käfig. Jetzt hat er schon vierundvierzig Operationen hinter sich und hat keine Angst mehr davor zu sterben, wie damals als Kind. Was er fürchtet, sind nur die Dämonen, die sein Bett belagern werden, sobald er wieder aufwacht. Die Schmerzen, die er dann haben wird, die ihn immer und immer wieder in diesen Abgrund stürzen und seinen Dämonen Zugang zu ihm verschaffen. All die düsteren und schwarzen Gedanken. Er kann sich nicht wehren, wenn die Schmerzen so stark sind. Er ist ihnen ausgeliefert. Das macht ihm Angst. Er fürchtet sich so sehr!
Jave tastet nach der Fernbedienung, noch spürt er seine Hand, und zappt wahllos durch die hundertsechzig Programme, die er zur Verfügung hat. Ablenkung sollte helfen, damit er nicht schon vorher abstürzt. Eine Sitcom. Eine Talkshow. Eine Sendung über Technognose, eine Form der Diagnose durch einen Computer, die sein Vater erfunden hat. Werbung. Mehr Werbung. Nachrichten. Seine Hand wird taub, er kann nicht mehr wegzappen. Sein Kopf sinkt zur Seite. Und dann weiß er nicht mehr, ob er wirklich sieht, was sie da zeigen:
Ein Amateurvideo, verwackelt und Schemenhaft. Oder ist es diese Tablette, die es so schwer macht, etwas zu erkennen? Ein professioneller Berichterstatter erklärt: »Diese Szene spielte sich heute auf dem Pedibusplatz ab. Unglaublich! Ein Akt der Selbstlosigkeit von dieser Emma Hahnenfuß… doch seht selbst.« Jave blinzelt. Gerne würde er sich ein wenig aufrichten. Er starrt auf den Flachbildschirm. Sieht im Hintergrund den 4two, einen ungepflegten Bau im Lowstepbereich der Stadt. In einem weiten Kreis stehen Leute. Die Angst geht um wie der Schwarze Mann. Dann sieht er einen Jungen in der Mitte des Kreises stehen, auf der einzigen freien Fläche. Der Junge kommt ihm bekannt vor. Oh, fuck! Ist das echt der schüchterne Mason? Mason wedelt mit einer Pistole und richtet sie auf einen älteren Herrn und eine Frau, etwa in Javes Alter, die in seinem Fokus stehen. Ein Festmahl für Dämonen, diese Szene. Er kann sie sogar auf diesem Video erkennen. Düstere Schatten. Sie haben hier sogar Form angenommen. Menschliche Gestalten, verwischt im Film. Sie nähren sich von der Angst, werden stärker und lähmen all die Umstehenden so sehr, dass sie nichts unternehmen können. Wie das Reh, geblendet vom hellen Scheinwerferlicht des nahenden LKWs, stehen sie einfach da, abgeschaltet und bewegungsunfähig.
Doch Jave erkennt jetzt, was passiert. Er kann die weibliche Gestalt sehen, die in der Mitte, genau gegenüber des Amokläufers, steht. Sie hat rotes Haar, das fast zu leuchten scheint. Ein energisches Kinn im Profil. Keine Dämonen bei ihr. Das ist das Erstaunlichste. So etwas hat er noch nie gesehen. Er möchte die Szene weiter beobachten. Er möchte sehen, was passiert. Er will unbedingt wissen, wer diese Frau ist. Wo sind die Dämonen, die sie in genau so einem Moment aussaugen müssten wie einen wohlschmeckenden Drink?
»Herr Aneway«, wie durch dicke Watte hört er eine Stimme von der Zimmertür her. Eine Pflegerin. Sie greift nach seinem Arm, überprüft die Infusionen, die sie schon gestern gelegt haben. Er lässt sie gewähren, starrt weiter auf das, was er nicht glauben kann.
»Es ist so weit, wie geht es ihnen?«
»Moment«, will er rufen. »Moment, stopp, ich will das noch sehen!«, doch es kommt nur ein unverständliches Gurgeln aus seinem Mund. Sie haben ihn bereits so ausgeknockt, dass er nichts mehr tun kann.
»Schon gut«, sagt sie beruhigend, als hätte sie die Aufregung in seinen genuschelten Worten gehört. »Wir geben auf sie Acht, Herr Aneway«. Sie klappt die Bremsen des Bettes hoch, damit sie ihn liegend aus dem Zimmer rollen kann. Will ihm die Fernbedienung aus der Hand nehmen. Doch er hält sie fest. So fest. Mit größter Anstrengung schafft er es, den Kopf in Richtung des Fernsehers zu drehen, als sie sein Bett vorwärts bewegt, auf die Zimmertür zu. Und da sieht er es.
Die rothaarige Frau im Video geht einen winzigen Schritt auf ihren Angreifer zu und sie spricht zu ihm. Mit ruhiger, beinahe beschwörender Stimme. Jave kann sehen, wie sich ihre Blicke treffen und dann passiert es. Oder bildet er es sich in seinem künstlichen Delirium nur ein? Nein. Er muss es wirklich gesehen haben. Die Dämonen lassen von dem Amokläufer ab. Licht durchströmt seine Gestalt. Licht flackert um Mason, nur ganz sanft, aber es ist da. Und dann ertönt der Schuss. Er zuckt innerlich zusammen.
***
Die Schwester rollt ihn endgültig aus dem Zimmer. Jave schließt die Augen und fällt hinab in die Schwärze der Narkose. Doch da ist dieses Licht, das er um die Gestalt des Amokläufers herum gesehen hat. Er ist sich sicher. Er hält sich daran fest. Und er weiß, sie, diese Frau, sie hat das Licht gerufen, sie hat etwas getan, und die Dämonen verjagt. Sie hat dem Amokläufer das zurückgegeben, was er verloren hatte: Kraft, sich gegen die Dämonen zu wehren. Doch der Schuss. Da war ein Schuss. Oder?
3
Jave
»Ist sie tot?«
Die Frage schwebt durch den klinisch reinen Raum und scheint keinen Zusammenhang zu haben. Der Arzt, Dr. Rabes, der die Messwerte seines berühmten Patienten überwacht, fährt erschrocken herum. Er hat nicht bemerkt, dass Jave schon wach ist. Ist er wach? Seine Augenlider flackern.
