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"Ich bin ein Monster. Ich kann so nicht raus", schreit Emma verzweifelt. Was mit harmlosen Symptomen beginnt, entpuppt sich schließlich als Angriff auf ihren Körper, gegen den Emma und ihre Eltern einen Kampf ausfechten, der sie an ihre Grenzen führt, der sie Hilflosigkeit spüren und Selbstzweifel lehren wird. Aber was wäre, wenn die Krankheit einen tieferen Sinn hätte? Wenn die Psoriasis nur ein Symptom wäre? Eine Begleiterscheinung einer Wandlung zu einem Wesen, das so sensibel ist, dass es die Sorgen der Menschen erkennen und ihnen diese sogar abnehmen, ihnen das Leben erträglicher machen kann? Und was würde geschehen, wenn es diese Wesen nicht mehr gäbe? Emmas abenteuerliche Suche nach Heilung mündet in einem Selbstfindungsprozess, der mit ihrem Erwachsenwerden korreliert. Indem sie sich über die Konsequenzen ihrer Krankheit erhebt, gewinnt sie die Kontrolle über ihr Leben, statt sich fremdsteuern zu lassen. Ein Erwachsenwerdenmärchen, das jeder erlebt haben sollte - mit oder ohne Schuppen.
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Seitenzahl: 392
Veröffentlichungsjahr: 2016
Ursula Herren
Copyright: © 2016 Ursula Herren
Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
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Schummrig war die Nacht. Jetzt, im frühen Morgengrauen, ziehen Nebelschwaden über das feuchte Gras, als ob die Erde kochen und die Gräser verdampfen würden. Am Horizont sind die ersten vagen Lichtstreifen zu erkennen. Es ist der Zeitpunkt zwischen zwei Welten. Die Nacht endet – der Morgen beginnt. Zu früh für die Vögel, zu spät für den letzten Nachtschwärmer. Es ist die Zeit der Unschuld, des nicht Aufpassens – ein trügerischer Moment der Entspannung und Erholung. Die Gefahren der Nacht sind mutmaßlich vorbei, der neue Tag noch nicht angebrochen. Es ist meine Zeit.
Ich schleiche durch die Straßen. Der graue Schleier der Nacht umhüllt mich und schützt vor fremden Blicken. Sanft und leichtfüßig, was man mir bei meinem Körperbau nicht zutrauen würde, bewege ich mich vorwärts. Die Schuppen meines grün-schwarzen Körpers glänzen durch die Feuchtigkeit des Nebels. Die Straßen sind dunkel und nass. Die Straßenlaternen brennen einsam. In einer Stunde werden sie ausgeschaltet sein.
Meine rubinroten Augen blicken durch die Schwärze der Nacht, kleben an den Fenstern der kleinen Vororthäuschen und durchdringen die sicheren Mauern der Menschenkinder. Ich atme tief ein – und kann sie riechen: den Geruch der Unverdorbenheit und die Unbeschwertheit der kindlichen Träume. Sie sind die einfachsten Opfer. Die Neugierde lässt sie nicht widerstehen. Die mangelnde Erfahrung rückt Vorsicht und Skepsis in den Hintergrund.
Es gibt viele von meiner Sorte und wir werden mehr und mehr. Wir haben die Welt vor euch bevölkert und wir werden noch nach euch da sein. Ich bin sehr schlau, beobachte und warte geduldig auf den richtigen Zeitpunkt. Den Moment der Unachtsamkeit.
Jetzt sehe ich das Haus, das ich auserkoren hatte. Im Vorgarten liegen die beiden Fahrräder der Kinder. Es ist ein hübsches Haus mit vielen Blumenkästen und einer Schaukel. Im Sandkasten liegen noch rosafarbene Backförmchen und Mini-Plastikgeschirr. Das Haus strahlt Wärme und Freundlichkeit aus.
Die Eltern schlafen tief, nachdem gestern Geburtstag gefeiert wurde. Die ganze Rasselbande war da und bis spät in die Nacht, als die Kinder schon lange im Bett waren, haben die beiden noch die Wohnung aufgeräumt. Erst die ganzen Spiele und das Entertainment und dann noch das Aufräumen – das macht jeden todmüde. Und genau darauf habe ich gesetzt. Sie waren so achtsam. Wollten alles richtig machen. Haben aufgepasst, dass nichts passiert.
Es war ein erfolgreicher Abend, mit so viel Glück und glänzenden Kinderaugen. Danach gönnen sie sich ein paar verdiente Stunden Ruhe – ich brauche nur ein paar Minuten.
In einer Stunde wird der Wecker zum täglichen Ritual rufen. Dann ist es bereits vorbei. Sie werden nichts merken; zumindest nicht sofort. Und danach werden sie die Ursachen suchen – jahrelang – doch niemals werden sie mich finden. Sie werden zu Ärzten laufen, zu Psychologen und zu Ernährungsexperten. Sie werden die Schuld bei sich suchen und die Hilflosigkeit wird sie zermürben. Doch sie kommen mir nie auf die Schliche.
Das Fenster zum Kinderzimmer ist leicht angelehnt. Meine Füße saugen sich an der Mauer fest und ich schlüpfe durch den Spalt hindurch. Süßlicher Körpergeruch strömt mir entgegen. Emma liegt in ihrem Bett. Ich kenne ihren Namen, er stand auf der Geburtstagstorte. Sie ist sechs Jahre alt, hat blonde lange Haare und blaue Augen. So unschuldig sie aussieht, so kratzbürstig ist sie bereits. Sie hat einen starken Charakter, ist mutig und kämpferisch. Deshalb habe ich sie ausgesucht. Ich beuge mich über sie. Die rosafarbenen Wangen, die zarte Haut … Sie hält den kleinen Löwen fest im Arm. Ich inhaliere diesen Geruch von Verschlafenheit und Kindershampoo. Dann setze ich meinen Mund langsam auf ihre Nase und hauche meinen Atem tief in sie hinein. Bis in die kleinsten Zellen sollen meine Gene sie berühren, sollen sich festsetzen und verankern. Millionen von Partikeln, so klein, dass sie niemand entdecken kann. Ich bin dir so nah. Fühle und höre dein Herz schlagen. Tauche ein in deine Gedanken und Traumwelt. Sehe dich, wie du die Geburtstagskerzen ausbläst, deinen Vater anspringst, damit er dich hochhebt, und du ihm einen dicken Kuss auf die Wange drückst. Ich fühle dieses unbeschwerte Glück in deinem Herzen. Das uneingeschränkte Vertrauen in den Armen deines Vaters. Der Allwissende. Der Beschützer. – Er wird dich enttäuschen in seiner Hilflosigkeit.
Ich bin in deinem Körper und du bist bereits ein Teil von mir. Es wird noch lange dauern, bis du mir ähnlich sein wirst, doch ich bin in dir verankert und mit jedem Tag wirst du dich ein Stückchen verändern. Ich werde bei dir bleiben und über dich wachen, bis du eine von uns bist. Du gehörst jetzt mir. Niemand wird es schaffen, dich mir wieder wegzunehmen.
Langsam löse ich mich von dir. Es hat nur eine Minute gedauert. Eine Minute, die das ganze Leben verändern wird; dein Leben und das deiner ganzen Familie.