»Ist sie tot?«, fragt er jetzt eindringlicher und der Arzt hört in seiner Stimme die Befehlsgewohnheit des reichen Jungen. Er unterdrückt mit Mühe ein Seufzen. Wie oft war Jave in den letzten Jahren schon hier? Wieviel Schmerz kann selbst ein reicher, verwöhnter Junge überhaupt ertragen? Er ist kein Junge mehr, das weiß er. Aber jetzt, wenn er so hilflos daliegt, da erinnert sich der Arzt genau, wie er als Kind dort lag. Dürr und verängstigt. Damals waren die Eingriffe noch heftiger, die Schmerzen hielten tage - ja wochenlang. Heute wird er leichter davon kommen.
»Wer ist tot?«, fragt Dr. Rabes jetzt mit dieser beruhigenden Stimme, die er für alle Patienten hat.
»Sie«, murmelt Jave und öffnet mühsam die Augen einen Spalt breit. »Sie - sie wurde erschossen!«
Dr. Rabes runzelt die Stirn und beugt sich über seinen Patienten. Er hat ihn schon so oft aufwachen gesehen. Schreiend. Um sich schlagend. In vollständiger Panik oder still weinend, als er noch kleiner war. Vor Wut brüllend, als er älter war. Aber jetzt wirkt sein Blick klar, wenn auch angespannt, beherrscht.
Zuerst will er ihn beruhigen, will ihm sagen, dass niemand erschossen wurde, doch er verstummt unter Javes Blick und bringt schließlich nur ein Wort hervor:
»Wer?«
»Diese Frau. Auf dem Pedibusplatz.«
Die Tür öffnet sich und eine Pflegerin huscht herein. Sie muss Javes Satz gehört haben und plappert begeistert dazwischen: »Emma Hahnenfuß? Sie wurde getroffen! Von einem Vierzehnjährigen. Das muss man sich mal vorstellen! Aber sie hat scheinbar überlebt. Sie haben sie in die Pedibusklinik gebracht. Tja. Lowstep, fraglich, ob sie sie retten können.«
»Pedibusklinik?«, lallt Jave jetzt gereizt und flüstert, kurz bevor er zurück in die Betäubung sinkt: »Dann machen Sie was. Verstanden? Machen sie irgendwas!«
4
Emma
»Mama?«
Ich bin tot. Ich bin tot und noch immer nennt mich jemand Mama. Bin ich jetzt die Mutter von hundert kleinen, immer brennenden Teufelchen?
»Mama!«
»Was muss ich tun? Hast du Hunger? Soll ich dir den Popo abwischen?«
»Hör auf!«, sagt eine wütende Stimme, die sofort in ein leicht hysterisches Lachen umschlägt. Es ist mehr ein Automatismus als ich versuche, meine Augen zu öffnen und etwas zu erkennen. Flammen, Chaos, das Ende. Die Hölle ist mintgrün gestrichen, wie erstaunlich. Wer hätte das gedacht.
»Du bist so peinlich!«, knietscht die Stimme und ich kneife die Augen wieder zu und seufze. Es hat sich nichts geändert, meine Teufel sind in der Pubertät.
»Du musst jetzt einfach still sein und die Augen aufmachen. Du bist im Krankenhaus. Es tut mir so leid, Mama«, jetzt klingt die Stimme theatralisch. Ich höre Tränchen darin. Aber eine etwas tiefere Stimme fügt an: »Du hast einen voll krassen Streifschuss, Mama, so cool! Linus hat nur eine Mutter, die einen gebrochenen Zeh hat. Interessiert niemanden, echt.«
»Der Arzt hat dich zusammengenäht, wie Ellis Puppe, als Tajo ihr den Arm abgerissen hat! Mit Nadel und Faden, aber er hat keine Nähmaschine! Ich habe den Arzt gefragt.« Die gepiepste Erklärung katapultiert mich aus meiner Hölle in die Realität.
»Muck? Elli? Tajo?«
Ich habe überlebt und darf in meinem eigenen Leben weiterschmoren. Tja. Die hundert Teufelchen müssen noch eine Weile im Waisenhaus der Hölle köcheln. Da kann ich ihnen nicht helfen. Sie werden einen psychischen Knacks bekommen und einen satanischen Kult eröffnen und richtig teuflisch werden. So ist’s recht.
»Ich bin so froh euch zu sehen«, hauche ich und dann spüre ich Mucks klebrige Hände auf meinen Wangen, bevor er mir einen feuchten Kuss auf die Backe drückt. Tajo tätschelt mir unbeholfen den Kopf. Elli heult schon wieder. »Es tut mir so leid«, schluchzt sie und ich erinnere mich kurz daran, wie ich sie vor dem Spiegel habe üben sehen: heulen auf Knopfdruck. Dabei noch gut aussehen.
Jetzt umarmt Elli mich und flüstert mir zu: »Du darfst auf keinen Fall mehr solche peinlichen Sachen sagen, ok? Mama? Am besten sagst du gar nichts. ER ist nämlich hier!«
ER? Wer ist ER? Habe ich da was verpasst? Elli löst sich von mir und ich folge ihrem Blick. ER sitzt neben dem Bett meiner Zimmernachbarin und ist deutlich zu alt, um von meiner Tochter angehimmelt zu werden. Die Zimmernachbarin schläft und ich kann ihr Gesicht nicht sehen, weil es zum Teil durch einen Verband verdeckt wird. Kabel führen in sie hinein oder aus ihr heraus, was auch immer. ER jedenfalls, kommt mir bekannt vor. Aber ich habe keinen Schimmer woher. Er trägt einen Dutt am Hinterkopf und sieht blass aus. Er hat kräftige Arme und Schultern und ist ansonsten schmal, wahrscheinlich steht Elli deshalb auf ihn. Moment! Elli ist mein Baby, seit wann steht sie auf Männer? Vor allem auf Männer Mitte dreißig! Er nimmt weder Notiz von Elli (zum Glück!), noch von mir. Er starrt auf sein Handy. Dann neigt er sich einen kurzen Moment über das Bett meiner Zimmernachbarin und verlässt grußlos den Raum.
»Das war Jave Aneway!«, presst Elli kichernd heraus, irgendwo in der Tonlage, in der Fledermäuse sich normalerweise unterhalten und ich sehe in ihrem Blick diesen fiebrigen Glanz, den die Mädchen haben, wenn Stars in ihrer Nähe auftauchen. Jave Aneway ist allerdings ein Star. Er tritt in Talkshows und bei YouZUF auf. Weshalb noch gleich? Ich zermartere mir mein Hirn und stoße auf schwammigen Nebel. Der Nebel wird immer schwammiger. Er legt die dicken Arme um mich und schließt mich ein. Schlaf greift nach mir.
»Mama?«
»Wir müssen Ralf und Craz anrufen«, murmele ich völlig neben mir.
»Ich hab das schon gemacht, Mama. Ralf holt uns alle ab und bringt uns zu Oma. Und Craz kann Muck dann am Abend dort abholen«, erklärt Elli. »Außerdem hab ich wegen deiner Arbeit im Hotel und bei Jeanette im Hundesalon angerufen, sie weiß Bescheid und wünscht dir gute Besserung.« Sie klingt so erwachsen und sogar an den Job bei Jeanette hat sie gedacht. Wow!
»Ich will nich’ zu Craz«, wimmert Muck. Ich schlucke und habe das Gefühl, mein Herz würde über so einer metallenen Zitronenpresse ausgedrückt. Am liebsten würde ich heulend zusammenbrechen. Mein Hirn funktioniert noch nicht richtig, mir tut alles weh, ich liege hier gefesselt und mein Kind weint, weil es nicht zu seinem Vater will. Ich bin die mieseste Mama der Welt. Definitiv. Wie kann ich mich einfach anschießen lassen?
Eigentlich dürfen Mütter nicht krank sein. Schon gar nicht erschossen. Eigentlich sollte es eine Versicherung für Mütter geben, dass sie auch weitermachen können, wenn ihnen die Beine weggemäht werden oder der Kopf wegfliegt. Sie sollten einfach ein paar homöopathische Kügelchen bekommen und dann zum Wäscheaufhängen gehen dürfen und pädagogisch wertvoll die Hausaufgaben betreuen. Ohne Kopf eben. Und ohne Beine. Egal. Denn niemand kann den Job von Mamas machen, so ist das in Wirklichkeit. Ich war nicht mehr krank, seit Elli auf der Welt ist und wenn ich es eben doch war, dann habe ich so getan, als wäre ich es nicht. Hat geklappt. Aber jetzt, da sie mich ohne Nähmaschine zusammengeflickt haben, jetzt funktioniert das nicht. Da kommen die beiden Väter meiner Kinder ins Spiel: Ralf, der Vater von Elli und Tajo und noch schlimmer, Craz, der Musiker, der Papa von Muck.
O je. Nach dieser exquisiten Betreuung werde ich mir meine hundert Teufelchen zurückwünschen, denn es reicht, dass Papa-Wochenende ist, damit meine Kinder komplett verdreckt, klebrig und hysterisch am Sonntagabend durch unsere Wohnung rasen. Tajo mit Gameboy und Elli mit einem neuen Tattoo, während Muck nach Zucker schreit.
Ich kann nichts tun. Ich fühle mich schrecklich und hilflos. Dann wird es dunkel um mich und ich verliere das Bewusstsein schon wieder. Als ich endlich erwache, sind meine Kinder schon weg. Sie fehlen mir. Vor allem Muck, denn er ist erst vier und hängt sehr an mir. Craz liebt seinen Jungen, hat aber kaum Zeit für ihn, da er ständig arbeitet, vor allem nachts.
Doch ich werde von meinen düsteren Gedanken abgelenkt, es stellt sich heraus, dass einer meiner größten Wünsche in diesem Augenblick in Erfüllung geht: Ich muss nicht selber kochen! Gerade jetzt kommt eine Pflegerin herein. Im weißen Mieder, das um ihre knochige Gestalt schlottert, serviert sie mir Abendessen. Mit ein bisschen Kerzenschein würde ich doch tatsächlich denken, ich wäre seit vierzehn Jahren zum ersten Mal wieder in einem Restaurant. Im kurzen OP-Kleidchen, hinten offen, der letzte Schrei. Hübsch hergerichtet mit passenden Augenringen, aufgeschwemmt durch die Schmerzmittel.
Abendessen, das ich nicht selber kochen muss. Ein Fest.
»Das ist wie in einem Sternerestaurant«, murmele ich. Die Pflegerin wirft mir einen irritierten Blick zu und knallt mir das Tablett hin. Helles Brot, labriger Käse, ein Stück Gurke um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Nicht unbedingt die Art Essen, die ich gerne mag, aber wer fragt schon danach, wenn er es nicht selbst herrichten muss? Ich lasse mich in die Kissen sinken und werfe einen Blick zur Seite. Neben mir im Bett, brav aufgereiht und auf den Flachbildschirm ausgerichtet, liegt eine Elfe. Sie haben ihr offenbar die Verbände abgenommen. Jetzt sehe ich, wie hübsch sie ist. Elfenkönig Kasimir hat sie vergessen, als er aus unserem Reich floh. Jetzt liegt sie im Sterben, weil ihr der Zauberstaub fehlt. Tja, wenn nur jemand in diesem Krankenhaus Zauberstaub hätte, würde sie erwachen und wenn sie lächelte, würde jedes Mal ein schönes Baby gesund geboren werden. Was ist in den Schmerzmitteln drin? Ich will mehr von dem Zeug, das rockt!
Jetzt blinzelt sie und öffnet die riesigen Augen. Graue Elfenaugen mit langen Wimpern. Sie mustert mich einen Moment, dann grinst sie schmerzverzerrt und flüstert heiser: »Ich hab mir solche Mühe gegeben, bin acht Meter in die Tiefe gestürzt, nur um dann von dir ausgestochen zu werden – einer Mama, die erschossen wird und ohne Nähmaschine zusammengeflickt!«
Wenn eine Elfe erwacht und so einen Satz zu einem sagt, muss das doch der Anfang einer wunderbaren Freundschaft sein. Oder nicht?
5
Jave
»Sie ist ganz nett«, hat Maily ihm gesagt. »Aber bestimmt nicht das, was du suchst!«
Er hat ihr einen Blick zugeworfen und Maily ist ihm ausgewichen. »Sie ist voll die Hausfrau. Keine Ahnung, was du da gesehen hast in dem Film über sie! Sie kann garantiert keine Sherpa werden«, der abwertende Ton passte gar nicht zu Maily.