Das Zimmer sieht unverändert aus. Im Haus ist es noch genauso still wie zuvor. An der Wand hängt ein mit Buntstiften gemaltes Bild. Ein Haus mit einem Sonnenaufgang, ein Mann, eine Frau und zwei Kinder. Die Eltern haben die Kinder an den Händen gefasst. Sonnenblumen sind gelb neben dem Haus platziert. Eine überdimensional große Katze sitzt in der linken Ecke. Im Bauch der Eltern ist ein großes rotes Herz. Die Farben sind fröhlich, sommerlich.
Ich betrachte das Bild und bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis sich der erste Grauton in die nächsten Bilder schleichen wird.
Ich quäle mich wieder durch das Fenster hinaus, blicke kurz zurück: Nein, ich verliere sie nicht. Kann doch ihre Gedanken lesen. Weiß also genau, was sie denkt und was sie machen wird. Und ich bin auf der Hut. Ich muss nicht schlafen. Das verschafft mir einen Vorteil. Durch ihre Augen kann ich alles sehen und sie täglich beobachten. Und in der Nacht begleite ich ihre Träume.
Der Wecker beendet die Nacht im Haus. Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien. Emma schläft noch. Sie kann oder will den Wecker der Eltern nicht hören. Manchmal stellt sie sich extra schlafend. Sie mag es, wenn ihr Vater ins Zimmer kommt, sich neben sie aufs Bett setzt und ihr sanft über die Haare streichelt. Dann krault er ihr den Rücken und flüstert sanft: »Emma, Mäuschen … Zeit aufzustehen.« Emma dreht sich dann um, schließt ihre Arme um seinen Nacken und zieht ihn zu sich, kuschelt sich mit ihrer Nase an den warmen Hals. Manchmal kann sie dabei kaum atmen, aber das stört sie nicht. Er liegt dann still neben ihr, hält sie im Arm fest und genießt diese Minuten der Innigkeit. Nach fünf Minuten brummt er schließlich: »Du musst jetzt aufstehen. Ich gehe schon mal in die Küche, Frühstück vorbereiten.« Es kostet ihn viel Überwindung, ihre Hände sanft von seinem Hals zu nehmen. Er haucht dabei noch zwei kleine Küsschen auf die zarten Hände und berührt ihre Stirn mit seinen Lippen. »Auf jetzt.« Dann steht er auf und geht zur Tür. Emma ruft mit herzzerreißender Stimme: »Nein, bleib, bleib bitte.« Das macht sie jeden Morgen. Und jeden Morgen kehrt er zurück, drückt sie nochmals kurz an sich und mahnt: »Jetzt aber wirklich, sonst wird’s zu spät.« Und diesmal wird er nicht zurückkommen – auch wenn es ihm noch so schwerfällt.
Im Bad wartet bereits Emmas Mutter auf sie. Ich sehe, wie die Kleine müde und verschlafen in ihrem süßen Kinderpyjama mit der rosaroten Hello-Kitty-Aufschrift in das Badezimmer tritt und sich zu ihrer Mutter gesellt. Heute ist offensichtlich Haarewaschen angesagt. Ihre Mutter steht bereits vor der Badewanne, prüft die Temperatur des Wasserstrahls mit der Hand und reguliert die Wasserzufuhr und die Wärme.
Emma hasst Haare waschen. Nicht wirklich das Waschen selbst, aber das Auskämmen. Ihre Mutter ziept derart in den langen Haaren, dass Emma es kaum ertragen kann, bis es endlich vorbei ist. Heute ist es nicht anders. Während sie in der Wanne steht, beobachte ich, wie sie abgeduscht wird, die Haare über ihrem Kopf eingeschäumt, ausgespült, wieder eingeschäumt und nochmals ausgespült werden. Wie sie aus der Wanne gehoben und mit einem weichen Baumwolltuch abgetrocknet wird. Dann kommen noch die Haare dran. Mit einem neuen Tuch werden diese trocken gerubbelt, bis sie aussieht wie ein Mitglied einer Rockband nach einem Konzert.
Nun sitzt sie brav auf dem Toilettendeckel, den Kopf etwas zur Seite gewandt. Über sie gebeugt kämpft sich ihre Mutter durch die Mähne, versucht, das eben erfolgreich hergestellte Chaos wieder in den Griff zu bekommen. Mit kräftigen Zügen bürstet sie die Haare durch, arbeitet sich Strähne für Strähne, Scheitel für Scheitel vor, bis ihr eine Stelle auf Emmas Kopfhaut auffällt, die etwas gerötet ist und eine leichte Beule hat.
»Was hast du denn da gemacht?«, fragt sie Emma und beugt sich näher zum Haaransatz, um die Stelle zu inspizieren »Ist das ein Mückenstich?«, fragt sie in den Raum. »Juckt es?«
Doch Emma ist viel zu müde, um so frühmorgens auf körperliche Empfindungen einzugehen. Ich habe schon bemerkt, dass sie eher ein Morgenmuffel ist und erst nach dem Frühstück so richtig lebendig wird. Deshalb höre ich von ihr auch nur ein leises Brummen, was man als Nein interpretieren könnte.
Den Kopf immer noch tief über die Stelle gebeugt, klingt die Stimme von Emmas Mutter durch den Raum: »Versuch, nicht zu kratzen, wenn es tagsüber in der Schule anfängt zu jucken. Ich mache dir eine Salbe gegen Mückenstiche drauf, das hilft.«
Aus einem kleinen Apothekenschränkchen holt sie eine gelbe Tube hervor, öffnet den Deckel und betupft die Stelle leicht mit der weißlichen Flüssigkeit.
Emma lässt es über sich ergehen. Hauptsache das Auskämmen hat ein Ende. Und überhaupt ist sie mit ihren Gedanken ganz woanders. Es ist der letzte Schultag und damit steht das zweiwöchige Ferienlager direkt vor der Tür. Sie ist ziemlich aufgeregt. Zwei Wochen Spaß warten schon auf sie. Gestern hat sie die Hüpfburg gesehen, die aufgebaut wurde. Und darauf freut sie sich besonders. Da fällt ein kleiner Mückenstich nicht auf. Und das ist gut so.
Dieser letzte Tag geht schnell vorbei. Alle sind unruhig und wollen es rasch hinter sich bringen.
Schon am nächsten Tag sehe ich Emma, die auf dem Trampolin hüpft, auf Klettergerüsten klettert, Wasserrutschen runterrutscht und fröhlich farbige Bilder malt. Einmal hänselt sie sogar einen Jungen, der eine Hasenscharte hat. Wie paradox. Weiß ich doch, dass sie irgendwann auch den Blicken Fremder ausgesetzt sein wird. Ob sie sich dann noch an diese Szene erinnert? Heute ist sie noch ganz unbeschwert.
Der kleine rote Fleck juckt immer noch nicht und ist nur ein bisschen größer geworden. Klar hat ihre Mutter es gesehen. Ein Kontrollfreak. Wie viele Mütter. Manchmal rennen sie mit der Lupe hinter ihren Mädchen her. Doch diesmal denkt sie nur, dass sich der Stich etwas entzündet hat. Es sieht ja auch nicht schlimm aus.
Nach zwei Wochen ist das Ferienlager vorbei und Emma verbringt die Zeit bis zur Urlaubsreise daheim.