Jetzt ist Maily bei einer Untersuchung. Jave kauert allein auf ihrem Bett und wartet auf ihre Rückkehr. Natürlich wird herauskommen, dass Maily nicht mehr klettern kann. Er ist sich nicht sicher, ob es gut wäre, sie so lange zu operieren, wie sie es mit ihm gemacht haben. Seit seiner ersten Operation mit der neuen Software seines Vaters, sieht er die Schatten. Damals war er winzig, er erinnert sich nicht richtig an das erste Mal. Er erinnert sich kaum noch an eine Zeit, ohne diese Schatten. Mason wurde von dieser Software untersucht. Mason sieht sicher dieselben Schatten wie er. Nur konnte er bisher nicht mit dem Jungen sprechen. Er hat sich nicht mehr bei den Sherpa blicken lassen.
Maily sieht ihre Dämonen noch nicht. Aber es sind so viele in ihr. Unerträglich. Sie ist so schwach. Zum Glück kann sie sich die Operation nicht selbst leisten. Wird sie ihn beschwören, zu bezahlen?
SCHAU NICHT, WAS SIE IN DER PRESSE ÜBER DICH SCHREIBEN, ploppt eine Nachricht von Amira auf seinem Handy auf. Amira ist eine Freundin, vor allem von Maily. Er verkneift sich ein Grinsen. Den großen Jave in der Presse zu zerreißen, darauf haben sie doch schon ewig gewartet. Und Maily hat ihnen mit ihrem Sturz endlich das richtige Material geliefert. Eine Sherpa, die abstürzt. Das ist ein Traum für die Presse!
IST MIR EGAL, tippt er und hängt ein Kotz-Smiley an.
AUCH DASS SIE SAGEN, DU HAST DAS MÄDCHEN VIELLEICHT GESCHUBST?, schreibt Amira und streckt ihm virtuell die Zunge heraus. Haha! Geschubst.
STEHT DA VIELLEICHT NOCH, DASS ICH SIE VORHER VERFÜHRT HABE?, schreibt Jave zurück mit einem Lachsmiley.
LOL, schreibt Amira und Jave kann sich vorstellen, wie trocken das aus ihrem Mund klingen würde. Doch so weit von der Wahrheit entfernt ist das alles ja gar nicht. Nur, dass er sie nicht verführt hat und nicht geschubst. Aber schuld an ihrem Sturz ist er allemal. Wenn er darüber nachdenkt, müssten die Schatten das Zimmer fluten, wie wenn sich an einem strahlenden Tag plötzlich die Sonne hinter eine Wolke schiebt und man das Gefühl hat, das Licht würde ausgeknipst. Doch nichts passiert. Er sieht nur die normale Anzahl der Schatten um ihn und keinen einzigen im Nachbarbett. Das ist so ungewöhnlich, dass er sich zusammenreißen muss, um Emma nicht ständig anzustarren, als käme sie von einem anderen Stern. Ihr rotes Haar scheint fast zu leuchten gegen die mintgrünen Wände in diesem sterilen Zimmer. Ansonsten ist sie nicht besonders hübsch, auch nicht hässlich. Aber auf jeden Fall weiblich gerundet, das gefällt ihm. Sie hat Brüste. Das kann man selbst im formlosen OP-Hemdchen sehen, in dem sie sich so fürchterlich unwohl fühlt. Wieder muss er sich ein Grinsen verkneifen, wenn er an ihr Gesicht denkt, als sie das erste Mal aufgewacht ist und ihren wundervollen Dress bemerkte.
»Sie ist nicht das, was du suchst«, hat Maily gesagt. Nein, das ist sie vielleicht nicht. Als wenn er wüsste, was er eigentlich sucht! Als wenn sie es wüsste! Es klingt, als hätte er sich bei der Partnervermittlung angemeldet. Dabei sucht er keine Partnerin. Absolut nicht. Aber Emma kann etwas, das ihn sehr interessiert.
»Bist du den Polizisten und seine lahme Befragung noch in diesem Leben losgeworden?«, Jave überrumpelt sich selbst, als er das Wort an Emma richtet. Er wollte eigentlich gar nichts sagen. Seine Worte klingen steif und unpassend in dem stillen Zimmer. Emma dreht so schnell den Kopf, dass Jave überlegt, ob sie sich den Hals ausgerenkt hat. Hat sie nicht. Sie sieht ihn ausdruckslos an und er bereut, dass er das Gespräch so eröffnet hat. Er hört die Schatten in seinem Inneren flüstern. Wenn du sie dazu bringen willst, dir zu verraten, was sie mit Mason getan hat, dann musst du das schon anders anfangen!, flüstert einer von ihnen. Es ist wie das Flüstern von düsteren Dämonen.
»Ich dachte, er geht noch neben meinem Bett in Rente«, sagt Emma mit belegter Stimme und räuspert sich. Nervös? Macht er sie nervös? Jetzt kann er es sich nicht mehr verkneifen: er grinst.
»Wenn er meine Aussage noch langsamer in sein Tablet getippt hätte, wäre die Zeit rückwärts gegangen«, plappert Emma. »Aber was er gesagt hat, war irgendwie… ähm… komisch. Ich glaube er hatte vielleicht – Angst vor dir! Sollte man das haben?«, fragt sie frei heraus und mustert ihn mit zusammengekniffenen Augen. Sie ist voll die Hausfrau, hat Maily gesagt. Vergessen hat sie noch zu erwähnen, dass sie voll die Mama ist. Jetzt stellt er sich vor, sie würde sehen, dass er einen Fleck auf dem Hemd hat oder das Shirt in die Hose stecken sollte. Er weiß nicht, wie Mütter sind. Denn seine ist abgehauen, sobald er aus ihr herausoperiert wurde. Er stellt sich Mamas so vor, wie seine Lieblingspflegerin im Krankenhaus, die ihn öfter mal herumgetragen hat, als er klein war. Kaufen durfte er sie trotzdem nicht, das hat er schmerzhaft gelernt. Unkäuflich. Auf eine seltsam weiche Art trotzdem unbestechlich. Er muss sich also anstrengen, auch diese Mutti irgendwie anders zu gewinnen. Ob Charme hilft?
»Angst? Vor mir?«, fragt er mit Unschuldsmiene.
Sie schiebt das Kinn ein wenig nach vorn und presst die Lippen zusammen. Ob sie streng wirken will? Es gelingt ihr jedenfalls nicht. Amüsiert beobachtet er ihre Bemühungen. Wie hat sie ihre Kinder im Griff? Wahrscheinlich sind es so verzogene Gören. Moment. Nein. Elli kennt er ja. Sie wirkt eigentlich ganz vernünftig. Für eine Vierzehnjährige. Und wie ihre Mutter, hat sie wenige Schatten um sich. Das muss in der Familie liegen.
»Sie sagen jedenfalls in den Nachrichten, dass ich ein Mädchen vom Dach geschubst habe«, sinniert er, da sie immer noch auf eine Antwort wartet. Es macht Spaß, Mutti Emma zu provozieren.
»Hast du?«, fragt sie sofort und ihre Augen werden immer größer. Das leuchtend rote Haar hat sich in seinem Kopf schon längst mit jenem Leuchten verknüpft, dass er in diesem Film über sie gesehen hat. Das lag sicher an der Narkose. Oder?
»Was denkst du, hätte der Polizist dann nicht viel eher mich befragt? Oder mich direkt weggesperrt?«, gibt er sofort zurück. Sie zuckt die Schultern und wendet den Blick ab. Er sieht in ihrem Profil, wie sie auf ihrer Unterlippe herum kaut.
»Was hat meine Tochter mit dir zu tun?«, fragt sie schließlich und jetzt sieht er das erste Mal ein paar Schatten um sie herum huschen. Sie hat Angst um ihre Tochter. Das kann er sehen. Ein seltsames Gefühl steigt in ihm auf, das Bedürfnis, sie zu beruhigen. Doch das muss er nicht. Er muss diese fremde Frau nicht beschützen oder beruhigen. Es kann ihm ganz egal sein, wieviel Angst sie hat. Außerdem ist es spannend zu sehen, wie ihre Schatten um sie herum schleichen und doch niemals so nahe an sie heran können, wie bei anderen Menschen.
»Sie ist mit Mason befreundet«, gibt er absichtlich vage zurück, obwohl er ganz genau weiß, wer Elli ist und was sie mit den Sherpa zu tun hat. Er beobachtet erfreut, wie ein ganz kleiner, kaum merklicher Funken Zorn in ihren Augen aufflackert. Ha!
»Das habe ich dem Polizisten ja auch gesagt, aber er war total geschockt! Er fragte, ob sie eine Sherpa ist!«, plappert Emma und versucht sich ein wenig aufzurichten. In ihrem Gesicht zuckt es, sie muss Schmerzen haben. Hatte er Dr. Rabes nicht gesagt, er solle etwas unternehmen?
Was würde sie tun, wenn er ihr jetzt eine Antwort auf die Frage geben würde, ob ihre Tochter eine Sherpa ist? Würde sie einen hysterischen Anfall bekommen? Ach, darauf hat er keine Lust. Das kann die kleine Elli ganz allein auslöffeln. Emma sieht zwar nicht aus wie jemand, der hysterische Anfälle bekommt, aber das Risiko ist ihm doch zu hoch. Er rutscht vom Bett und geht eilig zur Tür. Grußlos, wie immer. Von verstaubten Konventionen hat er noch nie etwas gehalten und doch hat er den Impuls, sich wenigstens nochmal nach ihr umzudrehen, anstatt sie einfach sitzen zu lassen. Als hätte er irgendeine Verpflichtung ihr gegenüber. Will er etwa höflich sein? Das hat er ja noch nie versucht. Er unterdrückt den Impuls und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Vielleicht kann er froh sein, keine Mutter zu haben. Elli kann ganz bestimmt etwas erleben, wenn Mutti Emma endlich kapiert, was wirklich los ist!
6
Emma
Natürlich hätte ich Maily zu ihrem Freund befragen können, doch irgendwie ergibt es sich nicht. Vielleicht will ich auch meine neue Freundin nicht sofort mit der hysterische Mama-Nummer vergraulen und suche deshalb Ausreden. Am Abend kommen meine Kinder zu Besuch. Muck kuschelt sich an mich und lässt mich nicht mehr los. Elli spiegelt sich ständig im Fenster, in der Hoffnung, ihr Star würde Maily besuchen, doch nichts geschieht. Tajo erzählt begeistert, dass er gestern mit seinem Vater eine Bremse aus einem Auto aus und eine neue wieder eingebaut hat. Endlich einmal gute Nachrichten.
Muck klammert sich an mich, als er gehen soll und ich bin drauf und dran, einfach aufzustehen und mit ihm nach Hause zu gehen.
»Wie lange liegst du noch hier herum?«, fragt Craz humorlos. »Ich habe einen Auftritt am Samstag, das ist wichtig.«
»Ich habe einen Auftritt beim Chefarzt, diesen Freitag, das ist auch wichtig.«
Er stöhnt. »Sag Bescheid, was der Arzt sagt«, knurrt er ungeduldig. Dann nimmt er Muck auf den Arm und geht zur Tür.
»Craz?«
Er wartet, ohne sich umzuwenden.
»Er ist dein Kind. Dein einziger Sohn, okay?«
Schweigen. Warum müssen Männer eigentlich ständig schweigen? Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und ich wünsche mir brennend, ich hätte auch für Muck eine anständige Oma zur Hand. Verdammt! Als der Schlussverkauf für diese Art Omas war, habe ich wohl gepennt! Muck bräuchte jetzt eine. Gibt es nicht einen Schutzengel, der für ihn eine ordentliche Oma zaubern könnte? Ich versuche mich mit dem Schutzengel von dem Gefühl abzulenken, das sich bohrend durch meinen Magen frisst. Das Gefühl, Muck zu verraten.
Maily macht den Fernseher an, sobald die Kinder aus der Tür sind. In der Sendung Zwei der Zukunft spricht heute Dr. Famus über die psychische Erkrankung Mavrobie. Immer mehr Menschen erkranken. Sie leiden unter Angstzuständen, geraten unvermittelt in Panik und berichten davon, Schwarz zu sehen. Ein normales Leben ist mit Mavrobie nicht möglich. Sie haben Stress im Verdacht, sagt der Psychiater. Mein besonderes Idol Dr. Famus erzählt von dem grausamen Schicksal eines jungen Mannes, den er während dieser Krankheit betreut hat. Es werden Filmsequenzen von einem brüllenden, auf dem Boden knienden jungen Mann eingeblendet. Ich schließe die Augen und möchte mir die Ohren zuhalten. Ein Gegenmittel oder eine Impfung haben sie noch nicht, sagt Dr. Famus. Aber allen Forschungen zu Folge müsse man sich an die Empfehlungen der Versicherung Zuflucht oder kurz: ZUF halten, um diese Krankheit zu umgehen.