Für mich wird es Zeit, den zweiten Schub auszulösen. Wieder komme ich vor den Morgenstunden. Heute bin ich nicht ganz so still und nicht ganz so vorsichtig. Sie sind ja so vertrauensvoll und naiv. Ich schlüpfe durch das gleiche Fenster. Wer lässt eigentlich Fenster offen? Ein kleiner Spalt reicht, um reinzukommen. Emma schläft tief. Ich brauche sie nur zu berühren, um die Wirkung zu intensivieren. Eine Hand, die über der Bettdecke liegt, oder ein Fuß, der rausguckt. Ich muss nur vorsichtig sein, damit sie mich nicht sieht. Nur ganz kleine Kinder sind noch unschuldig genug. Glauben, das was sie sehen sei real. Lassen ihre Gedanken rein, ungefiltert und ungebremst. Die Grundnaivität endet jedoch rasch. Erwachsene vertreiben sie stets mit ihrer Sachlichkeit und ihrer Vernunft. Und wer nicht an mich glaubt, der kann mich auch nicht sehen.
Emma liegt zur Seite gewandt. Die Hände wieder um den Löwen geschlungen. Ich betrachte sie eine Weile. Wie schön sie doch ist. So zierlich und so rein. Ich will mich zu ihr beugen, da dreht sie sich auf den Rücken. Mein Atem stockt. Keine Bewegung. Dann öffnet sie die Augen und blickt mir direkt ins Gesicht. Zuerst meine ich, dass sie mich gar nicht richtig sieht. Sie ist so still, ihr Blick undefinierbar. Als würde sie durch mich hindurchsehen. Dann lese ich ihre Gedanken: Sie meint, sie träumt noch. Beobachtet, denkt langsam. Ich kann die Gedankenströme beinahe zählen, so langsam verarbeitet sie das Bild. Dann kommt die Reaktion: Traum oder Wirklichkeit – es ist ihr egal; sie schreit so laut, dass sogar die Nachbarn wach werden könnten. Es ist ein lang gezogener Schrei, der überhaupt nicht aufhört und den sie von ganz tief unten mit einem für mich unerklärlichen Lungenvolumen aus sich herauspresst. Ich husche schnell durch das Fenster und höre sie noch am Ende der Straße schreien.
So ein Mist.
Der Vater springt ins Zimmer. Er ist zu allem bereit. Aus seinem Vaterherz heraus tauchen schreckliche Bilder hoch. Bilder, die nur Väter sehen können. Und Bilder, die kein Vater verarbeiten könnte, würden sie denn wirklich eintreffen. Emma schluchzt und erzählt ihm von der Gestalt mit dem schuppigen Panzer, den Klauen und den roten Augen. Sie ist sich ganz sicher, dass diese Gestalt im Zimmer war.
Während Emma beim Erzählen noch die Nase läuft, weicht die Angespanntheit aus dem Körper ihres Vaters. Das Echo von Emmas Stimme hallt in seinem Hinterkopf nach. Ein Monster war im Zimmer. Bestimmt. Er atmet tief ein und noch lauter aus. Die Erleichterung ist spürbar: Emma hat nur geträumt. Keine fremden Männer. Niemand, der seinem Baby Böses antun möchte.
Er versucht sie zu beruhigen, doch sie beharrt auf ihren Eindrücken, quengelt rum und will nicht mehr alleine bleiben. Schlussendlich – weil er müde ist und es noch Stunden dauern würde, sie zu beruhigen – nimmt er sie mit ins Schlafzimmer und packt sie in die Mitte des Ehebettes.
Endlich gibt sie Ruhe.
Das Geschrei klingt noch lange in meinen Ohren nach. Sie hat mich gesehen. Doch niemand wird ihr glauben, da bin ich mir sicher. Welche Eltern glauben schon ihren Kindern, wenn die von Monster sprechen? Die denken, eine böse Comic-Figur hätte sich in die Träume geschlichen. Oder eine Spielfigur im Ferienlager, die wie ein seltsames Wesen aussah. Ich lache.
Vorsichtshalber warte ich noch ein paar Tage, bis ich wieder hingehe. Ich lasse den Eltern lieber noch etwas Zeit, die Fantasie ihres Kindes vollständig zu ernüchtern.
Drei Tage später ist es mir gelungen. Diesmal hat sie nichts bemerkt. Ich habe ihre zarten Finger berührt. Nur ganz leicht, damit sie nicht aufwacht. Das reicht ja auch, damit die Wirkung verstärkt wird. Tags darauf hat ihre Mutter die etwas größere rote Stelle auch prompt entdeckt. Sie ist jetzt so groß wie ein Cent-Stück. Ich habe aber Glück. Obwohl Emmas Mutter ziemlich irritiert ist, will sie kurz vor der Urlaubsreise noch nicht zum Arzt.
Und Emma? Die lebt in ihrer sorglosen Welt. Wie beneidenswert. Nur langsam beginnt es zu jucken und ab und an kratzt sie sich am Kopf. Das macht sie beinahe reflexartig aus dem Unterbewusstsein heraus. Und anfangs fällt es auch kaum jemandem auf. Viel zu sehr sind sie alle durch die Urlaubsvorbereitungen abgelenkt.
Und dann – ein paar Tage später – sind die Koffer alle gepackt. Aufblasbare Luftmattratzen, Schnorchel und Schwimmflossen werden noch im Kofferraum verstaut, die Kinder nehmen auf dem Rücksitz Platz, Emmas Mutter vorne rechts und der Vater geht ans Steuer. Ich blicke dem voll bepackten Auto nach, das Richtung Süden fährt. Bye-bye, Emma. In zwei Wochen sehen wir uns wieder.
Während des zweiwöchigen Urlaubs werden aus der einen Stelle explosionsartig zwanzig mikroskopisch kleine Stellen. Sie umkreisen den größeren Fleck. Der beginnt sich nach ein paar Tagen zu schuppen.
Emmas Mutter fällt es auf und sie spricht den Vater darauf an. Doch was sollen sie machen, hier im Urlaub? Sie kennen keinen Arzt und sprechen noch nicht einmal die Landessprache. Und so dringend erscheint es ihnen auch nicht. Es ist nur etwas störend. Eine leicht negative Begleiterscheinung des Urlaubs. Ein bisschen, als ob man am Urlaubsort ankommt und das Zimmer nicht ganz so perfekt ist, wie man es sich vorgestellt hat. Nicht so schlimm, dass man umziehen würde, aber so, dass man es jeden Tag mit leichtem Unwohlsein zur Kenntnis nimmt. Es ist latent da, unangenehm präsent und doch nicht stark genug zum Agieren.
Also warten sie bis nach der Rückkehr. Im Geheimen hoffen sie natürlich, dass es einfach nur eine Unverträglichkeit ist. Vielleicht Emmas Shampoo, obwohl sie es nicht verändert haben. Aber manchmal hört man ja so etwas. Erst klappt alles wunderbar und dann Monate später reagiert man plötzlich allergisch. Wie aus heiterem Himmel. Nur, dass diesmal ich dieser Himmel bin.
Gegen Ende des Urlaubs kratzt sich Emma die größere Stelle schon häufiger blutig. Ihrer Mutter bemerkt es. Und sie mag es nicht. Es macht sie nervös, das Kratzen am Kopf. Und deshalb ist sie auch nicht ganz so traurig, als es nach zwei Wochen wieder heimwärts geht.
Dort angekommen sehe ich sie tags darauf mit Emma beim Kinderarzt. Der beruhigt sie. Vermutlich eine kleine Hautinfektion. Nichts Ernsthaftes. Der Arzt verschreibt eine Kortisontinktur. Diese wird ein paar Tage angewendet und Emmas Kopfhaut wird schon bald wieder geheilt sein – sagt er. Noch am selben Tag schauen sie bei der Apotheke vorbei, lösen das Rezept ein und beginnen sogleich mit der Behandlung.