Ich lebe mit meinen Kinder in der deutschen Zuflucht-Stadt. Davon gibt es mehrere. Wer in einer dieser Städte lebt, ist automatisch Mitglied der Zuflucht-Versicherung und liegt mit allen anderen Menschen im Kampf um einen guten Step. Die Anzahl der Steps ist begrenzt, wie früher das Gold. Wer also einen anderen denunziert, wird in zweifachem Maß belohnt: er steigt auf, der andere ab. Das ist nicht unbedingt etwas, was ich meinen Kindern beibringen will. Und vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich immer noch so einen miesen Step habe: Ich habe keine Lust andere Leute anzuzeigen.
Wer nicht in der ZUF lebt, ist aus dem System gefallen: keine Sozialversicherung, keine Krankenhäuser, einfach nichts. Schlechtere Stromversorgung und kein Internet. Ich bin froh, ein Mitglied der ZUF zu sein, denn allein mit drei Kindern würde ich es anderswo gar nicht schaffen. Der Stand der Technik in den ZUF-Städten, befindet sich etwa auf dem Level, wie es um 2020 herum gewesen ist. Jedenfalls für den normalen Bürger. Die Forschung an Heilungsmöglichkeiten durch den Eingriff von Computern in die Psyche eines Menschen, wird hart voran getrieben, da wir Menschen schon seit vielen Jahren von Mavrobie bedroht werden.
Dr. Famus im Film, hat die Ausstrahlung einer verwelkten Pappel, seine schmalen Schultern sind gebeugt, sein Gesicht grau, er hockt wie ein depressiver Gandalf auf dem taubenblauen Sofa von der berühmten Fernsehmoderatorin Josefin. Ob er zu viele Mavrobie-Patienten begleitet hat? Aber es gab doch auch diesen Skandal um ihn: Er war nämlich ein Gegner des Step-Systems. Bis seine Frau an Mavrobie erkrankte. War es nicht so? Ob er jetzt wohl Mason behandelt? Ob er ihm helfen kann? Helfen? Meine Güte. Mütter-Gedanken sind schon manchmal verboten heilig. Ich müsste doch sauer auf den Jungen sein!
»Dein Ex tut so, als lägst du zum Spaß hier herum«, sagt Maily und reißt mich aus der Sendung heraus.
»Tja, ist ja auch so, ich hatte Urlaub nötig«, gebe ich zurück und zucke mit den Schultern. »Da lässt man sich einfach ein wenig erschießen.«
Sie lacht nicht.
»So ein Arschloch«, ist ihr fachliches Urteil. Jetzt muss ich lachen. Lachen geht nicht, das schmerzt.
»Er ist schon in Ordnung, nicht bösartig«, lenke ich resigniert ein.
Maily zischt.
Ich werfe ihr einen Blick zu. »Wo ist denn heute dein Freund?«, frage ich wie beiläufig. »Meine Tochter fährt auf ihn ab. Irgendwie. Also pass bloß auf!« Ich versuche cool zu klingen, merke aber selbst, dass es mir nicht ganz gelingt.
Maily zuckt mit den Schultern. »Du meinst Jave? Ist nicht mein Freund. Nur ein Freund«, stellt sie klar und ich höre einen undefinierbaren Unterton in ihren Worten.
Ich richte mich ein wenig auf. »Also ist das wirklich dieser Jave Aneway?«
Sie nickt.
Ich starre auf Dr. Famus’ Profil und stelle den Ton leiser, denn jetzt hat sich zu Dr. Famus noch ein Beamter der Versicherung ZUF gesellt, der ihn wortkräftig unterstützt. Der wirkt auch gleich viel engagierter, als der Psychodoktor. Ich grübele, wie alt Dr. Famus eigentlich ist. Vierzig? Er sieht aus, als wäre er in den letzten Jahren extrem gealtert und könnte in jedem Augenblick zu Staub zerfallen. Dagegen wirke ich sogar jetzt jung und frisch.
»Dieser Jave, der nicht dein Freund ist, der hat irgendwas mit einer Gruppe zu tun, die sich Sherpa nennt«, stottere ich mühsam. Aus den Augenwinkeln beobachte ich Maily. Sie grinst.
»Was meinst du wohl, wie es dazu kam, dass ich acht Meter abgestürzt bin, Emma?«, fragt sie mit einem kleinen, allerliebsten Auflachen. Jetzt starre ich sie offen an. Ich glaube sogar, mein Mund klappt auf.
»Du bist auch so eine - Sherpa?«
Sie zuckt mit den Schultern.
»Ihr klettert auf Häuser?«
Nicken.
»Ihr bedroht Leute mit einer Waffe?«
Zögern.
»Nein. Nicht wir. Nur Mason.«
Jetzt spüre ich, wie Zorn in mir aufwallt. »Aha. Aber ihr stürzt dafür acht Meter in die Tiefe, weil Scheiße! Wer braucht schon ein Kletterseil oder eine Absicherung? Ist doch alles für Warmduscher, oder?«, platzt es aus mir heraus.
Maily schweigt und beobachtet mich. Schweigen ist Gold. Ich weiß das. Aber ich hatte noch nie ein Händchen für Gold. Eher für Blech.
»Euer prima Anführer, dem ist das egal, ob ihr Leute mit Waffen bedroht oder in der Fußgängerzone herum ballert? Oder ob ihr acht Meter runterfallt. Wie viele von euch sind schon gestorben? Wie viele kommen durch in einem normalen Jahr? Einer? Zwei?«, rede ich mich in Rage. Von der Rage in die Feuersbrunst. »Klar vergreift ihr euch an den Kids. Meine Tochter ist vierzehn Jahre alt! Sie ist noch klein und dumm! Was erzählt ihr ihr, damit sie euren Mist mitmacht?«
»Emma«, sagt Maily ruhig.
»Nein, ehrlich!«, wüte ich und spüre, wie die Hitze in meinen Kopf steigt. »Ist doch ein wenig unfair, solche Jugendlichen dazu zu nehmen! Wisst ihr eigentlich, dass diese Kinder Mütter haben, die sich abstrampeln, damit es ihnen gut geht? Dann kommt ihr, mit eurem coolen, verfluchten Risiko und plötzlich steht ein vierzehnjähriger Junge in der Fußgängerzone und bedroht seinen Onkel!«
»Emma…«, murmelt Maily und sieht in ihrer Schwäche so hübsch aus wie ein Engel. Wahrscheinlich ist sie nicht aus acht Metern abgestürzt, sondern herab geschwebt. Denn eigentlich kann man so einen Sturz überhaupt nicht überleben. Wenn ich nur daran denke, dass Elli solche Sachen macht, wird mir speiübel. Elli ist hübsch, ja, aber sie ist kein Engel, sie hat keine Flügel, sie wird verdammt nochmal sterben, wenn sie abstürzt!
»Elli wird verdammt nochmal sterben, wenn sie abstürzt!«, keife ich. Ist mir doch egal, ob ich jetzt doch die hysterische-Mama-Nummer preisgebe. Scheiß drauf! Hier geht es um meine Tochter und ihre Sicherheit. Was nützt es, wenn ich cool rüberkomme bei meiner sogenannten neuen Freundin, wenn hinterher meine Tochter tot ist?
Maily lässt mich toben. Wahrscheinlich hat sie das Buch über Wut begleiten gelesen und weiß genau, dass es vorbei gehen wird. Sie beobachtet mich nur ruhig. Als ich fertig gewütet habe, erklärt sie: »Beim Klettern bist du in jeder Sekunde ganz präsent, ganz bei dir«, sie deutet auf Dr. Famus, der jetzt gequält lächelt. »Das hilft gegen die Angst. Die Angst, die das da aus dir macht«, sie zeigt auf den erneut eingeblendeten, schreienden und weinenden Jungen, der in der Ecke eines Zimmers kauert. »Es hilft, sich selbst zu spüren.« Doch ihre Erklärungen tropfen auf eine heiß gelaufene Platte und diese Platte rotiert in meinem Schädel und lässt ihn beinahe zerspringen.
»Elli kann sich auch auf weniger selbstmörderische Art selbst spüren und Angst hat sie auch nicht. Sie hat so erschreckend wenig Angst, dass ich das Gefühl habe, sie ihr ab und zu einimpfen zu müssen«, knurre ich. »Ich werde euch anzeigen, das werde ich tun, dann holen sie euch von euren Türmen und Wolkenkratzern runter und binden euch irgendwo fest, glaub mir!«
»Emma?«, fragt Maily und lächelt auf diese geheimnisvolle Art, die ich nie hinbekommen würde und die wohl jeder Mann super heiß fände.
»Was!«, setze ich patzig dagegen und fühle mich unzulänglich.
»Wenn wir hier raus sind, dann komm einmal mit mir klettern, ok?«
»Niemals!«
Maily lacht. Schallend.
Was fällt ihr ein?
7
Emma
Ich fühle mich tatsächlich wie diese Mutter ohne Kopf und ohne Beine, als sie mich nach Hause schicken. Hier ein paar Globuli, dann geht’s schon. Ach, Sie haben noch Schmerzen? Das ist jetzt aber Jammern auf hohem Niveau, Frau Hahnenfuß, immerhin gibt es auch Menschen, denen geht es noch viel schlechter. Die haben nicht nur drei Kinder, sondern sieben, nichts zu essen und müssen fünfundzwanzig Stunden am Tag als Näherin arbeiten.
»Sie haben Glück, bei ihrem Versicherungsstatus wäre eigentlich keine Aufbaubehandlung drin gewesen«, sagt mir der Chefarzt.
»Hä?« Ich starre ihn verständnislos an.
Er fuchtelt mit seinem Klemmbrett herum und sieht mich über dicke Brillengläser ungefähr so an, als wäre ich ein unerzogenes Kind. »Sie wissen schon, die neue Therapie, bei der Zellen und Muskelfasern schneller aufgebaut werden. Normalerweise müssten Sie sich bei Ihrer Verletzung mindestens sechs Wochen schonen. So verkürzt sich diese Zeit auf sieben Tage. Das ist sonst nur mit einem höheren Step in der Versicherung möglich. Sie haben einen Gönner.«
»Ach Quatsch!«, platzt es aus mir heraus. Ich kapiere gar nichts. Wer soll denn das sein? Craz? Ralf? Meine Nachbarin Meridiana? Die haben deutlich selbst zu wenig Geld und Steps. Mir fällt niemand ein. Ich werfe Maily einen fragenden Blick zu, sie zuckt mit den Schultern. Der Chefarzt strafft sich und mustert mich noch einen Moment als überlege er, mich nachsitzen zu lassen. Dann schreitet er mit wehendem Arztkittel zur Tür.
»Kann ich diese besondere Behandlung noch ablehnen?«, frage ich mit leicht hysterischem Unterton.
Der Chefarzt dreht sich um und sieht mich völlig perplex an.
»Wieso sollten Sie das ablehnen?«
»Weil ich nicht gefragt wurde!«, setze ich dagegen und höre selbst, wie kindisch das klingt. Maily wirft mir einen überraschten Blick zu, der so viel mehr zu sagen scheint, was ich gerade überhaupt nicht verstehe. Ist sie beeindruckt? Hätte sie gedacht, ich lasse alles mit mir machen?
Der Chefarzt starrt mich noch eine Weile an, schüttelt langsam den Kopf und sagt dann spöttisch: »Sie können ja eine Klage einreichen und versuchen.. ähm.. Ihren vorherigen Zustand.. ähm.. wieder zurück zu bekommen!«
»Danke«, brumme ich und gebe mich geschlagen. Das ist noch viel größerer Humbug. Emma Hahnenfuß gegen das Krankenhaus, weil es ihr zu gut geht? Haha.
Maily umarmt mich herzlich und ein wenig zu fest und ihr Freund schleppt mir doch tatsächlich meine Tasche, da er auch gerade geht. Er folgt mir also schweigend zum Aufzug und ich fühle mich unbehaglich mit meinem explodierten Haar und den Jogginghosen, die auch nicht mehr taufrisch sind. Ich drücke den Knopf, um den Aufzug zu rufen und merke, dass die Schmerzmittel meinem Gleichgewichtssinn nicht gut tun. Greife aber nach meiner Tasche, denn ich bin mir nicht ganz sicher, was schlimmer ist: sie selber zu tragen oder von diesem Stummen verfolgt zu werden.