Sobald die Lotion auf der Haut ist, lässt das Jucken nach. Emma kratzt nicht mehr. Die Eltern beruhigen sich. Wie vom Arzt versprochen, geht es dann auch tatsächlich sehr schnell: Jeder Tag bringt mehr Linderung, bis man dann nichts mehr erkennen kann. Beinahe, als wenn nie etwas da gewesen wäre.
Wie trügerisch.
Ich betrachte ihr Bemühen und ihre Erleichterung, wie die roten Stellen heller werden, bis man nichts mehr sehen kann. Sie setzen das Kortison wieder ab. Sie meinen tatsächlich, dass sie mich damit losgeworden sind. Irrtum. Im Gegenteil. Sie ahnen es noch nicht: Sie haben sie mir nähergebracht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Wie sie da beim Abendessen zusammensitzen, in ihrer heilen Welt – ein Triumph der Medizin. Für mich fühlt es sich an wie die Vorfreude vor einem Festessen. Der Tisch wird gedeckt mit all den Leckereien. Der Appetit regt sich und man möchte eintauchen in die Befriedigung seiner Geschmacksnerven und der Völlerei.
Drei Tage später ist der kleine rote Punkt wieder da. Fünf Tage später die anderen. Es hat nur eine einzige Woche gedauert. Und Emma kratzt sich wieder.
Nach längerem Beratschlagen entscheiden Emmas Eltern, die Prozedur mit dem Kortison zu wiederholen. Diesmal wollen sie es etwas länger anwenden. Bestimmt haben sie es zu früh abgesetzt – das glauben sie jedenfalls. Oder besser: hoffen es.
Ich weiß es besser. Je länger und je häufiger das Kortison angewendet wird, umso geringer ist die Chance einer Heilung. Kortison ist mein Beschleuniger.
Die nächsten Wochen ist es wie einen Sack Flöhe zu hüten. Die Stellen auf Emmas Kopf verbreiten sich zunehmend. Nur jeweils genau dort, wo das Kortison aufgetragen wird, da geht es auch wieder zurück. Dafür blühen andere Stellen regelrecht auf, sobald sie nicht mehr mit der Tinktur behandelt werden. Emmas Mutter tupft schließlich die anderen Stellen auch mit ab. Sie mag den Anblick einfach nicht mehr – diese schuppige Kruste, die beim Kratzen blutig wird. Sie selber hatte früher Schuppen. Und sie fand es unhygienisch, hat sich als junge Frau dafür geschämt. Niemals trug sie Schwarz, immer nur Weiß – damit es nicht so auffiel. Und nun ist ihr eigenes Kind betroffen. Und noch viel schlimmer: Die Stellen bilden manchmal Schorf und Emma kratzt sich diesen wieder runter, bis es blutet. Es ist Emmas Mutter dann peinlich und sie möchte sie weghaben. Manchmal steigert sie sich regelrecht in einen Wahn, wenn sie Emmas Kopfhaut mit der Lotion behandelt.
Nach weiteren zwei Wochen sowie etlichen Höhen und Tiefen suchen sie den Arzt erneut auf. Dieser begutachtet Emma, korrigiert seine erste Meinung und schlussfolgert auf eine Allergie. Sonst würde es nicht immer wiederkommen. Doch wogegen genau Emma allergisch ist, kann man nicht sagen. Das gilt es herauszufinden. Und so überweist er sie zur Uniklinik, um diverse Allergietests durchzuführen.
Der nächstmögliche Termin ist in einer Woche. Ich sitze im Wohnzimmer und höre Emmas Eltern zu, die versuchen, ihr kleines Mädchen darauf vorzubereiten:
»Es wird nicht wehtun und ist auch gar nicht schlimm. Eine sehr nette Ärztin wird dir verschiedene Cremes auf die Haut auftragen und das lassen wir einfach ein paar Tage einziehen. Wir dürfen dich dann nicht waschen, bis die Pflaster wieder runterkommen. Dann nehmen wir die Pflaster weg und vielleicht hast du an der einen oder anderen Stelle eine kleine Pustel«, erläutert Emmas Mutter.
Das klingt ziemlich harmlos. Ob es Emma auch so sehen wird?
Ich will mir das nicht entgehen lassen und bleibe in Gedanken bei Emma. So sehe ich, wie sie eine Woche später mit ihrer Mutter zusammen die große Treppe in die Dermatologie-Abteilung der Uniklinik hochsteigt, die langen Linoleumflure entlangläuft, begleitet von dem Klack-Klack der hohen Absätze ihrer Mutter. Der lange glänzende Gang ist wie ein offener Mund, in den Emma reinläuft. Die schwarzen Plastikbänke und Stühle an den Seiten des Flures erinnern an verfaulte Zähne in einem stinkenden Schlund. Emmas kleine Hand verschwindet in der ihrer Mutter. Überhaupt scheint sie mit jedem Schritt winziger zu werden und der Gang überdimensional groß. Sie würde am liebsten umkehren.
Sie melden sich an und sollen auf den verfaulten Zähnen Platz nehmen. Der Stuhl ist zu hoch. Emmas Beine pendeln hin und her auf der Suche nach Halt. Visá-vis sitzt ein kleines Mädchen. Die Arme sind nackt. Auf der Innenseite der Arme sind mit blauer Schrift kleine Quadrate aufgemalt. Unendlich viele Quadrate. In jedem Quadrat ist ein roter Strich, als hätte sie sich geschnitten. Auf dem Strich glänzt Flüssigkeit; manchmal ölig, manchmal cremig. Das Mädchen weint. Sie wirkt sehr dünn und zerbrechlich mit ihren schmalen Armen und den Quadraten. Emma hört, wie deren Mutter sie versucht zu trösten: »Schau, jetzt hast du ja schon die Hälfte hinter dir. Gleich müssen wir nur noch den Rücken machen und dann bist du für heute fertig. Das geht doch ganz schnell. Und danach wissen wir bestimmt, was nicht gut für dich ist.«
Ich kann die Angst in Emmas Augen sehen. Und ich kann sie riechen. Ihr Herz überschlägt sich. Sie steht kurz davor, sich in die Hose zu machen. Fast habe ich Mitleid – aber nur fast.
Sie werden aufgerufen. Im Behandlungszimmer ist eine freundliche Ärztin. Sie versucht zu erklären, was gleich auf Emma zukommen wird. Und es ist klar: das gleiche Schicksal wie das des Mädchens vom Flur ist auch für sie bestimmt. Sie beginnt zu weinen. Zu flehen. Doch ihre Mutter zieht ihr den Pulli aus und sie sitzt im Hemdchen vor der Ärztin. Beide zittern. Emma vor Anspannung und Angst, und ihre Mutter, die am liebsten ihre eigenen Arme hinstrecken möchte, aus Sorge und Mitleid. Ihre Seele brennt.
Die Ärztin malt die Quadrate auf und beschriftet sie: A1, A2, A3 … Emmas Tränen tropfen auf die Arme. »Wir müssen die Haut leicht anritzen, damit die Flüssigkeit unter die Haut geht«, erklärt die Ärztin.
Emmas Mutter holt den Tiger aus der Handtasche. »Schau mich mal an Emma. Ich habe deinen Tiger mitgebracht.«
In dem Moment, in dem Emma den Kopf dreht, ritzt die Ärztin im ersten Quadrat die Haut auf. Emma zuckt zusammen und blickt zurück. Der Trick war gut. – Für ein Quadrat. Es sind aber vierzig Quadrate.