Er schüttelt den Kopf und deutet auf die Aufzugstüre, die sich jetzt öffnet. Wir steigen ein. Er stellt sich an die Wand mir gegenüber und mustert mich, immer noch stumm. Ich fühle mich wie damals in der Schule, wenn ich vor der Klasse sprechen musste. Pfui. Ja ich weiß selbst, dass ich ein paar Kilo zu viel habe, dass meine Haare ein gekräuselter Albtraum sind und ich sicher keine Elfe bin. Aber ich kann wahrscheinlich noch froh sein, kein OP-Hemdchen mehr zu tragen! Warum muss er mich nur so anstarren? Hat er keine Manieren? Irgendwann bricht es aus mir heraus:
»Du kannst deinen Jüngern sagen, dass es mir wieder prächtig geht. Jetzt stehe ich wieder für Schießübungen zur Verfügung!« Sarkastischer Unterton.
»Oh gut, wir haben da so einen Wettbewerb laufen, wer zuerst trifft«, entgegnet er ruhig. Ich verschlucke nur mit Mühe ein Grinsen und sehe, dass seine Mundwinkel zucken. Er senkt endlich den Blick und entlastet mich dadurch enorm. Welche Gnade!
»Was ist der Preis?«, frage ich bemüht sachlich. »Ein Dauerlutscher oder ein Aufenthalt auf dem Jave-Building?«. Sieh an, wenn der Typ grinst, sieht er wirklich ganz nett aus. Markante Kinnpartie, wache Augen, ein paar gebleichte Haarsträhnen, die in sein Gesicht gerutscht sind. Ich könnte Elli verstehen, wenn sie nicht erst vierzehn und mein Baby wäre. Vielleicht kommt der Tag, an dem ich groß genug bin, um mit ihr über Jungs zu reden wie eine Freundin. Vielleicht auch nicht. Wohl eher nicht. Vor allem nicht, wenn die Jungs eigentlich Männer sind, wie dieser hier. Kann sie nicht auf Gleichaltrige abfahren?
Der Aufzug stoppt knieerweichend und das schummrige Gefühl schlägt zu. Mir wird schwarz vor Augen und der Aufzug kippt zur Seite. Eine warme, feste Hand umfasst meine Taille und hält den Aufzug davon ab, um mich herum einfach umzufallen. Nein, Moment. Mein Begleiter hat mich davon abgehalten einfach umzufallen. O Gott! Geht’s noch peinlicher?
»Hast du vor mit dem Auto heimzufahren?«, fragt er sachlich und lässt mich wieder los, als hätte er sich die Finger verbrannt. Ich wanke hinaus in die Lobby und sehne mich nach frischer Luft.
»Nein, ich dachte daran zu joggen«, erwidere ich bissig. Warum habe ich bloß keinen eigenen Mann, der mir hilft? Wieso ist das Leben so scheiße und ich so klein und einsam? Meine liebe Nachbarin hat seit gestern Abend die Kinder, weil ihre Väter sonst unter der Last zusammengebrochen wären, nach ganzen acht Tagen und sie hat mir außerdem gestern Abend mein Auto hier her gebracht. Aber gerade muss sie arbeiten. Ich konnte schließlich nicht verlangen, dass sie hier wartet, bis der Chefarzt mich freigibt.
»Das geht schon«, knurre ich, als wir uns der verglasten Außentür nähern und ein erster Hauch kühler Luft mein Gesicht streift. Doch anstatt mich in Ruhe zu lassen, parkt er sich dreist direkt vor mich und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür. So, dass er mir den Ausgang versperrt. Ich werfe einen Blick zum Notausgang: zu weit weg! Dann sehe ich ihn wieder an. Widerwillig. Das ist mit Abstand die schrecklichste Situation, seit dem Vormittag, an dem ich meinen Söhnen Boxershorts kaufen wollte! Nicht der Schuss. Nicht die Operation. Nicht die Drogen und die Nachuntersuchungen. Nein, jetzt gerade!
»Diese Unterhaltung ist nun wirklich zynisch, das kannst du mir glauben«, sagt mein Türsteher mit hochgezogenen Augenbrauen. »Aber ich behaupte, das ist eine unverantwortliche Gefährdung der Straßen unserer Stadt, wenn du fährst. Ungleich schlimmer wäre es, wenn du joggst. Für die Straßen unserer Stadt natürlich.« Er hebt die freie Hand schützend vor sich, als erwarte er, dass ich ihn schlagen würde und grinst so unverschämt, dass ich es gerne getan hätte. Aber Gewalt ist schließlich als Erziehungsmaßnahme verboten. Ich starre ihn perplex an. Dann muss ich lachen.
»Ich hätte nicht gedacht, dass du so einen langen Satz zu Stande bringst und überdies das Wort zynisch richtig einsetzen kannst«, kontere ich, von mir selbst überrascht. Er drückt die Tür mit dem Rücken ein Stück auf. Frische Luft. Kühle. Ein Segen. Ich gehe unwillkürlich einen Schritt näher auf die Tür, und somit auf ihn zu. Denn er hat wohl noch immer nicht vor, zurück zu weichen. Viel mehr versperrt er jetzt mit einem Arm den Ausgang.
»O Mann, lass mich endlich hier raus«, knurre ich jetzt. »So schön dieser All-inclusive-Urlaub hier auch ist, ich will nach Hause.« In Wirklichkeit macht mein Kreislauf schlapp. Ich lag immerhin acht Tage im Bett herum und habe legale Drogen konsumiert. Jetzt stehe ich in der Lobby und führe ermüdende Diskussionen. Ich merke, wie mir erneut schwindelig wird.
»Angebot: Ich fahre dich nach Hause. Du gibst mir die Schlüssel. Sofort!«, sagt er und seine Stimme klingt jetzt leiser, irgendwie ferner. Ich stütze mich mit einer Hand am Türrahmen ab und reiße mich mit aller Kraft zusammen. Nur keine Schwäche zeigen.
»Hast den Schlüssel schon!«, gebe ich klein bei und deute auf die Tasche in seiner Hand.
»Oh, gut«, trällert er und macht einen Schritt zur Seite. Ich stoße mich von der Tür ab und stehe im Vorhof. Atme die kühle Luft. Mein Hirn wird etwas klarer. Habe ich gerade eben tatsächlich einem Typ, der es lustig findet ohne Sicherung auf Wolkenkratzer zu klettern, meinen Autoschlüssel gegeben? Oh nein! Kinder, Mutti wird niemals heil nach Hause kommen! Haben die einen Anspruch auf Halbwaisenrente oder muss