Jetzt begreift Emma – und es ist komplett aus mit ihrer Kooperation. Ihre Mutter muss sie festhalten, damit die Ärztin fortfahren kann. Und die Mutter fühlt sich schlecht dabei, als würde sie selber ihrem Kind tiefe Schnitte ins Fleisch schneiden. »Ich will nach Hause.« Emma weint jetzt ununterbrochen. Das Mutter-Herz wird schwerer und schwerer. Die eigene Skepsis, das Richtige zu tun, nimmt zu; die Schuldgefühle, Emma hergeschleppt zu haben, dünsten aus ihr heraus und bleiben an der Wand kleben, komplettieren das Puzzle, das vor ihr bereits andere begonnen haben.
Die Ärztin ritzt seelenruhig weiter auf, tropft Flüssigkeit auf die Haut und klebt kleine Pflaster fest. Sie kennt diese Szenen und ist mittlerweile abgestumpft. Es scheint endlos, bis die beiden Arme voll bepflastert sind.
Dann schieben sie das Hemdchen hoch und Emma muss sich leicht nach vorne beugen. Die Haut spannt. Ich kann die Rückenwirbel zählen. Die kleinen Mini-Höcker zeichnen sich deutlich von der Haut ab. Es ist ein eindrucksvoller Anblick, dieses hilflose Geschöpf, das in Tränen aufgelöst ist, mit den unzähligen Quadraten.
Ich habe mich für heute sattgesehen. Du wirst noch viel weinen, liebe Emma. Das ist erst der Anfang.
Nachdem der Rücken auch fertig bearbeitet wurde, darf sie nach Hause. Zur Belohnung gibt es auf dem Nachhauseweg ein Eis. Weil sie so tapfer war. In dem Moment, in dem sie das blaue Schlumpf-Eis schleckt, ist die Tortur bereits vergessen. Es gibt keine Schmerzen mehr, nur die Pflaster sehen noch skurril aus. Sie wird sie in den nächsten Tagen stolz ihren Freundinnen präsentieren.
Das wird aber auch der einzige Gewinn sein. Der Arzt wird keine wesentliche Allergie feststellen können: Mögliche mutmaßliche Kreuzallergien, bei geringer prozentualer Wahrscheinlichkeit wird die Diagnose sein.
Die Eltern streiten sich diesbezüglich das erste Mal. Sie machen sich Vorwürfe. Plötzlich hat keiner der beiden die Idee mit den Tests jemals gut gefunden. Sie sind verärgert und enttäuscht über das Ergebnis, gleichzeitig fühlen sich schuldig und hilflos. Hätte man doch Medizin studiert, dann wüsste man es jetzt besser.
Nach erschöpften Diskussionen einigen sie sich. Es wird keine weiteren Experimente mehr geben. Das Kortison ist doch gar nicht so schlimm, wenn man es jeweils einsetzt und dann wieder kurz absetzt. Es ist ja nur die Kopfhaut und wird nicht großflächig genutzt. Und weil sie Emma noch mehr Leid ersparen wollen, benutzen sie die nächsten Jahre die Kortisonlotion einfach munter weiter. So pendelt sich ein regelmäßiger Rhythmus ein. Die cremereichen und die cremearmen Tage. – Die Schuppen kommen, die Schuppen gehen. Genauso wie ich es haben wollte.
Das Kortison hält meine Wirkung zwar im Zaum, doch es schlummert weiter in ihr, bricht aus und wird wieder eingegrenzt. Dabei wird es intensiver und intensiver. Es breitet sich im Körper aus, dringt von der Kopfhaut abwärts den Hals entlang über den Rücken und den Brustbereich bis in die Finger- und Zehenspitzen. Es wird die nächsten Jahre brauchen, um auch die letzten Bereiche des Körpers zu durchdringen. Und sie werden es nicht einmal merken, weil es unter der Haut liegt. Noch bekämpfen sie die Kopfhaut und wissen gar nicht, dass sich Emma jeden Tag ein Stück mehr verwandelt, sich ein Stückchen mehr mir angleicht.
Ich habe Geduld und kann warten. Im Augenblick werde ich hier nicht mehr gebraucht. Emma wird mir in den nächsten Jahren quasi auf dem Silbertablett serviert. Was sind schon Jahre für mich? Ich werde mich in der Zwischenzeit um die anderen kümmern. Nicht alle sind so stark wie Emma. Einige brechen ein und wollen nicht mehr weiterleben mit meinen Zeichnungen. Und wenn ich nicht aufpasse, dann verliere ich sie und all die Mühe war umsonst.
Drei Jahre sind vergangen. Ich werde durch einen hitzigen Streit von Emmas Eltern geweckt. Neugierig höre ich Ihnen zu. Sie sind sich offensichtlich nicht einig und diskutieren heftig miteinander. Worum es geht? Natürlich um Emma. Ihre Stellen auf dem Kopf haben wieder zugenommen und ihre Mutter möchte Emma erneut mit Kortison behandeln. Emmas Vater ist jedoch dagegen. Er möchte noch warten und hält es nicht für notwendig, immer gleich beim ersten kleinen Fleck zu reagieren.
Dieses Auf und Ab der Krankheit geht ihm langsam auf die Nerven. Stets dreht sich alles nur um Emmas Kopf. Wie eine kleine Affenmama prüft ihre Mutter täglich Emmas Kopfhaut auf Stellen, als wären es Läuse, die man ausfindig machen muss. Ausfindig machen und zerstören.
Ihre laute Diskussion dauert eine ganze Weile an. Doch in dem ganzen Hin und Her setzt er sich schlussendlich durch und ringt ihr das Versprechen ab, die nächsten Tage noch nichts zu machen. Es war ein harter Kampf. Sie hat sich gewehrt wie ein wildes Tier. Und er konnte es überhaupt nicht verstehen, weshalb sie ihm anfangs nicht entgegenkommen konnte. Er kennt seine Frau sonst als sehr sachlich und nicht so emotional, sie argumentiert sonst stets mit klaren Fakten. Doch diesmal war sie anders, reduzierte ihre Antworten auf pauschale Sprüche wie »Weil es gut ist für Emma!« oder »Weil sie es braucht!« und »Warum sollten wir etwas ändern?« Selten hat er sie so erlebt, so unnahbar in ihren Erklärungen und so wenig offen. Als gäbe es etwas, worüber sie nicht sprechen wollte.
Wie recht er hat. Die Gründe dafür liegen jedoch tief im Nebel verborgen. Sogar für mich. Ich nehme nur das Ausdünsten ihrer Sorgen und Ängsten war, die im direkten Kontext zu ihrem Eingeständnis stehen. Ich schnuppere diesen süßen Duft und ziehe mir die Luftpartikel durch die Nase bis in die Lunge. Wie ein Wolkenhang bleibt diese Ausdünstung die nächsten Tage an ihr hängen, vermehrt sich und begleitet sie. Ab und an tauche ich meine Nase in diese Masse ein, inhaliere den Duft und versuche herauszufinden, was hinter diesem Nebelschleier liegt.
Während dieser Tage betrachtet Emmas Mutter besorgt die roten Stellen. Beobachtet sie, wie sie sich sukzessive vergrößern. Es zehrt an ihr, so untätig zuzuschauen, wie sich Emmas Zustand verschlechtert. In ihrem Kopf sieht sie die roten Flecken wie eine Bakterienkultur, die unter optimalen Bedingungen exponentiell wächst und innerhalb von Stunden das Objekt zerstören wird. Ihr Objekt. Ihre Emma. Es sind nur Horrorvisionen, projiziert aus ihren eigenen Sorgen und Ängsten. Das weiß sie selber und kämpft doch so schwer dagegen an.
Jeden Tag wachsen ihre Sorgen mehr. Jeden Tag hat sie mehr Angst, dass sich der Zustand nicht mehr rückgängig machen lässt.
Nach einer Woche dehnt es sich sogar auch auf das Gesicht aus. Auf den Augenbrauen und am Haaransatz wird die Haut sehr trocken, rötet sich und beginnt leicht zu schuppen. Emma geht weiter zur Schule. Es juckt eigentlich nicht. Noch nicht.
In der Schule ist es wie an allen anderen Tagen. Emma selber stört sich gar nicht daran. Würde sie nicht täglich von ihrer Mutter daran erinnert, dass etwas mit ihr nicht stimmt, würde sie dieser Veränderung keine Aufmerksamkeit schenken.
Ihre Freundinnen haben sie kurz gefragt, ob sie sich gekratzt hat, weil sie so rot ist.
»Nö, ich habe da einen Ausschlag.«
»Juckt es?«
»Nein.«
Mehr Interesse hat es nicht auf sich gezogen. Viel interessanter ist das Tagebuch, das Kathi – Emmas Freundin – von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Es ist rosarot und hat ein Schloss mit einem kleinen Schlüssel. Damit kann man das Tagebuch sichern und die Eltern können nicht darin lesen. Sie sitzen beide über dem Tagebuch, überlegen, was man da reinschreiben soll und ob sie es täglich nutzen wollen. Ob man es trotzdem verstecken soll oder aufgrund des Schlosses offen liegenlassen kann. Es gibt viel wichtigere Dinge, als Krankheitsgeschichten. – Zumindest für Emma und ihre Freundinnen.
Am Samstagnachmittag sehe ich, wie Emma gemeinsam mit ihrer Mutter ins Einkaufszentrum fährt. Das hat Tradition. Emma freut sich. Sie mag diese Stunden der Gemeinsamkeit. Gemütlich gehen sie über den großen Parkplatz bis zu dem Abstellplatz der Einkaufswagen. Emmas Mutter reicht ihr den Chip für den Wagen und sie löst den nächsten aus der Reihe. Fröhlich schiebt sie den Einkaufwagen neben ihrer Mutter her durch die Schiebetüre des Centers. Die langen blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden, er wippt bei ihren Schritten hin und her.
Das Einkaufszentrum ist überfüllt mit Menschen, die offensichtlich denken, dass sich nach dem Samstag nie wieder Einkaufsmöglichkeiten ergeben, dass es keinen Montag mehr geben wird oder dass am Sonntag der Super-GAU geschieht und auf einen Schlag alle Nahrungsmittelhersteller mitsamt ihren Lagern und Zwischenlagern vom Erdboden verschwunden sind. Mit diesem Gefühl der Panik suchen Menschenketten mit Einkaufwagen nach Möglichkeiten, sich an anderen Menschenketten vorbeizuzwängen. Viele sind genervt und gereizt. Andere versperren mit den Wagen den Zugang zur Beute, werden dann harsch von den Jägern angesprochen. Selten hört man ein Lachen. Eher dringen laute Stimmen genervter Frauen in den Vordergrund, die ihre Kinder zur Raison bringen wollen oder kleine Familienstreitereien zum Besten geben.
Es ist kein entspannter Sonntagsspaziergang, für Erwachsene zumindest nicht. Dennoch ist Emma gerne hier. Es scheint, als würden das Gewühle, die stimulierende Hintergrundmusik und die Gereiztheit an ihr abprallen und sie zusammen mit ihrer Mutter in einem Kokon der Leichtigkeit durch das Center schweben lassen. So war es jedenfalls immer. Heute jedoch bemerkt Emma eine Veränderung: Die Leichtigkeit ist aus dem Tritt geraten. Nur leicht, aber spürbar. Nicht beschreibbar. Etwas ist anders mit ihrer Mutter. Die Muskeln sind angespannter, die Mundwinkel verspannter. Es ist nicht viel. Die meisten würden es übersehen. Die meisten. Emma nicht.
Ihre Mutter geht die Gänge entlang und inspiziert die Regale. Sie hat die Einkaufsliste in der Hand. Links in der Armbeuge hängt ihre Designer-Handtasche. Sie findet die Spaghetti, die sie immer kaufen, und legt sie in den Wagen. Dann geht sie weiter. Sie kauft nie mehr, als auf der Liste steht, lässt sich weder von Angeboten ablenken noch von bunten Verpackungen, die mit schriller Werbung auf sich aufmerksam machen wollen. Sie ist sehr diszipliniert. Es ist eine Fähigkeit, die ihr in all den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen ist. Es ist ihr Erfolgsgeheimnis und die Versicherung für die unendliche Gültigkeitsdauer ihres Systems, der Garant zu ihrem persönlichen Glück. Niemals lässt sie sich gehen. Niemals weicht sie ab von Plänen, Zielvorgaben und Ritualen.
Früher war das anders – und das Früher steckt tief in ihr drin, überwacht ihre potenzielle Nachlässigkeit. Es begann bereits als Kind, mit dem gesamten Familienchaos ihrer Eltern: die Streitereien, die Tränen, die fehlende Harmonie, die sie schlussendlich mit Süßigkeiten kompensierte. Sie wurde moppelig. Von ihren Schulkameraden gehänselt, verstärkte sich der Frust und die Spirale ging nur noch abwärts. Niemand hatte sich für ihr Seelenleben interessiert. Ihre Eltern waren zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Während der Teenagerjahre sammelte sie Kilos wie andere Briefmarken. Sie erfuhr Ablehnung und Ignoranz, wurde ausgeschlossen von der Gruppe, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Erst als sich ihre Mutter, Emmas Großmutter mütterlicherseits, scheiden ließ und das reduzierte Familienleben mehr Ruhe mit sich brachte, war auch der persönliche Tiefpunkt von Emmas Mutter erreicht. Sie ganz alleine kämpfte sich durch ein Abnehmprogramm und verschenkte dabei Monat für Monat ihre Briefmarken, bis keine mehr übrig blieb. Nie gönnte sie sich ein Stückchen Schokolade. Stets verzichtete sie auf alles, das zu viel Fett oder Zucker beinhaltete, überzog niemals das vorgegebene Limit an Nährwerten pro Tag, erkämpfte sich ihren Körper zurück, bis die Anerkennung kam. Schlank, attraktiv und feminin angezogen zieht sie seitdem genug Blicke auf sich, die sie wie warme Sonnenstrahlen durchfluten.
Disziplin ist der Zauberstab. Der Zauberstab zum Glück.
Gerade bückt sie sich und greift mit den manikürten Fingern ins unterste Regal, als ihre Nachbarin um die Ecke biegt und ihr gegenübersteht. Die beiden Frauen begrüßen sich herzlich und tauschen ihre Neuigkeiten aus. Emma wartet beim Wagen. Eher gelangweilt betrachtet sie die Varianten der Teigwaren in ihrer Vielfalt: Penne, Farfalle, Rigatoni … Was es nicht alles gibt. Und das alles auch noch von verschiedenen Anbietern.
Derweil blickt die Nachbarin zu Emma, kräuselt leicht die Nase und schaut die Mutter an. »Was hat Emma denn da für komische Flecken auf der Stirn?.«
Die Mutter fühlt sich unwohl. Es ist genau die Szene, vor der sie Angst hatte. Ich rieche wieder diesen süßlichen Duft, der über dem Nebel liegt, und warte gespannt.
Es rumort in ihr. Die Schreckgespenster kommen zurück. Wie oft hat sie so dagestanden und andere Mütter haben auf sie gezeigt, mit diesem Blick des Abscheus. Sie hat die Worte gehört, die an ihre eigene Mutter gerichtet waren: Warum unternehmen sie denn nichts? Wie ein Echo klingt es noch heute nach. Was soll sie bloß sagen? Die Angst vor der Ablehnung kommt zurück und greift sie an ihrer schwächsten Stelle an: Emma. Ihr Liebstes. Ihr Kind darf und soll nicht das Gleiche mitmachen, wie sie selber. Sie will nicht die gleichen Fehler machen, die ihre Mutter gemacht hat: sich nicht zu kümmern, Emma mit den Problemen alleine zu lassen. Nein, sie will ihr Kind beschützen und für Emma da sein. Aber was wird, wenn die Nachbarin das nicht richtig versteht? Wenn sie glauben wird, dass es nicht weggeht oder vielmehr … wenn sie denkt, es wäre ansteckend? Im Nu würde das ganze Viertel Bescheid wissen.
Es gäbe keine Kindergeburtstagspartys mehr. Emma würde ihre Freundinnen verlieren und ein einsames Leben führen. Sie würde von der Gesellschaft ausgeschlossen werden.
Genau wie früher.
Genau wie bei ihr.
Und sie als Mutter müsste dann mit ansehen, wie Emma darunter leiden würde. Und sie hätte Schuld daran.
Sie wählt den Weg der Verbündeten. Niemals würde sie über ihre Vergangenheit sprechen, über ihre Ängste und über ihre Erfahrungen. In diesem überfüllten Supermarkt, zwischen Tagliatelle und Gnocchi, wird Emmas Krankheit zu einer kurzfristigen schrecklichen Allergie, die sie derzeit beim Hautarzt behandeln. Sie erzählt ihrer Nachbarin nichts von den letzten drei Jahren. Als hätte es diese nicht gegeben. Vielmehr stellt sie es so dar, als wenn sich diese Hautprobleme erst seit ein paar Tagen entwickelt hätten. Und sie sind ja schon in Behandlung. Da hat sie als Mutter sofort reagiert.
Die Nachbarin hört mit Entsetzen zu. Was für schreckliche Dinge es doch gibt. Gut, dass ihre eigene Tochter so was noch nicht hatte. Sie nähert sich Emma voller Neugierde und gleichzeitigem Ekel. »Das arme Kind. Ich meine, Schuppen hat man doch maximal auf der Kopfhaut. Aber so im Gesicht? Da ist sie ja wirklich gestraft. Das sieht doch jeder sofort. Mit dem Pony, da kann sie es doch wenigstens noch verstecken. Aber stell dir vor, wenn das noch schlimmer wird, dann ist sie völlig entstellt. Geht das wieder komplett weg? Warst du beim Arzt mit ihr? Weiß er, woher es kommt?«
Rechtfertigend versucht ihre Mutter zu beschwichtigen: »Sie ist bereits auf dem Weg der Besserung. Vor ein paar Tagen war es schlimmer.« Das stimmt nicht. »Aber jetzt ist es schon viel besser. Der Arzt meint, dass es in ein paar Tagen vorbei ist und dann sieht man auch gar nichts mehr. Es ist auch überhaupt nicht ansteckend, sonst hätten wir sie ja so nicht zur Schule geschickt.«
Sie reden weiter, als ob Emma nicht da wäre. Sprechen davon, wie wichtig das Aussehen heute grundsätzlich ist. Solidarisch erzählt die Nachbarin von ihrer Tochter, die mal Pickel hatte und wie schlimm das damals ausgesehen hat. Berichtet haarklein von den Erfahrungen. Und auch von der Erleichterung, als das Problem gelöst und diese Phase vorbei war. Sie vertiefen sich mehr und mehr in ihr Gespräch und bemerken nicht, dass Emma aufmerksam zuhört. Sie versteht nicht so ganz, was die Erwachsenen da im Detail sagen. Hingegen bemerkt sie die emotionale Stimmung ihrer Mutter, die sich sichtlich unwohl fühlt. Hört genau, dass die beiden Erwachsenen – und eine davon ihre wichtigste Bezugsperson – rote Flecken, Pickel und Schuppen nicht gut finden und kann die Abneigung fühlen, die die beiden dabei ausstrahlen.
Ich freue mich über diese Entwicklung der Verleugnung und des Perfektionismus. Und ich freue mich über das Fundament, das Emmas Mutter gelegt hat. Emma hat heute eine wahrhaftig wichtige Lektion gelernt. Bis jetzt hat sie ihre Krankheit nicht ernst genommen. Es war völlig belanglos, ob sie Schrammen oder Flecken am Körper hatte. Ihr Äußeres war ihr völlig egal mit ihren neun Jahren. Welch jugendliche Sorglosigkeit.
Das heutige Ereignis führt zu einer Kehrtwende in ihrer Sorglosigkeit. Sie hat verstanden, dass ihre Mutter es nicht gut findet, wenn sie mit diesen roten Flecken herumläuft. Sie hat die Mimik gesehen und die Worte gehört, die sie gesprochen hat. Und sie hat gefühlt, wie unwohl ihr war. Schlimmer noch: Sie war nicht glücklich in diesem Augenblick. Und ausschlaggebend waren die roten Flecken, über die sie mit der Nachbarin gesprochen hat. Emmas Flecken. Emma liebt ihre Mutter abgöttisch. Und sie möchte unbedingt, dass sie glücklich ist. Dabei stören diese roten Flecken nur. Und damit sind sie zu etwas Schlechtem geworden.
Süffisant denke ich mir, wie manipulierbar die Menschenkinder doch sind. Immerzu geht es nur um Anerkennung und Geliebtsein. Und wie schnell die Kleine doch gelernt hat: Sie kann die roten Flecken nun nicht mehr akzeptieren, weil sie ihre Mutter nicht unglücklich machen will. Und die Mutter ist so sehr gefangen in ihrer eigenen Vergangenheit, dass sie Emma nicht zutraut, stark genug zu sein, um in der Gesellschaft mit dem Anderssein zu bestehen.
Wäre das Aussehen für ihre Mutter selbst nicht so wichtig gewesen, dann, vielleicht, hätte sie sich anders verhalten. Und dann, vielleicht, wäre es Emma auch weiterhin nicht wichtig gewesen, wie sie aussieht. Aber das sind zu viele Konjunktive. Ich freue mich einfach, dass die Menschen ihren Kindern frühzeitig die Leichtigkeit nehmen und ihre eigenen Probleme in ihre Nachkommen suggerieren. Es wäre schrecklich für meine Spezies, wenn eine sorgenfreie neue Generation nachfolgen würde.
Das Ereignis im Einkaufscenter wird abends im Gespräch mit dem Vater nochmals aufgewärmt. Die Szene wird mit übersteuerten Emotionen geschildert, sodass sogar der Vater zu dem Schluss kommt, dass Emma so nicht herumlaufen kann und darf. Noch am selben Abend holt Emmas Mutter die Kortisontinktur wieder hervor und tupft die Stellen akribisch ab. Stelle für Stelle. Damit sie ja nichts übersieht.
Für mich war die ganze Aufregung also umsonst. Emmas Weg ist vorgezeichnet und nichts steht dem entgegen. Zeit zu gehen und sich um die anderen zu kümmern.
Weitere drei Jahre sind vergangen. Es ist Frühling. – Einer dieser Frühlinge, die sich unwahrscheinlich lange hinziehen, bis die Sonne die Temperatur endlich ansteigen lässt und den Regen verdrängt.
Ich habe zugenommen. Das letzte halbe Jahr gab es eine Festtafel nach der anderen. Im Sommer wird es bestimmt wieder mehr zu hungern geben, aber jetzt, da der Frühling auf sich warten lässt, schlendere ich von Haus zu Haus und ergötze mich an all den Sorgen und negativen Gedanken, trinke ihre Tränen wie Rotwein und serviere mir ihre Selbstzweifel als Nachspeise. Wir werden nie aussterben. Die Menschenkinder neigen dazu, negativ zu denken, alles infrage zu stellen und sich die Schuld zu geben. Der Nährboden unserer Existenz. Hinzu kommen meist lange Winter und wenig Sonnenstrahlen, die der tristen Landschaft einen etwas fröhlicheren Anstrich geben könnten. Sobald es nass und kalt wird, verkriechen sie sich in ihren Häusern und warten darauf, dass die andere Hälfte des Jahres vorüber geht. Sie haben nicht gelernt, die Winterzeit zu schätzen. Das Absterben der Blätter in den Bäumen macht ihnen Angst, als wenn sie selber sterben müssten. Die frühen Abende und die Schwärze der Nacht wecken Gespenster. Die Stille der kalten Erde macht sie unruhig und nervös. Sie haben den Rhythmus der Zeit verloren, haben der Winterzeit einen negativen Stempel verpasst. Sind so vernarrt in die hellen, warmen Tage, dass sie sich nicht mehr auf die Veränderung im Herbst einlassen wollen. Sie glauben nicht mehr daran, dass die kalte Zeit schön sein könnte. Sie blenden es völlig aus und versuchen, die Zeit mit künstlichem Licht zu verdrängen, statt sie zu begrüßen. Sie vergessen, dass der Baum nur neue Blätter austreibt, wenn die alten abgestoßen sind. Sie sind vernarrt in ihre sommerliche Glückseligkeit und ihr Unvermögen daran zu glauben, dass eine gute Situation noch besser werden könnte. Sie sind überhaupt nicht veränderungsfähig, die Menschenkinder. Gott sei Dank.
Ich liege auf der Couch, blättere in der neusten Vogue und erfreue mich der Tatsache, dass perfektes Aussehen weiterhin intensiv proklamiert wird. Das ist hervorragend, erhöht es doch den Druck der Gesellschaft, perfekt zu sein oder der Norm zu entsprechen. Ist dem dann nicht so, werden Schuldige gesucht. Und meistens beginnen sie ja bei sich selbst.
Es wird Zeit, bei Emma vorbeizuschauen. So langsam müsste das Kortison nicht mehr so gut wirken und bestimmt stehen bald Alternativen an. Das will ich nicht verpassen.
Und in der Tat treffe ich die Familie beim Arzt. Dieser ist nicht mehr bereit, die Behandlung mit Kortison fortzuführen. Die Dosis wurde in den letzten Jahren erhöht, doch die Wirkung verliert zunehmend an Schlagkraft. Eine andere Methode muss her. Längst ist bekannt, dass Emma an einer Schuppenkrankheit leidet.
Der Arzt schlägt zwei Varianten vor: Entweder Emma erhält eine Therapie mit UV-Strahlung oder sie wird medikamentös behandelt. Die Eltern hören sich die Vorund Nachteile an. Beides ist nicht optimal. Eine Behandlung mit Medikamenten schadet Emmas Leber und hat hohe Nebenwirkungen. Die UV-Bestrahlung macht ebenso Angst, wird doch in den Medien vor Sonnenstrahlen gewarnt. Sie sehen Emma schon mit Hautkrebs vor sich. Und wer trägt dann die Schuld? Was ist der richtige Weg? Welches die richtige Entscheidung? So hundertprozentig vertrauen sie dem Arzt ohnehin nicht mehr. Er war ja auch nicht in der Lage, Emma zu heilen. Vielleicht ist er ja gar nicht so kompetent, wie sie bis dahin angenommen haben. Vielleicht liegt es ja am Arzt, dass es sich bis jetzt nicht positiver entwickelt hat? Und je länger sie so beim Arzt sitzen, der keine Verantwortung übernehmen möchte, sondern nur Möglichkeiten aufzeigt, verstärkt sich die innere Gewissheit, dass es Zeit wird, einen neuen Arzt aufzusuchen. Man verabschiedet sich mit den Worten, sich mit beiden Behandlungsmethoden auseinanderzusetzen und wieder auf ihn zuzukommen.
Das werden sie nicht. Und er ahnt es auch. Er versucht sie nicht zu überzeugen. Im Gegenteil, er ist beinahe froh, dass sie sich von ihm abwenden. Soll sich doch jemand anderes darum kümmern. Schuppenkrankheit ist nicht heilbar. Langfristig würden sie ihn dafür verantwortlich machen, dass er keine Heilung anbieten kann. Sie würden ihm die Schuld für die Nebenwirkungen geben. Und er müsste sich wieder mit seinem inneren Ich beschäftigen. Mit der Frage seiner Fähigkeiten und seinem Wissen. Seine Selbstzweifel würden wieder hochkommen, die er mühsam die letzten Jahre therapeutisch im Zaum gehalten hat. Er kann nur verlieren – und lässt sie ziehen.
Zu Hause angekommen stürzt Emmas Vater ins Arbeitszimmer. Ich beobachte ihn. Er will im Internet mehr über die Krankheit und ihre Behandlungen erfahren. Sein Zimmer ist direkt unter dem Dach. Der Schreibtisch steht vor der Dachgaube. So kann er beim Arbeiten in den Garten schauen oder in den Himmel – je nach Belieben. Das ganze Zimmer ist recht steril in Schwarz und hellem Holz gehalten. Die Accessoires glänzen in Edelstahl. Es ist ein männliches Zimmer; schmucklos, nüchtern, sachlich. Alles steht perfekt an seinem Platz.
Ich schaue ihm zu, wie er so vor dem Computer sitzt, seine Lesebrille auf der Nase, die ihm einen leicht intellektuellen Anstrich verleiht. Mit der Schlagwortsuche Schuppenflechte erfolgreich behandeln bekommt er rund28.000 Einträge angezeigt. Irgendwie scheint jeder damit konfrontiert zu sein und alle haben etwas zu sagen, angefangen bei Ernährungsumstellungen über Interferenzstrombehandlungen, UV-Bestrahlungen, Kangaltherapie, Laser- und Musiktherapie, Klimatherapie, Eigenbluttherapie und medikamentöse Therapie bis hin zur Homöopathie. Er quält sich von Artikel zu Artikel. Menschen berichten über wundersame Heilungen, wenn man sieben Tage lang nur Zitronensaft trinkt. Andere schwören auf vegane Ernährung. Wieder andere halten Omega 3 für das Zaubermittel schlechthin und manche sehen die Ursache in einem psychischen Problem.
